Film
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Inhaltsverzeichnis
THE RIDER

19

HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS

20

MANTRA - SOUNDS INTO SILENCE

21

BACK FOR GOOD

22

TASTE OF CEMENT - Der Geschmack von Zement

23

MARIA BY CALLAS

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Donnerstag 14.06.2018
THE RIDER
Ab 21. Juni 2018 im Kino
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Nach einem beinahe tödlichen Rodeo-Unfall muss sich der junge Cowboy Brady Blackburn mit der Tatsache abfinden, dass er nie wieder reiten kann, und stürzt in eine existentielle Identitätskrise: Immerhin definiert ihn nicht nur seine Umwelt, sondern vor allem auch er selbst als Sioux-Nachkomme sich vornehmlich über seine Arbeit mit Pferden. Schwer wiegen der abschätzige Blick seines Vaters, der Abschied von seinen enttäuschten Fans und das Fehlen des einzigartigen Gefühls der Freiheit, das ihn auf dem Rücken eines Pferdes durchströmt.


Ein Film von Chloé Zhao
Mit Brady Jandreau, Tim Jandreau, Lilly Jandreau u.a.


In atemberaubenden Bildern der Wildnis South Dakotas erzählt THE RIDER von zerbrochenen Träumen und verlorenen Identitäten. Authentisch und einfühlsam hält der Film die Balance zwischen zärtlicher Poesie, archaischen Mythen und der rauen Lebenswirklichkeit im amerikanischen Heartland. Der tief berührende Film basiert auf den wahren Leben seiner Darsteller. THE RIDER wurde in Cannes mit dem Art Cinema Award sowie mit dem Werner Herzog Filmpreis ausgezeichnet, der Mut, Entschlossenheit und Visionen honoriert.

Nach einem beinahe tödlichen Rodeo-Unfall, bei dem er den Tritt eines Pferdes gegen seinen Kopf erlitt, muss sich der junge Cowboy Brady Blackburn (Brady Jandreau) nicht nur mit einer Metallplatte in seinem Kopf abfinden, sondern auch mit der Tatsache, dass er nie wieder reiten kann. Dies stürzt Brady in eine existentielle Identitätskrise: Immerhin definiert ihn nicht nur seine Umwelt, sondern vor allem auch er selbst sich vornehmlich über seine Arbeit mit Pferden. Nicht nur, dass seine vielversprechende Karriere als Rodeo-Reiter und „Pferdeflüsterer“ ein schlagartiges Ende nimmt. Als Nachkomme der Lakota-Sioux steckt ihm die besondere Verbindung zu Pferden quasi im Blut. Das Leben im Pine Ridge Revervat in South Dakota bietet ihm kaum Alternativen für eine andere Zukunft. Wie kann man in einem Wal-Mart arbeiten in einer Kultur, in der das Mann-Sein seit Generationen über die Leistung auf dem Pferderücken definiert wird? „Die Bestimmung eines Pferdes ist es, durch die Prärie zu galoppieren. Die Bestimmung eines Cowboys ist es, es zu reiten. Einem Pferd in meiner Lage hätte man schon längst den Gnadenschuss gegeben.“ sagt Brady. Trotz der eindeutigen Zeichen seines Körpers, der sich gegen das Reiten zu sträuben scheint, trotz der liebevollen Ermutigungen seiner kleinen Schwester und trotz des warnenden Schicksals seines besten Freundes Lane, der seit einem RodeoUnfall schwerstbehindert im Rollstuhl sitzt, kann Brady einfach nicht akzeptieren, nicht mehr reiten zu dürfen. Zu schwer wiegt der abschätzige Blick seines Vaters, der Abschied von seinen enttäuschten Fans und Rodeo-Freunden, das Fehlen des einzigartigen Gefühls der Freiheit, das ihn auf dem Rücken eines Pferdes durchströmt. Hin- und hergerissen zwischen altem und neuen Leben, eigenen Erwartungen und Erwartungen anderer, muss Brady seine Identität neu ausloten und herausfinden, was es bedeutet, heute im amerikanischen Heartland ein Mann zu sein.
 
 

ÜBER DEN DREH
 
Beim Dreh zu ihrem Debütfilm SONGS MY BROTHER TAUGHT ME im Pine Ridge Reservat in South Dakota lernte Chloé Zhao 2014 Brady Jandreau kennen, einen Nachkommen von LakotaSioux. Sie war beeindruckt von dem jungen Cowboy mit dem empfindsamen Gesicht, der sich als wahrer Pferdeflüsterer herausstellte. Zhao nahm sich vor, Jandreau in ihrem nächsten Film zu besetzen, hatte allerdings noch keine Vorstellung, worum es in diesem gehen sollte. 
 
