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Inhaltsverzeichnis
Ü 100

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DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG

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DER HIMMEL WIRD WARTEN

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ZWISCHEN DEN JAHREN

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WILDE MAUS

17

MOONLIGHT

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Donnerstag 30.03.2017
Ü 100
Ab 06. April 2017 im Kino
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„Ü100“ - acht über Hundertjährige und ihr Leben                      

Ein Film von Dagmar Wagner                

Hella 102 sitzt bei ihrer Friseurin, geht Einkaufen, absolviert ihr tägliches Fitnesstraining auf dem Balkon und weiß: „Man bleibt immer ich...“
Gerda 100 kann zwar nicht mehr laufen, versorgt sich dennoch selbst und macht aus allem das Schönste - solange bis für sie ein Einzelzimmer im Himmel frei wird.
Erna 104 lebt schön Tag für Tag ins 105. Lebensjahr und freut sich als Fußballexpertin auf das nächste Spiel des FC Bayern.
Franz 100 meint, dass nicht mehr viele Fragen offen bleiben, jünger wird er sowieso nicht mehr, nur noch schöner vielleicht.
Theresia 101 verliert trotz ihrer Bettlägerigkeit nicht ihren Lebensmut: „Es geht schon noch a bisserl weiter.“
Ernst 102 vertreibt nachts den Einbrecher aus seinem Haus, in dem er sich noch selbst versorgt, und macht damit Schlagzeilen.
Anna 103 möchte am Ende das Ansteckmikrofon als Brosche behalten und findet, dass es nun genug sei: „Ich bin reif für den Untergang“, sagt sie und lacht dabei.
Ruja 102 kann es nicht ertragen, wenn die Menschen schlecht gelaunt sind und will Alle aufheitern, deshalb spielt sie zu den Geschichten im Film Klavier.

Nach den Gesprächen macht sich Erschöpfung breit, es wird Zeit für das nächste wohlverdiente
Nickerchen. Große Gelassenheit und absolute innere Freiheit: Das gelebte Leben ist längst
angenommen, nichts wird mehr auf Effizienz, Perfektion und Selbstdarstellung getrimmt. Was für
eine wohltuende und fast immer heitere Gesellschaft.
Doch es gibt nichts zu beschönigen: Es sind auch eingeschränkte und abhängige Leben. Aber
die Helden dieses Films meistern diese Herausforderung mit viel Würde, Mut, Weisheit und Humor.
In Ü100 erzählen acht über Hundertjährige von ihrer Lebenswirklichkeit. Drei von ihnen leben
noch fast selbständig zu Hause, fünf von ihnen in einem Seniorenheim.


AUSGANGSSITUATION
Wir werden alle immer älter, immer fitter und deshalb auch immer mehr: So stellt sich - salopp formuliert - weltweit der demografische Wandel dar. 1950 betrug der Anteil der Menschen im Alter von 80 Jahren 1% an der deutschen Bevölkerung, aktuell sind es 6% und 2050 werden es voraussichtlich 14% sein. Im Jahr 2040 sind 50% der Deutschen älter als 50 Jahre und 31% älter als 65 Jahre (aktuell 22%) mit steigender Tendenz.
Für unsere Kinder und Enkelkinder ist es gut zu wissen, dass jede(r) Zweite ab dem Jahr 2000 in Deutschland Geborene eine reelle Chance hat, 100 Jahre alt zu werden: Die Zahl unserer Hundertjährigen wird sich von heute circa 17.500 auf 182.000 im Jahr 2060 steigern und gleichzeitig verjüngen sie sich dabei. Zweimal wurden in Deutschland jeweils circa 90 über Hundertjährige mit Interviews wissenschaftlich zu ihrem Lebensalltag, ihrer körperlichen wie geistigen Fitness sowie ihrer seelischen Verfassung mittels der "Heidelberger Hundertjährigen Studien" erforscht: 2002 (HD 100 I) und 2012 (HD100 II). Bei der zweiten Studie zeigte sich bereits nach zehn Jahren, dass die deutschen Hundertjährigen geistig und körperlich fitter waren.
Dass wir lange und immer länger leben, stellt die Gesellschaft, aber natürlich auch jeden Einzelnen von uns vor große Herausforderungen.
Die Berichterstattung zum Thema demografischer Wandel ist bislang in der Regel eher negativ und reduziert die Älterwerdenden und Alten auf ein stärker werdendes Pflege-, Demenz- und Armutspotential, also auf ein Risiko- und Problemszenario. Überwiegend werden die Defizite & das Negative betont. Das Privileg eines langen Lebens wird als Überalterung, manchmal sogar als Rentnerberg bezeichnet.
Der moderne Fortschritt schmälert den Wert älterer Menschen, während er gleichzeitig die Anzahl unserer Jahre vermehrt. Unsere Gesellschaft befindet sich in einer großen Umwandlung.
Dieser Film wirft einen positiven und ermutigenden Ausblick auf unsere spätere Lebensphase und stellt mit diesen acht beeindruckenden Hundertjährigen jenseits von Schönfärberei und Zweckoptimismus unter Beweis: Altwerden ist kein Mangel!


INTENTION & INHALT
Es ist ein Paradoxon der westlichen Kultur, immer älter zu werden und dabei jung bleiben zu wollen. Leider konzentrieren sich die meisten Menschen beim Älterwerden viel zu stark auf ihren Körper und achten vor allem darauf, wie ihr alternder Körper mehr und mehr versagt.
Durch gesunde Ernährung, Bewegung & mit einer hoch entwickelten Medizin und Pharmazie scheuen wir weder Mühen noch Qualen, um in jeder Beziehung fit und jung zu bleiben und führen so einen Kampf, den wir jedoch immer nur verlieren können.
Gefangen in einer Ideologie des Verfalls, erfahren wir auf diese Weise ab den mittleren Jahren, wie hilf- und wehrlos wir gegen das Altern sind, denn - es ist unausweichlich. Manche treten allerdings den Kampf erst gar nicht an, tragen stattdessen ein schlechtes Gewissen mit sich herum.
Was wir in Wirklichkeit brauchen ist eine mutigere und positivere Neubewertung des Alters und Älterwerdens, positive und realistischere Altersbilder, die uns zeigen, dass Altwerden eben Persönlichkeitsentwicklung und kein Mangel ist. Und dass uns auch immer noch - zwar nicht alle - aber einige Türen offen stehen, Veränderung weiter möglich ist.
All das vermittelt der Film Ü100. Mit ihrer Lebensfreude, Zufriedenheit und inneren Lebendigkeit sowie ihrem wunderbaren Humor geben uns die acht über Hundertjährigen aus dem Film Ü100 das beste Beispiel. Ohne abgefilmte Fotos und aneinandergereihte biografische Fakten sprechen die Protagonisten über ihre aktuelle Lebenswirklichkeit, in der Aussehen und Statussymbole keine Rolle mehr spielen. Ohne ein einziges klagendes Wort, sondern mit viel Witz erheben sie sich über das, was uns sonst so untragbar erscheint: die Akzeptanz des gelebten Lebens und der aktuellen, nicht immer leichten Lebensumstände. Sie zeigen uns: Altwerden ist mit einer Innenschau verbunden, weil man einfach weniger Möglichkeit zur Ablenkung hat. Das ganze Leben läuft nochmals in ihrer Erinnerung ab und sie machen ihren Frieden damit: Wieso ist mein Leben so und nicht anders verlaufen - die Frage nach dem Schicksal und dem Sinn des Lebens. Diese Form der Selbstreflektion, der vertieften Auseinandersetzung mit sich selbst, findet verstärkt bei Hundertjährigen statt.

So kommen hochaltrige Menschen mit sich und ihrem Leben ins Reine und finden ihren Seelenfrieden. Sie müssen sich selbst und anderen nichts mehr beweisen und ziehen daraus ihre große seelische Stärke, von der wir Jüngere nur lernen können, weil sie sich so annehmen,
wie sie sind und früher waren: Eine wohltuende Gelassenheit und auch Freiheit, die im Film zu spüren ist.
Die Hundertjährigen in dem Film Ü100 sind also Charaktere mit großen psychischen Stärken: Sie denken immer an die Anderen und legen das Schwergewicht auf die guten Seiten des Lebens. Sie sprechen gerne, offen und humorlos über den Tod und zeigen dennoch eine sehr bejahende, positive Lebenseinstellung. Ihre zurückgeschraubten Erwartungen ans Leben sind nicht Resignation sondern eine realistische Einschätzung ihrer Situation.
Ihre Zufriedenheit ist nicht aufgesetzt und das fehlende Lamento nicht gespielt. Mit viel Würde und Heiterkeit und ohne Pathos schildern sie ihr momentanes Leben und beeindrucken mit Authentizität: Die 83 Minuten mit den acht Hundertjährigen aus dem Dokumentarfilm Ü100 wirken wie ein Tag echter Urlaub, eine Reise in ein für uns unbekanntes Land mit großem Erholungseffekt:
Denn für unsere auf Effizienz und Perfektion getrimmte Gesellschaft und Lebensentwürfe können
Einblicke in das Leben Hochaltriger heilsam sein. Wenn sich das Leben fast ausschließlich auf die
reine Existenz beschränkt, wenn man sich durch nichts Äußerliches mehr „aufpeppen“ kann, alle
Schalen abgelegt sind, man im oberflächlichen Sinn nicht mehr produktiv sondern völlig abhängig
ist, bleibt für Eitelkeiten kein Raum mehr.
Die Bereitschaft, die persönlichen Unzulänglichkeiten, das nicht Perfekte an einem selbst und das
Misslungene sowie den eigenen Verfall und den Tod in seinem Lebenslauf besser ins Leben zu
integrieren, also die Akzeptanz seiner selbst als Ganzes zum Lebensende hin - das können wir von
den Hochaltrigen lernen. Als Korrektiv wirken sie gegen den Jugend-, Fitness- & Perfektionswahn
mit seinen oberflächlichen Erscheinungsbildern einer zunehmend schnelllebigeren Gesellschaft.

Den Wert und den Respekt für das Leben der Hundertjährigen und Hochaltrigen zu erkennen, dass ihnen ihr Leben wichtig ist und sie noch für andere wichtig sind, wird eine der humansten Aufgaben
unserer Gesellschaft sein. Sie sind als Humanvermögen einer Gesellschaft im Extrem beispielgebend, was der „Wert des Alters“ bedeuten kann. Doch dazu müssen sie auch Gehör finden. Und da unsere Hundertjährigen nicht mehr so einfach auf der Strasse herumspazieren, wird es eine der wichtigen Aufgaben der Zukunft sein, geeignete Begegnungsräume für unsere Hochaltrigen zu schaffen.
Mit dem Film Ü100 ist ein Anfang gemacht, als eine Begegnungsstätte, die uns das Wichtigste beim Älterwerden lehrt: Die Entwicklung einer positiven Haltung zum eigenen Alterungsprozess! Glück im Alter hängt von der eigenen Einstellung zum persönlichen Alterungsprozess ab, aber auch von der Einstellung der Gesellschaft zu ihren „Alten“. Auch das haben Studien gezeigt. Dabei ist weder übertriebener Optimismus in Form von Schönfärberei angesagt, noch helfen Selbstoptimierung oder
Beschönigungen weiter. Damit aus dem Älterwerden kein blinder Aktionismus wird, brauchen wir
eine zweckmäßigere, realitätsgerechtere und optimistischere Perspektive auf das Alter. Es wäre
wünschenswert, das Altsein einzubringen, statt mit einer heuchlerischen Kultur konform zu gehen,
welche die Jugendlichkeit rühmt, während sie in Wirklichkeit junge Menschen oft vernachlässigt,
abwertet und manipuliert.
Jeder will alt werden, aber keiner will alt sein, denn Alter sichert kein Prestige mehr. Ein positives
Bild einer alternden Gesellschaft aber verlangt, dass wir ältere Menschen als Ressource und nicht
als Bürde ansehen. Das leistet Ü100. Als Blick hinter die Kulissen zeigen uns die acht über Hundertjährigen deutlich: Das Wesen altert nicht, der Charakter bleibt. Man bleibt "Ich", man fühlt sich nicht alt.


ENTSTEHUNGSGESCHICHTE Ü100

Inspiriert durch ihre Tätigkeit als Biografin befasst sich Dagmar Wagner seit Jahren mit Themen rund ums Älterwerden. Als sie von zwei wissenschaftlichen Hundertjährigen-Studien (HD100 I 2002 und II 2012) las, kam ihr die Idee zu diesem Film. Vor allem, weil sie wusste, diese sind die „Letzten ihrer Art“, da bald die Zahl der über Hundertjährigen in Deutschland explodieren wird.
Dagmar Wagner suchte zuerst im Bekanntenkreis nach Interviewpartner(inne)n, später wurde sie auch durch die Presse unterstützt. Streng nach „Eingang“ führte sie die Interviews. Eine Auswahl zu treffen, kam für sie nicht in Frage. Dies war auch einer der Gründe dafür, dass Dagmar Wagner den Film ohne irgendwelche Beteiligungen produzierte, denn dann hätte es z.B. redaktionelle
„Auswahlkriterien“ gegeben, die sich mit ihrer Vorstellung von Respekt und Würde nicht vereinbaren ließen. Der „perfekte Mix“ der acht Hundertjährigen entstand also rein zufällig: zwei Hausfrauen, eine Hausangestellte, eine Lehrerin, eine Klavierspielerin, eine Angestellte, ein Kommissar und ein Malermeister.
Zu den Dreharbeiten nahm Dagmar Wagner nur ihren Kameramann Thomas Beckmann mit, den die Protagonisten wegen seiner Liebenswürdigkeit und Sensibilität sofort ins Herz schlossen. Als Regisseurin hätte sie sich keinen besseren Kameramann für dieses Projekt wünschen können.
Dagmar Wagner: "Noch nie habe ich so, ohne irgendwelche Ansprüche & ohne Druck gedreht, denn eines war immer klar: Forderungen oder Wünsche würden wir nie an unsere Protagonisten stellen, sondern wir ordneten den Dreh komplett ihren Bedürfnissen unter. Vielleicht trug auch diese Freiheit, nämlich ohne jegliche Erwartung zu sein, zur entspannten Atmosphäre des Films bei, weil das genau dem Lebensmodus der Hundertjährigen entspricht."
Eigentlich waren die ersten Dreharbeiten nur als Probeinterviews gedacht. Die Regisseurin wollte
herausfinden: Wie würde so ein Interview ablaufen? Der Gesprächsverlauf entwickelte sich spontan
und drehte sich kaum um konkrete biografische Daten. Jede biografische Geschichte tauchte
organisch im Zusammenhang mit einem bestimmten Thema auf: Wie sieht mein Alltag aus? Wie
fühle ich mich mit hundert Jahren? Die Angst vor dem Sterben und dem Tod. Mit wem fühlen Sie
sich verbunden? Den Glauben an Gott. Worüber denken Sie nach? Was bestimmt Ihr Leben?

