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Inhaltsverzeichnis
München: Lange Nacht der Museen - Ich-Befragung und Experimente mit Realitä...

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Buchheim Museum: Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung...

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Dachau: BerufsBilder - Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie

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Fürstenfeldbruck: Henrik Moor – Avantgarde im Verborgenen

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Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt

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Museum Starnberger See: Johanna Schütz-Wolff (1896-1965) Expressive Bildtep...

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Mittwoch 11.10.2017
München: Lange Nacht der Museen - Ich-Befragung und Experimente mit Realitäten in den städtischen Kunsträumen
Bilder
Paul Albert Leitner: Self-portrait, Mailtand, Florida 2004
München: Lange Nacht der Museen am 14. Oktober 2017

Ich-Befragung und Experimente mit Realitäten in den städtischen Kunsträumen

Wer die Wahl hat, hat die Qual: Es ist schlichtweg unmöglich, alle Ausstellungsorte zu besuchen, die in der „Langen Nacht der Münchner Museen“ geöffnet sind. Man muss also eine Auswahl treffen, sich für eine Buslinie entscheiden, in einer historischen Tram durch die Stadt fahren – oder einfach zu Fuß gehen. Um 19 Uhr und um 21 Uhr beginnen in der Rathausgalerie zwei geführte Rundgänge zu zeitgenössischer Kunst in den städtischen Kunsträumen rund um den Marienplatz: Der erste Rundgang „take 3“ führt von der Rathausgalerie zu den Kunstarkaden und zuletzt in die Artothek, auch „take 2“ beginnt in der Rathausgalerie und führt dann ins MaximiliansForum.

„Ich ist ein anderer“ heißt die gemeinsame Ausstellung von Angela Fechter, Sandra Filic und Paul Albert Leitner in der Rathausgalerie – und dieser Titel umreißt gleichzeitig das, was auch andernorts in der aktuellen Kunst verhandelt wird: Es geht um Ich-Konzepte und Rollenzuweisungen, um Selbstbefragung und Selbstinszenierung, um das Spiel mit Realitäten, um Posen und natürlich um das allgegenwärtige Selbstportrait, neudeutsch Selfie.

Die 1967 geborene Angela Fechter, Fotokünstlerin und Absolventin der Münchner Kunstakademie,  lässt in ihren sorgfältig inszenierten Bildern eine Kunstfigur auftreten: ein kleines Mädchen mit einer langen schwarzen Perücke und Kleidern, die sie zur geheimnisvollen, meist gesichtslosen Kindfrau machen, zuweilen tritt sie auch zusammen mit einer erwachsenen Version ihrer selbst auf. Schauplatz dieser kryptischen Bildgeschichten sind einsame Berglandschaften oder verlassene Behausungen, dunkle Räume wie aus einer anderen Zeit und einer anderen Realität.

Sandra Filic wurde 1974 in Kroatien geboren und lebt in München, wo sie unter anderem bei Magdalena Jetelova studierte. Auch sie hinterfragt Rollenkonzepte und Schönheitsideale, lässt für die Arbeit „Fake“ ihr eigenes Gesicht digital überarbeiten, bis es zum austauschbaren Magazin-Face wird. Für die Fotoserie „Ausgeträumt“ ließ sie die Papierkleider einer Anziehpuppe aus ihrer Kindheit für das echte Leben nachschneidern und für die Videoserie „Modelle der Wirklichkeit“ inszenierte sie fiktive Lebensmodelle. Der Betrachter muss in kleine enge Kabinen schlüpfen, um dann gleichsam als Voyeur in befremdliche Welten zwischen Idyll und Elend zu blicken.

Und wie aus der Zeit gefallen wirken schließlich die Bilder von Paul Albert Leitner. Der 1957 geborene Innsbrucker verweigert sich der technologischen Entwickung ebenso wie allen Zeitgeist-Phänomenen. Seit Jahren bereist er die Welt und fotografiert sich selbst in unterschiedlichen, oftmals in durchaus skurrilen Posen und meistens in einem zitronengelben Anzug. Dafür verwendet er jedoch keineswegs ein Smartphone mit Selfiestick, sondern immer noch eine einfache Spiegelreflex-Kamera aus den Achtzigern. Ein Handy besitzt er ebensowenig wie einen Computer, sein künstlerisches Archiv besteht aus Negativen, Abzügen und Dias, außerdem aus Karteikarten, die er von Hand oder mit der Schreibmaschine beschriftet und dann in unzähligen Schachteln ablegt. Einige dieser Dokumentationen sind in Vitrinen ausgelegt.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt auch der Ausstellungsraum selbst: In der Mitte der ehemaligen Kassenhalle des Neuen Rathauses plätschert noch heute ein Brunnen, das ehemals farbig bemalte Glasdach wurde nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs vereinfacht rekonstruiert. Auch die langen Schalterreihen zu beiden Seiten, an denen die Bürger der Stadt einst ihre Zahlungen zu leisten hatten, sind längst verschwunden.