Im April 2016 erlitt Jandreau lebensgefährliche Verletzungen, als ein Pferd beim Rodeo auf seinen Kopf trat. Eine Metallplatte musste ihm in den Kopf gesetzt werden und er lag mehrere Tage im Koma, doch schon ein paar Wochen später begann er gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte wieder zu reiten. Zhao traf sich mit ihm und fragte: „Warum tust du das?“ und er antwortete: „Weil ich an meiner Identität festhalten muss.“ Zhao erkannte, dass Jandreau jeden Tag sein Leben riskierte, um der zu bleiben, der er ist, und sie hatte den Stoff für ihren Film.   Im August 2016 schrieb sie ein 60-seitiges Drehbuch, das bis auf wenige Änderungen Jandreaus Erlebnissen entsprach. Der 20-jährige spielt eine leicht fiktionalisierte Version von sich selbst, an seiner Seite agieren seine tatsächliche Familie, seine Freunde und andere Mitglieder der Lakota-Community. So sieht man im Film u.a. auch Jandreaus besten Freund Lane Scott, einen ehemals sehr erfolgreichen RodeoChampion, der seit einem Autounfall (im Film ist es ein Rodeo-Unfall) körperlich schwer behindert in einem Pflegeheim wohnt – fast vollständig stumm, lediglich in der Lage, über Zeichensprache zu kommunizieren.

Der Dreh fand im September 2015 in Jandreaus Heimat, dem Pine Ridge Reservat, statt. Das Drehbuch diente lediglich als Gerüst, das Zhao ihre Darsteller bat, mit eigenen Worten und Improvisationen aufzufüllen. Da Jandreau vormittags seiner regulären Arbeit als Trainer für Wildpferde nachging, fand der Dreh fast ausschließlich nachmittags und abends statt. Viele Bilder entstanden zur Magic Hour während der Abenddämmerung, ähnlich wie bei IN DER GLUT DES SÜDENS von Terrence Malick. Genau wie dieser verzichtete Zhao beim Dreh weitgehend auf künstliches Licht. Das Drehteam bestand lediglich aus 5, zeitweise sogar nur 4 Personen.



ÜBER DIE REGISSEURIN
 
Chloé Zhao wurde in Peking geboren. Sie besuchte ein Internat in England und studierte anschließend Politikwissenschaft am Mount Holyoke College in Massachusetts. Danach absolvierte sie ein Filmprogramm der New York University. Ihren Debütfilm SONGS MY BROTHER TAUGHT ME  entwickelte sie innerhalb des Sundance Screenwriter’s and Directors Lab und konnte als Produzenten u.a. Forest Whitaker gewinnen. Der Film um ein Lakota-Geschwisterpaar in Pine Ridge feierte im Januar 2015 Premiere auf dem Sundance Film Festival und lief im selben Jahr in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes. SONGS MY BROTHER TAUGHT ME war für drei Independent Spirit Awards nominiert.
 
FILMOGRAFIE
 
2017 THE RIDER
2015 SONGS MY BROTHERS TAUGHT ME
2011 BENACHIN (Kurzfilm)
2010 DAUGHTERS (Kurzfilm)
2009  THE ATLAS MOUNTAINS (Kurzfilm)
2008 POST (Kurzfilm)



PREISE
 
 
ART CINEMA AWARD
Jurybegründung:  „Für die kreative Verbindung von Dokumentarischem und Fiktionalem, die einfühlsame Einbeziehung des Zuschauers durch starkes Mitgefühl mit den Charakteren und die Darstellung amerikanischer Mythologie in einer unerwarteten Weise.“
Der Art Cinema Award wird vergeben vom CICAE, dem internationalen Verband der Filmkunsttheater, für innovative Filme und Filme von neuen jungen Autoren oder Filmemachern aus aufstrebenden Ländern und hat zum Ziel, dem Publikum qualitativ hochwertige Filme nahe zu bringen. 
 
WERNER HERZOG FILMPREIS 2017
„Chloe Zhao ist eine neue, bedeutende Stimme im amerikanischen Kino, auch wenn sie in Bejing aufwuchs mit Mandarin als ihrer ersten Sprache. Umso erstaunlicher, dass sie mit THE RIDER einen so tief authentischen, tief bewegenden Film über Rodeo-Reiter, über das American Heartland gedreht hat. Wir kennen diese Welt ja weitgehend nur aus der Sicht der Verzerrung und der Dämonisierung als Trumps Wählerbasis. Es ist ein lakonischer Film über Sehnsucht, über Verwundungen, über den Kampf des jungen Protagonisten (Brady Jandreau), nach einer lebensbedrohenden Verletzung eine neue Identität zu finden. Am Ende – und das ist völlig neu in der amerikanischen Filmkultur – gibt er seinen Lebenstraum auf. Der Film ist mutig, wahrhaftig und weitgehend aus eigner Kraft realisiert – eine Ermutigung für jeden jungen Filmemacher und insbesondere auch für Frauen, das Kino mit neuen Visionen zu beleben.“  (Werner Herzog)
Der Werner Herzog Filmpreis wird seit 2016 einmal jährlich von der Werner Herzog Stiftung verliehen und honoriert Mut, Entschlossenheit und Visionen.
 
