Blickpunkt:
Echo
Echo
Inhaltsverzeichnis
Germering: Tim Allhoff Trio - Entflammbar

43

Fürstenfeld: Big Daddy Wilson - Ein Bluesman aus der Champions League

44

Fürstenfeld: Jazz First – Nicht mehr wegzudenken

45

Fürstenfeldbruck: Henrik Moor – Avantgarde im Verborgenen

46

Benediktbeuren: Apollon Quartett Prag – Gedämpfter Perfektionismus

47

Fürstenfeld: Swan Lake statt Schwanensee

48

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Montag 19.09.2016
Germering: Tim Allhoff Trio - Entflammbar
Bilder
Bilder
Germering. Im Grunde sind alle drei Solisten. Bastian Jütte, der Schlagzeuger, hat erst vor wenigen Wochen seine neues Album „Happiness Is Overrated“ in Quartett-Besetzung veröffentlicht. Zudem erhielt er in diesem Jahr den Neuen Deutschen Jazzpreis, die einzige Auszeichnung in dieser Sparte, die per Publikumsvotum vergeben wird, 2013 den Jazz Echo. Andreas Kurz, einer der meistbeschäftigten jungen Bassisten der Münchner Szene, legte sein Debüt 2013 vor („Caught Into Something Turning“) und wird auch sonst nicht müde, sich zwischen altgedientem Swing und herausfordernder Avantgarde in die unterschiedlichsten Projekte einzubringen. Tim Allhoff, Pianist und in Augsburg geboren, erhielt hingegen schon 2011 den Echo Jazz und unter anderem 2013 den Bayrischen Kunstförderpreis. Angefangen als Autodidakt, studierte er später am Richard-Strauss-Konservatorium in München und schreibt heute, so ganz nebenbei, auch einmal Filmmusik für großes Hollywoodkino.  Drei junge, aufstrebende Instrumentalisten also, die sich 2008 entschlossen, gemeinsame musikalische Wege zu gehen und die ihrer Intention, Jazz spielend zu vermitteln, bis heute treu geblieben sind.
Mittlerweile ist das Tim Allhoff Trio mit Andreas Kurz und Bastian Jütte eine Erfolgsnummer. Drei CDs, die vierte erschient im kommenden Frühjahr und ungezählte Konzerte haben sie musikalisch zusammenwachsen lassen. In welcher Geschlossenheit und Qualität sie dies tun, wurde gestern Abend in Germering deutlich. In der beispielgebenden Reihe „Jazz It“ haben sie überwiegend Material ihrer kommenden Veröffentlichung vorgestellt. Musik, die sich zwischen großer Geste und stiller Poesie bewegt, die ebenso entflammbar ist, wie sie auch zum Innehalten einlädt.
Allhoff, von dem das meiste kompositorische Material stammt, ist ein Meister stilistischer Fusionen. Seine Songs bewegen sich zwischen virtuoser Klassik und minimalem Pop, seine Musik swingt wie die Hölle und begeistert in ihren Brüchen. Diese Vielseitigkeit ist beileibe nicht als Beliebigkeit zu verstehen. Zu tief dringt das Trio in das kompositorische Material ein, zu furios geraten die Improvisationen und zu anspruchsvoll gestalten sie die eingängigen, manchmal auch flüchtigen Melodien. Natürlich greift das Trio immer wieder auf die altbewährten Standards zurück, die Schlachtrösser des Jazz, die sie rhythmisch wie harmonisch nach allen Regeln der Kunst zerlegen und in einem völlig neuen Kontext erstrahlen lassen. Natürlich haben die jungen Wilden ebenso auch Modern Standards im Programm, von den eigenen Favoriten aus der Gegenwart, wie zum Beispiel Radiohead, oder einen Song der dänischen Band  Choir of Young Believers. Auch sie bekommen eine neue Fassade, werden frisiert, individuell zurechtgestutzt.
Trotzdem das Trio nach dem Pianisten benannt ist, klingt ihre Musik nach einer radikal-demokratischen Angelegenheit. All die Auslassungen, Verzögerungen, Verdichtungen, auch Vorwegnahmen und die Wachheit im Reagieren sind das Ergebnis eines hingebungsvollen, wie aber auch disziplinierten gruppendynamischen Prozesses. Hoffen wir, dass diesem Trio nie die Ideen und die Frische ausgehen. Dann ist noch weiter Großes zu erwarten.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