Aus der Zeit gefallen scheint auch die Fußgängerunterführung am Ende der glitzernden Einkaufsmeile in der Maximilianstraße, auf deren Rolltreppenabgängen seit Jahren Pflanzen in Trögen wuchern. Das „MaximiliansForum“ wird seit Anfang der 1970er Jahre als städtischer Kunstraum genutzt. Im Oktober hat die Künstlerin Babylonia Constantinides den ohnehin schon düsteren Ort mit ihrem Environment „Schwarze Spiegel“ zum exemplarischen Schauplatz einer atomaren Apokalypse gemacht. Vor Ort sind in den letzten Wochen Videos entstanden, die Besucher, ausgestattet mit Tablets und Kopfhörern, in einer Art Parkour erfahren können.

Begehbar ist auch die Installation „Falsche Rücksichtnahmen“ von Verena Seibt und Thomas Splett in der Artothek: Zwischen Bühne und Wohnung, Tiergehege und Kinderspielplatz muss der Besucher sich selbst positionieren. Mit einem Video aus eigenen Aufnahmen und Youtube-Material geben ihm die 1980 geborene Seibt und der 1975 geborene Splett, die im echten Leben ein Paar sind und das Projekt mit einem Stipendium der Stadt München realisieren konnten, allenfalls Anregungen, wo individuelle Grenzen zwischen Ich und Wir, zwischen Frau und Mann, Mensch und Tier, Spiel und Ernst verlaufen könnten. In den Kunstarkaden, dem städtischen Laboratorium für junge zeitgenössische Kunst, wird das Künstlerkollektiv M8 in der Ausstellung „View on Dusk“ zu dem akustischen Experiment „Cosmic Giggle“ verschmelzen.

Katja Sebald
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Montag 28.08.2017
Buchheim Museum: Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung im Buchheim-Museum
Bilder
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Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung im Buchheim-Museum    
Ausstellung vom 23. Juli bis 15. Oktober 2017     

Es ist eine oft und schnell dahingesagte Floskel, dass man in einer Ausstellung diesen oder jenen Künstler neu entdecken kann. Wer Emil Nolde bislang als Maler von Blumen und Wolken, von strahlenden Landschaften und ausdrucksvollen Portraits kennt, der wird in der aktuellen Ausstellung im Buchheim-Museum aber tatsächlich einem fremden Künstler begegnen: Die fulminante Bilderschau „Nolde. Die Grotesken“, bestückt mit 116 Werken aus der Nolde Stiftung in Seebüll, ist nach ihrer ersten Station im Rahmen der „Internationalen Tage Ingelheim“ im Museum Wiesbaden noch bis Mitte Oktober in Bernried zu sehen.

Das Fantastische und Groteske ist eine weitgehend unbekannte Facette in Noldes umfangreichem Werk, beschäftigte ihn jedoch in allen Schaffensperioden und hatte einen erheblichen Anteil an seinem Erfolg: Der geradezu reißende Absatz seiner „Bergpostkarten“, für die er in den Jahren von 1894 bis 1897 die Schweizer Alpengipfel in Gestalt grotesker Märchen- und Sagenfiguren portraitierte, ermöglichte es ihm, seinen Brotberuf aufzugeben und als Künstler zu existieren. Und die Serie seiner „Ungemalten Bilder“, kleinformatige Aquarelle, die trotz des Berufsverbots ab 1941 entstanden, begründeten schließlich seine Anerkennung und Würdigung in der Nachkriegszeit.