Mit dem ersten Drehmaterial war eigentlich nur ein Trailer mit 15 Minuten geplant, aber das Schnittkonzept der Regisseurin führte sie zu 53 Minuten, zu der ersten Kurzversion von Ü100, die dank einem Sponsoring von ARRI auf dem Fünf Seen Filmfestival am 28.7.2014 ihre Premiere mit einem großen, völlig unerwarteten Erfolg feierte. Die Reaktionen bei Publikum und Presse waren überwältigend: In bester Laune, mit sehr viel weniger Angst vor dem Älterwerden und nach langen Publikumsdiskussionen verließen die Zuschauer den Kinosaal. Nach so viel Zuspruch war der Regisseurin klar: Jetzt muss eine lange Kinofassung her!
Besonders auffällig war die Dankbarkeit der Zuschauer für eine Plattform, wo sie sich über das Thema Älterwerden endlich unbefangen und angeregt austauschen können.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 23.03.2017
DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG
Ab 30. März 2017 im Kino
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Ein Film von Aki Kaurismäkis                                                            

Khaled (Sherwan Haji), ein junger Syrer, gelangt als blinder Passagier nach Helsinki. Dort will er Asyl beantragen, ohne große Erwartungen an seine Zukunft. Wikström (Sakari Kuosmanen) ist ein
fliegender Händler für Männerhemden und Krawatten. In der Mitte des Lebens angekommen, verlässt er seine Frau, gibt seinen Job auf und profiliert sich kurzfristig als Poker-Spieler. Von dem wenigen Geld, das er dabei gewinnt, kauft er ein heruntergewirtschaftetes Restaurant in einer abgelegenen Gasse von Helsinki.
Als die finnischen Behörden entscheiden, Khaled in die Ruinen von Aleppo zurückzuschicken, beschließt er, illegal im Land zu bleiben. Wikström findet ihn schlafend im Innenhof vor seinem Restaurant. Vielleicht sieht er etwas von sich selbst in diesem ramponierten, angeschlagenen Mann. Jedenfalls stellt er Khaled als Putzkraft und Tellerwäscher an.
Für einen Moment zeigt uns das Leben seine sonnigere Seite, aber schon bald greift das Schicksal ein. Der Ausgang des Films bleibt offen, er führt entweder in ein respektables Leben oder auf den Friedhof. Für in die Enge getriebene Menschen bietet beides Vorzüge.



DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG erzählt davon, dass jeder Melancholie ein fast rebellischer Zug der Hoffnung innewohnt. Und zeigt das Leben als Wechselspiel von ständiger Sehnsucht und schwankender Hoffnung, von fast märchenhafter Menschlichkeit und kaltem Realismus.
Aki Kaurismäkis Filme sind bekannt für ihren lakonischen, skurrilen und minimalistischen Stil. Seine Helden waren immer die „kleinen Leute“: Außenseiter, Arbeiter und Arbeitslose – die Verlierer der Gesellschaft. Seit Le Havre hat Kaurismäki den Kosmos seiner filmischen „Underdogs“ um eine globale Komponente erweitert. Um diejenigen, die auf der Flucht sind und jetzt in der sozialen Hierarchie ganz unten stehen.


Mit den Worten des Regisseurs

Mit diesem Film möchte ich gern, soweit das möglich ist, die europäische Blickweise aufbrechen,
in Flüchtlingen entweder ausschließlich bedauernswerte Opfer oder nur anmaßende Wirtschaftsimmigranten zu sehen, die in unsere Gesellschaften eindringen, bloß um uns die Jobs zu klauen, unsere Frauen, unsere Häuser und unsere Autos.
Das sind Klischees und Vorurteile. In der europäischen Geschichte sind ihre Entstehung und Akzeptanz mit einem unheilvollen Nachhall verbunden. Ich gebe offen zu, dass DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG bis zu einem gewissen Grad das ist, was man unter einem tendenziösen Film versteht. Es ist ein Film, der ohne Skrupel die Ansichten und Meinungen seiner Zuschauer verändern will, indem er, um dieses Ziel zu erreichen, ihre Gefühle manipuliert.
Ein solcher Versuch muss natürlich scheitern. Was aber, so hoffe ich, davon übrig bleiben wird, ist eine integre und etwas melancholische Geschichte, die der Humor vorwärts trägt. Ein ansonsten fast realistischer Film über gewisse menschliche Schicksale in der Welt, in der wir heute leben.
Aki Kaurismäki


Darsteller

SHERWAN HAJI – KHALED
Sherwan Haji (Jahrgang 1985) spielt Khaled, einen jungen Flüchtling aus Syrien. 2008 macht Haji seinen Abschluss am „Higher Institute of Dramatic Arts” in Damaskus und spielt anschließend in diversen TV-Serien mit. 2010 kommt Haji von Syrien nach Finnland. Er setzt sein Studium an der Cambridge School of Art – Anglia Ruskin University fort, das er 2016 mit einem „Master of Arts” abschließt. Seit 2012 ist Haji neben der Schauspielerei auch als Drehbuchautor und Regisseur von Kurzfilmen und Video-Installationen für seine Produktionsfirma Lion’s Line tätig.
Die Rolle des Khaled ist seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm. Der Filmsoundtrack enthält ein Stück, in dem Haji auf der „Saz” spielt, einem vom Balkan bis nach Afghanistan weit verbreiteten, traditionellen Zupfinstrument.

SAKARI KUOSMANEN – WIKSTRÖM
Die andere Hauptrolle, die Figur des Handelsvertreters Wikström, wird von Sakari Kuosmanen verkörpert. Kousmanen, geboren 1956, gehört zum festen Stamm der Lieblingsschaupieler von Aki Kaurismäki. Er blickt auf eine lange Karriere als Schauspieler und Musiker zurück. Seine vermutlich am besten in Erinnerung gebliebenen Rollen in Aki Kaurismäki-Filmen sind die der Titelfigur Juha, die des ruppigen Hafenwächters in Der Mann ohne Vergangenheit und die Rolle des Türstehers in Wolken ziehen vorüber. Weitere Aki Kaurismäki-Filme, in denen er zu sehen ist, sind: Calamari Union, Schatten im Paradies, Leningrad Cowboys Go America und Total Balalaika Show.

SIMON HUSSEIN AL-BAZOON – MAZDAK
Die Rolle des Mazdak wird von Simon Hussein Al-Bazoon verkörpert, der ursprünglich aus dem Irak stammt. Schon als Jugendlicher trat er in diversen finnischen Amateur-Theatern sowie in Kurzfilmen und Werbespots auf. Zudem unterrichtet er Tanz und entwickelt Tanz-Choreographien. Simon Hussein Al-Bazoon ist in DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG erstmals in einem Spielfilm zu sehen.
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Donnerstag 16.03.2017
DER HIMMEL WIRD WARTEN
Ab 23. März 2017 im Kino
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Sylvie lebt allein mit ihrer Tochter Mélanie. Sie verbringen viel Zeit miteinander und Sylvie ist stolz auf das enge Verhältnis, das sie zu ihrer Tochter hat, dass sie reden können über Schule, Jungs, Klamotten. Doch irgendwann begegnet Mélanie im Internet einem Jungen, der ihr regelmäßig zu schreiben beginnt, ihr Komplimente macht und sie schließlich fragt, wie sie es hält mit der Religion. Eines Tages ist Mélanie verschwunden und Sylvie auf halbem Weg nach Syrien, um sie zu suchen.
Catherine und Samir sind die stolzen Eltern der 17-jährigen Sonia, sie sind eine glückliche Familie, die gemeinsam den Alltag meistert. Gerade zurück aus den Sommerferien, wird ihr Haus eines Nachts von der Polizei gestürmt und Sonia unter Arrest gestellt. Um ihrer Familie einen Platz im Paradies zu sichern, hat sich Sonia dem Dschihad angeschlossen, bereit für einen Anschlag in ihrem Heimatland. Catherine und Sylvie sind tief erschüttert davon, wie fremd ihre Töchter ihnen so
ganz im Stillen geworden sind. Doch sie sind bereit, alles zu tun, um sie wieder zurückzubekommen.
Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar (DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE) erzählt mit großer Kraft, Ehrlichkeit und Authentizität von den stillen Gräben, die zwischen uns liegen können, aber auch von der Chance, die in der Familie liegt. DER HIMMEL WIRD WARTEN ist ein mit viel Feingefühl gezeichnetes Generationenporträt, voller Mut, und voller Hoffnung.


Sie durchleben alle den gleichen Horror, stellen sich alle die gleichen Fragen und machen sich alle dieselben Vorwürfe: Warum habe ich es nicht früher bemerkt? Die Eltern, die Dounia Bouzar um Hilfe bitten, sind verzweifelt. Ihre Kinder haben sich der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen. Manche sind bereits in Syrien, andere wurden auf ihrem Weg dorthin verhaftet und einige wenige haben es geschafft, zurückzukehren. Dounia Bouzar hilft ihnen, wieder ins Leben zu finden.
Mit ihrem Verein CPDSI hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, durch Prävention und Aufklärung den politischen Dogmatismus im Zusammenhang mit dem Islam zu bekämpfen. Catherine und Samir Bouzaria sind mit ihren beiden Töchtern gerade aus den Sommerferien zurückgekehrt, als ihr Haus eines Nachts von der Polizei gestürmt und die 17-jährige Sonia verhaftet wird. Die geschockten
Eltern erfahren, dass sich ihre Tochter dem Dschihad angeschlossen hat und einen Terroranschlag plante. Plötzlich ändert sich ihr Familienleben auf radikale Weise.
Auch Sylvie hat es nicht kommen sehen. Die alleinerziehende Mutter erbittet völlig verzweifelt Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter Mélanie. Sie versucht zu verstehen, was geschehen ist und wie es dazu kommen konnte.
Rückblick: Das Verhältnis zwischen Mélanie und ihrer Mutter ist sehr eng. Sie gehen sehr offen und vertraut miteinander um und können über alles reden. Manchmal ist Sylvie ein wenig freizügig und offen, was der Tochter manchmal peinlich ist. Wie Teenager eben sind. Das junge Mädchen hat viele Interessen, ist klug, vielseitig und gesellschaftspolitisch interessiert. Sie hat viele Freunde, liebt das Cellospielen und engagiert sich für soziale Projekte. Am liebsten aber besucht sie ihre
geliebte Oma im Altenheim.
Aber da ist noch jemand, der ihr Herz höher schlagen lässt. Mélanie hat im Internet einen Jungen kennengelernt, der ihr regelmäßig schreibt und ihr Komplimente macht. Sein Facebook-Name ist Epris de Liberté und sein Profilbild ein Löwe. Er umwirbt sie und gibt ihr das Gefühl, ein ganz besonderer Mensch zu sein. Als Mélanies Oma eines Tages stirbt, versteht nur er ihren Schmerz und findet genau die richtigen tröstenden Worte. Schließlich fragt er sie, ob sie gläubig ist und Mélanie antwortet wahrheitsgemäß, dass sie schon an etwas glauben möchte, ihr aber die christlichen Institutionen falsch vorkommen. Der Junge heißt Mehdi und gibt vor, muslimisch zu sein. Die beiden kommen sich immer näher und Mélanie legt kaum noch ihr Handy weg. Sie ist verliebt und mag, wenn er ihr die unglaublich schönen, beinahe poetischen Geschichten über die Werte seines Glaubens erzählt. Es fühlt sich gut an und ihr Verehrer ist sehr überzeugend. Er liefert Antworten auf ihre Fragen. Mehdi zeigt ihr Videos, die aufklären wollen, die zeigen, dass wir alle mani-puliert und programmiert werden, und so eine einheitliche Weltsicht erlernt haben. Er weiht Mélanie sogar in die verschwörerische Symbolik auf Geldnoten oder Konsumgütern ein, die dies beweist. Unsere Gesellschaft sei krank, korrupt, pervers und habe sich aller Werte entledigt.
Die Religion Islamischer Staat deckt alles auf und verspricht Heilung, deshalb werden sie verfolgt und getötet. Alles ergibt einen Sinn… Sonia droht Gefängnis. Die Behörden wissen, dass sie mit Dschihadisten in Kontakt stand, die einen Anschlag in Frankreich planten und auch, dass sie vor zwei Monaten nach Syrien abreisen wollte. Nur ein Zufall konnte dies verhindern. Für die Eltern ist das alles schwer zu begreifen. Dennoch kämpfen sie um ihre Tochter und erreichen, dass Sonia ihre Strafe zu Hause absitzen darf. Die Auflagen sind die gleichen wie in Haft: Absolut kein Zugang zu Internet oder Telefon und sie darf das Haus nur in Begleitung verlassen. Die Familie wird auf eine harte Probe gestellt, besonders die kleine Schwester Emilie muss nun viele Einschränkungen hinnehmen.
Sonia ist verwirrt, hat Angst und ist wütend. Sie hält weiterhin stark an dem ihr beigebrachten muslimischen Glauben fest und zelebriert die Gebete und Waschungen sehr gründlich. Die monatelange Indoktrinierung durch die Anwerber des Islamischen Staates haben ganze Arbeit
geleistet. Besonders Samir fällt es schwer, seine Tochter so zu sehen. In seiner Verzweiflung reagiert er häufig ungehalten und verbietet die Gebete und den Koran. Sonia entgegnet ihm voller Hass, dass sie nur Allah gehöre…
Rückblick: Mélanie meint in Mehdi einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Es gefällt ihr, wie er schreibt. Er ist einfühlsam, respektvoll, gleichzeitig auch leidenschaftlich und bestimmend. Er möchte Mélanie ganz für sich allein. Sie ist etwas Besonderes, eine Königin. Mélanie taucht immer tiefer in dieses Gefühl und damit auch in die Denklogiken des IS ein. Keiner versteht sie so wie Mehdi. Sie versucht ihren Freunden von der Programmierung und den verschwörerischen Symbolen zu erzählen, die lachen aber nur. Mélanie beginnt sich immer weiter von den Freunden, der Schule und auch der Mutter zu distanzieren. Sie möchte Mehdi gefallen und bei ihm sein. Sie träumt von einer gemeinsamen Zukunft und kann es kaum abwarten, ihn zu treffen. Nach Syrien zu reisen, um ganz bei ihm zu sein, scheint ihr plötzlich nur noch eine Formsache. Diese Religion fasziniert sie mehr und mehr. Eines Tages kauft sie sich einen Niqab (Gesichtsschleier) und lernt die Gebete bis ins kleinste Detail. Sie möchte alles richtig machen.
Dounia Bouzar wird vom Gericht gesandt, um der Familie Bouzaria zu helfen. Die ersten Sitzungen sind für alle sehr schmerzhaft und zunächst möchte Sonia nicht mit ihr sprechen. Sie bezeichnet sie als Kafir, als nicht-muslimisch. Schließlich schafft es Dounia aber doch, zu ihr durchzudringen und Sonia öffnet sich ein wenig. Sie berichtet, dass sie als Märtyrerin 70 Menschen, einschließlich ihrer Familie, vor dem Tod retten kann. Dounia hört ihr zu und zeigt Verständnis. Der Heilungsprozess
wird noch einige Zeit dauern. Noch ist Sonia verzweifelt und voller Hass. Man hat ihr zu verstehen gegeben, dass sie nun nicht zurück kann, weil sie verhaftet wurde und eine Akte über sie angelegt
wurde. Für die Dschihadisten ist sie nun nicht mehr zu gebrauchen. Sonia muss regelmäßig zu den Treffen mit Dounia gehen. Hier trifft sie auch auf andere betroffene Jugendliche und Eltern. Allmählich kommen bei ihr Zweifel auf. Eines Nachts wird sie jedoch wieder rückfällig und nutzt ein in der Schule geklautes Handy, um ins Internet zu kommen. Alles strömt wieder auf sie ein. Panisch rennt sie zu ihrer Mutter und bricht zusammen. Sie habe Angst steckenzubleiben, aber auch Angst auszusteigen. Die Mutter tröstet sie und steht ihr bei. Langsam findet Sonia den Weg
zurück ins Leben.
Rückblick: Mélanie ist kaum wiederzuerkennen. Sie trägt den Niqab und ist zum Islam konvertiert, sieht sich als eine Kämpferin für den Dschihad. Sie wird ihren „Prinzen“ heiraten und plant ihre Abreise nach Syrien…
Sylvie geht ebenfalls zu den Treffen mit Dounia Bouzar. Ihr Leben hat sich über Nacht in einen Alptraum verwandelt. Verzweifelt ersehnt sie sich hier Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter Mélanie. Die ständige Ungewissheit, wie es ihr geht, und die Gewissheit, dass es nur geringe Chancen auf ein Wiedersehen gibt, sind unerträglich. Sie muss nach Syrien und ihr Kind zurückholen. Ein fast unmögliches Unterfangen.



