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Konzert Fürstenfeld: Jütz
Jützhin & über
JazzFirst

Isa Kurz / Stimme, Geige, Akkordeon, Hackbrett
Daniel Woodtli / Trompete, Flügelhorn, Stimme, Hackbrett
Philipp Moll / Kontrabass, Stimme

Ausgehend von alpinen Tänzen und Weisen, über tonale Ab- und Umwege, stellt JÜTZ die gesamtalpine Folklore kopfüber in den Rahmen einer ungenierten, alle Sinne beanspruchenden Klangkonferenz. Es wird gejodelt, gezupft, gestrichen, kaschiert und verfärbt. Das zur Hälfte aus der Schweiz und aus Tirol stammende Ensemble bewahrt respektvoll eine lange gepflegte Tradition alpiner Volksmusik und öffnet sie zugleich für zügellose Improvisationen. Die Songs thematisieren die Sehnsucht nach Natur und Heimat in einer zunehmend digitalisierten Welt. Dabei geben sie einen Einblick in verschiedenste Dialekte, Reiserouten und Ortschaften der Alpen. Die Grenzen zwischen traditionellen, klassischen und zeitgenössischen Elementen verlaufen in der unvergleichlichen Darbietung fließend und spiegeln so das Motto des Trios „das Wichtigste ist, niemals stehen zu bleiben“ wider.

Hier trifft eine „Emmentaler Gedichtrezitation zum Verlieben“ (Jazzthetik) auf „modern minimalistische Interaktionen.“ (Ludwigsburger Kreiszeitung).
Veranstaltungsforum Fürstenfeld
Fürstenfeld 12
82256 Fürstenfeldbruck
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Konzert Inning: The Red Hot Serenaders
The Red Hot Serenaders
Wie soll's denn schmecken? Sweet oder Hot? Keine Frage, die Red Hot Serenaders machen einfach beides: Rainer Wöffler und Tanja Wirz servieren hochprozentigen Blues, heissen Jazz, zartbittere Chansons, schmelzende Hawaiimusik und rattenscharfen Ragtime. Zubereitet werden diese hauptsächlich aus den 20er- und 30er-Jahren stammenden musikalischen Leckerbissen auf einer breite Palette von Instrumenten. Ob Gitarre, Ukulele, Mandoline, Slidegitarre, Waschbrett, Cajon oder Klarinette: Nichts ist vor den beiden begeisterten Musikanten sicher. Gespielt wird stilgerecht ohne Strom, dafür mit umso mehr Groove, zweistimmigem Gesang, einer Prise Schmalz, einem Augenzwinkern und einem Schuss Frim Fram Sauce. Guten Appetit!
Inning Spectacel
Schornstraße 3
82266 Inning
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Tipp Fürstenfeld: Jütz
Jützhin & über
JazzFirst

Isa Kurz / Stimme, Geige, Akkordeon, Hackbrett
Daniel Woodtli / Trompete, Flügelhorn, Stimme, Hackbrett
Philipp Moll / Kontrabass, Stimme

Ausgehend von alpinen Tänzen und Weisen, über tonale Ab- und Umwege, stellt JÜTZ die gesamtalpine Folklore kopfüber in den Rahmen einer ungenierten, alle Sinne beanspruchenden Klangkonferenz. Es wird gejodelt, gezupft, gestrichen, kaschiert und verfärbt. Das zur Hälfte aus der Schweiz und aus Tirol stammende Ensemble bewahrt respektvoll eine lange gepflegte Tradition alpiner Volksmusik und öffnet sie zugleich für zügellose Improvisationen. Die Songs thematisieren die Sehnsucht nach Natur und Heimat in einer zunehmend digitalisierten Welt. Dabei geben sie einen Einblick in verschiedenste Dialekte, Reiserouten und Ortschaften der Alpen. Die Grenzen zwischen traditionellen, klassischen und zeitgenössischen Elementen verlaufen in der unvergleichlichen Darbietung fließend und spiegeln so das Motto des Trios „das Wichtigste ist, niemals stehen zu bleiben“ wider.

Hier trifft eine „Emmentaler Gedichtrezitation zum Verlieben“ (Jazzthetik) auf „modern minimalistische Interaktionen.“ (Ludwigsburger Kreiszeitung).
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Zugabe Landsberg: DER AFFRONT
DER AFFRONT
Oscarnominiert und Publikumspreis auf dem FünfSeenFilmFestival 2018

Der libanesische Regisseur Ziad Doueiri bringt in seinem neuen Film das schwierige Erbe des Libanonkriegs in einem Gerichtsthriller auf den Punkt. „Scharon hätte euch alle auslöschen sollen!“ – Mit wutverzerrtem Gesicht brüllt der libanesische Automechaniker Toni diese sechs Worte, für die der palästinensische Vorarbeiter Yasser ihm mit einem heftigen Schlag zwei Rippen bricht. Es ist die zweite Eskalationsstufe eines Streits in der libanesischen Hauptstadt Beirut, bei dem aus jener sprichwörtlichen Mücke eine ganze Elefantenherde zu werden droht. Auslöser des Streits: Ein kaputtes Abflussrohr an Tonis Balkon, das Yasser eigenmächtig repariert, nachdem Schmutzwasser auf ihn herabgetropft ist. Der cholerische Wohnungsbesitzer schlägt die Konstruktion mit Inbrunst klein, worauf Yasser ihn als Scheißkerl beschimpft. “Was du gesagt hast, ist unakzeptabel. So fangen Kriege an“ bekommt Toni von seinem Vater zu hören. Und: „Das gesprochene Wort kann durch die richtige explosive Mischung die Durchschlagskraft einer Bombe entwickeln.“ Die Mischung in DER AFFRONT ist mehr als explosiv. Der Streit zwischen den beiden von vornherein ein Stellvertreterkonflikt: stellvertretend dafür, dass der libanesische Christ Toni aus ganz eigenen Gründen palästinensische Flüchtlinge wie Yasser hasst, stellvertretend auch für die möglichen Folgen einer nie aufgearbeiteten historischen Grausamkeit. Der Streit eskaliert und landet vor Gericht. Während die Anwälte streiten, während sich allmählich die Medien einmischen, während am Ende rechte Libanesen und palästinensische Flüchtlinge auf der Straße randalieren wird aus dem Film mehr als eine spannende Parabel über Ursache und Wirkung oder über die Auswüchse männlicher Egos – der Film zeigt die Traumata eines Landes und seiner Bewohner, die aus der Vergangenheit heraus bis in die Gegenwart wirken.
R+B: Ziad Doueiri – K: Tommaso Fiorilli – M: Éric Neveux - D: Adel Karam, Kamel El Basha, Rita Hayek, Camille Salameh, Diamand Abboud – Libanon/F/B 2017, L: 113 Min.

FILMFORUM im Stadttheater Landsberg
Schlossergasse 381
86899 Landsberg am Lech
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Museen München Haus der Kunst: Generations Part 2 - Künstlerinnen im Dialog
Generations Part 2Künstlerinnen im Dialog 

Die Werke von Frauen haben in der Sammlung Goetz seit Beginn einen besonderen Stellenwert. So wurden wichtige Einzelpositionen wie Yayoi Kusama, Rosemarie Trockel, Mona Hatoum oder Gruppierungen wie die Young British Artists schon früh aufgebaut und über die Jahre hinweg durch Neuerwerbungen erweitert. In ihrer Sammelleidenschaft ließ sich Ingvild Goetz von ihrem Interesse an gesellschaftspolitischen Themen, formal-ästhetischen Fragestellungen sowie künstlerischen Materialien leiten und blieb dabei stets für Neuentdeckungen offen. Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens präsentiert die Sammlung Goetz eine dreiteilige Ausstellung im eigenen Museum und im Haus der Kunst, die dem künstlerischen Schaffen von Frauen gewidmet ist und ihre Werke in einen generationsübergreifenden Dialog stellt.

