Blickpunkt:
Film
Film
Inhaltsverzeichnis
INNENLEBEN

19

DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN

20

BORN TO BE BLUE

21

IM ZEICHEN DES ABNEHMENDEN LICHTS

22

BERLIN SYNDROM

23

JAHRHUNDERTFRAUEN

24

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Donnerstag 15.06.2017
INNENLEBEN
Ab 22. Juni 2017 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Während draußen der Krieg tobt, verwandelt die resolute Oum Yazan ihre kleine Wohnung in einen sicheren Hafen für Familie und Nachbarn. Verzweifelt versucht sie, zum Schutz der Gemeinschaft den Alltag aufrechtzuerhalten und das Geschehen außerhalb auszublenden. Doch früher oder später muss auch sie die Tür öffnen und die Wirklichkeit hereinlassen.

Bestürzend intensiv zieht INNEN LEBEN den Zuschauer hinein in die Kriegswirklichkeit der einfachen Menschen, für die das einst traute Heim zum Gefängnis wird und jede noch so kleine Entscheidung über Leben und Tod bestimmen kann. INNEN LEBEN ist ein universelles, humanistisches Plädoyer von großer Dringlichkeit. Der Film gewann auf der 67. Berlinale den Publikumspreis der Sektion Panorama.

Ein Film von Philippe Van Leeuw
Mit Hiam Abbass (Oum Yazan), Diamand Abou Abboud (Halima), Juliette Navis (Delhani), Mohsen Abbas (Abou Monzer), Moustapha Al Kar (Samir) und anderen.

Die Ehefrau und Mutter Oum Yazan harrt mit ihrem Schwiegervater, ihren drei Kindern Yara, Aliya und Yazan und der philippinischen Haushaltshilfe Delhani in ihrer Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses aus. Ferner gewährt sie dem jungen Paar aus der zerstörten Nachbarswohnung, Samir und Halima, und ihrem Baby sowie Yaras Freund Karim, der bei einem Besuch von schweren Gefechten überrascht wurde, Unterschlupf in ihrem Heim. Oum Yazans Ehemann ist fort und wird für den Abend erwartet. Die Fenster der Wohnung bleiben aus Angst vor Scharfschützen mit Vorhängen bedeckt, während aus der Ferne Explosionen, Schüsse und Helikoptergeräusche zu hören sind. Die Wasserversorgung ist zusammengebrochen und jeder Gang nach draußen gefährlich. Strom, Internet und Telefon funktionieren nur zeitweise und aus der Wohnung im Obergeschoss sind bedrohliche Geräusche zu hören. Samir und Halima planen für den Abend die Flucht nach Beirut. Doch als Samir am Morgen das Haus verlässt, um Vorbereitungen für die Flucht zu treffen, wird er von einem Heckenschützen getroffen und bleibt reglos im Innenhof liegen. Die verängstigte Haushaltshilfe Delhani wird unfreiwillig Zeugin des Vorfalls und weiht Oum Yazan ein. Diese hält es für besser, Halima vorerst nichts davon zu erzählen, und weist Delhani an, ihr Wissen für sich zu behalten. Zunächst gelingt es Oum Yazan, den Familienalltag aufrechtzuerhalten. Gemeinsam wird gegessen, der Großvater unterrichtet Enkel Yazan, während ihre älteste Tochter Yara mit Karim flirtet. Als es zu schweren Bombenexplosionen im Viertel kommt, überschlagen sich die Ereignisse. Über den Balkon verschaffen sich zwei Männer Zutritt in die verbarrikadierte Wohnung. Halima und ihr Baby schaffen es nicht, sich mit den anderen in der Küche zu einzuschließen. Halima macht den Männern, die auf der Suche nach Wertgegenständen sind, weiß, dass sich hinter der verschlossenen Tür nur eine alte Frau und ihr Sohn befinden. Daraufhin wird sie vom Älteren der beiden vergewaltigt, während Oum Yazan und die anderen gezwungen sind, dem Verbrechen durch die Tür zu lauschen. Die geschändete Halima ringt ihren Peinigern das Versprechen ab, die Wohnung und ihre Bewohner zu verschonen. Nachdem die beiden Männer gegangen sind, kümmert sich die Gemeinschaft unbeholfen um die unter Schock stehende Halima, die sich mit ihrem Baby in ihr Zimmer zurückzieht. Delhani bedrängt Oum Yazan, Halima vom Schicksal ihres Mannes zu erzählen, über das sie verbotenerweise bereits mit dem Großvater Abou Monzer gesprochen hat. Als Halima am späten Abend schließlich von Samirs Schicksal erfährt, erleidet sie einen Nervenzusammenbruch. Sie reißt die Vorhänge auf, um die Aufmerksamkeit der Heckenschützen auf sich zu ziehen und kann nur mit größter Mühe wieder beruhigt werden. Halima macht sich daraufhin auf, Samirs Leichnam zu bergen. Karim und Yara helfen ihr dabei. Es stellt sich heraus, dass Samir noch lebt, aber durch eine Schusswunde schwer verletzt ist. Freunde von Oum Yazans Ehemann werden verständigt, die den bewusstlosen Samir fortbringen. Halima und ihr Baby sollen am nächsten Abend folgen. Über den Verbleib von Oum Yazans Ehemann können die Freunde nichts sagen. Sie raten ihr, die Wohnung zu verlassen, doch Oum Yazan will bleiben. In der Nacht, als kurzzeitig das Telefonnetz wieder funktioniert, erhält Oum Yazan eine kryptische Sprachnachricht von ihrem Ehemann. Am nächsten Morgen, als sein Sohn noch immer nicht zurückgekehrt ist, steht Abou Monzer rauchend vor dem verhangenen Fenster und ist den Tränen nahe.


KOMMENTAR DES REGISSEURS
Eines Tages im Dezember 2012 erzählte mir eine Freundin aus Damaskus, dass ihr Vater für drei Wochen in seiner Wohnung in Aleppo eingesperrt war – ohne Telefonanschluss oder andere Kommunikationsmöglichkeiten, weil die Stadt durch Bomben so sehr zerstört war. Ich sah diesen einsamen Mann vor mir, wie er in seinem eigenen Zuhause eingesperrt war, und stellte mir auch andere wie ihn vor, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Dies ist die Geschichte einer Familie, die in ihrem eigenen Zuhause eingeschlossen ist, weil draußen der Krieg tobt. Dieses Projekt war von einer gewissen Dringlichkeit getrieben. Im Bemühen, schnell zu reagieren, war für mich von Anfang an klar, dass es sich nur um einen Ort – das Apartment – und eine Zeitspanne von 24 Stunden handeln sollte, um zu verstehen, was gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Situationen tun – keine Helden, sondern Menschen, die einfach nur auf die Situation reagieren, die sie gerade zu durchleben gezwungen sind. Ich wollte die Zerbrechlichkeit wie auch die Stärke vermitteln, zu der wir alle in Notsituationen fähig sind. Unser Instinkt gibt uns die Kraft, ums Überleben zu kämpfen, und unser Selbsterhaltungstrieb auf Kosten der Bedürfnisse anderer rührt aus denselben menschlichen Impulsen und moralischem Versagen. Dennoch gibt es keine Verurteilung oder eine aufgedrückte moralische Haltung, sondern nur Tatsachen, welche die Wirklichkeit freilegen sollen. Um die Authentizität des Skripts zu gewährleisten, suchte ich Rat bei den exilierten syrischen Filmemachern Hala Mohammad und Meyar Al Roomy. Außerdem konnte ich auf eigene Kenntnisse der Region zurückgreifen, denn in den letzten Jahren habe ich regelmäßig im Libanon gearbeitet. Diese beiden Länder teilen eine gemeinsame Kultur und gemeinsame Bräuche, genauso wie sie nun leider auch die Erfahrung des Bürgerkrieges teilen. Der Film ist als immersive Erfahrung gedacht. Die Wohnung fühlt sich an wie eine Blase, die kurz davor ist, zu explodieren. Die Schatten sind unheilverkündend und die Außenwelt scheint unerreichbar, verboten. Es ist, als ob die Figuren auf einem Vulkan sitzen, leicht reizbar, fahrig und egoistisch. Und dennoch versuchen sie, Empathie und Mitgefühl für ihre Mitmenschen zu zeigen. PANIC ROOM von David Fincher ist eine gute Referenz bezüglich der Spannung, doch hier gibt es keine Tricks, keine Spezialeffekte, sondern nur den ungeschönten Blick auf das Drama der Situation, in der sich die Figuren befinden.
Wie in meinem letzten Film, THE DAY GOD WALKED AWAY, war ich sehr darum bemüht, in meiner Herangehensweise an Gewalt jegliche Nachsicht und jeglichen Voyeurismus zu vermeiden. Wie Jacques Tourneur, glaube ich, dass je weniger man sieht, desto besser. Ich denke, dass man anfälliger ist für einen gewissen Realismus und Emotion, wenn man anstatt wegzuschauen, versucht zu sehen, aber nichts oder so wenig erkennen kann, sodass man die fehlenden Bilder im Kopf ergänzen muss. Nur dann kann jede Art von Emotionen einschließlich Terror wirklich über die Leinwand erlebt werden. Auch der Ton hat seine eigene Fähigkeit, Bilder in der Vorstellung zu wecken, oft stärker und lebendiger als Bilder dies können. Die gewalttätigen Handlungen, die im Film dargestellt werden, sind eher akustischer Natur als visueller. Ich versuche immer, etwas visuell auszudrücken, anstatt Dialoge zu benutzen, um die Dinge zu vermitteln. Meiner Meinung nach sollten Gesichter und Körper alles erzählen. Abgesehen von Hiam Abbass (die Mutter) und Diamand Bou Abboud (Halima) sind die Schauspieler alle syrische Flüchtlinge. Da Juliette Navis (Delhani) nicht Arabisch spricht, wurde sie darauf trainiert, ihre Dialoge rein phonetisch zu produzieren. Das Aufbegehren des syrischen Volkes begann vor sechs Jahren und der Krieg wütet seit über fünf Jahren. Und der Rest der Welt hat nichts getan, um ihn zu stoppen. Die Syrer, die gerade in Europa Zuflucht suchen, hatten keine andere Wahl, als ihre Häuser und ihr Land zu verlassen. Sie alle entflohen einem Leben, zu dem uns die Bilder fehlen. Unabhängig von der Katastrophe in Syrien und anderswo, ob heute oder in vergangenen Zeiten, möchte ich den Blick auf die Würde der zivilen Bevölkerung richten, die in modernen Kriegen mehr und mehr die Leidtragende ist.


ÜBER DEN REGISSEUR
Philippe Van Leeuw wurde 1954 in Brüssel geboren. Er studierte an der Brüsseler Filmschule INSAS, bevor er nach Los Angeles zog, um am American Film Institute Kamera zu studieren. Zu seinen Lehrern gehörten dort u.a. Ingmar Bergmans Weggefährte Sven Nykvist und Conrad Hall (BUTCH CASSIDY UND SUNDANCE KID, DER MARATHON-MANN, AMERICAN BEAUTY). Nach seiner Rückkehr nach Europa war er als Kameramann für diverse Dokumentarfilme sowie in der Werbung tätig. Sein Spielfilmdebüt als Kameramann legte er 1997 mit DAS LEBEN JESU von Bruno Dumont vor. Seitdem hat er sich fiktionalen Stoffen zugewandt. Mit THE DAY GOD WALKED AWAY feierte er 2009 sein Regiedebüt. INNEN LEBEN ist sein zweiter Spielfilm als Regisseur. Philippe Van Leeuw lebt in Paris.


HIAM ABBASS als Oum Yazan
Hiam Abbass wurde 1960 in Nazareth geboren. Nach einem Fotografie-Studium in Haifa schloss sie sich der von François Abou Salem gegründeten Theatergruppe El-Hakawati an, mit der sie u.a. auf Tourneen durch Europa und die USA ging. Seit 1994 spielt sie regelmäßig in internationalen Film- und Fernsehproduktionen. In Deutschland wurde sie vor allem durch ihre Rollen in den Filmen DIE SYRISCHE BRAUT (2004) und PARADISE NOW (2005) einem größeren Publikum bekannt. Für ihre Rolle in DIE SYRISCHE BRAUT wurde sie 2005 für den Europäischen Filmpreis als Beste Darstellerin nominiert. 2007 gehörte Abbass unter dem Vorsitz von Paul Schrader zur Jury der Berlinale. Dort stellte sie ein Jahr später den Film LEMON TREE vor, bei dem sie nach DIE SYRISCHE BRAUT erneut mit Eran Riklis zusammenarbeitete. Für die Hauptrolle der palästinensischen Witwe Salma, deren Zitronenbaum-Garten als Sicherheitsrisiko für den in direkter Nachbarschaft einziehenden israelischen Verteidigungsminister bewertet wird, wurde sie 2008 erstmals mit dem Ophir Award, Israels nationalem Filmpreis, ausgezeichnet und erhielt eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis 2008 als Beste Darstellerin. Nach ersten Kurzfilmarbeiten stellte Hiam Abbas bei den 69. Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2012 ihren ersten Spielfilm INHERITANCE vor. Das Drama, für das sie auch das Drehbuch schrieb und an der Seite der Französin Hafsia Herzi die Hauptrolle übernahm, erzählt von den Hochzeitsvorbereitungen einer palästinensischen Familie, die im Zeichen des Krieges zwischen Israel und dem Libanon steht. Im gleichen Jahr war Abbass Teil der Wettbewerbsjury der 65. Internationalen Filmfestspiele von Cannes unter Vorsitz von Nanni Moretti. Hiam Abbass lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Zinedine Soualem, und ihren beiden Töchtern in Paris.
Filmografie (Auswahl)
2002 ROTER SATIN (Regie: Raja Amari)
2004 DIE SYRISCHE BRAUT (Regie: Eran Riklis)
2005 PARADISE NOW (Regie: Hany Abu-Assad)
2005 FREE ZONE (Regie: Amos Gitai)
2005 MÜNCHEN (Regie: Steven Spielberg)
2007 DIALOG MIT MEINEM GÄRTNER (Regie: Jean Becker)
2007 EIN SOMMER IN NEW YORK – THE VISITOR (Regie: Tom McCarthy)
2008 LEMON TREE (Regie: Eran Riklis)
2009 THE LIMITS OF CONTROL (Regie: Jim Jarmusch)
2010 MIRAL (Regie: Julian Schnabel)
2012 INHERITANCE (Regie: Hiam Abbas)
2014 EXODUS: GÖTTER UND KÖNIGE (Regie: Ridley Scott)
2015 BIRNENKUCHEN MIT LAVENDEL (Regie: Éric Besnard)
2017 INNEN LEBEN (Regie: Philippe Van Leeuw)
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 08.06.2017
DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN
Ab 15. Juni 2017 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bella (Jessica Brown Findlay) liebt die kleinen Dinge, die ihre Phantasie beflügeln, und träumt davon, Kinderbücher zu schreiben. Im echten Leben und in ihrem Haus aber liebt sie Ordnung über alles. Natur ist ihr ein Graus, bedeutet sie doch Willkür und Chaos. Als sie von ihrem Vermieter gezwungen wird, ihren verwilderten Garten innerhalb eines Monats in einen blühenden zu verwandeln, weil ihr sonst die Kündigung droht, bekommt sie unerwartet Hilfe von ihrem mürrischen Nachbar Alfie Stephenson (Tom Wilkinson).
Der besitzt nicht nur einen sehr grünen Daumen und eine Menge Lebensweisheit, er beschäftigt auch den überaus begabten Koch Vernon (Andrew Scott). Doch Vernon ist nicht nur kulinarisch versiert, er hat außerdem ein besonderes Gespür für Menschen. Als er merkt, wie sehr Bellas Herz für den jungen Erfinder Billy (Jeremy Irving) schlägt, hilft er dem Glück ein wenig auf die Sprünge.
Dank seines äußerst liebevollen Blicks für seine Figuren und jedes noch so kleine Detail ist Regisseur Simon Aboud mit DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN die Schaffung einer ganz eigenen und besonderen Welt gelungen, in der der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.
DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN ist ein modernes Märchen über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einer jungen verträumten Frau, die nach dem Sinn des Lebens sucht, und ihrem Nachbar, einem alten Witwer, der mit dem Leben eigentlich schon abgeschlossen hat. Am Ende stehen sie nicht nur in einem geradezu zauberhaften Garten, sondern sind sich einig, jeder auf seine Art, dass die ganz große Magie das Leben selbst ist.


Drehbuch & Regie: Simon Aboud
Mit Jessica Brown Findlay, Tom Wilkinson, Andrew Scott u.a.