DIE REGISSEURIN

Marie-Castille Mention-Schaar ist Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Von 1994 bis 1998 arbeitete sie als Produzentin bei Trinacra. Zuvor war sie in der Drehbuchentwicklung bei Columbia Pictures und als internationale Chefredakteurin des Hollywood Reporter in Los Angeles tätig. 1998 gründete sie zusammen mit Pierre Kubel die Produktionsfirma Loma Nasha Films und 2001 die Produktionsfirma Vendredi Film. Zusammen haben sie insgesamt bereits 12 Spielfilme
produziert. 2010 führte Marie-Castille Mention-Schaar zum ersten Mal selbst Regie. Der Film MEINE ERSTE LIEBE, zu dem sie auch das Drehbuch schrieb, wurde von Loma Nasha Films produziert. Ihr zweiter Spielfilm WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE (2012), eine Komödie
über die französische Protestkultur, wurde von Pathé koproduziert. Bei ihrem letzten Film DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE (2014) war das Multitalent Marie-Castille Mention-Schaar neben der Regiearbeit wieder federführend an der Produktion und dem Drehbuch beteiligt.
Marie-Castille Mention-Schaar ist auch Gründerin des Vereins „Cercle Féminin du Cinéma Français“, der zum Ziel hat, Frauen in Filmberufen zu stärken und zusammenzubringen.
Filmografie:
2016 DER HIMMEL WIRD WARTEN
2014 DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE
2012 WILLKOMMEN IN DER BRETAGNE
2012 MEINE ERSTE LIEBE



INTERVIEW MIT MARIE-CASTILLE MENTION-SCHAAR

Man spürt überall die Überfälligkeit, diesen Film DER HIMMEL WIRD WARTEN zu drehen. Woher kam der Anstoß?
Der Film kam sehr spontan, wie eine Eingebung. Ich hatte ein anderes Drehbuch geschrieben und war bereits dabei zu casten. Eines Tages las ich einen Artikel über einen Bruder, der nach Syrien gereist ist, um seine Schwester zu suchen. Die Geschichte berührte mich. Ich behielt den Artikel in meiner Tasche. Emilie Frèche, die ich beim Kinostart von DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE kennenlernte, postete eines Tages einen Artikel auf Instagram über einen Vater, der seine nach Syrien aufgebrochene Tochter suchte. Wir telefonierten und sprachen über die Idee, auf dieser Geschichte basierend, gemeinsam zu schreiben. Ich traf mich auch mit mehreren Journalisten, die dieses Thema behandeln und habe auch den Bruder getroffen, der seine Schwester suchte. Er war der erste, der mir von Dounia Bouzar erzählte. Er fand in ihr jemanden, der zuhört, eine Unterstützung in diesem Ozean der Einsamkeit, in den er und seine Familie gestürzt waren. Ihr Name fiel häufig im Laufe meiner Gespräche. Dann kontaktierte ich sie. Zunächst zögerte sie, doch dann akzeptierte sie, dass ich mit ihrem Team durch ganz Frankreich reiste, überall dorthin, wo die Radikalisierung nach ihr ruft.
Ich lernte die Realität kennen und den Prozess der Vereinnahmung. Aber vor allem bekamen die Geschichten aus dem Internet plötzlich Gesichter. Ich sah die mögliche Hoffnung, die in den Sitzungen der Entradikalisierung entsteht. Da legte ich den Film, an dem ich arbeitete, beiseite, begann gemeinsam mit Emilie zu schreiben und ging die Finanzierung an. Das konnte einfach nicht warten.
Der Dreh begann am Montag, den 16. November 2015. Ein furchtbarer Zufall des Kalenders. Ich habe das ganze Wochenende damit verbracht, darüber nachzudenken, ob ich nicht alles absagen
sollte. Wir waren allesamt komplett erschüttert, diesen Film zu machen, der versucht die Intimität von zwei jungen Mädchen zu erforschen, die zum Fanatismus übergehen, in dem Moment, in dem Frankreich erneut in seinem Herzen getroffen wurde. Verstehen hat nichts mit entschuldigen
zu tun. Aber es wurde für mich noch dringlicher, zu versuchen zu verstehen.

Sie haben sehr viel recherchiert, bevor Sie das erste Wort des Drehbuchs geschrieben haben.
Ja. Denn, um auch nur einen Satz über dieses Thema zu schreiben, musste ich von der Realität ausgehen. Mein Film ist eine Fiktion, aber alle Figuren – Erwachsene und Jugendliche zugleich – reflektieren die Personen, die ich getroffen und denen ich zugehört habe. Die beiden Protagonistinnen vereinen mehrere junge Mädchen. Ich habe mir auch stundenlang Propagandavideos angeschaut. Manche mit einer absoluten Gewalt – unerträglich. Es war notwendig, damit ich die Kraft des Einflusses, den die Anwerber auf diese jungen Mädchen haben, verstehen konnte. Rational ist es unmöglich zu verstehen, wie man über ein Video „lachen“ kann, in dem Dschihadisten mit abgetrennten Köpfen Fußball spielen. Aber dennoch ist das einigen passiert. Das zeigt, wie groß die Distanz zwischen Kopf und Herz geworden ist.

Warum Dounia Bouzar? Auch andere Menschen setzen sich mit dem Thema auseinander.
Sicher, aber sie ist die Einzige, von der man mir erzählte, als ich mit meinen Nachforschungen begann. Sowohl Journalisten als auch Familien. Ich möchte Sie auch erinnern, dass sie Mitbegründerin des Zentrums zur Prävention, Entradikalisierung und der individuellen Betreuung
(CPDSI) war, das von der Regierung ins Leben gerufen wurde. Ich bin ihr mehrere Wochen gefolgt und habe in ihr eine Frau entdeckt, die sich – man kann fast sagen – für die menschlichen Dramen aufopfert, die sie 24/7 mit den jungen Mädchen teilt, die sie unterstützt und auch die Eltern. Ich habe gesehen, wie nahe es ihr geht, wenn sie spürt, dass ein junges Mädchen in Gefahr und auf dem Absprung ist. Ich sah, wie sie Müttern morgens um zwei antwortete und sich die Zeit nahm, die sie
brauchten, um sich zu beruhigen. Ich habe sehr viel Respekt für diese Frau, die ihr eigenes Leben und ihre eigene Sicherheit in den Hintergrund gestellt hat. Ich kenne niemand anderen in so einer Situation.

Bedenkt man Ihren Anspruch auf Wahrhaftigkeit, stellt sich die Frage, warum Sie keinen Dokumentarfilm gemacht haben?
Weil es unmöglich ist. Man kann mit der Kamera keinem jungen Mädchen folgen, das seinen Eltern gegenüber etwas verheimlicht, seiner Schule, seinen Freunden. Man kann diesen Moment nicht festhalten, in dem ein Anwerber sich ein junges Mädchen in der Intimität ihres Zimmers via Facebook oder Instagram schnappt. Das kann man nur rekonstruieren. Wenn es darum geht, ein junges Mädchen, das sich in dieser Grauzone der Entradikalisierung befindet, zu filmen, wenn man
weiß, wie sehr – manchmal auch mit Gewalt – sie alles von sich weisen, was mit Presse, Medien, Kino und Unterhaltung zu tun hat…

Was haben Sie entdeckt, als Sie all diese jungen Leute und vor allem Mädchen getroffen haben?
Wie viele dachte ich, dass das Rekrutieren hauptsächlich auf muslimische Viertel konzentriert ist und mehrheitlich muslimische Familien betrifft. Ich glaubte, und das ist ein sehr weit verbreiteter Glauben, dass man sehr einsam und fragil sein muss, um überhaupt in Versuchung zu kommen, Mitglied des IS werden zu wollen. Diese Profile existieren natürlich, aber sie sind nicht die Mehrheit. In Frankreich sind mehr als die Hälfte der jungen Mädchen, die zum IS konvertieren aus der Mittelschicht oder manchmal sogar Oberschicht. Kinder, die umsorgt werden, die aber gleichzeitig in einer Gesellschaft leben, der es schwer fällt, Platz für die Jugend und ihre Träume zu machen. Welche Utopien bewegen uns denn heute noch? Mit was kann man sich noch identifizieren, welchen Ideen kann man noch zustimmen und für welche auch
tatsächlich kämpfen?

Wie genau hat Ihnen eine junge Erwachsene, die selbst zum IS aufgebrochen war und zurückkam, beim Film geholfen?
Sie war durch den gesamten Radikalisierungsprozess gegangen und hatte den Moment erlebt, in dem Religion zum Fanatismus wird. Ich kann leider nicht mehr über sie sagen, da sie nicht erkannt werden möchte. Sie hat mit uns zusammen an dem Film gearbeitet, an allen zentralen Details. Sowohl was das Vokabular der „Verführungs“-Gespräche angeht oder der Einschüchterung und Belästigung, aber auch was die Gestik, die Kleider und die passenden Outfits angeht, wenn man in dem Prozess der Verheimlichung und der Radikalisierung ist. Das war sehr viel wert. Sie hat mir bei manchen Dialogen geholfen, aber auch dabei, Wahrhaftigkeit der Haltungen und des Verhaltens herauszuarbeiten. Sie hat mir zum Beispiel von der rituellen Waschung mit einem Stein erzählt,
was ich dann auch in eine Szene des Films integriert habe. Als sie in den Gefängnissen des IS war, hatte sie kein Wasser. Ein Wachmann hat ihr einen kleinen Stein gegeben, der Wasser in Notsituationen ersetzen darf. Es kam auch vor, dass sie mir sagte, dass ein Dialog in einer Szene
so nicht stimmte. Sie half meinen beiden jungen Schauspielerinnen Naomi Amarger und Noémie Merlant, Gebete oder Beschwörungen zu lernen. Wir hatten sehr lange und leidenschaftliche Gespräche über den Glauben. Über den Platz des Glaubens, den Platz Gottes in ihrem Leben. Ich habe damit meine Schauspielerinnen genährt, so wie sie es auch mit ihnen gemacht hat.

Was hat Sie bei all den Erzählungen und Zeitzeugnissen, die Sie während des Drehs gesammelt haben, beeindruckt?
Die Ehrlichkeit der jungen Mädchen. Ihre Intelligenz. Ihr Unwohlsein. Den Unterschied, den es zwischen meinen vorgefertigten Ideen und der Realität gibt. Sie sind ehrlich, wenn sie sich in dieses „Ideal“ der Liebe verlieben, wenn man sie auf einen „Sockel“ setzt. Eine Liebe, die „rein“ und „jungfräulich“ ist. Sie sind ehrlich, wenn sie sagen, dass sie die Welt retten möchten, die Kinder, die von der westlichen Welt aufgegeben wurden. Sie sind sehr bewegend, wenn sie ihre Schwächen
zugeben und ihr Leiden. Sie ärgern sich oft über sich selbst, so naiv gewesen zu sein. Sie ärgern sich über sich selbst, sich in ein Hirngespinst verliebt zu haben. Der Weg der Entradikalisierung ist nicht linear. Es gibt Fort- und Rückschritte. Sie kommen zu einem Treffen des „Clubs der Geretteten“ in Jeans und T-Shirt, mit offenen Haaren. Und einen Monat später tragen sie erneut den Hidschab. Und da wo sie friedlich waren, werden sie hysterisch. Der Sand bewegt sich. Ich versuche ihre Widersprüche festzuhalten, ihre Schwierigkeit zurückzukommen, ihre Notwendigkeit sich an ihrem Glauben festzuhalten, aber auch die Beziehung zu ihren Eltern, die kein Wort mehr über Gott und Religion hören wollen. Ich habe eine Sequenz in dem Film, die ein junges Mädchen
des CPDSI uns erzählt hatte. Die Szene, in der der Vater die Badezimmertür ausgehängt hatte, weil er nicht wollte, dass seine Tochter ihre

Gebete und Reinigungen vornimmt. Diese Entbehrung von Privatsphäre war gewalttätig für sie. Auf der anderen Seite: wie sollte man die Position dieses Vaters, der einen wahren Alptraum erlebt, nicht verstehen…
Der Film erzählt von diesem sehr zerbrechlichen Moment der Jugend, in dem man Lust auf Engagement und Reinheit hat und in dem man so gewaltig von einem Extrem zum anderen gelangt, von der Erregung hin zur Depression. Man ist gegen Lehrer, Eltern, gegen alles, was die Autorität
repräsentiert. Man widerspricht der Gesellschaft und ihrer fundamentalen Ungerechtigkeit. Es ist nicht ohne Grund so, dass die Anwerber es auf junge Mädchen abgesehen haben. Genau in diesem Alter spüren sie das größte Verlangen nach Idealen.

