Blickpunkt:
Echo
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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Floriana Cangiano – Brodelnde Vitalität

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Landsberg: Stacey Kent – Vokale Leichtigkeit

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Landsberg: Metropoltheater "Betrunkene"

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Germering: Peter Schärli Trio feat. Glenn Ferris - Unversnobte Noblesse

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Fürstenfeld: Vertigo Dance Company – Ich erfinde nichts

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Landsberg: Oum – Spürbare Spiritualität

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Freitag 17.11.2017
Landsberg: Floriana Cangiano – Brodelnde Vitalität
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Landsberg. Zugegeben - wer kannte schon vor dem Konzert am Donnerstagabend im Landsberger Stadttheater den Namen Floriana Cangiano? Vielleicht eine kleine, eingeschworene Gemeinde. Eben jene, denen auch Sängerinnen wie Lucilla Galeazzi oder Franca Masu ein fester Begriff sein dürften. Frauen, die stolz und selbstbewusst ihr Herz auf der Zunge tragen, die ihren Schmerz und ihre Freude und ihre Provokationen hinaus in die Welt singen und ihre Berufung darin sehen, Temperament und Emotionen in fesselnden Liedern auszudrücken. Frauen, die sich gegen überkommene Rollenbilder wehren, voller Poesie aufbegehren und ihre Leidenschaft mit Nachdruck beschwören! So, wie eben Floriana Cangiano, die junge Tragöde der italienischen Volksmusik – aus dem Herz Neapels.
Vor drei Jahren erhielt sie mit ihre zeitgemäßen Form des „Canzone napoletana“ den „Premio Andrea Parodi“, den einzigen Weltmusikpreis, den Italien zu vergeben hat. Denn in ihrer Musik steckt nicht nur das Lebensgefühl einer regionalen Enklave. Neapel war auch immer ein Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte. In den Häfen und an den umliegenden Küsten landeten Staufer und Habsburger, Bourbonen und Griechen, Langobarden und Normannen. Und all diese Ethnien haben die Kultur Neapels bereichert und nachhaltig geformt. Und so sind heute in dem, was man typisch neapolitanisch bezeichnet, auch diese verschiedenen Einflüsse zu spüren.
Floriana Cangiano beruft sich auf all diese Kulturen und formt aus ihren Verschiedenartigkeiten ein lautes Ganzes. Denn die gelernte Opernsängerin bringt in ihren Auftritten die brodelnde Vitalität Neapels zum Ausdruck. So oder so ähnlich stellt man sich Straßenszenen vor: Schrill, ungestüm, widerspenstig, bodenständig, exotisch. Die Poesie steckt im Detail, ist manchmal erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Das Mediterrane klingt bei ihr stürmisch, eine Ballade ungezähmt. In ihrer musikalischen Direktheit erinnert sie mehr an Gianna Nannini als an Etta Scollo, was mit Sicherheit auch an der Zusammenstellung ihrer Band liegt. Rock und Jazz und Reggae spielen eine ebenso wichtige Rollo, wie die kompliziertesten arabischen Rhythmen und europäischen Klassikanleihen. Doch Floriana Cangiano fügt diese vielen Einzelheiten mit ihrer Stimme zu etwas tragbarem Ganzem. Auch, weil der Gesang für sie etwas vollkommen Natürliches ist. „Singen war für mich immer etwas Natürliches, wie Sprechen. Ich habe das Singen nie als etwas außerhalb vom Alltagsleben wahrgenommen. Ich habe immer gesungen“, erzählte sie in einem Interview. Übrigens sind für das nächste Jahr Auftritte  von Flo, wie sie auch genannt wird, mit dem Pianisten Stefano Bollani geplant. Es ist jener charismatische Tastenderwisch, der im letzten Sommer mit seiner überbordenden Spiellust und grenzüberschreitenden Virtuosität das Landsbger Publikum verzauberte.
Und so wird es an dieser Stelle Zeit, einmal intensiver darauf zu verweisen, welch kulturell wertvollen Beitrag Edmund Epple und die Mannschaft des Stadttheaters mit ihrer Arbeit seit Jahren für Landsberg und die umliegende Region leisten. Nicht nur, das großartige, oft auch wenig bekannte Musiker aus aller Welt an den Lech kommen. Mit Sicherheit beeinflussen diese Konzerte auch den Geschmack des Publikums vor Ort nachhaltig. Statt kurzlebiger und belangloser Trends, geht es um zeitlose Werke, denen immer eine individuelle künstlerische Auseinandersetzung zugrunde liegt. Egal wie am Ende die Qualität auch ausfallen mag. Dabei hat das Publikum häufig die Möglichkeit, an Entstehungsprozessen von Musik direkt teilzunehmen.