Im zweiten Teil der Ausstellung im ehemaligen Luftschutzkeller des Haus der Kunst stehen die Erkundung des Körpers, das Ausloten seiner Grenzen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität, Geschlecht und Identität in bewegten Bildern im Zentrum. Denn Videotechnik wird bereits seit ihren Anfängen als künstlerisches Medium zur Selbstreflexion und Dokumentation von Performances eingesetzt. Gezeigt werden Fotografien, Filme und Installationen von Künstlerinnen aus den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. 

Der Experimentalfilm „Kusama‘s Self-Obliteration“ (1967) dokumentiert die Performances und Nackt-Happenings, die Yayoi Kusuma in den 1960er-Jahren in New York aufgeführt hat. Leitmotiv der japanischen Künstlerin sind die Polka Dots, mit denen sie Menschen, Tiere und ihre Umgebung bedeckt. Ähnlich den spirituellen Vorstellungen des Buddhismus sind sie eine Metapher für die persönliche Entgrenzung und der Idee, eins zu werden mit dem Universum. „Kusama‘s Self Obliteration“ spiegelt den Geist der Hippie-Generation, die sich von den Zwängen bürgerlicher Lebens-, Sexual- und Moralvorstellungen befreien wollte. Begleitet von einem esoterischen Sound, beschleunigt oder verlangsamt der Film einzelne Sequenzen, arbeitet mit Überblendungen und Zoom-Effekten, sodass sich die Bilder gleichsam aufzulösen scheinen.

Die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist erkundet auf eine spielerisch-sinnliche Art den menschlichen Körper und sein Lustempfinden. In ihrem Film „Pickelporno“ (1992) verfolgt sie das Liebesspiel zwischen einem Mann und einer Frau aus der Perspektive des Sexualpartners. Extreme Close-Ups von intimen Körperregionen wechseln sich ab mit Naturaufnahmen und psychedelischen Bildern. Durch die digitale Nachbearbeitung des Filmmaterials, ungewohnte Blickwinkel und eine intensive Farbigkeit versucht die Künstlerin, die körperliche Erregung sichtbar zu machen. Ein wesentliches Gestaltungselement ist die Filmmusik, die das Geschehen zu einem Höhepunkt treibt.

Den nackten Menschen in seiner Verletzlichkeit und Widersprüchlichkeit präsentiert die polnische Künstlerin Aneta Grzeszykowska. Ihr eigener Körper ist dabei nicht nur der Ausgangspunkt ihrer Arbeit, sondern dient ihr auch als künstlerisches Material für ihre Performances. Gleich zu Anfang des formal reduzierten Schwarzweißfilms „Headache“ (2008), sieht man die junge Frau, wie sie eine aus ihrem Mund heraushängende Lunte entzündet. In den folgenden Sequenzen erweckt sie dann den fragmentierten Körper mittels Trickfilmtechnik und Computeranimation in einem absurden Ballett zum Leben. Die einzelnen Körperteile finden dabei nicht zu einer Einheit, sondern werden zu widerstreitenden Elementen. 

Die rumänische Künstlerin Geta Brătescu arbeitete unter dem repressiven kommunistischen Regime lange Zeit im Verborgenen. Aufgrund der Einschränkungen durch die politische Situation konzentrierte sie sich auf den eigenen Körper als Gegenstand ihrer künstlerischen Praxis. In der Einsamkeit ihres Ateliers inszenierte sie Performances, die sie mit der Filmkamera oder fotografisch dokumentierte. Die Hände spielten dabei als künstlerisches Material und Medium eine besondere Rolle. So auch in dem Video „2 x 5“ (1993), in dem sie mit Neugierde die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer vom Alter gekennzeichneten Hände erkundet.

Um geschlechtliche Ambivalenz geht es in dem Video „Knackered“ (1996), der britischen Film-Regisseurin Sam Taylor-Johnson, das eine junge Frau nackt in schonungsloser Beleuchtung zeigt. Fast unbeweglich steht sie aufrecht mit herabhängenden Armen frontal zum Betrachter. Nur ihre Lippen bewegen sich wie zum Gesang. Doch nach wenigen Momenten wird deutlich, dass die Stimme, die zu hören ist, nicht von ihr stammen kann. Es handelt sich vielmehr um die Aufnahme eines gregorianischen Klageliedes, das der letzte bekannte Kastrat Alessandro Moreschi um die Jahrhundertwende im Vatikan gesungen hat. Durch die Verbindung eines androgynen Frauenkörpers mit der hellen Stimme eines Entmannten konstruiert Taylor-Johnson mit ihrem Video eine vieldeutige, irritierende Situation. 

Buchstäblich ins Innere des Körpers führt uns die Installation „Deep Throat“ (1996) der libanesischen Künstlerin Mona Hatoum. Sie projiziert auf den Teller eines gedeckten Tisches die endoskopischen Bilder einer Magenspiegelung. Der Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Pornofilmklassikers, in dem die Hauptdarstellerin ausschließlich beim Oralverkehr sexuelle Lust empfindet. Hatoum verbindet diese männliche Wunschvorstellung mit den Bildern einer medizinischen Kamera, die nicht sexuell stimulieren, sondern Ekel hervorrufen. 

Kuratiert von Cornelia Gockel und Susanne Touw 

Mit Werken von Geta Brătescu, Nathalie Djurberg, Tracey Emin, Aneta Grzeszykowska, Mona Hatoum, Sam Taylor-Johnson, Yayoi Kusama, Ulrike Ottinger, Pipilotti Rist und Rosemarie Trockel

HAUS DER KUNST
PRINZREGENTENSTRASSE 1
80538 MÜNCHEN


Abbildungen:
Sam Taylor-Johnson
Knackered (Filmstill), 1996
1-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton)
© (Sam Taylor-Johnson) VG BILD-KUNST Bonn, 2018
Courtesy Sammlung Goetz, München

Mona Hatoum
Deep Throat, 1996
1-Kanal-Multimedia-Videoinstallation (Farbe, ohne Ton), Tisch mit Monitor
© the artist
Courtesy Sammlung Goetz, München
Foto: © (Wilfried Petzi) VG BILD-KUNST Bonn, 2018
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Museen München Haus der Kunst: Jörg Immendorff - Für alle Lieben in der Welt
Jörg Immendorff: Für alle Lieben in der Welt
Haus der Kunst MünchenAusstellung vom 14. September 2018 bis 27. Januar 2019

Die Ausstellung schlägt den vollständigen Bogen von Immendorffs Anfängen an der Akademie über die gesellschaftspolitisch-agitatorische Werkphase der 1960er bis frühen 1980er-Jahre hin zu den allegorisch verschlüsselten Gemälden der letzten Schaffensperiode. Statt streng der Chronologie zu folgen, sind die nahezu 200 Werke und Skulpturen in dieser Retrospektive in Kapitel gegliedert und zeigen so die entscheidenden Schwerpunkte der Werkentwicklung.  Das Gemälde eines Babys mit roter Haut und Blumenstrauß aus dem Jahr 1966 gab der Ausstellung den Titel: „Für alle Lieben in der Welt“. Es ist Teil einer umfangreicheren Serie, die Babies unterschiedlicher Herkunft zeigt, pausbäckig und lachend, auf Einfachheit getrimmt „als Zeichen für Liebe und Frieden“ (Jörg Immendorff).