Eigentlich ist die Welt der schönen und sensiblen Bella Brown (Jessica Brown Findlay) in Ordnung. Wenn, ja, wenn sie Bellas eigener Ordnung folgt. Denn in Bellas Welt hat alles seinen Platz. Die sorgfältig aufgereihten Kleider in Bellas Schrank, die schottischen Müsli-Packungen in ihrem Regal und die Bücher in der Bibliothek, in der Bella arbeitet. Kein Wunder, dass alles, was sich nicht ordnen lässt, für Bella Ausdruck des reinen Chaos ist.
So wie das Durcheinander der Natur, mit ihren unvorhersehbaren Ausbrüchen, den Pflanzen, die keiner Ordnung folgend, in unbestimmter Anordnung und nicht vorhersehbaren Farben Bella das Leben schwermachen. In diesem Zwiespalt zwischen Ordnung und Chaos träumt Bella einen Traum: Sie möchte eine Schriftstellerin sein. Dann kommt der Tag, an dem Bella beschließt, dass sich ab jetzt alles ändern wird. Und tatsächlich geschieht etwas, von dessen Ausmaß Bella zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnen kann.
In der Bibliothek, in der Bella arbeitet, erscheint an diesem Tag ein junger Mann. William Tranter alias Billy (Jeremy Irvine) ist unkonventionell, ein wenig schüchtern und – unordentlich. Aber dennoch ist da etwas an ihm, das Bella heimlich durch die Regalreihen blicken lässt, um ihn unbemerkt zu beobachten. Billy vergisst einen Zettel in der Bibliothek, und als Bella diesen abends zuhause untersucht, entdeckt sie die Zeichnung eines Wundervogels. Plötzlich fliegt dieser aus Bellas Zimmer und zwingt sie, sich aus der Sicherheit ihrer Wohnung in den beängstigenden Garten zu wagen. Nicht ohne Folgen. Bella wird ohnmächtig.
Als Bella wieder zu sich kommt, blickt sie in das Gesicht von Milly Milton (Eileen Davies), der Ärztin ihres mürrisch-zynischen Nachbarn Alfie Stephenson (Tom Wilkinson). Der hat wenig Mitgefühl mit Bella, dieser „Gartenterroristin”. Genauso grantig behandelt Stephenson auch seinen Koch Vernon (Andrew Scott).
Trotzdem kümmert sich der schottische Witwer und Vater von zwei Töchtern schon seit vielen Jahren um Alfie Stephenson. Bis es an diesem Tag zu einem Streit zwischen den beiden kommt. Am nächsten Tag steht Vernon mit seinen Töchtern vor Bellas Tür, um ihr ein Frühstück zu bereiten. Bella fühlt sich überrumpelt.
Doch als Stephenson Vernon wütend entlässt, bietet sie ihm an, von nun an für sie zu arbeiten. Sehr zum Leidwesen von Alfie Stephenson, der sie zur persona non grata erklärt und ihr aus Rache den Hausverwalter auf den Hals jagt. Einen Monat gibt der Bella, um den Garten wieder auf Vordermann zu bringen, sonst wird ihr die Wohnung in Primrose Gardens gekündigt. Bella bleibt nichts anderes übrig, als sich ihren Ängsten zu stellen und die Arbeit am Garten aufzunehmen.
Doch Alfie Stephenson lässt nicht locker – er will „seinen” Vernon wiederhaben. Als er Bella schließlich erklärt, dass alles was ihm geblieben sei, die Schönheit der Natur und die Aussicht auf ein letztes, herzhaftes Mahl wären, einigen sich die beiden: Vernon wird wieder für Alfie Stephenson kochen, wenn der Bella dabei hilft, den Garten in Ordnung zu bringen.

Die ungewöhnliche Partnerschaft der beiden beginnt mit einem Geschenk. Alfie Stephenson überlässt Bella das Buch von Arthur Mildmay über die fantastischen Wunder des Gartens. Dieses Buch ist ihm so wichtig, dass Bella es erst nach seinem Tod behalten darf. Bis dahin darf Bella darin lesen. Und das tut sie auch. Stück für Stück eröffnet sich für Bella eine ganz andere Welt der Ordnung, das wundervoll geordnete Chaos der Natur, wie Alfie Stephenson es nennt: „Und das Chaos ist keine Katastrophe, Miss Brown.” Mit jedem Tag kommen sich die beiden näher, aus Mr. Stephenson wird Alfie, aus Miss Brown wird Bella und aus den ehemaligen Gegnern ein “Wir”.
Wenn Bella sich in die Natur begibt, dann am liebsten im Stadtpark, der in der Gradlinigkeit britischer Gartenarchitektur angelegt ist. Dort füttert sie jeden Sonntag den zerzausten Gänserich „Sid“. An diesem Sonntag trifft sie dort auch auf Billy. Die beiden kommen sich näher und Bella findet endlich den Anfang der Geschichte, die sie schon immer erzählen wollte. Es ist die Geschichte über Luna, einen wundersamen mechanischen Vogel, den Billy erfunden hat. So wie die Nähe zwischen Bella und Billy mit jedem Tag wächst, entwickelt sich auch die Geschichte von Luna, die sich auf den Weg macht, ihre Ängste zu besiegen.
Bella ist glücklich. Glücklich, bis sie ihren Job in der Bibliothek verliert und bis es zu einem Missverständnis zwischen ihr und Billy kommt. Denn dann wird Bella krank, krank vor Liebeskummer. Und es bleiben ihr nur noch wenige Tage, um nicht auch noch die Wohnung zu verlieren. Vernon und Alfie sorgen sich – es scheint keine Medizin zu geben, um ein gebrochenes Herz zu heilen. Das weiß niemand besser als Alfie, der nun angesichts von Bellas misslicher Lage, sein Herz öffnet und ihr die Freundschaft anbietet. So erfährt Bella auch, dass Arthur Mildmay das Autorensynonym für Alfies verstorbene Frau ist, die Gartenarchitektin und Alfies Verbindung zum Leben war.
Es bleibt nur noch ein Tag, um Bella zu retten. Alfie und Vernon beschließen, ihr unter die Arme zu greifen. Als Bella mit Milly von einem Ausflug zurückkommt, findet sie den Garten in blühender Pracht vor. Als am nächsten Tag der Vermieter vor Bellas Tür steht, ist auch Billy da. Bella und Billy sprechen sich aus und dem Vermieter bleibt nichts anderes übrig, als die großartige Leistung der Gartenarchitektur anzuerkennen. Bella darf bleiben.
Alles hat seine Ordnung im Chaos gefunden. Bella hat ihr Kinderbuch „This Beautiful Fantastic“, über die mutige Luna beendet, die, wie Bella, es geschafft hat, ihre Ängste zu besiegen. Und auch Alfie hat zurück ins Leben gefunden. Bis zu dem Tag, an dem Bella das von Alfie geliebte Buch seiner Frau ihr Eigen nennen wird.


DIRECTOR’S NOTE
DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN erzählt von Alfie, einem Mann, der die Schönheit des Lebens kennt, sich aber nicht mehr daran erfreuen kann, und der jungen Bella, die diese erst noch entdecken muss. Als sich beide begegnen, prallen zwei Welten aufeinander. Doch am Ende wird daraus eine ungewöhnliche Freundschaft, die über das Leben hinaus hält.
Die Verwandlung des Gartens in seine ursprüngliche Schönheit ist wie eine Metapher. Es sind Alfies Erfahrungen, die Bella helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Und durch Bellas Kampf, ihre Ängste zu überwinden, gelingt es Alfie, wieder am Leben teilzuhaben.
DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN ist eines dieser raren Drehbücher, deren einzigartige Geschichte zu einem wahren Leinwand-Juwel wird. Es ist nicht nur ein Märchen für Erwachsene, sondern auch eine romantische Erzählung über eine aufblühende Liebe und eine Komödie über das Erwachsenwerden.
Als Filmemacher konzentriere ich mich immer auf die emotionale Wahrheit einer Geschichte; auf die Charaktere und wie sie sich innerhalb der Geschichte entwickeln. Mir war wichtig, dass DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN eine Balance findet zwischen seelischen Nöten, emotionaler Wärme und einer sorgfältig choreographierten, filmischen Schönheit. Die Zeitlosigkeit der Geschichte haben wir mit den visuellen Details der Ausstattung und durch den Digital Grade in der Postproduktion entsprochen. Unsere „Farbreise“ begann mit kalten, tiefen Blau- und Grautönen in den Anfangsszenen über Bellas Kindheit, und endete mit allmählich helleren und wärmeren Tönen, die Bellas Entdeckungsreise und Erwachen widerspiegeln.
Auch die Kamerabewegungen sind ganz bewusst gewählt. Die MoVi-Ausrüstung setzen wir sehr weich, fast poetisch ein, um die emotionale Seite von Bellas Reise einzufangen, an deren Ende sie letztendlich die Liebe findet. In ihren melancholischeren Momenten ist die Kameraeinstellung starr, düster, mit konservativer Bildeinstellung. Die Kamerabewegung entspricht in jeder Phase der Geschichte Bellas Stimmung.
Auch der Garten selbst ist ein wichtiger Darsteller in DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN. Je wichtiger er in Bellas Leben wird, umso mehr Raum bekommt er in den Bildeinstellungen und prägt sich somit im Bewusstsein des Zuschauers ein. Der Garten wird Teil des Bildgefüges und unterstützt die Geschichte, indem er sich mal in ihren Vordergrund drängt, mal in ihrem Hintergrund agiert.
Die Zeitebene, in der sich die Charaktere bewegen, beschreibe ich gerne als “irgendwo zwischen Jetzt und Dann”. Die Atmosphäre entspricht durch und durch einem englischen Stil, ohne ein bestimmtes Jahr und einen bestimmten Ort zu definieren. Denn DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN spielt nicht im Heute mit all den dazugehörigen zeitgemäßen technologischen Gadgets. Der Film ist in der Architektur und den ausgewählten Orten eher im nostalgischen Stil des englischen Jugendstils angelegt. Das spiegelt sich auch im Kostümdesign wider, das im Film eine entscheidende Rolle spielt und die Individualität jedes Charakters definiert, ohne dass durch Vintage-Einflüsse das Gesamtbild gestört wird.
Mit der Filmmusik sind wir genauso verfahren wie mit der szenischen Darstellung des Gartens, auch sie ist zum allgegenwärtigen Darsteller geworden. Mich hat schon immer die Musik der „Cocteau Twins“ sehr angesprochen und ganz aktuell ihr Song „The Yeah Yeah Yeahs“. Deshalb habe zu der vom Piano und Geigen dominierten Hintergrundmusik, die der Geschichte und den Jahreszeiten folgt, Momente geschaffen, in denen die Musik moderner ist und von einer starken, weiblichen Stimme geführt wird, damit Bellas Emotionen fast wie durch Schreie verstärkt werden.
Simon Aboud
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 01.06.2017
BORN TO BE BLUE
Ab 08. Juni 2017 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
BORN TO BE BLUE erzählt von einem Wendepunkt im Leben des legendären Jazz-Trompeters Chet Baker (Ethan Hawke). Nach einem kometenhaften Aufstieg in den 1950er Jahren, gefeiert als der „James Dean of Jazz“ und „King of Cool“, war Baker schon zehn Jahre später am Ende. Zerrissen von seinen inneren Dämonen und den Exzessen des Musikerlebens, begegnet er einer Frau (Carmen Ejogo), mit der wieder alles möglich scheint. Angefeuert von seiner neuen Leidenschaft und ihrem bedingungslosen Glauben an ihn, kämpft sich Baker wieder zurück und erschafft so einige der unvergesslichsten Musikaufnahmen seiner Karriere.

Ein Film von ROBERT BUDREAU
Mit ETHAN HAWKE, CARMEN EJOGO, CALLUM KEITH RENNIE, TONY NAPPO


BORN TO BE BLUE ist eine eindrucksvolle Comeback-Story und eine Liebeserklärung an einen der begnadetsten Musiker der Welt. Als Jazz-Ikone Chet Baker liefert Ethan Hawke (Oscar-nominiert für TRAINING DAY und BOYHOOD) eine schauspielerische Leistung, die zu der Besten seiner Karriere gehört. Als die Frau, die Chet Baker wieder zur Höchstform inspirierte, brilliert die britische Schauspielerin Carmen Ejogo (SELMA).
Seine Weltpremiere feierte der Film des kanadischen Regisseurs Robert Budreau beim Filmfestival in Toronto.


1966 kann es für Chet Baker (Ethan Hawke) nicht weiter abwärts gehen. Der Mann, der als bester Jazz-Trompeter der Welt gilt, bekommt weder sein Leben noch seine Drogensucht in den Griff. 12 Jahre ist es her, dass er, der Erfinder des West Coast Swing, erstmals im legendären New Yorker Jazzclub Birdland auftrat. Draußen standen kreischende Fans, drinnen saß der berühmte Kollege Miles Davis – und ließ seinen weißen Konkurrenten deutlich spüren, wie wenig er von dessen Musik hielt. Kein Wunder, dass sich Chet zu jener Zeit – zwischen Welterfolg und Selbstzweifel – wieder dem Heroin zuwendete, das ihm bald zum Verhängnis werden sollte.
Zumindest will man aber einen Film über sein bewegtes Leben drehen. Dass Chet Gefallen findet an der ungewohnten Arbeit als Schauspieler liegt nicht zuletzt an seiner Kollegin Jane (Carmen Ejogo), die seine frühere Ehefrau Elaine verkörpert. Anfangs hält sich ihr Interesse an ihm in Grenzen, aber schließlich gelingt es Chet doch, sie zu einem Date zu überreden. Beim gemeinsamen Bowlen kommen sich die beiden näher, allerdings holt ihn noch am selben Abend seine Junkie-Vergangenheit ein: vor der Bowling-Halle lauert ihm sein früherer Dealer auf und prügelt den Musiker gemeinsam mit zwei Handlangern krankenhausreif. In der Klinik gibt es für Chet ein jähes Erwachen. Das Filmprojekt ist durch seinen Ausfall hinfällig, und sein ehemaliger Produzent und Plattenfirmenboss Dick Bock (Callum Keith Rennie) will ihm außer dem Ratschlag, endgültig die Sucht in den Griff zu bekommen, keine weitere Hilfe angedeihen lassen. Immerhin macht Jane keine Anstalten, von seiner Seite zu weichen.
Auch sie kann allerdings kaum über die schlimmste Nachricht hinwegtrösten: nach dem Überfall muss ihm eine Zahnprothese eingesetzt werden – und dass er mit der je wieder Trompete spielen kann, scheint nahezu ausgeschlossen.
Gemeinsam mit Jane bemüht sich Chet dennoch, aller Verzweiflung und Schmerzen zum Trotz Stück für Stück zurück ins Leben zu finden. Außerdem gilt es, die Auflagen des Bewährungshelfers zu erfüllen: keine Schmerzmittel, Methadon gegen die Heroinsucht und ein regelmäßiger Job, der möglichst den Kontakt zu Drogen verhindern soll. Sogar einen Aufenthalt auf der Farm seiner Eltern in Oklahoma nimmt Chet in Kauf, wo er vorübergehend als Tankwart anheuert.
Die Musik allerdings lässt ihn nicht los; immer wieder greift er zur Trompete und versucht ganz langsam, seinen Kiefer wieder an das Instrument zu gewöhnen und die Schmerzen zu überwinden. Nach der Rückkehr nach Los Angeles wagt sich Chet in einer Pizzeria mit sonntäglichen Jazz-Konzerten irgendwann sogar wieder auf eine Bühne. Aber der Weg zurück zur alten musikalischen Form ist weit, und der Bewährungshelfer sitzt ihm immer im Nacken. Erst als es Jane gelingt, seinen alten Freund Dick dazu zu überreden, Chet als Studiomusiker und Hilfsarbeiter zu engagieren, geht es endgültig wieder aufwärts.
Beruflich wie privat könnte Chet optimistisch in die Zukunft blicken: Jane ist schwanger und nimmt seinen Heiratsantrag an, und bei einem von Dick veranstalteten Konzert zollt ihm sogar der berühmte Kollege Dizzy Gillespie Respekt. Chet allerdings träumt von nichts so sehr wie von einer Rückkehr ins Birdland, wo er sich endlich vor Miles Davis beweisen will. Doch genau dort lauern auch die Dämonen der Vergangenheit...