Ist die Naivität eine Bedingung, um einem „Fänger“ ins Netz zu gehen?
Während ich das Drehbuch schrieb, habe ich auch Psychologen getroffen, um zu erfahren, ob es trotz allem eine Art Prototyp gibt. Und die Antwort ist nein. Es kann oft vorkommen, dass am Anfang eine symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Tochter besteht. Aber es heißt auch nicht, weil man solch eine Beziehung zu seiner Tochter hat, dass sie sich rekrutieren lässt! Ja es gibt viele Einelternhaushalte und Mütter, die ihre Kinder allein großziehen. Aber es gibt auch Paare. Wenn das der Fall ist, sind oft die Mütter diejenigen, die bei den Sitzungen zur Entziehung oder für die Folgearbeit präsent sind. Die meisten der jungen Mädchen, die man mir vorgestellt hat, waren gute Schülerinnen.
Gut integriert, die manchmal einen Moment der Schwäche erlebt hatten (Trauer, Scheitern, ein zerplatzter Traum). Sie hatten keine solide Gruppe. Aber welcher Teenager hat das schon und fühlt sich nicht mindestens einmal von den anderen verraten? Die Konvertierung zum Islam kommt in der Regel erst ganz am Ende. Ich denke, wenn es das Internet gegeben hätte als ich 15 war, wäre auch ich empfänglich gewesen für einen Diskurs, dessen Absichten humanitärer Natur zu sein
scheinen und der vorgibt, fundamentale Ungerechtigkeiten korrigieren zu wollen. Das ist das ganze Problem: es gibt Manipulation und sie ist gefährlich. Die Propagandavideos sind unglaublich gut gemacht und sie beinhalten wahre Elemente. Und leben wir nicht überhäuft von politischen
und wirtschaftlichen Skandalen? Welchem Erwachsenen können die Jugendlichen von heute noch vertrauen? Es ist nicht schwer für die Anwerber eine bezwingende Logik zu entfalten, die auf Wahrem und Falschem basiert. Ich kenne wenige so aktive Gruppen auf Facebook, die solche finanziellen Mittel und Kommunikationstechniken in solch einem Umfang haben.

Sie haben Empathie für diese Figuren…
Vielleicht weil sie nicht nur Filmfiguren sind, sondern für mich in erster Linie auch privilegierte Geständnisse darstellen, deren ich Zeuge werden durfte. Und weil Empathie haben und auch zeigen eine notwendige Bedingung dafür ist, um sich nicht zu verweigern und zu verstehen. Wenn ich keine Empathie hätte, wie könnte dann der Zuschauer welche
haben?

Wie kamen Sie dazu, den Werdegang von zwei Mädchen erzählen zu wollen?
Einfach weil sie mir sehr nahe stehen. Ich kann mich leichter mit ihren Motiven identifizieren als mit denen von Jungen, die oft extrem verschieden sind. Und Dounia Bouzar kümmert sich um viel mehr Mäd-chen als Jungen. Ich wollte wirklich wissen, wie und warum ein junges Mädchen aus einem normalen Milieu Lust haben kann, heutzutage nach Syrien aufzubrechen. Ich bin Mutter von zwei Kindern. Einer Tochter, die 22 Jahre alt ist, und einem Sohn, der 13 ist. Ich könnte auch eine
der Mütter des Films sein. Die bevorzugten Zielscheiben des IS sind heutzutage Mädchen. Damit sie Kinder bekommen, die den Islamischen Staat bevölkern.

In Ihrem Film sind die Jugendlichen die ganze Zeit online.
Wie auch im Leben! Erwachsenen fällt es ja schon schwer, sich von ihrem Telefon zu trennen, aber für die Jugendlichen ist es noch schlimmer, denn die sozialen Netzwerke beeinflussen ihre Gefühle sehr stark: keine Follower zu haben, keine Likes zu haben, das hat Auswirkungen auf ihren Gemütszustand. Als Mutter eines Teenagers muss ich meinem Sohn manchmal sagen, dass er die Welt auch anders betrachten sollte, als nur durch den Bildschirm seines Telefons. Denn wie soll man die Welt sonst ändern? Bei Dounia traf ich ein junges Mädchen, das radikalisiert und konvertiert war, in der tiefsten Bretagne, in einem Dorf, in dem es keinen einzigen Moslem gab. Ihre Konvertierung, ihre Radikalisierung, ihr Wunsch nach Syrien auszuwandern (sie hat es vier Mal versucht), alles passierte über das Internet und ihr Telefon. Eltern, die sich dafür interessieren, stellen immer und immer die gleiche Frage:

Warum werden diese Videos, die den Bildschirm infizieren, nicht heruntergenommen, sobald man sie entdeckt? Wie haben Sie Ihre beiden jungen Schauspielerinnen Noémie Merlant und Naomi Amarger gefunden?
Beide haben in DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE mitgespielt. Naomi war die gute Schülerin der Klasse. Sie sieht einem der jungen ISOpfer physisch sehr ähnlich. Naomi verkörpert eine gewisse Reinheit. Sie ist wie ein weißes Blatt. Noémie Merlant hat schon eine schöne Schauspielkarriere und ich denke, sie kann alles spielen und nur durch die Intensität ihres Ausdrucks viel übermitteln. Sie ist sehr stark. Sandrine Bonnaire und Clotilde Courau spielen die jeweiligen Mütter.

Wie kam es dazu?
Ich hatte einen Termin mit Sandrine für DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE, der hat aber nie stattgefunden. Es hat mich sehr gefreut, sie wiederzusehen. Sie ist eine Schauspielerin, die der Frau und Mutter in uns ähnelt. Ich mag ihre Wahrhaftigkeit und ihr Engagement. Der Agent von Clotilde Courau hat mir vorgeschlagen, sie zu treffen, als ich nach der Mutter von Mélanie suchte. Sie war direkt von der Rolle ergriffen. Sie sprach die immense Verantwortung gegenüber den Müttern an, die in dieser dramatischen Situation sind. Sie trug diese Mütter mit und in sich während des Drehs. Es war sehr schwer und schmerzhaft für sie. Sie ließ sich komplett leiten. „Ich bin in deinen Händen, ich vertraue dir“, sagte sie zu mir. Dieses Vertrauen war wunderbar. Da ist dieses schauerliche Bild, in dem Moment, in dem man glaubt, dass Sonia die Eingliederung übersteht: ihre kleine Schwester in ihrem Hidschab vor dem Spiegel. Wie kann man diese Szene interpretieren?
Oft ist es so bei Geschwistern, wenn eines eine intensive dramatische Situation erlebt – Krankheit, Abhängigkeit, Drogen – dann ist dieses Kind das Zentrum aller Aufmerksamkeit. Das Gleichgewicht der Familie kann daran zerbrechen, denn alles ist auf das eine Kind fokussiert. Und
dann besteht auch noch das Risiko des Nachahmungseffekts. Aber was der Spiegel Sonia wirklich zu verstehen gibt, ist, dass sie nie wollen würde, dass ihre Schwester die ganze Gewalt, die sie akzeptiert und erlebt hat, selbst erleben muss. Sie sah die Gefahr nicht, als es um sie selbst ging. Und jetzt sieht sie sie ganz klar.

Wie haben Sie es hinbekommen, dass die Elterngruppe so authentisch wirkt?
Das Schwierige war, etwas Ehrliches mit den Schauspielern zu schaffen. Ich habe sehr viel mit ihnen vorab geredet. Ich habe ihnen Fragen über ihre Persönlichkeit gestellt, über ihre Kinder, falls sie welche haben. Ich wollte wissen, mit welchem Typ Eltern ich sie verbinden konnte. Fühlen
sie sich wohler mit Wut, Verweigerung, Scham, Tränen? Ich brauchte diese Elemente, denn ich wollte, dass sie sehr frei improvisieren und reagieren können gegenüber dem, was Dounia sagt, die auch sehr frei in ihrem Text sein sollte. Zusammen haben wir Profile für jeden von ihnen erschaffen. Aber sie durften die Namen ihrer Kinder selbst wählen.

Denken Sie, dass Ihre Figuren wirklich und auf Dauer ihre Beziehung zum IS hinter sich lassen können?
Alle Mädchen, die ich getroffen habe, hatten noch lange danach nostalgische Gefühle für die Gruppe, derer sie Teil waren. Diese Nostalgie für diesen Kokon, in dem sie sich so wohlfühlten, ein Gefühl wie in Zuckerwatte zu stecken. Das ist ein Bild, das eines der Mädchen im CPDSI erwähnt hat. Ich habe die Verbindungen, die ich mit den jungen Mädchen geknüpft habe, nicht abgebrochen. Ich erinnere mich an die Blicke von Passanten auf der Straße, wenn sie den Hidschab trugen.
Diese Blicke bestätigten sie oft nur in ihrem Glauben, dass außerhalb der Gruppe keine Rettung existiert. Wenn man einst diesen Traum hatte und der vernichtet wird, was bleibt dann? Ich frage mich, wie man sich rekonstruieren kann, wenn man sich so sehr getäuscht hat, dass man,
wenn man zurückkommt, das Gewicht der Blicke der anderen tragen muss? Man muss sich auch die Frage für diejenigen stellen, die den IS verlassen. Gefängnis kann nicht die einzige Lösung sein. Man darf nie die Hoffnung aufgeben, dass sie sich wieder in die Gesellschaft integrieren werden.
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Donnerstag 09.03.2017
ZWISCHEN DEN JAHREN
Ab 16. März 2017 im Kino
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Die Vergangenheit holt den ehemaligen Häftling Becker wieder ein: Ein Opfer seiner Tat, der noch trauernde Familienvater Dahlmann, sinnt nach Rache. Becker will einen Neuanfang, doch für Dahlmann ist die Tat noch nicht gesühnt.

Ein Film von Lars Henning
mit Peter Kurth, Karl Markovics, Catrin Striebeck, Leonardo Nigro, u.a.

Nachdem er eine "lebenslängliche" Haftstrafe verbüßt hat, wird der Mörder Becker in die Freiheit entlassen. Er hat nur ein Ziel: Ein neues Leben zu beginnen und die furchtbare Tat von damals endgültig hinter sich zu lassen. Becker findet einen Job, Freunde und in der einsamen Putzfrau Rita eine Frau, die sich für ihn interessiert. Eines Tages aber wird er völlig überraschend von seiner Vergangenheit eingeholt: Der Witwer Dahlmann steht vor ihm, jener Mann, dessen Frau und Tochter er vor 18 Jahren bei einem tragisch aus dem Ruder gelaufenen Einbruch erschossen hatte. Offenbar weiß Dahlmann genau über den Ex-Häftling und dessen neues Leben Bescheid. Becker lässt nichts unversucht, um den Stalker zu besänftigen, fleht ihn an, ihn in Frieden zu lassen. Aber Dahlmann will Rache – und Becker wird klar, dass es scheinbar nur einen einzigen Weg gibt, um die Menschen, die ihm nahestehen, vor dieser Rache zu schützen. 

LARS HENNING - BUCH & REGIE

Lars Henning hat sein Aufbaustudium an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln mit
Diplom 2011 abgeschlossen. Davor arbeitete er zehn Jahre als Regieassistent und Script/Continuity bei Film- und Fernsehproduktionen. Sein Kurzfilm SECURITY - mit Peter Kurth in der Hauptrolle - lief auf über 100 Festivals und hat 20 Preise gewonnen. Jetzt arbeitet Lars Henning als freier Regisseur und Drehbuchautor.


PRESSESTIMMEN FÜR LARS HENNINGS „KALTFRONT“
„Henning führt behutsam und konzentriert einen ganz ausgezeichneten Cast durch die grünstichige Kälte der Bilder die ihm Armin Alker aus der Frankfurter Nacht geklaubt hat. Jenny Schily (Judith) Lana Cooper (Judiths Tochter) Leonard Carow (Jan der Sohn des Wachmanns) und Christoph Bach (der Bank-Prince-Charles) haben Zeit ihre Charaktere in der ‚Kaltfront‘ zu formen. Aus einem Meer von Zwischentönen tun sie das. Sehr überlegt sehr fein. Das lebt das vibriert ständig. Und es schmerzt. Wäre Fernsehen immer so bräuchten wir über Gebühren nicht reden. Wären alle Regietalente in Deutschland so wären deutsche Filme auch wieder außerhalb der Berlinale auf den großen Festivals zu sehen.“ (Die Welt)

„Hennings Langfilmdebüt im Ersten ist ein kühl inszeniertes Schicksalsspiel. Schon nach den ersten Minuten begreift man dass hier jemand am Werk war der ein fein ziseliertes Gespür für Zusammenhänge hat. Jemand der weiß woraus der Kitt beschaffen ist der darüber entscheidet ob und wie Menschen in Beziehung gehen. Und wenn wieder einmal beklagt wird die öffentlich-rechtlichen Sender unterstützten keine Talente – hier ist der Gegenbeweis. (…) Die Kinder in Hennings sehenswertem Debüt leben das Leben ihrer Eltern spiegelverkehrt weiter und stehen so in ständiger Dissonanz zu ihren verdrängten Gefühlen und Sehnsüchten. Kaltfront ist ein kleines Kunstwerk das allein schon durch seine Schnitttechnik besticht: Szenen gehen ineinander über verschwimmen miteinander wie auch die Leben der Menschen.“ (Zeit.de)

„Filmen im deutschen Fernsehen sieht man allzu oft an wie sie entstanden sind. Ein Redakteur oder ein Autor hat die Idee aus einem gesellschaftlich relevanten Thema zwischen Jugendkriminalität und TTIP einen Spielfilm zu bauen die Botschaft wird in eine Geschichte verpackt und für das Publikum möglichst quotenschonend aufbereitet. Der Themenfilm ist neben dem Krimi derzeit das beliebteste Genre deutscher Fernsehmacher. Ihre Themen sind oft wichtig. Die Filme aber sind es zu selten. Wie außergewöhnlich es ist, wenn im deutschen Fernsehen Geschichten einfach um ihrer selbst willen erzählt werden das merkt man immer erst wenn man mal wieder einen dieser seltenen Ausnahmefilme zu sehen bekommt. Am Mittwoch zeigt die ARD ‚Kaltfront‘ produziert vom Hessischen Rundfunk der es verglichen mit den anderen Sendeanstalten bemerkenswert oft schafft das bewährte Muster von Krimis und Problemfilmen zu durchbrechen. ‚Kaltfront‘ (Buch und Regie: Lars Henning) erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven von ein paar verhängnisvollen Tagen von ein paar Menschen die in sehr kurzer Zeit verhängnisvolle Entscheidungen treffen. (…) Kein öffentlich-rechtlicher Themenabend. Eine existenzielle zeitlose Geschichte.“ (SZ)