Buchstäblich im Zentrum der Ausstellung stehen aber zunächst die Gemälde aus den 1920er Jahren, die der Betrachter in einem Raum im Raum als hochexpressives Figurenkabinett und vor allem als wahren Farbenrausch erfährt. Ein „Tolles Weib“ mit feuerrotem Hexenhaar und giftgelber Haut streckt den Hintern einer ganzen Schar gieriger Gaffer hin, eine wilde Jagd fegt über die Leinwand, ein dunkelhäutiges Meerweib reckt seine roten Krallen unter einem riesigen Brecher hervor und zwei halbnackte Fantasiefrauen begegnen sich mit wehenden Röcken an einem wellengepeitschten Strand. Maskenträger, Tänzerinnen, Komödianten, ein Harlekin, ein „Seltsames Liebespaar“, lichtscheues Gesindel, grünhäutige Fabelwesen, glotzende Kopffüßler und huschende Spukgestalten geben sich ein Stelldichein. Es ist ein ebenso verführerischer wie irritierender Bilderkosmos, dessen Farbgewalt man sich kaum entziehen kann.

Ergänzend dazu werden an den äußeren Wänden des Ausstellungssaals druckgrafische Arbeiten und Aquarelle gezeigt, die nach ihrer Entstehungszeit zu Gruppen zusammengefasst sind: Auf die kuriosen Bergpostkarten folgen die als „Phantasien“ bezeichneten Radierungen, die „Märchenholzschnitte“, schließlich zwei Serien von Aquarellen, die 1918 in Utenwarf und 1919 auf der Hallig Hooge entstanden, und zuletzt eine Auswahl der ingesamt 1700 Blätter, die Nolde als „Ungemalte Bilder“ bezeichnete und die ihm nach 1945 als Grundlage für seine Gemälde dienten. Bei den Aquarellen ergaben sich die Motive erst direkt auf dem Blatt aus der verlaufenden Farbe, mit Tuschfederstrichen wurden sie konturiert. Auch bei den Radierungen ließ der Künstler zuweilen die Säure unkontrolliert Flächen in die Druckplatte ätzen und entwickelte daraus seine figürlichen Motive: Hier wie dort sind es Gestalten im Grenzbereich zwischen Mensch und Tier, mal eher verträumte Märchenwesen und mal eher fratzenhafte Gruselmonster. In Noldes Autobiografie wie auch in seinen Briefen finden sich zahlreiche Hinweise darauf, wie sehr sein subjektives Verhältnis zum Fantastischen und Grotesken sein künstlerisches Werk prägte.

Vollendes verstörend freilich wird der Ausstellungsbesuch, wenn man sich auch mit Noldes Biografie beschäftigt. Seinen Hang zum Grotesken sah Nolde selbst keineswegs im Widerspruch zum kunstpolitischen Diktum der Nationalsozialisten, im Gegenteil: Er wollte der deutschen Kunst „ihr verlorenes Deutschtum“ wiedergeben, war überzeugter Antisemit, Parteimitglied und Anhänger des Hitler-Regimes. Hatte Joseph Goebbels noch 1933 seine Berliner Villa mit Landschaftsaquarellen von Nolde ausstatten lassen, so war Nolde wenige Jahre später der meist vertretene Künstler in der diffamierenden Ausstellung „Entartete Kunst“. Dem Berufsverbot und den Repressalien versuchte er sich, zum Teil mit Erfolg, durch anbiedernde Briefe an Parteibonzen zu entziehen, den Ausschluss aus der „Reichskunstkammer“ im Jahr 1941 konnte er dennoch nicht verhindern. Nach 1945 wurde die Ablehnung von Noldes Kunst durch die Nationalsozialisten im Entnazifizierungsverfahren als seine eigene „Absage“ an das Regime interpretiert – Nolde wird zum gefeierten Nachkriegskünstler, erhält zahlreiche Auszeichnungen, ist mehrmals auf der Biennale in Venedig und 1955 auch auf der Documenta vertreten.

Zum Abschluss sei deshalb unbedingt noch ein kleiner Schlenker in den benachbarten Saal empfohlen, wo in diesen Wochen das berühmte Mohnblumen-Aquarell aus der Sammlung Buchheim zu sehen ist. Weil es so lichtempfindlich ist, kann es nur selten gezeigt werden. Von „wunderbaren Erscheinungen“ und „beglückenden Schöpfungen“ schwärmte schon Lothar-Günther Buchheim, wenn er von Noldes Blumenbildern sprach.