Mit seiner damaligen Lebensgefährtin Chris Reinecke verwirklichte Immendorff (1945-2007) von 1968 bis 1970 unter dem Etikett „Lidl“ neodadaistische Kunstaktionen. Für „Lidl“ – ein Fantasiebegriff der, mehrmals wiederholt, das Geräusch einer Babyrassel nachahmt – luden Immendorff und Reinecke in einen angemieteten Ausstellungsraum in der Düsseldorfer Altstadt und führten Happenings auf. Bei einer dieser Aktionen beschoss Immendorff, bekleidet mit Babymaske und Höschen, aus einer Pappkanone das Publikum mit Papierkügelchen, die Botschaften trugen wie „hapmi lieb“, oder auch, erneut, „Für alle Lieben in der Welt“.  Die Provokation bestand genau darin, dass Immendorff und Reinecke mit „Lidl“ den Themen Vietnamkrieg, Wettrüsten, Atomkraft und Umweltaktivismus, mit denen die Studentenrevolution atmosphärisch aufgeladen war, etwas betont Kindliches, Verspieltes entgegenhielten.

Hinter dieser vermeintlichen Naivität gab es konkrete Bezüge zum Zeitgeschehen. Mit „Sport-Lidl“-Wettkämpfen beispielsweise protestierten Immendorff und Reinecke 1969 gegen die Olympischen Spiele, die 1972 in München ausgetragen werden sollten: Reinecke in der Disziplin Weitsprung, Immendorff in 100-Meter-Lauf.  Während seiner Ausbildung an der Akademie in Düsseldorf erfuhr Immendorff besondere Förderung durch Joseph Beuys, der dem erst zwanzigjährigen Schüler eine Ausstellung bei Schmela in Düsseldorf vermittelte. Immendorff seinerseits war von „seinem Professor, dessen Ausstrahlung, dem von ihm propagierten Freiheitsbegriff und dessen Glaube an die bewusstseinsverändernde Kraft der Kunst tief beeindruckt“ (Harald Szeemann) und brachte dies in seinen Gemälden durch Bezüge zum Beuys’schen Werk zum Ausdruck („Kleine Reise [Hasensülze]“, 1990). In dem 1978 begonnenen Zyklus „Café Deutschland“, der auf 19 großformatige Gemälde anwuchs, ist Beuys selbst präsent, ebenso andere bekannte Persönlichkeiten aus Ost und West, samt ihren jeweiligen Machtsymbolen.

Diese Szenen mit Bertold Brecht, Helmut Schmidt, Erich Honecker und A.R. Penck in einem Café als utopischer Begegnungsstätte leuchtete Immendorff dramatisch aus wie expressionistische Theaterstücke.  Politisch motivierte Gemälde bilden einen weiteren Komplex der Ausstellung. Sie spielen ebenfalls mit formalem Dilettantismus und enthalten direkte Aussagen zum politischen Tagesgeschehen der Bundesrepublik. Der Mauerfall würde sich nicht durch die Politik herbeiführen lassen, sondern müsse durch das Volk angestoßen werden, glaubte Immendorff. In seinem Werk hatte er die ‚Naht‘ zwischen Ost und West zum Thema erhoben. Am 9. November 1989 wurde dieser Teil seines Werks über Nacht historisch. Immendorff avancierte zum visionären Maler der deutschen Teilung und Wiedervereinigung. Themen und Tonlage ändern sich mit einer 1998 diagnostizierten Nervenkrankheit, die Immendorff auch zu einer veränderten Malweise brachte; er führte zuletzt den Pinsel nicht selbst, sondern die Regie über die Bildgestaltung. Seine Frau Oda Jaune, selbst eine bekannte Künstlerin, sagt über diese Entwicklung, Immendorff habe zwei Hände verloren, jedoch acht gewonnen.

In diese Phase gehören Schlüsselwerke wie „Letztes Selbstporträt I - Das Bild ruft“ (1998), das Hans Baldung Grien entliehene Vanitas-Motiv einer auf zwei Weltkugeln balancierenden Läuferin („Ohne Titel“, 2000) und „Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt“ (2007). Aus dem Spätwerk sind die politischen und gesellschaftlichen Botschaften allmählich entwichen.

Haus der Kunst München
Prinzregentenstraße 1
80538 München
Abbildungen:

Jörg Immendorff
Eßt deutsche Äpfel, 1965
Dispersionsfarbe auf Leinwand
100 x 100 cm
Sammlung Wild, Heidelberg
© Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Jörg Immendorrf
Hört auf zu malen, 1966
Kunstharz auf Leinwand
135 x 135 cm
Collection Van Abbemuseum, Eindhoven
© Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Jörg Immendorff
Selbstbildnis, 1980
Öl auf Leinwand
150 x 150 cm
Slg. Stoffel c/o
Pinkothek der Moderne, München
© Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
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Museen Buchheim Museum: SCHMIDT-ROTTLUFF. FORM, FARBE, AUSDRUCK!
SCHMIDT-ROTTLUFF. FORM, FARBE, AUSDRUCK!

Ausstellung Buchheim Museum BernriedVom 29. September 2018 bis 03. Februar 2019

Unmittelbar und unverfälscht" – so wird im „Brücke“-Programm von 1906 die eigentümliche Ausdrucksform der Künstlergruppe beschrieben. Keines ihrer Mitglieder hat dieses Motto so kompromisslos umgesetzt wie Karl Schmidt-Rottluff. Von einer „erschreckenden Konsequenz" sei seine Kunst, meint „Brücke“-Chronist und Museumgründer Lothar-Günther Buchheim bewundernd; und Fritz Bleyl, Gründungsmitglied der „Brücke“, erkennt schon früh, dass der stattliche, bebrillte junge Mann über die malerische „Pranke des Löwen“ verfüge. Diesem epochalen Großmeister des Expressionismus widmet das Buchheim Museum nun eine umfangreiche Retrospektive der besonderen Art.

Dank des Zusammentreffens der Sammlungen Gerlinger und Buchheim im Buchheim Museum kann der gesamte Schaffenszeitraum von 1899 bis 1974 mit über 200 herausragenden Werken belegt werden. Neben einer Auswahl an 27 Gemälden sind auch 37 Aquarelle, 8 Farbkreidezeichnungen, und weitere Arbeiten auf Papier sowie 20 Schmuckstücke und 8 Skulpturen des farb- und formgewaltigen Künstlers zu sehen.

Die Ausstellung präsentiert zwei eng zusammengehörende Seiten des Phänomens Schmidt-Rottluff: die formal-künstlerische; und die biografisch-persönliche, die bei dem als verschlossen geltenden Künstler bislang weitgehend im Dunkeln lag.

So erleben die Besucher einerseits eine Schule des Sehens, in der die Formen und Farben als Elemente künstlerischen Ausdrucks vor Augen geführt werden: die flirrenden Strichlagen, die der junge, begabte „Brücke“-Mitbegründer dem Repertoire des Impressionismus entnimmt; die „wild erregte, zuckende Pinselschrift“, die laut Buchheim charakteristisch für Schmidt-Rottluffs Phase des „monumentalen Impressionismus“ ist, sowie die klar strukturierten, oftmals konturierten Farbfelder des Expressionismus, die Schmidt-Rottluff, zunehmend seiner malerischen Mittel bewusst, zu Zeichen subjektiven Empfindens verdichtet, und schließlich die bis ins hohe Alter fortwährende koloristische Steigerung der malerischen Wirkungskraft.

