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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Der Kaukasische Kreidekreis - Das Glanzlose des Menschseins

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Fürstenfeld: Shalosh – Explodierende Spielfreude

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Landsberg: Norma Winstone – Verbindet Gegensätze, bricht Distanzen

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Landsberg: Carlos Cipa & Occupanther – Hörspiel ohne Worte

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Landsberg: Edi Nulz – Hüter des Feuers

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Gröbenzell: Katona Twins Gitarrenduo – Gegensätze überbrücken

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Mittwoch 28.02.2018
Landsberg: Der Kaukasische Kreidekreis - Das Glanzlose des Menschseins
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Foto: Matthias Horn
Landsberg. Die Geschichte ist einfach erzählt: Die leibliche Mutter, eine vermögende wie hysterische Gouverneurin flieht während des Bürgerkrieges und lässt selbstsüchtig ihren Sohn zurück. Die Magd Grusche Vachnadze, selbst arm, unbemittelt und gerade erst verlobt mit Simon Chachawa, der in den Krieg zieht, nimmt das schutzlose Kind auf, umsorgt es, gibt ihm in abträglichen Zeiten die Zuwendung und später auch Liebe, die ein Säugling braucht, um zu überleben und vielleicht auch eine Chance im Leben zu haben.

Eine Zeit später, es herrscht Friede im Land, kommt die Gouverneurin und fordert ihren Sohn zurück, der aufgrund der neuen/alten Verhältnisse Erbe eines beachtlichen Vermögens ist. Doch diese widersetzt sich der Forderung, so dass ein Richter entscheiden muss, wer die wahre Mutter des Kindes ist. Der Sohn wird über einen aus Blut gezeichneten Kreis gehalten und beide Frauen sollen um ihn kämpfen. Die biologische Mutter zerrt an ihm ohne Rücksicht auf das Kind. Grusche aber hat Angst, ihn bei diesem Händel zu verletzen. Sie gibt nach, verzichtet zum Wohlergehen des Kindes auf jegliche Gewalt. Der Richter entscheidet letztendlich aber für Grusche, da er in ihrem Rückzug die wahre Liebe einer Mutter zu ihrem Kind erkennt. So bestimmt das „Soziale“ das „Biologische“. Und genau um diese Form der Dialektik ging es Bertold Brecht nicht nur in diesem1954 erstmals in Deutschland aufgeführten Drama. „Der Kaukasische Kreidekreis“ war das Eröffnungsstück am jungen Ostberliner „Theater am Schiffbauerdamm“, das Brecht gerade als Anreiz, um im Land zu bleiben, vom damaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl übertragen bekam und das von nun an „Berliner Ensemble“ hieß und für große, auch streitbare Theaterkunst bis heute sorgt.