„In großartig gestalteten dem Titel gemäß wunderbar kühlen Bildern wird mit einer sorgfältig
zusammengesetzten durch die Bank weg absolut überzeugenden Besetzung sozusagen das Verbrechen hinter dem Verbrechen erforscht wobei sich der Film eine Brüchigkeit gestattet die so nicht nur für eine Produktion des hessischen Rundfunks ungewöhnlich ist. (…) Ein von A bis Z wunderbarer Film der einen nicht nur von der ersten bis zur letzten Minute in seinen Bann zieht, sondern vielleicht auch ein kleines bisschen zum sensibleren Medienkonsum anregt. Vielleicht arg naiv gedacht aber es geschehen auch heute noch Zeichen und Wunder.“ (Quotenmeter)

„Glänzende Psycho-Studie.“ (TV Top)

„Eindringliches und gut gespieltes Drama.“ (Funk Uhr)

„Unaufgeregt und präzise entblättert Lars Henning in seinem Langfilmdebüt Schicht um Schicht vermeintliche Gewissheiten ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben.“ (TV Clever)

„Ein in eisgrauen Bildern inszeniertes Bewältigungsdrama das tief bewegt.“ (STERN TV Magazin)



PETER KURTH – BECKER

Peter Kurth, geboren am 4. April 1957 in Güstrow, absolviert von 1978 bis 1981 die Staatliche Schauspielschule Rostock. 1981 bis 1984 hat er sein erstes Engagement am Theater für junge Zuschauer in Magdeburg, anschließend spielt er bis 1988 am Theater der Altmark in Stendal, bis 1997 am Städtischen Theater Karl-Marx-Stadt/Chemnitz und bis 2000 am Schauspiel Leipzig. Ab 2000 ist er festes Ensemblemitglied am Thalia Theater Hamburg. Seit 1999 leitet er auch das Schauspiel-Studienjahr an der Schauspielschule Leipzig. 2004 erhält Kurth den Rita-Tanck-Glaser-Preis. Am Theater gehört Kurth seit der Spielzeit 2013/14 zum Ensemble des Schauspiel Stuttgart. 2014 wird er von der Fachzeitschrift "Theater heute" zum Schauspieler das Jahres gewählt.
In den vergangenen Jahren ist Kurth in zahlreichen Fernsehrollen zu sehen, etwa in Serien wie "Tatort", "Großstadtrevier", "Schimanski". Im Kino spielt er beispielsweise bei Christian Petzold ("Wolfsburg", "Gespenster"), in Nicolai Rohdes "Zwischen Nacht und Tag" oder in Till Endemanns "Kometen" und "Das Lächeln der Tiefseefische". In "Hallesche Kometen" von Susanne Irina Zacharias spielt er eindrucksvoll einen am Leben verzweifelten Vater.
Eine Hauptrolle hat Kurth in Florian Eichingers Familiendrama "Bergfest" (2008), als alternder
Theaterregisseur, der sich der schwierigen Beziehung zu seinem Sohn stellen muss. Nach kleineren Rollen in dem Piratenfilm "12 Meter ohne Kopf" (2009) und der Filmbusiness- Komödie "Whisky mit Wodka" (2009) spielt Kurth eine zentrale Rolle als brutaler Berliner Gangster in Thomas Arslans "Im Schatten" (2010). Tragende Rollen hat er auch in den Tragikomödien "Lena will es endlich wissen" (2011), als trauernder Ehemann und Vater einer aufstrebenden Jungschauspielerin, und "Einer wie Bruno" (2011), als mal hilfreicher, mal boshafter Arbeitskollege eines behinderten Mannes. 2013 spielt Peter Kurth erneut unter der Regie von Thomas Arslan: In dem Western "Gold" verkörpert er den dubiosen Organisator eines Trecks zum Goldgräberparadies Klondike. Ebenfalls 2013 dreht er mit Wolfgang Becker "Ich & Kaminski", gefolgt von der schwarzen Komödie "Die Kleinen und die Bösen", in der er einen Kleinkriminellen spielt, dessen Leben von seinem Bewährungshelfer durcheinander gewirbelt wird. Beide Filme starten 2015, ebenso wie die surreale Komödie "Schmitke" von Stepan Altrichter, in der Kurth die Titelrolle eines mürrischen Ingenieurs spielt, der im tschechischen Erzgebirge ein Windrad reparieren soll und Märchenhaftes erlebt.
Im Jahr 2016 war Peter Kurth als alternder Boxer "Herbert" auf der Leinwand zu sehen, der angesichts einer schweren Erkrankung mit seiner Tochter ins Reine kommen will. Für diese so wuchtige wie feinfühlige Darstellung unter der Regie von Thomas Stuber wurde er im Mai 2016 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.



KARL MARKOVICS – DAHLMANN

Karl Markovics, geboren am 29. August 1963 in Wien, gehört mit seinem markanten Gesicht
zu den "Charakterköpfen" des deutschsprachigen Kinos. Seine Karriere begann gleichwohl in
den 1980er Jahren auf der Bühne – vom Serapionstheater bis zum Volkstheater tritt Markovics
bis heute an den wichtigsten Wiener Schauspielhäusern in Erscheinung, wo er sowohl klassische, als auch zeitgenössische Rollen übernimmt und sich darüber hinaus auch als Regisseur betätigt: Im Jahr 2005 etwa inszenierte er am Volkstheater Ionescos "Die kahle Sängerin".
Seit seinem Filmdebüt 1991 in Michael Sturmingers "Hund und Katz" war Markovics häufiger in Film- und Fernsehrollen zu sehen. Neben Auftritten in Paul Harathers Road-Movie-Kultfilm "Indien" (1993) und der Satire "Hinterholz 8" (1998) machte ihn vor allem sein Part als Inspektor Ernst Stockinger in den TV-Serien "Kommissar Rex" und "Stockinger" (1994-1996) einem größeren Publikum bekannt – Erfolgsrollen, die der eigenwillige Schauspieler aus freien Stücken aufgab, um nicht "in Routine zu erstarren".
Stattdessen widmete er sich ungewöhnlichen Herausforderungen, wie in der Groteske "Drei Herren" (1998), in der er zu einem Trio von sanftmütigen Debilen gehört, das aus der Psychiatrie flieht; oder in Helmut Dietls Satire "Late Show" (1999), wo er einen schmierigen Boulevardjournalisten gibt. Eine seiner schönsten Rollen spielte Markovics in Wolfgang Murnbergers rabenschwarzer Komödie "Komm, süßer Tod" (2000) als an den Rollstuhl gefesselter Ex-Rettungswagenfahrer. Seine Wandlungsfähigkeit stellte er allerdings nicht zuletzt mit so gegensätzlichen Rollen wie der eines SS-Sturmführers in Stefan Ruzowitzkys "Die Männer ihrer Majestät" (2001) und der eines jüdischen KZ-Häftlings in "Die Fälscher" (2007, ebenfalls von Ruzowitzky) unter Beweis. Für seine Leistung in "Die Fälscher" wurde Markovics für den Deutschen Filmpreis nominiert.
In dem semidokumentarischen Spielfilm "Franz Fuchs – Ein Patriot" (AT 2007) hatte er kurz darauf die Titelrolle des ausländerfeindlichen Franz Fuchs, der zwischen 1995 und 1997 mehrere Bombenanschläge in Österreich verübte. Für Joseph Vilsmaier spielte Markovics in dem TV Zweiteiler "Die Gustloff" (2008) einen Korvettenkapitän; in dem Kinderfilm "Hexe Lilli – Der Drache und das magische Buch" (2008) gab er einen sympathischen Bauer, der einem mysteriösen Zauber zum Opfer fällt.
Im Jahr 2009 gehörte Markovics zusammen mit anderen österreichischen Filmschaffenden zu den Gründern der "Akademie des Österreichischen Films". Im Jahr darauf wirkte er in gleich drei Filmen nach historischen Begebenheiten mit: In dem Bergsteigerdrama "Nanga Parbat" (2010) ist er der deutsche Arzt und Bergsteiger-Pionier Karl Maria Herrligkoffer; in "Henri 4" (2010) verkörpert er den französischen Hugenottenführer Gaspard de Coligny; in "Mahler auf der Couch" (2010) spielt er eine Hauptrolle als Sigmund Freud. Außerdem wirkte er in einem Gastauftritt als Fremdenpolizist in "Die verrückte Welt der Ute Bock" (AT 2010) mit, einer zwischen Dokumentation und Spielfilm changierenden Produktion über den Alltag der Wiener Flüchtlingshelferin Ute Bock.
An der Seite von Liam Neeson sah man Markovics in dem Thriller "Unknown Identity" (US/FR/DE 2011) in einer kleinen Rolle als Arzt; der Film feierte im Wettbewerb der Berlinale 2011 Premiere. Ebenfalls 2011 stellte Markovics bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Spielfilm "Atmen" (AT) sein Debüt als Regisseur und Drehbuchautor vor. Das Drama über einen jungen Straftäter, der durch einen Job bei einem Bestattungsunternehmen resozialisiert werden soll, wurde in der Reihe Quinzaine des réalisateurs mit dem Prix Europa Cinemas Label prämiert; beim Österreichischen Filmpreis erhielt "Atmen" Auszeichnungen in sechs Kategorien, unter anderem für die Beste Regie und das Beste Drehbuch.
2012 spielte Markovics in dem niederländischen Historiendrama "Süskind" eine zentrale Rolle als Amsterdamer SS-Hauptsturmführer Ferdinand aus der Fünten; als unerwartet hilfsbereiter Ex-Boxer gehörte er zur zentralen Besetzung der Koproduktion "Eastalgia - einfach leben" (DE/UA/SR). Außerdem hatte er eine wichtige Rolle als despotischer Mathematiklehrer in der Bestsellerverfilmung "Die Vermessung der Welt". Kleinere Parts spielte Markovics als Knastbruder in Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" (US/DE 2014) und als Komponistenzwilling in Wolfgang Beckers "Ich und Kaminski" (2015).
Anfang 2016 startete in den tschechischen Kinos die Filmbiografie "Lída Baarová" (CZ 2016), über das Leben der tschechischen Schauspieldiva (1914-2000); Markovics spielt darin die Hauptrolle von Baarovas Geliebtem: Joseph Goebbels. Im Frühjahr 2016 stand er dann für das Drama "Zwischen den Jahren" (Starttermin 16.3.2017) vor der Kamera.


CATRIN STRIEBECK – RITA

Catrin Striebeck, Tochter des Schauspieler-Paars Peter Striebeck und Ulla Purr, wurde am 18. April 1966 in Wien geboren, da ihre in Deutschland ansässigen Eltern zu jener Zeit beruflich in der Stadt gastierten. Sie wuchs in Hamburg auf, kehrte später jedoch nach Wien zurück, um am renommierten Max-Reinhardt-Seminar Schauspiel zu studieren. 13 Jahre lang gehörte sie zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Dort war sie in einer Reihe von Klassiker-Inszenierungen (Gretchen in "Faust 1 und 2", Julia in "Romeo und Julia") zu sehen und arbeitete mit Regisseuren wie Franz Xaver Kroetz ("Woyzeck") zusammen. Daneben hatte Striebeck Engagements unter anderem in Berlin, Mannheim und Bochum; 2009 wurde sie ins Ensemble des Wiener Burgtheaters berufen.
Ihr Debüt als Filmschauspielerin gab Striebeck 1992 mit einer Nebenrolle in Lars Beckers Gangsterfilm "Schattenboxer". Im gleichen Jahr hatte sie eine Hauptrolle als Animierdame in Uwe Schraders hoch gelobter Kiez-Studie "Mau Mau" (1992). Einen prägnanten Part spielte sie als Ganovenbraut und heimliche Strippenzieherin in Lars Beckers Gaunergeschichte "Bunte Hunde" (1995).
Seither sah man sie vor allem in zahlreichen Fernsehproduktionen, darunter Bernd Schadewalds Kriminaldrama "Ein großes Ding" (1999) mit Richy Müller und Jürgen Vogel, Uwe Jansons Komödie "Wo bleibst Du Baby?" (2005) und Kaspar Heidelbachs "Es liegt mir auf der Zunge" (2009), in dem sie die Sekretärin des legendären Fernsehkochs Clemens Wilmenrod verkörperte.
Im Kino hatte Catrin Striebeck im Lauf der Jahre vereinzelte Auftritte. In Edward Bergers "Frau2 sucht Happy End" (2000) gab sie die Kollegin und Geliebte des von Ben Becker gespielten Protagonisten, in Michael Kreihsls "Tigermännchen sucht Tigerweibchen" (2003) die Ex-Frau der von Richy Müller verkörperten Hauptfigur.
Eine markante Rolle hatte sie 2004 in Fatih Akins vielfach preisgekröntem Drama "Gegen die Wand", als Freundin und Arbeitgeberin einer jungen, lebenshungrigen Deutschtürkin. Ebenfalls unter Akins Regie hinterließ sie in der Komödie "Soul Kitchen" (2009) als strenge Finanzbeamtin trotz weniger Szenen einen bleibenden Eindruck.
In Zoltan Pauls Ensemble-Komödie "Unter Strom" (2009) spielte Striebeck eine frisch geschiedene Frau, die mit ihrem Ex-Mann in der gemeinsamen Sommerresidenz auf unerwünschte Gäste trifft; in Nicole Weegmanns Tragikomödie "Schenk mir dein Herz" (2010) sah man sie als Ex-Frau eines Schlagerstars, der nach einem Herzinfarkt an Amnesie leidet. Eine Hauptrolle hatte Catrin Striebeck in "Ohne Gnade" (2012), dem Regiedebüt der Schauspielerin Birgit Stein. Die Komödie handelt von drei Frauen, die vom Leben enttäuscht sind und beschließen, sich mit Hilfe ihrer weiblichen Reize an den vermeintlichen Schuldigen zu rächen: den Männern.



