Blickpunkt:
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Inhaltsverzeichnis
DIE GÖTTLICHE ORDNUNG

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PARADIES

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DER ORNITHOLOGE

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BERLIN FALLING

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EIN CHANSON FÜR DICH

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DRIES - EIN SEHR PERSÖNLICHES PORTRAIT ÜBER DEN MODEDESIGNER DRIES VAN NOTE...

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Donnerstag 27.07.2017
DIE GÖTTLICHE ORDNUNG
Ab 03. August 2017 im Kino
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Schweiz, 1971: Nora ist eine junge Hausfrau und Mutter, die mit ihrem Mann, den zwei Söhnen und dem missmutigen Schwiegervater in einem beschaulichen Dorf im Appenzell lebt. Hier ist wenig von den gesellschaftlichen Umwälzungen der 68er-Bewegung zu spüren. Die Dorf- und Familienordnung gerät jedoch gehörig ins Wanken, als Nora beginnt, sich für das Frauenwahlrecht einzusetzen, über dessen Einführung die Männer abstimmen sollen. Von ihren politischen Ambitionen werden auch die anderen Frauen angesteckt und proben gemeinsam den Aufstand. Beherzt kämpfen die züchtigen Dorfdamen bald nicht nur für ihre gesellschaftliche Gleichberechtigung, sondern auch gegen eine verstaubte Sexualmoral. Doch in der aufgeladenen Stimmung drohen Noras Familie und die ganze Gemeinschaft zu zerbrechen.

Ein Film von Petra Volpe
Mit MARIE LEUENBERGER, MAX SIMONISCHEK, RACHEL BRAUNSCHWEIG, SIBYLLE BRUNNER, MARTA ZOFFOLI, BETTINA STUCKY U.A.

Als eines der letzten europäischen Länder führte die Schweiz erst 1971 das Wahlrecht für Frauen ein. In DIE GÖTTLICHE ORDNUNG reist Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe zurück in die Schweiz der 70er Jahre und lässt dort chauvinistische Vorurteile und echte Frauen-Solidarität aufeinander treffen.
Der warmherzigen und bis in die Nebenrollen überzeugend besetzten Komödie gelang in ihrem Heimatland der Schweiz ein sensationeller Kinostart, der ihn schon jetzt zu einem der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten macht!
DIE GÖTTLICHE ORDNUNG wurde ausgezeichnet mit drei Schweizer Filmpreisen und dem „Prix de Soleure“ der Solothurner Filmtage. Beim Tribeca Film Festival in New York gewann der Film den Zuschauerpreis und den Nora-Ephron-Preis. Hauptdarstellerin Marie Leuenberger wurde als beste Schauspielerin in einem internationalen Film geehrt.


1971: NORA Ruckstuhl ist eine junge Hausfrau und Mutter, die mit ihrem Mann HANS und ihren beiden Söhnen LUKI und MAX in einem beschaulichen, kleinen Schweizer Dorf lebt. Hier auf dem Land spürt man wenig bis gar nichts von den großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die die 68er-Bewegung mit sich gebracht hat. Auch Noras Leben ist unberührt davon, sie ist eine stille Person, die nie aneckt und von allen gemocht wird - bis zu dem Tag, als sie anfängt, sich öffentlich und kämpferisch für das Frauenstimmrecht einzusetzen, über das die Männer am 7. Februar 1971 abstimmen sollen.
Noras Widerstand und ihr Bedürfnis, aktiv etwas für die Gleichberechtigung der Frauen zu unternehmen, erwachen, als sich ihr Mann erst sträubt und dann weigert, ihr die Erlaubnis zu geben, wieder zu arbeiten. Auch der Umstand, dass die junge Tochter ihrer Schwägerin, HANNA, weggesperrt wird, weil sie sich nicht den Konventionen entsprechend verhalten hat, spornt sie an. Nora merkt, dass es nicht reicht, im Stillen für das Stimmrecht zu sein, sondern dass es die Frauen laut und deutlich fordern müssen.
Als Nora, unterstützt von der verwitweten VRONI, der ehemaligen Bären-Wirtin, beginnt, öffentlich für das Stimmrecht zu werben, und eine Informationsveranstaltung zu dem Thema ankündigt, legt sie sich mit Frau DR. CHARLOTTE WIPF an, die ihrerseits die Vorsteherin des "Aktionskomitees gegen die Verpolitisierung der Frau" und Chefin ihres Mannes ist. Nora findet unterdessen weitere Verbündete: GRAZIELLA, eine geschiedene Italienerin, die den alten Bären übernommen hat und dort eine Pizzeria eröffnet, und auch ihre Schwägerin THERESA stösst zu der Truppe. Gemeinsam bereiten sie die geplante Veranstaltung vor und reisen nach Zürich zu einer Demo und einem Workshop, bei dem sie sich mit ihren intimsten Körperregionen beschäftigen. Nora erkennt, dass ihr eheliches Sexleben nicht annähernd das ist, was es sein könnte.
Der größte Konflikt bricht in Noras Familie aus, als Hans aus dem Militär-Dienst nach Hause kommt und mitten in Noras Informationsveranstaltung platzt, bei der das halbe Dorf versammelt ist. Dort steht seine Frau am Rednerpult und setzt sich für das Frauenstimmrecht ein, während das Publikum pöbelt und sie kaum zu Wort kommen lässt. Die Veranstaltung wird zum Fiasko, zu Hause kommt es zum großen Streit, und Nora ist erfüllt mit Zweifeln über ihre Aktion, aber auch über ihre Beziehung.
Sie bekommt jedoch neuen Mut, als sich mehr und mehr Dorffrauen trauen auszusprechen, was sie wirklich denken. Schlussendlich wird entschieden, dass zum Frauenstreik aufgerufen wird, und zur Freude von Nora folgen viele Dorffrauen der Aufforderung. Dies schürt jedoch den Hass der Gegner so sehr, dass es zu einer gewaltvollen Eskalation kommt, die den Streik beendet und in deren Verlauf Nora ihre treuste Anhängerin verliert.
Nora geht geschlagen nach Hause zurück, merkt aber schnell, dass sie nicht mehr einfach so in ihr altes Leben zurückkehren kann. Als sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird, beschließt sie zu tun, was ihr innerstes Bedürfnis ist, und stellt damit Hans vor eine große Entscheidung: Lässt er Nora gewähren oder verbietet er es und verliert sie?
Das Frauenstimmrecht wird am 7. Februar 1971 angenommen, und die Schweizer Frauen erhalten endlich das Stimm- und Wahlrecht; der Kampf um die volle Gleichberechtigung aber wird heute noch immer weitergeführt.



ÜBER DIE PRODUKTION

Die Anfänge des Projekts
Petra Volpe steckte in den Vorbereitungsarbeiten für ihr Kinodebüt TRAUMLAND und schrieb parallel am Drehbuch zu HEIDI, als sie gemeinsam mit den Produzenten Reto Schaerli und Lukas Hobi im September 2011 die Idee für DIE GÖTTLICHE ORDNUNG entwickelte. Die Tatsache, dass die Schweiz erst im Februar 1971 - als eine der letzten Demokratien überhaupt - den Frauen die gleichen politischen Rechte gewährte wie den Männern, ist in der Schweiz und darüber hinaus ein bekannter Fakt, aus heutiger Sicht vielleicht fast schon ein Kuriosum. Darüber einen Kinofilm zu erzählen war der Ausgangspunkt von DIE GÖTTLICHE ORDNUNG und der vierjährigen Drehbuchentwicklung. Produzent Reto Schaerli: „Petra Volpes Herausforderung als Autorin lag bei DIE GÖTTLICHE ORDNUNG darin, eine eigenständige Geschichte zu entwickeln, die sich nicht auf dem Thema Frauenstimmrecht ausruht. Der historische Aufhänger ist ein spannendes Gefäß, das man jedoch mit Inhalt füllen muss.“ Im Rahmen der Drehbucharbeit recherchierte Petra Volpe ausführlich. Sie traf und interviewte wichtige Zeitzeuginnen des Kampfs für das Frauenstimmrecht. Die renommierte Historikerin Elisabeth Joris hat das Projekt in der Entwicklung begleitet.

Team & Besetzung
Die wichtigsten künstlerischen MitarbeiterInnen von Petra Volpe waren nach TRAUMLAND wieder mit von der Partie: Judith Kaufmann (ELSER – ER HÄTTE DIE WELT VERÄNDERT, DIE FREMDE) verantwortet die Bildgestaltung. Sie ist mehrfache Gewinnerin des Deutschen Filmpreises. Szenenbildnerin Su Erdt (ALOYS, DIE WELT DER WUNDERLICHS) ließ die Schweiz der 70er Jahre wieder aufleben und Linda Harper (TRAUMLAND, CURE) gestaltete das Kostümbild.
Vor der Kamera versammelte Petra Volpe ein bis in die kleinsten Nebenrollen sorgfältig besetztes Ensemble. An der Seite von Marie Leuenberger (DIE STANDESBEAMTIN) laufen Max Simonischek (DER VERDINGBUB), Rachel Braunschweig (DIE WELT DER WUNDERLICHS), Sibylle Brunner (ROSIE), Marta Zoffoli (TO ROME WITH LOVE), Bettina Stucky (TRAUMLAND), Peter Freiburghaus (DER BESTATTER), Therese Affolter (DIE AKTE GRÜNINGER) Ella Rumpf (TIGER GIRL) und Nicholas Ofczarek (SENNENTUNTSCHI) zu schauspielerischer Hochform auf. Sofia Helin aus Schweden, die man durch die skandinavische Serie „Die Brücke“ in ganz Europa kennt, glänzt in ihrem Gastauftritt als Indra.

Die Dreharbeiten & Postproduktion
Die Gemeinde Trogen im Kanton Appenzell Ausserrhoden diente als Hauptkulisse für die Dreharbeiten, welche zwischen dem 22. Februar und dem 1. April 2016 während 30 Drehtagen in der Schweiz durchgeführt wurden. Das Team installierte sich mehrere Wochen vor Ort und konnte die Mehrzahl der Motive in der Region drehen. Weitere Dreharbeiten fanden in Herisau, Auenstein im Kanton Aargau und Zürich statt.
Das Appenzell wurde in erster Linie aus visuellen Gründen als Drehort ausgewählt. Der Umstand, dass die beiden Appenzeller Halbkantone die letzten waren, die auf kantonaler Ebene 1989 beziehungsweise 1990 den Frauen das Stimm- und Wahlrecht gewährten, ist nicht wesentlicher Teil des Films. Aber natürlich gab es auch einen inhaltlichen Anreiz, jene Schweiz in DIE GÖTTLICHE ORDNUNG zu zeigen, die sich am längsten gegen die politische Gleichstellung der Geschlechter gewehrt hat.



INTERVIEW MIT PETRA VOLPE

DIE GÖTTLICHE ORDNUNG ist der erste Spielfilm über das Schweizer Frauenstimmrecht und dessen späte nationale Einführung 1971. Wie bist du ans Thema herangegangen?
Die Idee, über das Schweizer Frauenstimmrecht einen Film zu machen, öffnet erst mal ein sehr weites Feld. Deshalb habe ich zuerst lange recherchiert, um möglichst viele Stimmen zu hören und das Thema von den unterschiedlichsten Seiten zu beleuchten. Erst danach habe ich nach und nach die Figuren entwickelt. Alle sind inspiriert von Frauen, die mir im Laufe der Recherche begegnet sind.
Es ging mir bei der Entwicklung des Drehbuchs vor allem darum, die Atmosphäre jener Zeit möglichst genau zu treffen, und nicht um historische Fakten. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die sichtbar macht, wie unfrei die Frauen damals waren, wie sehr sie wie Besitz behandelt wurden und wie groß die Widerstände auch 1971 noch waren, als die Frauen nach gleichen politischen Rechten verlangten.

Ist die Figur der NORA angelehnt an eine real existierende Person?
Die Idee für meine Hauptfigur NORA habe ich auf einem grünen Einzahlungsschein der Frauenstimmrechtsgegnerinnen im Gosteli-Archiv gefunden. Da hat eine junge Hausfrau und Mutter in schöner, sorgfältiger Handschrift geschrieben: Sie sei ja sonst nie politisch, aber dieser Aufruf der Stimmrechtsgegnerinnen würde sie jetzt doch so wütend machen, dass sie sich sogar überlege, aktiv für das Stimmrecht zu kämpfen! Das war der erste Funken für NORA, eine Frau, die aufwacht und sich zu einer politischen Person entwickelt.

Warum hast du gerade im Appenzell gedreht?
Im Drehbuch steht: „1971 in der Schweiz“ - ich habe mir den Film immer auch vom Ausland aus betrachtet vorgestellt und ich habe einen Ort gesucht, der als Metapher für die Idee der Schweiz funktionieren könnte, und da finde ich das Appenzell perfekt. Die Hügelchen mit den schönen Bauernhöfen, dahinter die spitzen Berge – das stellt man sich unter der Schweiz vor, und es ist außerdem visuell sehr reizvoll.
Mir war aber auch wichtig, nicht explizit das Appenzell hervorzuheben – denn man macht es sich zu einfach, immer wenn es um dieses Thema geht, mit dem Finger auf diesen Kanton zu zeigen – de facto hat die GANZE Schweiz zu lange gebraucht, um den Frauen das Stimmrecht zu geben. Natürlich gab es progressivere Kantone – trotzdem war der politische Wille bis 1971 nicht da, das Thema ganz oben auf die Agenda zu setzen. Im internationalen Vergleich ist das unerhört und schwer verständlich. Es hat meiner Meinung nach mit dem tiefen Konservatismus unseres Landes zu tun, der sich auch heute noch an allen Ecken und Enden zeigt. Dafür, dass die Schweiz ein so weit entwickeltes Land ist, hinkt sie bis heute, was Gleichberechtigungsfragen angeht, hinterher.

Wie hast du den visuellen Stil des Films entwickelt?
Schon drei Jahre vor Drehbeginn habe ich mich regelmäßig mit meiner Kostümbildnerin Linda Harper, meinem Maskenbildner Jean Cotter, meiner Szenenbildnerin Su Erdt und meiner Kamerafrau Judith Kaufmann getroffen. Sie alle haben sehr gründliche Recherchen durchgeführt. Wir haben nicht nur unzählige Archive, sondern auch private Fotoalben durchforstet – uns war klar, um diese Zeit wieder aufleben zu lassen, darf sie nicht stilisiert erscheinen, sondern muss so genau wie möglich sein. Die Farben, Möbel und Kostüme tragen auf den visuellen Ebenen elementar dazu bei, diese Enge zu erzählen, in der die Frauen, aber auch die Männer, gelebt haben. Beide Geschlechter sind Gefangene ihrer Rollenbilder, und das drückt sich in Ausstattung, Maske und Kostüm aus.
Auch für die Inszenierung der Figuren habe ich mir Material aus der Zeit angeschaut. Die Leute haben sich anders bewegt und anders gesprochen. Sie waren in allem viel verhaltener und langsamer. Das wollte ich berücksichtigen, aber auf eine Art und Weise, die für das heutige Publikum nicht zu schleppend wirkt. Das war eine große Herausforderung, und wir mussten viel proben, um eine gute Balance zu finden.

