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9. SYSTEMSPRENGER
10. MEIN LEBEN MIT AMANDA
11. UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT
12. PRELUDE
Freitag 27.09.2019
SKIN
Ab 03. Oktober 2019 im Kino
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Bryon Widner (Jamie Bell) trägt den Hass tief im Herzen und sichtbar auf der Haut. Seine zahlreichen Tätowierungen überziehen Körper, Gesicht und kahlrasierten Schädel – eingebrannte Verbildlichungen seiner Gewalttaten und Zeugnis einer von Hass und Unmenschlichkeit geprägten rechtsradikalen Gruppierung, angeführt von seinen Zieheltern "Ma" Shareen (Vera Farmiga) und "Pa" Fred Krager (Bill Kamp). Als er die dreifache Mutter Julie (Danielle Macdonald) kennenlernt und sie ungeahnte Gefühle der Liebe und Zugehörigkeit in ihm entfacht, beginnt er an seiner Ideologie zu zweifeln. Seinem zunehmenden Verantwortungsgefühl für ihr Wohl und das ihrer Töchter folgend, sucht er Hilfe beim afro-amerikanischen Menschenrechtsaktivisten Daryle (Mike Colter), der nicht nur zur entscheidenden Stütze in seinem schwierigen Prozess des Ausstiegs wird, sondern es ihm auch ermöglicht, seine verräterischen Symbole auf der Haut wieder loszuwerden. Es beginnt ein langwieriger und sehr schmerzhafter Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit...

Ein Film von Guy Nattiv
Mit Jamie Bell, Danielle Macdonald, Vera Farmiga, Bill Camp, Mike Colter, uvm.

Der israelische Filmemacher Guy Nattiv erzählt in seinem ersten US-Spielfilm SKIN – basierend auf seinem gleichnamigen, in diesem Jahr mit einem Oscar® prämierten Kurzfilm – authentisch und ungeschönt die Geschichte des Szeneaussteigers Bryon „Babs“ Widner, der zu den meistgesuchten weißen Suprematisten des FBI zählte. Nur durch die Hilfe des Menschenrechtsaktivisten Daryle Jenkins war der Ausstieg möglich, gemeinsam haben sie Geschichte geschrieben und gezeigt, wie (Rassen-)Hass überwunden werden kann. Nah am Leben, authentisch und packend hat Guy Nattiv den brisanten Stoff nach eigenem Drehbuch für das Kino aufbereitet. Weltpremiere feierte er 2018 auf dem Toronto International Film Festival, wo er mit dem FIPRESCI Preis der internationalen Vereinigung von Filmkritikern und Filmjournalisten ausgezeichnet wurde, und bei der diesjährigen Europapremiere im Rahmen der Berlinale, wo SKIN in der Sektion Panorama lief, gab es Standing Ovations. Jamie Bell ("Rocketman", "Billy Elliot – I Will Dance") besticht mit einer großartigen Performance als (Anti-) Held, Mike Colter ("Marvel‘s Luke Cage“, "Good Wife") als dessen Mentor. Die Rolle der dreifachen Mutter Julie hat Danielle Macdonald ("Dumplin", "Patti Cake$ – Queen of Rap") übernommen, als Zieheltern von „Babs“ überzeugen die Charakterdarsteller Bill Camp ("Vice – Der zweite Mann", "Red Sparrow") und Vera Farmiga ("Conjuring", "Up in the Air"). SKIN ist ein eindringliches, intensives und aufrüttelndes Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten. Die Geschichte einer schmerzhaften Verwandlung und einer großen Liebe. Ein Film, der unter die Haut geht.

INHALT Ohio 2009. Ein Aufmarsch von fanatischen Anhängern der White-Supremacy-Bewegung. Rechtsradikale Sprüche werden skandiert, rassistische Plakate geschwenkt, Hände zum Hitler-Gruß hochgereckt. Unter ihnen Bryon Widner (Jamie Bell), genannt „Babs“. Wut und Hass trägt er sichtbar auf der Haut – Tattoos „schmücken“ Körper, Gesicht und den kahl rasierten Schädel. Militante Parolen, nationalsozialistische Symbole, als Zahlen verschlüsselte Botschaften... 33 steht beispielsweise für den Ku-Klux-Klan. K ist der elfte Buchstabe im Alphabet. Drei mal elf ergibt 33.
 
Zu schweren Ausschreitungen kommt es im Verlauf der Kundgebung. Die Polizei verliert die Kontrolle. Die weißen Suprematisten liefern sich mit den vorwiegend afroamerikanischen Gegendemonstraten eine Straßenschlacht, ein junger Schwarzer flüchtet in Panik. Widner läuft ihm nach, stellt ihn in einer Gasse. Prügelt auf ihn ein, schneidet ihm ein Hakenkreuz in die Wange. Kurz darauf wird Bryon verhaftet. Beim Verhör durch das FBI bietet Agentin Jackie Marks ((Mary Stuart Masterson) dem aggressiven jungen Mann einen Deal an: Wenn er gewillt ist, gegen den Klan auszusagen und Insider-Informationen preiszugeben, wird die Anklage gegen ihn fallen gelassen. 
 
Undenkbar für Widner, der eisern schweigt. Bald befindet er sich wieder auf freiem Fuß, kehrt zurück zur Ziehfamilie. Zu Mutter Shareen (Vera Farmiga) und Vater Fred „Hammer“ Krager (Bill Kamp), radikaler Führer und selbstherrlicher Drahtzieher einer radikalen Splittergruppe namens „Vinlander’s Social Club“. Da lernt „Babs“ bei einer Zusammenkunft der Rechtsradikalen, auf dem „Nordic Fest“, die dreifache Mutter Julie (Danielle MacDonald) kennen – und verliebt sich in die patente alleinerziehende Frau. Stark, selbstbewusst, dem Leben zugewandt, ist sie, der rechten Szene und ihrem gewalttätigen Ehemann hat sie vor Kurzem den Rücken gekehrt. 
 
Bryon beginnt – von alten Mitstreitern angefeindet, bedroht und terrorisiert – seine Wertewelt zu hinterfragen, kommt in Kontakt mit dem schwarzen Menschenrechtsaktivisten Daryle Jenkins (Mike Colter), Gründer des „One People’s Project“. Potentiellen Aussteigern bietet er seine Hilfe an, will „Müll will in menschliche Wesen verwandeln“. In Byron erkennt er den Menschen, der sich hinter seinen Tattoos versteckt. Sie müssen weg. Eine Sponsorin findet sich für die teure, schmerzhafte Behandlung. 612 Sitzungen wird es dauern, bis Bryon Widner zum neuen Mann geworden ist. Zum treusorgenden Vater, liebenden Gatten – und zum unermüdlichen Mitstreiter von Daryle Jenkins.



GLOSSAR
   
Daryle Lamont Jenkins
Geboren 1968 in Newark, New Jersey, politischer Aktivist, der sich als Gründer des One People's Project einen Namen gemacht hat. Der Afroamerikaner ist eine schillernde Persönlichkeit, war sowohl Teil der Punk-Rock-Szene als auch Polizist bei der United States Air Force. Er bietet ein Aussteiger-Programm für Neonazis an und marschiert bei AntiRassismus-Demos mit, wo er das Aufeinandertreffen von Antifa-Gruppen und Alt-RightDemonstranten auf Video festhält. 
 
One People’s Project
Im Jahr 2000 wurde das One People's Project (OPP) gegründet, um die Aktivitäten von einschlägig bekannten Rassisten und rechtsextremen Gruppierungen zu überwachen, dokumentieren und publizieren. Die bekanntesten Mitglieder der Organisation, die im Kern aus 15 Freiwilligen besteht, sind ihr Gründer Daryle Lamont Jenkins und Joshua Hoyt, der seit 2002 Mitglied ist. Das Motto der wohl bekanntesten US-amerikanischen Antifa-Bewegung lautet: „Hass hat Konsequenzen“.
   
Ku-Klux-Klan
Rassistischer, gewalttätiger Geheimbund, gegründet 1865 nach Ende des Sezessionskriegs. Primäres Ziel war die Unterdrückung der Afroamerikaner, heute richten sich Hass und Wut gegen alle nicht-weißen Minderheiten. Die paramilitärische Gruppierung wurde 1870 aufgelöst und 1915 als nativistische Organisation neu gegründet. Große Bekanntheit erlangte der Klan durch David W. Griffiths technisch wegweisenden, politisch fragwürdigen Stummfilm „Die Geburt einer Nation“. 
 
Rechtsextreme Zeichen und Symbole
Die Anhänger der (internationalen) rechtsextremistischen Szene bedienen sich bestimmter Symbole und Zeichen (Hakenkreuz, Schwarze Sonne, SS-Totenkopf etc.), um ihre Gesinnung zu demonstrieren. Die Symbolsprache umfasst neben verbotenen Parolen wie „Meine Ehre heißt Treue“, nationalsozialistischer Terminologie – etwa „Ostmark“ für Österreich – auch Zahlencodes. So steht 33 für den Ku-Klux-Klan. K ist der elfte Buchstabe im Alphabet. Drei mal elf ergibt 33. 
 
Southern Poverty Law Center 
Die Anwälte Morris Dees, Joseph Levin und Julian Bond gründeten das Southern Poverty Law Center (SPLC) 1971 ursprünglich als Rechtsanwaltskanzlei in Montgomery, Alabama, wo Rosa Parks 1955 den historischen Busboykott auslöste, weil sie sich geweigert hatte, ihrem Sitzplatz für einen Weißen zu räumen. Heute ist das „Rechtszentrum zur Armut im Süden“ eine Organisation, die Rassismus bekämpft und Bürgerrechte durch Forschung, Bildung und Zivilklageverfahren fördert.
 
White Supremacy
Die Suprematisten, Anhänger der „weißen Vorherrschaft“, gehen weltweit von der Annahme aus, dass „Europide“ allen anderen menschlichen „Rassen“ überlegen sind. Sie sehen sich in privilegierter Stellung, bestimmt zu herrschen, sei es politisch, religiös oder kulturell. Auf dieser    
Theorie basier(t)en zahlreiche rassistisch ideologische Systeme, darunter der deutsche Nationalsozialismus und das südafrikanische Apartheid-Regime. Pendant: Black Supremacy.     
 