Bilder
Bilder
Freitag 16.09.2016
Fürstenfeld: Big Daddy Wilson - Ein Bluesman aus der Champions League
Fürstenfeld. Sie heißen „Little“, „Sunny“, „Blind“ und „Smokey“. Bluesmusiker bringen Teile ihrer Persönlichkeit über Namen zum Ausdruck und versuchen damit zugleich, jede Möglichkeit einer Verwechslung auszuschließen. So auch Wilson Blount, Sänger und Gitarrist aus North Carolina, der den Blues, nein, nicht in seiner Heimat, der Atlantikküste der USA, sondern in Deutschland, genauer in Bremen für sich entdeckte. Hier lernte er Ende der 1980er Jahre seine spätere Frau Anna und einen sehr speziellen Teil der bundesrepublikanischen Bluesszene kennen. Beide vermittelten ihm nach seiner autoritären Dienstzeit bei der Army das Gefühl von individueller Freiheit und die Gewissheit, eine wirkliche Heimat gefunden zu haben. So wurde aus Wilson Blount schließlich Big Daddy Wilson und die Show begann.
Gestern nun war das musikalische Schwergewicht schon zum zweiten Mal in Fürstenfeld und hat mit einem überzeugenden Auftritt die lange Sommerpause der Region beendet. Wilson besitzt die Stimme eines Kraftwerks, gepaart mit der feinen Sensibilität eines Seismographen. Sein tiefer Bariton entfaltet einen emotionalen Sog, der von jedem Raum Besitz ergreift. Sein Rüstzeug schulterte er weder in Chicago noch in Detroit, nicht in Memphis oder in Texas – den zentralen Kaderschmieden des klassischen Blues. Seine musikalische Selbstverwirklichung fand mitten in Europa statt. Und so beinhaltet das Programm von Big Daddy Wilson jede Menge Soul und Spirituels, auch Funk und Folk. Er baut mit seinen Partnern Cesare Nolli (Gitarre) und Paolo Legramandi (Bass)  in das an sich stabile Bluesgerüst elegante Querstreben aus Boogie und Reggae. Und seine Balladen klingen nach selbstbewussten Rhythm & Blues, die manche Charts bereichern könnten.
Am Schlagzeug hält Wilson den Groove gelassen, während seine italienischen Giterreros in spartanischer Zurückhaltung die tiefverschattete Seele des Blues beschwören. Die hintersinnigen Arrangements zeigen deutlich Wirkung, die leisen Töne widersprechen jedem Klischee. Sicher, zwischendurch können sie auch anders. Dann quält Cesare Nolli die Saiten seines Instruments, lässt sie aufheulen, schlägt wuchtige Akkorde, bis es schmerzt. Aber das sind Momente nur, Kontraste, die der Musik mehr Farbe geben und die Zeichen setzen. Im Vordergrund steht Wilson - stoisch, sympathisch, charismatisch. Ein Bluesman aus der Champions League.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Samstag 20.08.2016
Fürstenfeld: Jazz First – Nicht mehr wegzudenken
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Fürstenfeld. Wenn sich am 5. Oktober der Vorhang zur 23. Saison von Jazz First in Fürstenfeld hebt, wird dies zugleich das 123. Jazzkonzert dieser Reihe sein. 123. Mal zeitgenössische improvisierte Musik, das ist Erfolg und Verpflichtung zugleich. Was im Februar 2003 mit Chris Jarrett ganz zaghaft begann, ist heute zu einer der einflussreichsten Jazz-Veranstaltungen im süddeutschen Raum gewachsen und ein nicht mehr wegzudenkendes musikalisches Angebot auf internationalem Niveau.
Hinter Jazz First steht der Anspruch, vor allem europäische Musiker zu präsentieren, die sich im Laufe der Jahre von ihren amerikanischen Vorbildern völlig emanzipiert und eine gänzlich eigenständige Entwicklung eingeschlagen haben. Norbert Leinweber, Chef des Veranstaltungsforums Fürstenfeld, war von Beginn an offen und zuversichtlich für ein derartiges Projekt. Mit dabei seitdem auch Irina Frühwirt, die anfangs noch mit Dr. Manfred Frei von LOFT Music, sich später aber allein das Programm verantwortlich zeichnete. In der Vergangenheit haben im wunderschönen Kleinen Saal des Areals so überragende Instrumentalsiten wie Joachim Kühn, Bobo Stenson, Gianluigi Trovesi, Marcin Waselewski, Renaud-Garcia Fonds, Jakob Karlzon und viele andere gespielt.