Und zu guter Letzt tragen die auftretenden Musiker den Namen Landsberg hinaus in die Welt, wo sie von dieser kleinen, außergewöhnlichen Stadt mit ihrem wunderbaren Stadttheater berichten, von einem aufgeklärten und interessierten Publikum schwärmen, das neugierig und offen für alles, auch das Ungehörte, ist. Das letztendlich ist Kulturpolitik par excellenze.
Jörg Konrad
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Sonntag 12.11.2017
Landsberg: Stacey Kent – Vokale Leichtigkeit
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Landsberg. Wenn Hildegard Knef, wie einst Ella Fitzgerald behauptete, eine der besten Sängerinnen ohne Stimme war und "Sassy" (Sarah Vaughan) laut Siegfried Schmidt-Joos neben Billie Holiday und Ella Fitzgerald zur heiligen Dreifaltigkeit des Jazzgesangs schlechthin gehörte – wo steht dann Stacey Kent?
In dem fast unüberschaubaren Reigen an zeitgenössischen Jazzsängerinnen, gibt es höchstens eine gute Handvoll von ihnen, die stimmlich zu den ganz Großen der Branche zählen. Und Stacey Kent ist mit Sicherheit eine von ihnen. Obwohl sie weder wie Hildegard Knef oder Sarah Vaughan klingt, weder wie Ella Fitzgerald und schon gar nicht wie Abbey Lincoln phrasiert. Aber gerade das macht die Amerikanerin Kent so besonders: Ihre Individualität und ihr musikalisches Gespür für Songinhalte. Wer am gestrigen Abend im Landsberger Stadttheater war, der hat eine ungefähre Ahnung davon, was hier gemeint ist.
Stacey Kent trat mit ihrem derzeitigen Quintett auf, einer Formation von Instrumentalisten, die die Kunst der Einfühlung perfekt beherrschen und der Sängerin einen musikalischen Teppich unterlegten, der ihr alle stimmlichen Facetten erlaubte, die sie sich im Laufe der Jahre hart erarbeitet hat. Und trotz all der zurückliegenden Mühen besticht sie mit einer vokalen Leichtigkeit, einer flirrenden Souveränität und Ausstrahlung, die sofort unter die Haut gehen. Es ist vollkommen egal, ob sie eigene Songs singt, oder die Standards der amerikanischen Populärmusik interpretiert.
Das gerade erschienene Album „I Know Dream“, in großer Besetzung mit dem Changing Light Orchestra eingespielt, diente ihr zum Auftakt einer weltweiten Tournee was die Repertoirauswahl betrifft, als Handlauf. Sie nimmt sich aus der jüngeren Musikgeschichte was ihr gefällt: Swing und Blues, Samba und französische Chansons, Folk und Pop. Dazu schreibt Jim Tomlinson, Saxophonist, musikalischer Direktor, Produzent und Ehemann in Personalunion, neue Songs, man könnte meinen: Stacey Kent auf die Haut. Dabei betritt die 1968 in South Orange, New Jersey geborene mit ihrer vokalen Kunst kein klangliches Neuland. Aber wie sie diese bunt zusammengestellte Mischung fast durchgehend in mittleren Lagen verfeinert, mit welcher scheinbaren Mühelosigkeit sie die schwierigsten notierten Vorlagen stimmlich umsetzt, das ist einfach exzellent. So unaufgeregt, wie pointiert. Und dann wäre da noch ihr Anspruch, Balladen lebendig zu gestalten. Sie beherrscht diese Kunst virtuos, obwohl Virtuosität in diesem Fall bedeutet, dass sie mit allen Möglichkeiten einer kontrollierten Langsamkeit sämtliche Emotionen aus den Songs holt – und in sie hineinlegt. Diese stille Hingabe löst Hochspannung aus. Es ist eine Radikalität nach innen! Kraftmeierei klingt anders. Und anschließend eine temperamentvolle Bossa Nova Nummer vom unsterblichen Antonio Carlos Jobim. Diese Gegensätze klingen bei ihr Glaubhaft, sind zwei Seiten einer Medaille. Souverän und doch voller Melancholie.
Man spürt: Stacey Kent ist in ihrem Tun mit Leib und Seele Sängerin und sie gehört bei weitem nicht in die Kategorie „Diva“. Ihre ganze Bühnenpräsenz strahlt eine zurückhaltende Feinfühligkeit aus, die durch die sparsame Art ihrer Gestik noch unterstrichen wird. Und wenn sie zwischendurch Teile ihres Programms in deutscher Sprache moderiert, dann zeigt auch dies, dass große Kunst nicht unbedingt ein übersteigertes Ego braucht.