Andererseits wird in der Museumsschau die Persönlichkeit vorgestellt, die in der Kunst ihre Ausdrucksmittel findet. Bislang unbekannte Zeugenaussagen vermitteln authentische Einblicke in das Leben des Künstlers, die dieser zu Lebzeiten immer verwehrte. Neben den „Brücke“-Kollegen kommen auch ihm nahestehende Kunsthistoriker und persönliche Freunde zu Wort. Hinter dem erratischen Genius wird so der suchende, ehrgeizige, intelligente, mitfühlende oder liebende Mensch sichtbar, der allenthalben in den Kunstwerken aufscheint – nicht nur im malerischen, zeichnerischen und druckgrafischen Werk, sondern auch in den skulpturalen und kunsthandwerklichen Arbeiten, die oftmals in einem noch viel intensiveren Bezug zum Privaten stehen.
Buchheim Museum
Am Hirschgarten 1
82347 Bernried

Abbildung:
Karl Schmidt-Rottluff, Gehöft im Abendlicht, 1906, Öl auf Karton @ Sammlung Hermann Gerlinger im Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
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Museen München Lenbachhaus: PHANTASTISCH! Alfred Kubin und der Blaue Reiter
PHANTASTISCH! Alfred Kubin und der Blaue Reiter
Häufig wird der österreichische Zeichner Alfred Kubin (1877-1959) als ein Gründungsmitglied des Blauen Reiter genannt, seine konkreten Beziehungen zu diesem Künstlerkreis sind jedoch so gut wie unbekannt. Die Ausstellung zeichnet erstmals mit einer Fülle von Werken, Dokumenten und Fotografien die komplexen persönlichen und künstlerischen Verflechtungen nach: Es ist fast völlig in Vergessenheit geraten, dass Kubins erste Ausstellung in München und sein berühmtes, aufsehenerregendes Frühwerk mit den drastischen Visionen von Trieb- und Zwangsvorstellungen,die Einblicke „in die Dunkelkammer der modernen Seele” erlaubten, 1904 von Wassily Kandinsky in der Künstlervereinigung Phalanx präsentiert wurde. Fünf Jahre später – Kubin hatte eine Phase des Umbruchs hinter sich, seinen Roman Die andere Seite niedergeschrieben und war von München nach Zwickledt in Oberösterreich gezogen – wurde er 1909 zur Neuen Künstlervereinigung München um Kandinsky, Münter, Jawlensky und Werfekin hinzugezogen. Auch nach der Abspaltung des Blauen Reiter 1911 wurde Kubin umgehend in einem Brief von Gabriele Münter zum Mitmachen aufgefordert. Jetzt waren es die seelischen, phantastischen und traumhaften Dimensionen, die die Künstlerfreunde an Kubins neuartigen, kalligraphisch flüssigenTuschfederzeichnungen faszinierten. Bei der 2. Blauer Reiter-Ausstellung präsentierte er vielfigurige Szenen, die in beunruhigend irrationaler Weise einen Teppich des Lebens ausbreiten, wobei oft ein geheimnisvolles „Zwischenreich” aufscheint. Es ist diese geistige Dimension, der sich etwa auch Kandinsky, Franz Marc oder Paul Klee in ihren Werken verbunden fühlten.
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau
Luisenstraße 33
80333 München

Abbildungen
Alfred Kubin
Der Luftgeist, 1912
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Foto: Lenbachhaus
© Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Alfred Kubin
Eindringlinge, um 1902/03, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Foto: Lenbachhaus
© Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
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Museen Tegernsee: Tomi Ungerer. Der kleine Unterschied
Tomi Ungerer. Der kleine Unterschied

In Zusammenarbeit mit dem Musée Tomi Ungerer - Centre International  de l'Illustration, Musées de la Ville de Strasbourg

Ausstellung vom 14. Oktober 2018 bis 27. Januar 2019

Die Ausstellung „Tomi Ungerer. Der kleine Unterschied“ widmet sich, wie der Titel bereits andeutet, den Beziehungen zwischen Mann und Frau aus Sicht des großen französischen Karikaturisten Tomi Ungerer. Der Künstler wurde schon immer von diesem Thema, welches er mal auf lustige, mal auf satirische Weise behandelt, in den Bann gezogen. Er untersucht das Verhältnis zwischen Mann und Frau sowohl in Bezug auf die Intimität als auch die Gesellschaft. Vor unseren Augen entfaltet sich geradezu ein Krieg der Geschlechter. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass dies meistens zu einer Machtergreifung seitens der Frau führt, das Gegenteil ist seltener der Fall. Der Zeichner erneuert jedoch nur eine Ikonographie, deren Ursprung bis ins Mittelalter zurückreicht. Dieses Thema steht bei „Inside Marriage“, „The Underground Sketchbook“, „Adam & Eva“ oder „The Party“ im Mittelpunkt; Bücher, die in den 1960er Jahren erschienen, als ihr Autor in New York lebte. Tomi Ungerer genießt es in diesen prägnanten Zeichnungen in vollen Zügen: Alle Mittel sind erlaubt, vom schlechten Scherz bis zur Folter.
 
Männer und Frauen treffen jenseits der satirischen Bücher auch in anderen Medien überraschend aufeinander. Sie erscheinen zum Beispiel bei Werbeprojekten, wie den kühnen Plakaten für die Diskothek „Electric Circus“ in New York. Einige von ihnen blieben unveröffentlicht, weil sie, als zu gewagt empfunden, von ihren Auftraggebern abgelehnt wurden.
 
Aber manchmal scheint sich Tomi Ungerer eine Verschnaufpause zu gönnen in der Vision, die er uns von einem Liebespaar gibt. Der Spielplatz ist dann anderer Natur und heißt Erotik. In den Zeichnungen des „Liederlichen Liederbuchs“, eine Parodie auf das berühmte Buch populärer Lieder, die der Zeichner 1975 illustrierte, offenbaren sich Mann und Frau in freizügigen Spielen, die auf einvernehmlichen Handlungen
basieren. Das Kräftemessen ist wie durch Zauberei verschwunden. Auch wenn das Paar offensichtlich ein Hauptmotiv seiner Arbeit ist, ist es die Frau, die den Zeichner wirklich interessiert. „Immer wieder versuche ich, diese seltsamen und starken Wesen zu erforschen“, gesteht uns Tomi Ungerer schelmisch.
 
Dr. Thérèse Willer Chefkuratorin des Musée Tomi Unger er - Centre international de l’Illustration
 
Die Ausstellung, kuratiert von Dr. Thérèse Willer, versammelt 78 Originalzeichnungen und Plakate der Serien „Inside Marriage“, „The Underground Sketchbook“, „The Party“, „Ungerer’s Compromises“, „Adam und Eva“, „Poster Art“,  „Hopp, hopp, hopp. Liederliche Liederskizzen“ und „Das liederliche Liederbuch“.  Die Werke stammen ausschließlich aus der Sammlung des Musée Tomi Ungerer - Centre international de l’Illustration, Strasbourg.
 
OLAF GULBRANSSON MUSEUM, TEGERNSEE
Im Kurgarten 5,
83684 Tegernsee


Abbildung
Tomi Ungererohne TitelThe Underground Sketchbook of Tomi Ungerer vor 1964© Tomi Ungerer _Diogenes
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Museen München Lenbachhaus: WELTEMPFÄNGER
WELTEMPFÄNGER
Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz
Mit Filmen von James und John Whitney und Harry Smith

6. November 2018 - 10. März 2019 Lenbachhaus Kunstbau

Die Ausstellung Weltempfänger. Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz gibt Einblick in eine außergewöhnliche und weitgehend unbekannte Episode der Moderne: Völlig unabhängig voneinander entwickelten Georgiana Houghton (1814–1884) in England, Hilma af Klint (1862–1944) in Schweden und Emma Kunz (1892–1963) in der Schweiz eine jeweils eigene abstrakte, mit Bedeutung hochaufgeladene Bildsprache. Mit großer Ausdauer und Durchsetzungsvermögen folgten sie ihren Überzeugungen; gemeinsam war ihnen der Wunsch, Naturgesetze, Geistiges und Übersinnliches sichtbar zu machen. Zum ersten Mal werden wir ihre äußerst selten gezeigten Werke gemeinsam im Kunstbau des Lenbachhauses präsentieren.Ergänzend werden in der Ausstellung kaum bekannte Filme von den Brüdern James und John Whitney und Harry Smith vorgestellt. Die US-Amerikaner drehten – von verschiedenen okkulten und esoterischen Bewegungen inspiriert – ab den 1940er Jahren abstrakte Experimentalfilme. Sie sind Zeugnisse einer ähnlichen Herangehensweise, die ebenso zu einer neuartigen Bildsprache führte, wenn auch in einem anderen Medium.