Welchen Stellenwert hat die Musik?
Diese Zeit des großen Umbruchs ist vor allem in der Musik spürbar. Die Musik war Ausdruck von Rebellion und Veränderung, und ich wollte unbedingt, dass Songs in dem Film vorkommen, die auch eine ikonische Bedeutung haben. Der Score wiederum sollte auf einer emotionalen Ebene NORAs große Veränderung, ihren Weg untermalen. Annette Focks und ich haben nach einer Musik gesucht, welche die Dimension von NORAs Unterfangen innerhalb ihrer Welt ernst nimmt und ihr Gewicht verleiht.

Die Widersacherin ist interessanterweise eine Frau. Wieso?
Wie bereits erwähnt sind die Figuren inspiriert durch die Recherche. Ich habe eine ganze Dissertation über die Antisuffragetten – die Stimmrechtsgegnerinnen in der Schweiz – gelesen. Aus heutiger Sicht ist es kaum nachvollziehbar, warum grade unzählige Frauen 1971 noch so verbissen gegen das Stimmrecht gekämpft haben. Es waren oft sehr gebildete Frauen, Akademikerinnen, Dorfköniginnen, die sich ganz gut eingerichtet hatten, und die vielleicht einfach nicht wollten, dass ihre Köchin auch etwas zu sagen hat. Wenn man Interviews mit ihnen anschaut, kann man von einem fast schon lustvollen Unterwerfungsgestus sprechen.
Es ist ein üblicher Mechanismus bei Menschen, die keine Macht haben – sie sagen einfach: Wir brauchen die Macht gar nicht! Dass Frauen in vorauseilendem Gehorsam vehementer gegen die Gleichberechtigung sind als die meisten Männer, ist ein Phänomen, das man auch heute noch beobachten kann. Eine Frau zu zeigen, die auf der Seite der Gegner ist, fand ich spannender, weil es eben mehr Fragen aufwirft. Der Antagonismus der Männer in der Geschichte ist außerdem eh schon gegeben, er spiegelt sich in der Mentalität der Zeit und darin, dass es wegen unserer direkten Demokratie von den männlichen Stimmbürgern abhing, ob man den Frauen nun doch endlich die vollen Bürgerrechte zugestehen würde.

Wie hast du die anderen Figuren gestaltet?
In allen Figuren und ihren Geschichten drückt sich aus, in welcher Art und Weise die Frauen in der Gesellschaft benachteiligt waren und welche Ungerechtigkeit herrschte – es ging ja nicht nur um das Stimmrecht. HANS kann NORA per Gesetz verbieten, zu arbeiten, VRONI ist abhängig von ihrer Tochter, weil ihr Mann alles verludert hat und Geld halt Männersache war. Das Ehegesetz hat die Frauen stark von den Männern abhängig gemacht und sie sozusagen zum Besitz des Ehemannes erklärt – erst 1988 wurde es nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung von Frau und Mann aufgebaut! In den Frauenfiguren zeigt sich, wie sich diese gesetzliche Benachteiligung auswirkt und wie sie das Leben und die Biographie der Frauen bestimmt.

Viele Schlüsselfunktionen während des Filmdrehs (Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung, Kostüme, Produktionsleitung usw.) waren in Frauenhänden. Absicht?
In erster Linie sind meine MitarbeiterInnen Menschen, die ich für ihre Kreativität schätze und deren Arbeit ich bewundere. Alle zeichnet aus, dass sie inhaltlich arbeiten und dass sie viel Humor haben und ein großes Herz. Ich habe männliche Mitarbeiter, die sind femininer als ich oder jede andere Frau am Set, dann habe ich Frauen am Set, das sind ganze Kerle. Das biologische Geschlecht spielt für mich keine so große Rolle. Frau sein, Mann sein, das sind Rollen, mit denen man spielen kann, die aber schlussendlich auf einer fundamental menschlichen Ebene gar nicht so wichtig sind. Und trotzdem finde ich es wichtig, dass Frauen gefördert werden. In meiner Funktion als Regisseurin kann ich dazu beitragen, dass Frauen Jobs kriegen, dass man ihnen was zutraut.
Man muss sich nur die Zahlen der Statistiken anschauen und es wird evident, dass Frauen in der Berufswelt nach wie vor benachteiligt sind, und das ist auch in der Filmbranche nicht anders.

Warum gerade jetzt diese Geschichte? Ist die Zeit besonders reif dafür?
Neulich hab ich ein Bild gesehen: Eine alte Frau die ein Plakat hält: „I can´t believe I still have to protest this shit!“ Und dieses Gefühl haben viele Frauen – mich eingeschlossen! Auch heute noch werden Männer wie Frauen durch die ihnen zugeschriebenen Rollenbilder eingeschränkt. Dieser Umstand ist nachteilig für unsere Gemeinschaft auf ökonomischer, sozialer, politischer Ebene und kann in niemandes Sinne sein. Je gleichberechtigter eine Gesellschaft ist, desto besser geht es ihr – das ist ein statistischer Fakt. Man muss nicht emotional für Gleichberechtigung argumentieren – man kann sich nur die Zahlen anschauen, die sind in manchen Ländern erschütternd. Aber die Schweiz schneidet leider auch nicht besonders gut ab. In einer Erhebung des Economist – „The glass-ceiling index - The best and worst places to be a working woman“ ist die Schweiz an viertletzter Stelle.
Im Ständerat sind 85% Männer. Die Gleichberechtigung der Frauen sollte meiner Meinung nach ganz oben auf jeder politischen Agenda stehen – tut es aber nicht. Das rechte Spektrum der Politik echauffiert sich lieber über die schlechte Behandlung von Frauen in der muslimischen Welt, aber das eigene Versagen, für das es eigentlich überhaupt gar keine Entschuldigung gibt, ignoriert man.
In DIE GÖTTLICHE ORDNUNG geht es aber auch um Demokratie – auch ein hochaktuelles Thema. Abstimmen zu können ist keine Selbstverständlichkeit, die Frauen haben hart dafür gekämpft, und es ist ein hohes Gut, an das wir uns gerade in diesen wirklich schwierigen Zeiten erinnern sollten. Vielleicht müssen sich wieder einmal viele „Noras“ zusammenschliessen und den Laden aufmischen und sagen: So nicht!
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Donnerstag 20.07.2017
PARADIES
Ab 27. Juli 2017 im Kino
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Frankreich im Zweiten Weltkrieg: Die adlige Exilrussin Olga (Julia Vysotskaya), Moderedakteurin bei einer renomierten Modezeitschrift, engagiert sich heimlich für die französische Widerstandsbewegung. Die gefährliche Tätigkeit wird ihr zum Verhängnis, als deutsche Besatzer bei einer Razzia in ihrer Wohnung zwei jüdische Kinder entdecken, die sie dort versteckt hält. Im Gefängnis fällt die elegante junge Frau dem Nazi-Kollaborateur Jules auf (Philippe Duquesne), der für ihren Fall zuständig ist. Der Familienvater stellt ihr eine mildere Bestrafung in Aussicht, sollte sie seinen sexuellen Avancen nachgeben. Olga ist zu allem bereit, um ihre Freiheit wiederzuerlangen und willigt ein. Doch als Jules auf unerklärliche Weise verschwindet, wird sie umgehend in ein Konzentrationslager gebracht. Inmitten dieser Hölle auf Erden trifft sie völlig unverhofft auf ein bekanntes Gesicht: Helmut (Christian Clauß), der sich während eines weit zurückliegenden Sommers in Friedenszeiten in sie verliebte und immer noch Gefühle für sie hegt, hat es zum hochrangigen SS-Offizier gebracht. Obwohl er ein glühender Bewunderer des Führers ist und begeistert an der Verwirklichung von Hitlers Traum vom „deutschen Paradies“ mitwirkt, nimmt er die Beziehung zu Olga wieder auf – eine verbotene, hochgradig destruktive Beziehung. Die Olga aber auch, so deutet es Helmut jedenfalls an, die Möglichkeit zur Flucht eröffnet…

Mit PARADIES kommt eines der wichtigsten und ungewöhnlichsten Filmereignisse des Jahres ins Kino. Die deutsch-russische Koproduktion feierte ihre viel beachtete Weltpremiere 2016 im Wettbewerb von Venedig und gewann dort den Silbernen Löwen für die Beste Regie; außerdem erhielt der Film den „Cinema for UNICEF“-Award. Mit dem historischen Liebesdrama zeigt sich der legendäre russische Filmemacher Andrei Konchalovsky („Onkel Wanja“, „Runaway Train“, „Der innere Kreis“) von seiner unberechenbarsten und zugleich emotionalsten Seite.
In intensiven, unvergesslichen Schwarz-Weiß-Bildern beschreibt der 23. Film des 79-Jährigen eine
filmische Reise an die Grenzen der Gefühle und erzählt mit Hilfe seines bemerkenswerten
Darstellertrios aus Frankreich, Deutschland und Russland von der Unmöglichkeit der Liebe in Zeiten des Krieges, wenn Zivilisation und Menschlichkeit nahezu vollständig versagen. PARADIES ist ein unglaublich kraftvoller, sehr moderner Film über den Raum zwischen der unstillbaren Sehnsucht nach Erlösung und den grausamen Realitäten des 20. Jahrhunderts, eine zeitlose Parabel aufs Menschsein im Holocaust, die als eine Art Vermächtnis viele der Themen aufgreift, die seit Jahrzehnten das filmische Oeuvre von Andrei Konchalovsky prägen.
Im Rahmen der deutschen Uraufführung bei den Internationalen Hofer Filmtagen im Oktober 2016
wurde PARADIES mit Preisen für das „Beste Szenenbild“ und das „Beste Kostümbild“ ausgezeichnet. PARADIES wurde außerdem in die OSCAR Shortliste für den besten fremdsprachigen Film aufgenommen.



Ein Film von Andrei Konchalovsky
Mit Julia Vysotskaya, Christian Clauß, Philippe Duquesne, Peter Kurth und Jakob Diehl


Jules tut nur seine Pflicht. Davon ist der französische Polizist überzeugt, wenn er im Auftrag der
deutschen Besatzer Verdächtige verhört, verhaftete Juden in Untersuchungshaft steckt oder gar
abtransportieren lässt. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht, und als Nazi-Kollaborateur sieht er sich
eigentlich auch nicht. Wie gesagt: Pflicht ist Pflicht. Daheim bei seiner Familie ist das, was Jules
beruflich macht, weitgehend tabu. Nur manchmal flüstern er und seine Frau, wenn’s um die Arbeit und den Krieg geht, oder sie schicken den Sohn hinaus, damit er nichts mitbekommt. In seinem gemütlichen großbürgerlichen Haus führt der beleibte Franzose ansonsten ein Familienleben wie wohl die meisten Ehemänner und Väter seiner Epoche. Und ist im Büro ein gewissenhafter bis strenger, aber dennoch freundlicher Chef, der sich – Biedermann und Brandstifter zugleich – die Hände selbst nicht schmutzig macht, denn dafür hat er ja seine Leute.
Als eines Tages Olga vor ihm sitzt, wird aber schnell deutlich, dass sich unter der jovialen Schale ein äußerst korrupter Kern verbirgt. Die schöne Exilrussin, eine Aristokratin, die als Moderedakteurin bei der Zeitschrift Vogue arbeitet, ist während einer Razzia verhaftet worden. Sie soll zwei jüdische Kinder bei sich versteckt haben. So lautet jedenfalls der Vorwurf. Doch Olga streitet im Verhör alles ab, gibt sich unwissend, leugnet jede Schuld. In Wahrheit engagiert sie sich schon seit Jahren im Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Jules lässt sich von Olgas Unschuldsmiene nicht beeindrucken und zieht mit Hilfe von geschickten Fragen die Schlinge um ihren Hals immer enger zu. Sie weiß, dass ihr Gefängnis, wenn nicht Schlimmeres droht, und deshalb sieht die junge Frau irgendwann keinen anderen Ausweg mehr, als ihre Reize spielen zu lassen. Sie zieht den Saum ihres Kleides über die Knie hoch und lässt ihre Unterwäsche aufblitzen.
Jules versteht sofort, was diese anzüglichen Gesten zu bedeuten haben und geht auf Olgas indirektes Angebot ein. Man könne über alles reden, gibt er ihr zu verstehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, auch über eine eventuelle Freilassung oder zumindest eine mildere Strafe. Doch bevor es zwischen der Gefangenen und dem Polizisten zu sexuellen Handlungen kommen kann, geschieht etwas völlig Unvorhergesehenes: Bei einem Waldspaziergang mit seinem Sohn wird Jules von Résistance-Kämpfern gestellt und an Ort und Stelle – vor den Augen des kleinen Jungen – erschossen.
Für Olga löst sich die Hoffnung auf Freiheit damit auf brutalste Weise in Luft auf. Sie wird umgehend abtransportiert und in ein Konzentrationslager gebracht. Jeder neue Tag wird von nun an nur durch einen einzigen Gedanken bestimmt: Überleben! Es sind nicht nur die kaltblütigen Nazi-Bewacher, sondern auch Kapos, die grausam auf ihren Vorteil bedacht sind, und verzweifelte Mitgefangene, die Olga das Leben zur Hölle machen. Doch sie gibt nicht auf.
Eines Tages bemerkt sie zwei kleine Jungen, die ihr bekannt vorkommen. Sie traut ihren Augen nicht, als sie erkennt, dass es sich um die jüdischen Kinder handelt, die sie einst – wie es scheint: in einem anderen Leben – versteckt hatte. Die unverhoffte Begegnung ist für Olga wie ein Lichtblick in der Düsternis. Doch wie sich schon bald herausstellt, gibt es im Lager noch einen weiteren Menschen, den Olga kennt.
Er heißt Helmut und ist ein hochrangiger SS-Offizier, der von Reichsführer Heinrich Himmler
höchstpersönlich abkommandiert worden ist, um in dem Konzentrationslager nach dem Rechten zu
sehen. Seit langem zirkulieren Gerüchte, dass sich Lagerleitung und Bewacher die Taschen vollstopfen, also weniger der nationalsozialistischen Sache dienen, als auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Ein gefundenes Fressen für den jungen Helmut, der als Schöngeist adliger Herkunft zwar klammheimlich davon träumt, auf dem elterlichen Gutshof ein geruhsames Leben mit seinen Büchern und seiner Musik zu verbringen, aber dennoch ein glühender Verehrer von Adolf Hitler ist. Und daran glaubt, dass ein jeder sein Teil dazu beitragen muss, um Hitlers großartige Vision vom „deutschen Paradies“ zu verwirklichen. Was wiederum bedeutet, dass man hart durchgreifen muss, wenn’s darauf ankommt.
Doch Helmuts Überzeugung wird auf eine harte Probe gestellt, als er bei einem Gang durchs Lager
Olga trifft. Sofort werden Erinnerungen an einen lang vergangenen Sommer in der Toskana wach.
Damals begegneten sich die beiden zum ersten Mal, verbrachten im Kreise wohlhabender Freunde in einer traumhaft schönen Villa unbeschwerte Tage voll alberner Spiele und erotisch aufgeheiztem
Müßiggang. Dabei verliebte sich der Deutsche in die Russin, die seine Schwärmerei und Zuneigung
allerdings nicht ganz ernst nahm. Immerhin war sie – eine erwachsene Frau – längst verheiratet,
während er – der Jungspund – wie ein hoffnungslos naiver Welpe wirkte. Und so hielt Olga Helmut
amüsiert auf Abstand. Obwohl sich die Vorzeichen aufs Entsetzlichste verändert haben, ist es erneut Helmut, der die Nähe zu Olga sucht. Selbst unter den furchtbaren Umständen, die ihnen der Krieg diktiert, davon ist er überzeugt, muss eine Beziehung doch möglich sein. Er holt Olga als Haushälterin zu sich in seine Dienstvilla. Damit beginnt ein ebenso gefährlicher wie hoffnungsvoller Pas de deux, von dem niemand etwas erfahren darf. Zumal Helmut Olga in Aussicht stellt, bei der nächstbesten Gelegenheit gemeinsam mit ihr in ein neues, wunderbares Leben entfliehen zu wollen…



