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Inhaltsverzeichnis
Fürstenfeld: Malia – In ausgeprägter Entschlossenheit

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Landsberg: Clowns im Sturm – Mit Humor und Naivität die Welt spiegeln

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Landsberg: Eines langen Tages Reise in die Nacht – Überleben auf Zeit

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Landsberg: Grandmothers Of Invention – Lebendiger Geist

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Olching: Opas Diandl – Ein Rohdiamant

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Landsberg: Avishai Cohen Quartet – Musik im Hier und Jetzt

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Donnerstag 14.06.2018
Fürstenfeld: Malia – In ausgeprägter Entschlossenheit
Fürstenfeld. In der Musik geht es nicht immer darum, Neues zu kreieren. Nein, auch im Jazz nicht. Wichtig ist die Persönlichkeit, ist der individuelle Anteil hinter der Interpretation. Denn nur der vermittelt diesen einzigartigen Sog. Er bestimmt die Qualität und die Wirkung eines Songs, egal ob Vokal oder Instrumental. Standards sind hierfür das beste Beispiel. Unzählige Male wurde Gershwins „Summertime“ vertont, oder Duke Ellingtons „In A Mellow Tone“. Aber nur einige Versionen haben akustisch auch überlebt, geistern zeitlos durch die eigene Erinnerung.
Ähnlich verhält es sich auch mit „Fever“ und „Moon River“, zwei Kompositionen die zu den häufig gespielten Dauerbrennern im Standardrepertoire besonders weiblicher Sangeskünstler gehören. Malia, die Sängerin mit malawischen Wurzeln, hat beide Nummern schon eine ganze Weile im Programm – mit Erfolg, wie gestern Abend in Fürstenfeld zu erleben war. „Fever“ verwandelte sie mit ihrem Trio (Alex Wilson p, Dimitris Christopoulos b und Edwin Sanz dr) kurzerhand in einen Reggae und „Moon River“, diese wunderbare Ballade von Henri Mancini aus dem Film „Frühstück bei Tiffany“, beeindruckte durch Stimmführung und vokale Improvisationsfreude. Malia nahm sich beider Kompositionen an und machte sie zu „ihren“ Titeln – die mit Sicherheit noch eine ganze Weile in Erinnerung bleiben werden.
Aber auch das übrige Konzert war musikalisch ein Genuss. Im Vordergrund immer Malias Stimme, die in ihrer rauen und archaisch wirkenden Ausstrahlung jedem Song eine ganz spezielle Note gab. Wie bei kaum einer anderen Sängerin heutzutage waren bei ihr sowohl die großen Vokalisen des Jazz zu spüren, als auch die Herkunft dieser vielleicht lebendigsten aller Musikformen: Afrika. Malia brauchte für den Blues kein larmoyantes und schauspielerisches Talent, um möglichst authentisch zu klingen. Bei ihr spürte man ein von ausgeprägter Entschlossenheit gespeistes Lebensgefühl in all seiner Intensität, Verzweiflung, aber auch Hoffnung. Mit einer unglaublichen musikalischen Anziehungskraft, die in ihrer ganzen Verspieltheit auch immer etwas schroffes wie auch laszives vermittelte, begeisterte sie das Publikum. Mal mehr Pop, mal Blues, dann wieder Soul oder afrikanische Folklore, ihr Vortrag war reich an Zwischentönen, dem nichts menschliches fremd schien. Mit scheinbarer Leichtigkeit baute sie Zärtlichkeit und Wut in ihre Songs, überzeugte in ihrer kindlichen Ausgelassenheit und in ihrer Trauer – ohne dabei an Natürlichkeit einzubüßen. Endlich eine Sängerin, die nicht durch Attitüden oder oberflächliche Fragwürdigkeiten beeindruckt, sondern durch Kühnheit, Können und Ausstrahlung begeistert, kurz: Durch ihre Persönlichkeit.
Jörg Konrad
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Freitag 04.05.2018
Landsberg: Clowns im Sturm – Mit Humor und Naivität die Welt spiegeln
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Fotos: Schmitz
Landsberg. Clowns schaffen Distanz – bei aller Nähe. Wir können uns mit ihnen identifizieren, haben aber zugleich genügend Möglichkeiten, den Sicherheitsabstand bei Gefahr zu vergrößern. Insofern werden sie zu idealen Trägern menschlicher Absonderlichkeiten und persönlicher Wesensmerkmale. Wir können ihrem Tun mit Vorurteilen begegnen, Hoffnungen in sie pflanzen oder ihnen Klischees andichten – und im schlimmste Fall sehen, wie sie scheitern. Dabei jedoch von ihnen lernen. Denn Clowns besitzen die Gabe, mit Humor und Naivität die Welt zu spiegeln. Besonders eine Welt, die aus den Fugen geraten scheint.