Empfohlen sei aber auch das Rahmenprogramm zur Ausstellung, zu dem beispielsweise am Sonntag, 17. September 2017, um 15.30 Uhr eine Führung mit dem Museumsdirektor Daniel J. Schreiber und eine Performance des Münchner „fastfood theaters“ gehören. Auch zur Finissage am Sonntag, 15. Oktober 2017, führt Schreiber selbst um 15.30 Uhr durch die Ausstellung, im Anschluss daran können bei einem Quiz Preise gewonnen werden. Alle Termine unter: www.buchheimmuseum.de.
Katja Sebald



Buchheim Museum
Am Hirschgarten 1
82347 Bernrie


Emil Nolde, Tolles Weib,
Gemälde 1919, © Nolde Stiftung Seebüll


Emil Nolde, Seltsame,
Gemälde 1923, © Nolde Stiftung Seebüll


Emil Nolde, Tier und Weib,
Aquarell 1931-35, © Nolde Stiftung Seebüll
Autor: Katja Sebald
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Fotos: Arbeiten von Albrecht Tübke und Joerg Lipskoch
Samstag 18.02.2017
Dachau: BerufsBilder - Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie
BerufsBilder - Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie

Porträtfotografien sind keine Schnappschüsse aus der Sommerfrische. Meist sind es mehr oder weniger inszenierte Signale aus dem Reich des Individuellen. Ihre Aufgabe ist das bildliche Herausarbeiten unverwechselbarer Persönlichkeiten. So unbarmherzig das Ergebnis auch sein mag - sie legen Zeugnis ab. Noch bis zum 19. März läuft in der Neuen Galerie Dachau die Ausstellung „BerufsBilder – Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie“.
Ausgehend von August Sander (1876-1964), einem der Wegbereiter der sachlich-konzeptionellen Dokumentarfotografie und seinem Hauptwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, sind in der Konrad-Adenauer-Straße 20 die themenbezogenen Arbeiten einiger zeitgenössischer Fotografen zu sehen. Sander war der Auffassung, „Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art“, was aber einer künstlerischen Umsetzung des Themas nicht im Wege stand. Viele der über 600 Arbeiten seines Hauptwerkes beschäftigen sich mit der sozialen Stellung des einzelnen Menschen, die sich wiederum aus ihren jeweiligen Berufen ableiten. Person und Beruf war für ihn eine Einheit, die ihre gesellschaftliche Stellung verdeutlichte. Vier seiner Arbeiten (Der Notar, Der Kassierer der Sparkasse, Die Sopranistin und Der Schmied), die den Weg nach Dachau gefunden haben, machen dies auf beeindruckende Weise deutlich.
Im Laufe der Jahrzehnte hat sich dieses Bild verändert, so, wie sich die gesamte Berufswelt völlig verändert hat. Trotz diesem Wandel, versuchen die Fotografien den Menschen mit seiner Tätigkeit in Einklang zu bringen. Dies geschieht in zum Teil sehr deutlicher Bezugnahme des Portraits zum Arbeitsumfeld (Joerg Lipskoch), teilweise aber auch auf eine verspielte, künstlerische Art (Hannes Rohrer).
Die Frage, ob die Tätigkeit auf den Einzelnen abfärbt, oder ob an dem Porträtierten etwas berufstypisches haften bleibt, steht, trotz dieser interessanten Fragestellung, an zweiter Stelle. Schon allein die Unterschiedlichkeit der Berufsbilder und deren Bezeichnungen machen dies deutlich: Der Glücksbringer, die Saisonverlängerin. Hier werden gesellschaftliche Realitäten mit einem ironischen Blick gebrochen.
Manchmal ist es das Arbeitsumfeld, in denen die Personen abgelichtet werden, die auf ihr Tätigkeitsfeld schließen lassen (Albrecht Tübke). Oder die Portraits zeigen anstatt den berufstätigen Menschen, allein das „Material“ mit dem sie arbeiten, wie im Fall von Herlinde Koebl, die Instrumente ins Zentrum ihrer Arbeiten rückt und nicht die Musiker.
So vermitteln die Arbeiten dieser Ausstellung in ihrem spezifischen Blick über die Berufstätigkeit bildhafte Zeitgeschichte und geben zugleich in ihrem Vergleich einen spannenden Einblick in die Kunstgeschichte.
KultKomplott


„BerufsBilder - Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie“
Ausstellung noch bis zum 19. März 2017

