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Inhaltsverzeichnis
Geiger und Buchheim: Farbe tanken und Geburtstag feiern

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München: Malen ohne Umschweife – Gabriele Münter im Kunstbau

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Fürstenfeldbruck: Ausstellung „ … und dann brach der Krieg here...

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Zirkusschweine im Tiefenlicht – Hinterglasmalerei in Penzberg, Bernri...

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München: Lange Nacht der Museen - Ich-Befragung und Experimente mit Realitä...

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Buchheim Museum: Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung...

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Samstag 03.02.2018
Geiger und Buchheim: Farbe tanken und Geburtstag feiern
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Lothar-Günther Buchheim im Esszimmer seines Hauses, um 1980 © 2018 Buchheim Stiftung, Bernried am Starnberger See
Im Januar wurde der 110. Geburtstag von Rupprecht Geiger begangen, die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Lothar-Günther Buchheim finden im Februar statt. Der eine steht für den künstlerischen Neuanfang in der jungen Bundesrepublik, dem anderen ist die Wiederentdeckung und Bewahrung der expressionistischen Vorkriegsmoderne zu verdanken. Wie erst jetzt bekannt wurde, gab es eine direkte Verbindung zwischen den beiden so unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten: Geiger, damals noch in seiner ursprünglichen Profession als Architekt tätig, baute in den 1950er Jahren das Feldafinger Wohn- und Verlagsgebäude für Buchheim um und aus. Ob es auch hier zum Streit zwischen Bauherr und Architekt kam, ist nicht überliefert.

„Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft.“ So lautet eins der bekanntesten Zitate von Rupprecht Geiger, der im Dezember 2009 im Alter von fast 102 Jahren verstarb. Einen Großteil seines Lebens hatte er der Farbe Rot und deren Wirkung gewidmet. Man darf wohl glauben, dass er sein hohes Alter auch der Kraft dieser Farbe zu verdanken hatte. Fast bis ganz zuletzt hatte er jeden Tag in seinem Atelier gearbeitet. Sein wichtigstes künstlerisches Anliegen war die bedingungslose Ausbreitung von Farbenergie: Er verwandelte fluoreszierende Pigmente in leuchtendes Farblicht, seine Bilder sind wie kleine Sonnen, Kraftwerke und Lichtorte. „Farbe ist die Nahrung für die Augen“, sagte er. Und weiter: „Seele und Leben ohne Farben sind bedroht.“

Nach dem Krieg hatte sich Geiger intensiv der Malerei zugewandt, die Arbeit als Architekt trat nach und nach in den Hintergrund. Ab 1948 entstanden erste abstrakte Gemälde und eine Reihe irregulärer Bildformate, noch vor den sogenannten „shaped canvases“ des amerikanischen Malers Frank Stella. 1949 war Geiger Mitbegründer der Gruppe ZEN 49. Deren Mitglieder Willi Baumeister, Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Rupprecht Geiger, Willy Hempel, Brigitte Matschinsky-Denninghoff und Fritz Winter hatten es sich zum Ziel gesetzt, die abstrakte Malerei einem breiteren Publikum zugänglich und damit verständlicher zu machen. Gerhard Fietz schrieb rückblickend über ZEN 49: „Jeder von uns Jüngeren stand an einem Nullpunkt. Und wir empfanden dies auch als ernste Aufgabe, ein neues Bild zu entwickeln, das eine Basis und Hoffnung für die Zukunft ist. Denn wir alle waren im Krieg gewesen und wollten ein neues, klares und ethisch eindeutiges Leben verwirklichen, das inhaltlich auch im Bild sich ausdrückt. Aus dieser Haltung heraus haben wir Maler uns auch zusammengefunden.“

Ab den 1970er Jahren beschäftigte sich Rupprecht Geiger zunehmend auch mit der Wirkung der Farbe in den Umraum und mit der körperlichen Erfahrung von Farbe. Die von ihm gestaltete rote U-Bahnstation Machtlfinger Straße, die sogar in einem japanischen Reiseführer als Sehenswürdigkeit erwähnt wird, kann man exemplarisch als solchen „Farbraum“ erleben. 2010 wurde zum ersten Todestag das Archiv Geiger in den ehemaligen Atelierräumen in Solln eröffnet. Es wird von Julia Geiger, der Enkelin des Künstlers, geleitet. Ihr ist es gelungen, eine Mischung aus professioneller Galerie und Museum einzurichten und zugleich das Atelier und seine besondere Atmosphäre so lebendig zu erhalten, als hätte Rupprecht Geiger es gerade erst nach seinem letzten Arbeitstag verlassen. Auch wenn die offiziellen Geburtstagsfeierlichkeiten vorbei sind, so ist das Archiv Geiger mit der neuen Präsentation unbedingt einen Besuch wert. Gerade an grauen Wintertagen kann man dort „Farbe tanken“.