Kuratiert von Karin Althaus und Sebastian Schneider

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Victorian Spiritualists' Union, Melbourne, der Hilma af Klint Foundation, Stockholm, dem Emma Kunz Zentrum, Würenlos und mit der Unterstützung von Pro Helvetia


Abbildung
Emma Kunz
Werk-Nr. 020, Foto: Emma Kunz Zentrum, CH 5436 Würenlos © Anton C. Meier
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Museen Buchheim Museum Bernried: DIX & PECHSTEIN. DER ERSTE WELTKRIEG IN BILDERN
DIX & PECHSTEIN. DER ERSTE WELTKRIEG IN BILDERN
Buchheim Museum BernriedAusstellung vom 10. November 2018 bis 24. März 2019
Die Ausstellung vereint zwei Werkgruppen aus den Beständen des Buchheim Museums: die Aquarellserie »Sommeschlacht« (1917) von Max Pechstein mit 25 Blatt und den Radierzyklus »Der Krieg« (1924) von Otto Dix mit 50 Blatt. Anlass der Ausstellung sind zwei Jahrestage: das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren am 11. November, und das 20-jährige Bestehen der Washingtoner Erklärung, die am 3. Dezember 1998 unterzeichnet wurde. 

Die beiden Ereignisse stehen in mittelbarer Verbindung zueinander. Die durch den Ersten Weltkrieg hervorgerufenen Traumata gelten als Nährboden des Nationalsozialismus, der den Zweiten Weltkrieg und einen Völkermord unfassbaren Ausmaßes entfesselte. Eine Facette der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist auch der systematisch angelegte Kunstraub. Mehr als 600.000 Werke wurden zwischen 1933 und 1945 verfolgungsbedingt entzogen. Die Opfer des Raubs waren Juden und andere Verfolgte in Deutschland und in den von den Deutschen besetzten Gebieten. Bereits 1945 wurde der Kunstraub mit der London Charter of the International Military Tribunal als »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« eingestuft. Ab Juli 1945 stellte man sich in der Bundesrepublik Deutschland mit den Wiedergutmachungs- und Entschädigungsverfahren auf dem Gebiet der alten Länder dieser Verantwortung und ab 1990 auch auf dem Gebiet der neuen Länder in Form des Vermögensgesetzes. 

Jedoch kam es erst vor 20 Jahren zur Washingtoner Erklärung, in der sich Deutschland gemeinsam mit 43 anderen Staaten verpflichtete, NS-Raubkunst in den staatlichen Kunstsammlungen zu identifizieren, deren ursprüngliche Eigentümer oder deren Erben ausfindig zu machen und eine »gerechte und faire Lösung« zu finden. Die Buchheim Stiftung ist als private Trägerin des Buchheim Museums von Rechts wegen hierzu nicht verpflichtet, erkennt aber die Prinzipien der Washingtoner Erklärung auch für eigene Sammlungsstücke an. 

Dank der Unterstützungen durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste und die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern wird seit dem 1. Oktober 2017 am Buchheim Museum systematische Provenienzforschung betrieben. Gegenstand der Recherche ist zunächst die Gemäldesammlung. Konkrete Verdachtsmomente gibt es hier nicht. Doch kann wegen der intensiven Sammeltätigkeit Lothar-Günther Buchheims (1918–2007) unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sowie seinen Käufen bei einschlägigen Händlern und Auktionshäusern nicht ausgeschlossen werden, dass Buchheim auch NS-Raubkunst in seinen Besitz gebracht hat. Im Vorfeld der Ausstellung »Dix & Pechstein. Der Erste Weltkrieg in Bildern« wurde darüber hinaus ein gesondertes, vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Provenienzforschungsprojekt zu Pechsteins »Sommeschlacht« und dem Zyklus »Der Krieg« von Dix initiiert, dessen Ergebnisse hier nun zusammen mit den beiden Werkgruppen vorgestellt werden. 


MAX PECHSTEIN, »SOMMESCHLACHT« 
Der Aquarellserie »Sommeschlacht« von Max Pechstein (1881–1955) ist ein einzigartiges künstlerisches Zeugnis des Ersten Weltkriegs. Pechstein selbst ist als Soldat an der Sommeschlacht beteiligt, jener britisch- französischen Großoffensive gegen deutsche Truppen 1916, die keine militärische Entscheidung, doch über eine Million getöteter, verwundeter und vermisster Soldaten bringt. Dass er dabei nicht ums Leben kommt, hat er dem Umstand zu verdanken, dass er meistenteils hinter der Frontlinie agiert. 
Eigentlich ist er Infanterist, doch nicht mit der Waffe, sondern zumeist mit dem Pinsel leistet er seinen Kriegsdienst ab. Er hat den Kommandanten zu malen, Karten zu zeichnen und Propagandaplakate zu entwerfen. Im Mai 1917 wird Pechstein schließlich auf ein Gesuch von Bekannten nach Berlin zur Luftwaffe versetzt. Was genau er dort zu tun hatte, ist unbekannt. In jedem Falle ist er nun gänzlich heraus aus den Schusslinien und findet Zeit für künstlerische Arbeit. 
Das Kriegsjahr 1917 ist eines seiner ergiebigsten. Es entstehen 130 Ölgemälde und ähnlich viele Zeichnungen und Aquarelle. Die Motive konzentrieren sich auf die vor dem Krieg getane Südseereise, doch wirft er mit Tuschpinsel und routinierter Hand auch die »Sommeschlacht«-Serie auf das holzhaltige Kriegspapier. 25 Blätter davon sind im Besitz des Buchheim Museums, jedoch gibt es weitere Aquarelle zu dem Thema. 1918 wird Pechstein nach diesen Pinselskizzen, ebenfalls unter dem Titel »Sommeschlacht«, einen Radierzyklus für den Verlag Fritz Gurlitt schaffen. 
Die Aquarelle sind von zeichenhafter Dichte. Die reduzierte Farbpalette konzentriert den Blick auf die wesentlichen Elemente der Schlacht. Das Lehmbraun des Malgrundes, das Nachtschwarz der Tusche sowie das Grasgrün und das Blutrot der Aquarellfarben lassen an Erde, Dunkelheit, Felder und Verletzungen denken. In comicartiger Manier und lockerer Strichführung setzt Pechstein die Konturen, um sie dann sparsam mit Farbe zu umspielen. Die Bilderzählungen orientieren sich teilweise sehr real an dem Geschehen. Dargestellt ist das Ausharren in Gräben und Unterständen, das Marschieren mit schwerem Gerät, der Transport der Verletzten, der Vorstoß bewaffneter Trupps, aber auch das Aufspritzen der Leiber in den Explosionen.
 
Bei dem hier angestellten Vergleich mit Dix’ Kriegszyklus fällt auf, dass bei Pechsteins im Krieg entstandener Serie die Schlacht in ihrem vollen Gange dargestellt wird. Noch ist nichts entschieden. Bei Dix liegt dagegen schon der Modergeruch des Todes über dem Feld. Bei Pechstein wird noch gekämpft. Er lässt den Betrachter teilhaben an seinen Gefühlsregungen zwischen Hoffen und Bangen, denen er auch in Briefen Ausdruck verleiht: Obwohl er »inneren Widerstand gegen den preußischen Kadavergehorsam« verspürt, bemüht er sich, »ein Soldat zu werden so gut es geht«. Der Gedanke, »einen Menschen zu töten«, erscheint ihm »nicht erhebend«, doch verspürt er den Wunsch, den Feinden »Dresche aufs Maul zu geben«. Noch 1917 hofft er, dass die Deutschen »das Rennen doch noch machen«. Einen beispielhaften Unterschied zwischen Pechsteins »Sommeschlacht« von 1917 und Dix’ »Der Krieg« von 1924 bieten auch die Architekturmotive: Während Dix eine Stadt in Trümmern zeigt, entwirft Pechstein einen »Heldenhain«. 