PRODUKTIONSNOTIZEN
Die Ursprünge
Seinen Ursprung hat BORN TO BE BLUE nicht nur in Robert Budreaus Liebe zur Musik, sondern auch in „Dream Recording“ (2003), einem experimentellen Kurzfilm des Regisseurs und Drehbuchautors über schwarzen und weißen Jazz der 1940er Jahre. Schon damals entstand die Idee, einen Film über diese Musik zu drehen, der die gleiche Freiheit des Improvisierens verwendet. Und nicht zuletzt kam er für das Projekt erstmals mit dem Jazz-Pianisten und Komponisten David Braid zusammen, mit dem er nun auch für die Musik bei BORN TO BE BLUE kollaborierte.
Obwohl er schon seit langem großer Jazz-Fan ist, hörte Budreau erst vor rund acht Jahren das erste Mal von der persönlichen Geschichte Chet Bakers. In ihr entdeckte der Filmemacher zahlreiche Themen, denen er sich immer schon in seinen Filmen gewidmet hatte, allen voran einen Helden mit jeder Menge Fehlern, der auf der Suche nach Liebe und Erlösung ist.
„Zwei Aspekte reizten mich an Chet Bakers Geschichte besonders“, gibt Budreau zu Protokoll. „Zum einen der inspirierende, sympathische Teil, also die Tatsache, dass er seine Zähne verlor und sich mühsam ein Comeback erarbeiten musste. Und zum anderen eine Randnotiz mit durchaus surrealem Potential: dass man ihm anbot, die Hauptrolle in einem Film über sein Leben zu spielen, der dann letztlich nie zustande kam.“
In der Tat nahm Filmproduzent Dino de Laurentiis in den frühen Sechziger Jahren Kontakt zu Baker
auf, als der wegen eines Drogenvergehens in Italien im Gefängnis saß. In der Realität kam das Filmprojekt über Bakers Leben nie über das Planungsstadium hinaus. Doch Budreaus Idee war es sich vorzustellen, dass Baker tatsächlich als er selbst vor der Kamera stand. Auf diese Weise wollte er nicht nur die altbekannten Klischees anderer Musiker-Biopics vermeiden, sondern auch das im Jazz so wichtige Element der Improvisation auf die Leinwand bringen.
Aus diesem Erzählansatz entwickelte er eine Struktur, mit der seine Geschichte sich nicht ausschließlich auf Fakten verlässt, aber doch ein wahrhaftiges Bild der Figur und ihrer Zeit zeichnet. Eine nachvollziehbare Entscheidung, schließlich widersprach sich nicht zuletzt Baker gerne selbst. Darüber, wie er seine Zähne verloren hat, fand Budreau beispielsweise in den von ihm recherchierten Zeitungsartikeln und Gefängnis-Aufzeichnungen höchst unterschiedliche Aussagen.
„Die Tatsache, dass Chets eigene Erzählung seines Lebens voller Widersprüche und Improvisationen steckte, inspirierte mich dazu, weniger seiner Biografie als seiner Musik und seiner Persönlichkeit treu zu bleiben“, sagt der Regisseur. „Mich erinnerte das an Bob Dylan, der ebenfalls seinen eigenen Mythos und seine eigene Identität schuf, was dann sehr clever in dem Film I’M NOT THERE von Todd Haynes aufgegriffen wurde.“ BORN TO BE BLUE erzählt nun entsprechend eine Geschichte, die von wahren Schlüsselerlebnissen in Bakers Leben ausgeht, sich dabei aber fiktionale Freiheiten bei den Figuren und Ereignissen erlaubt.
Hauptdarsteller Ethan Hawke war die erste Wahl des Regisseurs und befand sich zum Zeitpunkt der
Kontaktaufnahme passenderweise gerade in Toronto, wo Budreau lebt. Von der Aussicht, Chet Baker zu spielen, war er auf Anhieb begeistert, nicht zuletzt weil er Jahre vorher bereits mit Richard Linklater versucht hatte, einen Film über den legendären Jazz-Musiker auf die Beine zu stellen. Mit Budreaus Entscheidung, in BORN TO BE BLUE eine gewisse Distanz zur Realität zu wahren, konnte er sofort etwas anfangen: „Es ist schwer zu beschreiben, aber ich fand immer, dass dies der Film ist, den man im Kopf hätte, wenn man sich hinlegen und eine Platte von Chet Baker auflegen würde. Er fängt Chets Geist ziemlich gut ein.“
„Ich finde es wirklich smart, was Robert gemacht hat, indem er Momente der Wahrheit – wie De Laurentiis’ Idee, dass Chet sich selbst spielt, oder Chets Verlust seiner Zähne – als Basis nimmt und diese sozusagen neu kombiniert“, fährt Hawke fort. „Das gibt dem Konzept des Biopics eine neue, nötige Wendung. Denn die Gesamtheit eines Menschen kann man ja ohnehin nicht auf der Leinwand einfangen. Einem Leben wird man nicht gerecht, wenn man es in eine Erzählung mit Anfang, Mitte und Schluss quetscht.“
Zu dieser Neugestaltung von Bakers Leben gehörte es auch, dass Budreau in seinem Drehbuch mehrere Frauen aus der Vergangenheit seines Protagonisten in der fiktiven Figur Jane kombiniert, anhand der sich Bakers wechselhaftes und kompliziertes Verhältnis zum Thema Liebe und Beziehungen erkennen lässt. Die Rolle übernahm Carmen Ejogo, die Budreau und Hawke zustimmt, dass BORN TO BE BLUE nicht wirklich als Biopic zu verstehen ist: „Für mich ist der Film eher eine Art Liebeserklärung an Chet Baker. Er fängt die Essenz dessen ein, was Chet war – und lässt sich davon leiten.“

Die Dreharbeiten
Um die verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen des Films zu unterscheiden, entschied sich Budreau schon früh dazu, die Szenen in den 1950er Jahren (also die Film-im-Film- und Erinnerungsszenen) in Schwarzweiß zu drehen. Dies sollte sie nicht nur vom Rest des Films abheben, sondern auch an die kontrastreichen Fotos und die visuelle Ikonografie erinnern, die das Bild der Jazz-Welt in den Fünfzigern prägten. Nicht zuletzt die berühmten Aufnahmen, die William Claxton damals von Baker machte, festigten das Bild des ‚James Dean des Jazz’ und brachten die Musikrichtung auch einem weißen (und weiblichen) Mainstream-Publikum nahe.
Um diesen Schwarzweiß-Szenen einen dokumentarischen Stil zu verpassen, entschieden sich Budreau und Kameramann Cosens für den Einsatz von handgeführten Kameras, wie der Regisseur erklärt: „Mir ging es um ein Gefühl von Spontanität und Naturalismus. Die Schauspieler sollten sich möglichst frei fühlen und das Ganze an Filme der Nouvelle Vague wie AUSSER ATEM erinnern.“ Als Kontrast dazu setzte das Team für die in Farbe gehaltenen Szenen der Sechziger Jahre auf eine klassischere Herangehensweise und Kamerafahrten.
Die Freiheit seiner Schauspieler förderte Budreau auch dadurch, dass er mit ihnen nicht im Vorfeld der Szenen an den Dialogen arbeitete und neue Sätze ausprobierte, sondern sie auch vor laufender Kamera improvisieren ließ. Callum Keith Rennie, der Bakers Produzenten und Freund Dick Bock spielt, war dabei besonders beeindruckt von seinem Kollegen Ethan Hawke: „Rob war wirklich toll darin, uns immer die Chance zu geben, den Szenen auch eine neue Richtung geben zu können. Und wir nutzten jede Möglichkeit, die sich bot. Mit Ethan auf diese Weise zu arbeiten ist etwas Besonderes, denn er ist ein unglaublich präsenter und instinktiver Schauspieler.“
Für Hawke und Ejogo ging es nach dem fünfwöchigen Dreh in Kanada schließlich noch für einige Tage nach Los Angeles, um für BORN TO BE BLUE auch ein wenig kalifornisches Flair einzufangen. Mit kleinem Team drehten sie in Santa Monica, wo das Licht am Meer eine große Rolle spielte: „Das Wetter sorgte für ein traumartiges, sanftes Licht, das den Szenen eine gewisse Dunkelheit verlieh, die bestens zu Chet Bakers Melancholie passte.“

Die Musik
Mindestens so viel Aufmerksamkeit wie den Schauspielern widmete Budreau der Musik in seinem
Film: „Es handelt sich bei BORN TO BE BLUE nicht um einen herkömmlichen Musikfilm mit lauter perfekt produzierten Nummern. Bei uns war das wichtigste, Chets Entwicklung zu zeigen. Er musste zum Teil ja richtig schlecht spielen, was eine besondere Herausforderung darstellte.“
Dass Baker keinen seiner berühmten Songs selbst geschrieben hatte, sondern häufig die Klassiker des so genannten Great American Songbook neu interpretierte, war für die Filmemacher letztlich ein Vorteil. „Wir entschieden schon früh, dass wir keine Originalaufnahmen verwenden, schon allein weil wir wollten, dass Ethan selbst singt“, erklärt Budreau. „Außerdem mussten wir eben darauf achten, dass die Arrangements der Songs zur Erzählung des Films passen. Mit den perfekt abgemischten Studioaufnahmen hätten wir in vielen Fällen nichts anfangen können, denn in den Szenen, in denen Chet mühsam an seinem Comeback arbeitet, musste man ja die Mühen und Schmerzen hören können.“
Um das zu erreichen, brauchte es nicht nur hervorragende Schauspieler, sondern natürlich auch ebensolche Musiker, wie David Braid berichtet, den Budreau nach dem gemeinsamen Jazz-Kurzfilm „Dream Recording“ als Music Arranger engagierte: „Unser Trompeter Kevin Turcotte sollte einen Oscar gewinnen für die Art und Weise, wie er spielte, die gleichzeitig fehlerhaft, aber eben auch wunderschön war. Das so glaubwürdig zu transportieren, dass es im Kino sowohl Musiker als auch Laien nachvollziehen können, war alles andere als ein Kinderspiel.“ Turcotte spielt im Film allerdings nicht nur die Trompeten-Parts von Chet Baker, sondern auch jene von seinen Kollegen Miles Davis und Dizzy Gillespie. „Dass hinter diesen unterschiedlichen Stilen in unserem Film ein und dieselbe Person steckt, ist wirklich bemerkenswert!“
Zu den bekanntesten Songs, die für den Film ausgewählt wurden, gehören „Let’s Get Lost“, „Summertime“, „Over the Rainbow“, „There’s a Small Hotel“ und natürlich „My Funny Valentine“, von Ethan Hawke selbst gesungen.
Um gesanglich bei „My Funny Valentine“ und „I’ve Never Been in Love Before“, den Hawke und Budreau für das emotionale Finale des Films auswählten, nahm der Schauspieler in New York Gesangsunterricht. Bei einigen der Stunden stieß Budreau dazu, genau wie schließlich auch bei den Aufnahmen in einem Studio in Brooklyn. Ganz reibungslos lief die Session dort nicht ab, wie der Regisseur sich erinnert: „Der erste Tag der Aufnahmen war lang und hart, aber Ethan war fantastisch und ich hatte das Gefühl, dass es am zweiten Tag kaum noch etwas zu tun geben würde. Dann aber kamen wir morgens an – und alles vom Vortag war gelöscht. Ethan musste noch einmal ganz von vorne beginnen, und diese zarten Liebeslieder singen. Doch er war umwerfend und sogar noch besser als am Tag zuvor.“
Hawke, der schon im Vorfeld der Dreharbeiten von den Produzenten das passende Instrument geschenkt bekommen hatte, nahm zur Vorbereitung auch Trompeten-Unterricht. „Mein Lehrer sagte mir, dass ich selbst mit fünf Jahren Üben nicht annähernd an das Spiel von Chet Baker herankommen würde. Dieser Illusion musste ich mich gar nicht hingeben“, berichtet der Schauspieler. „Aber ich wollte es mir nicht nehmen lassen. Außerdem hatte ich mich vor vielen Jahren schon mal auf einen Film über Chet Baker vorbereitet, der dann nie zustande kam. Deswegen war diese Rolle im Grunde nun 16 Jahre lang in der Mache.“
Hawke erinnerte sich durch die Auseinandersetzung mit Chet Baker auch daran, wie sehr er seine Liebe zum Jazz dem Kino verdankte. „Ich erinnere mich noch daran, wie mich damals Spike Lees Jazz Film MO’ BETTER BLUES umgehauen hatte. Allen voran Denzel Washington“, schwärmt der Schauspieler. „Und dann war da natürlich auch noch Robert Altmans KANSAS CITY.“
Zur Vorbereitung auf seine Rolle stürzte er sich außerdem Hals über Kopf ins Internet: „Ich finde es
fantastisch, welche Möglichkeiten sich heute bieten. Man kann ein Buch über Charlie Parker lesen und dann einen seiner Songs im Netz suchen und hören. Oder man kann Parkers Version von ‚Cheryl’ hören und direkt mit der von Chet Baker vergleichen. All das, worüber im Drehbuch gesprochen wird, kann man sich online selbst aneignen und verständlich machen.“
Hawke war allerdings nicht der einzige, der Freude an der Musik des Films hatte. „Ich fand es einfach fantastisch, bei der Arbeit an BORN TO BE BLUE ständig von Musik umgeben zu sein“, lacht Carmen Ejogo. „Nicht nur lief in unseren Wohnwagen ständig toller Jazz, sondern Ethan sang eigentlich auch die ganze Zeit. Diese Freude, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, ist ja genau das, worum es in unserem Film geht – und es hat viel Spaß gemacht mitzuerleben, wie Ethan genau darin aufgegangen ist.“

(Quelle: Verleih)
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 25.05.2017
IM ZEICHEN DES ABNEHMENDEN LICHTS
Ab 01. Juni 2017 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Ostberlin, im Frühherbst 1989. Wilhelm Powileit (Bruno Ganz), hochdekoriertes SED-Parteimitglied und Patriarch der Familie, wird heute 90 Jahre alt. Für die DDR, in die er 1952 aus dem mexikanischen Exil zurückkehrte und die er aus Überzeugung mit aufbaute, naht der 40. Geburtstag – es wird der letzte sein.
Wilhelm und seine Frau Charlotte (Hildegard Schmahl), einander in inniger Verbitterung verbunden, rüsten sich für Wilhelms Ehrentag. Nachbarn, Genossen und singende Pioniere treten an, um dem Genossen Powileit zu gratulieren, Blumen zu überreichen und ihm einen weiteren Orden zu verleihen. Charlotte hofft auf die Unterstützung der Familie: ihr Sohn Kurt (Sylvester Groth), der 1956 aus den Arbeitslagern der UdSSR nach Ostberlin gekommen ist und in Ostberlin als Historiker arbeitet, Kurts russische Frau Irina (Evgenia Dodina), die er heimlich betrügt, und auch Charlottes erwachsener Enkel Sascha (Alexander Fehling) haben ihre festen Plätze im parteikonformen Jubiläumsspektakel. Doch Sascha wird heute nicht wie gewohnt den Tisch fürs kalte Buffet aufbauen. Er ist, nur wenige Tage zuvor, in den Westen abgehauen. Die Nachricht platzt in die Festgesellschaft wie eine Bombe.
Während Kurts Schwiegermutter Nadeshda Iwanowna (Nina Antonowa) in Wodka geschwängerter Runde ihre russischen Weisen anstimmt, rechnet die verzweifelte Irina mit ihrer Schwiegertochter Melitta (Natalia Belitski) und der ganzen Gesellschaft ab. Haushaltshilfe Lisbeth (Gabriela Maria Schmeide) fegt die Scherben zusammen und auch Charlottes Freundin Stine (Angela Winkler) versucht zu retten, was zu retten ist. Doch je weiter das Fest dem Ende zugeht, umso mehr brechen sich Geheimnisse ihre Bahn... Die Veränderung ist nicht mehr aufzuhalten. Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts.

Ein Film von MATTI GESCHONNECK
Mit BRUNO GANZ, HILDEGARD SCHMAHL, SYLVESTER GROTH, EVGENIA DODINA

2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, ist IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS Eugen Ruges gefeierter Roman einer Familie in vier Generationen, die in den letzten Tagen der DDR auf eigene Art und Weise zerfällt. Nun liefert das Buch die Vorlage für den gleichnamigen Film, der auf den 67. Internationalen Filmfestspielen Berlin seine Weltpremiere feiert.
Regisseur Matti Geschonneck (BOXHAGENER PLATZ, DAS ZEUGENHAUS) inszenierte Wolfgang Kohlhaases (SOLO SUNNY, SOMMER VORM BALKON) kongeniales Drehbuch mit Freiheit und Präzision, sensibler Komik und anrührender Tragik für die Leinwand. In den Hauptrollen brillieren Bruno Ganz, Hildegard Schmahl, Sylvester Groth, Evgenia Dodina und Alexander Fehling. In weiteren Rollen sind u.a. Angela Winkler, Gabriela Maria Schmeide, Inka Friedrich und Thorsten Merten zu sehen.
IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS ist eine Produktion der MOOVIE (Produzenten: Oliver Berben, Sarah Kirkegaard) in Koproduktion mit dem ZDF (Redaktion: Reinhold Elschot, Stefanie von Heydwolff) und Constantin Film Produktion, gefördert vom Medienboard Berlin-Brandenburg, dem Deutschen Filmförderfonds, der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und dem FilmFernsehFonds Bayern.
X Verleih bringt den Film am 01. Juni 2017 im Vertrieb der Warner Bros. in die deutschen Kinos.