Lothar-Günther Buchheim war ein Mensch, der alles andere als „Mainstream“ war: Er machte nie das, was alle machten, sondern ging immer seinen eigenen, meist widerständigen Weg – und das mit großer Konsequenz. Dieser Unbeirrtheit ist die unvergleichliche Sammlung zu verdanken, die er im Lauf seines Lebens zusammengetragen und zuletzt der Öffentlichkeit vermacht hat. Als in der Nachkriegszeit die gegenstandslose Kunst boomte, setzte er sich als Sammler, Verleger und Kunstbuchautor vehement für die figurative Malerei der deutschen Expressionisten ein. Und als Bauhaus und Funktionalismus angesagt waren, umgab er sich mit der sinnen- und farbenfreudigen Pracht alten Kunsthandwerks und anderen „unmodernen“ Dingen. Neben ihrer quantitativen Fülle zeichnet sich Buchheims Sammlung dadurch aus, dass sie mit dem Blick des Künstlers entstand: Er kaufte was ihm persönlich gefiel und was er für künstlerisch wertvoll hielt.

Im Jahr 2001 wurde Buchheims „Museum der Phantasie“ in Bernried eröffnet. Seine Entstehungsgeschichte reicht jedoch weit in die Siebziger Jahre zurück und ist eng verknüpft mit der ausgesprochen streitbaren Persönlichkeit des Museumsgründers, der 1995 seine Sammlung in eine Stiftung einbrachte und im Stiftungsvertrag genau festlegen ließ, wie sie, auch über seinen Tod hinaus, zu präsentieren sei. Heute ist das Buchheim Museum dennoch ein modernes und für den Leihverkehr offenes Haus, auch der erbittert geführte Zwist zwischen Buchheim und seinem berühmten Architekten Günter Behnisch ist längst Geschichte.

Lothar-Günther Buchheim wurde am 6. Februar 1918 in Weimar geboren und wuchs in Chemnitz auf. Er galt, wie er selbst stets betonte, als „malendes Wunderkind“ und arbeitete bereits als Schüler als Illustrator und Autor für Chemnitzer Zeitungen. 1939 begann er ein Studium der Malerei an der Dresdner Kunstakademie, das er ab 1940 zunächst bei Hermann Kaspar in München fortsetzte. Noch im selben Jahr wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Vorwürfe, er habe als Marinekriegsberichterstatter der nationalsozialistischen Propaganda gedient, wies Buchheim stets weit von sich. In den Kriegsjahren entstanden Hunderte von Zeichnungen, Aquarellen und Fotografien sowie Buchmanuskripte, die Buchheims eigenes Oeuvre als Künstler und Autor begründeten. Bereits 1943 erschien sein Buch „Jäger im Weltmeer“, ein Bericht aus dem U-Boot-Krieg mit Fotodokumentation. Ab 1940 hatte Buchheim ein Domizil in Feldafing am Starnberger See, wohin er auch 1945 zurückkehrte, und wo er sich Anfang der 50er Jahre endgültig niederließ. Zwischen 1949 und 1951 unterhielt er eine Kunstgalerie in Frankfurt, wo er als einer der ersten im Nachkriegsdeutschland Ausstellungen von Künstlern wie Klee, Braque und Picasso zeigte. Die Bücher, die Buchheim über die „Brücke“-Maler, den „Blauen Reiter“, über Max Beckmann und Otto Mueller in den 50er Jahren schrieb, galten als Pioniertaten. In dieser Zeit sei es einfacher und billiger gewesen, Originale zu erwerben, als sich um Abbildungen und Bildrechte zu bemühen, sagte er über den Beginn seiner Sammlertätigkeit. Eine Beckmann-Radierung, so erinnerte sich Buchheim, war in der Anfangszeit „für 30 Mark zu ergattern“.

Nach Erfolgen als Kunsthändler und Verleger erwarb er mit seiner zweiten Ehefrau Diethild das Haus in Feldafing, dass er sich zur „Villa Buchheim“ umbauen ließ. Nach und nach füllte er es mit seiner opulenten Sammlung und machte es selbst zum Gesamtkunstwerk. 2007 verstarb der Hausherr. 2014 folgte die Witwe. Das marode Gebäude musste 2017 abgerissen werden, weite Teile seines überbordenden Innenlebens, darunter ganze Räume, sind ins Buchheim Museum umgezogen. Zu Buchheims 100. Geburtstag werden sie erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Katja Sebald


Ein Besuch im Archiv Geiger ist ohne Anmeldung immer montags von 10 bis 14 Uhr zum „Morgen Rot“ und dienstags von 17 bis 20 Uhr zum „Abend Rot“ möglich, individuelle Termine für Besichtigungen und Führungen kann man unter 089-72 77 96 53 oder info@archiv-geiger.de vereinbaren.