Eingeläutet wird die neue Saison am 5. Oktober mit der britischen Sängerin Julia Biel. Sie hat in der Vergangenheit mit namhaften Popacts Alben aufgenommen, steht aber experimentellen Jazzprojekten ebenso offen gegenüber. Das macht es nicht immer leicht sie einzuordnen. Ihre Stimme „ …. ein geschmeidiges Organ, dessen unverkennbares Timbre irgendwo zwischen Billie Holiday (ein Vergleich, der sich hier wirklich aufdrängt) und Tracey Thorn (Everything But the Girl, Massive Attack) angesiedelt ist“, wie die NZZ schreibt. Und das Fachmagazin „Stereo“ prophezeite ihr im letzten Jahr: „Die Engländerin besetzt ihre eigene Soundnische und wird 2015 den verdienten Durchbruch im großen Stil schaffen“.
„Sie haben das Instrumentarium der 70er Jahre aus Omas Keller gekramt, um diese Lieblinge mit Zuckerbrot und Peitsche zu behandeln. Das Trio verwandelt den Klang der alten Kameraden zu einem explosiv-freshen Sound. Melodien für Millionen mit dem Sexappeal des Funk, der Kreativität des Jazz, dem Dreck des Blues und der Krassheit des Punk.“ Zu lesen auf der Seite des Trios Organ Explosion, das am 23. November in Fürstenfeld auftreten wird. Die jungen Musiker haben gerade ihr 2. Album bei Enja Records veröffentlicht und sind momentan so etwas wie die Lieblinge der Kritiker.
Mit ihrem ersten Album verblüffte sie südkoreanische Pianistin Younee 2014 die Klassikgilde. Ihre sehr persönlichen Interpretationen von Mozart, Beethoven, Rachmaninoff und Chopin klangen mal nach Rock`n Roll, mal nach Jazz, dann wieder nach Pop. Mittlerweile spielt sie eigene Musik, die ebenso vielfältig ist, wie sie Begeisterung hervorruft. „Younee ist ein musikalisches Phänomen. Das kann doch eigentlich nicht wahr sein. Ist es aber doch“, staunt die Musikzeitschrift JAZZTHETIK. „Von gesanglich-melodiös bis rockigfunkig erweckt die Pianistin stilsicher alle Facetten zum Leben, klassische Virtuosität und technische Perfektion inklusive. Eine erfrischende und lebendige musikalische Begegnung!“ ist in Crescendo, dem KlassikMagazin zu lesen.
Zur 23. Saison von Jazz First gehören noch die Konzerte am 15. Februar im kommenden Jahr mit dem Shauli Einav Quartet, einem der derzeit hochangesagten Jazzformationen aus Israel, der Soloauftritt des schwedischen Pianisten Martin Tingvall am 26. April und das Tango Transit Trio, das am 31. Mai zu Gast in Fürstenfeld sein wird.
Alle 6 Konzerte sind zu einem überaus günstigen Preis von je 13,50 Euro im Abo zu buchen. Mehr unter: http://www.fuerstenfeld.de/index.php?page_id=94
Autor: Siehe Artikel
Samstag 13.08.2016
Fürstenfeldbruck: Henrik Moor – Avantgarde im Verborgenen
Bilder
Bilder
Bilder
Fürstenfeldbruck. Diese Ausstellung ist ein Fest für alle Entdecker und ein Genuss für alle Liebhaber der Kunst. Denn mit „Henrik Moor – Avantgarde im Verborgenen“ gibt das Museum Fürstenfeldbruck einen in diesem Umfang bisher einmaligen Einblick in das Schaffen eines Malers, der mit freundschaftlichem Beistand und der Erfahrung eines Weltbürgers einem Unrechtssystem trotzte und dabei ein künstlerisch beeindruckendes Oevre schuf. Diese Werkschau vereint Arbeiten aus über vier Jahrzehnten, realisiert von einem Individualisten, der auf ständiger Suche war, und in dessen Schaffen sich die wechselvolle Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Moor hat sich Zeit seines Lebens mit stilistischen und inhaltlichen Fragen innerhalb der angewandten Kunst auseinandergesetzt. Ein Unruhegeist, der sich von einzelnen Entwicklungen innerhalb der Kunstszene zwar sichtbar hat inspirieren lassen, doch dabei immer seinen eigenen Weg suchte. Nie hat er sich in irgendeiner Form auf eine „Mode“ aufgeschwungen, um dadurch den eigenen Erfolg zu forcieren. Was er geschaffen hat, ist das Ergebnis konzentrierten Arbeitens und der Leidenschaft für die Kunst schlechthin. Hinzu kommt eine Biographie, die in ihrer Spannung und Dramatik einem Drehbuch entstammen könnte.