Vor einem knappen Jahr nun nahm sich Michael Thalheimer dieser Parabel noch einmal an und schuf eine völlig reduzierte Inszenierung des Stoffes, mit der das Berliner Ensemble am Dienstagabend im Landsberger Stadttheater brillierte. Mit bescheidenem Bühnenbild treibt Thalheimer die Handlung in bester Brecht`scher Manier bis an die Barriere des Erträglichen, ja in manchen Momenten bis über die Schmerzgrenze hinaus. Er lässt die Figuren sich im Blute suhlen, macht die Kriegsgreuel in ihrer psychologischen und leibhaftigen Wirkung spürbar, was für das Publikum nur schwer auszuhalten ist. Aber auf diese Art entlarvt Brecht, zwischen Expressionismus und Naturalismus changierend, die Gesellschaft, zeigt den Menschen ungeschminkt in einem fast animalischen Aktionismus. In seinem Verständnis von Klassenkampf zeigt er das Glanzlose des Menschseins, vermittelt Scham und Grauen. Eine schöne, heile Welt gibt es nicht. Sie ist erbarmungsloser Kampf.
Das Schauspielerensemble bringt diese Beklemmung provozierend und bedrückend über den Bühnenrand. Allen voran Stefanie Reinsperger, die die Grusche als einen etwas einfachen, bäuerlichen Charakter mit physischen Körpereinsatz darstellt. Sie dringt in ihrer fesselnden Präsenz tief ins Innere der Figur, lässt ihr kaum ein Geheimniss, zeigt Angst und Verzweiflung beängstigend real. Ingo Hülsmann als Sänger ist der Erzähler der Geschichte. Kein Moralapostel, sondern eher ein Dandy, der die Handlung emotionslos, fast nonchalant mit einem Hauch Coolness kommentiert. Nico Holonics, der den verlobten Simon gibt, und als gebrochene Persönlichkeit aus dem Krieg zurückkehrt, oder Tilo Nest, dessen Spiel des Richters an eine zynische Farce zwischen Karneval und blutiger Realität erinnert – das Ensemble besticht durchweg in seiner bestimmten und beunruhigenden Darstellung.
Doch im Grunde gehört das Stück allein der Grusche, die mit Blut, Schweiß und Tränen kämpft und mit letzter Kraft versucht, so etwas wie ein Stück Menschlichkeit zu retten und deren aufopfernder Widerstand dabei durchweg von den schneidenden wie aufwühlenden Gitarrenmetamorphosen Kai Brückners kommentiert wird. Ein aufrüttelnder Theaterabend – der mit Sicherheit noch lange nachwirkt.
Jörg Konrad
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Donnerstag 22.02.2018
Fürstenfeld: Shalosh – Explodierende Spielfreude
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Fürstenfeld. Israel ist ein im Grunde überschaubares, nicht sehr großes Land. Dafür eines der dicht besiedelsten Asiens. Aber Israel gleich ein Mekka des Jazz? Genau so ist es: Avishai Cohen (der eine ist Bassist, der andere spielt Trompete), Omer Klein, Yaron Herman, Gilad Atzmon, Shai Maestro – sie alle sind auf ihrem jeweiligen Instrument international tonangebend. Auch Gadi Stern. Ein Pianist, ein Tastenzauberer, dem mit seinem Trio Shalosh das Ernste in der Musik ebenso wichtig ist, wie das fröhlich Beschwingte. Beeinflusst von Nirvana, The Bad Plus und Johannes Brahms widerspiegelt seine Musik die Vielseitigkeit des zeitgenössischen Jazz heutiger Prägung. Und wie dieses Konglomerat aus verschiedenen Stilen, ja Kulturen musikalisch in seinem Trio klingt, das war gestern Abend in Fürstenfeld zu erleben. Jazz First macht`s möglich.
Gadi Stern hat bei seinem Auftritt mit David Michaeli am Bass und Schlagzeuger Matan Assayag deutlich unterstrichen, was den Jazz in Israel auszeichnet: Intelligenz, Spielwitz, Fantasie, Individualität und natürlich das Beherrschen des instrumentalen Handwerks. Im Prinzip also die Grundausstattung jedes erfolgreichen Jazzmusikers schlechthin. Shalosh bringt zusätzlich eine Frische und Unbekümmertheit ins Spiel, wie man sie nur selten erlebt. Die drei Musiker explodieren fast vor Spielfreude. Ihre extrovertierte Umsetzung des kompositorischen Materials überwältigt. Ihre melodischen Wechsel, ihr Variieren der Zeit (mehrmals innerhalb eines Stückes), ihr improvisatorischer Funkenflug lotet die Grenzen des Jazz gewaltig aus. Rockige Querverweise, östliche und afrikanische Ideen, ja selbst elektronische Erweiterungen paaren sich mit klassischer Virtuosität und energiegeladenem Jazz. Rastlos und vorurteilsfrei durchstöbern sie die Musiklandschaft, fordern heraus, provozieren ein wenig – und lassen dabei schon einmal den Gedanken zu: Bei aller gebotenen Qualität - weniger wäre manchmal vielleicht auch mehr. Trotzdem ist dieser gemeinschaftliche Energieschub des Trios Shalosh interaktionsreich und nicht zuletzt deshalb stark beeindruckend.