Das hat sich wohl auch Roberto Ciulli gesagt, als er schon vor einigen Jahren das Stück „Clowns 21/2“ entwarf und auf die Bühne des Theater an der Ruhr brachte. Es ging um das Altern, das an der Tür klopft und unnachgiebig um Einlass verlangt, bis man drin ist, in der Seniorenresidenz. Nun die Fortsetzung „Clowns im Sturm“. Nein, das biologisch Unaufhaltsame ist nicht mehr Thema. Jetzt geht es um gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der Gegenwart, die uns tagtäglich und fast überall begegnen. Wie gehen die Clowns mit Ängsten und deren Überwindung um? Gibt es auch hier Möglichkeiten, einige Dinge zu lernen? Ja, die gibt es, wie am Donnerstag im Landsberger Stadttheater dank Roberto Ciullis Ensemble mitzuerleben war. Egal, ob man das Geschehen als eine Fortsetzung von „Clowns 21/2“ erkennt oder auch nicht.
Die Geschehnissen und die daraus ableitenden Gedanken sind genau jene, die uns heute tagtäglich begegnen und mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. So oder so. Das Fremdaussehen und -verhalten von neuen Nachbarn, der vergessene Rucksack und seine auslösende Verunsicherung, ein Steinkonzert, das inhaltlich kaum jemand versteht, aber eine Mordsgaudi ist, der Suicid, dem die Konsequenz abhanden gekommen ist – bis genügend Ablenkung zum Weiterleben auffordert, verspielte Zaubernummern, die schreckliche Exekution von Menschen und die sturmgepeitschte Flucht übers weite Meer.
Ciullis erspart seinen Clowns (und dem Publikum) auf ihrer Odyssee durch die Welt nur wenig. Für ihn ist diese liebenswerte Truppe Gradmesser des Ertragbaren und Stimmungsbarometer in einem. Er gibt ihnen dabei die ganze Palette des Reagierens an die Hand, so, wie auch wir sie kennen: Vorurteile, Hoffnungen, Lebenslügen, Enttäuschungen, diebische Freude, tiefe Traurigkeit – alles ist mit an Bord des Flüchtlingsbootes, bis es sinkt. Ob das freundlich begrüßende Wesen am Ufer, das am Ende zum gemeinsamen kochen einlädt, nur Fantasie ist? Vielleicht.
Mit vielen kleinen Details bekommen die „Clowns im Sturm“ poetischen Tiefgang. Bühnenaccessoires als Metaphern, Musik (Matthias Flake) als sinnliche Abstraktion, Ciullis und Helmut Schäfers Weltsicht wird auch ohne Text deutlich und erlebbar. Dank eines beeindruckend spielenden Ensembles.
Jörg Konrad
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Donnerstag 03.05.2018
Landsberg: Eines langen Tages Reise in die Nacht – Überleben auf Zeit
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Fotos: Joachim Schmitz
Landsberg. Der Rausch als Alternative, als das Symbol des Scheiterns an der Realität? Oder die Sucht als Ausdruck von Hoffnung? Lebenslügen, wohin man schaut. Verdrängung soweit das Auge blickt. Eugene O`Neill hat sein Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ 1956 geschrieben und dabei von ganz persönlichen Erfahrungen gezehrt. Die Künstlerfamilie Tyrone, mit ihren zwei Söhnen, droht, in der Mittelmäßigkeit des Alltags Schiffbruch zu erleiden. Unterzugehen, hilflos zu ertrinken. Das Nicht-Wahrhaben-wollen scheint der einzig akzeptable Rettungsanker. Doch diese Form der seelischen Vernachlässigung bedeutet nur mehr Überleben auf Zeit, bis zur endgültigen Katastrophe.