Vinlanders Social Club
2003 wurde der Vinlanders Social Club (VSC) von Mitgliedern und Sympathisanten der Skinhed-Gruppe „Outlaw Hammerskins“ ins Leben gerufen. Der rassistischen Vereinigung gehörten Eric „Der Schlachter“ Fairburn und Brien James von den „Hoosier State Skinheads“, Steve Smith und vier weitere Ex-„Keystone State Skinheads“ sowie Anhänger der „Ohio State Skinheads“ an. Der VSC wurde 2010 vom Phoenix Police Department und der AntiDefamation League (ADF) zerschlagen.  
 
Bryon „Babs” Widner
Er galt lange Jahre als treibende Kraft der US-amerikanischen Neonazis: Bryon „Babs“ Widner, geboren (wohl) 1977. Als gewaltbereiter „Pitbull“ wurde der Mitbegründer des Vinlanders Social Club beschrieben. 16 Jahre lang waren Körper und Gesicht mit Hakenkreuzen und anderen Nazi-Symbolen übersäht, ehe er sich entschloss, die Tattoos weglasern zu lassen. In „Erasing Hate“ (2011) dokumentiert Bill Brummel die Wandlung des Skinheads zum Menschenrechtsaktivisten. 




INTERVIEW MIT GUY NATTIV
 
Wie sind sie auf die Story gestoßen?
Jamie Ray Newman, meine jetzige Frau und Produktionspartnerin, und ich waren damals verlobt und führten eine Fernbeziehung. Ich stand 2012 kurz vor dem Umzug in die Staaten und war auf der Suche nach einem Stoff für meinen ersten amerikanischen Film. Ich saß in einem Coffee Shop in Tel Aviv und las eine Zeitung, in der Fotos von Bryon Widner abgedruckt waren – jenem verrückten, faszinierenden Ex-Neonazi, dessen Gesicht einst von Tätowierungen übersät war, die er sich in einem langen, schmerzhaften Prozess hatte entfernen lassen. So hat er sich äußerlich und innerlich, physisch und emotional, von seiner Vergangenheit gelöst. Als Enkel von vier Holocaust-Überlebenden wollte ich sofort mehr über ihn erfahren. Ich zeigte den Artikel meinem Großvater und er ermutigte mich, die Geschichte weiter zu verfolgen.
 
Wie ging es dann weiter?
Jaime und ich machten uns auf die Suche nach Bryon. Das stellte sich natürlich als große Herausforderung dar, denn er hielt sich versteckt. Doch es gelang uns, Kontakt aufzunehmen und er bot mir ein Treffen in einem Diner an einer Schnellstraße an. Ich flog also von Israel in die Staaten, war mir aber nicht sicher, ob Bryon auftauchen würde. Aber er kam – und wir saßen dann ganze vier Tage lang zusammen. Wir freundeten uns sogar an. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit einem Ex-Neonazi so gut auskommen würde.
 
SKIN ist ihr erster US-Spielfilm. Warum erzählen sie diese Geschichte jetzt?
Wir leben in verrückten Zeiten. Die Menschen haben die Hoffnung verloren. Worte wie „Friede” und „Liebe” sind zu Floskeln verkommen. 24 Stunden, sieben Tage die Woche sehen wir uns mit Gewalt und Hass konfrontiert. Als ich Bryons Geschichte 2012 las, waren die Vereinigten Staaten noch anders, aber die kommende Katastrophe war schon spürbar. Ich hatte das Gefühl, dass ich diese außergewöhnliche Geschichte von diesem innerlich wie äußerlich schwer verletzten Mann, der es geschafft hatte, sich grundlegend zu ändern, einfach erzählen musste. Manche Leute verdienen einfach eine zweite Chance. Es gibt Möglichkeiten, sich von der Vergangenheit zu befreien. Ich wollte das Publikum mit dieser Tatsache konfrontieren, die Zuschauer sollen in sich hineinschauen, vergeben, Hilfe anbieten. So wie es Daryle Lemont Jenkins getan hat, als er sich mit Bryon anfreundete und ihn letztendlich gerettet hat. 
 
Das klingt sehr einfach...
Ist es aber nicht. Im Gegenteil, es ist sogar sehr kompliziert. Ist Gewalt in unserer DNA angelegt? Können wir uns ändern, können wir uns davon lösen, wie wir erzogen wurden? Unser Film erforscht einen sehr komplizierten, vielschichtigen Mann. Ich will seinen schwierigen Weg nicht simplifizieren, ich will ihn nicht als unschuldiges Opfer zeigen, ich will ihn nicht schönreden. An seiner Metamorphose ist nichts einfach.
 
Wie sind sie in Sache Recherche und Drehbuch an das Projekt herangegangen?    
Bryon Widner und Daryle Lemont Jenkins haben mir beim Skript extrem geholfen. Wir haben uns mehrfach persönlich getroffen und ausgetauscht, haben im Verlauf von vier Jahren ewige Stunden telefoniert oder uns via Skype unterhalten. Ich habe obendrein mit Schlüsselpersonen des Southern Poverty Law Center gesprochen, die maßgeblich geholfen haben, Bryon zu retten. Nicht zu vergessen Bill Brummells fantastische MSNBC-Dokumentation "Erasing Hate" von 2011. Sie war für mich unbezahlbar. Brummell lebte während der zwei Jahre, in denen Bryon sich seine Tattoos entfernen ließ, immer wieder mit ihm und seiner Familie zusammen. Als ich mich ans Skript setzte, hatte man Obama gerade für seine zweite Amtszeit gewählt. Viele Menschen glaubten, dass es in den USA kaum Faschisten und White-Power-Extremisten gäbe. Leider ergaben meine Recherchen das Gegenteil. Im Hinterland der Vereinigten Staaten gibt es jede Menge Rassismus und Gewalt. Seit Trumps Wahl ist das ganz offensichtlich, aber im Zuge meiner Vorarbeit zum Film ist mir das schon viel früher klargeworden.
 
Können sie beschreiben, wie sie beim Casting vorgegangen sind? Hatten sie schon bestimmte Schauspieler im Kopf, als sie das Drehbuch schrieben?
Eigentlich nicht. Es war ein langer Prozess, bis wir den richtigen „Bryon” fanden. Die unglaubliche Laura Rosenthal und ihr talentiertes Team waren maßgeblich daran beteiligt, die passenden Schauspieler für SKIN zu finden. Mit der wunderschönen und begabten Danielle Macdonald hatte ich schon bei meinem Kurzfilm „Skin” zusammengearbeitet, ihr Spiel in PATTI CAKE$ hatte mich begeistert. Ich bot ihr also die Rolle der Julie an. Nachdem Danielle zugesagt hatte, hatte mein Produzent Oren Moverman die brillante Idee, Jamie Bell als Bryon zu engagieren. Ich habe Jamies Arbeit immer schon bewundert – sein Talent und seine Intelligenz. Um herauszufinden, ob er in der Lage war, diesen gnadenlosen, harten und schwer verletzten Mann zu spielen, fuhr ich nach Virginia, wo er gerade für die Fernsehserie „TURN – Washington’s Spies“ vor der Kamera stand. Wir unterhielten uns lange und ich erkannte in ihm einen reifen, reflektierten Mann, der die Tiefe, den Charme und die nötige Physis besaß, um Bryon zu verkörpern. 
 
Wie ging es dann weiter?
Wir machten uns an die Besetzung der Nebenrollen. Ich verabredete mich via Skype mit Vera (Farmiga), die ich seit Langem bewundere und unsere Chemie stimmte sofort. Es war mir wichtig, dass alle Charaktere echt und glaubwürdig wirkten – sie mussten zusammenpassen. Und das traf bei Bill (Camp), seiner Film-Ehefrau Vera und Louisa (Krause), die als April zu sehen ist, absolut zu. Nicht zu vergessen Mike Colter, der in die Rolle von Daryle Lamont Jenkins geschlüpft ist, auch da hätte ich mir niemanden besseren vorstellen können.
 
Können sie ein wenig auf Jamie Bells Transformation eingehen und erläutern, wie die Zusammenarbeit mit ihm war?
Jamie hat Bryon fesselnd und erschütternd porträtiert, ist in seiner schwierigen Rolle voll aufgegangen und hat für den Part innerhalb kürzester Zeit rund zehn Kilo zugenommen. Er hat sich mit Bryon Widner getroffen, sich mit ihm ausgiebig ausgetauscht, dessen Körpersprache und Mimik studiert. Er ist das Herz des Films, instinktiv und explosiv. Sein Spiel ist unglaublich nuanciert und komplex, er hat es perfekt verstanden, diesen zerrissenen, oft gewalttätigen Mann einzufangen. Ich habe Jamie viel Raum zum Improvisieren eingeräumt, er sollte sich in der Rolle wiederfinden. Ich habe ihm diesbezüglich voll vertraut. Er hat ausgiebig recherchiert, sich einschlägige Dokumentarfilme angesehen und auf diversen Websites mit den verschiedenen faschistoiden Gruppierungen befasst. Es hat jeden Tag dreieinhalb Stunden gedauert, bis er sich in Bryon verwandelt hatte – Tätowierungen, falsche Zähne, eine kleine Nasenprothese, Kontaktlinsen... Manchmal hat er seine Tätowierungen über Nacht behalten, um am nächsten Morgen Zeit zu sparen. Dann lief er voll tätowiert in der Gegend herum – die Leute haben ihn nicht angesehen, es war ihnen peinlich. Als ich ihn erstmals als Bryon sah, liefen mir Angstschauer über den Rücken.
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Donnerstag 19.09.2019
NUREJEW
Ab 26. September 2019 im Kino
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Paris in den 1960er Jahren: Der Kalte Krieg befindet sich auf seinem Höhepunkt und die Sowjetunion schickt ihre beste Tanzkompanie in den Westen, um ihre künstlerische Stärke zu demonstrieren. Das Leningrader Kirow-Ballett begeistert die Pariser Zuschauer, aber ein Mann sorgt für die Sensation: der virtuose junge Tänzer Rudolf Nurejew. Attraktiv, rebellisch und neugierig, lässt er sich vom kulturellen Leben der Stadt mitreißen. Begleitet von der schönen Chilenin Clara Saint (Adèle Exarchopoulos) streift er durch die Museen und Jazz-Clubs der Stadt, sehr zum Missfallen der KGB Spione, die ihm folgen. Doch Nureyev genießt den Geschmack der Freiheit und beschließt in Frankreich politisches Asyl zu beantragen. Ein höchst riskantes Katz- und Mausspiel mit dem sowjetischen Geheimdienst beginnt.