Geboren wurde Henrik Moor 1876 in Prag. Der Vater war Opernsänger und Kantor verschiedener Synagogen, die Mutter Tochter eines jüdischen Holzhändlers. Mit nur neun Jahren zog die Familie Moor in die USA, wo sie drei Jahre lebte. Zurück nach Europa begann Henrik 1891 das Studium der Malerei in London, besuchte zwischenzeitlich auch eine private Kunstschule in Paris. 1884 setzte er sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München fort. Nach seiner Heirat mit Eleonore Eugenie Wolff siedelte die kleine Familie, mittlerweile war Tochter Gertrud Erika geboren, nach Fürstenfeldbruck über.
Zwischenzeitlich war Henrik Moor an ersten Ausstellungen im Münchner Glaspalast und der „Secession“ beteiligt. Auch als Portraitmaler wurde er geschätzt, was ihm half, Beziehungen aufzubauen und wirtschaftlich zu überleben. Er war Mitglied verschiedener Künstlervereinigungen und beantragte mehrmals die bayrische Staatsangehörigkeit, die ihm und seiner Familie 1929 auch zugesprochen wurde.
Obwohl jüdischer Abstammung, die er lange Zeit verbergen konnte, wurde Moor 1934 Mitglied der Reichskulturkammer. Auch in den darauffolgenden Jahren gelang es ihm, Dank der Hilfe vieler Freunde und Verehrer, seine Identität zu verschleiern, so dass er 1937 sogar eine eigene „Schule für zeichnende Künste und Malerei“ in München kaufte und erfolgreich leitete, bis er 1940 an einem Blinddarmdurchbruch starb.
Die im Museum Fürstenfeldbruck ausgestellten Werke geben einen breiten und vielfältigen Einblick in ein von Farbe und Musik gekennzeichnetes Leben. Seine Arbeiten faszinieren aufgrund ihrer erfrischenden Nähe zum Impressionismus. Zugleich lassen sich deutliche Anleihen zum deutschen Expressionismus erkennen. Hier beeindrucken sie durch eine spürbare Entschlossenheit in der Umsetzung und durch ihre stimmungsaufwühlende Farbgebung. Seine Portraits zeigen Haltung und Mut zum Experiment. „Apokalyptische Reiter“ ziehen auf einem seiner Bilder, welches 1930 entstand, in eine abstrakte Schlacht, deren Intensität mit den Händen zu greifen scheint. Moor, selbst ausgezeichneter Cello-Spieler, hat immer wieder die Gefühlswelt der Musik bildhaft zum Ausdruck gebracht. Den Atem der Harmonie in farbige Kompositionen umgesetzt, den raumfüllenden Tanz der Noten in filigranen Figuren dargestellt. Musik als bunte, ausufernde Bildarchitektur. Musik als ungezügelte, sichtbare Leidenschaft. Die Landschaften leben in einer eigenwilligen, von Zartheit und derber Natur bestimmten Dynamik. Und immer wieder treibt Moor die Abstraktion voran, löst er sich vom Formalen und stößt in andere, suggestive Welten vor, wie das „Motiv aus Fürstenfeldbruck“, das um 1926 entstand. Hier wird sein Drang, künstlerisches Neuland zu erobern, vielleicht am deutlichsten spürbar. Ein begeisterndes Spiel von Farben und Formen, von Flüchtigkeit und tiefer Verwurzelung. Diese Ausstellung ist Überraschung und Erlebnis gleichermaßen.
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 07.08.2016
Benediktbeuren: Apollon Quartett Prag – Gedämpfter Perfektionismus
Bilder