GESPRÄCH ZWISCHEN WOLFGANG KOHLHAASE UND MATTI GESCHONNECK. BERLIN, 17. FEBRUAR 2017

Herr Kohlhaase, was haben Sie beim Lesen von Eugen Ruges Roman IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS für sich entdeckt?
Wolfgang Kohlhaase: Zunächst möchte ich sagen, dass ich gern seinen Vater gelesen habe, den Historiker Wolfgang Ruge. Er schrieb erhellend und unprofessoral über die Weimarer Republik und die Umstände, die zu Hitler führten. Eugen Ruge kannte ich nicht. Ich las IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS und mir fiel der Ton der Geschichte auf, ein leichter Ton für ein schweres Thema. Dann erfuhr ich, dass er über seine Familie geschrieben hatte. Ich hatte Menschen mit ähnlichen deutschen Lebensläufen kennengelernt, wie Ruge sie beschreibt. Ihre Wege waren Fluchtwege und hatten um die Welt geführt, nach Frankreich und Mexiko, nach New York und Moskau. Und manche hatten mit linker Gesinnung in sibirischen Lagern überlebt. Solche Menschen waren damals, bald nach dem Krieg, als ich anfing, zu denken und zu lesen, sehr wichtig für mich.

Was vor allem haben Sie an ihnen bemerkt?
WK: Ihren besonderen Blick auf Geschichte. Ihre Bildung, aber auch ihre Geduld und Bescheidenheit haben mich sehr berührt. Dabei waren es doch Leute, die die Widersprüche des Jahrhunderts ausgetragen und erlitten hatten.

Dachten Sie beim Lesen des Buches sofort an eine Verfilmung?
WK: Es war zunächst eine Art Einmann-Idee. Ich wusste, was nicht ging: Der Roman ließ sich nicht einfach kürzen. Und ich wollte keinen Mehrteiler fürs Fernsehen machen.

Haben Sie sich mit Eugen Ruge getroffen?
WK: Ja. Ich hatte dann eine Art Plan für das Drehbuch, auf ein paar Seiten. Das hatte noch den Charakter eines Versuchs. Wir waren uns einig, dass der Film seine Autonomie suchen muss. Das betraf Text und Untertext, Dramaturgie, die Rangordnung der Personen, die Dialoge. Der Stoff musste Material werden und dann wieder Form.

Welche Entscheidungen grundsätzlicher Art haben Sie für die Struktur des Drehbuchs getroffen?
WK: Das eben Gesagte. Außerdem: Keine Rückblenden.

Herr Geschonneck, wann sind Sie zu IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS als Projekt gestoßen?
Matti Geschonneck: Ich las zunächst über den Roman. Dann beim eigentlichen Lesen des Buches haben mich vor allem die Figuren interessiert. Wie Wolfgang Kohlhaase kannte ich aus meinem privaten Umfeld reale Personen mit ähnlichen Biografien, aus meiner Familie, aus meiner Schulzeit in der DDR, aber auch aus den Jahren meines Studiums in der Sowjetunion. Mir ist Russland, das im Buch eine große Rolle spielt, in seiner Schönheit, aber auch in seiner Zerrissenheit und Gewalt, sehr nahe.

Noch also gab es kein Drehbuch …
MG: Nein, aber ich habe geahnt, dass der Stoff bei Wolfgang Kohlhaase landen würde. Das lag nahe.

Ein erfolgreicher Roman wird zumeist sehr schnell vom Markt gekauft, um ihn irgendwann zu verfilmen.
MG: So war es auch. Mit Produzent Oliver Berben hatte ich zuvor schon gearbeitet, wir fanden für IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS sehr schnell zueinander. Mit Wolfgang kam ich zusammen, da hatte er eine dreiviertel Seite mit seinen Grundideen aufgeschrieben.

War der Film zu diesem frühen Zeitpunkt schon fürs Kino geplant?
MG: Nein, erst im Sommer 2015 ist diese Entscheidung gefallen. Ich habe es immer so gewollt, Wolfgang ebenso, aber der Weg musste erst dorthin führen. Es mag daran gelegen haben, dass sich sehr schnell die Struktur eines Kammerspiels herauskristallisierte. Und wo viele Worte sind, liegt das Fernsehen zunächst nahe. Wir wollten aber unbedingt den Versuch fürs Kino wagen.

Kohlhaase und Geschonneck – man weiß im Land um Ihrer beider Markenzeichen, vor allem um die einzigartige Präzision in der Zeichnung von Figuren und Milieus. Warum hat es für eine erste gemeinsame Arbeit so lange gedauert?
WK: Ich wusste von Matti, dass er viel dreht. Ich hatte meinen eigenen Rhythmus und war anders verabredet. Der Reiz neuer Bekanntschaften in der Arbeit ist mir aber bewusst, das hat ja auch etwas Spielerisches.
MG: Das muss sich ergeben. Ich bin ja mit Kohlhaases Filmen groß geworden, die unter Gerhard Klein, Frank Beyer oder Konrad Wolf entstanden sind. Für mich sehr wichtige Filme. Dass eine Zusammenarbeit gerade bei IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS zustande kam, ist auch mit Blick auf unsere unterschiedlichen Biografien vielleicht ganz interessant.

Ein eher indirekter Schnittpunkt zwischen Ihnen ist Gerhard Kleins „Berlin um die Ecke“ von 1966, in dem der große Erwin Geschonneck die Hauptrolle spielt, Mattis Vater …
WK: Erwin war ja auch so ein Mann mit einer imponierenden Biografie, über die man nur staunen kann. Unglaublich, was einem Menschen geschehen konnte! Obwohl meine Familie kein Modell für Drehbücher abgegeben hat, spielte Erwin Geschonneck in „Berlin um die Ecke“ eine Rolle, die meinem Vater nahe kam. Er war Reparaturschlosser in der Fabrik, in der wir drehten.
MG: Es gibt sehr eigenartige Kreuzungen im Leben und im Beruf. Sie sind manchmal hilfreich, manchmal nur erstaunlich. Ich bin nicht bei meinem Vater aufgewachsen, hatte lange Jahre nicht mal eine Beziehung zu ihm. Nicht einfach für mich, auch mit dem in der DDR berühmten Namen Geschonneck zu leben…
Und als Sohn dieses verdienstvollen Kommunisten bin ich 1978 in den Westen gegangen und 1989 wiedergekommen. Erst danach begann die Annäherung an meinen Vater. Er war schon über 80. Durch die Arbeit an IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS bin ich ihm wieder begegnet, in der Figur des Wilhelm Powileit, mit Respekt vor seinem Leben und Nachdenken darüber, auch über seine leidvolle Zeit im KZ. Das begleitete mich, als Bruno Ganz letztendlich zu Wilhelm Powileit wurde.

Von außen betrachtet, erscheint die Besetzung für IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS ideal. Auch für den Regisseur?
MG: Jede Besetzung ist für mich, nachdem sie entschieden ist, die ideale. Oder muss es sein. Es sei denn, ich habe mich komplett geirrt. Für IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS reicht die Stärke des kraftvollen Ensembles über den großartigen Bruno Ganz hinaus. Da ist Sylvester Groth, der mich durch die Wärme in seinem Spiel sehr berührt hat. Da ist die wunderbare Frauenriege mit Hildegard Schmahl vornweg. Da sind die Russinnen mit dieser außergewöhnlichen Evgenia Dodina als Irina, die mit ihrer Leidenschaft und Energie für mich als Regisseur ein Glücksfall bedeutete. Ihnen allen, bis hin zur kleinsten Nebenrolle, auf der großen Leinwand zuzusehen, ist ein Vergnügen. Ich hatte das Gefühl, die Schauspieler haben ihre Arbeit gerne gemacht. Sie waren mit großer Konzentration dabei. Ich habe sie alle sehr gemocht!

Herr Kohlhaase, wie sehen Sie die Frauen in IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS?
WK: Zunächst sind sie schön! Und es sind die Gesichter von drei Generationen. Film kann etwas, das weder Malerei oder Fotografie können: Er kann das Entstehen eines Gefühls im Gesicht eines Menschen zeigen. Dialog allein kann das oft nicht. Dialog soll nicht Schwierigkeiten bereiten, sondern Möglichkeiten öffnen.

In der Riege der Schauspieler und Schauspielerinnen gibt es Entdeckungen und Wiederentdeckungen.
MG: Mancher Zuschauer wird vielleicht aus Neugier ins Kino gehen, auch um zu sehen, wie der Schweizer Bruno Ganz mit seinem großen Repertoire den Kommunisten Powileit spielt. Er wird es den Skeptikern nicht leicht machen, denke ich.

Was ist für Sie bei einer Inszenierung als Kammerspiel in besonderem Maße nötig?
MG: Die Spannung zu halten, und das auf engstem Raum. Timing, Empathie sowieso. Man kann nicht auf andere Schauplätze ausweichen. Der Blick auf die Schauspieler ist noch fokussierter. Alle haben da Großartiges geleistet, insbesondere Bruno Ganz. Obwohl das Zentrum der Szene, konnte er bei den vielen Figuren nicht permanent im Bild sein. Er musste über einen langen Zeitraum nur anspielen. Letztlich muss ich die der Vorlage adäquate Tonalität finden.

Kam der Ausstattung eine kleinere Rolle zu, weil man als Zuschauer so dicht an die Figuren heranrückt?
MG: Im Gegenteil! Die Ausstattung war enorm wichtig, gerade bei der Empfindlichkeit dieses historischen Stoffes. Kamera, Szenenbild, Kostüm, Maske, zusammen muss das eine selbstverständliche Einheit bilden. Und ich hatte dafür hervorragende Mitarbeiter.

Eine Frage an Sie beide: Trifft der Humor, den Sie in der Romanvorlage gefunden haben, Ihren persönlichen?
WK: Humor ist ja eine sehr subjektive Sache. Der Roman hat ihn auf seine Weise. Ich musste meinen eigenen Tonfall finden.
MG: Humor kann missverständlich sein. Unangenehm auch, wenn man die Anstrengung bemerkt, bemüht lustig sein zu wollen. Kohlhaases Humor kommt trocken unauffällig daher und stellt sich indirekt ein. Er ist bereits in der Konstellation der Figuren begründet. Er ist sehr fein.
WK: Pointen sollten sich nicht in die Hacken treten.
MG: Sie sollten sich nicht vorher anmelden. Man darf in der Umsetzung nicht auf sie hereinfallen.

Am 90. Geburtstag von Wilhelm Powileit ist man als Zuschauer auch beim Verlöschen von Ideen dabei – der eines Landes, eines Systems, einer Ehe und Familie.
MG: Ich habe mich eher an der Ehegeschichte von Wilhelms Stiefsohn Kurt und Irina orientiert. Das war für mich das Gerüst. Eine Ehe stirbt, eine Familie löst sich auf. Ein System stirbt.

Wie wichtig für den Stoff ist der Abstand von über einem Vierteljahrhundert zwischen tatsächlichem Handlungsjahr und Filmstart?
WK: Vielleicht braucht es Abstand, damit man ernste und gewichtige Dinge komisch sehen kann. Die Welt ist bunt, aber ungerecht. Doch sie dreht sich weiter. Man sagt, dass die Sieger die Geschichte schreiben. Wenn es denn so wäre, oder nur so wäre, dann werden dringend intelligente Sieger gesucht. Das untergegangene Land DDR hat schon mal das Scheitern geübt, aber diese Übung steht uns vielleicht ein weiteres Mal bevor.
MG: IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS Allerdings weiß ich nicht, ob man solche Stoffe in dieser schnelllebigen Kinolandschaft noch lange wird unterbringen können. Auch da ist vieles unbestimmt und unvorhersehbar.

Sehen Sie IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS als Film, der gegen das Vergessen anspielt?
WK: Es gibt dieses schöne Wort, wonach erzählt werden kann, was beendet ist. Da sind wir wieder beim Abstand, sowohl dem des Schreibers und Filmemachers als auch dem des Zuschauers. Man schreibt ja nicht, weil man es besser weiß als andere, sondern weil man durch das Schreiben etwas herausfinden will, auch über sich selbst. Einen Film zu machen, das ist eine Reise des Herzens, zu der man ein Publikum hinzubittet.


BRUNO GANZ als Wilhelm Powileit
Der Schweizer Bruno Ganz gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler. Seine erste Rolle spielte er 1960 im Alter von 19 Jahren in der Schweizer Kriminalkomödie DER HERR MIT DER SCHWARZEN MELONE von Karl Suter. Suter gilt als Entdecker und Förderer von Ganz. Er besetzte ihn nicht nur in DER HERR MIT DER SCHWARZEN MELONE, sondern auch als Jazzfan 1961 in WENN MÄNNER SCHLANGE STEHEN. Außerdem arbeitete Ganz für Suter in Stücken im Theater am Hechtplatz in Zürich. Er besuchte das renommierte Züricher Bühnenstudio, die heutige Hochschule der Künste. 1962 erhielt Ganz ein Engagement am Jungen Theater Göttingen und war dann von 1964 bis 1969 Mitglied im Ensemble am Theater am Goetheplatz in Bremen. Bei diesem Engagement arbeitete er auch an Projekten von Peter Zadek mit. Mit Peter Stein realisierte er ab 1967 viele Theaterprojekte bevor er am Zürcher Schauspielhaus verpflichtet wurde. Ab 1970 kehrte er wieder nach Deutschland zurück, um im Ensemble der Berliner Schaubühne unter der Leitung von Peter Stein mitzuwirken. In dieser Zeit arbeitete Ganz mit den berühmtesten deutschsprachigen Theaterregisseuren der Zeit zusammen: Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy und Dieter Dorn. Unter Peymanns Regie spielte er auch erstmalig bei den Salzburger Festspielen mit. Uraufgeführt wurde Thomas Bernhards Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Hierfür wurde Bruno Ganz als „Schauspieler des Jahres“ ausgezeichnet. Mit Thomas Bernhard verband ihn eine Freundschaft. Bernhard widmete ihm sein Stück „Die Jagdgesellschaft“. Obwohl Ganz in den 1970er-Jahren mit zahlreichen Regisseuren zusammenarbeitete, entwickelte sich eine besonders enge Zusammenarbeit zwischen ihm und Klaus Michael Grüber. So trat er 1986 in der Uraufführung von „Prometheus, gefesselt“ von Aischylos unter der Regie von Klaus Michael Grüber bei den Salzburger Festspielen auf. In Peter Steins 21-stündiger Inszenierung von Goethes „Faust I“ und „Faust II“ beeindruckte Bruno Ganz als alter Faust. Im Jahr 2003 trat er zum ersten Mal am renommierten Wiener Burgtheater auf. Die Regie des Stückes „Ödipus auf Kolonos“ führte auch diesmal Klaus Michael Grüber.
Neben seiner Theatertätigkeit glänzte Bruno Ganz auch regelmäßig in anspruchsvollen und von der Kritik gefeierten Filmrollen wie etwa bei den Wim Wenders-Produktionen DER AMERIKANISCHE FREUND (1977) und DER HIMMEL ÜBER BERLIN (1987), die ihn einem großen internationalen Publikum bekannt machten. Ein weiteres Highlight seiner Karriere war Silvio Soldinis romantische Komödie BROT UND TULPEN (2000), in der Ganz den isländischen Kellner Fernando verkörpert. Großes Kritikerlob wurde Ganz auch für die Darstellung von Adolf Hitler in DER UNTERGANG (2004) zuteil. Eine Reihe von großartigen Darbietungen in außergewöhnlichen internationalen und nationalen Produktionen folgten, so zum Beispiel in Stephen Daldrys DER VORLESER an der Seite von Kate Winslet, Uli Edels DER BAADER MEINHOF KOMPLEX, Wolfgang Panzers DER GROSSE KATER, Jo Baiers DAS ENDE IST MEIN ANFANG, Arnaud des Paillieres' MICHAEL KOHLHAAS mit Mads Mikkelsen, REMEMBER von Atom Egoyan, Terrence Malicks RADEGUND, Bille Augusts TRAIN TO LISSABON, Ridley Scotts THE COUNCELOR mit Michael Fassbender, Javier Bardem und Penélope Cruz oder Alain Gsponers HEIDI.
Im Laufe seiner langen Karriere erhielt Bruno Ganz zahlreiche Auszeichnungen. Für seine darstellerische Leistung in DIE MARQUISE VON O. erhielt er 1976 den Deutschen Filmpreis, das Filmband in Gold. 1991 wurde Ganz der Hans-Reinhart-Ring verliehen, die höchste Auszeichnung der Schweizer Theaterlandschaft. Seit 1996 ist er Träger des Iffland-Ringes, der dem bedeutendsten Theaterschauspieler seiner Zeit auf Lebenszeit verliehen wird. 1998 erhielt er in Frankreich den Orden der Künste und Literatur. Im gleichen Jahr bekam er den Prix Walo, die wichtigste Auszeichnung des Schweizer Showbusiness. Für seine Rolle in GEGEN ENDE DER NACHT erhielt er 1999 zusammen mit Oliver Storz, Karoline Eichhorn und Stefan Kurt den bedeutenden Adolf-Grimme-Preis. Jüngst erhielt er zudem den Ehrenpreis des bayerischen Ministerpräsidenten auf der 38. Verleihung des Bayerischen Filmpreises. Bruno Ganz ist seit 2006 Träger des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst. Von 2010 bis 2013 war Ganz zusammen mit Iris Berben Präsident der Deutschen Filmakademie.
Auf der 67. Berlinale ist Bruno Ganz gleich mit zwei Filmen vertreten: Sally Potters THE PARTY sowie in der Hauptrolle des Wilhelm Powileit in Matti Geschonnecks Verfilmung des Eugen Ruge Romans IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS, nach dem Drehbuch von Wolfgang Kolhaase.