Ein Film von RALPH FIENNES
Mit OLEG IVENKO, ADÈLE EXARCHOPOULOS, CHULPAN KHAMATOVA, RALPH FIENNES u.a.

Beruhend auf wahren Ereignissen, erzählt Regisseur und Darsteller Ralph Fiennes (DER ENGLISCHE PATIENT) in Nurejew – THE WHITE CROW die unglaubliche Geschichte der sowjetischen Ballettlegende Rudolf Nurejew. Gedreht auf 16mm leben in atmosphärischen Bildern die bewegten 60er Jahre wieder auf. Die Rolle Nureyevs interpretiert eindrucksvoll der ukrainische Weltklasse-Balletttänzer Oleg Ivenko. Das Drehbuch stammt von David Hare (DER VORLESER).


Mai 1961. In der Hochphase des Kalten Krieges reist das Leningrader Kirow-Ballett (heute: Mariinski Ballett) in den Westen. Auch der junge Tänzer Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) gehört zu der weltberühmten Kompagnie, die am Pariser Flughafen Le Bourget eintrifft. Der KGB-Agent Strischewsky (Alexey Morozov), der die Truppe begleitet, behält ihn von Anfang an im Auge, denn Nurejew ist höchst eigenwillig: Er setzt sich ständig ab, erkundet Paris, steht früh morgens auf, um in den Louvre zu gehen und Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ zu betrachten. Dieser Rudolf Nurejew möchte in Paris so viel Hochkultur aufsaugen, wie es ihm in den fünf Wochen nur möglich ist. Auch so möchte er sich und seine Ballettkunst fortentwickeln – und die kleine, begrenzte Welt seiner Kindheit hinter sich lassen. 
 
Als Junge war er, was man in seiner Heimat Ufa eine „weiße Krähe“ nennt: ein Außenseiter, verschlossen, immer allein. Geboren wird er in der Transsibirischen Eisenbahn, und er wächst in einer bettelarmen Familie auf, fern von jeder Hochkultur. Als die liebevolle Mutter einmal in der Lotterie eine Karte für eine Ballettaufführung gewinnt, nimmt sie all ihre Kinder mit, und der kleine Rudolf ist völlig verzaubert: Er will Balletttänzer werden. 
 
Diesem Ziel kommt er näher, als er 1955 im Choreographischen Institut Leningrad aufgenommen wird, der berühmtesten Ballettschule der Welt. Doch er ist schon 17, eigentlich viel zu alt. Mit seinem Lehrer kommt er nicht zurecht, forsch und zornig verlangt der ehrgeizige junge Mann, in der Gruppe des legendären Ballettmeisters Alexander Puschkin (Ralph Fiennes) aufgenommen zu werden. Unter diesem arbeitet er wie besessen, trainiert noch, als alle anderen schon nach Hause gegangen sind. Der sanftmütige Lehrer und seine Frau Ksenija (Chulpan Khamatova) kümmern sich auch privat um Rudolf, selbst dann noch, als er nach der Ausbildung eine Stelle im Kirow-Ballett angetreten hat. Als er sich einen Fuß bricht, nimmt das Paar ihn bei sich in der kleinen Ein-Zimmer Wohnung auf: Zwischen Rudolfs Krankenlager und dem Ehebett steht nur ein Paravent. Ksenija pflegt ihn gesund – und beginnt eine Affäre mit dem bisexuellen Mann. 

Bald fühlt sich Rudolf Nurejew bei den Puschkins immer eingeengter, er will ausbrechen, träumt von einer anderen, größeren Welt – da kommt die Reise in den Westen gerade recht.
In Paris freundet er sich mit dem Tänzer Pierre Lacotte (Raphaël Personnaz) und der jungen Chilenin Clara Saint (Adèle Exarchopoulos) an. Mit ihnen erkundet er die Kultur der Stadt und zieht durch Restaurants und Nachtclubs – sehr zum Missfallen von KGB-Mann Strischewsky, der Rudolf mehrmals ermahnen, einmal sogar offiziell verwarnen wird. Aber Rudolf will mit den neuen Freunden das westliche Leben genießen, und er will seinen Erfolg feiern: Schon mit seinem ersten Auftritt wird er in Paris zum umjubelten Star. Das Publikum ist hingerissen von diesem Tänzer mit der unglaublichen Bühnenpräsenz und Aura, diesem Tänzer, der die männliche Rolle im Ballett neu definiert. „Männer standen nur da und taten nichts, die Frauen machten Sätze, Sprünge und Drehungen. Ich habe mich bei den Frauen bedient“, erklärt er Clara Saint. Diese ist fasziniert von seinem Charisma – aber sie bekommt auch die dunklen Seiten seines Charakters zu spüren. Ob in einem Laden, in dem er eine Spielzeugeisenbahn kaufen möchte, oder im feinen russischen Restaurant: Blitzartig kann Rudolf aggressiv werden, ungehalten und beleidigend, auch gegenüber Clara. Und doch wird sie ihm in einem entscheidenden Moment seines Lebens zur Seite stehen.      
 
Als die Kompagnie wieder am Flughafen Le Bourget eintrifft, um nach London weiterzureisen, eröffnen Strischewsky und Ballettchef Sergejew (Nebojsa Dugalic) Rudolf Nurejew, dass er allein nach Moskau zurückreisen muss. Sofort wird er panisch, er glaubt, verschleppt und inhaftiert zu werden. Pierre Lacotte, der zum Abschied gekommen ist, bleibt an seiner Seite und bittet Clara herbei, um sie zu unterstützen. Die Situation ist unübersichtlich: In der Schalterhalle sind Fans, Journalisten, Tänzer versammelt, auch zwei Flughafenpolizisten, die Clara geistesgegenwärtig herbeiruft. Dazwischen sitzen KGB-Agent Strischewsky und Rudolf Nurejew, schweißüberströmt und voller Angst. Er möchte in Paris bleiben und sich von der Kompagnie absetzen: Doch wie kann das gelingen? Und zu welchem Preis? Eine Nervenschlacht beginnt ...
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Donnerstag 12.09.2019
SYSTEMSPRENGER
Ab 19. September 2019 im Kino
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Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen! Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

Ein Film von Nora Fingscheidt
Mit Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide,  Lisa Hagmeister u.v.a.

Im Wettbewerb der 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin 2019 feierte SYSTEMSPRENGER eine fulminante Premiere. Die Regisseurin Nora Fingscheidt überzeugte die Jury und durfte sich für ihr intensives und gefühlvolles Spielfilmdebüt über den Silbernen Bären / AlfredBauer-Preis sowie über den Publikumspreis der Leserjury der Berliner Morgenpost freuen. 
Das großartige Ensemble begeistert – allen voran Helena Zengel, die mit körperlicher Wucht Bennis expressiver Wut ein zartes Gesicht verleiht, Lisa Hagmeister als Mutter, die Überforderung und Gebrochenheit eindrücklich verkörpert. Albrecht Schuch ist als Betreuer Micha der perfekte Gegenpol zu Benni. Gabriela Maria Schmeide überzeugt realitätsnah als Mitarbeiterin des Jugendamts, die alles Mögliche unternimmt, um Benni im Rahmen des Systems zu helfen. Einem System, das an diesem Anspruch scheitert und durch Kinder wie Benni „gesprengt“ wird. 
SYSTEMSPRENGER ist seit der Berlinale auf zahlreichen Festivals gelaufen und mehrfach ausgezeichnet worden, darunter beim 23. Sofia International Film Festival mit dem Preis für die Beste Regie, beim Molodist – 47. Internationales Filmfestival Kiew mit dem Preis der Ökumenischen Jury sowie beim 29. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern mit vier Preisen und beim 30. Internationalen Filmfest Emden-Norderney mit zwei Preisen. 
SYSTEMSPRENGER ist eine Produktion von kineo Filmproduktion und Weydemann Bros., in Ko-Produktion mit Oma Inge Film und ZDF / Das kleine Fernsehspiel; mit Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Deutschen Filmförderfonds, der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, des Medienboard Berlin-Brandenburg, nordmedia und des Kuratorium junger deutscher Film. 
 
Sie ist wild, sie ist aggressiv und unberechenbar. Benni heißt eigentlich Bernadette. Aber wehe, jemand nennt sie so! Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat Benni schon hinter sich, und überall fliegt sie wieder raus. Die äußerlich zarte Neunjährige ist jetzt schon das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Doch das ist Benni egal, denn sie hat nur ein Ziel: Wieder bei ihrer Mutter wohnen! Aber Bianca ist völlig überfordert mit ihrer Tochter.
 
Die warmherzige Frau Bafané vom Jugendamt droht zu verzweifeln. Niemand will Benni mehr aufnehmen. Von der Schule ist sie dauerhaft suspendiert. Nicht einmal der Alltag mit ihr ist zu schaffen: Wegen traumatischer Erfahrungen in frühester Kindheit darf niemand ihr Gesicht berühren. Frau Bafané wagt ein letztes Experiment und engagiert Micha, einen Anti-GewaltTrainer für straffällige Jugendliche. Nach anfänglichem Widerstand lässt Benni sich auf Micha ein, und anstatt einer erneuten Einweisung in die Kinderpsychiatrie ermöglicht er ihr einen gemeinsamen Aufenthalt in der Natur. Drei Wochen Erlebnispädagogik ohne Strom und fließendes Wasser. Die Zeit im Wald stellt nicht nur Benni, sondern auch Micha auf eine harte Probe. Der sonst so selbstbewusste Mann kommt an seine Grenzen. Doch es gelingt ihm schließlich, ein Erlebnis für Benni zu schaffen, auf das sie stolz sein kann, und einen wirklichen Zugang zu ihr zu finden.
 