Jörg Konrad
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Foto: Michael Putland / ECM Records
Montag 19.02.2018
Landsberg: Norma Winstone – Verbindet Gegensätze, bricht Distanzen
Landsberg. Kann man über Norma Winstone schreiben, ohne Azimuth zu erwähnen? Dieses Jahrhundert-Trio mit dem unvergleichlichen Pianisten John Taylor, dem vollendeten Trompeter Kenny Wheeler und eben dieser beinahe göttlichen Stimme Norma Winstones? Die wenigen Alben, die sie gemeinsam einspielten, sind ganz nahe dem Olymp des Jazz geraten. Auf eine subtile, stille, auf eine poetische Art. Keine gezierten Manirismen, ohne jede hemdsärmelige Attitüde. Fein gesponnene Ideen, die mit zartem Flügelschlag zeitlos durch den Äther geistern, aber den Kontakt zum Hier und Jetzt nie ganz verlieren.
Aber, um auf die anfängliche Frage zurückzukommen: Ja, man kann über Norma Winstone schreiben, ohne Azimuth zu erwähnen. Aber es fällt verdammt schwer, wie man sieht.
Azimuth ist seit über drei Jahrzehnten Geschichte. Die englische Sängerin aber besitzt schon eine geraume Weile ein neues Trio – mit dem italienischen Pianisten Glauco Venier und dem deutschen Holzbläser Klaus Giesing. Und ein neues Album, das dieser Tage bei ECM München erschienen ist. Der einzige Tour-Termin in Deutschland anlässlich dieser Veröffentlichung war gestern, im Landsberger Stadttheater! Glückwunsch den Veranstaltern!
„Descansado - Songs For Films“ heißt die CD und das Programm. Beides gefüllt mit Kompositionen aus überwiegend bekannten Filmen. Doch dieses Trio, plus Helge Andreas Norbakken am Schlagwerk als Gast, setzt eben nicht auf die eingängigen Melodien von Michel Legrand, Ennio Moricone oder Nino Rota, bei denen das Publikum schon nach zwei Takten weiß, wohin die Reise geht. Das wahre Wunder der besten Songs, war einmal zu lesen, liegt im Zusammentreffen eines großartigen Textes mit einer großartigen Melodie. Die Melodien waren vorhanden, einige der Texte schrieb Norma Winston selbst und so entstanden zusätzliche großartige Songs.
Für die englische Norma Winstone ist Gesang immer auch eine eigenständige Kunst. Sie hat sich schon in der Vergangenheit in den unterschiedlichsten stilistischen Bereichen ausprobiert und immer Zeichen gesetzt. Ohne dabei die großen amerikanischen Jazzeusen zu kopieren. Sie fühlte sich schon immer im Umfeld der europäischen Tradition wohler, stand hier der Avantgarde und der klassischen Moderne näher, als den üblichen Traditionalisten. Ihre melancholische Vitalität, ihr gefühlvolles und doch freimütiges Ausloten der Songinhalte machte sie zu einer der sensibelsten Interpretinnen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch in Landsberg war diese völlig eigene Herangehensweise, Songs zu formen, deutlich zu spüren. Winstone übersteigt immer wieder die Demarkationslinie von Jazz und abendländischer Kunstmusik. In beide Richtungen. Mit ihrer klaren Intonation, die nie die Intimität verliert und die immer leicht und schwerelos den Raum ausfüllt, verbindet sie Gegensätze und bricht Distanzen. Es ist egal, ob sie das folkloristische, die kindhafte Melodie oder die reichen instrumentalen Möglichkeiten ihrer Interpretationskunst herausstellt, sie ist authentisch spürbar, individuell und selbstbewusst und damit Ausdrucksstark.
Klaus Giesing ist an Sopransaxophon und Bassklarinette eine zweite Stimme, eine Art Duopartner, der mit erfrischend schroffen Konturen und tief nasaler Klangflächen für einen herausfordernden Gegenpart sorgt. Venier gehört am Klavier wohl zu den sensibelsten und zurückhaltendsten Begleitern. Er entfaltet eine Zartheit, die nichts mit Klavierromantik zu tun hat. Er dient subtil der Musik leise aber hingebungsvoll. Und Helge Andreas Norbakken? Der Norweger unterlegt den Set mit Rhythmen und Geräuschen, sucht ständig nach neuen Klangmöglichkeiten, treibt mit fiebriger Präzision die Musik an und geht lustvoll und mit kindlicher Neugier in den rhythmischen Miniaturen auf.