REGIE-STATEMENT

Lars Henning – Drehbuchautor / Regisseur
Mit „ZWISCHEN DEN JAHREN“ wollte ich eine einfache Geschichte aus dem Randgebiet der
Gesellschaft erzählen. Zentrum und Ausgangspunkt war schon beim Schreiben die Figur Becker, deren selbstgewählte Einsamkeit und enigmatische Backstory mich sehr gereizt haben. Genau wie seine Lebenswelt sehr begrenzt ist, wollte ich auch die erzählte Welt begrenzen.
Becker versucht sich aus allem herauszuhalten und ist am Anfang des Films sozial sehr isoliert. So touchiert der Film auch nur punktuell das normale gesellschaftliche Leben, das Becker umgibt, hält sich jedoch meist in seinen Randbezirken auf. Becker wohnt und arbeitet in verschiedenen Außenbezirken der Stadt, auch andere Handlungsorte des Films finden sich eher in den vorgelagerten Industriegebieten wieder. Der innerstädtische Bereich und das lebendige urbane Leben sind für Becker nur ein Transitbereich, den er durchquert, um zu seiner Arbeit zu fahren. Becker ist kein aktiver Teilnehmer des gesellschaftlichen Alltags, was auch durch die Tatsache bedingt ist, dass er nur in Nachtschichten arbeitet, daher den Alltag der meisten Menschen bestenfalls streift. Sein Leben findet in der Dunkelheit statt und er scheint sich daran gewöhnt zu haben.
„ZWISCHEN DEN JAHREN“ ist vor allem auch der Versuch eines moralisch ambivalenten Genre-
Updates. Ich wollte die Figuren befreien von den Plot-Mechanismen eines veralteten Subgenres wie dem Rachefilm und die Täter-Opfer-Konstellation auf den Kopf stellen, vielleicht sogar auflösen. Wir erleben diese Geschichte nicht wie üblich aus der Perspektive des Rächers und wollen irgendwann Blut sehen. Wir erleben mit dem Täter die Unausweichlichkeit der Gewalt, die er selbst in das Leben von sich und anderen gebracht hat, die alle Beteiligten zerstört und nichts als Opfer zurückgelassen hat.
Trotz der Nähe des Films zum Genre musste bei der Inszenierung und Gestaltung immer das Streben nach einer authentischen Darstellung der Geschichte vorherrschen. Statt stilisierter Bilder wollten wir einen visuell dichten und erdigen Rahmen für diese Geschichte bilden. Das Kamerakonzept (Bildgestaltung Carol Burandt von Kameke) haben wir so reduziert gehalten, dass wir das erzählte Milieu nicht übergestalten, um das Grundgefühl der Unmittelbarkeit und Direktheit der Erzählung zu stärken und den Film dadurch immer wieder zu erden. Doch letztendlich ist „ZWISCHEN DEN JAHREN“ eine einfache Geschichte über einen einfachen Mann, der wenig Worte macht und nur noch wenig vom Leben will. Doch selbst das Wenige scheint unmöglich zu sein.


INTERVIEW - LARS HENNING

1. Welchem Genre würdest du Zwischen den Jahren zuordnen? Drama? Thriller? Sozialdrama?
Zuerst einmal finde ich ja schön, dass überhaupt der Begriff Genre fällt, das hat ja in Deutschland immer etwas Problematisches, weil es vermeintlich nach Bahnhofskino riecht. Und ich glaube schon, dass Film echte Genreelemente hat und mit der Tradition des Rachefilms spielt. Nur eben ein Rachefilm auf den Kopf gestellt. Sonst geht es immer darum, dass ein Mann rot sieht und die Sau weg muss. Aber in unserem Film ist unsere Hauptfigur die Sau. Aber wenn wir das merken, ist es längst zu spät und wir hoffen, dass sich Becker aus den Strukturen eines klassischen Rachefilms befreien und dem Leben noch ein paar gute Momente abtrotzen kann. Insofern ist der Film eigentlich ein Sozialdrama, das sich gegen die immer stärker werden Thriller-Elemente wehrt.

2. Was interessiert dich an einer Figur wie Becker?
Ich glaube, mich reizen die Randzonen der Gesellschaft. Das gilt für Orte ähnlich wie für Menschen. Oft sind in meinen Filmen Menschen die Hauptfiguren, die in anderen Filmen eher Nebenfiguren wären. Aber für mich macht es gerade eine besondere Qualität aus, dass sie nie Teil eines gesellschaftlichen Zentrums sein werden. Außerdem ist in jeder defizitären Figur meist ein inneres Streben schon angelegt, diesen Mangel überwinden zu wollen und daraus kann sich eine großere erzählerische Kraft entwickeln. Bei Becker ist es der Versuch, seine kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen. Und es stellt sich die Frage, wieviel Glück Becker ihm eigentlich noch zusteht, nach dem, was er damals getan hat.

3. Stimmt es, dass es deine Hauptfigur Becker schon in einem anderen Film von dir gab?
Ja, das stimmt tatsächlich. Vor fast genau zehn Jahren habe ich mit Peter Kurth zusammen den Kurzfilm „Security“ gedreht, in dem es auch um einen Wachmann namens Becker ging. Zwar ist die Geschichte ganz anders, aber ich hatte mir damals schon so viel Backstory für die Figur ausgedacht, dass ich mir gewünscht habe, davon mehr erzählen zu können. Und dazu kommt auch noch, dass Peter diese Figur auf eine Art zum Leben erweckt hat, die mir Lust gemacht hat, zu dieser Figur noch einmal zurückzukehren und ein wenig mehr unter die Haut dieses Menschen zu kommen.

4. Das heißt Peter Kurth stand für dich als Besetzung immer fest? Wie war das mit den anderen Rollen?
Natürlich hatte ich Peter schon im Kopf, als ich Zwischen den Jahren geschrieben habe, und habe mir gewünscht, dass er den Film macht, aber dieser Wunsch musste sich ja dann auch erst einmal erfüllen. Damit war aus meiner Sicht schon total viel gewonnen, da Becker in jeder Szene die zentrale Figur ist. Trotzdem sind die anderen Rollen extrem wichtig und ich bin glücklich über das kleine Ensemble, das wir für uns gewonnen haben. Nach dem richtigen Dahlmann haben wir lange gesucht und waren dann sehr froh, als wir Karl Markovics gefunden haben. Kurioserweise haben wir ja eine internationale deutschsprachige Besetzung mit Peter Kurth und Catrin Striebeck aus Deutschland, Leonardo Negri aus der Schweiz und Karl Markovics aus Österreich.

5. Deine Filme spielen häufig in der Nacht. Was reizt dich daran?
Das stimmt. Der Fernsehfilm Kaltfront, den ich vorher gemacht habe, spielt auch fast vollkommen in der Nacht, und die letzten beiden Kurzfilme auch. Ich denke, dass in der Nachtwelt erzählerisch mehr möglich ist. Sie gehört dunklen Gestalten und funktioniert nach Gesetzmäßigkeiten, die wir nicht verstehen. Außerdem finde ich es visuell sehr reizvoll und der Kameramann und ich haben die Bedingungen auch einfach besser unter Kontrolle. Was wir nicht beleuchten, das gibt es quasi gar nicht. Es bleibt in der Dunkelheit verborgen.

6. Für das Team und die Darsteller können diese Bedingen aber auch undankbar sein, oder?
Sicher, wir haben fast ausschließlich nachts gedreht und das im Winter. Da kann es schon mal ordentlich kalt werden. Das macht die langen Arbeitstage natürlich noch anstrengender, lässt sich aber nicht ändern. Aber das Team und die Darsteller wussten, worauf sie sich einlassen, und hatten einen tollen Spirit. Nur einmal haben wir uns im Vorfeld richtig Sorgen gemacht. Als es nämlich darum ging, Karl Markovics im Winter in einen unbeheizten Außenpool fallen zu lassen. Auch wenn Karl zu allem bereit war, hat der menschliche Körper ja seine Grenzen. Wir haben den Pool dann aber doch ein bisschen beheizt gekriegt und am Ende des Tages war er warscheinlich das angenehmste Plätzchen am gesamten Drehort. Ehrlich gesagt würde ich aber meinen nächsten Film trotzdem gerne im Frühsommer in der Toskana drehen.

7. Welcher Drehtag war denn der Einfachste?
Richtig einfach waren sie natürlich alle nicht und jeder Drehtag hat eine andere Herausforderung mit sich gebracht. Besonders gefreut habe ich mich auf die große Dialogszene in der Mitte des Films, wenn Becker und Dahlmann voreinander in dem chinesischen Restaurant sitzen und zum ersten und einzigen Mal versuchen, tatsächlich miteinander zu sprechen. Es sind fast zehn Seiten Text, aber ich wusste, ich habe zwei starke Darsteller, die ich eigentlich nur noch aufeinander los lassen muss. Wir haben mit zwei Kameras gedreht, damit die Darsteller nicht unnötig oft durch diese langen Texte müssen, das hat angesichts des großen Drehpensums für diesen Tag schon sehr geholfen. Natürlich hab ich auch den Druck gespürt, denn diese Szene hat schon eine zentrale Funktion in unserem Film, aber ich habe direkt gemerkt, dass sich das einlöst mit den beiden und
eigentlich war es ein echter Genuss.

8. Was kommt als Nächstes?
Ich arbeite an unterschiedlichen Projekten, unter anderem auch an einer Idee für einen neuen Kinofilm. Ich bin zwar noch sehr am Anfang, aber die Welt, in die Geschichte spielt, ist schon klar und das könnte eine spannende Reise werden.
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Donnerstag 02.03.2017
WILDE MAUS
Ab 09. März 2017 im Kino
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Von und mit Josef Hader    


Könige werden zuvorkommend behandelt! Das ist zumindest Georgs (Josef Hader) Ansicht, der seit
Jahrzehnten als etablierter Musikkritiker für eine Wiener Zeitung schreibt. Doch dann wird er überraschend von seinem Chefredakteur (Jörg Hartmann) gekündigt: Sparmaßnahmen. Seiner jüngeren Frau Johanna (Pia Hierzegger), deren Gedanken nur um ihren nächsten Eisprung und das Kinderkriegen kreisen, verheimlicht er den Rausschmiss und sinnt auf Rache. Dabei steht ihm sein ehemaliger Mitschüler Erich (Georg Friedrich) zur Seite, dem Georg in seiner neu gewonnenen Freizeit hilft, eine marode Achterbahn im Wiener Prater wieder in Gang zu setzen. Georgs nächtliche Rachefeldzüge gegen seinen ehemaligen Chef beginnen als kleine Sachbeschädigungen und steigern sich, zu immer größer werdendem Terror. Schnell gerät sein bürgerliches Leben völlig aus dem Ruder...

Ausnahmetalent Josef Hader (VOR DER MORGENRÖTE, DAS EWIGE LEBEN) erzählt in seinem lang erwarteten Regiedebüt WILDE MAUS von einem Wettlauf in den Wahnsinn – eine pointierte und pechschwarze Tragikomödie über neurotische Stadtmenschen und die Liebe in Zeiten unendlicher Freiheit.
Ob als Kabarettist oder Schauspieler, als lakonischer Ermittler Simon Brenner oder legendärer Schriftsteller Stefan Zweig: Josef Hader hat viele Gesichter und begeistert mit jedem neuen Projekt. So auch mit seinem Regiedebüt WILDE MAUS, für das er ebenso das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle als rachsüchtiger Musikjournalist Georg übernommen hat. An seiner Seite spielen Pia Hierzegger (WAS HAT UNS BLOSS SO RUINIERT, DER KNOCHENMANN), Grimme-Preisträger Jörg Hartmann (SEIN LETZTES RENNEN, „Tatort“, „Weissensee“), Georg Friedrich (WILD, STEREO, SOMMER IN ORANGE), Denis Moschitto (ALMANYA, RUBBELDIKATZ) sowie Nora Waldstätten (PERSONAL SHOPPER, DAS EWIGE LEBEN).
WILDE MAUS ist eine Produktion der Wega Film, hergestellt mit Unterstützung vom Österreichischen Filminstitut, ORF Film-/Fernsehabkommen, Filmfonds Wien, ARD/Degeto, Freibeuter Film sowie des Landes Niederösterreich.