Zurück in der ‚Zivilisation’ klammert Benni sich an Micha und möchte bei ihm bleiben. Aber Micha hat eine eigene Familie und erkennt, dass er seine professionelle Distanz verliert. Als Bennis Mutter plötzlich wieder auftaucht, nehmen die Dinge ihren eigenen Lauf.
 

REGIEKOMMENTAR – NORA FINGSCHEIDT
Mich faszinieren Kinder, die nicht zu bändigen sind und die vor Lebensenergie nur so strotzen. Kinder, die mit voller Wucht unsere Vorstellung von einem liebenswerten und „systemkonformen“ Kind erschüttern. Als wir vor sechs Jahren einen Dokumentarfilm über ein Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart drehten, hörte ich zum ersten Mal den inoffiziellen, aber in der Jugendhilfe gängigen Begriff „Systemsprenger“. Denn die Bewohnerin, die an diesem Tag einzog, war erst 14 Jahre alt. Keine Institution der Jugendhilfe wollte sie mehr aufnehmen. 
Es folgte eine lange Zeit der Recherche und des Schreibens, ein Prozess, der mich immer wieder an meine persönlichen Grenzen brachte - und doch persönlich bereicherte. „Systemsprenger“ sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen und ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen. Wie viel Energie braucht jemand, um pädagogisch ausgebildete Erwachsene immer wieder in die Verzweiflung zu treiben? Was, wenn es möglich wäre, diese Energie konstruktiv umzuleiten? Und was ist das eigentlich für ein „System“, das am Ende ja auch aus Menschen besteht, die helfen wollen, aber immer wieder vor Hindernisse gestellt werden? Nicht selten begegnet die restliche Gesellschaft den „Systemsprengern“ erst später, wenn sie im schlimmsten Fall als junge Erwachsene gewalttätig werden. Dann werden sie schnell als „Täter“ verurteilt. Allerdings bringt uns die Grenze, die wir zwischen Tätern und Opfern so gerne ziehen, nicht weiter. Jedenfalls nicht, wenn wir den Kindern helfen wollen.  Wir haben diesen Film gemacht, um Verständnis für Kinder wie Benni zu wecken. Der Strudel aus Wohnorten, der dauerhafte Wechsel von Bezugspersonen. Wie soll ein Kind, dessen einzige Kontinuität der Wechsel ist, irgendwo Halt finden? Gleichzeitig reißt Benni uns mit in die wilde und fantasievolle Welt eines Kindes, das um die Liebe seiner Mutter kämpft. Der Film soll trotz aller Tragik Bennis Lebensenergie widerspiegeln, ihren Humor und ihre Sehnsucht, und dabei im besten Fall ein mit allen Sinnen spürbares Kinoerlebnis schaffen. Bennis Verhalten mag schockieren, doch die Zuschauer sollen sie lieben und um sie fürchten. Gewalt von Kindern ist ein Hilfeschrei. Immer. 


WENN SELBST DAS ECHO NICHT MEHR ANTWORTET…
„SYSTEMSPRENGER“ – ZWISCHEN KUNST UND REALITÄT VON PROFESSOR DR. MENNO BAUMANN
Ich hatte in den letzten fast sechs Jahren die große Ehre und das Vergnügen, die Entwicklung und Entstehung dieses Filmes von der Frage „Wäre das ein Thema für einen Film“ über die verschiedenen Drehbuchfassungen bis zu den Dreharbeiten immer wieder begleiten zu dürfen. Von mir, so hieß es, könnten auf Grund meiner praktischen Erfahrung in der Jugendhilfe, aber auch auf Grund meiner Forschungsarbeiten, die an diesem Projekt Beteiligten vieles lernen…

Die Frage, wie dieses komplexe Thema im Rahmen eines Kunstwerkes – und das ist dieser Film ohne jeden Zweifel – darstellbar sei, hat mich jedoch im Erleben mehr zu einem Lernenden gemacht als zu einem Berater. Voller Spannung durfte ich erleben, wie einerseits die Ernsthaftigkeit und das gesellschaftliche Drama, das sich hinter diesem Titel verbirgt, deutlich und realitätsnah bestehen blieben. Und andererseits entstand ein Film, dessen Handlung auch für Menschen, die mit diesem Thema noch nie in Berührung gekommen waren, nachvollziehbar und ansprechend wirkt. Resümierend bleibt dabei aber doch die „fachliche“ Frage: Wie realistisch ist dieser Film? Beim ersten Mal, als ich SYSTEMSPRENGER sah, fiel mir gleich eine Frage ein: Müsste zu Zeiten gender-gerechter Sprache der Film nicht konsequenterweise „Systemsprengerin“ heißen?

Die Antwort wurde mir schnell klar: Auf keinen Fall! Denn es geht hier nicht einfach nur um Benni, sondern der Terminus muss im Plural gedacht werden – angewendet auf alle Akteure des Filmes gleichermaßen. Denn – so lehre ich das im Rahmen von pädagogischen Diagnostikseminaren seit Jahren – Benni ist kein Fall, sondern ein Kind. Der Fall ist die Gesamtheit an Dingen, die sich mit, um und für Benni ereignen – inklusive überforderter Helfer, zu hoher Fallzahlen in den Jugendämtern, Kommunikationsrituale und -Spielregeln zwischen Schule, Psychiatrie und Jugendhilfe, Personalnot in den Einrichtungen etc. Insofern zeigt sich hier das Fingerspitzengefühl der Regisseurin: Benni ist nicht einfach „die Systemsprengerin“, sondern es wird ein komplexer Vorgang beschrieben, wie es ihn zum Glück nicht so häufig, aber doch immer wieder gibt. Verschiedene Untersuchungen im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe wie auch der Sozial-Psychiatrie haben gezeigt, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, denen im Rahmen der bestehenden Hilfesysteme offenbar kaum geholfen werden kann.

Sie wandern von Maßnahme zu Maßnahme, kommen immer wieder von Psychiatrie zu Inobhutnahmestelle, in eine neue Pflegefamilie oder in ein neues Heim. Die Ambivalenzen der überforderten, ängstlichen, im Grunde aber doch liebevollen Mutter sind in diesen „Fallverläufen“ ebenfalls ein typisches Muster. Diese Dynamiken, die in der Fachwelt oft mit dem hilflosen Begriff des „Systemsprengers“ (dabei handelt es sich nicht um einen Fachbegriff, siehe mein YouTube-Beitrag: „Systemsprenger – Versuch einer Definition“) benannt werden, hat der Film auf absolut reale Weise eingefangen. Es gibt sie, die „Bennis“, die hilflos durch das Helfersystem zu irren scheinen und dabei, zwischen ihrer Angst und ihren eigenen Machtphantasien gefangen, hilflose Helfer zurücklassen. Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass ihr Anteil innerhalb der stationären Jugendhilfe (Heimerziehung) in etwa bei fünf Prozent liegt, vielleicht sind es auch sieben. Also eigentlich eine kleine Gruppe - da diese aber hoch dynamisch unterwegs ist, beschäftigt sie das System extrem. Die nächste Frage: Sind das tatsächlich Kinder wie Benni?

Eine Untersuchung, die ich vor einigen Jahren an der Universität Oldenburg geleitet habe, zeigte: Ja, es gibt auch Kinder, die im Alter von unter zehn Jahren schon überall rausfliegen und auf dieser „Reise“ sind. Prototypisch ist das aber nicht (etwas vier Prozent aller „Systemsprenger“ sind jünger als zehn Jahre). Der größte Teil, der von diesem Phänomen betroffenen Kinder und Jugendlichen, ist älter als dreizehn Jahre, die Phänomene der gewaltsamen Impulsdurchbrüche und des Weglaufens sind dabei aber prototypisch (zusammen mit Drogenkonsum, Selbstverletzungen und Zündeleien).  Besonders sorgsam ging die Regisseurin bei der Auswahl der einzelnen Szenen vor. In ihrer akribischen Recherchearbeit sammelte sie so viel Material aus eigenen Erlebnissen und Erzählungen von Pädagogen und Pädagoginnen, dass fast jede einzelne Szene sich irgendwo in Deutschland genau so abgespielt hat. Die Reflexion dieser Ereignisse, so dass ein in sich stringenter Charakter „Benni“ entsteht, hat dabei riesige Freude bereitet. Natürlich steht die Frage nach der Realität auch bezüglich der Erziehungsmaßnahme „drei Wochen Wald“. In ungewöhnlichen Fallverläufen greift die Pädagogik in der Tat auch zu ungewöhnlichen Mitteln – und somit ist dies sicherlich wiederum eine absolute Ausnahme, aber keineswegs undenkbar, dass auch eine solche „Maßnahme“ in Erwägung gezogen wird. Erlebnispädagogische Projekte gibt es mittlerweile viele, und fast alle entstanden aus dem spontanen Entschluss, einfach mal was auszuprobieren.