ÜBER DIE PRODUKTION

ANDREI KONCHALOVSKY / Regisseur
„Die Menschheitsgeschichte steckt voller großer Tragödien. Die meisten von ihnen sind im kollektiven Gedächtnis verankert als Untaten, von denen wir glauben, dass sie sich in unserer heutigen Zeit keinesfalls wiederholen könnten. Der wohl tragischste Wendepunkt der jüngeren Geschichte war der Aufstieg der Nationalsozialisten und die Vernichtung von Millionen von Juden und anderen, die nicht in das Nazi-Ideal vom ‚perfekten deutschen Paradies‘ passten. Diese Gräueltaten zeigen die Tiefe der menschlichen Abgründe auf. Sie verdeutlichen, zu welch teuflischen Taten die Menschheit fähig ist.
Und obwohl all diese Dinge in der Vergangenheit geschahen, ist dieselbe Art der Radikalisierung und des Hasses heute wieder deutlich spürbar. Sie bedroht die Sicherheit und das Leben unzähliger
Menschen in aller Welt. ‚Paradies‘ spiegelt ein 20. Jahrhundert mit all seinen großartigen Visionen, die unter Schutt und Asche begraben wurden, die Gefahren von hasserfüllter Rhetorik und die Erkenntnis, dass die Menschheit die Macht der Liebe braucht, um über das Böse zu obsiegen. Was geschehen ist, ist eine Warnung. Es darf niemals vergessen werden. Es war damals möglich, dass diese Dinge geschehen, und es besteht jederzeit die Möglichkeit, dass so etwas wieder passiert. Einzig das Wissen um die Vergangenheit kann eine Wiederholung verhindern, und hierin liegt die Gefahr: In der Verdrängung, der Sehnsucht nach Vergessen und der Ungläubigkeit, dass so etwas wirklich passieren konnte…‘ Diese Worte des deutschen Philosophen Karl Jaspers nehmen das zentrale Thema von ‚Paradies‘ auf: Sie fordern uns auf, die Tatsachen der Geschichte niemals aus dem Blick zu verlieren, und seien sie noch so entsetzlich oder unbequem. Nur so können wir aus ihnen lernen.“

DREHBUCH
Das Drehbuch zum Film entstand in verhältnismäßig kurzer Zeit, innerhalb weniger Monate, obwohl eine sehr gründliche Zusammenarbeit mit Geschichtssachverständigen notwendig war. Die Experten verhalfen zu einem fundierten Einblick in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, der französischen Besatzung und Widerstandsbewegung, der Nazi-Ideologie und der Struktur des deutschen Militär-Apparats sowie dem Alltagsleben in den Konzentrationslagen und deren Organisation. Darüber hinaus arbeitete das Produktionsteam mit Büchern der Zeitgeschichte, Archivmaterial und einzigartigem Fotomaterial aus privaten Archiven.

EKATERINA VESHEVA / Cutterin
„Andrei Konchalovsky wollte eine Form der Authentizität herstellen, die einer Dokumentation nahe
kommt.“ Bereits zu Beginn der Produktion wurde entschieden, dass in drei Sprachen gedreht werden sollte – Russisch, Deutsch und Französisch. Andrei Konchalovskys Idee war es, die Schauspieler in ihrer jeweiligen Muttersprache spielen zu lassen, um eine größtmögliche Glaubwürdigkeit herzustellen und die Monologe wie eine Beichte klingen zu lassen. Auf diese Weise sollte der Film dokumentarischen Charakter erhalten.



ANDREI KONCHALOVSKY:
„Der Film wurde in schwarz-weiß und in verhaltener Atmosphäre gedreht, um die dokumentarisch anmutenden, bekenntnisartigen Monologe der Hauptcharaktere noch zu verstärken. Ich wollte beim Publikum den Eindruck hervorrufen, dass es Archivmaterial anschaut, das bearbeitet wurde, um eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Der Fokus liegt dabei nicht auf
Melodramatik, sondern auf der Beobachtung von Leben und Tod und dem drohenden Untergang von falschen Idealen. Die Filmcrew stand vor der Herausforderung, diesen Anspruch in eine glaubwürdige, materialisierte Welt zu übertragen.“

EKATERINA VESHEVA:
„Während der Vorbereitungen arbeiteten wir uns durch mehrere hundert Stunden an Filmmaterial aus russischen, deutschen, französischen und amerikanischen Archiven. Meine Aufgabe bestand darin, die Sequenzen herauszufiltern, die für den Regisseur bei seiner Arbeit von Nutzen sein können. Ich erinnere mich an eine Szene, die mich sehr beeindruckt hat. In einem polnischen Dorf werden die Juden auf dem Marktplatz zusammengetrieben, und die einheimischen Nazi-Kollaborateure verfrachten sie auf die Lastwagen. Aus irgendeinem Grund wird eine der Frauen
wieder zurückgerufen, und sie ist hin- und hergerissen zwischen ihren Verwandten auf der Ladefläche und dem Offizier, der ihr die Freiheit geschenkt hat. Sie läuft zu ihrer Familie, dann zurück zum Offizier, immer wieder. Und plötzlich küsst sie dem deutschen Offizier die Hand… Wir haben diese Szene nicht mit dem Regisseur besprochen, bis ich irgendwann am Set saß und eine Sequenz am Monitor verfolgte. Ich bekam Gänsehaut, denn ich erkannte die Szene sofort wieder. Es war keine Kopie des Originals, und das Szenenbild war anders, aber die Gefühle dieser Frau, ihr Horror und ihre Panik wurden unmissverständlich und unglaublich kraftvoll übertragen. Obwohl ich diese Episode im Laufe der Bearbeitung viele Male gesehen habe, löst sie noch immer starke Gefühle in mir aus.“
(Quelle: Verleih)
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 13.07.2017
DER ORNITHOLOGE
Ab 13. Juli 2017 im Kino
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Auf der Suche nach einer seltenen Storchenart ist der Ornithologe Fernando  mit seinem Kajak auf einem Fluss im Norden Portugals unterwegs. Über sein Handy hält er Kontakt zu seinem Partner Sérgio, doch die Gegend ist so abgelegen, dass die Verbindung immer wieder abbricht. Überwältigt von der  Schönheit der Natur, gerät Fernando in eine Stromschnelle, kentert und verliert das Bewusstsein. Als er wieder erwacht, haben ihn zwei chinesische  Pilgerinnen aus dem Wasser gezogen, die ganz eigene, bizarre Pläne mit ihm  haben. Fernando muss sich vor seinen Helferinnen retten und alleine durch  den dichten Wald kämpfen, vorbei an mysteriösen Hindernissen und erotischen Begegnungen. Der Weg führt ihn an seine körperlichen und geistigen  Grenzen. Wie durch ein Wunder wird er am Ende ein anderer Mann sein.


Ein Film von João Pedro Rodrigue
Mit aul Hamy, Xelo Cagiao, João Pedro Rodrigues, Han Wen, Chan Suan, Juliane Elting


João Pedro Rodrigues, der seit seinem kühnen Debütfilm O FANTASMA (2000) zu den wichtigsten Regisseuren Portugals und den aufregendsten Auteurs des queeren Kinos zählt, hat mehrfach betont, dass DER ORNITHOLOGE sein bislang persönlichster Film ist. Fernandos Odyssee durch eine betörend surreale Dschungelwelt ist zugleich eine zeitgemäße und höchst intime Interpretation  der Legende des Heiligen Antonius, dem portugiesischen Landesheiligen. Ein  Film wie ein Traum von Tod, Auferstehung und Märtyrertum, der sexuelle  und spirituelle Grenzen auflöst und die Hauptfigur an das Ende einer Suche  führt, die schon lange vor der Kajakfahrt begonnen hat. Bei den Filmfestspielen in Locarno wurde DER ORNITHOLOGE als Meisterwerk gefeiert und Rodrigues mit den Silbernen Leoparden für die Beste Regie ausgezeichnet.