Neue Galerie Dachau
Konrad-Adenauer-Straße 20
85221 Dachau
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Samstag 13.08.2016
Fürstenfeldbruck: Henrik Moor – Avantgarde im Verborgenen
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Fürstenfeldbruck. Diese Ausstellung ist ein Fest für alle Entdecker und ein Genuss für alle Liebhaber der Kunst. Denn mit „Henrik Moor – Avantgarde im Verborgenen“ gibt das Museum Fürstenfeldbruck einen in diesem Umfang bisher einmaligen Einblick in das Schaffen eines Malers, der mit freundschaftlichem Beistand und der Erfahrung eines Weltbürgers einem Unrechtssystem trotzte und dabei ein künstlerisch beeindruckendes Oevre schuf. Diese Werkschau vereint Arbeiten aus über vier Jahrzehnten, realisiert von einem Individualisten, der auf ständiger Suche war, und in dessen Schaffen sich die wechselvolle Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Moor hat sich Zeit seines Lebens mit stilistischen und inhaltlichen Fragen innerhalb der angewandten Kunst auseinandergesetzt. Ein Unruhegeist, der sich von einzelnen Entwicklungen innerhalb der Kunstszene zwar sichtbar hat inspirieren lassen, doch dabei immer seinen eigenen Weg suchte. Nie hat er sich in irgendeiner Form auf eine „Mode“ aufgeschwungen, um dadurch den eigenen Erfolg zu forcieren. Was er geschaffen hat, ist das Ergebnis konzentrierten Arbeitens und der Leidenschaft für die Kunst schlechthin. Hinzu kommt eine Biographie, die in ihrer Spannung und Dramatik einem Drehbuch entstammen könnte.
Geboren wurde Henrik Moor 1876 in Prag. Der Vater war Opernsänger und Kantor verschiedener Synagogen, die Mutter Tochter eines jüdischen Holzhändlers. Mit nur neun Jahren zog die Familie Moor in die USA, wo sie drei Jahre lebte. Zurück nach Europa begann Henrik 1891 das Studium der Malerei in London, besuchte zwischenzeitlich auch eine private Kunstschule in Paris. 1884 setzte er sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München fort. Nach seiner Heirat mit Eleonore Eugenie Wolff siedelte die kleine Familie, mittlerweile war Tochter Gertrud Erika geboren, nach Fürstenfeldbruck über.
Zwischenzeitlich war Henrik Moor an ersten Ausstellungen im Münchner Glaspalast und der „Secession“ beteiligt. Auch als Portraitmaler wurde er geschätzt, was ihm half, Beziehungen aufzubauen und wirtschaftlich zu überleben. Er war Mitglied verschiedener Künstlervereinigungen und beantragte mehrmals die bayrische Staatsangehörigkeit, die ihm und seiner Familie 1929 auch zugesprochen wurde.
Obwohl jüdischer Abstammung, die er lange Zeit verbergen konnte, wurde Moor 1934 Mitglied der Reichskulturkammer. Auch in den darauffolgenden Jahren gelang es ihm, Dank der Hilfe vieler Freunde und Verehrer, seine Identität zu verschleiern, so dass er 1937 sogar eine eigene „Schule für zeichnende Künste und Malerei“ in München kaufte und erfolgreich leitete, bis er 1940 an einem Blinddarmdurchbruch starb.
Die im Museum Fürstenfeldbruck ausgestellten Werke geben einen breiten und vielfältigen Einblick in ein von Farbe und Musik gekennzeichnetes Leben. Seine Arbeiten faszinieren aufgrund ihrer erfrischenden Nähe zum Impressionismus. Zugleich lassen sich deutliche Anleihen zum deutschen Expressionismus erkennen. Hier beeindrucken sie durch eine spürbare Entschlossenheit in der Umsetzung und durch ihre stimmungsaufwühlende Farbgebung. Seine Portraits zeigen Haltung und Mut zum Experiment. „Apokalyptische Reiter“ ziehen auf einem seiner Bilder, welches 1930 entstand, in eine abstrakte Schlacht, deren Intensität mit den Händen zu greifen scheint. Moor, selbst ausgezeichneter Cello-Spieler, hat immer wieder die Gefühlswelt der Musik bildhaft zum Ausdruck gebracht. Den Atem der Harmonie in farbige Kompositionen umgesetzt, den raumfüllenden Tanz der Noten in filigranen Figuren dargestellt. Musik als bunte, ausufernde Bildarchitektur. Musik als ungezügelte, sichtbare Leidenschaft. Die Landschaften leben in einer eigenwilligen, von Zartheit und derber Natur bestimmten Dynamik. Und immer wieder treibt Moor die Abstraktion voran, löst er sich vom Formalen und stößt in andere, suggestive Welten vor, wie das „Motiv aus Fürstenfeldbruck“, das um 1926 entstand. Hier wird sein Drang, künstlerisches Neuland zu erobern, vielleicht am deutlichsten spürbar. Ein begeisterndes Spiel von Farben und Formen, von Flüchtigkeit und tiefer Verwurzelung. Diese Ausstellung ist Überraschung und Erlebnis gleichermaßen.
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Sonntag 19.06.2016
Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt
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Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt

Dachau. Der Holzschnitt gehört zu den ältesten Drucktechniken der Menschheit und ist seit Beginn des 15. Jahrhunderts ein in der Kunst angewandtes und akzeptiertes graphisches Verfahren. Im Laufe seines Bestehens hat sich seine Technik, bis auf wenige Ausnahmen, nicht wesentlich geändert. Zwar findet man immer wieder einmal individuelle Unterschiede in der Umsetzung des kreativen Schaffensprozesses. Doch letztlich bleiben die klassischen Schwarzlinien- oder Weißlinienschnitte, der Flächenschnitt oder der Holzstich in ihrer visuellen Wirkung ähnlich. Wie sich jedoch der künstlerische Inhalt und der ästhetische Ausdruck im Laufe der Zeit verändert hat, machen derzeit zwei Ausstellungen in Dachau deutlich. Mit Walther Klemm und Carl Thiemann finden in der Gemäldegalerie in der Konrad-Adenauer-Straße zwei Künstler ein Podium, die, von der japanischen Tradition des Farbholzschnitts geprägt und im Umfeld des Jugendstils künstlerisch gewachsen, sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts intensiv mit diesem Druckverfahren auseinandergesetzt haben. Demgegenüber werden in der Neuen Galerie die beiden zeitgenössischen Künstler Susanne Hanus und Jan Brokof mit Arbeiten ausgestellt, die ebenfalls auf der Grundlage des klassischen Holzschnitts entstanden sind, aber in der Umsetzung eine völlig andere Herangehensweise zeigen. Zwischen beiden Entstehungsperioden liegen ca. 100 Jahre - eine reizvolle Gegenüberstellung.
Walter Klemm (geb. 1883) und Carl Thiemann (geb. 1881) stammen beide aus Karlsbad, wo sie sich zwar kannten, aber unabhängig voneinander ein Kunststudium aufnahmen. Klemm in Wien, Thiemann ging nach einer Ausbildung zum Kaufmann nach Prag, an die dortige Kunstakademie. 1905 trafen sie sich dann zufällig in Prag und spürten sofort eine künstlerische Seelenverwandtschaft. Sie tauschten intensiv ihre unterschiedlichen Erfahrungen aus, suchten sich gemeinsam ein Atelier und arbeiteten anschließend erfolgreich miteinander. Drei Jahre später zogen sie unweit der Kunstmetropole München in die Dachauer Künstlerkolonie und mieteten wiederholt ein Atelier. Doch der Zenit ihres künstlerischen Miteinanders schien überschritten. Sie fanden in der Folgezeit immer weniger Bezug zueinander, vielleicht als das Ergebnis des vorherigen, zu engen künstlerischen Austauschs. Walter Klemm nahm 1913 in Weimar eine Professur an der dortigen Kunsthochschule an, womit die gemeinsame künstlerische Schaffensphase endgültig beendet war.
Bei den in Dachau ausgestellten Arbeiten werden besonders die handwerklichen Kunstfertigkeiten deutlich, die beide in ihren Arbeiten auf der Basis von Studien und Experimenten zur Vollendung führten. Die ausgewogenen Kontraste zwischen groben, fast derben Flächen und differenziert ausgearbeiteten Feinheiten; das korrelierende Wechselspiel von Licht und Schatten; die zum Teil intensive farbliche Gestaltung - all dies trägt zu einer ganz besonderen, illustrierenden Ästhetik bei. Bei einigen der Blätter sind starke Ähnlichkeiten untereinander zu erkennen, die sich erst bei genauerer Betrachtungsweise etwas auflösen. Die von beiden geliebten Tiermotive, besonders bei Klemm machen sich seine intensiven Studien im Tierpark von Schönbrunn bemerkbar, stehen häufig im Mittelpunkt.