Auch die Spaltung des Helfersystems in einerseits überfordert-genervte Menschen, die immer darauf pochen, „das sei so nicht ihre Aufgabe“ und den engagierten „Rettern“, die letztlich damit überfordert sind, die Grenzen zwischen ihren Emotionen und ihrer Fachlichkeit, die nicht ohne Emotionen auskommt, aber auch nicht von diesen überrannt werden darf, zu wahren, ist etwas, das ich als Berater intensivpädagogischer Einrichtungen seit Jahren bestens kenne. Dass dabei auch Grenzüberschreitungen bis ins Private hinein geschehen, ist absolut keine Seltenheit. Als wunderschön empfinde ich die Symbolsprache des Filmes. So wird eine verschwommene Drehtür am Beginn der Flughafen-Szene gezeigt – in der Tat wird der Prozess, dem Benni zwischen Heimen, Pflegefamilien, Inobhutnahmen und Psychiatrien ausgesetzt wird, als „Drehtüreffekt“ bezeichnet. Und die Auslandsmaßnahme ist eben die nächste Stufe der Eskalation – auch wenn diese Maßnahmen oft sehr hilfreich sind, wenn sie gut arrangiert werden. Auch die drei möglichen Film-Enden, nach dem Benni weggelaufen ist, stellen die Ambivalenz ihres Lebens, ihrer Sehnsüchte und ihrer Ängste beeindruckend und künstlerisch dar: Das Verstecken in der Hundehütte des eigentlich angstbesetzten Wachhundes, die Geborgenheit in den Armen Michas und die nüchterne Lagerung auf der Krankenwagenpritsche zeigen, dass solche Situationen in der Realität eben kein eindeutiges, „wahres“ Ende haben können.

Dies muss der Zuschauer – Profi oder nicht – aushalten lernen. Meine persönliche Lieblingsszene ist die Szene im Wald, wo Micha Benni zeigen möchte, was ein Echo ist. Voller Verzweiflung brüllt sie ihr „Mama“ ins Tal, aber nicht einmal das Echo antwortet ihr. Besser lässt sich die Gefühlswelt dieser Kinder, die ich in den letzten Jahren kennen lernen durfte, nicht darstellen. Natürlich enthält der Film auch Vereinfachungen und Reduktionen, an denen sich nachweisen ließe, das gewisse Darstellungen unrealistisch seien. SYTEMSPRENGER ist kein Dokumentarfilm, sondern eine fiktionale Filmerzählung. So wird die Vielzahl der Menschen, die im realen Leben hier beteiligt wären, reduziert: pro Heim maximal zwei Erzieher, immer dieselbe Ärztin…

Auch werden alle Akteure in diesem Film als durchweg engagiert und an ernsthafter Kooperation interessiert dargestellt – eine Stärke des Films, ohne Schuldzuweisungen und simple Erklärungen auszukommen! Aber leider gelingt dies in der Realität nicht immer so einfach. Wenn jedes Kind ein Kooperationssystem um sich hätte wie Benni, würde manches mehr gelingen. Unter dem Strich sehe ich aber einen beeindruckenden Film, der ein sehr ernstes Thema unserer Kinder- und Jugendhilfe aufgegriffen und in seiner Komplexität in Szene gesetzt hat. Nach den Spielregeln der Filmwelt, aber auch unter Brechung ebendieser. Denn immer, wenn der Zuschauer glaubt, Hoffnung keimt auf, belehrt uns der Film eines Besseren. Und dieses Kerngefühl, das Helfer und Helferinnen in ihrer Arbeit immer wieder erleben, ist in dem Film eingefangen. SYSTEMSPRENGER verlangt vom Publikum das, was Benni von jedem einzelnen mit ihr konfrontierten Erwachsenen verlangt: Auszuhalten, dass es auch diese Seite des Menschseins gibt!
 
Professor Dr. Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik, Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf, Leinerstift Kinder-, Jugend- und Familienhilfe e.V. Großefehn/Ostfriesland
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Donnerstag 05.09.2019
MEIN LEBEN MIT AMANDA
Ab 12. September 2019 im Kino
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Sommer in Paris. David, 24 Jahre alt, führt ein unbekümmertes Singleleben, das er sich mit verschiedenen Jobs finanziert. Gelegentlich schaut er auf einen Sprung bei seiner Schwester und ihrer kleinen Tochter Amanda vorbei. Und da ist noch seine neue Nachbarin Léna, in die er sich verlieben könnte. Doch von einem auf den anderen Tag findet die sommerliche Unbeschwertheit ein Ende. David ist gezwungen, eine große Entscheidung zu treffen und eine noch größere Verantwortung zu übernehmen. Für sein Leben und das seiner siebenjährigen Nichte Amanda. Und die clevere Kleine hat so ihre eigenen Vorstellungen, wie das aussehen soll.
 
MEIN LEBEN MIT AMANDA von Mikhaël Hers (DIESES SOMMERGEFÜHL) erzählt wunderbar feinfühlig und berührend vom Zueinanderfinden zweier Menschen, die ungleicher nicht sein könnten. Vor allem die schauspielerische Leistung von Vincent Lacoste, einem der Shootingstars des jungen französischen Kinos als David, und der jungen Isaure Multrier als Amanda treffen mitten ins Herz des Zuschauers. Ein kleines Filmjuwel!


Ein Film von Mikhaël Hers 
Mit Vincent Lacoste, Isaure Multrier, Stacy Martin, Ophélia Kolb, Greta Scacchi


INTERVIEW MIT MIKHAËL HERS
 
In Ihrem Film DIESES SOMMERGEFÜHL haben Sie sich bereits mit dem Thema „Trauer“ auseinander gesetzt. Nun spielt Trauer in MEIN LEBEN MIT AMANDA eine zentrale Rolle.
Der Film handelt von David, der sich nach dem Tod seiner Schwester um seine Nichte kümmern muss. In meinen letzten Filmen war ich mehr von der melancholischen oder retrospektiven Sicht der Dinge inspiriert. Bei MEIN LEBEN MIT AMANDA war der Ausgangspunkt, das Paris von heute zu zeigen und dabei die Gewalt und das Fragile unserer Zeit einzufangen. Der Film ist mehr in der Gegenwart verankert und präsentiert das alltägliche Leben stärker als DIESES SOMMERGEFÜHL.
Der Film beginnt damit, dass die kleine Amanda alleine vor der Schule auf ihren Onkel wartet, der zu spät kommt. Dieser kurze Moment der Einsamkeit ist eine Vorahnung des späteren Verlustes. Damit wollte ich auch die Beziehung zwischen Amanda und David beschreiben. Ein Mann, der es nicht mal schafft, seine Nichte pünktlich von der Schule abzuholen, soll später die volle Verantwortung für das Mädchen tragen. Es ist der Anfang einer langen Reise. David ist wie ein großes Kind, das für ein Kind sorgen muss. Dabei scheint die Kleine ihm eine bessere Stütze zu sein, als er ihr. Dieses Zusammenspiel hat mich sehr berührt, weil es auch um Vaterschaft geht, aber eine andere Art von Vaterschaft, eine ungewollte, eine Art vererbte. 
 
Ohne auf die Melancholie Ihrer früheren Filme zu verzichten, haben Sie nun einen melodramatischeren Ton eingeschlagen.
Was die großen Gefühle angeht, ist der Film direkter. Es gibt dieses tragische Ereignis, das einerseits sehr persönlich ist, andererseits aber auch viele betrifft. Ich wollte einen zurückhaltenden Film machen, der gleichzeitig etwas wagt, dabei aber so zugänglich wie möglich ist. Das macht den Film vielleicht so melodramatisch. Zum Beispiel habe ich mich durch meine Figuren und die dramatischen Momente, die sie durchleben, leiten lassen. Da wollte ich nichts schön färben. Vor allem der Moment, als David seiner Nichte mitteilen muss, dass ihre Mutter gestorben ist. Diese Szene dem Publikum vorzuenthalten, wäre falsche Sensibilität oder unnötige Diskretion gewesen. Das Vertrauen meiner Schauspieler hat mich sehr ermutigt. Es gab nie einen Moment, in dem es sich falsch anfühlte, wenn Vincent Lacoste oder Isaure Multrier im Film weinten.
 
Lag es daran, dass Sie diese Emotionen in einem alltäglichen Umfeld haben spielen lassen?
Es ist mir wichtig, meine Filme inmitten der Irrungen und Wirrungen des Lebens zu erden. Sie dürfen aber auch die Rahmenhandlung sprengen. Ich versuche immer, möglichst realistisch zu bleiben, so dass ich alles selbst nachempfinden kann. Trotz meiner Subjektivität hinterfrage ich mich aber ständig, ob es sich auch im echten Leben so abspielen würde. Ich wollte Menschen zeigen, die von Trauer betroffen sind, aber nicht, dass sie in dieser Emotion feststecken. Ein Mensch in Trauer durchlebt unterschiedliche Gefühle, und diese Komplexität wollte ich einfangen. Das Schwanken zwischen traurigen und weniger traurigen, kleinen und großen Glücksgefühlen. 
 
In dieser Hinsicht ist die Szene am Bahnhof beispielhaft. David bricht zusammen und in der nächsten Szene sehen wir ihn wieder bei der Arbeit.
Diese Szene gab es nicht im Skript – das war eine der wenigen, die wir spontan gedreht haben. Ich wollte einfangen, wie David von seinem Leid übermannt wird, mitten im Getümmel. Unter all diesen vielen Menschen, die ihren Weg fortsetzen oder ihren Zug erwischen wollen. Truffaut sagte einmal, dass Kino wie das echte Leben ist, nur ohne Stau. Ich liebe Truffaut, aber ich denke auch, dass Film dem Stau eine Rolle geben sollte.  Man kann ihn auch emotional einbinden. Ich habe das Gefühl, dass ich durch Banalitäten der Wahrheit näher komme als durch Spektakel.
 
Spiegelt sich die gezielte Darstellung der großen Gefühle in Ihrer ästhetischen Umsetzung wider?
Ich hatte das Gefühl, dass sie mich meinen Figuren sehr nahe gebracht haben. Es gibt viele Nahaufnahmen von Gesichtern und weniger Kamerafahrten an unterschiedlichen Locations. Kurzgesagt, ich wollte, dass der Film so echt und einfach wie möglich wird.
 
In Ihrem Film ist Paris sehr lebendig, aber nie sehr touristisch. 
Das war mir sehr wichtig. Ich wollte keinen Stadtteil einer sozialen Schicht zuordnen. Ich wollte das kulturell gemischte Paris zeigen, das normale Paris, das alltägliche Paris, eine Stadt mit der sich jeder identifizieren kann. Es ist großartig, eine erfundene Geschichte mit der Realität zu verweben. Die Fiktion mit dem alltäglichen Leben verschmelzen zu lassen. Ich wäre am liebsten noch viel weiter gegangen, aber leider wird es immer schwieriger, in Paris zu drehen und die Masse an Menschen darin einzubinden.
 