Die Geburtstagsfeier für Lothar-Günther Buchheim findet am 6.2.2018 statt: Ab 15 Uhr ist der Eintritt  ins Museum frei. Um 16 Uhr findet ein Rundgang durch die ins Museum übertragenen, originalen Räume des Feldafinger Wohn- und Verlagsgebäudes mit Museumsdirektor Daniel J. Schreiber statt. Um 17 Uhr berichtet der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber von seinen Abenteuern mit dem Museumsgründer und ab 17.30 Uhr gibt es eine Podiumsdiskussion mit Buchheim-Kennern.
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Montag 08.01.2018
München: Malen ohne Umschweife – Gabriele Münter im Kunstbau
München. „Was an der Wirklichkeit ausdrucksvoll ist, hole ich heraus, stelle ich einfach dar, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran. So bleibt die Vollständigkeit der Naturerscheinung außer acht, die Formen sammeln sich in Umrissen, die Farben zu Flächen, es entstehen Abrisse der Welt, Bilder.“ Gabriele Münter hat mit diesem Zitat nicht nur den Titel „Malen ohne Umschweife“ für die Ausstellung im Kunstbau des Lenbachhauses selbst geliefert, sie hat wohl damit auch dazu beigetragen, dass sie Zeit ihres Lebens und weit darüber hinaus als „einfache“ Malerin wahrgenommen wurde, als der Volkskunst und dem Naiven verbundene Künstlerin, die ihrem ehemaligen Lehrer und Lebensgefährten Wassily Kandinsky nicht das Wasser reichen konnte.

Tatsache ist jedoch, dass Gabriele Münter bislang eine der meist unterschätzten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts war. Die große Bilderschau im Kunstbau anlässlich ihres 140. Geburtstags und des 60. Jubiläums ihrer Schenkung 1957 von Werken des Blauen Reiters, die das Lenbachhaus mit einem Schlag zum Museum von Weltrang machte, räumt endlich mit diesem fatalen Irrtum auf: Münters Werk ist komplexer und „geistiger“, eigenständiger  und experimentierfreudiger, facettenreicher und stilistisch breiter gefächert, dabei aber auch deutlich stringenter als bisher bekannt. Sie wechselt die Sujets, die Perspektive, die Stile, aber eben nicht auf bloß intuitive oder gar naive Weise, sondern als Folge konzeptioneller Überlegungen und einer künstlerischen Entwicklung, in der sie sich selbst immer wieder neu erfindet und sich, trotz einigem Straucheln, am Ende doch treu bleibt.

Die 1877 in Berlin geborene Gabriele Münter kam 1901 nach München und trat 1902 in die von Kandinsky geleitete Malklasse der Gruppe „Phalanx“ ein. Zuvor war sie mit ihrer Schwester zwei Jahre lang durch die USA gereist und hatte auf dieser Reise zu fotografieren begonnen. Die aktuelle Ausstellung, von Isabelle Jansen und Matthias Mühling kuratiert, will auch zeigen, dass dieser Beginn mit der Fotografie nachhaltige Spuren in Münters Malerei hinterlassen hat. Auch später reiste Münter viel, ab 1904 auch zusammen mit Kandinsky. Sie war unter anderem in Holland, Tunesien, Italien und Frankreich. Über die Zeit mit dem bewunderten Lebensgefährten schrieb sie einmal: „Bei ihm ist Vornehmheit, Güte, Reinheit, Liebesfähigkeit, Genialität. Bei mir Unbewußtheit, kindliches Gemüt, Treue, Anspruchslosigkeit.“ Nach der Trennung lebte sie von 1915 bis 1920 in Skandinavien, ab 1929 verbrachte sie noch einmal ein Jahr in Frankreich und erst 1931 kehrte sie in das Murnauer Haus zurück, das sie mit Kandinsky bewohnt hatte. Im Keller dieses Hauses rettete sie den großen Schatz an Bildern der befreundeten Künstler des Blauen Reiters über die NS-Zeit. Mit der Schenkung von über achtzig Bildern, darunter Schlüsselwerke Kandinskys, untermauerte sie dessen großen Ruhm und stellte sich selbst gleichzeitig in seinen Schatten. Fortan wurde sie nur noch im Fokus dieser biografischen Verknüpfung wahrgenommen. Jetzt steht erstmals allein ihr eigenes malerisches Gesamtwerk im Zentrum einer Ausstellung. Es wird in verschiedenen thematischen Sektionen präsentiert und fasst einerseits die klassischen Gattungen wie Porträt, Landschaft und Interieur zusammen, zeigt aber anderseits auch Einflüsse, etwa durch den sogenannten „Primitivismus“ oder aber durch den Film auf. Viele der insgesamt 140 Gemälde, die in einer langen Schaffenszeit von 1903 bis 1953 entstanden, wurden noch nie oder zuletzt vor Jahrzehnten der Öffentlichkeit präsentiert. Die Bilder stammen aus dem Nachlass der Künstlerin, den sie noch zu Lebzeiten in eine Stiftung einbrachte, und werden durch internationale und selten gezeigte Leihgaben ergänzt.