GRAND PRIX (Deauville Filmfestival)

GOLDEN ATHENA (Athens International Film Festival)

GOLDEN PUFFIN (Reykjavik International Film Festival)
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 07.06.2018
HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS
Ab 14. Juni 2018 im Kino
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Familie Graham führt ein beschauliches Leben: Annie (Toni Collette) ist eine liebevolle Mutter und lebt zusammen mit ihrem Mann Steve (Gabriel Byrne) und den beiden Kindern Peter (Alex Wolff) und Charlie (Milly Shapiro) etwas abgelegen am Waldrand. Als Annies Mutter Ellen, das Oberhaupt der Familie, stirbt, muss sich die Familie mit mysteriösen und grauenhaften Ereignissen auseinandersetzen. Nach und nach kommen die furchterregenden Geheimnisse ihrer Vorfahren ans Licht. Für Annie, Steve, Peter und Charlie beginnt plötzlich ein Wettlauf gegen ihr dunkles und unheilvolles Schicksal, welches ihre Ahnen ihnen hinterlassen haben…  



Ein Film von Ari Aster

Mit Toni Collette (Annie Graham), Gabriel Byrne (Steve Graham), Alex Wolff (Peter Graham) u.a.


HEREDITARY -  zieht bereits Horror-Fans auf der ganzen Welt in seinen Bann. Newcomer-Regisseur und Drehbuchautor Ari Aster ist ein spannender, atmosphärisch dichter und intelligenter Psycho-Horror-Thriller gelungen. Seine zutiefst beunruhigende Familientragödie über ein höllisches Erbe sorgte bereits auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival für Furore. Toni Collette („Unlocked“, „Madame“) beeindruckt mit ihrer Darstellung der verzweifelten und besessenen Mutter. An ihrer Seite spielen u.a. Gabriel Byrne („Lies We Tell“, „Mad to Be Normal“) als hilfloser Vater und Jungstar Alex Wolff („Jumanji: Willkommen im Dschungel“, „Boston“), der durch sein intensives Schauspiel überzeugt.



ÜBER DIE PRODUKTION
 
Mit seinem Spielfilmdebüt knüpft Drehbuchautor und Regisseur Ari Aster nahtlos an seine gefeierten Kurzfilme an, die sich ebenfalls um heimische Rituale und Traumata drehten.  erzählt die furchterregende Geschichte einer US-Familie, die gegen böse Kräfte in ihrem Stammbaum kämpft. Der Film ist vage von Ari Asters eigener, von Unglücksfällen und Tragödien durchzogenen Familiengeschichte inspiriert, die man fast schon verflucht nennen möchte. Aster präsentiert sich hier als geborener Auteur und meisterhafter Filmemacher, formal präzise, der exakt weiß, was er tut. Seine niederschmetternde Vision, sorgfältig und kunstvoll ausgearbeitet, erinnert an Horrorklassiker der 1960er und 1970er Jahre.
 
Mit Director of Photography Pawel Pogorzelski, Asters Studienkollege am American Film Institute Conservatory, und einem Team hochbegabter Künstler gestaltete Aster den Film, wobei sich sein unglaubliches Talent bereits in den ersten Sekunden offenbart: Mit elegant fließender Kamera lässt er zwei unterschiedliche Welten nahtlos miteinander verschmelzen: eine Modellwelt mit Miniaturfiguren, aufwendig gestaltet von Steve Newburn („Inception“, „The Dark Knight Rises“); die andere, reale Welt, die komplett in einem Studio in Utah gebaut wurde. Gemeinsam werden sie zu einer düsteren Vision einer Familie, die unter einem schrecklichen Fluch leidet. „Ereignissen, denen sie machtlos gegenübersteht“, sagt Aster. „Die Grahams sind wie Figuren in einem verfluchten Puppenhaus, die von äußeren Kräften manipuliert werden.“
 
Grandios besetzt mit Toni Collette („Little Miss Sunshine“, „Taras Welten“), Gabriel Byrne („In Treatment – Der Therapeut“, „Die üblichen Verdächtigen“), Alex Wolff („Jumanji: Willkommen im Dschungel“), Milly Shapiro und Emmy®-Preisträgerin Ann Dowd („The Handmaid’s Tale“); und einem nachhaltig beeindruckenden Score von Avantgarde-Saxophonist Colin Stetson, markiert  das sagenhafte Debüt eines Drehbuchautors und Regisseurs, von dem die Welt noch viel hören wird.
 