Trotzdem gibt es nach dem Terroranschlag Bilder vom Postkarten-Paris mit der Seine und ihren Schiffen, von unbekümmerten Touristen.
Es ging darum zu zeigen, dass, wenn dir etwas Tragisches widerfährt, sich die Welt um dich herum weiter dreht. Das Leben um einen herum geht weiter. David und Amanda sind in einer tragischen Situation, als ihnen die Touristen vom Boot aus zuwinken. Das ist brutal und trotzdem schön. Es ist das Leben mit all seinen komischen Situationen. In der nächsten Szene sind wir in einem leeren Paris, so wie es am Tag nach den Anschlägen vom 13. November war.
 
Gab es das Bedürfnis, etwas von der Gewalttätigkeit unserer Zeit einzufangen, die auf die Anschläge von 2015 zurückgeführt werden kann?
Die Anschläge sind nur teilweise der Auslöser der heutigen Gewalt. Man sollte das Thema weiter fassen. Die Anschläge passen in eine Zeit, in der den Menschen Orientierungspunkte fehlen, und die ihnen bewusst macht, wie fragil und zerbrechlich ihr Leben ist. Ich hatte mehrere Geschichten im Kopf: Das Paris der Gegenwart; ein junger Mann, der noch nicht erwachsen ist, und ein kleines Kind, die sich gegenseitig dabei helfen, zurechtzukommen; die Anschläge vom 13. November. Im Film fügen sich diese verschiedenen Puzzleteile auf fast geheimnisvolle Weise zusammen. Plötzlich entsteht da diese Struktur der Geschichte, die zwingend und unvermeidlich ist.
 
Warum wollten Sie einen Film über die Anschläge machen?
MEIN LEBEN MIT AMANDA ist weder ein Film über die Anschläge, noch über den islamistischen Terror. Aber diese Themen nicht zu zeigen oder sie zu benennen (die Szene im Café mit Raja) wäre nicht möglich. Es ging darum, den richtigen Weg und die richtige Zeit dafür zu finden. Nach dem 13. November sind wir in einer Bilderflut versunken, immer die gleichen Bilder in Endlosschleife. Nachrichtenbilder, die alles noch unbegreiflicher machten, statt zu helfen, uns selbst ein Bild vom Geschehenen zu machen. Auf meinem bescheidenen Level sollte der Film dem entgegenwirken.

Paradoxerweise wirkt gerade dieses Ereignis in Ihrem Film eher irreal.
Ja, das liegt wahrscheinlich am stimmigen Spätnachmittagslicht und daran, dass wir es aus Davids Perspektive erleben. Er gleitet förmlich in das ruhige Parkareal, nachdem er die hektische Innenstadt von Paris hinter sich gelassen hat. Wir schweben quasi auf einer Wolke zum Ort des Anschlags, als ob alle Welt bereits weiß, was passiert ist, nur wir und David nicht.
 
In Ihrem Film sieht man Fahrradtouren und Reisen, die unternommen werden. Man bekommt das Gefühl, dass sich hier auch der Wunsch widerspiegelt, nach den Anschlägen Orte zurückzuerobern.
Wenn auch unter anderen Voraussetzungen, etwa einer erhöhten Sicherheitsstufe. Die Anschläge hatten einen großen Einfluss darauf, wie sich Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung verhalten. Zwar unbewusst, aber unleugbar mit all den Sicherheitsmaßnahmen. Es gibt diese Angst vor einer Schießerei, wann immer man einen Knall hört. Dieses Gefühl der Unsicherheit, das einen beschleicht, wenn man im Café sitzt oder an einem Platz mit vielen Menschen ist. Klar, die Wahrscheinlichkeit, dass man bei einem Autounfall ums Leben kommt, ist höher. Aber leider ist es nun auch möglich, von einer Kugel getroffen zu werden. In Paris, in Frankreich oder sonst irgendwo. Ich wollte keinen gesellschaftskritischen Film über Anschläge machen, aber ich musste diese Bedrohung in meinem Film mit aufnehmen, weil sie zeigt, wie unser Leben damit auf die Probe gestellt wird.
 
Ihre Darstellung vom alltäglichen Leben ist sehr präzise, dennoch vermeiden Sie es zu realistisch oder dokumentarisch zu werden.
Das ist mein Ziel. Die Einfachheit und das Alltägliche einzufangen und ihnen Schönheit, Lyrisches und Poetisches zu verleihen. Zum Beispiel schläft David in der Wohnung seiner Schwester nicht in ihrem Zimmer, sondern auf dem ausklappbaren Sofa. Obwohl er dort lebt, ist es für ihn unmöglich, ihr Bett zu nehmen, vor allem aus Rücksicht auf seine Nichte. Ihn dabei zu zeigen, wie er das Sofa ausklappt, war mir wichtig. Eine kleine Handlung, die jeder kennt. Genauso wie bei Sandrines Zahnbürste, die er zuerst wegschmeißt und sie dann wieder aus dem Müll fischt.
 
Warum haben Sie sich für Vincent Lacoste entschieden, der die Rolle des Davids spielt?
In meinem ersten Entwurf war die Figur älter. Als ich es mit meinem Produzenten Pierre Guyard durchgegangen bin, haben wir uns für eine Figur Anfang zwanzig entschieden. Ein junger Erwachsener. In dieser Altersgruppe war Vincent Lacoste unsere eindeutige Wahl. Sein Gesicht, die Art wie er spricht, sanfte Gesten, anmutig und trotzdem leicht ulkig. Es war eine Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er ist faszinierend, hat eine gute Arbeitsmoral und eine tolle Auffassungsgabe, was Details betrifft.
 
Und Isaure Multrier, die Amanda spielt?
Isaure hatte noch nie zuvor geschauspielert. Unser Caster hat sie auf der Straße entdeckt. Ich habe davon geträumt, ein sehr kindliches Mädchen zu finden, das zugleich auch etwas Erwachsenes an sich hat. Offensichtlich der Spiegel-Effekt im Film, aber auch weil ich festgestellt habe, dass Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, etwas reifer sind. Also habe ich mir Amanda so vorgestellt, dass sie sich sprachlich gut ausdrücken kann, vielleicht sogar besser als eine durchschnittliche 7-Jährige.

Es ist das erste Mal, dass ein Kind eine so zentrale Rolle in einem Ihrer Filme spielt. Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht?
Dass man mit einem Kind nur drei bis vier Stunden am Tag drehen darf, hatte einen ziemlichen Einfluss auf die Dreharbeiten. Abgesehen davon ist es das Gleiche wie mit einem Erwachsenen. Und das war wichtig. Ich wollte von Isaure keine Leistung erzielen, in dem ich sie manipuliere. Ich wollte, dass ihr Lachen und ihre Tränen durch den Prozess entstehen. Durch eine Entwicklung, nicht als Ergebnis von psychologischem Druck. Isaure hat das Skript gelesen. Sie war sich der Geschichte voll und ganz bewusst. Sie hatte einen sehr ernsthaften und bewussten Zugang zum Film. Die Konzentration und das Vertrauen, das sie uns entgegenbrachte, waren unglaublich berührend.
 
Und das Casting der anderen Schauspielerinnen?
Als ich mich für Stacy Martin, die Léna spielt, entschieden habe, musste ich meine Komfortzone verlassen. Ihre Ausdrucksweise und ihre Spieltechniken waren mir anfangs gar nicht vertraut. Aber ich wollte mich auch Neuem und einer neuen Herangehensweise, was Dialoge betrifft, stellen. Stacy hat eine einzigartige Stimme, und es gefällt mir sehr, wie sie den Film damit bereichert hat. Mit Ophelia Kolb, die Sandrine spielt, war es vertrauter. Ich war mit ihrer Art zu spielen schon vertraut. Daher haben wir uns gleich verstanden. Sie brachte eine eindrucksvolle Lebendigkeit mit, die der Film absolut braucht. Die Tante war vielleicht etwas zu elegant im Drehbuch angelegt. Marianne Basler hat dem exzentrischen Charakter aber etwas Einfachheit und Menschlichkeit verleihen können. Und für Alison, Davids und Sandrines Mutter: Für sie haben wir nach einer englischsprachigen Schauspielerin gesucht, die auch auf Französisch umswitchen kann. So wie Marianne hat Greta Scacchi etwas sehr Glaubhaftes und Berührendes eingebracht, das über das Klischee der überschwänglichen, rastlosen Mutter hinausgeht. Abgesehen von ihrer Entscheidung, getrennt von ihren Kindern zu leben. Und sie ist eine Filmikone der 90er-Jahre, mit der ich groß geworden bin.
 
Der Film endet im London Park, wo vorher das Wiedersehen von David und seiner Mutter stattfand. Aber es könnte genauso auch ein anderer Park an einem anderen Ort sein. 
Ja, weil das Licht in der Schlussszene viel heller ist, als es im Park während des Wiedersehens war. Auch Amanda, David und seine Mutter sind nicht mehr im Bild. Das war für mich wichtig. Nach den Morden zu Beginn, die die Filmhandlung unterbrechen und der Geschichte eine andere Richtung geben, endet der Film mit Aufnahmen des alltäglichen, normalen Lebens und einem strahlenden Moment im Park.
 