JOÃO PEDRO RODRIGUES ÜBER SEINEN FILM
Der Heilige Antonius ist als Figur in der portugiesischen Kultur  und Gesellschaft allgegenwärtig. Während er auf der ganzen Welt  zu den berühmtesten christlichen Heiligen gehört, hat die Aura  des Franziskaners und Theologen in Portugal einen besonderen  Einfluss. Dies liegt sicher zum einen daran, dass er aus Lissabon  stammt, wo er zwischen 1191 und 1195 geboren wurde und auf den Namen Fernando getauft wurde. Aber vielleicht auch daran, dass sein Leben eines der Reise zu Wasser und zu Land war – wie das vieler berühmter Landsleute.
Wie viele andere Portugiesen weiß ich, dass Fernandos Boot bei seiner Rückkehr von einer Mission in Marokko von einer stürmischen See erfasst und an die Küste von Sizilien getrieben wurde. Von dort machte er sich auf zu seiner legendären Reise bis nach Padua, wo er im Jahr 1231 starb – der Name der Stadt  wurde später seinem Heiligennamen beigefügt. Wie jeder andere Portugiese weiß ich genau, zu welchen Anlässen wir ihn feiern, warum wir ihn anbeten, wofür er steht. Ich erkenne ihn in Kirchen und Kunstwerken. Ja ich spüre seine Präsenz in mir selbst.
Für uns Portugiesen ist der Heilige Antonius jemand, mit dem  wir uns austauschen, mit dem wir über uns selbst nachdenken,  dessen Leben und Geschichte wir uns immer wieder zuwenden –  aus reiner Neugier, aus große Sympathie, mitunter auch aus Gräuel. Ich wollte herausfinden, wie der Heilige Antonius in mir existiert. Und ich begann diese Suche sehr offen, ohne großen Sinn für Genauigkeit. Ich wusste, dass der Heilige Antonius die Fähigkeit hatte, alle Sprachen der Welt zu verstehen; dass er einmal einen toten jungen Mann mit einem einzigen magischen Atemzug neues Leben eingehaucht hat; dass er das Jesuskind in  seinen Armen hielt – eine Umarmung, die er gerne geheim gehalten hätte. Ich wusste um seine Begeisterung für Natur und Tiere; dass er seine aristokratischen Wurzeln und seinen Reichtum hinter sich gelassen hatte für nichts weiter als die einfachsten, zum Überleben notwendigen Dinge, sein Wissen, seine Weisheit. Ich wusste, dass die Franziskaner sich seiner annahmen, als sein Schiff in Süditalien strandete. Dieses Bild vom verlorenen Schiff, das das Schicksal seines Passagiers bestimmte, sollte der Ausgangspunkt für meine eigene Geschichte sein.
Auch meine Hauptfigur heißt Fernando, ehe sie zu Antonius getauft wird; das Boot, das von seinem eigentlichen Kurs abweicht;  Fernandos  Fähigkeit,  verschiedene  Sprachen  zu beherrschen. Abgesehen von diesen von Beginn an feststehenden Gemeinsamkeiten, ließ ich  meiner Fantasie im Prozess des Drehbuchschreibens  freien  Lauf. Die Franziskaner aus der Legende wurden zu chinesischen Mädchen, die von ihrer eigenen Pilgerreise nach Santiago de Compostela verlaufen haben und Fernando als eine beruhigende, ja heilsame Präsenz erleben. Aus der Umarmung des Jesuskindes wird bei mir eine lustvolle, blasphemische Geste. Auch mein Fernando erweckt einen bereits  Totgeglaubten  mit  einem  einzigen  Atemzug  zu  neuem Leben, den jungen Tomé. In der Legenden spricht der Heilige Antonius mit Fischen; in meiner Adaption hat Fernando ein sehr spezielles Verhältnis zu Vögeln.
Ich muss gestehen, dass Fernando, dieser zukünftige Antonius, im Laufe des Arbeitsprozesses immer mehr auch mit meiner persönlichen Geschichte verschmolz. Immerhin lebt er seit langer Zeit in mir – also erwiderte ich den Gefallen und verpflanzte mich ihm bzw. seinem filmischen Wiedergänger ein. Fernando befindet sich in einem Zustand des Übergangs, seine Identität ist im Wandel begriffen (wie die Identitäten der meisten meiner Figuren). Vielleicht bekommt dieses Thema eine neue Bedeutung, wenn wir kurz davor sind, 50 zu werden  –  und  über die Leben nachdenken, das wir nicht gelebt haben.
Ich habe Fernando zum Ornithologen gemacht, weil  mir selbst Beobachtungen in der Natur und Wanderungen sehr vertraut sind. Lange bevor ich anfing, Film zu studieren, habe ich Biologie studiert und mich dabei vor allem auf Tiere spezialisiert. Und natürlich gibt es zwischen Vogelkunde und Film gewisse Gemeinsamkeiten: um Vögel zu beobachten, muss man durch Ferngläser schauen – um Filme zu drehen durch die Apparatur der Filmkamera. Beobachtungen machen ist eine der Grundlagen jeden Filmemachens. Das Wunder eines Uhus, der über einen Nachthimmel fliegt, die Anmut eines emporsteigenden Schwarzstorchs; das plötzliche Auftauchen der Greifvögel: Der Blick durch ein Fernglas verwandelt die Vögel in den Momenten der Beobachtung zu übernatürlichen Erscheinungen, so als wären es kinematografische Vignetten mit dem Zauber von Stummfilmen –  faszinierende, aber auch beunruhigende Gestalten  wie Kreaturen aus einer anderen Welt. Sie sind die Zeugen von Fernandos Geschichte, ähnlich wie die Tiere am Ufer des Flusses in „Die Nacht des Jägers“ (1955). Sie sind real, aber nehmen nach und nach auch eine magische Bedeutung an. Während sich die Geschichte allmählich entwickelt, wird der Wald immer mehr von verschiedenen Wesen bevölkert. Jedes davon repräsentiert eine andere Episode in der Reise von Fernando/Antonius.
Auch wenn meine Geschichte in der Gegenwart spielt, verwischt sie schon bald alle Spuren von Zeit und Wirklichkeit um die Form einer Legende zu erlangen. Wie im Leben des Heiligen finden sich in meinem Film der symbolische Tod, Auferstehung und Märtyrerrum. Der Wald, ein Ausdruck des kollektiven Unterbewusstseins, ist eine imaginäres Anderswo, in dem sich katholische und heidnische Traditionen, Glaube und Aberglaube treffen. Es ist ein Raum, der nicht so weit von den spirituellen Widersprüchen entfernt ist, in denen wir alle leben. Tatsächlich ist eines der faszinierenden Merkmale der Ehrerbietung, die Antonius zu Teil wird, dass Religion und Heidentum in ihr so organisch miteinander verschmelzen, dass es schwer zu sagen ist, welches Element sich aus welchem speist. Dieses Merkmal reflektiert auf sehr präzise Weise die Natur des Films: das Wesen des Heiligen Antonius und seiner Existenz in mir.
Ich habe lange das Leben des Heiligen Antonius studiert. Den mit ihm verbundenen Mythos und die  Folklore habe ich bereits in meinem Kurzfilm „Manhã de Santo António“ (2011) heraufbeschworen. Je mehr ich über ihn lernte, desto größer wurde sein Mysterium. Ich wollte mit dieser Figur spielen, an seinem Furnier kratzen und seine spezielle Schönheit zurückbringen. Während der Diktatur von Salazar wurde er als Symbol für Ehe und Familie etabliert, und diese vollkommen erfundene Repräsentation wirkt noch bis heute nach. Der Kult um den Heiligen und die großen Feierlichkeiten am 13. Juni, seinem Todestag, sind noch immer bestimmt vom Symbolismus dieser Zeit. Mein Film ist eine bewusst transgressive und blasphemische Wieder-Aneignung des Heiligen Antonius  –  seines Lebens und Wirkens. Obwohl ich einige Passagen seiner berühmten Predigt aus dem Jahr 1222 und ein paar wahre Episoden aus seinem Leben verwende, hat meine Imagination nach und nach das Schreiben des Films bestimmt.
Es ist der Geist des Heiligen, der Leben in den Film haucht und Fernando zu seiner neuen Identität finden lässt. Die Auseinandersetzung mit Spiritualität, die ich mit meinem Film „To Die Like a Man“ begonnen und in der Reise in meinem Film „The Last Time I Saw Macao“ fortgesetzt habe, hat mich unweigerlich zu diesem neuen Film geführt.
„Der Ornithologe“ taucht tief ein in diese Betrachtungen, die die Form einer Initiationsreise und einer nach Innen gerichteten Suche annehmen. Eine zentrale Beziehung nimmt dennoch erst Form an, als Fernando tief ins Unbekannte eindringt: Es ist die Verbindung mit dem jungen Schäfer Jesus, der stirbt und in der Figur Tomé wiedergeboren wird. In einigen christlichen Überlieferungen gilt der Apostel Thomas als  Zwillingsbruder von Jesus.
Die körperliche Beziehung zwischen Fernando und Jesus ist so unerwartet wie der darauf folgende Mord des einen am anderen. Fernando tötet sein Begehren um es in der Inkarnation Tomés wiederzufinden. Beide Figuren sind im Wandel begriffen. Sie lösen sich von ihren ersten Identitäten um in zweite zu schlüpfen. Vielleicht sind sie noch die gleichen, vielleicht auch Zwillinge voneinander. Am Ende ist da jedenfalls ein Paar, womöglich eine Liebe,  eine Verbindung zwischen Herr  und  Schüler,  zwischen  Liebhabern und Reisegefährten. Der Film könnte auch interpretiert werden als eine Abfolge der verschiedenen symbolischen Stadien ihrer Liebesgeschichte. Homosexueller Sex spiegelt das Heilige, spiegelt das Glück: eine amüsante und notwendige Blasphemie im Angesicht der tragischen und unwahrscheinlichen Existenz,  die  mich  gerührt  und inspiriert hat. Lasst sie einander lieben!



DER HEILIGE ANTONIUS
Antonius von Padua war ein portugiesischer Theologe, Franziskaner-Priester und Prediger, der heute als Heiliger und als einer der 36 Kirchenlehrer der römisch-katholischen Kirche gilt. Zwischen 1191 und 1195 als Fernando Martins de Bulhões und Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie in Lissabon geboren, trat er schon mit 15 dem katholischen Augustiner-Orden bei. Er studierte in Lissabon und Coimbra und empfing die Priesterweihe. 1220 trat er zu den Franziskanern über und nahm den Namen des spätantiken Wüstenvaters Antonius Eremita an, des Patrons der Kirche, an der die Franziskaner-Gemeinschaft in Coimbra tätig war.
Nach dem Vorbild der 1220 in Marrakesch hingerichteten Märtyrer des Franziskaner-Ordens zog Antonius als Missionar nach Marokko, um ebenfalls das Martyrium zu finden. Wegen einer Krankheit musste er Afrika aber kurz darauf schon wieder verlassen. Auf dem Rückweg nach Portugal zwang ein gewaltiger Sturm ein Schiff zur Kursänderung und  Strandung an der Küste Siziliens. Eine Zeitlang lebte er als Einsiedler bei Assisi. 1221 nahm er am Generalkapitel der Franziskaner teil, wo er den Ordensgründer Franz von Assisi kennenlernte. 1222 wurde er in Forli darum gebeten, einen verhinderten Priester bei einer Predigt zu ersetzen. Die Predigt wurde zu einem ersten mitreißenden Zeugnis seiner Redekunst und Gelehrtheit. Franz von Assisi schickte ihn daraufhin auf Predigtreisen durch ganz Italien und Frankreich. Etwa ein Jahr lang hielt sich Antonius an der Universität Bologna auf, wo er als Lektor der Theologie tätig war, bevor er 1225 nach Südfrankreich zog, um auch dort zu predigen. Wohl um das Jahr 1227 kehrte er nach Oberitalien zurück, wo er als Ordensoberer, Studienleiter und Bußprediger wirkte. Schon zu Lebzeiten galt er als bedeutendster Prediger seiner Zeit.
Von seinen zahlreichen Aufgaben und Reisen erschöpft, zog er sich 1230 von seinen Ämtern zurück. 1231 unternahm er noch einmal eine Predigtreise nach Padua und verbrachte die letzten Wochen seines Lebens in der Einsiedelei Camposanpiero. Er starb am 13. Juni 1231 auf dem Rückweg in das nahe gelegene Padua.Der Kult um den Heiligen Antonius wurde vor allem im 15. und 16. Jahrhundert immer größer. Er gilt heute als Landesheiliger Portugals und als Heiligen der Seefahrer. Antonius soll die Fähigkeit gehabt haben, alle Sprachen der Welt zu verstehen und mit Fischern zu sprechen. Zudem soll ihm eines Nachts das Christuskind in seinen Armen erschienen sein. Zu den ihm zugeordneten Symbolen gehören die Kutte der Franziskaner, das Christuskind, der Maulesel, das Buch, der Fisch, das flammende Herz und die Lilie. In fast allen Kirchen Portugals finden sich Statuen oder Abbildungen des Heiligen Antonius. Oft sieht man ihn dabei bei Predigten vor Menschenmassen oder Fischen, im Gespräch mit Franz von Assisi, bei der Heilung von Kranken oder bei der Erscheinung der Jungfrau Maria und des Jesuskindes. Seine Kutte wird stets von einem Gürtel zusammengehalten, der mit drei Knoten versehen ist, die die drei Grundtugenden der Franziskaner repräsentieren: Demut, Armut und Keuschheit.
(Quelle: Verleih)
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Donnerstag 06.07.2017
BERLIN FALLING
Ab 13. Juli 2017 im Kino
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Als Frank (Ken Duken) auf dem Weg nach Berlin an einer Tankstelle Andreas (Tom Wlaschiha) in sein Auto steigen lässt, kann er nicht ahnen, dass dies verheerende Konsequenzen haben wird. Eine Bombe muss nach Berlin, ein Auftrag muss erfüllt werden, ein Kind ist in Lebensgefahr! Ein intensiver Roadtrip beginnt, in dessen Verlauf mehrfach die Perspektive gewechselt und die Frage nach Gut und Böse aufgeworfen wird.


Ein Film von Ken Duken
Mit Ken Duken, Tom Wlaschiha, Marisa Leonie Bach, Greta Nedelmann u.a.

BERLIN FALLING ist ein schneller und intensiver Thriller. Schritt für Schritt offenbaren beide Figuren ihre Abgründe und steuern auf ein unerwartetes Finale zu. Das Drehbuch zu BERLIN FALLING stammt von Christoph Mille nach einer Idee von Ken Duken und Norbert Kneißl. Für die Bilder zeichnet Ngo The Chau (ALMANYA, BANKLADY, STEREO) verantwortlich. BERLIN FALLING ist eine Produktion von GrandHôtelPictures (Ken Duken und Norbert Kneißl) in Koproduktion mit Sky und Wolffpack Vision.



KEN DUKEN - Regisseur/Frank
Ken Duken (Jahrgang 1979) zählt zu den begehrtesten Schauspielern der deutschen Kino- und TV-Branche. 2009 gewann er mit WILLKOMMEN ZUHAUSE den Bayerischen Fernsehpreis als Bester Schauspieler (Fernsehspiel/Fernsehfilm). Schon zweimal erhielt er den Grimme-Preis: 2005 für KISS AND RUN und 2008 für EINE ANDERE LIGA, der ihm auch den Darstellerpreis auf dem 5. Monte-Carlo Film Festival de la Comédie einbrachte. 2004 wurde Duken für TÖDLICHER UMWEG mit dem Undine Award ausgezeichnet.
Die deutsch-österreichische Koproduktion DAS WUNDER VON KÄRNTEN (A Day for a Miracle), in der Ken Duken die Hauptrolle spielt, wurde 2013 mit einem International Emmy Award ausgezeichnet. Der Kinofilm ZWEI LEBEN von Georg Maas, ebenfalls mit Ken in einer der Hauptrollen, schaffte es als deutscher Beitrag auf die Shortlist der Oscars 2014.
Duken wirkte bereits in über 100 nationalen und internationalen Produktionen mit. Kinorollen übernahm er dabei unter anderem in LØVEKVINNEN (Das Löwenmädchen), FRAU MÜLLER MUSS WEG!, COMING IN, NORTHMEN – A VIKING SAGA, FREI, BANKLADY, in Martin Schreiers ROBIN HOOD, in ZWEI LEBEN, ONE LAST GAME, ON THE INSIDE, ZWEIOHRKÜKEN, Quentin Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS, in THE SINKING OF THE LACONIA, in MAX MANUS, DISTANZ, GELLERT, KAROL, UN UOMO DIVENTATO PAPA (Karol. Ein Mann, der Papst wurde), NITSCHEWO, HUNDERT PRO, GRAN PARADISO und SCHLARAFFENLAND.
Dem TV-Publikum ist Ken Duken u.a. als Adi Dassler in DUELL DER BRÜDER – DIE GESCHICHTE VON ADIDAS UND PUMA und aus der erfolgreichen ZDFneo Serie TEMPEL bekannt. 2009 übernahm er die Rolle des Fluglotsen in FLUG IN DIE NACHT – DAS UNGLÜCK VON ÜBERLINGEN. Zuvor spielte er unter anderem den Anatol in Robert Dornhelms Vierteiler KRIEG UND FRIEDEN. Weitere TV-Rollen: DIE INFORMANTIN, ARLETTY, UNE PASSION
COUPABLE (Frankreich), DER LETZTE KRONZEUGE, MAXE HÉLÈNE (Italien), Mercutio in der Miniserie ROMEO AND JULIET, Felix in der Serie ADD A FRIEND, AIR FORCE ONE IS DOWN, DAS ADLON. EINE FAMILIENSAGA, DAS WUNDER VON KÄRNTEN, LACONIA, STÖRTEBEKER, NACHTSCHICHT I–V, ALI BABA, AUGUSTUS, IM VISIER DES BÖSEN, TODESENGEL, NACHTANGST, MÖRDERHERZ, RETTE DEINE HAUT, EINLADUNG ZUM MORD, DIE NACHT DER ENGEl und BLUTIGER ERNST.
2003 inszenierte Duken den Kurzfilm ANOTHER POINT OF VIEW und einige Musikvideos – u.a. für Marius Müller-Westernhagen.
Ken Dukens Langspielfim-Regiedebut BERLIN FALLING – mit Tom Wlaschiha (GAME OF THRONES) und mit ihm selbst in den Hauptrollen - wurde von ihm mitentwickelt und produziert. BERLIN FALLING feiert beim Filmfest München Premiere.