Roberto Ciulli hat dieses 1957 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Stück für das Theater an der Ruhr inszeniert. Am Mittwoch gastierte das Ensemble im Landsberger Stadttheater und präsentierte dem Publikum einen nicht leicht verdaulichen Abend. Es ist dieser unverhohlene, schonungslose Blick hinter die schablonenhaft wirkenden Figuren der Tyrones. Eine Familie, die sich in Zeiten der aufkommenden Psychoanalyse, das Stück spielt um 1910, selbsttäuschend am Leben hält. Da ist der Vater James, dessen Ruhm als Schauspieler verblasst ist, der seine einstigen Ideale verloren hat und als ein vom Geiz zerfressener Grundstücksspekulant den Alltag bestreitet. Klaus Herzog spielt diesen trinkenden, ausgebrannten Zyniker als eine Art Clown, der sich mit hochgezogenen Hosen hämisch spottend über die Bühne bewegt. Seine morphiumsüchtige Ehefrau Mary, von Simone Thoma als eine tagträumende, manchmal engelsgleiche, auf jeden Fall der Realität abgewandte Figur angelegt, hat jeden empathischen Zug zur Gegenwart verloren. Nach einer Entwöhnung kreisen ihre Gedanken einzig um ihre Droge, ohne die sie den Alltag nicht übersteht. James, der ältere Sohn der Tyrones, ist ebenso wie der Vater nur durchschnittlicher Schauspieler und harter Trinker. Fabio Menendez zeigt ihn als einen ständig provozierenden, dabei bitter enttäuschten Realisten, dessen epileptische Anfälle ihm jede Selbstständigkeit rauben.
Und Edmund, der jüngste Sproß der Familie? Er ist von der Tuberkulose gezeichnet, um nicht zu sagen zerfressen, doch der einzigste im Quartett, der sich einen letzten Hauch an Hoffnung erhalten hat, die aber in den ständigen sarkastischen Monologen der einzelnen Familienmitglieder untergeht. So trinkt auch er, um sie zu ertragen, die Hölle des Alltags. Albert Bork spielt diesen verletzlich wirkenden, von starken Gefühlen gepeinigten jungen Mann, mit einer leicht dandyhaften Note.
„Eines langen Tages Reise in die Nacht“ ist ein Drama über Suchtkranke, es handelt von Menschen, die einst als Gückssucher aufgebrochen sind und nun in der Höhle ihrer Beziehungen hoffnungslos feststecken. Erbarmungslos pathetisch füllen ihre nichtssagenden Monologe den Raum. Hier ist jeder mit sich selbst beschäftigt, hat über die Abhängigkeit zu sich selbst den Kontakt zu seinem Nebenmann verloren. Gemeinsames ist abhanden gekommen. Dazu die Musik der Doors, von Jimi Hendrix und Janis Joplin, die Aufbruch in die Zukunft und Scheitern an sich selbst verkörpern. Und so kann das Spiel des Lebens nur in der Nacht verenden.
Jörg Konrad
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Montag 30.04.2018
Landsberg: Grandmothers Of Invention – Lebendiger Geist
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Foto: Timo Radecke
Landsberg. Zum 14. Geburtstag hat er sich ein Telefonat mit dem Komponisten Edgar Varese gewünscht, 50jährig spielte er mit dem Gedanken, sich für das Amt des amerikanischen Präsidenten zu bewerben. Dazwischen war er Bürgerschreck und Rockrebell. Und natürlich Musiker, genialer Musiker und Komponist, dessen Markenzeichen „krachende Kollisionen von Rock, Jazz, Folk und Klassik“ waren, wie die FAZ 1993 in einem Nachruf schrieb. Frank Zappas erste Band, die öffentlich für Aufsehen sorgte, waren die „Mothers Of Invention“, mit denen er Mitte der 1960er Jahre die noch junge Popkultur tatsächlich revolutionierte. Leider nicht so nachhaltig wirksam, wie er sich das zu Lebzeiten gewünscht hat.
Über ein halbes Jahrhundert später steht ein Teil dieser damals legendärsten Formation der amerikanischen Gegenkultur auf der Bühne des Landsberger Stadttheaters. Zwar gehörte keiner der  auftretenden Instrumentalisten zu den Gründungsmitgliedern der Mothers, die sich mit einem Schuss Selbstironie seit 1980(!) „The Grandmothers Of Invention“ nennen. Aber Bunk Gardner (Saxophon und Flöte), Don Preston (Keyboards) und Ed Mann (Schlagzeug) gehörten jahrelang zu Zappas weltreisendem Tour- und Studiotross. Christopher Garcia (Perkussion) ist Spätgeborener – und glühender Verehrer des großen Zappano.