Interview: Claire Vassé
 
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Donnerstag 29.08.2019
UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT
Ab 05. September 2019 im Kino
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1952 in der DDR: Die zu Unrecht verurteilte junge Kommunistin Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) erreicht nach vielen Jahren in der Sowjetunion das kleine Fürstenberg. Von der sozialistischen Kreisleitung wird sie in allen Ehren empfangen, man kümmert sich um ihre schwer kranke Tochter, gibt ihr eine schöne Wohnung und eine würdevolle Arbeit. Antonia, die dies nach vielen Jahren voller Schmerz und Einsamkeit nicht mehr für möglich gehalten hatte, schöpft neue Hoff nung. Die Solidarität, die sie in dem jungen Land erfährt, erneuert ihren Glauben an die Zukunft im Geiste der Gerechtigkeit. Sie verliebt sich in den Arzt Konrad, der sich gegen das bequeme Leben seiner in Hamburg ansässigen Familie entschieden hat. Antonia gewinnt ein neues Leben und soll dafür einen Preis zahlen: von ihrer Zeit in der Sowjetunion soll sie schweigen. Die Wahrheit, so fürchtet die junge Republik, könnte die so fragile Nation ins Wanken bringen. Antonia wird Teil des Aufbruchs in eine neue und bessere Welt und wird doch stets mit einer Vergangenheit konfrontiert, die nie die ihre war.
Herausragend besetzt, gespielt und inszeniert: UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT ist ein aufwühlendes Stück deutsches Kino, wie es es bisher nicht gab. Regisseur Bernd Böhlich fi ndet Bilder für ein großes Drama der Sprachlosigkeit, die Vergangenheit und Zukunft zu unversöhnlichen Gegenspielern werden lässt. Die Hauptdarstellerin Alexandra Maria Lara spielt die Rolle ihres Lebens, zieht uns in Bann und lässt uns nicht mehr los. Es gelingt ein bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzter, hochspannender Film aus dem Innenleben eines uns bis heute verfolgenden Widerspruchs.

Ein Film von Bernd Böhlich
Mit ALEXANDRA MARIA LARA, ROBERT STADLOBER, STEFAN KURT

1952 in der Sowjetunion. Antonia Berger lebt mit ihrer an einer schweren Lungenkrankheit leidenden Tochter seit mehr als 10 Jahren in einem Arbeitslager, verurteilt zu lebenslanger Zwangsarbeit. Die Kommunistin, die 1938 mit der „Kolonne Links“ in die Sowjetunion ging, um hier für die Revolution zu kämpfen, wurde dort unter absurden Vorwürfen verhaftet. Über das gesamte Musiker-Ensemble wurde damals das Todesurteil gefällt, einzig Antonia überlebte – im Strafl ager. Hier verliert sie ihren Mann, dessen Wunsch, seine Tochter zu sehen, als Fluchtversuch gedeutet wurde. Einigen Politikern der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik ist es zu verdanken, dass 1952 die Ungerechtigkeit, der Antonia Berger und ihre Mitinsassinnen zum Opfer gefallen sind, nicht mehr hingenommen wird. Ihre Rückkehr in die DDR wird eingeleitet.

Zusammen mit ihrer mittlerweile schwer kranken Tochter Lydia und ihren Haftgenossinnen Irma Seibert und Susanne Schubert macht sie sich auf den beschwerlichen und für ihre Tochter sowohl lebensgefährlichen als auch -rettenden Weg quer durch Europa. Die von einer Mitarbeiterin der Parteileitung auf den Bahnhof Fürstenberg, das spätere Eisenhüttenstadt, mitgebrachten Blumen wirken nicht so willkommensfestlich wie sie gemeint sind. Eher betonen sie den schmalen Rest Würde und Menschlichkeit, der den vier anreisenden Frauen geblieben ist. Doch die körperlichen Zumutungen scheinen nun vorüber. Man veranlasst sofort, dass Lydia ins Krankenhaus gebracht und dort behandelt wird. Angesichts der Schwere der Erkrankung und der Durchsetzungsmacht der Partei-Mitarbeiterin können auch die bürokratischen Formalia der Krankenhaus-Einweisung links liegen gelassen werden. Ein sympathischer Arzt, Doktor Konrad Zeidler, kümmert sich persönlich um Lydia. Plötzlich scheint alles gut zu werden für Antonia und ihr Kind. Es wird viel getan, damit sie alle, auch Irma und Susanne, im aufgeräumten Fürstenberg ankommen können. Die aus der Haft Befreiten bekommen eine gute Wohnung, sie bekommen Geld und Lebensmittelkarten. Und vor allem gibt man ihnen eine würdevolle Arbeit, die ihren Berufen vor der Verhaftung entspricht, die ihnen eine ehrhafte Position verschaff t und sie teilhaben lässt am großen Auf- und Umbau, den diese Gesellschaft mit sich vorhat. Antonia wird zur Leiterin im Haus des Volkes ernannt. Für die Fürstenberger soll sie Kultur und Kunst erschaff en, Kunst für die Gemeinschaft, von der Gemeinschaft und im Sinne der Gemeinschaft. Dass diese Kunst politisch sein wird – wie jede andere auch – ist für Antonia selbstverständlich.

Um all dies offiziell zu machen, werden die drei ehemaligen Haftgenossinnen in die Kreisleitung eingeladen. Das Willkommen, das man ihnen bereitet, ist ehrlich und auf Augenhöhe, niemand gibt ihnen das Gefühl, nur akzeptiert zu sein. Sie alle werden gebraucht und mit dem entsprechenden Respekt behandelt. Nur eine Bedingung gibt es: wer diese Chance auf ein neues Leben jenseits der Narben der Vergangenheit nutzen will, muss schweigen über die Ungerechtigkeit, die über sie hereingebrochen ist, die ihr Leben zerstört und die Loyalität für die gemeinsame Sache eigentlich unmöglich gemacht hat. So will es Leo Silberstein, Sekretär für Agitation und Propaganda. Für das Zusammenhalten der noch jungen Republik sei es zu gefährlich, von der Gewalt zu sprechen, die im Namen des Kommunismus stattgefunden hat. Zu wankelmütig ist das Volk, zu greifbar der Kapitalismus und die alte Macht der Nazis des Westens. Später, so das Versprechen, wird eine Zeit kommen, in der man über alles sprechen wird. Obwohl die Geretteten ahnen, dass das verordnete Schweigen die Folter des Arbeitslagers nur auf perfi de Weise verlängern würde, unterzeichnen sie den Pakt der Stille. In der Hoff nung darauf, dass das so sichtlich gute Leben in Fürstenberg und der Aufbau der besseren und gerechteren Gesellschaft es wert sein werden, auf eine Geschichte zu verzichten, die ihnen nur aufgezwungen war, die sich über sie hergemacht hatte und schließlich doch ihr Leben bestimmte. Ein Alltag umfängt Antonia Berger, in dem es ihr gut geht. Sie genießt das Glück, ihre Tochter wieder aufl eben zu sehen, ihr so etwas wie eine verspätete Kindheit zu ermöglichen. Sie erfährt gelebte Gemeinschaft mit Nachbarn und Kollegen. Sie verliebt sich in den Arzt Konrad Zeidler, der ein aufrechter Mensch ist und sie in ihrer politischen Konsequenz nur zu gut versteht. Für ihn gäbe es ein anderes, bequemeres Leben in der BRD, wo er die Praxis seines Vaters übernehmen könnte. Antonia lässt sich von ihrer Arbeit erfüllen, die sie glücklich macht. Sie ist und bleibt überzeugte Kommunistin und es erfüllt sie, ihr Leben und das vieler anderer Menschen so zu gestalten, dass es von Gerechtigkeit und Gleichheit getragen ist. Und Antonia Berger schreibt. Weil es nicht sagbar ist, erzählt Antonia schreibend von den Verwerfungen der Vergangenheit und davon, wie sie sie dahin führten, wo sie nun lebt. So gibt es mit dem Text in ihrem Tagebuch bald einen verbotenen Ort, der eine verbotene Wahrheit enthält und den es zu verstecken gilt. Doch im Lauf der Zeit gerät Antonia immer wieder in Situationen, in denen sie fast an dem Schweigen zerbricht. Als Susanne Schumann Konrad Zeidler von der Vergangenheit der drei Frauen erzählt, muss Antonia Stellung beziehen. Sie entscheidet sich für die Wahrheit. Und für das Leben in der DDR.

DER REGISSEUR

Bernd Böhlich, 1957 in Löbau geboren, arbeitete nach dem Abitur als Regieassistent beim Deutschen Fernsehfunk in Berlin. Seit dem Abschluss seines Regiestudiums an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg ist er als Autor und Regisseur tätig. Bereits sein Abschlussfi lm an der Filmhochschule, FRONTURLAUB, lief auf zahlreichen internationalen Festivals. Anfang der 1990er Jahre wurde Bernd Böhlich für zwei seiner Fernsehfi lme mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet. 2007 feierte er mit seinem Kinofi lmdebüt DU BIST NICHT ALLEIN mit Axel Prahl und Katharina Thalbach in den Hauptrollen einen Riesenerfolg, an den er 2008 mit DER MOND UND ANDERE LIEBHABER anknüpfen konnte. 2012 inszenierte er die Komödie BIS ZUM HORIZONT, DANN LINKS! über eine abenteuerliche Reise, die alles verändert. Der Film begeisterte deutlich mehr als 200.000 Kinozuschauer. Bekannt wurde Bernd Böhlich auch für die KRAUSE-Fernsehfi lme mit Horst Krause in seiner Paraderolle als gleichnamiger Polizeihauptmeister im brandenburgischen Dorf Schönhorst. Mit UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT kehrt Bernd Böhlich auf die Kinoleinwand zurück.
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Donnerstag 22.08.2019
PRELUDE
Ab 29. August 2019 im Kino
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Der 19jährige David (Louis Hofmann) träumt von einem Leben als Konzertpianist auf den großen Bühnen der Welt. In seiner Heimat war er mit seiner Begabung immer etwas Besonderes. Als Student am Musikkonservatorium merkt er aber schnell, dass er nur ein Talent unter vielen ist. Sein Kommilitone Walter (Johannes Nussbaum) ist sein größter Konkurrent, nicht nur musikalisch. Nur die Affäre mit der selbstbewussten und lebenshungrigen Gesangsstudentin Marie (Liv Lisa Fries) gibt ihm die Kraft, für das begehrte Stipendium in New York zu kämpfen. Doch mit wachsenden Erwartungen von allen Seiten beginnt David die Kontrolle über sein Leben zu verlieren...