OTTO DIX, »DER KRIEG«
Der Radierzyklus »Der Krieg« von Otto Dix (1891–1969) erscheint 1924 beim Verlag der Berliner Galerie Karl Nierendorf in einer Auflagenhöhe von 70 Exemplaren. Anlass ist das von der pazifistischen »Nie wieder Krieg«-Bewegung ausgerufene »Internationalen Antikriegsjahr«. Das Werk schlägt ein wie eine Bombe. Die ungeschminkte Darstellung der traumatisierenden Geschehnisse widerspricht den damals üblichen Verklärungen des Ersten Weltkriegs.

Während Pechsteins »Sommeschlacht«-Serie von 1917 noch die Hoffnung auf einen höheren Sinn erkennen lässt, zeigt Dix mit gnadenlosem Realismus das wahre Gesicht des Krieges. In den fünfzig Momentaufnahmen finden wir keine Gegner, keine Sieger, keinen Kampf, sondern nur Opfer eines sinnlosen Gemetzels: Verstümmelte, Verreckende, Verendete, Verfaulte, Skelettierte. Wo es um die Darstellung zerfetzter, halbvermoderte Leiber oder entstellter Gesichter geht, nimmt Dix Kriegsfotografien von Hugo Erfurth zu Hilfe. Die Motive entwickelt er jedoch gänzlich aus eigener Erinnerung. 
Dix verfügt über einen reichen Schatz an Kriegserfahrungen. Im Sommer 1914 beginnt er mit seiner militärischen Ausbildung. Ab Herbst 1915 nimmt er als Gefreiter am Stellungskrieg in Frankreich teil. Als MG-Schütze ist er 1916 bei der Sommeschlacht dabei. Im Spätherbst 1917 wird er an die Ostfront geschickt. Nach dem Waffenstillstand mit Russland im Dezember 1917 gelangt er wieder an die Westfront. Das Kriegsende erlebt er, mittlerweile zum Oberfeldwebel befördert, bei der Flugabwehr bei Posen. Nur dank eines erstaunlichen Glücks und eines starken Überlebenswillens kann Dix körperlich nahezu unversehrt den Krieg überdauern. 

In höchstem Maße bemerkenswert ist die Virtuosität, mit der Dix die Schrecken des Krieges ins Bild setzt. Bei dem Grafiker Wilhelm Herberholz in Düsseldorf hat er sich ein breites Spektrum an Radiertechniken angeeignet. So verfügt er über die suggestiven Mittel, unsere Vorstellungskraft in Gang zu setzen, ohne explizit die Geschehnisse abbilden zu müssen. Die meisten Blätter sind eine Mischung aus mehreren Techniken, deren Eigenarten Dix meisterhaft einzusetzen versteht: Die Kaltnadel sorgt mit ihren kraftvoll und spontan gezogenen Schraffuren für dramatische Steigerung; die Aquatinta taucht die Szenerien in halbtoniges Dämmerlicht, aus der Personen, Gegenstände und Landschaften schemenhaft auftauchen; die Ätz-Technik mit ihren aus dem Metall gefressenen Hell-Dunkel-Kontrasten vergegenwärtigt wie von selbst die fleischlichen Zerfallsprozesse der zerschossenen Leiber.  

Die Ausgangssituation für die Recherchen zur Aquarellserie »Sommeschlacht« von Max Pechstein und zum Radierzyklus »Der Krieg« von Otto Dix ist herausfordernd. Für die Museumsbestände, ursprünglich angelegt als Privatsammlung von Lothar-Günther und Diethild Buchheim, wurden keine Inventarbücher geführt. Sonstige Ankaufsunterlagen wurden bisher nur vereinzelt in Buchheims Archivmaterial gefunden. Nichtsdestotrotz wurde das Ziel verfolgt, die Erwerbszeitpunkte durch die Buchheims und die Besitzfrage beider Werkgruppen zwischen 1933 und 1945 zu klären. Neben einer Überprüfung einschlägiger Verlustund Recherchedatenbanken erfolgte eine Untersuchung der Vorder- und Rückseiten der 25 Arbeiten von Pechstein und der 50 Arbeiten von Dix. Die bisher erschlossenen Quellen aus dem Archiv und der Privatbibliothek Buchheim wurden auf Hinweise zu Vorbesitzern untersucht. 


Otto Dix, »Der Krieg«
Der jüngst von Yves Buchheim (geb. 1949) in dem Buch »Künstler, Sammler, Despot. Das Leben meines Vaters« geäußerte konkrete Verdacht, dass Lothar-Günther Buchheim unter anderem ein Exemplar der Kriegsmappe von Dix bei Cornelius Gurlitt Anfang der 1960er-Jahre erworben habe, verlangte nach einer vertieften Recherche zum Erwerb und den Vorbesitzern des in den Beständen des Buchheim Museums befindlichen Mappenwerks »Der Krieg«. 
Das zu untersuchende Exemplar wurde als Nr. 41/70 vom Künstler bezeichnet und signiert. Es ist das einzige vollständige Exemplar, das es heute noch in der Bernrieder Museumssammlung gibt. Die 50 Blätter wurden von Buchheim in den originalen Leinenmappen aufbewahrt und nach Auskunft eines Mitarbeiters nur zur eigenen Freude bisweilen von ihm herausgeholt. Neben diesem Exemplar gab es noch ein zweites in der Sammlung Buchheim, dessen 50 Radierungen für Ausstellungen in Passepartouts montiert waren. Dieses »Ansichtsexemplar« wurde im Rahmen der Versteigerung von Doubletten aus dem Privatnachlass Lothar-Günther und Diethild Buchheim vom Auktionshaus Neumeister 2014 in Bernried zum Verkauf angeboten und 2017 schließlich auf einer Auktion von Christie´s in London verkauft. 
Da bisher in Buchheims Archiv kein Dokument zum Erwerb des Mappenwerks von Dix gefunden werden konnte, mussten sich die Forschungen auf auswärtige Archive und öffentlich zugängliche Materialien stützen. Ein Vertrag vom 23. Juni 1924 dokumentiert, dass Karl Nierendorf (1889 – 1947) verantwortlich war für die Herausgabe und den Verkauf der Radierfolge »Der Krieg« in fünf Mappen mit je 10 Blättern in einer Auflage von 70 Stück sowie 7 hors-de-commerce-Ausgaben. Per Vertrag mussten 3 Probedrucke je Blatt sowie je zwei Mappen an Dix geliefert werden. Zwei Archivexemplare behielt Nierendorf. Einige Exemplarnummern tauchen in den Rechnungsunterlagen der Galerie Neumann & Nierendorf im Nachlass Otto Dix (Nürnberg) auf. Für den Verkauf der Exemplarnummer 41/70 des Buchheim Museums gibt es jedoch – auch im Archiv der Galerie Nierendorf in Berlin – keine Nachweise.
Yves Buchheims Erinnerung an einen Erwerb der Kriegsmappe bei Cornelius Gurlitt konnte im Laufe des Forschungsprojekts weder be- noch widerlegt werden: Der Name Buchheim taucht im Nachlass der Familie Gurlitt am Bundesarchiv Koblenz (Bestand N 1826) in keinem Erwerbskontext auf. Gesichert ist, dass das Buchheim Museum bis 2017 im Besitz von zwei Exemplaren des Radierzyklus »Der Krieg« gewesen ist. Bei der von Yves Buchheim beschriebenen Erwerbung könnte es sich entsprechend auch um das Exemplar handeln, das dann verkauft wurde. Es ist jedoch auch nicht auszuschließen, dass Buchheim noch weitere Exemplare der Kriegsmappe besessen und im Laufe seines Lebens veräußert hat. 