TOM WLASCHIHA – Andreas
Als mysteriöser Jaqen H’ghar wird Tom Wlaschiha mit der zweiten Staffel der HBO-Serie GAME OF THRONES weltweit bekannt. Der 1973 in Dohna bei Dresden geborene Wlaschiha wird an der Leipziger Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschule und dem belgischen Conservatoire pour les Arts in Liège ausgebildet. Der viersprachige Schauspieler spielt nationale und internationale Theater-, Fernseh- und Kinorollen.
Zu seinen über 60 Film- und Fernsehrollen gehören die Hauptrollen des Stefan Hein in Jochen Hicks Berlinale-Film NO ONE SLEEPS, 2001 ist er Oliver in Christoph Schrewes VERLIEBTE JUNGS, Hanzo in Marco Kreuzpaintners KRABAT zu sehen, in die DIE WOLKE von Gregor Schnitzler verkörpert er den Hannes und in Christine Hartmanns Bestseller-Verfilmung FRISCH GEPRESST von 2012 den überraschten Vater Chris. Im März 2015 war er in einer Hauptrolle im Kieler TATORT – BOROWSKI UND DIE KINDER VON GAARDEN zu sehen, an der Seite von Axel Milberg und Sibel Kekilli.
Internationale Produktionen sind Steven Spielbergs MUNICH, Bryan Singers OPERATION WALKÜRE, ANONYMOUS von Roland Emmerich und zuletzt Mike Leighs Film MR. TURNER. Der Wahlberliner pendelt zwischen Deutschland und England und spielt vor dem Welterfolg GAME OF THRONES in den BBC-Serien THE DEEP und THE SARAH JANE ADVENTURES.
Die ARD-Komödie ELTERN UND ANDERE WAHRHEITEN, in der Tom Wlaschiha neben Silke Bodenbender und Nina Petri eine Hauptrolle übernimmt, wird im Juni ausgestrahlt.
BERLIN FALLING von Ken Duken mit Tom Wlaschiha in der Hauptrolle startet exklusiv an 3 Tagen im Juli in den Kinos. Aktuell steht er in London und Oxford für die Buchverfilmung ICH HAB DICH IM GEFÜHL, nach dem gleichnamigen Roman von Cecilia Ahern, in der Hauptrolle vor der Kamera. Ein Sendetermin für den TV-Zweiteiler (ZDF) steht noch nicht fest.


MARISA BACH – Claudia
Marisa Bach wurde 1978 als Marisa Leonie Bach in München geboren und ist mit dem Komponisten Johann Sebastian Bach verwandt. Marisa ist ein Multitalent: neben einer klassischen Gesangsausbildung genoss sie auch Instrumentalunterricht an Klavier und Violine. Sie wuchs zweisprachig – Deutsch und Englisch – auf und ihre Schauspielausbildung (1998–2002) machte sie u.a. an der renommierten Lee Strasberg School in New York und bei unterschiedlichen deutschen Coaches. 2000 folgte dann ihr Filmdebut mit EINLADUNG ZUM MORD. 2003 fiel sie in ANOTHER POINT OF VIEW auf, bei dem sie auch am Drehbuch mitwirkte. Weitere Fernsehrollen wie, TATORT – DER TRAURIGE KÖNIG, KÖNIG DROSSELBART, ZWÖLF WINTER, SCHIEF GEWICKELT und FLEMMING folgten. Auch das Drehbuchschreiben behält sie bei. So wird in Kürze ein von ihr und ihrem Mann entwickeltes Buch verfilmt.
Seit 2000 ist sie mit Ken Duken verheiratet, mit dem sie einen Sohn hat und in Berlin lebt. Für den Sohn machte sie konsequent „Kinderpause“ und zog sich eine Weile aus dem Filmbusiness zurück. Nach der Auszeit spielte Marisa Bach in diversen Episodenrollen, u.a. in ADD A FRIEND, SOKO MÜNCHEN und 23 CASES. In der italienischen Produktion MAX E HÉLÈNE spielte sie die Vera.
Im Kino wird sie ab Juli 2017 in BERLIN FALLING zu sehen sein.


GRETA N EDELMANN – Lily
Greta Nedelmann wurde 2007 geboren und lebt in Berlin. In BERLIN FALLING ist Greta als Ken Dukens Tochter zu sehen. Nach den Dreharbeiten zu BERLIN FALLING stand sie für den Kinofilm HAPPY BURNOUT vor der Kamera, der aktuell im Kino zu sehen ist.


INTERVIEW MIT KEN DUKEN UND TOM WLASCHIHA

Herr Duken, warum haben Sie sich bei Ihrem Regiedebüt für diese Thematik und dieses Genre entschieden?
Das war gar keine gezielte Entscheidung für genau diese Thematik oder dieses Genre. Wir entwickelten in unserer Firma parallel mehrere Ideen und eine davon war BERLIN FALLING. Durch die gesellschaftliche Entwicklung (Anm.: vor zwei Jahren) nahm das Projekt Fahrt auf. Unsere Idee wurde von Tag zu Tag immer realer. Uns war ziemlich schnell klar, wir werden mit diesem Film aufgrund der Brisanz wahrscheinlich nicht den üblichen Finanzierungsweg gehen können. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir uns alle entschieden haben, es trotzdem zu versuchen.

Wann und warum haben Sie sich entschieden, die Rolle mit Tom Wlaschiha zu besetzen?
Für die Rolle Andreas gab es für mich folgende Kriterien zu erfüllen: Ich wollte einen Schauspieler, den ich toll finde, den ich noch nie in einer derartigen Rolle gesehen habe, den ich persönlich noch nicht so gut kannte, der internationale Dreherfahrung hat und der mir absolut vertrauen würde. Tom kam mir sofort in den Sinn. Also hab ich ihn angerufen und getroffen. Alle Kriterien waren sofort erfüllt, bis auf das Vertrauen seinerseits, glaube ich. Nach einigen intensiven Gesprächen hatten wir auch diese Hürde genommen und haben uns für die Zusammenarbeit entschieden. Im Nachhinein war Tom für mich wie ein Sechser im Lotto!

Herr Wlaschiha, was hat Sie an diesem Projekt und an Ihrer Rolle überzeugt?
Es gibt selten deutsche Drehbücher, die so kompromisslos sind. Das war das Gefühl, das ich beim ersten Lesen hatte und das mich durch den Dreh begleitet hat. Eine Rolle wie die des Andreas ist ein Geschenk für einen Schauspieler, weil sie unglaublich vielschichtig ist und man im Prinzip mehrere Rollen in einer spielen darf. Dazu hat mich natürlich die Möglichkeit gereizt, mit Ken Duken zu arbeiten, den ich als Schauspieler schon lange schätze.

Herr Duken, wie sind Sie an dieses diffizile Projekt mit so einem hochaktuellen und brisanten Thema herangegangen?
In erster Linie filmisch. Ich wollte es schaffen, diese Thematik hinter die Genre-Elemente zu stellen und durch gezielte Überzeichnung zum Nachdenken anregen. Wir wurden während der Dreharbeiten und der Fertigstellung des Filmes so brisant und aktuell - wir waren es nicht von Anfang an. Ich glaube aber, mir geht es heute wie damals immer noch darum, zu hinterfragen, ob und von wem wir uns durch diese Extreme instrumentalisieren lassen.

Wie haben Sie es geschafft, diese hypnotische, packende Atmosphäre zu erzeugen?
Jedem Filmemacher stehen gewisse filmische Mittel zur Verfügung. Wie zum Beispiel Kamera, Musik, Licht, Schnitt, Ton, Szenenbild, Spiel usw. Oft werden diese Elemente willkürlich zusammen geschmissen und funktionieren oft nicht zusammen. Wenn man diese Willkür eliminiert und diese filmischen Mittel bewusst einsetzt und mit oder gegeneinander wirken lässt, entsteht eine derartige Stimmung. Ich glaube, das ist uns als Team insgesamt sehr gut gelungen.

Was für eine Art Regisseur ist Ken Duken, Herr Wlaschiha?
Am Anfang entscheidet man sich, einem Regisseur zu vertrauen. Ken liebt Filme und brennt für seine Projekte. Er hat es geschafft, mich vom ersten Moment an mit seiner Begeisterung anzustecken. Dabei hat er eine große Präzision und emotionale Intelligenz, die auch seine Rollen als Schauspieler auszeichnen. Ich wusste, ich kann mich immer auf ihn verlassen, wenn ich an einem Punkt nicht weiterkomme. Vor allem aber hat es einen Riesenspaß gemacht, sechs Wochen mit ihm in einem Auto zu sitzen und diese krasse Geschichte zu erzählen.
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Donnerstag 29.06.2017
EIN CHANSON FÜR DICH
Ab 6. Juli 2017 im Kino
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Liliane (Isabelle Huppert) arbeitet in einer Pasteten-Fabrik und führt ein recht eintöniges Leben. Die Zeiten, in denen sie als Chanson-Sängerin „Laura“ große Erfolge feierte, sind längst vergessen und vorbei. Doch als sie Jean (Kévin Azaïs), einen 22-jährigen Boxer, kennenlernt, der in ihr den einstigen Star erkennt, ändert sich alles. Er verliebt sich in Liliane und überzeugt sie, dass es an der Zeit ist, ins Rampenlicht zurückzukehren.

Ein Film von Bavo Defurne
Mit: Isabelle Huppert, Kévin Azaïs, Johan Leysen, Jan Hammenecker, Anne Brione, Benjamin Boutboul, Carlo Ferrante und anderen.

In EIN CHANSON FÜR DICH spielt Isabelle Huppert (ELLE, ALLES WAS KOMMT) eine Frau, die ein Comeback wagt - auf der Bühne so wie in der Liebe. Die ergreifend-poetische Romanze von Regisseur Bavo Defurne wird stimmungsvoll untermalt mit der Musik von Pink Martini.

Liliane (Isabelle Huppert) war noch sehr jung, stand erst am Anfang einer glänzenden Karriere als sie auf Platz zwei, hinter ABBA, beim Grand Prix Eurovision de la Chanson landete. Doch ein paar Jahre später trennte sich die Sängerin, die ihren Fans unter dem Künstlernamen „Laura“ bekannt war, von ihrem Manager, der auch ihr Ehemann war. Tony hatte plötzlich eine Neue und nach der Scheidung ging's bergab mit der Karriere. Jahrzehnte später arbeitet Liliane in einer Pasteten Fabrik.
Tagein, tagaus der gleiche Fließband-Trott. Kinder hat sie keine, Freunde auch nicht. Aber es scheint, dass sich Liliane in ihrem bescheidenen kleinen Leben eingerichtet hat. Von ihrer schlagzeilenträchtigen Vergangenheit weiß in der Firma jedenfalls niemand, und wenn Liliane hin und wieder nostalgisch wird und dem verlorenen Ruhm ein paar Tränen nachweint, dann tut sie’s heimlich, hinter verschlossenen Türen.
Doch eines Tages ist es vorbei mit Lilianes Anonymität, diese droht enttarnt zu werden. Ausgerechnet von einem Kollegen: Jean (Kévin Azaïs) ist neu in der Pasteten Fabrik, wo er nur nebenher jobbt, eigentlich will er Profiboxer werden. Mit seinen 22 Jahren lebt er noch daheim bei seinen Eltern und trainiert in jeder freien Minute auf den nächsten, alles entscheidenden Kampf hin, denn Sieg oder Niederlage werden darüber entscheiden, ob er sich weiter im Ring sein Geld verdienen kann oder Vollzeit arbeiten muss. Als er Liliane mit der Bemerkung überrascht, dass sie ihn frappierend an die schöne Sängerin von einst erinnert, verliert sie nur für den Bruchteil einer Sekunde die Fassung – und versichert ihm, dass er sich täuscht.
Wieder und wieder leugnet sie „Laura“ zu sein. Jean ist sich jedoch absolut sicher, denn sein Vater besitzt als großer Laura-Fan sämtliche Platten der in Vergessenheit geratenen Sängerin. Und Lilianes Ähnlichkeit mit dieser Laura ist nun mal so frappierend, dass für Jean kein Zweifel besteht: Seine Kollegin muss der ehemalige Star sein. Jean lässt nicht locker und belagert Liliane regelrecht, in den Essenspausen, an der Bushaltestelle, vor ihrer Haustür. Bis sie schließlich kapituliert und einräumt, dass er recht hat: Ja, sie ist die besagte Laura von früher – er soll bitte endlich mit seinen Nachstellungen aufhören, die ihr unangenehm sind.
Ihr Geständnis stachelt seine Neugierde und seine Begeisterung nur noch mehr an. Auch sein Vater ist ganz aus dem Häuschen, als er erfährt, mit welcher Berühmtheit sein Sohn zusammenarbeitet. Und so überlegt sich Jean, dass es ja wohl eine fantastische Idee wäre, wenn Liliane bei einer Feier seines Boxclubs auftreten würde. Obwohl sie ihm wiederholt zu verstehen gibt, dass sie mit ihrer künstlerischen Vergangenheit abgeschlossen und keine Lust mehr hat, vor Publikum zu singen, gelingt es Jean schließlich doch, sie zu einer einmaligen Vorstellung zu überreden.
Allerdings nur unter einer Bedingung: dass er nicht die Presse verständigt. Jean gibt sein Ehrenwort, und der Abend im Vereinshaus, an dem sie ihre größten Hits singt, wird ein voller Erfolg. Selbst Liliane scheint die Rückkehr auf diese recht bescheidene Bühne zu genießen. Doch an ein Comeback denkt sie trotzdem nicht. Jean hingegen überlegt schon, wie er es am geschicktesten anstellt, damit Liliane alias Laura nicht länger in der Fabrik arbeiten muss und innerhalb kürzester Zeit dort steht, wo sie seiner Überzeugung nach dringend wieder hingehört: auf der Bühne.
Liliane blüht an der Seite von Jean immer mehr auf. Sein Glaube an sie und seine Bewunderung sind Balsam für sie und schon bald tauschen sie Intimitäten aus, verlieben sie ineinander – auch wenn Jean die Beziehung zu der älteren Frau zunächst vor seinen Eltern verheimlicht. Leider wurde die Presse natürlich doch nach Lilianes Auftritt auf sie aufmerksam und rückt mit Kameras in der Pasteten Fabrik an. Liliane wittert freilich Verrat und sperrt Jean, der in Wahrheit nichts damit zu tun hat, aus ihrem Herzen und ihrer Wohnung. Jean selbst hat unterdessen den wichtigen Boxkampf, der seiner Karriere dienen sollte, verloren und gesteht sich ein, dass er nicht genug Talent besitzt, um bei den Profis das große Geld zu verdienen. Doch seine Ambitionen sind zu groß, um in der Pasteten Fabrik sein Dasein zu fristen und er weiß auch, dass er Liliane/Laura wieder groß rausbringen kann und beschließt sich zu ihrem Manager zu machen.
Jean, der sie von seiner Unschuld am Interview-Debakel überzeugen konnte, braucht nicht lange, um Liliane aus der Reserve zu locken. Erste Station auf dem Weg zurück an die Spitze soll ein Gesangswettbewerb sein, bei dem Kandidaten für einen internationalen Auftritt gesucht werden - doch ohne den richtigen Hit ein aussichtsloses Unterfangen. Die Lösung liegt zwar auf der Hand, ist aber nicht leicht zu realisieren. Denn wer wäre besser geeignet, Liliane einen neuen Hit auf den Leib zu schreiben, ein großartiges Chanson, das ihr Comeback endgültig besiegelt, als ihr Ex Tony, der Mann hinter ihrer ersten Karriere? Liliane sucht ihn auf und er ist tatsächlich bereit ihr zu helfen. Während Liliane schnell wieder Geschmack am Leben im Glamour findet, fällt es ihrem jungen Geliebten schwer, Schritt zu halten und sich in dieser Welt zurechtzufinden. Wird ihnen gemeinsam das große Comeback gelingen?