HILDEGARD SCHMAHL als Charlotte Powileit
Die deutsche Schauspielerin Hildegard Schmahl kann auf eine lange und erfolgreiche Karriere bei Theater, Film und Fernsehen zurückblicken. Ihre Laufbahn begann sie als Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Später arbeitete sie am Theater in Braunschweig und Bern bevor sie 1967 das Gretchen in „Faust I“ am Schauspielhaus in Bochum verkörperte. Im gleichen Jahr erhielt sie den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für den Bereich Bühne. Bekannt ist sie für die Darstellung berühmter Theaterfiguren. So spielte sie 1969/70 Emilia Galotti und Minna von Barnhelm an den Staatlichen Schauspielbühnen in Berlin. Häufig arbeitete sie auch mit ihrem Ehemann zusammen, dem Intendanten und Regisseur Niels-Peter Rudolph, der als freier Regisseur in Berlin, Stuttgart und Hamburg inszenierte. Ab 1987 spielte sie dann unter Leitung von George Tabori im Wiener Theater „Der Kreis“. Besonders gelobt wurde ihre Darstellung des König Lear in Taboris eigenwilliger und außergewöhnlicher Inszenierung „Lears Schatten“ im Jahr 1989. 1990 arbeitete sie an Taboris Hörspiel „Masada – Ein Bericht“ mit. 1990/ 91 stellte sie ihr schauspielerisches Können am Thalia Theater in Hamburg unter Beweis. Hildegard Schmahl ist seit der Spielzeit 2001/2002 Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Im Jahr 2016 wirkte sie als Botin in der Oper „Mauerschau“ der Bayerischen Staatsoper mit.
Sie ist auch regelmäßig in Fernseh- und Filmrollen zu sehen, etwa 2001 an der Seite von Armin Mueller-Stahl, Monica Bleibtreu und Sebastian Koch in Heinrich Breloers Mehrteiler DIE MANNS – EIN JAHRHUNDERTROMAN. Im gleichen Jahr verkörperte sie die Figur Ina in Caroline Links Spielfilm NIRGENDWO IN AFRIKA, der 2003 einen Oscar als Bester fremdsprachiger Film erhielt. In Vivian Naefes Literaturverfilmung DER GESCHMACK VON APFELKERNEN (2013) spielte sie Berta an der Seite von Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Paula Beer und Meret Becker. Seit 2010 ist Hildegard Schmahl Trägerin des Hermine-Körner-Ringes auf Lebenszeit.

SYLVESTER GROTH als Kurt Umnitzer
Sylvester Groth, 1958 in Sachsen-Anhalt geboren, studierte an der Staatlichen Schauspielschule Berlin (später Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“) und spielte seit den frühen 80er Jahren an namhaften Theaterbühnen wie dem Staatsschauspiel Dresden, dem Deutschen Theater, der Schaubühne, dem Residenztheater und den Münchner Kammerspielen, dem Wiener Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen unter prägenden Regisseure wie Zadek, Grüber, Wilson u.a.. Seit 1982 ist er auch in Kino und Fernsehen zu sehen: Für Frank Beyers DER AUFENTHALT wurde ihm 1982 beim Nationalen Spielfilmfestival der DDR der Nachwuchsdarstellerpreis verliehen, Klaus Gendries besetzt ihn 1984 als Hauke Haien in DER SCHIMMELREITER. 1986 spielte er in der Literaturverfilmung MOMO. In Joseph Vilsmaiers aufwändigem Anti-Kriegsfilm STALINGRAD spielte er an der Seite von Dominique Horwitz, Thomas Kretschmann und Jochen Nickel. Im Lauf seiner langen Karriere verkörperte Groth bereits zwei Mal Joseph Goebbels, in Dani Levys Parodie MEIN FÜHRER – DIE WIRKLICH WAHRSTE WAHRHEIT ÜBER ADOLF HITLER (2007), für die er mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet wurde, sowie in Quentin Tarantinos Kriegsfilm INGLOURIOUS BASTERDS (2009). Für seine „Oustanding Performance by a Cast in a Motion Picture” wurde er von der Screen Actors Guild geehrt. An der Seite von Henry Hübchen und Corinna Harfouch spielte er 2009 in Andreas Dresens Tragikomödie WHISKY MIT WODKA. In Kai Wessels Biopic HILDE verkörperte Groth den Regisseur und Theaterintendanten Boleslaw Barlog. In der Verfilmung von Bernhard Schlinks DAS WOCHENENDE, in der er an der Seite nahmhafter Kollegen wie Katja Riemann, Sebastian Koch, Barbara Auer und Tobias Moretti agiert, war er im Frühjahr 2013 in den Kinos zu erleben. Im gleichen Jahr sah man ihn zudem in Denis Dercourts spannender, wie verschlungener Beziehungsgeschichte ZUM GEBURTSTAG.
Auch im Fernsehen ist Groth regelmäßig zu sehen. Nach der erfolgreichen Ausstrahlung des ersten Magdeburger POLIZEIRUF 110: DER VERLORENE SOHN mit Claudia Michaelsen an seiner Seite, stand er für weitere POLIZEIRUF-Episoden vor der Kamera. Weiterhin gehörte Groth zur Hauptbesetzung in der Neuverfilmung von Bruno Apitz' NACKT UNTER WÖLFEN (2014). Die ARD-Produktion unter Regie von Philipp Kadelbach setzt seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Autor Stefan Kolditz fort, die mit dem Publikumserfolg UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER (2011) begann und vielfach ausgezeichnet wurde. In dem mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnetem Dokumentarfilm AGHET – EIN VÖLKERMORD (2010) stellt er Martin Niepage dar, einen Lehrer an der deutschen Schule in Aleppo 1915 – 1917. Für die Kinoadaption der bekannten Sechzigerjahre-US-TV-Serie CODENAME U.N.C.L.E unter der Regie von Guy Richie stand Groth in London und Rom vor der Kamera. Groth gehört zum Hauptcast von DIE ERMITTLER: NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH, dem dritten und abschließenden Teil von MITTEN IN DEUTSCHLAND: NSU.
Im Januar 2017 war er im ZDF-Fernsehfilm EIN KOMMISSAR KEHRT ZURÜCK in einer der Hauptrollen zu erleben, der mit fast 7 Millionen Zuschauern ein großer Erfolg war. Regie führte Matti Geschonneck.
IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS markiert die zweite Zusammenarbeit von Sylvester Groth und Regisseur Matti Geschonneck.

EVGENIA DODINA als Irina Umnitzer
Evgenia Dodina ist eine israelische Schauspielerin, die in der Sowjetunion geboren wurde. In Moskau studierte sie Schauspiel und spielte danach am renommierten Majakowski Theater. Sie wirkte in dieser Zeit auch an sowjetischen Filmen mit, bis sie nach der Perestroika nach Israel auswanderte. Dort wurde sie nach dem Zweiten Golfkrieg Ensemblemitglied des Gesher-Theaters und spielte wieder in Filmproduktionen mit. Bekannt ist sie für ihre Zusammenarbeit mit dem israelischen Regisseur Ari Folman, in dessen Filmen SAINT CLARA (1996) und MADE IN ISRAEL (1999) sie mitwirkte. In Lena und Slava Chaplins romantischem Spielfilm HAYA O LA HAYA (2003) spielte sie die Hauptfigur Hana Rubina und in Eitan Anners berührendem Film LOVE AND DANCE (2006) ist sie als Mutter des Protagonisten zu sehen. Eine große Rolle übernahm sie in Eyal Halfons Spielfilm ZIRKUS PALESTINA (1998), die als ihre bislang bedeutendste gilt. In Paul Schraders amerikanisch-deutsch-israelischem Filmdrama EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN – ADAM RESURRECTED (2008) spielte sie an der Seite von Jeff Goldblum, Willem Dafoe, Moritz Bleibtreu und Veronica Ferres. Evenia Dodina ist in Israel auch eine gefragte Fernsehdarstellerin und übernimmt häufig Serienrollen etwa in A TOUCH AWAY (2006) und HA-EMET HA'EROMA (2008), wo sie eine Mutter spielte, deren Tochter verschwunden ist. In Michael Aviads Drama LILY UND NIRA (2011) war sie Nira, die zufällig eine andere Frau kennenlernt, die das Opfer desselben Vergewaltigers ist. 2017 wird sie neben ihrer Rolle als Irina Umnitzer in IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS unter anderem in Veronica Kedars Drama FAMILY zu sehen sein.

NATALIA BELITSKI als Melitta
Natalia Belitski ist eine deutsche Schauspielerin, die 1984 im heutigen Sankt Petersburg in Russland geboren wurde und als Siebenjährige mit ihrer Familie nach Deutschland zog. An der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ studierte sie von 2006 bis 2010 Schauspiel. Nach dem Studium ging sie ans Düsseldorfer Schauspielhaus und steht seit 2011 auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin. Bekannt wurde Natalia Belitski durch die Rolle der Kate Harff in der crossmedialen Fernsehserie ABOUT:KATE von Arte. Regelmäßig ist sie in Krimireihen zu sehen, etwa in BLOCH, TATORT, SCHULD NACH FERDINAND VON SCHIRACH und in Fernsehfilmen wie z.B. der mehrfach preisgekrönten Komödie VORSICHT VOR LEUTEN. 2016 konnte man sie unter anderem in den Filmen UNDERCOVER KÜSST MAN NICHT, LENA FAUCH – DU SOLLST NICHT TÖTEN und FAMILIE! sehen. Für das Kino drehte Natalia Belitski u.a. mit Matthias Schweighöfer VATERFREUDEN (2014), spielte in MANN IM SPAGAT (2017) von Timo Jacobs oder in AUF EINMAL (2016) von Asli Özge, der letztes Jahr auf der Berlinale gezeigt wurde. Sie ist neben ihrer Schauspielarbeit auch eine gefragte Hörspiel- und Hörbuchsprecherin. So wirkte sie 2013 im Hörspiel „Jähnicke schmeckt's“ mit und sprach 2014 das Hörbuch „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 18.05.2017
BERLIN SYNDROM
Ab 25. Mai 2017 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Während ihres Urlaubs in Berlin lernt die junge Australierin Clare (Teresa Palmer) den charmanten Englischlehrer Andi (Max Riemelt) kennen und fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Sie verbringen eine leidenschaftliche Nacht miteinander. Doch was wie eine Romanze beginnt, entwickelt sich plötzlich zu einem bösen Alptraum: Als Clare am nächsten Morgen die Wohnung verlassen will, merkt sie, dass Andi sie eingesperrt hat – und er hat nicht vor, sie jemals wieder gehen zu lassen.
BERLIN SYNDROM ist der neue Film von Cate Shortland (LORE). Besetzt mit internationalen Stars wie Max Riemelt, Teresa Palmer und Matthias Habich wird der hochspannende Thriller seine Premiere auf dem Sundance Film Festival 2017 feiern. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Melanie Joosten.

Ein Film von Cate Shortland
Mit Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich

TERESA PALMER (CLARE)
Teresa Palmer ist momentan dabei, eine der weltweit bekanntesten Schauspielerinnen zu werden. Sie hat bereits in vielen großen Filmen mitgespielt, darunter WARM BODIES zusammen mit Nicholas Hoult und John Malkovich, der auf dem berühmten Roman von Isaac Marion basiert, so wie in Micheal Bay und Steven Spielbergs Film ICH BIN NUMMER VIER an der Seite von Dianna Agron und Alex Pettyfer. Demnächst wird sie in Warner Bros. hoch erwartetem Remake von POINT BREAK neben Edgar Ramirez und Luke Bracey zu sehen sein, doch davor wird Palmer noch in der Lionsgate Produktion THE CHOICE mit Benjamin Walker mitspielen. Der Film basiert auf dem berühmten Buch des gefeierten Autors Nicholas Sparks (WIE EIN EINZIGER TAG).
Kürzlich war Teresa Palmer in dem Thriller TRIPLE NINE zusammen mit Kate Winslet, Casey Afflek, Woody Harrelson uvm. als Teil eines Star-Casts im Kino zu sehen, ebenso in Terence Malicks KNIGHT OF CUPS mit Christian Bale. Einer ihrer größten Kinoerfolge war jedoch der Horrorstreifen LIGHTS OUT, der von James Wan produziert wurde, so wie Mel Gibsons HACKSAW RIDGE mit Andrew Garfield, Vince Vaughn und Luke Bracey. Weitere Filme von ihr sind PARTS PER BILLION mit Josh Hartnett; LOVE AN HONOR mit Liam
Hemsworth; WISH YOU WERE HERE mit Joel Edgerton; TAKE ME HOME TONIGHT mit Topher Grace und Anna Faris; Jon Turtelbaubs Film DAS DUELL DER MAGIER von Walt Disney mit Nicolas Cage; Adam Shankmans Komödie BEDTIME STORIES mit Adam Sandler; DECEMBER BOYS mit Daniel Radcliffe und RESTRAINT mit Stephen Moyer.
2011 wurde Palmer mit dem „Australians in Film: Breakthrough Award“ für Ihren großen Erfolg innerhalb kürzester Zeit ausgezeichnet. Screen International hat sie als einen von Australiens „Stars von morgen“ bezeichnet. Ihren ersten weltweiten Erfolg hatte sie mit dem Film 2.37, einer australischen Independent Produktion, der sowohl auf den Filmfestspielen in Cannes als auch auf dem Toronto International Filmfest gezeigt wurde. Das Australien-Institut nominierte Palmer als „Beste Schauspielerin“ für ihre komplexe Darstellung einer High School Schülerin mit einem dunklen Geheimnis. Neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin hat sie auch schon erste Versuche hinter der Kamera als Regisseurin, Autorin und Produzentin gestartet.