Susanne Hanus (geb. 1975) erzählt in ihren in der Dachauer Neuen Galerie ausgestellten Arbeiten Geschichten. Ineinandergreifende, vielschichtige bildhafte Erzählungen, alptraumartig, skurril, metaphorisch. Ihre „Holzschnitte“ verzichten bewusst auf jenen Modellcharakter, wie er den Blättern von Klemm und Thiemann zu eigen ist. Die großflächigen Arbeiten, überwiegend in Holz geschnitten und die einzelnen Tafeln wie ein Paravent zusammengesetzt, ähneln Reliefs, oder Holzgravuren. Sie dienen nicht als Druckstöcke, sondern sind Unikate, deren Vervielfältigung nicht beabsichtigt ist. Sie ermöglichen Deutungen, spielen mit Verweisen und Zitaten und wirken, auch in ihren schwarz-weiß Kontrasten, ungemein lebendig. Manche ihrer Bilder setzen sich wie Mosaike zusammen, wobei die Frage im Raum steht, ob es hier nicht noch Fortsetzungen gibt. Susanne Hanus stammt aus Berlin und hat in Dresden (HfBK), München (Akademie der Bildenden Künste) und Glasgow studiert. Auf die Frage, wie sie ihre Werke mit nur drei Worten beschreiben würde, antwortete sie im letzten Jahr: „Horizonte, Hindernisse, offen“.
Bei Jan Brokof (geb. 1977) steht deutlicher als bei allen anderen Künstlern, die eigene Sozialisation im Mittelpunkt. Er stammt aus Schwedt an der Oder. Die Einwohnerzahl der Stadt in der Uckermarck hat sich in den 1950er bis in die 1980er Jahren von 6.000 auf über 50.000 erhöht. Dieses Wachstum ist der bahnbrechenden Erdölindustrie jener Jahre zuzuschreiben, die in den Randbezirken Schwedts riesige Neubausiedlungen hat entstehen lassen, die heute, nachdem die Einwohnerzahl um über 20.000 gesunken ist, durch Leerstand und Verfall gekennzeichnet sind. Die „Platte“ ist das Hauptthema der in Holzschnitttechnik entstandenen Arbeiten Brokofs. Die triesten, eintönigen Fassaden scheinen sich besonders für dieses graphische Verfahren zu eignen. Einige Ausschnitte vergrößert und in unterschiedlichen Grautönen dargestellt, wirken wie archaische Muster, wie Zeichen oder Symbole aus einer archaischen Kultur. Brokof stellt in Dachau auch eine Installation unter dem Titel „Problemviertel“ aus, deren realistische Umsetzung als ein Lebensort der Verlierer gesellschaftlicher Entwicklungen bedrückend wirkt. Überhaupt wird deutlich, wie sich die Ausstellung „Aussen- und Innenansichten“ in der Neuen Galerie Dachau mehr zeitbezogenen Themen stellt und dabei eine stärkere soziale Komponente zum Ausdruck bringt. Aber gerade dieser spürbare Kontrast fordert heraus und macht die beiden Ausstellungen in ihrer Gesamtheit so spannend.
Jörg Konrad