Anton Bruckner oder Jack White – Wer ist denn nun der Schöpfer der bekanntesten Bassline des größten Fußballsongs aller Zeiten? Ist es das „Bruckner-Riff“, das zum Ohrwurm und Stadion-Schlachtgesang wurde, oder ein Geniestreich von Jack White? Eine Frage, die Georg (Josef Hader),
ein anerkannter Musikkritiker und Feuilleton-Chef einer renommierten Wiener Tageszeitung, ohnehin nicht interessiert, auch wenn seine junge Kollegin (Nora Waldstätten) versucht, ihn etwas anderes glauben zu lassen. Vom Glauben fällt er jedoch gänzlich ab, als ihm sein Chef nur kurze Zeit später verkündet, dass er ihn aufgrund von Einsparungen entlassen muss.
Wenig mitleidig und verständnislos und trotz flehendlichem Bitten von Georg setzt er ihn dennoch vor die Tür. Georg schämt sich und gibt gegenüber der Chefsekretärin vor, freiwillig aus dem Verlag auszuscheiden, um ein Buch zu schreiben. Doch seine erste Wut und Enttäuschung entlädt sich bereits auf dem Parkplatz des Verlags.
Das Gefühl versagt zu haben, bringt Georg dazu, die Kündigung zuhause vor Johanna (Pia Hierzegger), seiner Frau, zu verheimlichen. Sie gibt ihm ohnehin schon das Gefühl nicht mit ihr mithalten zu können. Weder mit ihrem Alter, noch beruflich. Ihren Kinderwunsch scheint er auch nicht erfüllen zu können. Da will er nicht unnötig mehr als Versager dastehen: Er, Georg, der spitzfindige Vorruheständler mit dem Geist und ästhetischen Feinsinn eines Stefan Zweigs aber der Spermienagilität eines Greises – Und da Johanna, die junge, attraktive und scheinbar erfolgreiche Therapeutin mit den frischen Eizellen, die nur darauf warten von einem andockenden Spermium befruchtet zu werden. Wer sollte da nicht unter Versagensängsten leiden?
Um vor Johanna den Eindruck zu wahren, Georg ginge noch immer seiner Arbeit nach, vergnügt er sich tagsüber im Prater, abends im Konzert. Dummerweise läuft ihm dort ausgerechnet seine Kollegin über den Weg. Geschickt versucht sie Georg zu entlocken, wie ihm das Konzert eben gefallen hat. Doch dieser durchschaut das intrigante Spiel. Georg fühlt sich benutzt und Wut steigt in ihm auf. Er setzt sich ins Auto, um geradewegs zu seinem früheren Chef zu fahren. Das Haus gleicht allerdings einer Trutzburg – doch sein vor Arroganz und Dekadenz strotzender Porsche fordert ihn geradewegs dazu heraus den roten Lack mit einem feinen Kratzer über die gesamte Flanke zu dekorieren. Diese Tat verschafft Georg, zumindest für einen kurzen Moment, Befriedigung.
Als Georg sich am nächsten Morgen wieder im Prater herumtreibt, lernt er Erich (Georg Friedrich) kennen. Erich ist zwar ein einfaches Gemüt, aber teilt das gleiche Schicksal, denn er wurde auch zu unrecht entlassen. Georg findet in ihm einen Gleichgesinnten und neuen Freund. Erneut erwacht Georgs Wut, als er am Morgen eine Konzertkritik lesen muss. Geschrieben von seiner jungen Kollegin, doch veröffentlicht unter seinem Namen. Ist dies ein perfides Machtspiel seines Ex-
Vorgesetzten? Georg besorgt sich ein Messer und so muss das Verdeck des schnieken Porsche Cabrios leiden. Wenigstens bringt die Nennung seines Namens als Autor der täglichen Musikkritiken den Vorteil, Johanna weiterhin in dem Glauben zu lassen, Georg schreibe diese nach wie vor. Wenn er jetzt nur noch eine Lösung hätte, wie er Johannas notorische Nerverei um ihren Kinderwunsch beenden könnte. Doch um seinen Einwand, dass er sich noch nicht bereit für ein Kind fühle, entbrennt ein Streit, der Johanna unglücklich zurücklässt. Unterdessen, als Georg spät in der Nacht auf dem Heimweg ist, trifft er scheinbar zufällig auf seinen Chef. Hat er ihm etwa aufgelauert? Demonstrativ macht dieser Georg auf den Schaden an seinem Wagen aufmerksam. Ahnt er etwas? Georg ergreift die Flucht.
Die Zeit zieht ins Land. Die Perspektivlosigkeit bleibt. So vertreibt sich Georg weiterhin den Tag mit Erich auf dem Prater. Erich will in ein Fahrgeschäft investieren und eine marode Achterbahn, die Wilde Maus, kaufen. Da ihm das notwendige Kleingeld für die Pacht fehlt, bietet Georg ihm an, das Geld, als Leihgabe, zuzuschießen. Gemeinsam bringen Erich, dessen Freundin Nicoletta (Crina Semciuc) und er das heruntergewirtschaftete Fahrgeschäft auf Vordermann. Georgs Loyalität gegenüber Erich schweißt die beiden noch enger zusammen, distanziert ihn aber zugleich zunehmend von Johanna. Als Johanna Georg auf sein merkwürdiges Verhalten anspricht, verstrickt er sich weiter in Lügen. Er gibt Stress in der Redaktion vor, der ihn psychisch unter Druck setzen und über kurz oder lang dazu zwingen würde, zu kündigen. Anvertrauen tut er sich wiederum nur Erich und Nicoletta mit denen er gemeinsam Rachepläne an seinem Chef schmiedet. Johanna findet eine Vertrauensperson in ihrem Patienten Sebastian (Denis Moschitto). Während Georg mit Erich einen blutigen Fisch im Naturteich von Georgs Chef hinterlässt, gehen Johanna und ihr schwuler Patient auf Tuchfühlung. Georgs Chef geht auf Konfrontation. Er sucht Johanna auf und gibt vor, ihre Hilfe als Therapeutin im Zeitmanagement zu benötigen. Diese lehnt ihn jedoch aus personellen Gründen ab, nicht ohne jedoch Georg von dem Besuch seines Chefs zu erzählen. Er fällt aus allen Wolken, als er davon erfährt. Offensichtlich ahnt dieser, wer hinter all den kleinen Sachbeschädigungen steckt. Doch nicht nur das: Nun dringt er auch noch in Georgs Privatleben ein. Folgenschwer fasst er einen Entschluss: Nachdem Johanna ihm dann auch noch beim Abendessen unterbreitet, dass sie zwar von einem Coaching seines Chefs Abstand genommen, sich jedoch bereit erklärt hat, die Redaktion im Zeitmanagement zu coachen, platzt Georg der Kragen. Er sucht Erich und Nicoletta auf – die Einzigen, die ihm in dieser Zeit zur Seite stehen und bei denen er all den Ärger beiseiteschieben kann. Zumindest für ein paar Stunden.
Johanna, die von der Hinterlistigkeit von Georgs Chef nichts ahnt, muss bei einem gemeinsamen Essen mit ihm erfahren, dass ihr Mann seit über einer Woche wegen angeblicher Krankheit nicht mehr in der Redaktion erschienen ist. Sie deckt Georg, verlässt fluchtartig das Restaurant um ihn am Telefon zur Rede zu stellen. Als sich dieser erneut in Ausreden verstrickt, im Hintergrund jedoch deutlich Jahrmarktgeräusche zu hören sind, macht sie sich auf die Suche nach ihm, um ihn schließlich als Rekommandeur auf dem Wiener Prater ausfindig zu machen. Stinksauer macht sie Georg eine Szene, der durch seine Alleingänge und Lügerei ihre gesamte zukünftige Lebensplanung zunichtemacht. Johanna setzt Georg vor die Tür. Zweifelsohne steht für Georg fest, dass sein Chef auch für das Scheitern seiner Ehe verantwortlich ist.
Mit Sturmmaske randaliert Georg vor dem Haus seines ehemaligen Vorgesetzten. Doch die installierten Videokameras überführen ihn schnell und so findet sich Georg auf der Polizeiwache wieder. Doch der Gescheiterte ist noch immer nicht geläutert. Er nutzt die Gelegenheit und das Vertrauen des Polizisten, der ihn als Journalisten sehr schätzt, um sich ein Leumundszeugnis ausstellen zu lassen und eine Waffe zu besorgen.
Georg scheint entschlossen dem intriganten Machtkampf mit seinem Chef endgültig ein Ende setzen zu wollen. Als dieser jedoch in der Redaktion nicht anzutreffen ist, leiht Georg sich Erichs Auto. Er soll sich in den Bergen aufhalten, um dort mit seinem Lebensgefährten, ganz romantisch, seinen Geburtstag zu feiern. Doch plötzlich unterbricht der heranrauschende Georg die scheinbare Idylle und Zweisamkeit, steigt aus dem Auto, zieht die Waffe und schießt auf seinen Chef. Durch den Schuss alarmiert kommt Sebastian, der Lebensgefährte von Georgs Chef, aus der Hütte. Beide versuchen das Unheil abzuwenden und Georg besinnt sich. Jedoch nicht ohne noch eine Prügelei anzuzetteln, bei der er allerdings den Kürzeren zieht.
Wie ein räudiger Hund zieht sich Georg zurück. Alles ist hin. Und jetzt beginnt es auch noch zu schneien. Das erhoffte Licht am Ende des Tunnels ist doch lediglich der Expresszug, der auf Georg zurast. Er hat schlichtweg auf ganzer Linie versagt und Johanna, die sich auf der Party ihres durchaus attraktiven Nachbarn herumtreibt, ist nicht für ihn zu erreichen.
Eingeschneit erwacht Georg am nächsten Morgen in seinem Auto. Es mag das ruhig und friedlich vor ihm liegende Tal sein oder der herab gefallene Schnee, der alles Geschehene unter sich begraben zu haben scheint.
Georg wagt den Schritt. Er will sich das Leben nehmen. Nackt mit einer Flasche Whiskey und einer
Schachtel Tabletten sitzt er im Schnee. Doch das Häschen in der Grube wird von zwei Forstarbeitern entdeckt. Noch nicht einmal zum Selbstmord in der Lage! Georg ergreift die Flucht. Durch die Tiefen der Schneelandschaft – noch immer nackt. Ist vielleicht doch Johanna seine letzte Rettung?
Und so scheint es, als könnten der schrullige alte Mann und die krampfhaft Junggebliebene letztlich
vielleicht doch wieder zueinander finden.



DIRECTOR´S NOTE
Meine Ausbildung ist in jeder Hinsicht mangelhaft. Nach INDIEN war ich auf einmal Drehbuchautor und Filmschauspieler, ohne wirklich gelernt zu haben, wie das geht. Zusammen mit Wolfgang Murnberger habe ich von einer Wolf Haas-Verfilmung zur nächsten versucht, dem Drama in der Komödie immer näher zu kommen. Der Großzügigkeit von Murnberger verdanke ich es, dass ich dabei auch immer stärker in Bereichen der Regiearbeit meine Meinung sagen und mitgestalten durfte. Daraus ist die Idee entstanden, zum ersten Mal ein Drehbuch ganz allein zu schreiben und bis zum letzten Schritt künstlerisch zu verantworten. Meine Herangehensweise ist dabei, sich keine Farbe zu verbieten und auch keine bestimmte Farbe vorherrschen zu lassen, wenn man das Leben abbilden möchte. Genres liefern Welterklärungsmodelle und notfalls auch Schuldige, ich möchte aber lieber erzählen, dass das Hauproblem ist, das überhaupt nichts zusammenpasst. Das Tragikomische ist für mich dabei die beste Abbildung dessen, was man Leben nennt.
Josef Hader


Josef Hader (Regie & Drehbuch)

Josef Hader, 1962 in Waldhausen (Oberösterreich) geboren, erspielte sich in den letzten Jahrzehnten
als Kabarettist ein Publikum im ganzen deutschen Sprachraum und wurde mit allen wichtigen Kleinkunstpreisen ausgezeichnet. Den Grundstein für seine Filmkarriere legte er 1993 mit INDIEN, für das er mit Regisseur Paul Harather gemeinsam das Drehbuch schrieb. Der Film wurde u.a. mit dem Max Ophüls-Preis ausgezeichnet und gilt als einer der bekanntesten und erfolgreichsten österreichischen Filme. Mit DER ÜBERFALL von Florian Flicker gewann Josef Hader 2000 beim Internationalen Filmfestival von Locarno den Darstellerpreis.
Bis heute konzentriert Hader seine Film- und Fernsehauftritte auf wenige Projekte, oft und besonders gern auf solche, bei denen er die Gelegenheit hat, am Drehbuch mitzuarbeiten. So schlüpfte er 2000 bei KOMM, SÜSSER TOD nicht nur erstmals in die Rolle des Wolf Haas-Helden Simon Brenner, mit der er seitdem wachsenden Kultstatus genießt. Er schrieb auch bei allen vier Brenner-Verfilmungen, zu denen noch SILENTIUM (2004), DER KNOCHENMANN (2009) und zuletzt DAS EWIGE LEBEN (2015) gehören, gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Murnberger und Autor Wolf Haas die Drehbücher.
Für den Fernsehfilm „Ein halbes Leben“ von Nikolaus Leytner wurde er 2009 mit dem Deutschen Fernsehpreis und 2010 mit dem Adolf Grimme-Preis ausgezeichnet. Zuletzt stand Josef Hader an der Seite von Axel Prahl, Devid Striesow und Robert Stadlober in der Kafka-Verfilmung DER BAU von Oscar-Preisträger Jochen Alexander Freydank vor der Kamera. 2016 glänzte Hader in der Rolle des Stefan Zweig in dem vielbeachteten, bereits mehrfach ausgezeichneten und aktuell von Österreich für die Oscar-Verleihung eingereichten Biopic VOR DER MORGENRÖTE (Regie: Maria Schrader). Mit WILDE MAUS schrieb er nicht nur das Drehbuch und übernahm die Hauptrolle, sondern gibt mit diesem Film auch sein Regiedebüt.
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Montag 27.02.2017
MOONLIGHT
Ab 09. März 2017 im Kino
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MOONLIGHT erzählt die berührende Geschichte des jungen Chiron, der in Miami fernab jeglichen Glamours aufwächst. Der Film begleitet entscheidende Momente in Chirons Leben von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, in denen er sich selbst entdeckt, für seinen Platz in der Welt kämpft, seine große Liebe findet und wieder verliert. MOONLIGHT ist ein einzigartiges Stück Kino über persönliche Augenblicke und Menschen, die uns prägen und den Schmerz der ersten Liebe, der ein Leben lang nachhallen kann.

Ein Film von Barry Jenkins
Mit Mahershala Ali, Shariff Earp Azu, Duan „Sandy“ Sanderson, Little Alex Hibbert, Janelle Monáe, Naomie Harris u.v.a.

MOONLIGHT ist ein einzigartiges Stück Kino darüber, wie die Suche nach einem Platz in der Welt, unsere Umgebung, die eigene Familie und insbesondere die erste Liebe uns ein Leben lang prägen. Mit acht Nominierungen für die diesjährigen Oscars®, dem Golden Globe® Award für den besten Film sowie über 150 weiteren Auszeichnungen ist MOONLIGHT einer der meist umjubelten Filme des Jahres.
Regisseur Barry Jenkins hat mit seiner einfühlsamen Coming of-Age Geschichte ein Plädoyer für Mitgefühl und Empathie geschaffen, für das er als erster afroamerikanischer Filmemacher gleich drei Oscar®-Nominierungen in den Kategorien “Bester Film“, „Bestes Drehbuch“ und „Beste Regie“ erhalten hat. Für Jenkins, der seine eigene Kindheit in MOONLIGHT verarbeitet, erzählt der Film eine universelle Geschichte über Liebe und Vergebung: „Kino hat die Kraft, Grenzen zu überwinden und uns zu zeigen, was uns alle zu Menschen macht.“
Ein Trio aus drei talentierten Schauspielern (Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes) verkörpert die Hauptfigur Chiron in drei Phasen seines Lebens. Unterstützt werden sie von dem Oscar®-nominierten Star Mahershala Ali, der für den kleinen Chiron zu einer Vaterfigur wird sowie Naomie Harris, die für ihre bewegende Darstellung von Chirons Mutter mit einer Oscar®-Nominierung geehrt wurde: „Moonlight berührt viele Herzen in einer Zeit, in der Menschen Mitgefühl und Halt in der Welt suchen“, so Harris.


INHALT

I. LITTLE
Der 10-jährige Chiron, der von allen nur spöttisch „Little“ genannt wird, flieht zu Beginn des Films vor anderen Kindern, die ihn verprügeln wollen – bis er von Juan gerettet wird, einem Drogendealer, der gemeinsam mit dessen Freundin Teresa zu seinem Mentor und Beschützer wird.

II. CHIRON
Im zweiten Kapitel hat Chiron mit der Liebe zu seinem Schulkameraden Kevin zu kämpfen, dem sich stetig verschlechternden Zustand seiner Mutter Paula und einem traumatischen Zwischenfall auf dem Schulhof, der sein Leben nachhaltig verändern wird.

III. BLACK
Das dritte Kapitel folgt dem mittlerweile erwachsenen Chiron – jetzt bekannt unter seinem Gangnamen „Black“ – der sich in Atlanta ein neues Leben aufgebaut und sich dabei von seinen Mitmenschen abgeschottet hat. Erst ein Anruf aus der Vergangenheit bringt Bewegung in Blacks Leben. In einer virtuosen Sequenz in einem Diner kommt es zu einem wahrhaft unerwarteten und doch unvergesslichen Wiedersehen mit Kevin.