Jörg Konrad
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Donnerstag 09.11.2017
Landsberg: Metropoltheater "Betrunkene"
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Weitertrinken          

Es war Bertold Brecht, der seinen Herrn Puntilla in Rausch versetzte, um ihn hemdsärmelige Farbe und provozierende Lebendigkeit versprühen zu lassen. Nüchtern war er nur eine blasse, langweilige und gelangweilte Figur. Erwin Sommer in Hans Falladas „Der Trinker“ verkörperte hingegen die soziopathische Entmenschlichung als Folge der Sucht. Der Alkoholiker, als ein Synonym für die Anfälligkeit und den Zweifel in ein humanistisches Urvertrauen.
Iwan Wyrypajew, einer der neuen Stars unter den russischen Dramatikern, lässt seine Figuren einen völlig anderen Weg einschlagen. Ihm geht es nicht um den Akt des Trinkens und ihm geht es nicht um die „Kater-Moral“ des Suffes. Er zeigt in seinem Stück „Betrunkene“, wie einsam der Mensch an sich ist – außer wenn er trinkt. Der Rausch als eine die Lebensgeister erweckende Stimmungsrakete, als das Mittel der Wahl, wenn es um emotionale Kommunikation und soziale Kompetenz geht. Wie auch immer die aussieht.
Dass eine solche Metapher nur auf dem Boden einer vereinsamenden Gesellschaft greift, machte die gestrige Aufführung von „Betrunkene“ im Landsberger Stadttheater deutlich. In der Inszenierung von Ulrike Arnold vermittelte das Münchner Metropoltheater dem Publikum ein Wechselbad der Gefühle. Dieses reichte von schicksalsschwerer Abhängigkeit, bis hin zu puppenlustigen Slapstickeinlagen; von enthemmter Zwischenmenschlichkeit bis zum larmoyanten Partnertausch. In einer solchen Welt kann der Entzug an sich nur als eine deprimierende Reise in die graue Gegenwart der Realität empfunden werden. Die Alternative lautet: Weitertrinken!
In einzelnen Episoden tauchen einige der handelnden Figuren immer wieder auf. Sie begegnen sich in nächtlichen Straßen und in Wohnungen, und wieder auf nächtlichen Straßen. Über ihr alltägliches Leben erfahren wir nur Bruchstücke, außer, dass sie als Banker, Leiter vom Festival, Prostituierte oder Ehefrau „arbeiten“. Hingegen viel über ihren Glauben, ihre Hoffnungen und ihre Verrücktheiten. Die Themen kreisen obsessiv und Mantra ähnlich um Gott und die Welt. Größenwahn, Maßlosigkeit und triebhafter Sex scheinen die Impulse in einem ansonsten wenig ausgefüllten Innenleben. Anarchie und Melancholie gehen Hand in Hand.. So können nur Menschen reden, die ihrem Alltag mit aller Macht entfliehen und kein Quäntchen Hoffnung spüren.
Ulrike Arnold inszeniert das Stück als eine zynische Komödie auf das Menschsein. Sie lässt ihre Figuren über die Bühne stolpern oder sich kraftlos in ein Meer von Matratzen sinken. Ihr Gang ist kleinschrittig, die Körpersprache fahrig, ihre Stimmen sind verwaschen, der Rhythmus stimmt. Sie zeigen sich enthemmt und nur selten sympathisch. Das Publikum ist Zuschauer und bleibt es auch. Die Distanz zu den Figuren ist groß, eine Identifikation fehlt.
Die einzelnen Szenen wechseln wie im Varieté. Die Matratzen, als einziges Deko-Utensil, werden artistisch über die Bühne geschleppt, Jazzmusik ist jedem „Umbau“ unterlegt – bis eine neue, ernüchternde Nummer dem Menschsein folgt. Auf ins Delirium, dem glückselig machenden Zustand. Es geht um alles – und alles ist nichts.