Zusammen sind die drei Begleiter ein musikalisch verlässlicher Verbund von Farben und Nuancen und Synergien. Und Norma Winstone ein über Jahrzehnte strahlender Leuchtturm, im weiten Rund der täglich wie aus dem Nichts erscheinenden und nach kurzer Zeit wieder entschwindenden Jazzsängerinnen.
Jörg Konrad
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Samstag 17.02.2018
Landsberg: Carlos Cipa & Occupanther – Hörspiel ohne Worte
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Landsberg. Die erste kompromisslose Reduktion im Pop ist dem Punk geschuldet. Nicht unbedingt was seine Intensität betrifft. Aber seine musikalische Komplexheit und auch seine Virtuosität sind hörbar eingeschränkt. Bewusst versteht sich! Und damit stilbildend. Die Bands wollten einfach klingen, nach all dem Bombast zuvor sollte es innerhalb eines Songs archaisch und überschaubar zugehen. Das musikalische Handwerk war zweitrangig. Und der nonkonforme Regelbruch gehörte sowieso zum Programm.
Einige Jahrzehnte später entstand eine ähnliche Bewegung. Und entsprechend den Interpreten, die in diesem Fall allemal Meister ihres Instruments waren und sind, hört sich das Ergebnis völlig anders an. Trotzdem gehören aber Reduktion und Regelbruch auch in der Neo-Klassik zu den herausragenden Merkmalen. Es wundert (theoretisch) also nicht, dass sich Pianisten wie Hauschka, Francesco Tristano, Max Richter oder eben Carlos Cipa in der Frühzeit ihrer Karrieren stark mit Punk und Techno (ebenfalls ein Ergebnis aus Reduktion und Regelbruch) beschäftigten. Musikalisch ist heute davon natürlich nichts mehr zu spüren.  
So auch gestern Abend nicht, als Carlos Cipa und sein Duopartner Martin Brugger alias Occupanther plus Schlagzeuger Simon Popp das Landsberger Stadttheater und sein Publikum mit ihren mäandernden Klängen verzauberten. Dabei erweiterte das Trio den an sich schon weit gefassten Begriff der Neo-Klassik noch um einige Nuancen. Melancholisch schön, zwischen Klassik und Pop, klingt anders. Hier fanden sich klare Bezüge zur elektronischen Musik im Konzept, Soundscapes in bester Soundtrack-Manier eroberten den Raum und Simon Popp unterlegte einen Teil des Sets mit fiebrigen Grooves, die der Musik eine völlig neue, fast experimentelle Richtung gaben. Das Zusammenspiel erinnerte in manchen Momenten an ein Klanglaboratorium, eine Sound-Schmiede auf der Suche nach neuen musikalischen Möglichkeiten.
Ob das Trio fündig geworden ist? Allemal. Auch wenn manches vielleicht nicht ganz so leicht ins Ohr ging, ja regelrecht ein wenig sperrig klang. Aber das hat jeder Art von Musik schon immer gut getan. Zu rütteln an dem Bestehenden, das Bewahrende aufzubrechen, sich selbst auszuprobieren. Und das im öffentlichen Raum. Das Publikum ist immer auch ein Teil dieses kreativen Prozesses, kann daran teilhaben und sich positionieren.
So durchwehte nicht nur ein Hauch von Romantik die alten Gemäuer an der Schlossgasse. Sondern eher der Mut, andere, wenig berührte Wege zu gehen. Die klangen manchmal wie ein Hörspiel ohne Worte, ein Soundtrack ohne Bilder. Aber: Jede Musik entfesselt Bilder. Nicht nur beim Synästhetiker. Von verlassenen, kargen Landschaften, bis zur urbanen Betriebsamkeit, vom scharf geschnittenen Schwarz-Weiß, bis zu kunterbunten Illusionen, von der berauschenden Unendlichkeit kosmischer Dimensionen, bis hin zum Zauber des Mikrokosmos. Vielleicht ja auch völlig entgegen dem, was die Grundidee für Carlos Cipa war.
Bei ihm hat man das Gefühl, er würde den Flügel neu erfinden. Er brilliert nicht am Möbel, er sucht die Töne, die passenden Töne. Und was weit wichtiger ist: Er findet sie. Auch mit Hilfe von elektronischen Hilfsmitteln. Occupanther schafft flächige Sounds, schichtet elektronische Akkorde, verändert Höhen und Tiefen, verändert die Balance. Im Grunde ist das nicht viel  – aber in seiner Wirkung enorm.
Und das Publikum? Es hat sich positioniert und wollte am Ende die Musiker nicht von der Bühne lassen.
Jörg Konrad
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Photos by Antonia Renner
Sonntag 11.02.2018
Landsberg: Edi Nulz – Hüter des Feuers