BESTER FILM

Wir danken der Academy dafür, dass sie Barrys und Tarells Geschichte ehren. Wir sind stolz darauf, dazu beigetragen zu haben, ihre Stimmen auf die Leinwand zu bringen. MOONLIGHT ist ein Film, den wir jetzt mehr denn je brauchen: ein Film, der die Schönheit, Vielschichtigkeit und Menschlichkeit unserer Mitmenschen feiert.
Adele Romanski, Jeremy Kleiner & Dede Gardner (Produzenten)

BESTE REGIE
Mir fehlten angesichts der Liebe, die die Academy so vielen talentierten Menschen in unserer Community um MOONLIGHT zeigte, die Worte. Ich teile gerade Chirons Geschichte auf einem anderen Kontinent mit Menschen anderen Ursprungs. Was die Nominierungen für mich verkörpern, ist eine Bestätigung dafür, dass Kino die Kraft hat, Grenzen zu überwinden und zu zeigen, was uns alle zu Menschen macht.
Barry Jenkins

BESTER NEBENDARSTELLER
Man kann sich in dieser Branche nicht mehr wünschen, als Teil zu sein von Projekten, die unterhalten und gleichzeitig noch Raum haben, um uns etwas beizubringen, zu lehren und uns weiterzuhelfen. Und dafür bin ich zutiefst dankbar.
Mahershala Ali

BESTE NEBENDARSTELLERIN
MOONLIGHT berührt viele Herzen in einer Zeit, in der Menschen Mitgefühl und Halt in der Welt suchen. Ich bin der Academy zutiefst dankbar dafür, dass sie meinen Teil dieser Geschichte, aber auch die gesamte Familie hinter MOONLIGHT so anerkennen. Es war mir eine Ehre, Barrys und Tarells wunderschöne Reise zu begleiten.
Naomie Harris

BESTE KAMERA
Diese Nominierung ist eine unglaubliche Ehre und wird immer die Welt für mich bedeuten. Mein Name steht auf der Liste, aber die Ehre teile ich mit so vielen Menschen, die so hart an MOONLIGHT gearbeitet haben. Ich teile diesen Moment mit A24, die ein Licht in der Dunkelheit waren, eine Gruppe von Menschen, die uns niemals allein gelassen haben, die uns in jeder Sekunde vertraut und unterstützt haben. Ich danke der Academy für diese Nominierung.

BESTES ADAPTIERTES DREHBUCH
Ich schrieb „In Moonlight Black Boys Look Blue“ weil ich dachte, ich sei allein. Aber Barry wusste es besser. MOONLIGHT erinnert unsalle daran, dass wir nie wirklich allein sind. Ich bin der Academy dankbar dafür, dass sie das Licht dieses Films erkannt haben.
Tarell Alvin McCraney (Autor des Theaterstücks) & Barry Jenkins

BESTE FILMMUSIK
Nicholas Britell

BESTER SCHNITT
Joi McMillion, Nat Sanders



DIE WURZELN VON MOONLIGHT

Die Idee hinter MOONLIGHT enstand in ihrer ersten Form an einer Schauspielschule als Projektarbeit des in Miami geborenen Autors Tarell Alvin McCraney. McCraney reichte „In Moonlight Black Boys Look Blue“ beim Borscht Film Festival ein, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Werke von Künstlern aus der Region zu präsentieren. Ziel des Festivals war es Geschichten zu fördern, die „mehr zu bieten haben, als Miami als so schöne wie sinnentleerte Partymetropole darzustellen“, zu fördern. Das Skript blieb jedoch unaufgeführt.
Im Jahre 2013 unterstützte die Produzentin Adele Romanski (MORRIS FROM AMERICA, THE MYTH OF THE AMERICAN SLEEPOVER) Jenkins bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolgeprojekt zu MEDICINE FOR MELANCHOLY. Das seit der gemeinsamen College-Zeit befreundete Duo traf sich alle zwei Wochen, um verschiedenste Ideen zu besprechen, bis sie auf McCraneys Skript stießen. „Tarell hatte auf großartige Weise eingefangen, was es bedeutet, als Schwarzer aus ärmlichen Verhältnissen in Miami aufzuwachsen“, erzählt Jenkins. „Für mich war das eine Chance, durch Tarells wunderbare Arbeit einige meiner eigenen Kindheitserinnerungen auf
die Leinwand zu bannen. Wir haben ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Es war die perfekte Kombination.“
Zufälligerweise waren beide in Miamis Wohnbezirk Liberty City aufgewachsen, in dem auch MOONLIGHT zu großen Teilen spielt. Jenkins und McCraney kannten sich in ihrer Kindheit nicht, ihr Werdegang ähnelt sich jedoch auf erstaunliche Weise. Sie hatten dieselbe Grund- und weiterführende Schule besucht und sich beide für eine künstlerische Laufbahn entschieden, in deren Verlauf sie Themen und Motive wählten, bei denen sie sich eng an ihren persönlichen Erlebnissen orientierten, darunter Identität und Männlichkeit. Besonders auffallend ist dabei, dass sie in Familien aufwuchsen, in denen Drogenmissbrauch an der Tagesordnung war. Jenkins‘ Mutter hat ihre Sucht überwunden und ist seit 24 Jahren HIV-positiv, wohingegen McCraneys Mutter an den Folgen ihrer AIDS-Erkrankung gestorben ist.
McCraneys ursprüngliche Story handelte von der Beziehung eines Jungen in Liberty City zu einem örtlichen Drogenhändler, der zu einer Art Ersatzvater avanciert, als der Junge mit dem Mobbing seiner Schulkameraden, der Drogensucht seiner Mutter und einem überwältigenden Gefühl der Einsamkeit und Isolation zurechtkommen muss, was schließlich in einer Tragödie endet. Die nicht-linear erzählte Geschichte „In Moonlight Black Boys Look Blue“, die immer wieder zwischen Kindheit und Jugend des Protagonisten hin und herspringt, und sich dabei intensiv mit den Themen
Männlichkeit, Identität und Gemeinschaft auseinandersetzt, beleuchtet außerdem die aufkeimende Homosexualität ihrer jugendlichen Hauptfigur Chiron in einem wenig aufgeschlossenen Milieu.
„Es war mir wichtig zu zeigen, welche aktive Rolle Chirons soziales Umfeld in seinem Leben spielt“, sagt McCraney. „Sein Umfeld weiß Dinge über ihn, bevor er sich selbst darüber im Klaren ist. Seine Mitmenschen wollen ihn in eine Schublade stecken, bevor er überhaupt versteht, was das bedeutet. Das widerfährt uns allen, ob wir nun, männlich, weiblich, schwarz, weiß, hetero- oder homosexuell sind. Es gibt Situationen, in denen uns unser soziales Umfeld mitteilt, als was es uns betrachtet. Wie wir darauf reagieren, definiert unseren Konflikt mit dieser Situation und hat einen
enormen Einfluss auf den weiteren Verlauf unseres Lebens.“
Für die Adaption hat Jenkins alle drei Kapitel der Geschichte chronologisch sortiert und deutlich erweitert. Während McCraneys Vorlage mit dem Anruf von Kevin endet, hat Jenkins die Geschichte um viele Szenen mit Black erweitert. Somit wird allen drei Abschnitten im Reifeprozess seines jungen Protagonisten derselbe Raum zugestanden, um die ganze Geschichte zu entfalten.
Romanski war augenblicklich begeistert von dieser hochemotionalen Coming-of-Age-Geschichte. Trotz seines sehr spezifischen Settings spricht MOONLIGHT alle an, die sich jemals fremd in dieser Welt gefühlt haben. „Das Drehbuch hat mir das Herz gebrochen“, gesteht Romanski. „Selbst als weiße Frau konnte ich mich mit Chirons Geschichte identifizieren. Viele Menschen erleben Ausgrenzung, ungeachtet der Hautfarbe, des Geschlechts, Alters oder sexueller Orientierung. Obwohl MOONLIGHT im Grunde die Coming-of-Age-Geschichte eines schwulen Farbigen ist, ist es im Kern ein universeller Film darüber, wie es ist, anders zu sein.“
MOONLIGHT setzt sich gänzlich über Schubladen und Kategorisierungen hinweg und konzentriert sich ganz auf die universelle Geschichte des kathartischen persönlichen Kampfes eines jungen Mannes. „Barry ist eine sehr in sich gekehrte und introvertierte Person“, erzählt Romanski. „Außerhalb einer kleinen Gruppe von Menschen, denen er vertraut, lässt er sich nicht oft blicken. MOONLIGHT hat es ihm ermöglicht, die Geschichte seiner Kindheit und Jugend zu erzählen – mit Hilfe von Tarells adaptierter Story.“
Die Produzenten Jeremy Kleiner und Dede Gardner, Co-Präsidenten von Brad Pitt‘s Plan B Entertainment, waren zutiefst berührt von Jenkins‘ Drehbuch. „Es war unglaublich gut geschrieben und besaß dieselbe Eleganz und Simplizität in der Struktur wie Jenkins‘ Vorgänger“, erzählt Kleiner. „Barry verfügt über die erstaunliche Gabe, intime Momente zwischen seinen Figuren zu schaffen und einzufangen – speziell zwischen zwei Figuren. Er durchdringt interne emotionale Vorgänge auf völlig unerwartete Art. Auf diese Weise befindet man sich plötzlich tief in der Seele seiner Figuren.“ Und Gardner fügt hinzu: „Barry ist der festen Überzeugung, dass im Verlauf eines einzelnen Gesprächs ganze Welten aufeinanderprallen. Nur ein äußerst talentierter Drehbuchautor und Regisseur kann das auf die Leinwand bannen.“


DREI SCHAUSPIELER, EIN LEBEN

Die Suche nach den perfekten Darstellern begann mit Jenkins‘ gewagter Entscheidung, Chirons Reifeprozess vom zehnten Lebensjahr bis in seine frühen Dreißiger nicht von einem einzelnen Schauspieler darstellen zu lassen. Das stellte das Casting-Team vor die Aufgabe, drei Schauspieler zu finden, die dieselbe Emotionalität über etliche Jahre hinweg transportieren konnten, ohne sich während des Drehs jemals zu begegnen.
Um Little, Chiron und Black zum Leben zu erwecken, wandte Jenkins sich an Casting- Direktorin Yesi Ramirez (21 JUMP STREET, BLOOD DIAMOND), die ebenfalls in Miami aufgewachsen ist. Ramirez hatte einst ein Studium als Pflichtverteidiger für jugendliche Kriminelle angefangen und in Kalifornien intensiv mit Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen gearbeitet, und diese Kenntnisse erwiesen sich hier als sehr nützlich. „Das hat mich am Skript gereizt“, sagt Ramirez. „Chiron hat jemand gebraucht, damit er im Leben zurechtkommt. Ich kenne Jugendliche wie ihn nur zu gut. Ich habe mit ihnen gearbeitet.“
Für alle Beteiligten war von Anfang an klar, dass der Darsteller von „Little“ aus Miami stammen musste. Jenkins und Romanski verteilten Casting-Aufrufe und suchten auf den Straßen und in den Schulen nach dem perfekten Kandidaten, der diese entscheidende Rolle ansprechend ausfüllen könnte. Schließlich entdeckten sie Alex Hibbert und nahmen sein Vorsprechen auf, um es den anderen zeigen zu können. Als Ramirez das Video sah, war sie schwer beeindruckt von der stillen Neugier und der enormen Verletzlichkeit, die sich in seinen noch sehr jungen Augen wiederspiegelte. Alle waren sich sicher, dass man den Richtigen gefunden hatte.
Für den 16-jährigen Chiron ließ Ramirez Jugendliche aus dem ganzen Land vorsprechen und durchstöberte das Internet nach Profilfotos und Videos. Am Ende fiel die Wahl auf Ashton Sanders, der Ramirez während einer ihrer zahlreichen Casting-Sessions in Los Angeles aufgefallen war. Sanders war zuvor in einer Independent-Produktion zu sehen gewesen und hatte außerdem eine kleine Nebenrolle in STRAIGHT OUTTA COMPTON gespielt, aber seine stille, regungslose Art war herausgestochen: Wichtige Eigenschaften für Chirons Charakter im zweiten Kapitel des
Films. Trevante Rhodes, ein ehemaliges Leichtathletik-Ass aus Louisiana, das auf dem Campus des Texas College entdeckt worden war und vom Fleck weg eine Rolle in einem Nicolas-Cage-Film erhielt, hatte ursprünglich für die Rolle des erwachsenen Kevin im dritten Kapitel des Films vorgesprochen. Das Vorsprechen wurde jedoch vom Team, darunter Ramirez, Jenkins und Romanski unterbrochen, als allen plötzlich klar wurde, dass der muskulöse Rhodes weitaus besser für die Rolle von „Black“ geeignet war. Urplötzlich fand sich der damals noch recht unbekannte Schauspieler in einer Hauptrolle wieder, in der er die Last aller drei Inkarnationen von Chiron
zu tragen hatte.
„Es passiert nicht oft, dass ich mir als Casting-Direktorin meiner Sache schon so sicher bin, wenn ein Kandidat den Raum betritt. Aber Trevante war ein ganz besonderer Fall“, erzählt Ramirez. „Abgesehen von seiner Männlichkeit hatte er die Verletzlichkeit, die wir so dringend benötigten, damit das Publikum mit der Figur mitfühlt.“ Für Rhodes bestand die größte Herausforderung darin, den erwachsenen Chiron adäquat darzustellen, ohne seinen tief verborgenen emotionalen Kern zu vernachlässigen, der unter dem muskulären Äußeren und einem entschieden zweideutigen
Spitznamen begraben liegt. „‘Black‘ ist ein introvertierter Mann mit persönlichen Problemen, der sein wahres Ich versteckt aus Angst davor, dass alle erfahren könnten, wer er wirklich ist“, erklärt Rhodes. „Der Titel MOONLIGHT ist ein Sinnbild dafür, Licht ins Dunkel zu bringen, oder etwas zu gestehen, von dem man bisher Angst hatte, dass es jemand erfahren könnte. Jeder von uns ist in seinem Leben an einen Punkt gelangt, an dem sich Chiron am Ende befindet, ob es nur für kurze Zeit oder das ganze Leben gewesen ist. Bei allen, die behaupten, sie hätten nie etwas zu verbergen versucht, ist dies wohl erst recht der Fall.“
„Wir hatten das Glück, die besten Schauspieler für diese Rollen gefunden zu haben“, sagt Ramirez weiter. „Aber es gab auch einen roten Faden, der alle drei Kapitel miteinander verband, und das war eine unglaubliche Verletzlichkeit. Jeder der drei Schauspieler konnte sie mit seinen Augen zum Ausdruck bringen und somit ein komplettes Porträt dieses Lebens schaffen.“ Und Jenkins fügt hinzu: „Man sieht nicht oft schwarze Schauspieler, die einfach nur ihre Gefühle zum Ausdruck bringen, anstatt zu reden. Alle drei Darsteller von Chiron waren großartig darin, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“
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