Landschaften und Interieurs nehmen auch über die Zeit mit Kandinsky hinaus einen großen Raum in Münters Werk ein. Ihre Fähigkeit, Stil und Duktus zu wechseln, um den jeweils größtmöglichen Ausdruck zu erzielen, kommt ihr aber vor allem bei den Portraits zugute. Sie selbst befindet:  „Bildnismalen ist die kühnste und schwerste, die geistigste, die äußerste Aufgabe für den Künstler.“ Diese „äußerste Aufgabe“ löste sie bereits 1909 mit jenem berühmten Bildnis der Werefkin unter dem großen Hut. Sie löste sie mit den Bildern, die Kandinsky sitzend am Tisch zeigen und ihn, ohne Gesichtszüge im Detail darzustellen, greifbar und begreifbar machen. Und sie löste sie, nun noch einmal auf ganz andere Weise reduziert, feingliedrig und die Eleganz der Portraitierten schon im Malstil vorwegnehmend, bei der „Dame im Sessel schreibend“, ganz dem Zeitgeist und den Kunstströmungen der Zwanziger Jahre verpflichtet, aber doch auch ganz Münter, ganz einfach und ganz ohne Umschweife.

Katja Sebald


Bild-Nachweis:
1. Sinnende II, 1928
Textiler Bildträger, 95 × 65 cm
Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, Inv.-Nr. P 6
Foto Lenbachhaus
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

2. Gabriele Münter
Murnauer Hauptstraße mit Pferdegespann, 1933
Öl auf Holz, 35,5 × 27,5 cm
Privatsammlung Süddeutschland
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

3. Gabriele Münter
Dame im Sessel schreibend, 1929
Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

4. Gabriele Münter
Bildnis Marianne von Werefkin, 1909
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
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Montag 27.11.2017
Fürstenfeldbruck: Ausstellung „ … und dann brach der Krieg herein!“
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Fürstenfeldbruck. Die Motive sind so vielfältig, wie die Charaktere der Künstler verschieden. Da findet man stimmungsvolle Landschaftsdrucke neben trivialen Alltagsmotiven, fantasievolle Begegnungen mit dem Jenseits neben verspielten Tierstudien, akribisch gearbeitete Stadtansichten stehen aufwühlenden Kriegseindrücken gegenüber. In der Ausstellung „ … und dann brach der Krieg herein!“, die noch bis zum 15. April des kommenden Jahres im Museum Fürstenfeldbruck zu sehen ist, werden ausgesuchte Arbeiten der Sammlung Kretschmer gezeigt. Es sind Exponate, die größtenteils zwischen 1900 und 1918 entstanden. Aus einer Zeit also, in der sich in Europa Nationalismus und kleingeistiger Patriotismus breit machten.
Der Fürstenfeldbrucker Arzt Dr. Hans Kretschmer (1913 bis 1992) war ein kompetenter Kunstkenner, der im Laufe seines Lebens über 3000 Werke gesammelt hat. Hierbei handelt es sich überwiegend um druckgrafische Arbeiten aus fünf Jahrhunderten. 2005 ist Kretschmers Sammlung an das Museum Fürstenfeldbruck übergegangen.
Aus diesem Fundus sind nun über 100 Druckgrafiken ausgestellt. Sie vermitteln einen kleinen Einblick in die Arbeit so namhafter Künstlern wie Walter Klemm, Erich Gruner, Ferdinand Karl Gold oder Carl Thiemann. Die Geburts- und Sterbeorten der Künstler deuten allein schon auf die großen gesellschaftlich-geographischen Umwälzungen hin, die im Europa des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben.
Viele von ihnen haben ihre Studienjahre an den Akademien in Prag, Wien, Krakau und München verbracht. Orte, an denen damals europäische Künstler zusammenkamen, zu lernen, um sich auszutauschen, zu gemeinsamer inspirierender Arbeit.
Schon in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg begannen sich die Verhältnisse zu ändern. Ein übersteigertes Nationalgefühl bestimmte den Alltag, von dem sich einige Künstler anstecken ließen. Eine Kriegseuphorie machte sich breit, die sich erst durch spätere Fronterlebnisse änderte.
Bei den ausgestellten Druckgrafiken handelt es sich überwiegend um (Farb-) Holzschnitte. Eine Technik, die zu den ältesten Verfahren der bildlichen Darstellung gehört und seit ca. 1900, aufgrund des japanischen Farbholzschnitts und seinem Einfluss, auch in Europa wieder an Aktualität gewann.
Die Farben, oft nicht ganz so intensiv und leuchtend wie bei den Arbeiten aus Fernost, verschwanden auf den vorliegenden Blättern 1914 fast gänzlich. Die Arbeiten werden dunkler, oft wirken sie auch bedrohlicher. So in Carl Thiemanns „Flämische Brücke in Brügge“, wo die dichten sich aufbäumenden Wolken am Horizont Düsteres ahnen lassen. Aber es gibt auch deutlich bedrückendere Szenarien, wie in Josef Weisz „Zeppelinangriff auf englische Städte“ oder Frantisek Simon Taviks „Ruinen einer Stadt mit zerstörter gotischer Kathedrale“.
Ein Großteil der Arbeiten sind einer starken landschaftlichen und städtischen Verbundenheit geschuldet, wie Frantisek Koblihas „Prag, St. Niklas auf der Kleinseite“ oder Odo Dobrowolskis „Lemberger Stadtansichten“.
Egal ob es sich um Holzschnitte oder Lithografien bzw. Radierungen handelt, immer beeindruckt das exzellente Handwerk, mit der diese graphischen Kompositionen künstlerisch umgesetzt sind. Sie bringen ein breites individuelles Denken zum Ausdruck. Und so zeugt diese Bildsprache von einer spezifischen Formsicherheit, von psychologischem Feingefühl und beeindruckender Bodenständigkeit. Auch insofern ist diese Ausstellung ein wichtiges und interessantes Stück europäischer Kulturgeschichte. Sowohl beschaulich als auch mahnend.
Jörg Konrad