Landsberg. Wer in der Besetzungsliste des Trios Edi Nulz das Bandmitglied Edi Nulz sucht, wird nicht fündig werden. Der zugegeben etwas verschrobene Name dient allein als Signum, für dieses österreichische Subunternehmen in Sachen Jazz. Eine Band, die das Konventionelle in der Musik auf den Kopf stellt und gerade deshalb glaubwürdig klingt. Gestern Abend gastierten Siegmar Brecher (Bassklarinette), Julian Adam Pajzs (Gitarren) und Valentin Schuster (Schlagzeug), alias Edi Nulz, im Landsberger Stadttheater. Und wer entsprechend der fünften Jahreszeit eine puppenlustige Faschingstruppe erwartete, der wurde ebenfalls enttäuscht (wer den Veranstalter Edmund Epple zumindest ein wenig kennt, hätte einen solchen Programmpunkt auch gar nicht erst erwartet). Normwidriges auf ganzer Linie also.
Edi Nulz, das ist pure Energie aus Rock, Funk, Punk, Blues und jeder Menge Jazz. Auch wenn Vergleiche bekanntlich hinken, aber es gab zu Anfang der 1970er Jahre eine Band, die ähnlich unterwegs war: Back Door, ein Trio aus der britischen Provinz, mit weltweiter Anerkennung. Ob sich die drei Mannen von Edi Nulz bei ihrer Umsetzung an deren musikalischen Gebräu orientieren, ist hier nicht bekannt. Und letztendlich auch herzlich egal. Das Publikum in Landsberg bekam jedenfalls ein grandioses, aber auch herausforderndes Konzert geboten. Frech wie impertiment, archaisch, provozierend, intensiv bis es quietscht. Die ständigen Harmonie- und Rhythmuswechsel, die erfrischenden Ideen im Sekundentakt, die hinreißende Beherrschung des Instrumentariums – Edi Nulz klingen wie die Hüter des Feuers.
Allein die Besetzung des Trios kann als Herausforderung verstanden werden. Die tief-sonore Bassklarinette als Leadinstrument, als Geräuschquelle, als Mittelpunkt dieser Hardcore Kammermusik zu nutzen, ist schon ein kleiner Geniestreich an sich. Siegmar Brecher wirft damit auch unablässig Klangproviant in den musikalischen Ring. Er schraubt die Stimmung so wunderbarer Songs wie „Raumlatain“, „Stehplätze im Stadion“, „Stress“ oder „Kraftlatein“ in schwindelerregende Höhen. Dieses Instrument ist, wie Hans-Jürgen Schaal einmal schrieb, „ … laut wie ein Saxofon, kann jaulen wie eine Schalmai, quäken wie eine Sirene, brummen wie ein Didgeridoo und schnurren wie ein Akkordeon.“ Vorausgesetzt natürlich, man weiß dieses eigenwillig geformte Instrument zu Handhaben. Und Brecher spielt es mit einer oft zornig wirkenden Attitüde, mit vollem Risiko, was der Musik diesen mutig unkonventionellen Charakter gibt.
Julian Adam Pajzs spielt seine Gitarren deutlich gegen den Strom. Er zimmert mit ihr immer wieder am rhythmischen Fundament der Stücke. Er klingt manchmal wie ein inspirierter Arto Lindsay aus der New Yorker Downtown Szene, dann wieder wie einer dieser Gitarreros, die im Schwermetall zu Hause sind. Er wechselt vom Swing, zum Funk, zum Blues, streift dabei die Post-Punk-Ära und erinnert zeitweise an Jimi Hendrix.
Und am Laufen hält die gesamte Musik Schlagzeuger Valentin Schuster. Er ist der verbindende Teil, der, der das Tempo (wie beiläufig, aber hörbar) angibt und für die bemerkenswerte Energie sorgt. Ein Vulkan an den Drums, spannend, prickelnd, überzeugend.
Es ist ein loderndes Vergnügen, dieses Trio Live zu erleben. Und es tut gut, bei aller Ernsthaftigkeit der Musik, zu erleben, wie in einer Welt der Wichtigtuer und Maulhelden manche Menschen noch genügend Humor besitzen, über sich selbst zu lachen – und dabei große Kunst abliefern.
Jörg Konrad
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Sonntag 21.01.2018
Gröbenzell: Katona Twins Gitarrenduo – Gegensätze überbrücken
Gröbenzell. Was haben der Barockkomponist Georg Friedrich Händel, die Tango-Legende Astor Piazzolla, der Spanier Isaac Albéniz oder die Rockband Queen gemeinsam? Stilistisch gesehen eher wenig. Aus der Sicht des Gitarrenduos Katona Twins gibt es zwischen all diesen Größen ihrer jeweiligen Epoche aber mehr Gemeinsamkeiten, als Unterschiede. Denn Peter und Zoltán Katona denken in Musik – und nicht in Stilen, wie sie am gestrigen Samstag in Gröbenzell unter Beweis stellten. Und so kommt es, dass all die ganz persönlichen Favoriten der ungarischen Zwillingsbrüder in die engere Repertoire-Auswahl eines Konzertabends gelangen.