Max Pechstein, Sommeschlacht 
Mehr Anhaltspunkte für die Forschung ergaben sich bei der Serie »Sommeschlacht« von Pechstein. Die Rückseiten der zu untersuchenden 25 Aquarelle sind alle mit einem Post-Stempel des Münchner Zollamtes versehen. Der Zoll benutzte Stempel dieser Art für die Aus- und Einfuhr von Kunstgütern, da eine Verplombung zu Beschädigungen geführt hätte. Dieser spezielle Stempel wurde zwischen 1920 und 1937 sowie nach 1950 bis mindestens 1971 verwendet. Daraus folgt wenig mehr, als dass die Blätter in den genannten Zeiträumen einmal die Landesgrenze Deutschlands passiert haben müssen. 
Darüber hinaus fand sich zu den Pechstein-Blättern eine Notiz von Diethild Buchheim, dass diese bei Neumeister erworben worden seien. Daraufhin wurden ungefähr 400 Auktionskataloge des Auktionshauses Neumeister in München, ehemals Weinmüller, der Jahre 1948 bis 1998 aus dem Besitz der Buchheims untersucht. Darin fand sich ein handschriftlich markiertes Versteigerungsangebot vom 18./19. März 1964, Los-Nr. 1408: 25 Aquarelle von Max Pechstein, »Sommeschlacht« von 1917. Mit freundlicher Unterstützung des Auktionshauses Neumeister konnte diese Annotation bestätigt werden: Buchheim hatte die 25 Aquarelle im Freiverkauf erworben. Vom Einlieferer ist jedoch nur der Name »Frank« überliefert. Eine Datenbanküberprüfung und Literaturrecherche zu dem Namen führte zu mehreren möglichen Übereinstimmungen, die bisher jedoch noch nicht eindeutig identifiziert werden konnten. 
Das Pechstein-Archiv in Hamburg konnte keine Auskunft zu Vorbesitzern erteilen. Es verwies darauf, dass Geschäftsunterlagen sowohl auf Seiten Pechsteins als auch seines Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt (1888 – 1965) im Krieg verloren gegangen seien. Auch die deduktiven Recherchen im Umkreis von Pechsteins Sammlern sowie Anfragen bei den KUNSTSAMMLUNGEN ZWICKAU/Max-Pechstein-Museum und dem Museum Lentos (Linz/Donau), zu dessen Beständen die Sammlung Wolfgang Gurlitt gehört, erbrachten keine neuen Ergebnisse. 

Fazit Trotz systematischer Recherchen konnten die Provenienzen zwischen 1933 und 1945 weder für den Radierzyklus »Der Krieg« Nr. 41/70 von Otto Dix noch für die 25 Aquarelle »Sommeschlacht« von Max Pechstein eindeutig geklärt werden. Im Falle Pechsteins bleibt die Hoffnung, dass durch die hier betriebene Bekanntmachung des Vorbesitzers »Frank« dessen Identität durch Hinweise von anderen Stellen ermittelt werden kann. Bezüglich Dix könnte die Erschließung des Nachlasses Otto Dix in der Akademie der Künste in Berlin weitere Ergebnisse zutage fördern.
Buchheim Museum der Phantasie
Am Hirschgarten 1
82347 Bernried am Starnberger See
Abbildungen:

Max Pechstein
Granateinschlagaus der Serie »Sommeschlacht«, Blatt 5, 1917
Tusche und Aquarell auf Papier
Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
© Pechstein Hamburg/Tökendorf
Max Pechstein
Verwundetentransportaus der Serie »Sommeschlacht«, Blatt 8, 1917
Tusche und Aquarell auf Papier
Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
© Pechstein Hamburg/Tökendorf
Max Pechstein
»Sommeschlacht«, Blatt 10, 1917
Tusche und Aquarell auf Papier
Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
© Pechstein Hamburg/Tökendorf
Aktuelle Veranstaltung
heute
Museen Fürstenfeldbruck: „Ein Eigener sein“ – Leben und Werk des Heinz Braun (1938-1986)
„Ein Eigener sein“ – Leben und Werk des Heinz Braun (1938-1986)
Ausstellung Donnerstag, 22. November 2018 bis Sonntag, 28. April 2019Museum Fürstenfeldbruck
Herbert Achternbusch entdeckte ihn als Schauspieler, das Magazin „Stern“ pries ihn 1982 in einem elfseitigen Artikel als „Neuen Wilden“, in der Münchner Szene der 70er und 80er Jahre war er bekannt wie ein bunter Hund: der Maler Heinz Braun. Das Museum Fürstenfeldbruck zeigt nun zum achtzigsten Geburtstag des Künstlers eine umfassende Gesamtschau seines Werkes. Die Ausstellung „»Ein Eigener sein« – Leben und Werk des Heinz Braun (1938-1986)“ ist von Donnerstag, 22. November 2018 bis Sonntag, 28. April 2019 zu sehen.

Leben und Werk
Von Beruf war Heinz Braun Postbote in Germering bei München. Seit 1951 widmete er sich als Autodidakt der Malerei, anfangs gegenständlich, dann immer eigenwilliger und ausdruckstärker. Braun lebte viele Jahre im „Schusterhäusl“ bei Germering und malte seine stark expressiven Bilder selbst bei Wind und Schnee draußen in der Natur, wo er Erde vom Acker oder auch Kuhmist von der Weide mit der Malfarbe kombinierte. 1974 lernte er den Regisseur Herbert Achternbusch kennen und wirkte in mehreren seiner Filme mit (z.B. „Das Andechser Gefühl“ [1974], „Die Atlantikschwimmer“ [1976], „Bierkampf“ [1977], „Servus Bayern“ [1978], „Der Komantsche“ [1979]). 1979, nach 28 Dienstjahren, wurde der unbequeme Postmitarbeiter, der im Postamt 3 in der Münchner Bayerstraße schon mal Pakete mit Porträts verzierte oder Kantinenessen aus dem Fenster schmiss, um für besseres Essen zu protestieren, frühpensioniert. 1982 stellte der Journalist Jürgen Serke den Maler in einem elfseitigen Artikel in der Zeitschrift „Stern“ einem größeren Publikum als „Neuen Wilden“ vor. Nach einer Krebsdiagnose im selben Jahr malte Braun umso besessener weiter. Er setzte sich in seinen Bildern mit der Krankheit auseinander und schöpfte daraus auch bis zuletzt Lebensmut. Die Ausstellung widmet sich der künstlerischen Arbeit des Malers, Schauspielers und Lebenskünstlers Heinz Braun und thematisiert damit auch das Lebensgefühl der Münchner Künstlerschaft in den 1970er und 80er Jahren.