Gespielt wurde am Sonntagabend ganz im Sinne des Meisters – natürlich seine Kompositionen. Und die sind gekennzeichnet von Harmonie- und Tempiwechsel am laufenden Band. Collagen eines karikiert vertonten American Way Of Life, zusammengesetzt aus klassischem Musikerbe, Blues, Pop, Improvisationen, Falsettgesang und avantgardistischen Werbejingles. Zappa selbst duldete bei seinen Tourneen keine Notenblätter auf der Bühne. Die Musiker mussten dieses unsäglich komplexe Material zuvor intensiv üben, was manchen seiner Bandmitglieder schon im Vorfeld fast verzweifeln ließ. Diese Herausforderung tat sich das Quartett auf der Landsberger Bühne nicht an. Zwar suchten die mittlerweile hochbetagten älteren Herren immer wieder einmal die richtige Partitur, aber letztendlich spielten sie die Musik souverän. Vielleicht dabei nicht ganz in der Perfektion, die vor den Ohren ihres einstigen Meisters Gnade gefunden hätte – aber immerhin.
„Ohne Abweichung von der Norm, ist Fortschritt nicht möglich. Um erfolgreich abzuweichen, muss man zumindest oberflächliche Kenntnis der Norm haben, von der man abzuweichen gedenkt.“ So Zappas Credo, das auch für die Grandmothers als Richtschnur gilt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Anfang des Konzertes einzuordnen, bei dem das Quartett A Capella als Ruben & The Jets auftritt und einen brüchigen Doo Wop präsentiert, wie ihn Zappa immer schon liebte.
Bunk Gardner, mittlerweile 85jährig, zeichnete sich anschließend noch durch diesen sperrigen, provozierenden Saxophonsound aus, mit dem er durch die Arrangements pflügt und dem man manchen Schnitzer gern verzeiht. Bei ihm wird am deutlichsten, mit welcher Trotzgeste das gesamte Zappa-Oeuvre ausgestattet ist. Don Preston am E-Piano (und Gong!), ein Jahr älter als Gardner, hat hörbar Jazz und Rock jung gehalten. Und zwischen diesen beiden Polen bewegt er sich mit Spaß noch heute – unangepasst, zitierfreudig, technischen Neuerungen gegenüber immer offen. Wie auch immer umgesetzt.
Ed Mann ist einer der großen Vibraphonisten in Zappas Band gewesen. Er liebte diesen metallischen Klang, der die Polyrhythmik zusammenhielt, Übergange schuf und in Kombination mit dem Schlagzeug flirrend hellere Klangfarben erzeugte. In Landsberg fand er in den besten Momenten eine fast spektakuläre Einheit mit Schlagwerker Christopher Garcia, in den Zappa-typischen Triolen und Quintolen und in den versetzten Taktschwerpunkten. Auch das ist im Rock`n Roll-Zirkus bis heute wohl einmalig und dafür lohnt es sich, den Geist am Leben zu erhalten.
Jörg Konrad
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Samstag 28.04.2018
Olching: Opas Diandl – Ein Rohdiamant
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Olching. Es gibt Volksmusik und es gibt Volksmusik. Opas Diandl, das Quartett aus Südtirol, hat sich jener Form der Volksmusik verschrieben, die ihre Wurzeln tatsächlich in der Tradition hat, die vital ist, ihre Energie sowohl aus dem Vergangenen, aber auch aus der Gegenwart zieht und in der sich das Leben in den verschiedensten Facetten und Befindlichkeiten spiegelt. Gespielt von Instrumentalisten, die offen sind für Neues, für Ungewohntes, für Dazugekommenes. Musik, die eben weit über das allein „Glückseeligmachende“ volkstümlicher Musiksendungen hinausgeht. Kurz: Die klingt, wie Opas Diandl – gestern Abend im Olchinger KOM.
Dieses Quintett hat Jodler und Post Punk im Programm, da wird wie im Mittelalter musiziert und auf Jazzharmonien improvisiert, da erklingt ein Walzer im Dreivierteltakt und eine Polka im Klassikformat. Vor drei Jahrzehnten wäre dies vielleicht nur schwer vorstellbar. Berührungsängste? Denkste! Wo vor denn auch? Die Welt hat sich verändert, sie scheint kleiner geworden und die Kulturen sind näher zusammengerückt. Und manch versteckter Edelstein kommt so ans Licht der Öffentlichkeit. Opas Diandl ist so ein ungeschliffener, so ein glitzernder Rohdiamant, der in seiner Einfachheit strahlt und der Licht in jede Stube bringt. Mit ihrer anarchischen Folklore, ihrem authentischen Musikantentum rücken sie den vertracktesten harmonischen und rhythmischen Strukturen zu Leibe und spielen letztendlich Popmusik in traditionellem Gewand. Ihr Satzgesang, mit all seinen Dissonanzen und Reibungen, hat diesen einmaligen Charme, wie das Echo in den Bergen. Manchmal glaubt man, die fünf kämen geradewegs von der Alm, von der Heumahd und hätten noch ein zünftiges Lied auf den Lippen. Aber dann diese Kompliziertheit ihrer Songs, was kaum einer merkt; diese Virtuosität, ganz simpel verpackt; diese Provokation, musikalisch entkernt. Der vielleicht bestgehütete Geheimtipp seit es Volksmusik gibt. Deshalb: Sollten Opas Diandl in ihrer Nähe spielen – nichts wie hin!