Jörg Konrad
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Fotos: Marcel Meier
Samstag 28.10.2017
Germering: Peter Schärli Trio feat. Glenn Ferris - Unversnobte Noblesse
Germering. Auf dem astrofinen Album „Total Eclipse“ des puertorikanischen Meistertrommlers Billy Cobham befindet sich die relativ kurze Funknummer „Lunarputians“, mit einem schamlos kraftvollen Posaunensolo, das in seiner Kompaktheit Zeiten und Räume sprengt. Nur zwei Jahre später gehörte Posaunist Glenn Ferris zu der auserkorenen Gilde, mit der Stevie Wonder sein Glanzstück „Songs In The Key Of Life“ einspielte. Insgesamt war Ferris im Laufe seiner Karriere an hunderten Einspielungen als Studiomusiker beteiligt und setzte zwischenzeitlich immer wieder mit eigenen Arbeiten solistische Glanzpunkte. Am gestrigen Abend gastierte er nun als Teil des Peter Schärli Trios im vorletzten Konzert der diesjährigen Reihe Jazz It! in Germering.
Schärli, der Schweizer Trompeter, ist schlagzeuglos nach Germering gekommen, was aber nicht bedeutet, dass Rhythmen in seiner Musik eine untergeordnete Rolle spielen. Wer ein wenig über die Schweiz weiß, dem dürfte bekannt sein, dass Trommler in allen musikalischen Abteilungen des kleinen Bergvolkes den Ton angeben. Nun, für die rhythmische Konstante an diesem Abend sorgten Pianist Hans Peter Pfammatter und vor allem Bassist Thomas Dürst. Besonders letzterer leistete fast Schwerstarbeit, in dem er die Kammermusik des Quartetts ordentlich erdete. Zwischen treibendem Swing und souveränem Bop und angereichert mit vielen rhythmischen Brüchen und Umschwüngen erinnerte er in seiner Härte und Schärfe hin und wieder an den großen Charles Mingus. Schärlie weiß genau, warum er seit dreieinhalb Jahrzehnten mit ihm zusammenspielt.
Die höchst raffinierten Kompositionen der Formation beeindruckten in ihrer fließenden Eleganz und durch eine Direktheit und Emotionalität, die dem intellektuellen Anspruch eine verwegene Note gaben. Manchmal klang die Musik wie direkt aus New Orleans importiert, manchmal verblüffte der impressionistische Charakter der Improvisationen. Schärli gehört schon seit Jahren zu den Top-Trompetern in Europa. Er ist ein wunderbarer Erzähler auf seinem Instrument, einer, der mit Verve und Humor Geschichten zu erzählen versteht. Sein klarer Ansatz und sein durchdringender Ton besitzen etwas sehr Individuelles, zeigen einen mit der Tradition vertrauten Musiker, der kein Vibrato braucht, um lyrisch zu klingen. Und er braucht auch keine Notentrauben, um auf den Punkt zukommen und keine virtuosen Hundertmeterläufe, um seine Brillanz auszuspielen. Schärli weiß um die Wirkung sparsamen Musikantentums. Und hier ergänzt er sich genial mit Glenn Ferris und seiner heute eher weichen und geschmeidigen Spielweise. Sie beide führen einen ständigen instrumentalen Dialog, fordern sich heraus, bestätigen sich unisono, wirken im Miteinander weder larmoyant noch sentimental. Vieles wirkt musikalisch beiläufig und auch abgründig, fragil und mit einer gewissen unversnobten Noblesse gespielt. Musik, die zwar Aufmerksamkeit erfordert, aber dabei viel Freiheit und Unvorhersehbarkeit atmet und vor allem in eine anregende Stimmungslage versetzt.
Jörg Konrad
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Freitag 27.10.2017
Fürstenfeld: Vertigo Dance Company – Ich erfinde nichts
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Fürstenfeld. Sich im Reigen drehend, schwindlig tanzend, Spannungen vermittelnd, Räume durchmessend, Inhalte ausreizend, – all dies, und noch einiges mehr, präsentierte am Mittwoch die israelische Vertigo Dance Company in Fürstenfeld. Elf Tänzer, deren Anliegen es ist, Sinnliches und Formales über rhythmische Bewegungsläufe lebendig auszudrücken. Komponierte Illusionen als getanzte Choreographien, direkt und unmittelbar. Mit ihrem Programm „Vertigo 20“ hat Noa Wertheim eine Art „Best Of“ aus zwei Jahrzehnten Vertigo Dance Company zusammengestellt und neu in Szene gesetzt. „Ich erfinde nichts, ich erkunde nur das, was bereits existiert in unserem Körper“, umreißt sie knapp ihre Philosophie. Und was so einfach klingt, ist schweißtreibende Arbeit, die letztendlich aber wieder leicht und spielerisch aussieht.