INTERVIEW MIT REGISSEUR BAVO DEFURNE

Wie entstand die Idee zu Ihrem Film?
Ich frage mich schon seit Längerem, was aus den Kandidaten wird, die beim Eurovision Song Contest nicht gewinnen. Was es mit einem macht, wenn man erst im Rampenlicht steht und sich kurz darauf im Schatten wiederfindet. Es gibt einige Beispiele von Menschen, die in Vergessenheit geraten sind. Was wird aus ihnen? In Flandern gab es das Beispiel einer bekannten Sängerin, die später als Verkäuferin gearbeitet hat. Wie geht man damit um, wenn man plötzlich wieder zur anonymen Masse gehört. Alles Fragen, die mich sehr beschäftigten. Liliane versteckt ihre Aura in ihrer Wohnung und Jean wird sie wiederentdecken.

EIN CHANSON FÜR DICH erzählt eine eher untypische romantische Liebesgeschichte, ist aber auch eine Metapher über den Ruhm…
Mich interessieren Kontraste. Zu Beginn des Films wirkt Liliane kalt und unnahbar, aber man erahnt trotzdem, dass sich ein ganzes bewegtes Leben hinter dieser Fassade verbirgt. Jean wird diese Büchse der Pandora öffnen und macht es sich dann zur Aufgabe, dass der Star hinter der vergessenen Sängerin wieder zum Vorschein kommt. Liliane und Jean sind letztlich füreinander gemacht, und deshalb ist der große Altersunterschied zwischen ihnen belanglos. Sie leben beide die gleiche Leidenschaft, und nur darauf kommt es an. Meine Weltsicht ist nicht „entweder oder“; die Figuren, die ich mir ausdenke, haben Zweifel, und jeder entwickelt sich gefühlsmäßig auf seine sehr individuelle Art. Deshalb muss der Zuschauer die beiden unbedingt mögen und sich für sie interessieren – und zwar von Anfang an, gleich bei ihrer allerersten Begegnung.

Wie gestaltete sich die Auswahl Ihrer Schauspieler?
Ein Drehbuch zu schreiben, heißt, Bilder zu Papier zu bringen. Und die Idee, Isabelle Huppert die Hauptrolle anzubieten, hat sich ziemlich schnell herauskristallisiert. Ich bewundere ihre Arbeit und ihre natürliche Eleganz sehr. Und darüber hinaus natürlich auch, was für ein breites Gefühlsspektrum sie beherrscht. Sie lässt es kinderleicht erscheinen, vom Drama zur Komödie zu wechseln – und dabei immer auch ein wenig provokant zu wirken. EIN CHANSON FÜR DICH steckt voller Glücksmomente, aber er ist stellenweise auch sehr nostalgisch, wie ja schon der Originaltitel „Souvenir“ impliziert. All das mussten wir zeigen können. Isabelle nahm mein Angebot sofort an, und das war für mich wie eine Wiedergeburt: Es war so, als hätte sie mich „erwählt“, und das gab mir sehr viel Glauben und Hoffnung für meinen Film. Was mich jedoch am glücklichsten machte, war zu sehen, wie sehr Isabelle die Rolle der Liliane ausgefüllt hat. Eine Kunstfigur verwandelte sie in einen authentischen Menschen. Aus diesem Grund bin ich ihr wahnsinnig dankbar. Mit ihrer ganzen komplexen Persönlichkeit hat sie die Geschichte dieser Frau angereichert, die aus dem Schatten tritt, um ins Rampenlicht zurückzukehren. Und das zu beobachten, ist ausgesprochen schön.

Wie kamen Sie auf Kévin Azaïs?
Er entpuppte sich beim Casting als der Beste. Kévin ist ein echter Sonnenschein. Er erinnert mich an die Schauspieler aus den 1940er-Jahren. Er hat etwas sehr Klassisches und ist trotzdem ausgesprochen zeitgemäß; sein unverstellter Charme passt jedenfalls sehr gut zu Isabelle. Kévin ist ein Mensch voller Kontraste. Er ist jung, zärtlich und sehr feinfühlig, besitzt aber auch eine beeindruckende Reife und Männlichkeit. Er wirkt sensibel und ungehobelt zugleich. Er musste in seiner Rolle ja in vielerlei Hinsicht überzeugen: als Boxer, als Manager, als Liebhaber. Das alles übergangslos zu spielen, war nicht leicht. Aber es ist ihm auf elegante, schlichte Weise überzeugend gelungen. Brüche sind seinem Spiel jedenfalls nicht anzumerken. Wenn man ihn an der Seite von Isabelle erlebt, ist von ihrem Altersunterschied kaum etwas zu spüren. Ich finde, sie geben auf der Leinwand ein sehr authentisches Paar ab.

Man weiß seit Ihren Anfängen, welche Bedeutung Sie der Ästhetik Ihrer Filme beimessen, dass Sie detailversessen arbeiten. Beschreiben Sie ein wenig den Stil von EIN CHANSON FÜR DICH.
Mir schwebte etwas Magisches vor, ich wollte, dass der Film an einen Traum erinnert. Die soziale Realität der Figuren war mir aber auch wichtig. Für die Studioaufnahmen fanden wir in Luxemburg einen ehemaligen Schlachthof, der es uns erlaubte mit Kontrasten zu spielen. Auf der einen Seite die massive, kalte Atmosphäre der Fabrik; andererseits haben wir dort auch die Wohnung von Liliane gebaut und uns damit sehr viel Mühe gegeben. Damit die kleine Welt, in der sie lebt, glaubwürdig wirkt, brauchte es viele Details – darauf lege ich nicht nur großen Wert, diese Arbeit macht mir auch jede Menge Spaß. Ich mische gern Vintage mit modernen Sachen und Elementen des Jugendstils. Einem bestimmten Trend zu folgen, interessiert mich nicht – es muss einfach nur schön sein. Genauso wichtig ist für mich das Licht des Films. Entsprechend intensiv war die Zusammenarbeit mit unserem Chefkameramann Philippe Guilbert und dem Produktionsdesigner André Fonsny. Die Kleider von Isabelle Huppert gaben wir bei Johanne Riss, einer Stylistin aus Brüssel, in Auftrag. Sie sind zauberhaft geworden und veredeln die Figur der Liliane. Kino – das heißt für mich, ein ganzes Universum aus dem Nichts zu erschaffen.

Musik spielt in Ihrem Film eine große Rolle. Dafür haben Sie die US-Band Pink Martini engagiert, die zum ersten Mal eine Filmmusik komponierte.
Wir haben Pink Martini auf der Bühne entdeckt. Ihre Konzerte sind ein einzigartiges Erlebnis, bei dem sich beobachten lässt, wie glücklich ihre Musik macht – und zwar Menschen von jung bis alt. Darauf kommt es mir auch bei meinen Filmen an. Das zu erreichen, ist mein Ziel. Die Zusammenarbeit mit Thomas Lauderdale, dem Bandleader von Pink Martini, war wunderbar, der gemeinsame Schaffensprozess machte einfach Spaß. Thomas ist keiner dieser Musiker, die sich hinter ihrem Computer verschanzen. Er setzt sich ans Klavier und mixt die Genres und die Epochen, um Musik zu schaffen, die sein Publikum begeistert. So kamen wir auf die Idee, dass er sich den Film anschaut und dabei, inspiriert von den Bildern, quasi live die Musik komponiert. Miles Davis machte es genauso bei Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“. Es ist faszinierend, wie sehr Thomas das Improvisieren im Blut liegt. Aber er kennt sich auch mit den Klassikern aus, angefangen bei den Bassarrangements für Nat King Cole bis hin zu den Orchesterbegleitungen von Edith Piaf. Als ich ihn in seinem Studio in Portland besuchte, hatte ich den Eindruck, die Factory von Andy Warhol zu betreten, denn es wimmelte nur so von kreativen Köpfen. Mit ihm zu arbeiten war einfach grandios.

EIN CHANSON FÜR DICH ist der seltene Fall eines flämischen Films, in dem die Figuren Französisch sprechen – fühlen Sie sich irgendeiner cineastischen Strömung angehörig?
Nein, eigentlich nicht. Aber ich kenne meine Klassiker. Von Hitchcock und Fritz Lang habe ich viel gelernt. Ich erkenne mich auch in den Filmen von Douglas Sirk, Fassbinder und Almodóvar wieder, vor allem, was ihren Stil betrifft und die Direktheit der Emotionen. Ja, EIN CHANSON FÜR DICH ist ein flämischer Film, obwohl sich schwer definieren lässt, was ihn dazu macht. Natürlich gibt es diese bildhafte flämische Tradition, die sich heute in der Arbeit vieler Designer niederschlägt. Aber in Flandern – eigentlich in ganz Belgien – mag man „echte“ Figuren, Menschen, die mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Und Filme, die die gesellschaftliche Realität widerspiegeln, wie etwa bei den Dardenne-Brüdern. Deshalb finde ich es gut, dass wir für EIN CHANSON FÜR DICH viele belgische Schauspieler engagiert haben, von Jan Hammenecker bis Johan Leysen. Was meine Filme möglicherweise am nachhaltigsten charakterisiert, ist die Bedeutung, die ich den Gefühlen der Figuren beimesse. Um diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, stilisiere ich meine Filme sehr, erschaffe eine traumhafte Welt. Eine Welt, in der sich dann die Darsteller bewegen, deren Spiel in Verbindung mit den Bildern und der Musik das Intimste der Figuren offenlegt. Aus all diesen Gründen würde ich sagen, dass sich meine Filme nicht unbedingt geografisch verorten lassen. Sie haben eher etwas von Märchen, die universell verständlich sind.


INTERVIEW MIT ISABELLE HUPPERT (Liliane)

Wie haben Sie Bavo Defurne kennengelernt, und was gefiel ihnen an der Figur der Liliane besonders?
Auf die normalste Art der Welt: Er schickte sein Drehbuch an meinen Agenten, ich las es und mochte es sehr. Das Drehbuch war gut aufgebaut, die Dialoge waren stimmig, das Ganze war nicht alltäglich und stand zu seinen melodramatischen Aspekten. Für mich hat sich das während der Dreharbeiten bestätigt, denn Bavo drehte viele träumerische Einstellungen, die an die Melodramenästhetik eines Douglas Sirk erinnern. Die Geschichte ist unwahrscheinlich und charmant zugleich, und sehr filmisch. Eine Frau, die früher mal Schlagerstar war und inzwischen in einer Pasteten Fabrik arbeitet, lernt einen jungen Nachwuchsboxer kennen, in den sie sich verliebt – das macht einen schon neugierig. Schlager, Wurstpastete, ein junger Mann – all diese unterschiedlichen Elemente, da möchte man schon wissen, wie das zusammenpassen soll. (lacht)

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Sie häufig sehr extreme Rollen spielen – würden Sie EIN
CHANSON FÜR DICH ebenfalls als extrem bezeichnen? Immerhin erzählt der Film eine Liebesgeschichte, deren Protagonisten sich durch einen großen Altersunterschied auszeichnen…
Damit man den extremen Altersunterschied im Film akzeptiert – oder sagen wir: diese Beziehung glaubwürdig erscheinen lässt –, durfte man ihn vor allem nicht noch betonen. Dieser Film ist wie ein Zug, auf den man in voller Fahrt aufspringt, weshalb der Altersunterschied nie wirklich ein Hindernis darstellt. Okay, vielleicht stören sich die Eltern des jungen Mannes ein wenig daran, aber sie nehmen es eher auf die leichte Schulter. Die wahre Krux liegt für die Heldin darin, wie sie ihr früheres Leben zurückerobern kann und ob es ihr gelingt, ihr Scheitern zu überwinden. Wie stellt man es an, wieder der Schlagerstar von einst zu werden? Die stilisierten Schlager, wie sie choreografiert wurden, die stille Poesie der Kulissen, das Licht von Philippe Guilbert – all das ergab ein Ganzes, das uns Schauspieler sehr inspiriert hat.

Hat Ihnen für diese Rolle eine echte Sängerin als Vorbild gedient, die mal einen Comebackversuch startete?
Nein, überhaupt nicht. Wobei ich tatsächlich kurz überlegt hatte, dass es vielleicht ganz spannend wäre, wenn ich mir die Eurovisions-Sängerinnen anschaue. Doch im Drehbuch wimmelt es von Details, die mir halfen, diese Figur von Grund auf zu erfinden. Abgesehen davon würde ich sagen, dass es die typische Eurovisions-Sängerin nicht unbedingt gibt – denken Sie an Conchita Wurst, die als Mann in Frauenkleidern gewonnen hat.

Apropos Kleider: In EIN CHANSON FÜR DICH spielt die Garderobe eine wichtige Rolle. Waren Sie in den Entstehungsprozess der Kleider, die Liliane im Film trägt, involviert?
Die Kostümbildner unseres Films hatten die Idee, Johanne Riss – ein Stylistin aus Brüssel – zu bitten, dass sie die beiden Eurovisions-Roben entwirft. Ich finde sie wunderschön. Ihre Entwürfe sind erfindungsreich und absolut glaubwürdig, und obendrein unglaublich schmeichelhaft.

Fanden Sie es amüsant, im Film zu singen und zu tanzen?
Und wie! Jede Schauspielerin träumt doch davon zu singen und jede Sängerin möchte einmal schauspielern. Die ausgefeilte Choreografie von Denis Robert hat mir sehr geholfen. Meine Figur wirkt dadurch ausgesprochen authentisch, macht dadurch wirklich etwas her.

Der Eurovision Song Contest begeistert Millionen, ist ein sehr populäres Thema – hatten Sie Spaß daran, mal etwas ganz anderes zu drehen?
Ach, diese Art von Film ist mir überhaupt nicht fremd. Denken Sie nur an „Copacabana“ von Marc Fitoussi, „Acht Frauen“ von François Ozon, Anne Fontaines „Mein schlimmster Alptraum“ oder „Sac de noeuds“ von Josiane Balasko. Bei diesem Film war es mir sehr wichtig, dass man an die Figur der Liliane glaubt. Es handelt sich um eine recht einfach gestrickte Person, die im Leben gescheitert ist. Am Anfang nahm ich sie so, wie sie ist – nämlich sehr weit weg von mir. Man kann sich aber noch so oft sagen, dass eine Rolle wenig mit einem selbst zu tun hat, es gibt beim Drehen früher oder später immer diesen einen Moment, wenn sich Rolle und Schauspieler treffen. Das eigene Ich holt einen immer wieder ein. Insofern passt es wunderbar, dass Liliane zum Schluss wieder im Rampenlicht steht wie eine Schauspielerin.