Jörg Konrad
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Sonntag 22.04.2018
Landsberg: Avishai Cohen Quartet – Musik im Hier und Jetzt
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Landsberg. Im letzten Jahr, Avishai Cohen war schon damals auf großer Europatour, gab der Trompeter in Hamburg anlässlich eines Konzerts in der Elbphilharmonie ein Interview, in dem er davon sprach, dass Musik immer einen Bezug zur Gegenwart haben müsse. Es gäbe keine Verbindung, würde man heute Dinge aus den 1940er Jahren spielen. Musik müsse prinzipiell im JETZT angelegt sein.
Gestern Abend trat der aus Israel stammende und derzeit in Indien lebende Trompeter mit seinem Quartett im Landsberger Stadttheater auf. So, oder zumindest ähnlich, war der Sound Miles Davis, vor ca. fünfeinhalb Jahrzehnten. Vor allem in den Momenten, in denen er den Dämpfer nutzte, der seinem Spiel diese besondere melancholische Aura gab. Das war zeitweise herzergreifend und traumhaft schön. Aber wie passt dieser Eindruck zu der Aussage im Interview?
Verfolgt man das Spiel Cohens genauer, wird deutlich, dass er eine definitiv andersartige Persönlichkeit ist und sich seiner Musik von einer sehr individuellen Seite nähert. Mag sein, dass der „Prince Of Darkness“ im Sound seine Spuren hinterlassen hat (welcher Trompeter im Jazz kann schon ganz aus dem Schatten eines Miles Davis heraustreten), aber je weiter der Abend fortschritt, um so deutlicher wurden diese Ansätze, die speziell Cohens Musik bestimmen.
Die Zeit spielt bei ihm eine substanziell andere Rolle. Er nimmt in seine Kompositionen (und Improvisationen) eine gewisse Ruhe und Gelassenheit völlig selbstverständlich auf. Sie sind in ihrer manchmal zeitlupenhaften Zügelung wichtiger Teil seines Musizierens. Nur so können die Stücke eine Ausgeglichenheit und Verinnerlichung ausstrahlen, die eine entsprechende Intimität vermitteln. Und nur so kann jemand einen Großteil seiner berückenden Gefühlswelt preisgeben.
Selbst freie Passagen unterliegen keiner Ästhetik des Widerstands, sondern sind der Ausdruck einer sehr feinfühlenden Seelenlage. Avishai Cohen liebt die Offenheit. Die Ränder seiner Musik grenzen nicht ein, sondern sind Übergänge hin zu neuen Gedanken und Interpretationsweisen. Ein poetischer Freigeist, der oft mit nur winzigen Gewichtsverlagerungen innerhalb der Musik zu neuen Aussagen kommt. Dabei bestimmen kleine melodische Figuren die knappen Themen und schaffen eine schwebende, manchmal beschwörende Qualität. Aber klar im Ansatz und zwanglos in der Form. Natürlich ganz ohne Vibrato gespielt. Denn diese Form des Pathos passt nicht zu Cohen und zittrig wird man schließlich (laut Miles Davis) im Alter ganz von selbst.
Dieses Musizieren ist natürlich nur mit einer Schar von Gleichgesinnten möglich. Und auf diese kann Avishai Cohen schon seit einigen Jahren zurückgreifen. Es ist zu spüren wie glücklich er mit Ziv Ravitz (Schlagzeug), Barak Mori (Bass) und Yonathan Avishai (Klavier) ist. Wie vier Seelenverwandte, die eine gewisse Polarität zur Erzeugung von Spannungsmomenten zwar nutzen, aber letztendlich doch auf gemeinschaftlichem Level an ihrer Kunst arbeiten. Bei ihnen greift das Denken, Finden und Umsetzen von Musik zielgerichtet ineinander. Und Räume, für solistische Statements, manchmal auch für attackierende Provokationen, lassen sie sich gegenseitig reichlich – ohne bei deren Umsetzung auch nur in die Nähe von selbstverliebten Monologen zu geraten. Auch dann nicht, wenn Avishai Cohen als Zugabe allein auf der Bühne steht und eine sinnlich verschlungene Melodie seiner Ehefrau widmet. Musik eben im Hier und Jetzt.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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