Museum Fürstenfeldbruck
Fürstenfeld 6b
82256 Fürstenfeldbruck

Abbildungen:

Heinz Braun-Bild 03
Korsika, 1984
Mischtechnik/Papier
Leihgabe Niederreuther-Stiftung

Heinz Braun-Bild 04
Selbstporträt, 1978
Öl/Spanplatte
Private Leihgabe
Aktuelle Veranstaltung
heute
Museen München: Alex Katz
Alex KatzAusstellung im Museum BrandhorstVom 6. Dezember 2018 bis 22. April 2019
Mit „Alex Katz“ stellt das Museum Brandhorst einen der bekanntesten und beliebtesten Künstler der letzten Jahrzehnte vor. Gefeiert für seine ikonischen Porträts stilbewusster Frauen und für seine impressionistischen Landschaftsdarstellungen, hat der inzwischen 91-jährige Katz Generationen von Malern inspiriert. Die Sensibilität für vibrierende Oberflächen verbindet er zwanglos mit der Augenblickhaftigkeit der Fotografie – viele seiner Gemälde wirken wie virtuos gemalte Schnappschüsse oder Modefotografien. Nicht zuletzt deshalb gilt Katz als einer der wichtigsten Vorläufer der Pop Art. Mit ihren rund 90 ausgestellten Werken, darunter einige Schlüsselwerke des Künstlers, ermöglicht die Ausstellung einen retrospektiven Überblick über das zeitlose ¼uvre seit den 1950er-Jahren bis heute.Das einzigartige, inzwischen rund 70 Jahre umspannende Werk von Katz widmet sich ganz der Darstellung des Hier und Jetzt und der Unmittelbarkeit der menschlichen Wahrnehmung – ein Bekenntnis zu dem, was der Künstler oft als „painting in the present tense“   bezeichnet hat. Er arbeitet wechselweise im Freien, von fotografischen Vorlagen und eigenen Skizzen und konzentriert sich auf Themen aus seinem unmittelbaren Umfeld: Porträts von Familie (insbesondere seiner Frau Ada) und Freunden, künstlerischen Mitstreitern, aber auch Szenen des geselligen Miteinanders, Architekturausschnitte, Landschaften und Blumen.

Überall entfaltet sich Katz’ malerische Virtuosität in produktiver Auseinandersetzung mit der Bildwelt des Films, der Mode und der Werbung. Die Ausstellung beginnt mit Werken Mitte der 1950er- und frühen 1960er- Jahre, darunter Porträts des renommierten Choreografen und Tänzers Paul Taylor und seines Ensembles, für die Katz zahlreiche Bühnenbilder entworfen hat. In einer Reihe wegweisender Einzel- und Gruppenporträts aus den 1960er Jahren begründet Katz’ seinen unverkennbaren Stil. Gleichzeitig eröffnen sie Einblicke in das soziale und künstlerische Milieu New Yorks. Zwei große Ausstellungsräume mit Landschaften zeigen, wie Katz sich höchst virtuos an der Grenze zwischen abstraktem Gestus und kühlem Realismus bewegt. Die Qualität des Lichts selbst, ob direkt, reflektierend oder diffus, wird in diesen Bildern zu einem zentralen Thema.
Einzelne Pinselstriche konturieren Körper und Gegenstände und bewahren doch stets ihren Stellenwert als eigenständige Zeichen. Die Schau umfasst auch eine Reihe kleiner Bilder, Skizzen und Vorzeichnungen, die teils in direktem Zusammenhang mit den gezeigten großformatigen Gemälden stehen. Sie geben wichtige Einblicke in den vielschichtigen Arbeitsprozess des Künstlers, der sich im Wechselspiel zwischen Kalkül und Spontaneität vollzieht. 

Die Ausstellung des Museums Brandhorst schöpft aus der eigenen umfangreichen Sammlung der Werke des Künstlers – darunter Meisterwerke aus seiner langen Karriere –, ergänzt durch Schlüsselwerke aus anderen öffentlichen und privaten Sammlungen. Es erscheint ein Katalog im Hirmer Verlag mit neu in Auftrag gegebenen Texten von Kirsty Bell und Prudence Peiffer,sowie Reflexionen der Künstler Arturo Herrera, Jordan Kantorund Matt Saunders.
Anlässlich der Retrospektive wird das Museum einen neuen Dokumentarfilm über Alex Katz unter der Regie von Kristina Kilian von der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München uraufführen. Dieses Projekt ist Teil einer laufenden Zusammenarbeit zwischen dem Museum Brandhorst und der HFF.

Museum BrandhorstTheresienstraße 3580333 München
Abbildung:
Alex Katz, The Black Dress, 1960
Öl auf Leinwand
183,5 x 214,5 cm
Udo und Anette Brandhorst Sammlung
Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © Alex Katz, VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Aktuelle Veranstaltung
heute
Museen Freising: Stefanie Unruh - ich liebe Dich, ich hasse dich
Stefanie Unruh
ich liebe Dich, ich hasse dich
Stefanie Unruh untersucht Spuren und Erinnerungen von Orten, politische Ereignissen sowie alltägliche Situationen und persönliche Befindlichkeiten. Die Beschäftigung mit den spezifischen Mythen des Alltagslebens geht von ihrem Selbstverständnis als Person in einer Gesellschaft aus, die von zeitbedingten und medialen Phänomenen nachhaltig mitbestimmt wird. Stefanie Unruh analysiert alltägliche Wirklichkeiten und schafft mit künstlerischen Mitteln ein Spiegelbild gesellschaftlicher Realitäten, die sie manchmal verfremdet und in surreale Welten verwandelt. Immer wieder durchzieht eine leise Ironie ihr Werk. (Eike Berg)
 
Zur Arbeit: Ich weiß nie, arbeite ich gerade oder nicht?
Die Glühbirnen blinken im Morsecode das Zitat: „Ich weiß nie, arbeite ich gerade oder nicht“, aus einem Stück von René Pollesch. Es spielt auf eine inzwischen alltägliche Situation an, in der die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Wohn- und Arbeitsort, wie sie für die fordistische Ära charakteristisch war, aufgehoben ist. Galt das von der Bohème getragene Ideal selbstbestimmter und nicht entfremdeter Arbeit, bei dem Leben und Arbeit eine Einheit bilden, lange Zeit als Gegenentwurf zum kapitalistischen Prinzip der Arbeitsteilung, wird es nun als Norm propagiert. Als erfolgreich gilt, wer – pausenlos – kreativ, flexibel, mobil und multikompetent tätig ist.
Die Leiter, mit Arbeitsspuren übersät und Vehikel für mannigfaltige Handwerksarbeiten, steht selbst statisch da. Indem sie ihrer Funktion als Hilsfmittel enthoben ist, andererseits als Aufhängung für Lampen dient, hat sie eine ähnliche Ambivalenz wie der gemorste Satz. Die Lampen befinden sich ihrerseits im ständigen Wechsel von Sendung und Pause, von „Arbeit“ und „Nicht-Arbeit“.
Die Münchner Künstlerin Stefanie Unruh kombiniert in ihren künstlerischen Arbeiten verschiedene Techniken und Methoden wie Zeichnung, gezeichnetes Video, Fotografie, Objekt und Installation. Ausgangspunkt vieler Arbeiten ist die Zeichnung, die sie mit Installationen und seit 2002 auch mit dem Medium Video erweitert. Entwickelten sich ihre früheren Arbeiten aus streng konzeptionellen Methoden, lassen jetzt unterschiedliche Ansätze sowie narrative Momente assoziative Räume entstehen. Ihre Projekte, die sie manchmal über mehrere Jahre hinweg verfolgt, basieren auf ausführlichen Recherchen vor Ort, im Internet und in den Printmedien. Sie beschäftigt sich mich mit Spuren und Erinnerungen von Orten, mit politischen Ereignissen sowie mit alltäglichen Situationen und persönlichen Befindlichkeiten. Die Beschäftigung mit den spezifischen Mythen des Alltagslebens geht von ihrem Selbstverständnis als Person in einer Gesellschaft aus, die von zeitbedingten und medialen Phänomenen nachhaltig mitbestimmt wird. Stefanie Unruh analysiert alltägliche Wirklichkeiten und schafft mit künstlerischen Mitteln ein Spiegelbild gesellschaftlicher Realitäten, die sie manchmal verfremdet und in surreale Welten verwandelt. Immer wieder durchzieht eine leise Ironie ihr Werk.

Europäisches Künstlerhaus OberbayernAm Schafhof 185354 Freising
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.