" ... und dann brach der Krieg herein."
Grafische Arbeiten aus der Sammlung Kretschmer 1900-1918
Ausstellung vom 26. Oktober 2017 - 15. April 2018

Museum Fürstenfeldbruck
Fürstenfeld 6
82256 Fürstenfeldbruck

Bildnachweis:

01 Brücke, Walther Klemm (1883-1957), Farbholzschnitt, Museum Fürstenfeldbruck

02 Kriegsgefangenen-Lager Krasnojarsk, Otto Schmatt, Farbholzschnitt, 1917, Museum Fürstenfeldbruck

03 Soldaten im Schützengraben, aus „Kriegstagebuch“, Erich Gruner (1881-1966), 1915, Holzschnitt, Museum Fürstenfeldbruck
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Mittwoch 22.11.2017
Zirkusschweine im Tiefenlicht – Hinterglasmalerei in Penzberg, Bernried, Murnau und Kochel
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In diesem Herbst haben sich die vier dem Expressionismus verpflichteten Museen im „Blauen Land“ erstmals auf ein gemeinsames Schwerpunktthema verständigt: In einer übergreifenden Ausstellungsreihe ist in Penzberg, Kochel, Murnau und Bernried Hinterglasmalerei zu sehen. Die Bandbreite der Exponate reicht von volkstümlich über kurios bis abstrakt, vom Votivbild über den „Blauen Reiter“ und die klassische Moderne bis zur Gegenwartskunst.

Die Sammelleidenschaft von Lothar-Günther Buchheim, die sich bekanntlich auf unterschiedlichste Bereiche des Dekorativen erstreckte und keine Unterscheidung zwischen sogenannter hoher und sogenannter niedriger Kunst machte, umfasste auch volkstümliche Hinterglasmalerei, wie sie als Votiv- und Andachtsbilder etwa in Siebenbürgen, Böhmen, Schlesien, Südtirol und Bayern weit verbreitet war. Auch die mit einer Metallschicht hinterlegten sogenannten „Nonnenspiegel“ gehörten dazu: Diese Heiligenbilder durften Klosterschwestern in früheren Zeiten in ihre Zellen hängen, ein richtiger Spiegel hingegen war ihnen verboten, denn Eitelkeit galt als Sünde. Darüberhinaus hatte Buchheim selbst in der unmittelbaren Nachkriegszeit in seiner Werkstatt in Feldafing nicht nur Laubsägearbeiten, sondern eben auch Hinterglasbilder angefertigt und verkauft. Hier wie dort gehörten lustige Tiere und bunte Clowns zu seinen bevorzugten Motiven. Unter dem Titel „Nonnenspiegel und Zirkusschweine“ sind diese Schätze, die in den Tiefen des Depots gehoben wurden, in einer furiosen Mischung noch bis Februar im Buchheim-Museum zu sehen.

Mit seinen Veröffentlichungen zum „Blauen Reiter“ hatte einst Buchheim selbst an der Gründungslegende einer expressionistischen Avantgarde mitgeschrieben, die wesentliche Impulse aus volkstümlicher Kunst bezogen habe. Aber auch Gabriele Münter selbst beschreibt diese Inspiration: „Vor allem wies mir die Volkskunst den Weg, namentlich die um den Staffelsee einst blühende bäuerliche Hinterglasmalerei mit ihrer unbekümmerten Formvereinfachung, den starken Farben in dunklen Umrissen.“ Und so führt denn auch der Weg von Bernried direkt nach Murnau, wo nicht nur die Bilder von Gabriele Münter zu sehen sind, sondern es in der Dauerausstellung auch einen ganzen Raum für Hinterglaskunst gibt. Am 7. Dezember wird dort außerdem die Ausstellung „Lichtungen“ der Künstlerin Gaby Terhuven eröffnet: Ihre konkreten Glasarbeiten, die aus schmalen und breiten Farblinien bestehen, sind von einer eindringlichen  Präsenz. Im Franz-Marc-Museum in Kochel ist noch bis Februar Franz Marcs Hinterglasbild „Landschaft mit Tieren und Regenbogen“ aus dem Jahr 1911 zu sehen. Es wird erstmals in direkter Gegenüberstellung mit einer Stickarbeit von Maria Marc präsentiert, für die das Bild ihres Mannes als Vorlage diente.