MAX RIEMELT (ANDI)
Max Riemelt wurde in Berlin geboren und entdeckte während seiner Schulzeit seine Liebe für das Schauspiel. Nach seinem V-Debut in Matthias Steuers Mini Serie ZWEI ALLEIN 1998, folgte bereits ein Jahr später der Fernsehfilm EIN WEIHNACHTSMÄRCHEN, so wie Dana Vavrovas Kinder-Abenteuer Film DER BÄR IST LOS.
Seinen Durchbruch hatte er 2000 mit seiner Rolle in Dennis Gansels Teenager Komödie MÄDCHEN MÄDCHEN und seinem Auftritt in Friedemann Fromms Fernsehfilm BRENNENDES SCHWEIGEN. Seitdem ist er regelmäßig in Film und Fernsehen zu sehen. 2004 setze er seine Rolle des Flins in MÄDCHEN MÄDCHEN 2 fort, bei dem Peter Gersina Regie führte. Durch seine Rolle des 17-jährigen Friedrich Weimar in Dennis Gansels NAPOLA – ELITE FÜR DEN FÜHRER erhielt Riemelt neue Aufmerksamkeit der Presse und wurde für seine Darstellung bei dem Karlovy Vary Filmfest als „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet und stellte den Film persönlich als einer der „Rising Stars“ auf den Hamptons International Film Festival vor.
In Dominik Grafs DER ROTE KAKADU spielte Max Riemelt an der Seite von Jessica Schwarz und bekam für diese Rolle den Bavarian Film Award als „Bester Schauspieler“ so wie die Auszeichnung als „Bester junger Schauspieler“ auf dem Marrakesch International Film Festival. 2006 wurde Riemelt von der Euopean Film Promotion als einer der europäischen Shooting Stars der Berlinale bezeichnet. Der Film DIE WELLE vereinte ihn wieder mit dem Regisseur Dennis Gansel, für den sie 2008 zu dem Sundance Film Festival eingeladen wurden. Für seine Rolle in MARKO bekam Max den Austrian Undine Award als „Bester junger Schauspieler in einem Spielfilm“. 2011 übernahm er die Hauptrolle in der deutschen Fernsehserie IM ANGESICHT DES VERBRECHENS, die von der russischen Mafia in Berlin handelte und ihm seinen ersten deutschen Fernsehpreis und seine erste Nominierung als „Bester deutscher Schauspieler“ bei der Goldenen Kamera beschaffte. Mit den Regisseuren Eran Rikilis (PLAYOFF 2011) und Jeannine Meerapfel (UN AMIGO ALEMAN 2011) fing er seine ersten internationalen Projekte an. Erst kürzlich erhielt Riemelt internationales Aufsehen für seine Rolle in dem Kultfilm FREIER FALL, für die er auch den Gunter Rohrbach Preis als „Bester Schauspieler“ erhielt. Sein deutsches Post-Kriegs Drama AUF DAS LEBEN wurde mit dem Vienna Film Award 2015 als „Bester deutscher Spielfilm“ ausgezeichnet. Im Juni 2015 wurde die Netflix Serie SENSE8 veröffentlicht, mit Max als einem der 8 internationalen Hauptdarsteller. Die Serie wurde auf der ganzen Welt gedreht, Regie führten Lana und Andi Wachowski.

MATTHIAS HABICH (ANDIS VATER)
Habich wuchs in Hamburg-Harburg auf und besuchte die Staatliche Hochschule für Musik und Drama. Er studierte 1966 ein Semester lang am Conservatoire de Paris und nahm Schauspielunterricht bei Lee Strasberg in den USA. Danach spielte er an Theatern in Chur, Baden-Baden, Basel, Wuppertal, Zürich und München. Sein erster großer Erfolg ist 1973 die Hauptrolle im Fernseh-Sechsteiler DIE MERKWÜRDIGE LEBENSGESCHICHTE DES FRIEDRICH FREIHERRN VON DER TRENCK unter der Regie von Fritz Umgelter. Danach folgen mit DIE UNFREIWILLIGEN REISEN DES MORITZ AUGUST BENJOWSKI und DES CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN ABENTEURLICHER SIMPLICISSIMUSs gleich zwei Vierteiler unter dem gleichen Regisseur mit ihm (beide ausgestrahlt 1975). Spätestens jetzt ist er einem breiten Fernsehpublikum in Deutschland bekannt. Sein Kinodebüt gibt Habich 1976 als eiskalter preußischer Offizier in DER FANGSCHUSS. Es folgen Rollen in Kinofilmen, mit denen er sich seinen Ruf als eindrucksvoller Charakterdarsteller verdient.
Nach zahlreichen Rollen in Theater und im Fernsehen spielt er sich 1999 mit der Hauptrolle in der TV-Serie KLEMPERER – EIN LEBEN IN DEUTSCHLAND endgültig in die erste Liga der deutschen Charakterdarsteller. 2001 erhält er den Deutschen Filmpreis für seine Leistung in Caroline Links vielfach preisgekröntem Drama NIRGENDWO IN AFRIKA. Im Kino ist er 2009 neben der internationalen Produktion DER VORLESER, an der Seite von Kate Winslet und Ralph Fiennes, auch im Drama WAFFENSTILLSTAND zu sehen. Für seine Rolle im Fernsehfilm EIN HALBES LEBEN erhält Habich gemeinsam mit seinen Schauspielerkollegen Josef Hader und Franziska Walser sowie Regisseur Nikolaus Leytner den Grimme-Preis. Nach zwei Kinofilmen 2010 wirkt Habich vor allem wieder in Fernsehproduktionen mit, u.a. 2012 im Thriller DAS KINDERMÄDCHEN, als Familienpatriarch, der mit der dunklen Vergangenheit seiner Familie konfrontiert wird. Unter der Regie von Margarethe von Trotta spielt Habich 2015 in DIE ABHANDENE WELT schließlich wieder eine Kinohauptrolle, als Witwer, der auf einem Zeitungsfoto seine angeblich tote Frau wiederzuerkennen glaubt. Mittlerweile hat Habich in circa 100 Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt.

CATE SHORTLAND (REGIE)
Cate Shortland hat einen Bachelor auf Arts von der Universität Sydney und ein Abschluss Diplom von der australischen Schule für Film und Radio. Für die preisgekrönten Kurzfilme PENTUPHOUSE (1998), FLOWER GIRL (2000) und JOY (2000) schrieb sie das Drehbuch und führte Regie – genauso wie bei ihrem Spielfilm-Debut SOMERSAULT. Der Film feierte seine Premiere 2004 auf dem Filmfest Cannes und bekam zahlreiche Preise.
Ihr zweiter Spielfilm LORE, bei dem sie Co-Autorin und Regisseurin war, basierte auf dem Roman THE DARK ROOM von Rachel Seiffert und hatte seine Premiere auf dem Sydney Film Festival 2012, lief auf zahlreichen weiteren Festivals. Cates dritter Spielfilm BERLIN SYNDROM basiert auf dem gleichnamigen Buch von Melanie Joosten und wird 2017 veröffentlicht werden. Shortland hat bereits bei einigen Fernsehserien Regie geführt, z.B. THE SECRET LIFE OF US und THE
SILENCE. Sie verfilmte Chris Tsiolkas Roman THE SLAP für ABC TV und wurde dafür mit dem BAFTA AWARD und den Emmy nominiert und erhielt 2012 einen AWGIE für die “Beste adaptierte Mini- Serie“. Zu Ihren weiteren Produktionen gehören THE DEVILS PLAYGROUND; DEADLINE GALLIPOLI und THE KETTERING INCIDENT.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 11.05.2017
JAHRHUNDERTFRAUEN
Ab 18. Mai 2017 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Kalifornien, Ende der 70er Jahre: eine wilde, inspirierende Zeit der kulturellen Umbrüche, Freiheit liegt in der Luft. Dorothea Fields (Annette Bening), eine energische und selbst-bewusste Frau Mitte 50, erzieht ihren Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) ohne den Vater, holt sich aber Unterstützung von zwei jungen Frauen: Abbie (Greta Gerwig), die freigeistige und kreative Mitbewohnerin, und Jamies beste Freundin Julie (Elle Fanning), ein gleichermaßen intelligentes wie provokatives Mädchen. So verschieden sie sind, alle vier stehen füreinander ein – und es gelingt ihnen eine Bindung für das ganze Leben zu schaffen.

Win Film von Mike Mills
Mit Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup, Lucas Jade Zumann u.v.m.

JAHRHUNDERTFRAUEN ist eine filmische Liebeserklärung an drei sehr unterschiedliche Frauengenerationen. Das neue filmische Meisterwerk von Mike Mills (BEGINNERS) war bei den Golden Globes 2017 in den Kategorien Bester Film und Beste Schauspielerin nominiert und erhielt eine Oscar-Nominierung für das Beste Originaldrehbuch. Der Regisseur ließ sich von seiner Mutter und weiteren Frauen, die sein Leben nachhaltig prägten, zu diesem gefühlvollen Drama voller Witz und Wärme inspirieren. Hauptdarstellerin Annette Bening, die bereits viermal für den Oscar nominiert war, spielt in JAHRHUNDERTFRAUEN die bislang stärkste und authentischste Rolle ihrer Karriere. Unterstützt wird sie durch Greta Gerwig (TO ROME WITH LOVE, FRANCES HA) und Elle Fanning (MALEFICENT, SOMEWHERE), außerdem durch Billy Crudup (EAT PRAY LOVE, ALMOST FAMOUS) und Newcomer Lucas Jade Zumann.

Santa Barbara im Jahr 1979. Auf dem Parkplatz eines Supermarkts steht ein alter Ford Galaxy in Flammen. Mit diesem Wagen wurde Jamie Fields (Lucas Jade Zumann) vor 15 Jahren als Neugeborener vom Krankenhaus nach Hause gefahren. Seine Mutter Dorothea (Annette Bening) war damals 40 Jahre alt. Viele meinten, sie sei zu alt für ein Baby. Der Vater verließ die Familie 1974. Seither versucht Dorothea, einen Vaterersatz für Jamie zu finden. Dorothea arbeitet als Zeichnerin in einem Architekturbüro. Alle ihre Kollegen sind Männer, doch sie will mit keinem ausgehen. Sie raucht Salem-Zigaretten, weil die gesünder sein sollen, trägt Birkenstock-Schuhe, weil sie bequem sind, sie liebt Hollywood-Klassiker mit Humphrey Bogart und studiert mit Jamie die Börsenkurse in der Zeitung. Dorothea wurde 1924 geboren. Als sie ein Teenager war, brach der Zweite Weltkrieg aus. Sie musste die Schule verlassen und wollte Pilotin werden. Doch der Krieg war zu Ende, bevor sie die Ausbildung abschloss.
Dorothea vermietet einzelne Zimmer in ihrem großen Haus in Santa Barbara. Die Punk-Fotografin Abbie (Greta Gerwig) wohnt dort, seit sie nach einer Krebsdiagnose aus New York geflohen ist. Auch William (Billy Crudup) nutzt ein Zimmer. Der Ex-Hippie renoviert das alte Holzhaus und kann Autos reparieren. Auch die 17-jährige Nachbarin Julie (Elle Fanning) verbringt viel Zeit im Haus der Fields. Die Tochter einer Psychologin stiehlt sich gern in Jamies Zimmer und in sein Bett. Beide verbindet eine platonische Freundschaft. Bei einem gefährlichen Spiel mit seinen Skater-Freunden kommt Jamie fast ums Leben. Dorothea merkt, dass sie ihren Sohn und die Welt, in der er lebt, nicht mehr versteht. Sie bittet Abbie und Julie, Jamie zu helfen, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Abbie meint, nur ein Mann könne diese Aufgabe leisten, und schlägt William als bessere Option vor. Julie will lieber Jamies Freundin sein, aber nicht seine Ersatzmutter. Doch Dorothea duldet keinen Widerspruch. Sie bittet die beiden jungen Frauen, Jamie vorerst an ihrem Leben teilhaben lassen. Jamie ist entsetzt, dass seine Mutter einmal mehr über seinen Kopf hinweg Entscheidungen für sein Leben trifft. Mit den Skater-Freunden bricht er für einen Tag nach Los Angeles aus und stürzt sich in die Punk-Clubs der Millionenstadt. Ausgelassen und angetrunken kehrt er am Ende einer langen Nacht in sein Zimmer zurück, wo Julie in seinem Bett liegt. Er will sie küssen und anfassen, doch Julie weicht zurück. Sie will ihre Freundschaft nicht durch beliebigen Sex gefährden, wie sie ihn mit anderen Jungs hat. In derselben Nacht kommen sich Abbie und William näher. Abbie ist gehemmt, weil sie keinen Mann mehr hatte, seit sie sich von den Folgen ihres Gebärmutterhalskrebses erholt. Sie will die angespannte Atmosphäre durch ein Rollenspiel als Fotograf und Model lockern. Doch der wortkarge William ist mit der Situation überfordert. Er küsst Abbie und bittet sie um Verzeihung. Jamie begleitet Abbie zum Arzt. Dieser hat eine gute und eine schlechte Nachricht: Abbie hat den Krebs besiegt, doch sie wird vermutlich niemals Kinder bekommen können. Derweil sorgt sich Julie, dass sie von einem ihrer wechselnden Liebhaber schwanger sein könnte. Jamie beschafft ihr im Drogeriemarkt einen Schwangerschaftstest, der in den USA gerade neu auf den Markt gekommen ist. Als er negativ ausfällt, ist Julie mehr als erleichtert.
Dorothea beschließt, die moderne Welt der jungen Leute kennenzulernen. Vielleicht gelingt es ihr ja dann, auch Jamie besser zu verstehen. Mit Abbie und William besucht sie einen Club und ist irritiert: Nicht nur, weil William sie unverhofft küsst, sondern auch, weil sie die Musik, den Tanz und die Mode der jungen Generation nicht begreifen kann. Während die Bilder, Farben und Rhythmen an ihr vorbeirauschen, sinniert Dorothea über die Zukunft: dass sie 1999 an Krebs sterben wird, dass der Punk bald enden und Präsident Ronald Reagan, Aids und HIV, das Internet und der Klimawandel kommen werden. Abbie kommt betrunken nach Hause. Sie geht direkt in Jamies Zimmer und empfiehlt ihm, Santa Barbara zu verlassen, wenn er etwas aus seinem Leben machen möchte. Am nächsten Morgen versorgt sie ihn mit feministischer Literatur, die der Schüler mit großem Interesse aufsaugt. Sie nimmt Jamie auch mit in die Clubszene, kauft ihm Bier und bringt ihm bei, wie er auf intelligent-charmante Art Frauen verführen kann. Dorothea geht Abbies Engagement zu weit. Denn Jamie nutzt seine Erkenntnisse aus den feministischen Büchern auch, um das Leben seiner Mutter zu hinterfragen. Und abendliche Tischgespräche drehen sich plötzlich um Tabuthemen wie Menstruation, vaginalen Orgasmus oder Julies frühe Entjungferung. Jamie erklärt Julie, dass sie nicht mehr in seinem Bett schlafen darf. Sie ist traurig und schlägt vor, dass sie beide heimlich Dorotheas Wagen nehmen und zur Küste fahren könnten. Sie kaufen Wein und mieten ein Motelzimmer. Dort gesteht Jamie Julie endgültig seine Liebe. Doch sie bleibt dabei: Sie kann und will keinen Sex mit Jamie haben. Sie hat Angst, dass er nach der körperlichen Liebe nur noch einer von vielen Jungs in ihrem Leben sein wird und das Besondere an ihrer Beziehung verschwindet. Jamie flieht aus dem Motel und macht sich mitten in der Nacht mit dem Skateboard auf den langen Weg nach Hause. Julie hat Angst um ihn und informiert Dorothea, die sich sofort mit William auf die Suche begibt. Es kommt zu einer längst überfälligen Aussprache zwischen Mutter und Sohn. Jamie respektiert zwar, dass Dorothea ihn glücklich sehen möchte, doch er bittet sie, sich fortan nicht mehr in sein Leben einzumischen. Erstmals öffnet sich nun auch Dorothea gegenüber ihrem Sohn: Manchmal sei sie einsam, sagt sie, aber in ihrem nächsten Leben werde sie vielleicht Humphrey Bogart heiraten. Den Einwand, dass Bogart tot ist, lässt sie nicht gelten. Es gehe ja um ihr nächstes Leben. Und da sei alles möglich…