 

EINE GANZ NORMALE FAMILIE?
 
Die Idee zu  hatte Aster, nachdem seine eigene Familie innerhalb von drei Jahren schweren Prüfungen ausgesetzt war. „Es kam so geballt und war so unerbittlich schrecklich, dass wir das Gefühl hatten, verflucht zu sein. Ich orientiere mich beim Schreiben immer an persönlichen Erfahrungen, wollte das Leid meiner Familie und mir aber auf keinen Fall ausschlachten. Als Genrekino-Fan nahm ich also die Idee einer verfluchten Familie und ließ sie quasi durch einen Horrorfilmfilter ablaufen, inklusive einer großen Katharsis, sodass ich emotional geschützt war. Wenn man einen Film darüber drehen möchte, wie ungerecht das Leben ist, bietet sich das Horror-Genre geradezu an. Es ist ein perverser Bereich, in dem die Ungerechtigkeiten des Lebens mehr oder weniger gefeiert und sogar verherrlicht werden.“
 
Inspirieren ließ sich Aster von eher unerwarteten Filmen wie „Eine ganz normale Familie“, „Der Eissturm“ und „In the Bedroom“. Filme, in denen sich Familien mit Tod, psychischen Erkrankungen und emotionaler Gewalt auseinandersetzen müssen. Die Familientragödie in  verschob er dann ins Reich des übernatürlichen Horrors. Auf brillante Weise kombinierte er so den emotionalen Gehalt der Filme mit ikonischen Schockern der 1960er und 1970er Jahre, die sich ganz langsam, aber dafür umso perfider entfalten, darunter „Rosemaries Baby“, „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ und „Schloss des Schreckens“. „Das waren ganz auf die Figuren zugeschnittene, ausgefeilte Filme, die sich so viel Zeit genommen haben, wie sie brauchten“, meint Aster. Er entwickelte die Geschichte einer Familie, die buchstäblich verflucht ist und unter grausamen Ereignissen leidet, die sich als Teil eines größeren, machiavellistischen Plans herausstellen.
 
Der Titel des Films bekommt im Verlauf der Geschichte einen immer kühleren Klang, weil er die Themen Abstammung und Blutlinien in das Reich des übernatürlichen Horrors und noch weiterträgt. „Der Film handelt von Vererbung – dass man sich seine Familie, oder was man im Blut hat, nicht aussuchen kann“, sagt Aster. „Es geht um den Horror, in eine Situation hineingeboren zu sein, die man nicht kontrollieren kann. Für mich ist nichts beunruhigender als die Vorstellung, absolut machtlos zu sein.“
„Die Tatsache, dass die Grahams machtlos sind, ist ein entscheidender Punkt im Film, und am Ende verbreiten sich Hoffnungslosigkeit und Vergeblichkeit“, sagt Aster. „Dabei schwebte mir ein Horrorfilm vor, der sehr intim und überwältigendes Kino gleichzeitig ist und die Zuschauer nicht so leicht vom Haken lässt. Ich hoffe, dass der Film beim Publikum lange nachhallt und sie dazu bringt, sich ihren eigenen, unausweichlichen Ursprüngen zu stellen.“



FAMILIENRITUALE
 
Ari Aster hat mit seinen stilsicheren und wuchtigen Mini-Psychodramen auf Filmfestivals für Furore gesorgt und das Internet erobert: In seinem stummen Kurzfilm „Munchhausen“ (2013) versinkt eine Mutter, gespielt von Bonnie Bedelia, in Trauer und Schuldgefühlen, als bei ihrem Versuch, den Auszug ihres geliebten Sohnes zum College zu verhindern, etwas fürchterlich schiefgeht. In dem sensationellen Kurzfilm „The Strange Thing About the Johnsons“ (2011), der auf dem New York Film Festival gezeigt wurde, bevor er online ging, erzählt er im Stil eines 1950er-Melodramas von einem inzestuösen sexuellen Missbrauch eines Sohn an seinem alternden Vater. 
 