Woher stammt Ihr Drang seit Michael Ciminos „Heaven’s Gate“ regelmäßig auch internationale Filme zu drehen?
Das wollte ich schon immer – außerhalb Frankreichs arbeiten. Mich auf meine Heimat zu beschränken, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Natürlich war es ein großes Glück, dass so viele Regisseure aus dem Ausland tatsächlich mit mir arbeiten wollten. Nachdem ich schon mit Joaquim Lafosse gedreht hatte, fand ich es großartig, erneut mit einem belgischen Regisseur zu arbeiten. Bavo Defurne stammt aus Flandern – so wie Jan Fabre, Dries Van Noten, Anne Teresa de Keersmaeker und all diese Künstler, die sich in Belgien in einem kulturellen und künstlerischen Umfeld bewegen, das sehr bereichernd ist und dazu führt, dass sich manche auch intensiv mit den spannendsten Aspekten des Artifiziellen beschäftigen. Kein Wunder, dass Bavo Defurne ein ausgesprochen feinfühliges Händchen dafür bewiesen hat, wie man Realismus und Traum und die Sozialfabel mit dem populären Märchen verbindet.

Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem jungen Partner Kévin Azaïs?
Es stimmt, Kévin ist noch sehr jung, aber ich finde, dass er für einen Schauspieler seines Alters schon überraschend reif ist. Deshalb wirkt er auch absolut authentisch. Ich finde es beeindruckend, wie gut er seinen Beruf kennt und beherrscht. Schwer zu sagen, wo das herkommt, denn er hat ja noch nicht sehr viele Filme gedreht. Aber es ist nun mal vorhanden, und das reichert eine Filmfigur natürlich sehr an. Man nimmt ihm seine Dominanz ab und welch großen Einfluss er auf Liliane ausübt, und gleichzeitig berührt er einen, weil er so zerbrechlich ist.

Der Film ist im Tonfall einer Tragikomödie erzählt – liegt Ihnen das eine Genre mehr als das andere?
Ich mag beide. EIN CHANSON FÜR DICH erzählt eine Liebesgeschichte mit Happy End, obwohl ja vieles darauf hindeutet, dass die ganze Sache kein gutes Ende nehmen wird. Doch im Film öffnet sich eine Tür nach der anderen, und dadurch bekommt die Handlung eine spannungsreiche Leichtigkeit. Die Helden der Geschichte erleben gemeinsam mit dem Zuschauer, wie sich ihr Leben – dank einer wundersamen Begegnung und weil die Protagonisten an den jeweils anderen glauben – doch noch zum Guten wendet.


DIE DARSTELLER

Isabelle Huppert (Liliane)

Isabelle Huppert wurde am 16. März 1953 in Paris als Tochter einer Englischlehrerin und des Direktors eines Tresor-Unternehmens geboren. Sie wuchs in Ville d'Avray auf und wurde bereits mit 14 Jahren von ihrer Mutter am Konservatorium in Versailles für Schauspielunterricht eingeschrieben, den sie mit Auszeichnung beendete. Während eines Russischstudiums nahm sie gleichzeitig Schauspielunterricht am Institut in der Rue Blanche und am Nationalkonservatorium unter Antoine Vitez und Jean-Lauren Cochet, zwei renommierten Schauspiellehrern. Ihr Kinodebüt feierte sie 1972 mit dem Film „Faustine et le bel été“ und wurde anschließend für kleinere Rollen in einigen der wichtigsten Filme der 1970er-Jahre engagiert, etwa „César und Rosalie“ (mit Romy Schneider), „Die Ausgebufften“ (mit Gérard Depardieu) und „Der Richter und der Mörder“ (mit Philippe Noiret). Ihren Durchbruch beim großen Publikum feierte sie in der Titelrolle des Dramas „Die Spitzenklöpplerin“. Nur ein Jahr später, mit 25 Jahren, wurde sie beim Filmfestival in Cannes für ihre Hauptrolle als Vatermörderin in „Violette Nozière“ mit dem Preis als beste Darstellerin ausgezeichnet. Der Film markierte im Übrigen den Beginn der wohl fruchtbarsten Zusammenarbeit eines Regisseurs mit einer Schauspielerin weltweit, denn Claude Chabrol und Isabelle Huppert sollten noch sechs weitere Filme miteinander drehen – Dramen ebenso wie Komödien, Literaturverfilmungen oder Thriller –, darunter so bekannte Titel wie „Eine Frauensache“ und „Geheime Staatsaffären“. Im Laufe ihrer Karriere, die seit nunmehr 46 Jahren andauert und 135 Filme umfasst, arbeitete Isabelle Huppert mit den größten Filmemachern ihrer Zeit, darunter Jean-Luc Godard, Patrice Chéreau, Claire Denis, Anne Fontaine und André Téchiné. Sie war als Partnerin von so bekannten Schauspielerkollegen wie Gérard Depardieu, Jean-Louis Trintignant und Jacques Dutronc zu sehen. Schon früh in ihrer Karriere wurde man auch im Ausland auf Isabelle Huppert aufmerksam, sie arbeitete in den USA, Italien und Großbritannien, die Liste der Namen ihrer Regisseure liest sich wie ein internationales Who’s Who: Michael Cimino, Joseph Losey, die Taviani-Brüder, Hal Hartley, Werner Schroeter oder Andrzej Wajda. Unzählige Preise hat Huppert im Lauf der Jahre gewonnen, darunter auf vielen bedeutenden Filmfestivals wie Cannes, Venedig oder Moskau; mehrfach für den César, den französischen Filmpreis, nominiert, erhielt sie die Auszeichnung erstmals 2017 für ihre Rolle in Paul Verhoevens aufsehenerregendem Thriller „Elle“, der ihr auch ihre erste Oscar-Nominierung sowie u. a. einen Golden Globe einbrachte. Zuletzt drehte Huppert, die inzwischen als wohl bedeutendste Schauspielerin ihrer Generation gilt, „Happy End“, nach „Die Klavierspielerin“, „Wolfszeit“ und „Amour“ ihr vierter Film unter der Regie von Michael Haneke.

Filmographie (Auswahl)
2016 EIN CHANSON FÜR DICH (SOUVENIR), Regie: Bavo Defurne
2016 ELLE, Regie: Paul Verhoeven
2014 SEHNSUCHT NACH PARIS (La ritournelle), Regie: Marc Fitoussi
2014 DAS VERSCHWINDEN DER ELEANOR RIGBY (The Disappearance of Eleanor Rigby: Them), Regie: Ned Benson
2013 DIE NONNE (La religieuse), Regie: Guillaume Nicloux
2011 MEIN LIEBSTER ALPTRAUM (Mon pire cauchemar), Regie: Anne Fontaine
2009 VILLA AMALIA, Regie: Benoît Jacquot
2006 GEHEIME STAATSAFFÄREN (L'ivresse du pouvoir), Regie: Claude Chabrol
2004 ZWEI UNGLEICHE SCHWESTERN (Les soeurs fâchées), Regie: Alexandra Leclère
2001 DIE KLAVIERSPIELERIN (La pianiste), Regie: Michael Haneke
2000 SÜSSES GIFT (Merci pour le chocolat), Regie: Claude Chabrol
1997 DAS LEBEN IST EIN SPIEL (Rien ne va plus), Regie: Claude Chabrol
1992 NACH DER LIEBE (Après l'amour), Regie: Diane Kurys
1991 MADAME BOVARY, Regie: Claude Chabrol
1990 DIE RACHE EINER FRAU (La vengeance d'une femme), Regie: Jacques Doillon
1988 EINE FRAUENSACHE (Une affaire de femmes), Regie: Claude Chabrol
1987 DAS SCHLAFZIMMERFENSTER (The Bedroom Window), Regie: Curtis Hanson
1983 DIE FRAU MEINES KUMPELS (la femme de mon pote), Regie: Bertrand Blier
1981 STILLE WASSER (Eaux profondes), Regie: Michel Deville
1981 DER SAUSTALL (Coup de torchon), Regie: Bertrand Tavernier
1981 DIE FLÜGEL DER TAUBE (Les ailes de la colombe), Regie: Benoît Jacquot
1980 HEAVEN'S GATE, Regie: Michael Cimino
1980 DER LOULOU (Loulou), Regie: Maurice Pialat
1979 DIE SCHWESTERN BRONTË (Les soeurs Brontë), Regie: André Téchiné
1978 VIOLETTE NOZIÈRE, Regie: Claude Chabrol
1977 DIE SPITZENKLÖPPLERIN (La dentellìere), Regie: Claude Goretta
1975 UNTERNEHMEN ROSEBUD (Rosebud), Regie: Otto Preminger
1974 DIE AUSGEBUFFTEN (Les valseuses), Regie: Bertrand Blier
1972 CÉSAR UND ROSALIE (César et Rosalie), Regie: Claude Sautet


Kévin Azaïs (Jean)

Kévin Azaïs, geboren 1992 in der Region Paris, ist der Bruder des Schauspielers Vincent Rottiers und machte eine Ausbildung als Klempner. Nach nur zwei Kurzfilmen spielte er in seinem Kinodebüt „Heute trage ich Rock!“ gleich an der Seite von Frankreichs Filmdiva Isabelle Adjani. Seinen Durchbruch feierte er mit 22 Jahren als Gegenspieler und Freund von Adèle Haenel in „Liebe auf den ersten Schlag“, der ihm 2015 einen César als bester Nachwuchsdarsteller einbrachte. Seitdem gehört er zu den gefragtesten Jungtalenten Frankreichs, arbeitete mit u. a. Cécile de France und Jérémie Renier in den unterschiedlichsten Filmen. Zuletzt abgedreht hat Kévin Azaïs die Tragikomödie „Le Grand Saut“ mit den „Ziemlich beste Freunde“-Regisseuren Éric Toledano und Olivier Nakache.
Filmographie (Auswahl)
2016 EIN CHANSON FÜR DICH (SOUVENIR), Regie: Bavo Defurne
2015 LA BELLE SAISON – EINE SOMMERLIEBE (La belle saison) Regie: Catherine Corsini
2014 LIEBE AUF DEN ERSTEN SCHLAG (Les combattants), Regie: Thomas Cailley
2008 HEUTE TRAGE ICH ROCK! (La journée de la jupe), Regie: Jean-Paul Lilienfeld


Johan Leysen (Tony Jones)

Johan Leysen wurde am 19. Februar 1950 im belgischen Hasselt geboren. Als Schauspieler arbeitete er zunächst in seiner Heimat, drehte seit den frühen 1980er-Jahren aber auch, und dann hauptsächlich, im Nachbarland Frankreich. Die bekanntesten Regisseure seiner Zeit engagierten Leysen, darunter Jean-Luc Godard, Patrice Chéreau, Enki Bilal oder Christophe Gans. An der Seite von etablierten Stars wie Isabelle Adjani, Tchéky Karyo und Nathalie Baye wurde Johan Leysen selbst zu einem der bekanntesten französischsprachigen Darsteller. In Belgien und Frankreich übernahm er in den letzten Jahren häufig Gastrollen in einigen sehr erfolgreichen Fernsehserien, darunter „Boulevard du Palais“ und „Matinée“; einer seiner größten Fernseherfolge ist die erste Staffel der britischen Miniserie „The Missing“. Unter den bislang 63 Filmen seiner Karriere befinden sich auch internationale Kinoproduktionen wie „The American“ (mit George Clooney) oder das deutsche Projekt „Schussangst“ mit Lavinia Wilson und Fabian Hinrichs. Zuletzt drehte Johan Leysen den belgisch-französischen Thriller „Tueurs“ mit Olivier Gourmet und Lubna Azabal.
Filmographie (Auswahl)
2016 EIN CHANSON FÜR DICH (SOUVENIR), Regie: Bavo Defurne
2015 DAS BRANDNEUE TESTAMENT (Le tout nouveau testament), Regie: Jaco Van Dormael
2013 JUNG & SCHÖN (Jeune & jolie), Regie: François Ozon
2011 REQUIEM FOR A KILLER (Requiem pour une tueuse), Regie: Jérôme Le Gris)
2010 THE AMERICAN, Regie: Anton Corbijn
2009 SOEUR SOURIRE – DIE SINGENDE NONNE (Soeur Sourire), Regie: Stijn Coninx
2008 PRIVATUNTERRICHT (Elève libre), Regie: Joachim Lafosse
2008 VERFÜHRERISCHES SPIEL (Zomerhitte), Regie: Monique van de Ven
2007 DER INDISCHE SOMMER (Lété indien), Regie: Alain Raoust
2003 SCHUSSANGST, Regie: Dito Tsintsadze
2001 DIE STARKEN SEELEN (Les âmes fortes), Raoul Ruiz
2001 PAKT DER WÖLFE (Le pacte des loups), Regie: Christophe Gans
2000 DER KÖNIG TANZT (Le roi danse), Regie: Gérard Corbiau
1998 ZUG DES LEBENS (Train de vie), Regie: Radu Mihaileanu
1996 TYKHO MOON, Regie: Enki Bilal
1994 DIE BARTHOLOMÄUSNACHT (La reine Margot), Regie: Patrice Chéreau)
1992 VERSCHWÖRUNG DER KINDER (Sur la terre comme au ciel), Regie: Marion Hänsel
1988 MAESTRO (Le maître de musique), Regie: Gérard Corbiau
1984 DIE GEKAUFTE FRAU (Gebroken spiegels), Regie: Marleen Gorris
1981 DAS MÄDCHEN MIT DEM ROTEN HAAR (Het mesje met het rode haar), Regie: Ben Verbong
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 22.06.2017
DRIES - EIN SEHR PERSÖNLICHES PORTRAIT ÜBER DEN MODEDESIGNER DRIES VAN NOTEN
Ab 29. Juni 2017 im Kino
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Dries Van Noten, berühmt und verehrt für seine lebendigen Farben und Stoffe, gehört längst zu den ganz großen Namen der Mode-Welt – und das ganz ohne Werbeschaltungen, öffentliche Ausschweifungen oder ein besonders exzentri-sches Erscheinungsbild. Zum ersten Mal erlaubt der flämische Mode-Künstler nun einen filmischen Einblick in die kreativen Prozesse seiner Arbeit und seine Inspirationsquellen. Ein ganzes Jahr lang begleitete Reiner Holzemer die Ent-stehung vier neuer Kollektionen: von der Auswahl und Gestaltung der üppigen Stoffe, die sich durch aufwendige Blumenstickereien und Prints auszeichnen, über die Kombination der Stücke zu raffinierten, einzigartigen Outfits bis hin zu den sinnlichen Modeschauen, die bereits Kult bei der Pariser Fashion Week geworden sind. In sehr persönlichen und emotionalen Bildern zeigt DRIES die Ruhe, Genauigkeit und die Neugierde, mit der Dries Van Noten seine Mode kreiert - und wie er gemeinsam mit seinem langjährigen Partner auch sein Haus und seinen Garten zu einem perfekten Kunstwerk arrangiert.