ÜBER DIE PRODUKTION „Die Zukunft kommt immer zu schnell und in der falschen Reihenfolge.“ (Alvin Toffler, Autor von „Future Shock“)
1979 war ein Jahr grundlegender Veränderungen in den USA. Es war Jimmy Carters letztes Jahr im Weißen Haus. Die Islamische Revolution im Iran hatte begonnen und mit ihr das Geiseldrama in der US-amerikanischen Botschaft in Teheran. Zum ersten Mal bekam Amerika die Abhängigkeit vom Mittleren Osten und dessen Ölquellen zu spüren. An den Tankstellen bildeten sich lange Warteschlangen, das Wort „Energiekrise“ war in aller Munde, die Zukunft von Spritfressern und der mächtigen Autoindustrie in Detroit wurde erstmals in Frage gestellt. Das Land steckte mitten in der Rezession. US-Präsident Jimmy Carter kritisierte in einer landesweit ausgestrahlten Fernsehansprache den wachsenden Materialismus und ungebremsten Konsum der amerikanischen Bevölkerung. Brendan Ann Spencer beging als erster Teenager einen Amoklauf an einer amerikanischen Schule. Im Kernkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania ereignete sich der erste Atomunfall auf amerikanischem Boden. Psychotherapien wurden auch in den Vororten salonfähig, die ersten Apple-Computer kamen in den Handel, Margaret Thatcher wurde zur britischen Premierministerin gewählt, und die Gegenkultur büßte an Bedeutung ein.
1979 war wie ein Startschuss für viele politische und gesellschaftliche Probleme, für bestimmte Technologien und kulturelle Umwälzungen, die das US-amerikanische Volk bis heute beschäftigen. „Die späten 70er Jahre waren der Anfang unserer Gegenwart“, sagt Regisseur Mike Mills, „und doch lebten die Menschen damals in einer völlig anderen Welt, in der sie nichts von den bevorstehenden Veränderungen ahnten: Ronald Reagan, die Gier nach Reichtum, HIV und Aids, das Internet und seine Folgen, die Anschläge vom 11. September 2001 und die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. So gesehen, ist JAHRHUNDERTFRAUEN wie ein Trauergesang auf eine Zeit und deren Unschuld, zu der wir nie zurückkehren können.“
Auf diesem Nährboden gedeiht Mike Mills komödiantisches und zugleich betörend episches Drama JAHRHUNDERTFRAUEN. Der Film erzählt ein Märchen von Liebe, Reue, Kummer und Beziehungen in einer ungewöhnlichen Familie. Der Film ist zugleich eine Ode an die Stärke der Frauen verschiedener Generationen und zeigt auf anrührende Weise, wie die Summe von Momenten, die das Leben in einem bestimmten Zeitraum ausmachen, zu einer ganz eigenen Epoche werden, auf die wir jetzt nostalgisch zurückschauen. Das Ensemble aus erstklassigen Schauspielerinnen und Schauspielern wird angeführt von Annette Bening in ihrer bislang emotionalsten und authentischsten Rolle. Sie spielt eine zurückhaltende Frau, die allen Menschen, die ihr am Herzen liegen, einen sicheren Hafen bieten möchte. Dorothea wurde in den 1920er Jahren geboren, sie gehört zu der Generation, die in die wirtschaftliche Depression hineingeboren wurde. In den 60er und 70er Jahren wurden sie selbst Eltern und ihre Kinder erschufen später eine völlig neue Gesellschaft, in der wir heute leben. Der Film ist zugleich ein Liebesbrief an Mike Mills Mutter und die anderen Frauen, die ihn großzogen. Der Autor und Regisseur erklärt: „Gewissermaßen erzählen wir, wie die „Greatest Generation“ (benannt nach Tom Brokaws gleichnamigem Buch von 1998) auf die „Generation X“ trifft. Meine Mutter wurde in den 20er Jahren geboren, ich in den späten 60ern. So ist es auch bei Dorothea und Jamie. Beide lieben sich, aber sie sind Kinder völlig unterschiedlicher Generationen und können sich gegenseitig nicht den Halt geben, nach dem sie sich sehnen.“


BEGINNERS UND DIE FOLGEN „Ich habe ihm gesagt, wie großartig das Leben ist: Es gibt Tiere und Bäume und den Himmel und Städte, es gibt Musik, Filme, Stars und Farben – dort draußen, außerhalb des Tellerrands. Eines Tages würde er küssen, Freunde haben, sich verlieben und eigene Kinder haben.“ Mike Mills’ vorheriger Film, BEGINNERS (für den Christopher Plummer einen Oscar und einen Golden Globe als bester Nebendarsteller erhielt), war inspiriert von Mills’ Vater. Der outete sich im Alter von 75 Jahren als homosexuell. JAHRHUNDERTFRAUEN wurde dagegen von Mills‘ viel engerer Beziehung zu seiner Mutter inspiriert. Neben diesem autobiographischen Moment teilen beide Filme auch den Humor und die collagenhafte Struktur. Doch wie der Titel erahnen lässt, erzählt JAHRHUNDERTFRAUEN von der weiblichen Sicht auf die späten 70er Jahre, in denen die USA in den Krisenmodus schalteten. Mike Mills hat sich schon immer darauf verstanden, persönliche Geschichten mit globalen Themen zu verknüpfen. Er gehört der vielzitierten „Generation X“ an, die zwischen den „Baby Boomern“ und den „Millennials“ geboren wurde. Er blickt auf eine multidisziplinäre Karriere als Künstler, Grafikdesigner und Filmemacher zurück. Er schuf die Cover für Alben der Beastie Boys und Sonic Youth, drehte Musikvideos für Air, Pulp und Yoko Ono. Mike Mills stellte seine Kunstwerke in internationalen Museen aus, darunter im Museum of Contemporary Art, Los Angeles und im San Francisco Museum of Modern Art. So unterschiedlich die Ausprägungen seiner Kunst auch sind: In allen verarbeitet Mike Mills persönliche und privater Dinge, um damit Aussagen über unsere Gesellschaft treffen zu können. Letztlich folgt er dem Leitspruch bekannter Feministinnen: „Das Persönliche ist politisch.“ Schon seine frühen Kurzfilme zeigten das Zusammenspiel alltäglicher Begebenheiten mit dem rasanten Wandel in Kultur und Gesellschaft: „Deformer“ (2000) zeigte das Los Angeles des Künstlers und Skateboarders Ed Templeton; „Paperboys“ (2001) zeigte den aussterbenden Berufsstand heranwachsender Zeitungsausträger. In seinem ersten Kinofilm THUMBSUCKER (2005) schilderte Mike Mills die Ängste und die Unzulänglichkeiten, die sich durch das Leben eines Menschen ziehen. Es folgte die Dokumentation DOES YOUR SOUL HAVE A COLD? (2007) über das Aufkommen von Antidepressiva in Japan. 2010 kam schließlich BEGINNERS in die Kinos und machte Mike Mills zu einer unüberhörbaren Stimme des modernen Kinos.
Mit JAHRHUNDERTFRAUEN stellt sich Mills der bislang größten Herausforderung seiner Karriere. Wenn ein Mann eine Geschichte über Frauen schreibt, geschieht das nicht immer mit der angemessenen Tiefe. Doch bei Mills ist das anders. Als er das Drehbuch schrieb, griff er auf die Erinnerungen an jene Frauen zurück, die ihn als Kind und Teenager nachhaltig prägten. Er führte aber auch viele Interviews und betrieb umfassende Recherchen. Das Ergebnis sind drei Frauenfiguren, die in JAHRHUNDERTFRAUEN für sehr unterschiedliche Generationen stehen: die alleinerziehende und in den Jahren der Depression aufgewachsene Mutter Dorothea, die freigeistige Punk-Künstlerin und Baby-Boomerin Abbie, sowie die 17-jährige Julie, die ein typisches Kind der Generation X ist.
„Ich wurde von einer sehr starken Frau großgezogen“, sagt Mike Mills. „Mein Vater war zwar da, aber irgendwie doch abwesend“, erklärt Mills. „Den größten Teil meiner Kindheit in Santa Barbara habe ich mit meiner Mutter und meinen zwei Schwestern verbracht. Seither versuche ich, das Seelenleben der Frauen zu erforschen. Ich habe sie immer studiert, wollte stets von ihnen lernen, auch wenn sie von Natur aus unergründlich und undurchschaubar sind.“
Auch dem Teenager Jamie fällt es schwer, seine Mutter Dorothea zu verstehen. Zugleich empfindet er große Liebe für sie und großen Respekt, wie sie ihr Leben meistert. „Mit der Stimme von Frauen zu schreiben, fühlt sich für mich sehr natürlich an“, sagt Mike Mills. „Aber aus Dorotheas Sicht zu schreiben, war nicht ganz einfach, weil meine Mutter für mich immer ein großes Mysterium war und bleiben wird. Ich wollte verstehen, was eine 55 Jahre alte Frau denkt, die mit 40 Jahren ihr erstes und einziges Kind bekam, aber auch, wie es war, in den 20er Jahren geboren und mit den großen gesellschaftlichen Veränderungen der 70er Jahre konfrontiert worden zu sein. Dafür musste ich recherchieren, aber auch viele persönliche Mutmaßungen anstellen.“ Einige Details übernahm Mike Mills direkt aus dem Leben seiner Mutter. „Sie wollte Pilotin werden, sie arbeitete in einem typischen Männerberuf und sie liebte alte Filme, besonders die mit Humphrey Bogart“, sagt der Regisseur. Als sich die junge Generation in den 70er Jahren durch den Punk emanzipierte, büßten auch klassische Heldentypen wie Bogart an Bedeutung ein. Mit seiner spitzbübischen und leicht sarkastischen Art hatte er gut in die Zeit nach der Depression und nach dem Zweiten Weltkrieg gepasst.
„Ich habe viele Bogart-Filme und andere Filme aus dieser Zeit gesehen“, sagt Mike Mills. „Die Dialoge zwischen Männern und Frauen haben mich stark beeinflusst. Sie haben diesen subversiven Humor, was mir auch dabei half, Dorothea besser zu verstehen. Mir wurde klar, dass sie sich gar nicht mal so sehr in Humphrey Bogart verlieben wollte, sondern selbst so sein wollte wie er. Deshalb habe ich mich beim Schreiben von Dorotheas Rolle auch immer wieder gefragt: Was hätte Bogart in dieser Situation gemacht?“ Die Mittzwanzigerin und Punk-Künstlerin Abbie, die ihre kreativen Träume aufgab und New York verließ, als bei ihr Krebs diagnostiziert wurde, entstand ebenfalls als Mischung aus Mike Mills‘ persönlichen Erfahrungen mit Künstlerfreunden und Recherchen über das Leben junger Krebsüberlebender.
Die jüngste, aber gewiss nicht minder komplexe Frauenfigur in JAHRHUNDERTFRAUEN ist Julie. In ihr vereinen sich Eigenschaften vieler Mädchen, die Mills aus seiner eigenen Zeit an der High School kennt. Einige von ihnen hat er interviewt: „Ich arbeitete journalistisch, um das Denken und Handeln dieser Figuren besser verstehen zu können.“ Dieser journalistische Ansatz verschmolz auch mit Erinnerungen an Kinofilme, die Mills beruflich und privat geprägt haben. So etwa DER KRIEG IST VORBEI („La guerre est finie“, 1966), HIROSHIMA, MON AMOUR (1959) und MURIEL ODER DIE ZEIT DER WIEDERKEHR („Muriel“, 1963) des französischen Nouvelle-Vague-Regisseurs Alain Resnais, aber auch István Szabós LOVEFILM (1970), der die Liebesgeschichte von Heranwachsenden zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Fall des Eisernen Vorhangs erzählt, wie auch viele Filme von Federico Fellini. „Fellini ist ein Meister darin, persönliche Erfahrungen in große Kinobilder umzuwandeln“, erklärt Mills. Die kulturellen Einflüsse, die Mike Mills in JAHRHUNDERTFRAUEN aufgreift, gehen weit über das Kino hinaus: Schallplatten, Bücher, politische Ängste, geteilte Fernsehmomente und eine Vielzahl von Utensilien verleihen dem Film ein ganz besonderes Zeitgefühl. Sie stammen nicht nur aus dem Jahr 1979, sondern decken Dorotheas gesamtes Leben ab.
„Unsere Kindheit ist das Fundament, auf dem wir unser ganzes Leben aufbauen“, sagt Schauspieler Billy Crudup, der in JAHRHUNDERTFRAUEN die Rolle des William spielt.
„Doch Mike Mills erzählt im Film nicht nur von seiner Kindheit und Jugend. Er zeigt auch deutlich, wie aus dem damaligen Jungen der spätere Filmemacher wurde, und wie sich frühe Einflüsse aus den Bereichen Musik, Literatur, Fotografie und Film auf die Ästhetik seiner Filme ausgewirkt haben. Das ist auch der Grund, warum jeder von uns sein eigenes Leben auf die Geschichte von JAHRHUNDERTFRAUEN projizieren kann. Der Film ist allgemeingültig.“


DOROTHEA
„Lass uns heute Abend ausgehen. Ich will diese moderne Welt sehen.“ „Dorothea ist 55 und sieht aus wie die Flugpionierin Amelia Earhart“, schrieb Mike Mills in seinem Drehbuch über die Hauptfigur des Films. Ihr Sohn Jamie beschreibt die Mutter auch über starke Widersprüche: Dorothea notiert jeden Morgen die Börsenkurse, raucht die Marke Salem, weil sie gesünder sein soll, trägt Birkenstock, weil sie bequem sind, liest „Unten am Fluss“ („Watership Down“), schnitzt dann Hasen aus Holz und hat sich schon lange mit keinem Mann mehr verabredet. Jedes dieser Details band Annette Bening in ihre sehr persönliche Auslegung der Hauptfigur ein. Doch was die Schauspielerin, die bislang viermal für den Oscar nominiert wurde, daraus machte, war mehr als die Summe der einzelnen Elemente. „Genau wie meine Mutter ist auch Annette Bening sehr geheimnisvoll“, sagt Mike Mills. „Sie beherrscht ihr Handwerk und versteht den Aufbau jeder Szene. Darüber hinaus ordnet sie aber das Handwerkliche der Schauspielerei unter und wirkt dadurch auf der Leinwand sehr lebendig. Das sind immer meine Lieblingsmomente, in denen die Schauspieler jedes vorbereitete Konzept verlassen und die Dinge einfach laufen lassen. Annette liebt es, genau das zu tun. Wir waren beide oft überrascht, was sie da vor der Kamera machte.“ Mike Mills ergänzt: „Wir haben viel über meine Mutter geredet, aber Annette kopiert sie nicht einfach, sondern erschafft sie aus der Summe vieler Details neu. Die Dorothea, die man im Film sieht, besteht aus Annettes Timing, Intuition, Intelligenz und Humor.“ Bening griff die Vorlagen, die ihr die Rolle bot, begeistert auf: „Ich mag Frauen voller Widersprüche – denn jeder von uns hat sie“, sagt sie und lacht herzhaft. „Oft sind Frauenfiguren in Filmen stereotyp und eindimensional geschrieben, aber Mike gelingt es, Frauen sehr natürlich als komplizierte Menschen zu zeigen.“ Weil JAHRHUNDERTFRAUEN auch als Liebesbrief an alle Mütter gedacht ist, die von ihren Kindern geliebt, aber niemals richtig verstanden werden, wusste Bening, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte: „Es war nicht einfach, Dorothea so kratzbürstig, hochnäsig und abweisend zu spielen, wie es die Rolle verlangte, sie aber andererseits auch liebenswert wirken zu lassen. Ich musste die Balance finden zwischen ihrer Offenheit gegenüber anderen Menschen und der Verschlossenheit gegenüber ihrem eigenen Sohn. Bis zu einem gewissen Grad überließ ich es Mike, diese Gegensätze unter einen Hut zu bringen, während es mein Job war, jeden Moment so wahrheitsgetreu wie möglich zu spielen.“ Weitere Inspirationen erhielt Bening von Dorotheas Idol, der Flugpionierin Amelia Earhart, die in den 20er und 30er Jahren allen konventionellen Vorstellungen von Frauen die Stirn bot. Earhart stand auch Pate für Dorotheas Aussehen. „Schaut man sich Fotos von Amelia an, denkt man ganz anders über Frauen und Schönheit“, sagt Bening. „Ihr Aussehen unterschied sich komplett von unserem heutigen Ideal, dem übertriebenen Make-up und der Sehnsucht nach ewiger Jugend. Auch Dorothea kümmert sich nicht um Äußerlichkeiten. In ihrer Welt sind sie nicht wichtig. Sie lebt im Jahr 1979 und ist eine unabhängige Frau, aber sie scheint einer anderen Zeit mit anderen Sitten und Konventionen entsprungen zu sein.“ Dank ihrer Wertvorstellungen ist Dorothea sehr geerdet. Sie wundert sich über die jungen Frauen, die ein Leben führen, wie sie es sich in ihren jungen Jahren niemals hätte vorstellen können. „Dorothea sieht die Freiheit, die Abbie und Julie haben, und denkt sich: ‚Wow, wie wäre es gewesen, wenn ich so hätte aufwachsen können?‘“, sagt Annette Bening. „Zugleich hat sie lang genug gelebt, um zu wissen, dass jede Freiheit auch ihren Preis hat und es nicht automatisch einfacher ist, eine junge Frau im Jahr 1979 zu sein. Es ist nur anders.“