Beide Filme sind schwarze Komödien, die sich mit vergifteten Familienritualen und Traditionen beschäftigen und dabei unangenehme Themen aufwerfen. Beides sind meisterhaft geplottet und durchgeführt – Werke eines geborenen Filmemachers, der sein Handwerk beherrscht, was Rhythmus, Storytelling und Bildgestaltung angeht. Wie auch in  untersuchen seine Filme auf originelle und unvorhersehbare Weise Machtstrukturen innerhalb von Familien. „Machtverhältnisse haben mich schon immer interessiert“, sagt Aster, „und sie sind immer am heimtückischsten, wenn sie in einer Familie ins Wanken geraten.“ Eine ungewöhnliche Inspirationsquelle findet Aster in den Filmen von Mike Leigh, dessen einzigartige Arbeitsweise mit Schauspielern „die lebhaftesten Charaktere und Beziehungen hervorbringt. Ich habe allen im Team seinen Film ’All or Nothing‘ gezeigt, nur um sie in Stimmung dafür zu bringen, was ich zu erreichen hoffte.“



WENN GUTEN MENSCHEN SCHLECHTES WIDERFÄHRT
 
Die Grahams sind eine scheinbar ganz normale amerikanische Familie, die gleich in der Eröffnungssequenz von  in großes Leid gestürzt wird, als Ellen Leigh stirbt, Annies Mutter und eigenwilliges Oberhaupt der Familie. Eine Figur, deren Vermächtnis im Laufe der Geschichte immer düsterer wird. Jeder der Grahams verarbeitet den Tod auf eigene Weise. Als Annie eine Selbsthilfegruppe besucht, erfahren wir mehr über das Leben und die Hinterlassenschaft ihrer verstorbenen Mutter und Annies Gefühl der Entfremdung ihrer eigenen Familie gegenüber.
 
„Annie hatte viele Probleme mit ihrer Mutter, kann ihnen aber nicht völlig auf den Grund gehen“, sagt Aster. „Es gibt Hinweise darauf, was Ellen tat, als sie noch lebte, aber Annie kann die Puzzleteile nicht ganz zusammensetzen. Und ein großer Teil von Annie will wahrscheinlich auch gar nicht wissen, was ihre Mutter getan hat. Ihr Bauchgefühl weiß es genau, aber sie muss es leugnen. Wenn sie sich direkt damit auseinandersetzt, wird es sie zerstören.“
 
Ihre Ängste verarbeitet die Künstlerin, die sich gerade auf eine Galerieausstellung vorbereitet, indem sie das Leben der Grahams mit kleinen Figuren in Puppenhäusern nachstellt, darunter auch Ellens Hospiz-Aufenthalt vor ihrem Tod. „Sie schafft diese Miniaturen realer Orte und Situationen, perfekte kleine Nachbildungen, die ihr das Gefühl geben, die Kontrolle über ihr Leben, ihre Erfahrungen und Erinnerungen übernommen zu haben“, sagt Aster. „Aber das ist ein Trugschluss.“
 
Annies Ehemann Steve (Gabriel Byrne) ist ein gutmütiger Mensch, aber nie besonders präsent. Die meiste Zeit verbringt er in seiner psychotherapeutischen Vorstadtpraxis. Peter (Alex Wolff), ihr Sohn im Teenageralter, dämmert in der High School durch Diskussionen über griechische Klassiker und zieht mit seinen Kiffer-Freunden in den Pausen Joints durch. Die jüngere Tochter Charlie (Milly Shapiro) kriegt Förderunterricht und grübelt ansonsten in ihrem Baumhaus vor sich hin, wo sie in aller Stille aus Tierteilen und Nippes verstörende Totems bastelt.
 
„Peter ist orientierungslos, ihn interessiert nichts wirklich und er hat noch keine feste Persönlichkeit herausgebildet. Deshalb ist es einer der bösesten Witze des Films, dass ausgerechnet ihm am Ende eine wirkliche Bestimmung zukommt“, sagt Aster. Charlie hat allerdings weniger Glück. Sie ist tief verletzt, sehr schüchtern und wird von sozialen Phobien geplagt. Aber das ist nicht das einzig Verstörende an ihr. Im Verlauf des Films fühlen sich die Grahams immer mehr wie Schachfiguren, die von Kräften außerhalb ihres Einflusses und ihrer Kontrolle bewegt werden.