Ein Film von Reiner Holzemer

Im März dieses Jahres präsentierte Dries Van Noten seine 100. Schau in der AccorHotels Arena in Paris Bercy. Ein eindrucksvolles Fashion-Ereignis, bei dem Van Noten seine Lieblingselemente vergangener Kollektionen neu inter-pretierte und in Szene setzte. Also ein guter Zeitpunkt, um den Menschen, der hinter dem Erfolg steht, besser kennenzulernen. DRIES ist mehr als das Porträt eines Modemachers – sensibel und respektvoll zeigt Reiner Holzemer, der bis-her besonders für seine Dokumentarfilme über Fotografen wie Walker Evans, William Eggleston, August Sander oder Juergen Teller bekannt geworden ist, den Künstler der Antwerp Six, der sich seit mehr als 25 Jahren unabhängig und frei in einer globalisierten Modewelt behauptet und eigene Maßstäbe setzt. Faszinierende Einblicke in seinen kreativen Kosmos und seine Modekollektio-nen inklusive. Den Soundtrack zu DRIES steuert der britische Bassist Colin Greenwood bei.


DIRECTOR’S STATEMENT:
REINER HOLZEMER ÜBER SEINEN FILM
Mein Interesse, einen Film über die Modewelt zu drehen, wurde 2011 geweckt. Damals hatte ich einen Zeitungsartikel über den britischen Modedesigner John Galliano gelesen, der gerade bei Dior rausgeworfen wurde, nachdem er im be-trunkenen Zustand antisemitische Sprüche losgelassen hatte. Als möglichen Grund für diesen Skandal nannte der Autor den zunehmenden Erfolgsdruck, dem der Modedesigner ausgesetzt war. Diesen führte er darauf zurück, dass die Lu-xuskonzerne, die viele etablierte Modehäuser aufkauften, schlagartig die Anzahl der Kollektionen pro Jahr erhöht haben.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf suchte ich nach einem passenden Ansatz für einen Film über die Modebranche. Zufällig lernte ich um die gleiche Zeit den belgi-schen Modedesigner Designer Dries Van Noten kennen, als ich einen Film über den Fotografen Juergen Teller drehte, der dessen neueste Kollektion für die ame-rikanische Vogue fotografierte. Als ich das Haus und den Garten des Designers betrat, hatte ich sofort das Gefühl, in eine neue, mir bis dahin unbekannte Welt einzutreten, die mich faszinierte und neugierig machte.
Dries Van Notens Sinn für Perfektion und seine vornehme, höfliche Art zogen mich in seinen Bann. Gleichzeitig fragte ich mich aber auch, wie anstrengend die-ses Leben wohl sein muss, in dem offenbar nichts dem Zufall überlassen war. Bei weiteren Recherchen fand ich heraus, dass Dries in der Modewelt eine herausra-gende Rolle spielt. Obwohl er keine Werbung schaltet, wird er von der gesamten Modepresse für seine einfallsreichen Männer- und Frauenkollektionen gefeiert. Interessant war auch, dass er als untypischer Modedesigner beschrieben wurde, der kein exotisches, dramatisches und skandalöses Leben führt, sondern ein eher unscheinbares. Mich beeindruckte, dass er unabhängig war und nicht jedem neu-en Trend hinterherlaufen wollte. Bis heute entwirft er weder Zwischenkollektionen noch stürzt er sich auf die vornehmliche Vermarktung von Modeaccessoires, Schuhen, Handtaschen und Make-up. Einerseits bescheren diese Nebenprodukte den Designern mehr Umsatz und Gewinn, andererseits gehen sie aber häufig mit einem Qualitäts- und Kreativitätsverlust einher. Dries Van Noten konzentriert sich deshalb lieber auf seine Kernkompetenz: den Entwurf und die Herstellung von Kleidungsstücken. Dabei liebt er sein Handwerk, das er von der Pieke auf erlernt hat. Und während viele Designer heute nur noch als Art Direktoren agieren, legt Dries bei der Entstehung seiner Kollektionen immer selbst Hand an. Er sucht die Stoffe aus, entwirft Schnitte und Druckmuster für seine Kreationen und bleibt somit der Hauptakteur des kreativen Prozesses.
Meine Begegnung mit Dries und die gesammelten Informationen machten mich immer neugieriger und ich wunderte mich, dass es noch keinen Film über ihn gab. Ich fand heraus, dass er alle Anfragen, auch die von namhaften Regisseuren, ab-gelehnt hatte. Dafür gab es zwei Gründe. Dries ist ein Perfektionist, der seine Kre-ationen erst dann der Öffentlichkeit vorstellen möchte, wenn sie nach seiner Vor-stellung vollkommen sind. Filmemacher wollen hingegen kreative Prozesse be-obachten, in denen die Entwürfe alles andere als perfekt aussehen. Das birgt für den Designer eine ernstzunehmende Gefahr, dass die Magie der Mode zerstört und der Entstehungsprozess im schlimmsten Fall als banal betrachtet werden könnte.
Dries ist der diskreteste Mensch, dem ich je in meinem Leben begegnet bin. Allei-ne die Vorstellung, ständig von einer Kamera und einem Mikrofon umgeben zu sein, ist für ihn unerträglich. Die wichtigste Voraussetzung, um einen Film über ihn drehen zu können, war daher das Vertrauen zwischen dem Protagonisten und mir. Dieses musste ich mir hart erarbeiten. Bei unseren ersten Begegnungen schilderte ich ihm mein Konzept und meine zurückhaltende, beobachtende Arbeitsweise. Ich wusste, dass ich diesen Film nur mit einem möglichst kleinen Team realisieren konnte, um Dries so wenig wie möglich bei der Arbeit zu stören. Deshalb drehte ich oft sogar ganz alleine und nahm nur dann, wenn es absolut nötig war, einen Tonmann hinzu. Um Dries von meiner Zurückhaltung zu überzeugen, bot ich ihm einen Testdrehtag an, bei dem er sehen konnte, wie ich arbeite und wie er sich dabei fühlte. Drei Jahre hat es gedauert, bis er meinem Wunsch, einen Film über ihn zu drehen, zustimmte.
Die Dreharbeiten begannen Anfang 2015. Als erstes drehten wir ihn und sein Team bei einer Modenschau in Paris und bei einem Fitting in seinem Atelier in Antwerpen. Mit der Zeit gewöhnte er sich so sehr an meine Kamera, dass er sie am Ende kaum noch wahrnahm. Schließlich durfte ich ihn über ein ganzes Jahr hinweg bei der Entstehung von vier Kollektionen begleiten. Meistens fühlte ich mich dabei willkommen, manchmal auch nicht.
Wenn ich heute über den Film nachdenke, dann bin ich fest davon überzeugt, dass ich Dries und der Welt, in der er lebt und arbeitet, so nahe gekommen bin, wie es mit einer Kamera überhaupt möglich ist. Ich glaube, dass das Ergebnis ei-nen sehr persönlichen und intimen Einblick in das Leben und die Karriere eines einzigartigen Modedesigners unserer Zeit gewährt.
Reiner Holzemer, Dezember 2016


DRIES VAN NOTEN: BIOGRAFIE
Dries Van Noten, 1958 in Antwerpen geboren, entstammt einer modeaffinen Familie. Sein Großvater war ein angesehener Herrenschneider, arbeitete zwi-schen den beiden Weltkriegen getragene Kleidung neu auf und führte in Ant-werpen Konfektionskleidung ein. Dries‘ Vater eröffnete 1970 am Stadtrand von Antwerpen eine exklusive Modeboutique, der eine zweite Filiale im Stadtzent-rum folgte, wo er die Kollektionen von Ungaro, Ferragamo und Zegna verkauf-te. Seine Mutter leitete eine Filiale der Kette „Cassandre“ und sammelte alte Spitze und Leinenstoffe.
Schon als Kind begleitete Van Noten seinen Vater zu den Messen und Schau-en in Mailand, Düsseldorf und Paris, wo er mit den kommerziellen und techni-schen Aspekten der Branche vertraut gemacht wurde. Er stellte jedoch früh fest, dass ihn das Entwerfen von Mode stärker interessierte als das Verkaufen. Daher begann er 1976 als 18-jähriger ein Studium an der Modefakultät der Antwerpener Königlichen Akademie der Schönen Künste. Während seines Studiums arbeitete er freiberuflich als Designer für ein belgisches Konfektions-unternehmen und sammelte dabei praktische Erfahrungen, die ihm bei der Gründung seines eigenen Labels helfen sollten. Zur selben Zeit lernte er Chris-tine Mathys kennen, die bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1999 seine Ge-schäftspartnerin und eine enge Vertraute war.
Nach dem Abschluss seines Studiums arbeitete Van Noten noch einige Jahre freiberuflich, ehe er 1986 seine erste eigene Kollektion von Blazern, Hemden und Hosen vorstellte. Sein Label hatte von Beginn an Erfolg und wurde an so prestigeträchtigen Orten wie dem Barneys New York, dem Pauw in Amsterdam oder dem Whistles in London vertrieben.
Im September 1986 eröffnete Dries Van Noten eine kleine Boutique im Arka-denviertel Antwerpens. Schon drei Jahre später zog er in ein fünfstöckiges Mo-dehaus in der Nationalestraat um, das ironischerweise den größten Konkurren-ten seines Großvaters beherbergt hatte. Van Noten restaurierte penibel das denkmalgeschützte Gebäude und behielt so viel wie möglich bei – auch den Namen „Het Modepaleis“.
Danach expandierte er schnell. In einer ehemaligen Kunstgalerie mitten im Pa-riser Marais eröffnete er einen Showroom und ein Pressebüro, kurz danach in Mailand seinen zweiten Showroom außerhalb Antwerpens. Im Juli 2000 verleg-te Van Noten seinen Firmensitz in ein altes Speicherhaus am Antwerpener Ha-fen. Das sechsstöckige Gebäude beherbergt auf 5000 Quadratmetern den kompletten Produktionsprozess seines Labels: Design und Produktion, Buch-haltung, Marketing und Vertrieb sowie die Archive. Vom Showroom auf der obersten Etage hat man einen atemberaubenden Blick auf die ganze Stadt.
Von Beginn seiner Karriere an hat Van Noten jeden seiner Expansionsschritte selbst finanziert. Seine Männer-, Frauen- und Accessoire-Kollektionen verkauft er mittlerweile weltweit. Schauspielerinnen tragen seine Mode für die Oscar-Verleihungen, die belgische Königin für Staatsbesuche, Tanzensembles und Künstler für ihre Performances. Im März 2017 fand während der Pariser Fashion Week seine 100. Show statt.


DRIES VAN NOTEN: ZITATE
„Ich bin zu sehr darin involviert. Es bestimmt mein Leben voll und ganz. Man kann wohl sagen, ich bin davon besessen. Aber nicht von der Mode. Mode ist ein leeres Wort. Wir müssen ein neues Wort dafür erfinden. Mir gefällt der Be-griff „Mode” nicht, weil er für etwas steht, das nach sechs Monaten passé ist. Das verstehen die Leute unter Mode. Ich würde mir ein zeitloseres Wort dafür wünschen.”

„Ich will keine kurzlebigen Produkte, die einem gleich nach dem Kauf langweilig werden. Das ist nicht Ziel meiner Arbeit. Meine Kreationen sollen wertgeschätzt werden und tragbar sein. Man soll sie Monate später auf andere Weise tragen können. Sie sollen sich mit einem als Mensch, als Persönlichkeit entwickeln und Teil des Charakters werden.”

„Andere Designer fangen oftmals mit Formen an. Ich möchte Geschichten, Persönlichkeiten, Objekte und Gefühle in meinen Kollektionen realisieren. Und dafür brauche ich Materialien. Ich überlege mir also, womit ich meine Ge-schichte erzählen kann.”
„Ich bin wohl einer der verwöhntesten Designer der Welt, weil ich die Möglich-keit habe, alle Arten von Textilien zu kreieren. Ich werde dabei von Herstellern aus aller Welt unterstützt. Sie fragen mich, was ich mir wünsche, und dann ma-chen sie es einfach. Nicht viele Designer haben diese Option. Das ist fantas-tisch.“

„Die Entwicklung der Stoffe dauert etwa vier bis fünf Monate. Andere Mode-häuser haben nicht die Zeit für so einen langen kreativen Prozess.“
„Ich brauche Kontraste, Spannung und Gegensätze. Das ist die Grundlage meiner Arbeit und meiner Kollektion. Für mich spiegelt sich darin das wahre Leben wider. Ich mag es nicht, wenn etwas zu einseitig oder langweilig ist.“

„Meine Arbeit zeichnet sich stets durch klassische Elemente aus – durch Ver-bindungen zur klassischen Herren- und Damenmode, Respekt vor Handwerks-kunst und einer Faszination für Couture-Formen. Derzeit braucht niemand in der Modewelt eine Revolution. Bei einer neuen Kollektion orientiert man sich automatisch an der vorhergehenden. Heute kann man nur noch mit etwas ext-rem Verrücktem schockieren. Alles ist erhältlich, im Internet findet sich alles und jedes. Es ist schwer, sich durch Schock-Elemente von der Masse abzuhe-ben. Heute geht es also eher um Unterschiede bei der Umsetzung, um die Feinheiten. Das sind die Dinge, auf die ich mich konzentriere.“

„Man denkt nicht allzu viel über Magie nach. Es gibt keine Zauberformel, und es ist nicht gesagt, dass man nur etwas Glitzerstaub braucht, um die Leute zu begeistern, ganz im Gegenteil. Magie entsteht dann, wenn die Leute spüren, dass das Ganze auf Ehrlichkeit und Leidenschaft basiert, dass es von Herzen kommt. Und letztlich auch, dass es in der Realität verankert ist.”

(Quelle: Verleih)
Autor: Siehe Artikel
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