Unumstrittener Höhepunkt in der 2010 entstandenen „MuSeenLandschaft Expressionismus“ aber ist in diesem Herbst die Ausstellung „Tiefenlicht“ im Museum Penzberg, das sich zu einer bedeutenden Forschungsstätte zur Hinterglasmalerei entwickelt hat. Als „Tiefenlicht“ bezeichnet man die besondere Strahlkraft und den ungewöhnlichen Glanz von Hinterglasbildern, ein Effekt, der durch die rückwärtig, meist in mehreren Schichten auf die Glasfläche aufgebrachte Farbe erzeugt wird. Die Ausstellung, die zugleich das kostbare Abschiedsgeschenk der scheidenden Museumsleiterin Gisela Geiger darstellt, beschränkt sich nicht auf die 13 hauseigenen Hinterglasbilder von Heinrich Campendonk, sie umfasst auch Arbeiten von August Macke und Carlo Mense und spannt einen Bogen bis in die Gegenwart: Im zentralen Raum sind Campendonks Bild „Gralsburg“ zwei abstrakte Glasbilder von Gerhard Richter und das Bild „Die Augen waschen“ der Künstlerin Juschi Bannaski gegenübergestellt. Auch der Maler Bernd Zimmer ist unter den insgesamt 39 Künstlern dieser ungemein vielfältigen Ausstellung vertreten. Im Dachgeschoss öffnet sich das Thema noch einmal für die Licht- und Klanginstallation der Fotokünstlerin Maria Herrmann.

Katja Sebald


Buchheim Museum Bernried
NONNENSPIEGEL UND ZIRKUSSCHWEINE
Das Bleue Land hinter Glas     
Ausstellung vom 13. Oktober 2017 bis 18. Februar 2018


Museum Penzberg Sammlung Campendonk
TIEFENLICHT
Malerei hinter Glas von August Macke bis Gerhard Richter
Ausstellung vom 23. September 2017 bis 04. Februar 2018


Schloßmuseum Murnau
HINTERGLASKUNST
Dauerausstellung

Franz Marc Museum Kochel
HINTERGLASMALEREI ZWISCHEN VOLKSKUNST UND AVANTGARDE
Ausstellung vom 15. Oktober 2017 bis 18. Februar 2018
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Mittwoch 11.10.2017
München: Lange Nacht der Museen - Ich-Befragung und Experimente mit Realitäten in den städtischen Kunsträumen
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Paul Albert Leitner: Self-portrait, Mailtand, Florida 2004
München: Lange Nacht der Museen am 14. Oktober 2017

Ich-Befragung und Experimente mit Realitäten in den städtischen Kunsträumen

Wer die Wahl hat, hat die Qual: Es ist schlichtweg unmöglich, alle Ausstellungsorte zu besuchen, die in der „Langen Nacht der Münchner Museen“ geöffnet sind. Man muss also eine Auswahl treffen, sich für eine Buslinie entscheiden, in einer historischen Tram durch die Stadt fahren – oder einfach zu Fuß gehen. Um 19 Uhr und um 21 Uhr beginnen in der Rathausgalerie zwei geführte Rundgänge zu zeitgenössischer Kunst in den städtischen Kunsträumen rund um den Marienplatz: Der erste Rundgang „take 3“ führt von der Rathausgalerie zu den Kunstarkaden und zuletzt in die Artothek, auch „take 2“ beginnt in der Rathausgalerie und führt dann ins MaximiliansForum.

„Ich ist ein anderer“ heißt die gemeinsame Ausstellung von Angela Fechter, Sandra Filic und Paul Albert Leitner in der Rathausgalerie – und dieser Titel umreißt gleichzeitig das, was auch andernorts in der aktuellen Kunst verhandelt wird: Es geht um Ich-Konzepte und Rollenzuweisungen, um Selbstbefragung und Selbstinszenierung, um das Spiel mit Realitäten, um Posen und natürlich um das allgegenwärtige Selbstportrait, neudeutsch Selfie.

Die 1967 geborene Angela Fechter, Fotokünstlerin und Absolventin der Münchner Kunstakademie,  lässt in ihren sorgfältig inszenierten Bildern eine Kunstfigur auftreten: ein kleines Mädchen mit einer langen schwarzen Perücke und Kleidern, die sie zur geheimnisvollen, meist gesichtslosen Kindfrau machen, zuweilen tritt sie auch zusammen mit einer erwachsenen Version ihrer selbst auf. Schauplatz dieser kryptischen Bildgeschichten sind einsame Berglandschaften oder verlassene Behausungen, dunkle Räume wie aus einer anderen Zeit und einer anderen Realität.

Sandra Filic wurde 1974 in Kroatien geboren und lebt in München, wo sie unter anderem bei Magdalena Jetelova studierte. Auch sie hinterfragt Rollenkonzepte und Schönheitsideale, lässt für die Arbeit „Fake“ ihr eigenes Gesicht digital überarbeiten, bis es zum austauschbaren Magazin-Face wird. Für die Fotoserie „Ausgeträumt“ ließ sie die Papierkleider einer Anziehpuppe aus ihrer Kindheit für das echte Leben nachschneidern und für die Videoserie „Modelle der Wirklichkeit“ inszenierte sie fiktive Lebensmodelle. Der Betrachter muss in kleine enge Kabinen schlüpfen, um dann gleichsam als Voyeur in befremdliche Welten zwischen Idyll und Elend zu blicken.