EIN DREHBUCH VOLLER ÜBERRASCHUNGEN
 
Nachdem die Grahams vorgestellt sind, entwickelt sich  ganz schnell zu einer Geistergeschichte, als Annie sich mit Joan (Ann Dowd) anfreundet, einer Hausfrau aus der Nachbarschaft, die ebenfalls um einen kürzlich verstorbenen Verwandten trauert. Sie überredet Annie, mit ihr an einer Séance teilzunehmen und leitet damit die paranormale, zweite Hälfte von  ein. Wer jedoch weiß, wie gern Aster mit den Erwartungen der Zuschauer spielt und ins genaue Gegenteil verkehrt, ahnt bereits, dass auch  absolut unberechenbar bleibt; immer wieder versteht es der Film zu überraschen, während sich die Geschichte langsam und unerbittlich entfaltet, dazu bestimmt, dem Publikum mit jeder weiteren Wendung der ausgeklügelten Story den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
 
„Mir schwebte als Überraschungsmoment so etwas wie meine ganz persönliche ’Janet Leigh steigt unter die Dusche’-Vision vor“, beschreibt Aster in Anspielung an Alfred Hitchcocks berühmten Horrorthriller „Psycho“ die Haken, die  schlägt. In der packenden und furchterregenden zweiten Hälfte nimmt der Film eine Richtung, die kaum ein Zuschauer erwarten dürfte. Nur so viel: Die familiären Probleme der Grahams schließen inhaltlich nahtlos an seine beiden Kurzfilme „Munchhausen“ und „The Strange Thing About the Johnsons“ an – sorgfältig ausgearbeitete Alpträume über die Schrecken des Familienlebens. 

Quelle:Splendid Film GmbH
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 31.05.2018
MANTRA - SOUNDS INTO SILENCE
Ab 07. Juni 2018 im Kino
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Reise nach innen und gleichzeitig weltweite Bewegung: MANTRA – SOUNDS INTO SILENCE zeigt, wie intensiv Klänge in einer pausenlos kommunizierenden Welt wirken können. Auf der Suche nach Konzentration, Gemeinschaft und Verbindung wenden sich international zahllose Menschen einer uralten Form des menschlichen Zusammentreffens zu – dem gemeinsamen Singen. Eine Form dieses Phänomens ist der so genannte „Kirtan“, bei dem Mantras gesungen werden.  Dienten die traditionellen Klangformeln aus Indien im Westen anfangs lediglich der Untermalung von Yogastunden, erreicht ihre Kraft nun ein breites Publikum – bis hin zu Grammy-Nominierungen für die im Film portraitierten Szenestars wie Deva Premal & Miten, Krishna Das, Jai Uttal und Dave Stringer. Auf Konzerten, Festivals, in Alltagssituationen und ungewöhnlichen Locations wie dem San Quentin Prison bei San Francisco zeigt MANTRA – SOUNDS INTO SILENCE, wie sich beim Chanten Grenzen auflösen und Menschen wieder zu sich selbst finden: In hinreißenden Bildern und mitreißenden Sounds, frei von Esoterik und voller Begeisterung für das Leben.  
Im Dokumentarfilm der Regisseurin Georgia Wyss treten die Künstler Deva Premal & Miten, Manose, Krishna Das, Snatam Kaur, Jai Uttal, MC Yogi, Lama Gyurme & Jean-Philippe Rykiel, C.C. White, Dave Stringer, Mirabai Ceiba, Gaura Vani und Nina Rao auf.


Ein Film von Georgia Wyss

Mit Deva Premal & Miten, Manose, Krishna Das, Jai Uttal, Snatam Kaur, MC Yogi, Dave Stringer, C.C. White, Nina Rao.


Als Rapper vertritt der New Yorker Nicholas Giacomini alias MC Yogi sowohl mit seiner Biografie als auch mit seiner Musik die zeitgenössische Erscheinung einer uralten Tradition: Für ein zeitgenössisches, nach Sinn und innerer Ruhe suchendem Publikum verpackt er indische Mantras in moderne, leicht zugängliche Rhythmen und angesagte Happenings. Damit verkörpert er als erster Protagonist in MANTRA gleich dessen Kernthema: Klang und Philosophie der Mantras, gerne vermittelt und gesungen in einer Zusammenkunft namens „Kirtan“, können moderne Menschen in ihrem Alltag enorm bereichern und mehr Leichtigkeit sowie Tiefe ins Leben bringen.  
Die zwei Silben des Wortes „Mantra“ bedeuten „Geist“ („man“) und „Instrument“ („tra“), um ersteren aus seiner Unruhe zu befreien. Was das Singen und Rezitieren dieser ursprünglich als „heilig“ betrachteten Silben für Menschen aus dem Westen bedeutet, zeigt der Film anhand von Konzerten der populärsten Vertreter der Kirtan-Bewegung. Tanzend, voller Hingabe oder in ruhiger Meditation: MANTRA zeigt alle Arten, am Kirtan teilzunehmen, sowie die wichtigsten Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen und Stilen. Oft führten sie, wie im Fall von Miten, MC Yogi und Krishna Das, ernsthafte Lebenskrisen zur Beschäftigung mit Mantras.