Benediktbeuren. Gunter Schuller war es, der zu Beginn der 1950er Jahre den für damalige Verhältnisse absolut abenteuerlichen Versuch unternahm, Jazz und Klassik unter einen Hut zu bekommen. Dabei war es überwiegend die zeitgenössische Jazzmusik, im Stile des Bebop und des Cool Jazz, der er sich annahm, um diese dann mit „Kunstmusik“ zu verzahnen. So entstand unter Schullers Führung der sogenannte Third Stream. Flächendeckend durchgesetzt hat sich diese Art des Musizierens bis heute nicht. Doch es gab immer wieder großartige Komponisten (John Carisi, John Lewis, Rolf Liebermann), die in diesem Bereich Nachhaltiges schufen.
Weitaus häufiger findet man heutzutage Formationen, die in ihrer instrumentalen Zusammensetzung den Spagat zwischen Jazz und Klassik wagen. Ob diese Symbiose rein ästhetisch immer aufgeht, lassen wir einmal offen. Auf jeden Fall ist diese Art des Musizierens recht erfolgreich (geworden), wie der Auftritt des Apollon Quartett aus Prag am gestrigen Abend im Rahmen der Iffeldorfer Meisterkonzerte im Barocksaal des Kloster Benediktbeuern zeigte.
Schon allein die Repertoirezusammenstellung machte deutlich, dass sich hier musikalische Welten gegenüberstehen, die aber innerhalb eines Konzertes mehr Gemeinsames als Trennendes zum Ausdruck bringen sollten. Aber Pavel Kudelásek (Violine), Radek Kři¸anovský (Violine), Pavel Ciprys (Viola) und Pavel Verner (Violoncello) fanden tatsächlich in der Fülle verschiedenartiger Ansätze eine stilistische Balance. Wenn man noch dazu weiß, wie sehr Miles Davis den böhmischen Schlachtersohn Antonin Dvorak schätzte, wie intensiv sich Pat Metheny mit klassischer Musik beschäftigt und das Oliver Nelson sich nie scheute, bei seiner Musik den Eindruck zu hinterlassen, dass diese im klassischen Sinn durchkomponiert war und er diese zu dirigieren verstand, schmelzen die Unterschiede langsam aber sicher dahin.
Beeindruckt hat vor allem das unkonventionell differenzierte Spiel des Quartetts. Mal tänzerisch beschwingt, mal schwer melancholisch, versuchte es die Oberfläche der Kompositionen zugunsten deren Tiefe zu durchbrechen. Nach der barocken Eröffnung mit Frantisek Xaver Richters „Streichquartett C-Dur op. 5“ kam schon der erste Höhepunkt des Abends. Antonin Dvoraks „Streichquartett F-Dur op. 96“, auch das „Amerikanische“ genannt, schrieb Dvorak 1893 in den USA. Zu einer Zeit also, in der der Jazz in Form des Ragtime noch in den Kinderschuhen steckte und man noch nicht zu ahnen wagte, welchen Siegeszug er einmal antreten sollte. Das "Streichquartett F-Dur" wurde schon mit einem Bezug zu synkopierter Rhythmik geschrieben, die vom Apollon Quartett besonders im 1. Satz hörbar waren. Man spürte volksmusikalische Anteile, die aber geographisch nicht immer ganz zu orten waren. Mal klingen slawische Melodien durch, mal sind es mehr nordamerikanische Ansätze, bis hin zu Spiritual-Verweisen. Der 2. Satz (Lento) ist eine melancholische Offenbarung. Die Prager Streicher verstanden es ausgezeichnet, die nachdenklich-poetische Stimmung in den Vordergrund zu stellen, dem Ineinandergreifen der verschiedenen Stimmen (die dem Rufen eines Vogels, Ornithologen meinen dem Scharlachtangaren, wohl nachempfunden wurde) eine dramatische Note zu geben und damit der Musik eine Art klangliches Fernweh vermittelte. Die beiden letzten Sätze zeugten von Dvoraks Temperament und seinem Können, dynamische Gegensätze miteinander in Beziehung zu bringen, ja, sie auf der Grundlage von maßloser Klangschönheit zu vereinen.