ABBIE
„Ich werde eine Story brauchen.“ Abbie mietet einen Raum in Dorotheas großem Haus an und wird unverhofft gebeten, ihr bei Jamies Erziehung zu helfen. Abbie ist rebellisch, kreativ und versucht, ihren Weg zu finden, nachdem der Krebs ihr Verständnis von Zukunft radikal verändert hat. Die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Greta Gerwig, bekannt für ihre Leistungen in Noah Baumbachs GREENBERG, FRANCES HA, MAGGIES PLAN und MISTRESS AMERICA, übernahm die Rolle und drückte ihr ihren ganz persönlichen Stempel auf. „Ich habe intensiv darüber nachgedacht, wer die nötige Größe mitbringt, um diese Rolle zu spielen“, sagt Mike Mills. „Dann fiel mir Greta ein und plötzlich ging alles ganz schnell. Sie ist in der Welt der Kunst zu Hause und hat diese Reise von Sacramento nach New York hinter sich, um beim experimentellen Theater zu arbeiten. Aber sie hat auch eine Verbindung zu den traurigen, versteckten Seiten von Abbie. Sie konnte sich so gut in die Rolle von Abbie hineinversetzen, dass sie sogar weinte, wenn wir nur über Abbie sprachen. Sie ist witzig und lebhaft wie Abbie, aber auch sehr gefühlvoll.“ Greta Gerwig fühlte sich sofort zur Rolle hingezogen, als sie das Drehbuch las. „Ich spürte eine magische Verbindung zu Abbie“, erinnert sie sich. „Ich weiß, wie es ist, wenn man aus Kalifornien kommt, aber zur New Yorker Künstlerwelt gehören will. Abbies Temperament und Mut, ihre dunkle Seite und ihre Nervosität passen so gar nicht zu Kalifornien, deshalb hat sie die Flucht angetreten. Aber dann musste sie zurückkehren, und das ist gar nicht so einfach.“ Da Gerwig einst selbst von New Yorks Theaterszene angelockt wurde, schätzte sie die Möglichkeit, in Abbies Welt einzutauchen: die ikonisch draufgängerische, wirklichkeitsnahe, düstere Kunstszene im New York der 70er Jahre. Die Ära war der Schwanengesang auf ein anderes New York – die Mieten für Lofts waren noch niedrig, die Verbrechensrate hoch und es gab diese rohe Heftigkeit von körperorientierter Aktionskunst, Fotorealismus, Feminismus, Graffiti und Outsider-Galerien. „Die Gelegenheit, all das aus Abbies Sicht zu erleben, war aufregend“, sagt Gerwig. „Tanz, Kunst, Musik, Fotografie und Straßenkultur kollidierten in dieser Zeit in Soho. Das muss für jemanden wie Abbie beeindruckend gewesen sein.“ Mike Mills und Greta Gerwig diskutierten viel über die Vorbilder für Abbies Rolle – darunter die verführerisch androgyne Bassistin der Talking Heads, Tina Weymouth, und Blondie-Sängerin Debbie Harry, die zu einer Art Gegenentwurf des Pin-up-Girls wurde. Gerwig sagt dazu: „Ich denke, die Punkgirls wirkten so sexy, weil sie sagten: Ich bin heiß, aber nicht für dich! Sie kokettierten nicht mit ihren Reizen. Und ich glaube, dass diese Punk-Ästhetik, bei der Gefühle mehr zählten als Talente, auf Abbie sehr anziehend wirkte.“ Gerwig machte sich mit ihrer Rolle vertraut, indem sie über Monate mit einer alten Kamera herumlief und keine Musik hörte, die später als 1978 aufgenommen worden war. Sie färbte ihre Haare mit der gleichen „Manic Panic“-Farbe rot, die 1977 auf den Markt kam und von den ersten weiblichen Punks genutzt wurde.
So wild und verführerisch Abbie wirken mag, so verletzlich ist sie auch. Sie erholt sich von ihrer Krebserkrankung, was zugleich ihre Vorstellung von Sex und Mutterschaft ändert. „Mir fiel auf, dass 1979 eine ganz andere Zeit war, um Krebs zu haben. Es gab keine Bewegungen wie ‚Live Strong‘, keinen Stolz der Überlebenden. Krebs zu haben und damit umzugehen, war eine sehr private Sache, düster und schmutzig. Diesbezüglich hat sich unsere Gesellschaft zum Glück geändert.“

JULIE
„Es geht nicht mal darum, glücklich zu sein. Es geht um Stärke und die Beständigkeit gegenüber anderen Gefühlen.“ Obwohl Julie nicht in Dorotheas Haus wohnt, ist sie ein Mitglied der familienähnlichen Gemeinschaft. Sie klettert heimlich durchs Fenster, um nachts bei ihrem besten Freund Jamie zu schlafen. Für Jamie verkörpert Julie alles, was er sich unter einer Seelenverwandten vorstellen kann… wenn sie nur endlich erlauben würde, dass er sich komplett in sie verlieben darf. Sie ist ein Kind der ausgelebten sexuellen Freiheit – mit allen Belastungen, die sich daraus ergeben. Als Tochter einer Therapeutin ist sie es gewohnt, über ihre Gefühle reden zu müssen, während sie sich im Grunde nur danach sehnt, ihrem aktuellen Leben zu entkommen.
„Im Gegensatz zu Julie, die mit den Gruppentherapien ihrer Mutter aufwächst, stammt Dorothea aus einer Zeit, in der man seine Gefühle und Ängste verbergen musste“, sagt Mike Mills. „Es dauert aber nicht lange, bis der Zuschauer merkt, dass sich hinter Julies vermeintlich cooler Maske ein Teenager verbirgt, der eine sehr ungewöhnliche Persönlichkeit ist.“ Die Rolle besetzte Mike Mills mit Elle Fanning, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 17 Jahre alt war. Der Regisseur hatte das Gefühl, dass die Schauspielerin ihrer Filmfigur in vielfacher Hinsicht ähnelte. „Elle ist ein kluger und geerdeter Mensch. Sie legt eine Emotionalität in ihre Rollen, die weit über das Normalmaß für ihr Alter hinausgeht. Ihr Ansatz, sich der Rolle zu nähern, ähnelt dem von Annette Bening. Sie ist perfekt vorbereitet und kennt die Szene, aber gleichzeitig bringt sie ihre Persönlichkeit in die Rolle ein und vergisst die Kamera. Sie spielt nur für diesen einen Moment. Außerdem hat sie verstanden, dass Julie, so ausgebufft sie auch wirken mag, doch noch ein Kind ist.“ Fanning fühlte sich schnell zu Julies Rolle hingezogen. „Sie hat viele verschiedene Seiten – sie will eine Frau sein, aber sie weiß nicht genau, wie sie das anstellen soll. Deshalb tut sie alles, um den Schein zu wahren“, sagt Fanning. „Sie will als frühreife Intellektuelle gesehen werden – eine Art junge Jodie Foster – und bringt einige Qualitäten dafür mit, doch sie ist auch unsicher und eine heimliche Kettenraucherin. Mike und ich redeten viel über die Mädchen, die als Vorbild für Julie dienten. Wir wollten hinter die Fassade dieser Mädchen blicken und herausfinden, aus welchem Grund sie sich so verführerisch geben.“ Julies Selbstbewusstsein ist ein schwacher Trost, wenn es um ihre Sexualität geht. Sie wächst in einer Zeit auf, die viel liberaler ist als die Jahrzehnte zuvor und in der Aids und HIV noch nicht entdeckt wurden. Doch Julie weiß nicht so richtig, wie sie mit dieser Freiheit klar kommen soll. Deshalb trennt sie scharf zwischen körperlicher und emotionaler Liebe. „Für sie ist Sex nicht gleich Liebe“, sagt Fanning. „Sie weiß zwar nicht, was Liebe ist – aber sie hat zumindest ihre Vorstellung davon. So gern sie Jamie auch hat, will sie die Freundschaft zu ihm nicht durch Sex zerstören. Sie hat Angst, ihn sonst als Freund zu verlieren.“ Julie verwendet auch ein Novum, das in den 70er Jahren das Leben der Frauen nachhaltig veränderte: den brandneuen Schwangerschaftstest für zu Hause. Obwohl er schon in den 1960er Jahren entwickelt worden war, kam er in den USA erst ab 1977 in den Handel. Die erste Werbeanzeige versprach damals „eine kleine private Revolution, die sich jede Frau leisten kann“. Mike Mills sagt dazu: „Der Schwangerschaftstest für zu Hause ist ein wichtiges Stück Geschichte. Eines der zentralen Themen im Film ist die Mutterschaft und wie schwierig sie sein kann. Abbie kann nach Aussage ihres Arztes keine Kinder bekommen. Julies Schwester wurde mit Zerebralparese geboren, und Julie hat Angst, ungewollt schwanger zu sein. Schwangerschaft ist ein großes Thema in der Lebensgeschichte vieler Frauen, unabhängig davon, ob man sie aus dem historischen, politischen oder persönlichen Blickwinkel erzählt.“
Bening sagt: „Elle Fanning ist eine einzigartige Person. Aber mir gefällt besonders, dass die Figur, die sie im Film spielt, ganz anders ist als die wahre Elle. Julie ist ein hartes Mädchen, aber zugleich bricht sie einem das Herz, weil sie auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens ist. Sie ist schockierend, lustig und berührend. Ich wüsste nicht, dass ich in einem anderen Film jemals eine Beziehung wie die zwischen Julie und Dorothea gesehen habe. Sie sind beide kratzbürstig, aber sie bewundern sich gegenseitig und beobachten sich misstrauisch.“ Fanning gefällt die Art, wie Regisseur Mike Mills im Film die Beziehungen aufgebaut hat. „Er organisierte Proben zwischen Lucas und mir, Greta und mir, Annette und mir. Alles war sehr psychologisch und es gab viele Übungen, bei denen wir Erinnerungen an unsere Kindheit austauschten. Ich fühlte mich bei Mike sicher, wenn es darum ging, persönliche Dinge zu erzählen – vielleicht auch deshalb, weil Mike seine Erinnerungen ebenfalls mit uns teilte. Es war so, als wären wir einfach nur gute Freunde, die sich etwas erzählen. Außerdem hat sich Mike eine gewisse Kindlichkeit bewahrt. Er kann sich aus tiefstem Herzen über kleine Dinge freuen. Er drehte diesen Film mit großer Leidenschaft, als eine Art Liebesbrief an seine Mutter. Sein Herzschlag ist in jeder Sekunde des Films zu spüren.“

WILLIAM
„Ich glaube immer, dass es mir mehr bedeutet. Aber dann kommt es anders. Ich denke, die nächste Frau wird mir mehr bedeuten. Oder vielleicht die nächste.“ Die einzige größere erwachsene Männerrolle in JAHRHUNDERTFRAUEN ist William, der Handwerker, der Dorotheas Haus renoviert und schon bald selbst zum Inventar gehört. Anfangs sieht Dorothea ihn als möglichen Ersatzvater für Jamie, aber ihr Sohn baut keinerlei Beziehung zu William auf. Stattdessen projizieren dann die verschiedenen Frauen im Haus ihre unterschiedlichen Sehnsüchte auf William. Für Mike Mills verkörpert William einen ganz speziellen Typ Mann: den Spät-Hippie, der sich schwertut, seinen Platz in der Gesellschaft der nahenden 80er zu finden. „Es war eine Zeit des Wandels“, sagt Mike Mills. „1979 gab es keine Humphrey Bogarts mehr. Sogar Präsident Jimmy Carter war der inwendigste und verletzlichste Präsident, den die USA jemals hatten.“ Die Rolle des William, die zugleich komisch und liebevoll angelegt sein sollte, übernahm Tony-Preisträger Billy Crudup, der zuletzt im Oscar-prämierten SPOTLIGHT (2015) zu sehen war und durch seine Rolle als Rockgitarrist in Cameron Crowes ALMOST FAMOUS – FAST BERÜHMT („Almost Famous“, 2000) bekannt wurde. Mills sagt über Crudup: „Nicht jeder Schauspieler hätte William so glaubwürdig spielen können, aber Billy ist bereit, alles auszuprobieren. Er spielt William als höflichen, netten Mann, der ein bisschen verloren scheint und sich nicht richtig ausdrücken kann. Billy hat viele Stotterer und Pausen in seinen Text gelegt, was die Idee eines stillen Mannes unterstreicht, auf den jede Frau Sehnsüchte projiziert. Er bewegt sich auch langsam, als würde er durch Nebel gehen. Er verhält sich passiv, aber dadurch beschleunigt er letztlich das Handeln aller anderen Personen im Haus.“ Gemeinsam mit Mike Mills entwickelte Crudup die vielen Nuancen, die William definieren sollten. „Mike brachte schon viele Ideen mit, aber letztlich haben wir William gemeinsam entwickelt“, sagt Crudup. „Er sagte mir, dass es im Haus seiner Mutter immer einen Handwerker gab. Im Film ist William derjenige, mit dem sich Dorothea besonders identifiziert. Denn er soll das männliche Vorbild für Jamie sein. Sie kennt nur ein Ziel: ihrem Sohn zu helfen, in einer schwierigen Phase seines jungen Lebens, die in eine schwierige Zeit für ganz Amerika fällt, den richtigen Pfad aufzuzeigen.“

JAMIE
„Bitte entschuldigen Sie Jamies Fernbleiben von der Schule. Er hat am Morgen ehrenamtlich für die Sandinisten gearbeitet.“ Die Zuschauer erleben Dorotheas Haus durch die Augen und Ohren ihres Sohnes Jamie – der mit der Beobachtungsgabe, den Zweifeln und der Liebe eines Heranwachsenden ausgestattet ist, wie man sie vielleicht in keiner anderen Phase seines Lebens hat. Wie so viele andere jungen Männer, sucht auch Jamie nach seinem Platz in der Gesellschaft. Doch im Gegensatz zu vielen anderen jungen Männern hat Jamie dafür keinerlei männliche Vorbilder. Ihm stehen Frauen verschiedenen Alters und mit stark abweichenden Lebensperspektiven zur Seite, darunter seine Mutter, die er bewundert, aber nicht mal ansatzweise verstehen kann. Mike Mills besetzte Jamies Rolle mit dem Teenager Lucas Jade Zumann. Obwohl Mills viele Aspekte seiner eigenen Jugend in die Rolle einfließen ließ, wählte er einen Schauspieler, der nicht eins zu eins seinem jüngeren Ich entsprach. „Es ging mir bei diesem Film nie um mich selbst“, sagt Mills. „Deshalb gefällt mir, dass Lucas mir nicht ähnlich sieht. Für einen 14-Jährigen ist er ungewöhnlich intellektuell, deshalb kauft man ihm ohne weiteres ab, dass er sehr genau beobachtet und das innere Bedürfnis hat, die Frauen, mit denen er aufwächst, besser kennenzulernen. Lucas spielt Jamie nicht als Macho und nicht als Nerd.“ Zumann ließ sich nicht nur von Mike Mills‘ Erzählungen aus dessen Kindheit und Jugend inspirieren, um Jamies Rolle besser verstehen zu können. „Wenn er zu uns Schauspielern sprach, habe ich auch seine Gesten und seine Mimik studiert“, sagt Zumann. „So floss ein bisschen was von Mike in die Figur des Jamie ein. Er soll zwar keine Kopie sein, aber mir war wichtig, diesen wunderbaren, kreativen Menschen glaubwürdig als jungen Mann darzustellen.“ Die vielleicht größte Parallele zwischen Jamie und dem Schauspieler Lucas Jade Zumann ist die Leidenschaft fürs Skateboarden. Er konnte leicht nachempfinden, dass Jamie am liebsten auf vier kleinen Rollen die Flucht von zu Hause und vor seinen Problemen ergreift. „Bei den Proben bat Mike Greta darum, mich in ihrer Rolle als Abbie zu fragen, warum ich das Skateboard so mag. Ich antwortete ihr, dass ich mich darauf wie der Wind fühle, der an allen anderen Menschen vorbeizieht. Ich denke, Jamie sieht das genauso.“
Doch die größte Herausforderung stand Zumann noch bevor. Der Newcomer musste eine enge Beziehung zu seiner Filmmutter Annette Bening aufbauen, die zu gleichen Teilen liebevoll und problematisch sein sollte. Das war leichter, als Zumann zunächst erwartet hatte. „Ich weiß noch, wie ich diese prominente Besetzungsliste studierte und sofort dachte: Wie soll ich da bloß mithalten können? Aber zwischen Annette und mir hat es sofort Klick gemacht und wir hatten schnell ein Verhältnis wie zwischen einer Mutter und ihrem Sohn“, sagt Zumann. Interessanterweise war das Verhältnis zwischen Annette und mir viel besser als das zwischen Jamie und seiner Mutter im Film – aber umso leichter fiel es uns dann, die sehr persönlichen Momente zu spielen.“ Einige von Zumanns wichtigsten Szenen kommen ohne Worte aus. Dann tanzt er mit Abbie wild und ausgelassen. Für den jungen Schauspieler war das eine faszinierende Erfahrung.
Für Zumann war die Arbeit an JAHRHUNDERTFRAUEN auch eine Reise zu sich selbst. „Ich denke, die Dreharbeiten und meine Auseinandersetzung mit der Rolle haben stark dazu beigetragen, dass ich viel über das Leben und über mich gelernt habe – und ich hoffe, dass der Film viele junge Leute in meinem Alter dazu bringt, sich nicht mehr so allein zu fühlen und gewisse Dinge an sich zu akzeptieren.“

(Quelle: Verleih)
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.