Auch die amerikanische Kunsthändlerin Caren Fine berichtet als „Vertreterin“ des Publikums, wie Kirtan ihre innere Leere in einen kreativen Raum verwandelte: Wie MANTRA zeigt, kann Kirtan Biografien verändern.  
Mit vielen anderen Yogis und Kirtan-Fans nimmt Fine am „Ecstatic Chant Festival“ am Omega Institute in Rhinebeck, New York, teil, einem Zentrum der Szene. Sein Gründer ist Stephen Rechtschaffen, der sich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung nachhaltiger Gemeinschaften und Lebensentwürfe beschäftigt. Als ganzheitlicher Arzt untersucht er auch die Wirkung von Meditation und Mantra auf den Körper: „Singen ist eine Gelegenheit, unser System wieder aus einem übersteigerten Lebenstempo in seine natürliche Taktung zu bringen.“ 

Headliner des Festivals sind Deva Premal & Miten, die sich trotz ihres immensen Erfolgs nicht als Künstler sehen, eher als Vermittler: „Wir wollen der Vorwand sein, unter dem Menschen zusammen kommen.“ Die erstaunliche Wirkung der Mantras auf Menschen, die teilweise zum ersten Mal mit ihnen in Berührung kommen, sieht das deutsch-britische Duo „jenseits von Glaube und Intellekt“. Der Film beobachtet sie unter anderem bei Konzerten in Moskau und auf Korfu.
Szenenwechsel: Auf der Barcelona Yoga Konferenz erzählt Kirtan-Star Krishna Das von seinen Jahren in Indien und der reinigenden Wirkung, die die Mantras nicht nur auf seine Kokainsucht hatten. 

Ein Weg, den die Insassen des San Quentin Prison in San Francisco nachvollziehen können: Das Konzert von Jai Uttal ist für die meisten Häftlinge die erste Begegnung mit spiritueller Musik, auf die sie sich einlassen können. Sichtbar vorsichtig und zunächst skeptisch bewegen sie sich zum Groove, manche beginnen zu tanzen. Zwei von ihnen, Michael Adams und Gino Sevacas, sprechen von ihrer Motivation, sich zu transformieren, der Kraft spendenden Wirkung der Mantras und neuen Räumen, die sie für sich erschließen: „We get a lot of freedom“ - im Gefängnis-Kontext eine besondere Aussage. Initiatorin ist die interreligiöse Geistliche und praktizierende Buddhistin Susan Shannon. Der Fokus ihrer Arbeit liegt seit Jahrzehnten auf sozial benachteiligten Gruppierungen und besonders auf Gefängnis-Projekten.  

Dass der Effekt von Mantras auf das Gehirn wissenschaftlich belegt ist, berichtet Neurowissenschaftler Andrew Newberg, Pionier im Feld der „Neurotheologie“, der Analyse von spirituellen Erfahrungen. Seine Forschungen umfassen Gehirnscans von betenden oder meditierenden Menschen, bei Ritualen und in Trance. Kurz gefasst ist sein Fazit: Spirituelle Haltungen und Praktiken beruhigen die Gehirnaktivität des Menschen, aktivieren andere Bereiche des Gehirns als die der Logik und festigen somit sein Vertrauen in etwas „Größeres“. 
Erkenntnisse, denen auch die Kirtan-Stars Dave Stringer und Gaura Vani zustimmen. Als Bhakti Yogis gilt ihr Interesse außerdem der nicht hierarchischen Zusammenkunft von Menschen, der nicht elitären, sondern sinnlichen Vermittlung und der Anbindung an besagtes (individuell definiertes) „Größeres“. 

Paris: Als „Essenz“ aller spirituellen Praktiken bezeichnet Lama Gyurme die Mantras. Seine Stimme und sein tiefes Wissen des tibetischen Buddhismus waren Auslöser für den französischen Pianisten Jean-Philippe.  Als von Geburt an Blinder habe er, erzählt Rykiel, große Sensibilität für Klänge und das Zuhören. Das Resultat seiner Kooperation mit Gyurme sind  beeindruckende tibetische Gesänge mit Klavierbegleitung. 

Mantras beim Autofahren, bei einem Gruppenmeeting von Suchtkranken in Oregon, die Tina Turnerähnliche Energie, die beim Kirtan von Sängerin C.C. White entsteht, und am Schluss die Rückkehr nach Indien: Dass Mantras und Kirtan im Westen so gut ankommen, habe sein Interesse für die eigene Tradition neu entdeckt, so der indische Unternehmer Yash Mehta. Ein Krishna Das-Konzert sei der endgültige Auslöser gewesen. Zurück zu den Wurzeln.
 


„Call and Response“: Was ist Kirtan?
 