Beide besitzen sowohl eine künstlerische Identität als auch eine starke Persönlichkeit, um mit ihrem Spiel Gegensätze zu überbrücken, ja auszugleichen, bzw. der Musik, egal welchen Ursprungs, einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. So wird ihr Spiel zu einer wunderbaren in sich geschlossenen Reise durch die Welt der Musik. Sie erkunden die unterschiedlichsten auch ethnischen Klang-Landschaften, bewegen sich gekonnt und sicher zwischen den Jahrhunderten, ohne dass es bei ihrem Auftritt zu irgendeinem musikalischen Bruch kommen würde.

Und auch der bei allen nicht unbedingt geliebte Crossover kommt nicht zum gitarristischen Zug. Nichts bewegt sich bei ihnen in musikalisch flachen Gewässern. Jedem Stück geben sie eine respektvolle, individuelle Tiefe, einen ganz eigenen, warmen Charakter, der aber letztendlich auch eine hörbare Visitenkarte, ein Teil ihres persönlichen Ausdrucks ist.

Und sie erschlagen, bei aller spieltechnischen Versiertheit, das Publikum nie mit ausufernder Virtuosität. Sie spielen sich zwar fulminant die kompositorischen Vorlagen und improvisatorischen Ideen zu, und ihr Spiel greift, besonders bei den Spaniern Enrique Granados und Manuel de Falla, teilweise explosionsartig, auch perkussiv, ineinander. Nie kommt es aber zu langen solistischen Kraftakten. Ihr Erkennungszeichen ist das harmonische wie temperamentvolle Miteinander, eine atmende Dynamik, wobei sie die Tiefe der eigenen Erfahrungen und Emotionen ausloten. Und das die beiden, mit Wohnsitz Liverpool, als eine der beiden Zugaben die Beatles-Nummer „Eleanor Rigby“ anstimmen, macht ihren Ansatz deutlich, dass auch die Moderne Klassiker hervorbringt und ein Klassiker modern interpretiert werden kann. Es ist alles nur eine Frage der Sicht- und Herangehensweise.

Jörg Konrad

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