Nach der großartigen „Pflicht“ im ersten Teil, kam nach der Pause die „Kür“. Und auch sie wurde zu einem klanglichen Erlebnis, das dem gedämpften Perfektionismus des Quartetts zu verdanken war.. Oliver Nelson „Stolen Moments“, eine der meist gespielten Standards des Jazz, faszinierte in seinem klaren Aufbau. Ein langsamer Blues, getragen von einer wunderschönen Melodie, die das Apollon Quartett wie eine klassische Komposition interpretierte. Das schmissige „Seven Steps To Heaven“ von Miles Davis bekam ein sehr eigenwilliges, aber passendes Arrangement, das einen klugen Ausgleich zwischen Rationalität und Gefühl anstrebte. Dizzy Gillespies „A Night in Tunesia“ ist ein frühes Beispiel für den Einfluss kubanischer Musik in den Jazz. Die übereinandergelegten polyrhythmischen Riffs der Komposition explodierten in diesem Quartett auch ohne Schlagwerk bzw. Perkussion und schufen eine Art exotische Stimmung. Zu erwähnen auch die Selbstverständlichkeit, mit der sich die einzelnen Mitglieder des Quartetts den Improvisationen stellten. Hier wirkte nichts angestrengt, ängstlich geschweige unsicher.
Das Publikum nahm diese musikalische Herausforderung als eine Erweiterung des klassischen Ansatz begeistert an. Es erklatschte sich einige Zugaben und machte damit deutlich: Musik kennt keine Grenzen.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Samstag 30.07.2016
Fürstenfeld: Swan Lake statt Schwanensee
Bilder
Bilder
Bilder
Fürstenfeld. Es ist der Klassiker schlechthin, wenn es ums Ballett geht. Schwanensee, dieses märchenhafte Faszinosum aus tänzerischer Bewegung und ergreifender Musik, das ganze Generationen begeisterte und an dem sich tausende von Balletttänzern, manchmal voller Verzweiflung, bis heute weltweit abmühen. Ein Großteil dieser kapriziös getanzten Figuren vermitteln den Charakter einer Hochleistungskultur, die von arrivierter Körperbeherrschung lebt und dem Alltag weit entrückt scheint. Dada Masilo, Shootingstar der südafrikanischen Tanzszene, hat sich diesem Bühnenwerk angenommen und mit ihrer Dance Factory Johannesburg ein vitales Tanzspektakel inszeniert, das gestern im Rahmen des ersten Tanzfestivals DanceFirst in Fürstenfeld aufgeführt wurde.
Auch in ihrem Swan Lake trugen die Akteure fast durchweg Tutus, doch die Handlung des Geschlechterspiels wurde von Dada Masilo unverkrampft neu interpretiert. Und auch der musikalische Rahmen ging weit über Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Originalkomposition hinaus.
Die Bühne erbebte in einer Mischung aus Entertainment und Operettenklamotte, aus klassischem Pas de deux und traditionellen Ritualtänzen, aus Streetdanceszenen und Ausdruckstanz. Mit unsäglichem Temperament, Erotik, aber auch Respekt vor dem Original wurde die Liebesgeschichte auf eine ganz eigene Art erzählt, die das Thema der Unterschiedlichkeit von Lebensweisen, Auffassungen und auch Kulturen begeisternd zum Ausdruck brachte. Unkonventionell wurde zusätzlich Musik von Rene Avenant, dem Minimalisten Steve Reich und für die Schlussszene von Arvo Pärt ("Spiegel im Spiegel") eingebaut und auch hier der festzementierte Rahmen förmlicher Weltanschauungen weggesprengt. Eine gute Stunde lang begeisterte dieses (humorvolle) Feuerwerk aus Körperbeherrschung und Stilfusion das Publikum.
Am heutigen Samstagabend wird die Dance Factory Johannesburg und Dada Masilo das DanceFirst-Festival in Fürstenfeld mit dem Klassiker „Carmen“ beenden. Norbert Leinweber, Chef des Veranstaltungsforum, ist mit dessen Verlauf vollauf zufrieden: „DanceFirst war ein voller Erfolg! Der Besucherzuspruch hat unsere kühnsten Erwartungen weit übertroffen: Drei Veranstaltungen waren ausverkauft, alle anderen Abende zu über 90 % ausgelastet. Besonders freut mich, dass wir hierbei auch viele neue Kulturfreunde auf Fürstenfeld aufmerksam machen konnten. Insofern spricht sehr viel für ein weiteres Tanzfestival im Veranstaltungsforum in 2018.“
Autor: Jörg Konrad
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.