Und wie aus der Zeit gefallen wirken schließlich die Bilder von Paul Albert Leitner. Der 1957 geborene Innsbrucker verweigert sich der technologischen Entwickung ebenso wie allen Zeitgeist-Phänomenen. Seit Jahren bereist er die Welt und fotografiert sich selbst in unterschiedlichen, oftmals in durchaus skurrilen Posen und meistens in einem zitronengelben Anzug. Dafür verwendet er jedoch keineswegs ein Smartphone mit Selfiestick, sondern immer noch eine einfache Spiegelreflex-Kamera aus den Achtzigern. Ein Handy besitzt er ebensowenig wie einen Computer, sein künstlerisches Archiv besteht aus Negativen, Abzügen und Dias, außerdem aus Karteikarten, die er von Hand oder mit der Schreibmaschine beschriftet und dann in unzähligen Schachteln ablegt. Einige dieser Dokumentationen sind in Vitrinen ausgelegt.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt auch der Ausstellungsraum selbst: In der Mitte der ehemaligen Kassenhalle des Neuen Rathauses plätschert noch heute ein Brunnen, das ehemals farbig bemalte Glasdach wurde nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs vereinfacht rekonstruiert. Auch die langen Schalterreihen zu beiden Seiten, an denen die Bürger der Stadt einst ihre Zahlungen zu leisten hatten, sind längst verschwunden.

Aus der Zeit gefallen scheint auch die Fußgängerunterführung am Ende der glitzernden Einkaufsmeile in der Maximilianstraße, auf deren Rolltreppenabgängen seit Jahren Pflanzen in Trögen wuchern. Das „MaximiliansForum“ wird seit Anfang der 1970er Jahre als städtischer Kunstraum genutzt. Im Oktober hat die Künstlerin Babylonia Constantinides den ohnehin schon düsteren Ort mit ihrem Environment „Schwarze Spiegel“ zum exemplarischen Schauplatz einer atomaren Apokalypse gemacht. Vor Ort sind in den letzten Wochen Videos entstanden, die Besucher, ausgestattet mit Tablets und Kopfhörern, in einer Art Parkour erfahren können.

Begehbar ist auch die Installation „Falsche Rücksichtnahmen“ von Verena Seibt und Thomas Splett in der Artothek: Zwischen Bühne und Wohnung, Tiergehege und Kinderspielplatz muss der Besucher sich selbst positionieren. Mit einem Video aus eigenen Aufnahmen und Youtube-Material geben ihm die 1980 geborene Seibt und der 1975 geborene Splett, die im echten Leben ein Paar sind und das Projekt mit einem Stipendium der Stadt München realisieren konnten, allenfalls Anregungen, wo individuelle Grenzen zwischen Ich und Wir, zwischen Frau und Mann, Mensch und Tier, Spiel und Ernst verlaufen könnten. In den Kunstarkaden, dem städtischen Laboratorium für junge zeitgenössische Kunst, wird das Künstlerkollektiv M8 in der Ausstellung „View on Dusk“ zu dem akustischen Experiment „Cosmic Giggle“ verschmelzen.

Katja Sebald
Autor: Siehe Artikel
Montag 28.08.2017
Buchheim Museum: Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung im Buchheim-Museum
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Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung im Buchheim-Museum    
Ausstellung vom 23. Juli bis 15. Oktober 2017     

Es ist eine oft und schnell dahingesagte Floskel, dass man in einer Ausstellung diesen oder jenen Künstler neu entdecken kann. Wer Emil Nolde bislang als Maler von Blumen und Wolken, von strahlenden Landschaften und ausdrucksvollen Portraits kennt, der wird in der aktuellen Ausstellung im Buchheim-Museum aber tatsächlich einem fremden Künstler begegnen: Die fulminante Bilderschau „Nolde. Die Grotesken“, bestückt mit 116 Werken aus der Nolde Stiftung in Seebüll, ist nach ihrer ersten Station im Rahmen der „Internationalen Tage Ingelheim“ im Museum Wiesbaden noch bis Mitte Oktober in Bernried zu sehen.

Das Fantastische und Groteske ist eine weitgehend unbekannte Facette in Noldes umfangreichem Werk, beschäftigte ihn jedoch in allen Schaffensperioden und hatte einen erheblichen Anteil an seinem Erfolg: Der geradezu reißende Absatz seiner „Bergpostkarten“, für die er in den Jahren von 1894 bis 1897 die Schweizer Alpengipfel in Gestalt grotesker Märchen- und Sagenfiguren portraitierte, ermöglichte es ihm, seinen Brotberuf aufzugeben und als Künstler zu existieren. Und die Serie seiner „Ungemalten Bilder“, kleinformatige Aquarelle, die trotz des Berufsverbots ab 1941 entstanden, begründeten schließlich seine Anerkennung und Würdigung in der Nachkriegszeit.