WALTHER KLEMM UND CARL THIEMANN
- ZWEI MEISTER DES FARBHOLZSCHNITTES
Gemäldegalerie Dachau
Konrad-Adenauer-Str. 3
85221 Dachau
Ausstellung noch bis 15. August 2016


AUSSEN- UND INNENANSICHTEN
HOLZSCHNITTE VON JAN BROKOF UND SUSANNE HANUS
Neue Galerie Dachau
Konrad-Adenauer-Straße 20
85221 Dachau
Ausstellung noch bis zum 17. Juli 2016
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Montag 18.01.2016
Museum Starnberger See: Johanna Schütz-Wolff (1896-1965) Expressive Bildteppiche und Grafik
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Nachlass Johanna Schütz-Wolff
Johanna Schütz-Wolff (1896-1965): Expressive Bildteppiche und Grafik
Ausstellung vom 12.11.2015 bis 28.02.2016 im Museum Starnberger See,

Der Starnberger See ist bekannt als Wohnort für berühmte Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur. Einige sind unvergessen, andere - oft zu Unrecht - in Vergessenheit geraten. Zu ihnen zählt die 1965 in Söcking verstorbene Künstlerin Johanna Schütz-Wolff. Ihr Leben und Werk wird nun anlässlich ihres fünfzigsten Todesjahres im Museum Starnberger See vorgestellt.
Johanna Schütz-Wolff gehörte in den 1920er Jahren zu den Vorreiterinnen der neuen, expressiven Webkunst. Als Studentin und später als Lehrerin der Kunst- und Gewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle entwickelte sie eine ihr eigene Webtechnik, mittels der sie eine freie künstlerische Ausdrucksmöglichkeit fand. Sie fasste die Bildweberei nicht als Kunsthandwerk auf, sondern erhob die Webtechnik zum künstlerischen Ausdrucksmittel. Ihr Anliegen war es, „etwas auszusagen über allen Nutzzweck hinaus, auszusagen über den Menschen schlechthin, die Welt, den Kosmos“ (JSW).
Es entstanden zahlreiche expressive Darstellungen des zeitlosen menschlichen Daseins, die durch ihre Kraft und tiefe Geistigkeit berühren. Sie wurden ausgestellt neben Werken von Gerhard Marcks, Karl Schmidt-Rottluff, Hans Arp, Wenzel Hablik, Anni Albers und Gunta Stölzl und fanden in der Fachwelt große Beachtung. 1928 wurde z.B. der Bildteppich „Liegende“ auf der Ausstellung „Deutsche Kunst“ in Düsseldorf mit der Silbermedaille ausgezeichnet. 
Ab 1933 wurde Johanna Schütz-Wolff in ihrer ungeheuren Schaffenskraft, die sie auch nach dem Fortgang aus Halle 1925 als Pfarrersfrau und Mutter im hessischen Schwabendorf bei Marburg nicht verlassen hatte, stark beschnitten. In ihrer vermeintlich „gewollten Primitivität“, wie es im nationalsozialistischen Duktus hieß, galten ihre Werke als „entartet“. Praktisch mit Berufsverbot belegt, arbeitete sie dennoch für Kirchen und private Auftraggeber weiter und schuf selbst in den beengten Verhältnissen des Pfarrhauses in Schwabendorf monumentale Werke.
Die Starnberger Ausstellung zeigt neben Bildteppichen auch Arbeiten aus dem druckgrafischen Werk der Künstlerin. Johanna Schütz-Wolff schuf Holzschnitte, die in Komposition und Bildaufbau durchaus Ähnlichkeit mit den oft grafisch anmutenden Bildteppichen aufweisen. Gezeigt werden Werke aus allen Schaffensphasen, von der Studienzeit in München um 1919, aus der Zeit als Dozentin in Halle (1920-25), über die Zeit als freischaffende Künstlerin in Schwabendorf (1925-1940) und Hamburg (1940-1954), wobei letztere durch den kriegsbedingten Rückzug ins bayerische Ried bei Kochel, zu ihrer Freundin Maria Marc (1941-47), unterbrochen wurde.
Auch noch in Starnberg, wo sie sich 1954 mit ihrem Mann endgültig niedergelassen hatte, entstanden Bildteppiche und Holzschnitte, von denen einige prämiert wurden und auf zahlreichen Ausstellungen international zu sehen waren. Ende der 1950er Jahre wandte sich Johanna Schütz-Wolff einer neuen Drucktechnik zu: In der Monotypie fand sie ein ideales Medium, „das im Prozesshaften und in der Einbeziehung zufälliger Wirkungen“ ihrem Ausdruckswillen entsprach. Sie schuf auf diese Weise „seltsam entrückte [...] Kompositionen, in denen menschliche Figuren nur angedeutet und wie in einem Traumreich zu schweben scheinen“, kurz „Bilder von Zartheit und Stille“ (R. Joppien).
Eine sehenswerte Schau über eine große Künstlerin, die einmal mehr zeigt, welch erstaunliche Entdeckungen am Starnberger See zu machen sind. 
Museum Starnberger See

Ausstellung vom 12.11.2015 bis 28.02.2016 im Museum Starnberger See,
Possenhofener Str. 5,
Starnberg
Autor: Siehe Artikel
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