Wie in fast allen ihren Tanzstücken steht auch in „Vertigo 20“ der Mensch und dessen tatsächliches Kommunikationspotenzial im Vordergrund. Gefühle, die mehr oder weniger abstrakte Formen finden. Zweifel und Gespanntheit, Schmerz und Glück, Verlust und Ekstase finden auf der Bühne ihren Ausdruck. Manchmal paradieren die Tänzer wie stolze Lichtgestalten durch die von grauen Mauern umfasste Bühne. Dann wieder hält die Zeit in Form von pulsierenden Sounds und rhythmischen Choreographien Einzug. Es beeindrucken die virtuosen Bewegungsartikulationen, die bis an die Grenzen getriebenen horizontalen und vertikalen Sprünge. Dramatisches steht neben Melancholischem, Hölzernes neben Laszivem. Es wird sich tanzend an Traditionellem gerieben, mit in sich verschlungenen Figuren, oder in unterkühlter Ernsthaftigkeit. Dann hält die Poesie Einzug, mit weißen Luftballons an einem lauen Abend. Die Provision wirkt hier Perfekt.
KultKomplott
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Samstag 21.10.2017
Landsberg: Oum – Spürbare Spiritualität
Landsberg. „Die Architektur öffnet deinen Geist für den Raum. Du schaust auf die Details, du hast vielleicht eine perfektionistische Ader, stellst dir viele Fragen, wie man den Raum am besten gestalten könnte. Deine Neugierde und deine Kreativität werden entfacht und geweckt“, sagte Oum vor einer Zeit in einem Interview. Was der Inhalt dieser Aussage mit der marokkanischen Sängerin zu tun hat? Bevor Oum El Ghaït Benessahraoui in ihrer Heimat zu einem Superstar aufstieg und sie anschließend die Kulturtempel Westeuropas eroberte, studierte sie Architektur. Und sie sieht zwischen diesen beiden vordergründig so unterschiedlichen Bereichen mehr Gemeinsames als Trennendes. Denn ihr geht es in erster Linie um das Gestalten – von Räumen, Plätzen und Liedern, letzteres als ihr Ausdruck gelebter Emotionen.
Wie am gestrigen Abend im Landsberger Stadttheater, wo die Marokkanerin ein phänomenales Konzert gab, tritt Oum als eine kulturelle Botschafterin auf, die gegen jede Form von Klischees und Vorurteilen ansingt. Mit ihrer klaren und strahlenden Stimme bewegt sie sich zwischen den Welten und Zeiten. Intensität und Fragilität halten sich in ihrem Vortrag die Waage, vermitteln ein starkes Selbstbewusstsein in Form von Stolz und Respekt, von Würde und Mitteilsamkeit. Sie ist der vokale Schnittpunkt zwischen Tradition und Gegenwart, und ihrer spürbaren Spiritualität ist es zu verdanken, dass Entfernungen und Rituale, mögen sie auch noch so fremd sein, plötzlich ganz nah und verständlich klingen. Dabei entsteht ihre Musik nicht allein aus den Vorgaben der Folklore des nordafrikanischen Staates. So, wie man in ihrer Musik die bestehenden Traditionen der Beduinen mit den arabisch-andalousischen Einflüssen spürt, lassen sich Klangbausteine der westlichen Welt, oder sagen wir besser außerarabischer Volksmusiken, wie Jazz oder auch kubanische Segmente, ausmachen.
Oums Band bringt diese so unterschiedlichen Stile mit großer Klarheit überzeugend zusammen. Die Musiker in der Besetzung arabische Oud, Trompete, Bass und Schlagwerk pendeln zwischen großer Gelassenheit und überragender Konzentration. Sie kleben eben nicht an den ethnischen Wurzeln, sondern berühren durch eine Offenheit, die Exotisches völlig normal erscheinen lassen. Die hypnotischen Rhythmen, die den Songs zu Grunde liegen, überfordern nie, trotz ihrer ungewohnten, manchmal auch komplizierten Strukturen. Alles klingt harmonisch, wohldosiert und erinnert an vertraute Gespräche zwischen Menschen, die sich eng verbunden fühlen.
Und in diesem feinnervigen Dialog beziehen die Instrumentalisten das Publikum mit ein. Sie protzen nicht mit künstlicher Virtuosität und auch das Modewort der Weltmusik ist völlig fehl am Platz. Es ist eher so, das Inspirationen und auch ein gewisses Maß an Integrität, den Raum in Wellen überschwemmen und das Publikum teilhaben lassen an diesem Verbindenden, an diesem Originären. Es sind magische Koordinaten, die hier wie Sterne aufblitzen und letztendlich nur einem Ziele dienen: Dem Gestalten. Auch von Beziehungen und Einstellungen, die zusammengefasst als gelebte Toleranz bezeichnet werden können.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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