Buchstäblich im Zentrum der Ausstellung stehen aber zunächst die Gemälde aus den 1920er Jahren, die der Betrachter in einem Raum im Raum als hochexpressives Figurenkabinett und vor allem als wahren Farbenrausch erfährt. Ein „Tolles Weib“ mit feuerrotem Hexenhaar und giftgelber Haut streckt den Hintern einer ganzen Schar gieriger Gaffer hin, eine wilde Jagd fegt über die Leinwand, ein dunkelhäutiges Meerweib reckt seine roten Krallen unter einem riesigen Brecher hervor und zwei halbnackte Fantasiefrauen begegnen sich mit wehenden Röcken an einem wellengepeitschten Strand. Maskenträger, Tänzerinnen, Komödianten, ein Harlekin, ein „Seltsames Liebespaar“, lichtscheues Gesindel, grünhäutige Fabelwesen, glotzende Kopffüßler und huschende Spukgestalten geben sich ein Stelldichein. Es ist ein ebenso verführerischer wie irritierender Bilderkosmos, dessen Farbgewalt man sich kaum entziehen kann.

Ergänzend dazu werden an den äußeren Wänden des Ausstellungssaals druckgrafische Arbeiten und Aquarelle gezeigt, die nach ihrer Entstehungszeit zu Gruppen zusammengefasst sind: Auf die kuriosen Bergpostkarten folgen die als „Phantasien“ bezeichneten Radierungen, die „Märchenholzschnitte“, schließlich zwei Serien von Aquarellen, die 1918 in Utenwarf und 1919 auf der Hallig Hooge entstanden, und zuletzt eine Auswahl der ingesamt 1700 Blätter, die Nolde als „Ungemalte Bilder“ bezeichnete und die ihm nach 1945 als Grundlage für seine Gemälde dienten. Bei den Aquarellen ergaben sich die Motive erst direkt auf dem Blatt aus der verlaufenden Farbe, mit Tuschfederstrichen wurden sie konturiert. Auch bei den Radierungen ließ der Künstler zuweilen die Säure unkontrolliert Flächen in die Druckplatte ätzen und entwickelte daraus seine figürlichen Motive: Hier wie dort sind es Gestalten im Grenzbereich zwischen Mensch und Tier, mal eher verträumte Märchenwesen und mal eher fratzenhafte Gruselmonster. In Noldes Autobiografie wie auch in seinen Briefen finden sich zahlreiche Hinweise darauf, wie sehr sein subjektives Verhältnis zum Fantastischen und Grotesken sein künstlerisches Werk prägte.

Vollendes verstörend freilich wird der Ausstellungsbesuch, wenn man sich auch mit Noldes Biografie beschäftigt. Seinen Hang zum Grotesken sah Nolde selbst keineswegs im Widerspruch zum kunstpolitischen Diktum der Nationalsozialisten, im Gegenteil: Er wollte der deutschen Kunst „ihr verlorenes Deutschtum“ wiedergeben, war überzeugter Antisemit, Parteimitglied und Anhänger des Hitler-Regimes. Hatte Joseph Goebbels noch 1933 seine Berliner Villa mit Landschaftsaquarellen von Nolde ausstatten lassen, so war Nolde wenige Jahre später der meist vertretene Künstler in der diffamierenden Ausstellung „Entartete Kunst“. Dem Berufsverbot und den Repressalien versuchte er sich, zum Teil mit Erfolg, durch anbiedernde Briefe an Parteibonzen zu entziehen, den Ausschluss aus der „Reichskunstkammer“ im Jahr 1941 konnte er dennoch nicht verhindern. Nach 1945 wurde die Ablehnung von Noldes Kunst durch die Nationalsozialisten im Entnazifizierungsverfahren als seine eigene „Absage“ an das Regime interpretiert – Nolde wird zum gefeierten Nachkriegskünstler, erhält zahlreiche Auszeichnungen, ist mehrmals auf der Biennale in Venedig und 1955 auch auf der Documenta vertreten.

Zum Abschluss sei deshalb unbedingt noch ein kleiner Schlenker in den benachbarten Saal empfohlen, wo in diesen Wochen das berühmte Mohnblumen-Aquarell aus der Sammlung Buchheim zu sehen ist. Weil es so lichtempfindlich ist, kann es nur selten gezeigt werden. Von „wunderbaren Erscheinungen“ und „beglückenden Schöpfungen“ schwärmte schon Lothar-Günther Buchheim, wenn er von Noldes Blumenbildern sprach.

Empfohlen sei aber auch das Rahmenprogramm zur Ausstellung, zu dem beispielsweise am Sonntag, 17. September 2017, um 15.30 Uhr eine Führung mit dem Museumsdirektor Daniel J. Schreiber und eine Performance des Münchner „fastfood theaters“ gehören. Auch zur Finissage am Sonntag, 15. Oktober 2017, führt Schreiber selbst um 15.30 Uhr durch die Ausstellung, im Anschluss daran können bei einem Quiz Preise gewonnen werden. Alle Termine unter: www.buchheimmuseum.de.
Katja Sebald



Buchheim Museum
Am Hirschgarten 1
82347 Bernrie


Emil Nolde, Tolles Weib,
Gemälde 1919, © Nolde Stiftung Seebüll


Emil Nolde, Seltsame,
Gemälde 1923, © Nolde Stiftung Seebüll


Emil Nolde, Tier und Weib,
Aquarell 1931-35, © Nolde Stiftung Seebüll
Autor: Katja Sebald
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