Ein Film von Sabrina Sarabi
Mit LOUIS HOFMANN, LIV LISA FRIES, JOHANNES NUSSBAUM, URSINA LARDI, JENNY SCHILY

G E S P R Ä C H  M I T  A U T O R I N  &  R E G I S S E U R I N S A B R I N A S A R A B I

Wie kam es zu der Idee von PRÉLUDE? Was hat dich an dem Thema besonders interessiert?
Schon als Kind und auch als Jugendliche wollte ich immer mehr. Ständig habe ich ein neues Hobby angefangen und die ganze Zeit eine innere Unruhe gespürt, ich konnte kaum stillsitzen. Auch während meines Studiums hat sich das fortgesetzt.
Irgendwann habe ich angefangen, mich intensiv damit auseinanderzusetzen und bemerkt, dass es vielen Menschen so geht wie mir. Die ständige Rastlosigkeit und der permanente Zeitdruck scheinen kein individuelles, sondern ein kulturelles Phänomen zu sein. Wenn das so viele Menschen empfinden, dann muss es doch unsere Gesellschaft sein, die das mit uns macht. Auch das Gefühl, nicht gut genug zu sein, scheint in meiner Generation und in den folgenden weit verbreitet zu sein.

Kannst du uns die Charaktere David, Marie und die Klavierprofessorin beschreiben?
David ist ehrgeizig und überzeugt von sich. Gleichzeitig verspürt er eine große Unsicherheit und Unruhe. Er träumt davon, Konzertpianist zu werden und auf den großen Bühnen zu stehen. In seiner Heimat war er es gewohnt, besonders zu sein. Das neue Umfeld am Konservatorium beflügelt ihn zunächst und lässt seinen Ehrgeiz wachsen. Die Begegnung mit Marie erweckt neben der Musik eine neue Leidenschaft in ihm, die er bisher nicht kannte.
Marie ist selbstbewusst, sehr körperlich, und lebt ein Leben ohne Kompromisse. Sie braucht sehr viel Aufmerksamkeit und nimmt sich, was sie möchte, ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer.
Davids Klavierprofessorin Prof. Matussek ist fordernd und fördernd zugleich. Ihr Fokus liegt im Kontakt zu den Studenten auf dem Klavierspiel. Sie spielt die Kontrahenten Walter und David gegeneinander aus und bleibt persönlich auf Distanz. David lässt sich anfangs von ihrem Unterrichtsstil motivieren, doch dann passiert etwas, das ihn völlig aus der Bahn wirft.

Warum hast du als Setting eine Musikhochschule gewählt? Wäre auch etwas anderes denkbar gewesen?
Anfangs habe ich auch über andere Umgebungen, wie beispielsweise eine ganz normale Universität, nachgedacht. Das Thema, mit dem sich der Film befasst, findet ja absolut nicht nur in der Musikwelt statt. Genauso gut wäre eine BWL-Student oder ein Sportler denkbar gewesen, der den zu hohen Erwartungen und dem Leistungsdruck unterliegt. Letztendlich habe ich das Musikkonservatorium als Umfeld gewählt, weil ich es aus künstlerischer Sicht am interessantesten fand. Das Klavier als Identifikation und als Widersacher zugleich. Die Melodien und die Rhythmen, die sich in Davids Kopf verselbstständigen und uns in seine Gefühlswelt eintauchen lassen, waren für mich ein wichtiges Ausdrucksmittel. Hinzu kommt, dass ich selbst Musikerin bin. Als Jugendliche habe ich an einem Hochbegabtenprogramm für junge Musiker teilgenommen und dort viele junge Leute mit ausgeprägten Ängsten kennen gelernt. Diese Angst und der Druck wirkten sich bei manchen körperlich und psychisch so stark aus, dass sie nicht mehr auftreten konnten.

Wie kamst du auf die drei Schauspieler und wie haben sie untereinander und mit dir gearbeitet, um in ihre Rollen zu finden?
Nach dem ersten Casting mit über siebzig Jungdarstellern habe ich direkt Louis Hofmann,
Liv Lisa Fries und Johannes Nussbaum besetzen wollen. Ich war so glücklich, dass sie dann in einem gemeinsamen Casting auch untereinander so perfekt harmonierten. Ich konnte mir den einen ohne den anderen nicht mehr vorstellen.
Für die Castings hatten wir eine musikalische Vorbildung auf dem Klavier vorausgesetzt. Bei Louis war das nicht der Fall, er konnte weder Noten lesen, noch Klavier spielen. Aber ich war überzeugt, dass er es sein musste. Louis trägt sehr viel von David in sich. Er ist sensibel, intelligent und gleichzeitig extrem ehrgeizig. In kürzester Zeit hat ihm ein Lehrer anhand von Auszügen aus der zu spielenden Klavierliteratur im Film das Klavierspiel beigebracht. Aufgrund dieses Ehrgeizes wollte er auch zu Hause ständig üben, aber da gab es bald ein Problem mit einer Mitbewohnerin. Aus diesem Grund war Louis eine Zeit lang ständig bei mir in der Wohnung und übte am Klavier. Häufig saß ich mit meinem Kameramann Max Preiss in der Küche, und während wir das Drehbuch auflösten, hatten wir die Klaviermusik aus dem Film im Ohr. Wenn Louis eine Pause machte, kam er zu uns in die Küche, trank einen Kaffee, rauchte eine Zigarette und hörte uns einfach zu. 

Was war dein visuelles Konzept? Gibt es stilistische Vorbilder?
Es war uns wichtig, in der Geschichte immer bei David zu bleiben und dabei den richtigen Wechsel zwischen Nähe und Distanz zu finden. Die Nähe haben wir nicht nur durch die nahe Kamera erreicht, sondern ganz besonders auch durch Töne und Musik. Weite Einstellungen und eine sehr reduzierte Ausstattung helfen, das Gefühl der Verlorenheit und des Elitären auszudrücken. Wir beginnen mit sehr statischen, klassischen Einstellungen und werden im Laufe des Films mit der Kamera wilder und unberechenbarer. Die Farben werden kühler, um Davids zunehmenden Ängste, seine Einsamkeit und den Kontrollverlust spürbar zu machen. Sowohl die Musik, als auch die drastischen Wechsel zwischen hell und dunkel, lassen uns Davids Überreizung spüren. Zurück in seiner Heimat werden die Farben wieder natürlicher und es gibt keine Musik mehr. Wie ein böser Traum, aus dem jemand in der Realität erwacht.
Einer meiner Lieblingsfilme ist A NOS AMOURS von Maurice Pialat. Ich finde die Art, wie die Szenen wirken, als würden sie ganz beiläufig geschehen und wie mit Gesten, Blicken und Beobachtungen gearbeitet wird, unglaublich beeindruckend. Er ist ein wichtiges Vorbild für mich, wie ich Filme erzählen möchte.

Musik spielt eine wichtige Rolle, wie hast du sie eingesetzt?
Über die Musik und die Tongestaltung wird die Wahrnehmung eines Musikers imitiert. Begleiterscheinungen von psychischen und körperlichen Überlastungen sind Hörstürze, Ohrensausen, Verspannungen in der Muskulatur. Durch das Ausreizen des Frequenzspektrums und die Arbeit mit stark rhythmischen Elementen wird die innere Zustandsentwicklung physisch wahrnehmbar gemacht. Für den Score haben wir mit dem WDR Rundfunkorchester gearbeitet.  Die Chorstimmen sind vorwiegend liegende Klänge, die aus den Harmonien der Klavierstücke gebildet wurden. Im Zusammenspiel mit dem Sounddesign, wie beispielsweise bei der Trillersequenz in der Mitte des Films, können wir die hypersensible Wahrnehmung des jungen Musikers und die zunehmende Überlastung des Gehörs körperlich erfahren.


K U R Z I N T E R V I E W  M I T  H A U P T D A R S T E L L E R  L O U I S  H O F M A N N

Wie hast Du Dich auf die Rolle vorbereitet?
Da Sabrina und mir von Anfang an klar war, dass wir eine möglichst hohe Authentizität erzeugen wollten und somit das Klavierspiel nicht doubeln wollen, habe ich über drei Monate hinweg Klavierunterricht genommen und bis zu sechs Stunden am Tag gespielt. Das war auch nötig, weil ich davor eigentlich nur Akkorde legen konnte. Allein das hat mich der Rolle extrem nah gebracht. Ich habe mich in der Zeit sehr viel mit den Themen suizidale Gedanken und Wahrnehmungsverschiebungen auseinandergesetzt, um die Gefühle von David nachempfinden zu können. Aus meinem eigenen Leben weiß ich, wie es ist, mit hohem Leistungsdruck umzugehen, sodass ich dieses Gefühl in die Rolle mitnehmen konnte.

Kannst Du etwas über die Entwicklung Deiner Rolle erzählen?
David steigt in das Studium ein - getrieben von Enthusiasmus und Ehrgeiz - doch der hohe Leistungsdruck, die starke Konkurrenz sowohl im Studium als auch im Kampf um die Aufmerksamkeit seiner ersten großen Liebe Marie, führen dazu dass ihn Frust, Wut und Angst vor dem Versagen überwältigen.

Wie war das Zusammenspiel mit Liv Lisa Fries und Johannes Nussbaum?
Liv und Johannes haben beide eine wahnsinnige Spielfreude und ich hab‘ mich extrem wohl gefühlt mit den Beiden, vor der Kamera aber auch so. Beide sind großartige Schauspieler deren Arbeit mich sehr fasziniert und ich habe die Dynamik unserer Dreier-Konstellation als auch die Szenen die ich nur mit eine/m der beiden hatte, sehr genossen.

PRÉLUDE ist das Kinodebüt von Sabrina Sarabi. Wie war es mit ihr zu arbeiten?
Sabrina ist eine sehr talentierte, fokussierte Regisseurin die durch ihre ruhige und durchdachte Art eine sehr intime Atmosphäre kreiert. Sie ist sehr nah an ihren Figuren und am Inhalt aber trotzdem mutig und flexibel genug Denkstrukturen aufzubrechen, was es sehr spannend macht mit ihr zu arbeiten. Ich freue mich wirklich sehr auf ihre zukünftigen Projekte.
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