Das aus Indien stammende Phänomen des Kirtans ist eine Form des gemeinsamen Singens, die aus wechselseitigem Vorsingen und Wiederholen („call and response“) von Versen, meist Mantras, besteht. Da auch im Westen eine wachsende Zahl von Menschen ihren gleichzeitig beruhigenden und Energie spendenden Effekt entdeckt, hat die Tradition in den letzten Jahren auch hier stark an Popularität gewonnen. Kirtan hat nichts mit Religion zu tun, wird von vielen Praktizierenden jedoch als „spirituell“ beschrieben. Auf einer Kirtan-Veranstaltung verschwimmen die Grenzen zwischen Musikern und Publikum: Indem sie dem Vorsingen der Musiker „antworten“, tragen die Zuhörer wesentlich zum Klangerlebnis bei. Die wichtigsten Protagonisten des Kirtan, die alle in MANTRA zu Wort kommen, füllen inzwischen große Hallen, verkaufen Millionen von Alben und sind bei GrammyPreisverleihungen vertreten.


„Reise nach innen“  Kommentar von Regisseurin Georgia Wyss
 
2005 entdeckte ich die Musik von Deva Premal & Miten, die mich sofort unglaublich inspiriert hat. Zu dieser Zeit fiel es mir schwer, meinen schnelllebigen Alltag zwischen Beruf und zwei kleinen Kindern in Balance zu bringen. Ich nahm Unterricht in Yoga und Meditation, durch den mir allmählich auch die große Kraft der Musik bewusst wurde. Diese Erfahrung vertiefte sich, als ich eine liebe Freundin durch ihre Krebserkrankung und schließlich ihren Tod begleitete. Sie wurde nur 42 Jahre alt. Auch damals bot mir die Musik von Lama Gyurme sowie Deva Premal & Miten Zuflucht. Sie half mir, weiterhin auf das Leben zu vertrauen und den ersten großen Verlust eines geliebten Menschen zu akzeptieren.  Je tiefer ich in den folgenden Jahren in die Welt des Kirtan eintauchte, desto mehr spürte ich, dass dessen Essenz jedoch aus mehr besteht als Unterstützung in schwierigen Zeiten. Es geht darum, dass sich Menschen neu finden – sich selbst und ihren Platz in der Welt. Es geht um Entdeckungen, besser gesagt: um Neuentdeckungen. In unserer zunehmend vereinzelten Gesellschaft haben viele den Wert und die Freude an Verbindung verloren oder diese Gemeinschaft vielleicht nie gehabt.
Es scheint, dass das Bedürfnis der Menschen, mehr über sich zu erfahren, ständig wächst. Es kann gut sein, dass wir in einer „allzeit bereiten“ Welt unseren Fokus verloren haben. Durch emails, Twitter, die sozialen Medien und Menschen, die fast komplett in einer virtuellen Welt leben, ist unsere Aufmerksamkeit konstant nach außen gerichtet. Bei Bhakti Yoga and Kirtan geht es hingegen um die Hinwendung nach innen. Diese Reise wollte ich ihn MANTRA detailliert erforschen. In unserer von Trennung und Grenzen bestimmten Welt tolerieren sich auch die Religionen oft wenig untereinander, und auch die Menschen sehen beim Blick aufeinander meistens Unterschiede, keine Gemeinsamkeiten. Ich hoffe, dass MANTRA in dieser Hinsicht eine Atmosphäre der Hoffnung verbreitet. 
Quelle: Verleih
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 24.05.2018
BACK FOR GOOD
Ab 31. Mai 2018 im Kino
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Reality-TV-Sternchen Angie muss nach ihrem Drogenentzug wieder zurück zu ihrer Mutter ziehen. Als diese einen Zusammenbruch erleidet, hat Angie plötzlich ihre pubertierende Schwester am Hals, dabei will sie einfach nur wieder zurück ins Fernsehen.

Ein Film von MIA SPENGLER

Mit KIM RIEDLE, LEONIE WESSELOW, JULIANE KÖHLER, NICKI VON TEMPELHOFF u.a.


Reality-TV-Sternchen Angie kommt frisch aus dem Drogenentzug. Eigentlich sollte das Ganze nur eine PR-Aktion sein, mit der sie sich einen Platz im nächsten Dschungelcamp sichern wollte. Doch die Konkurrenz ist hart in einer Welt in der Aufmerksamkeit als Währung gilt. Inzwischen hat sich auch noch ihr Freund und Manager von ihr getrennt und keiner ihrer sogenannten Freunde ist bereit sie aufzunehmen. Daher muss Angie zurück zu ihrer Mutter Monika in ihr Heimatkaff ziehen. Ähnlich schwer hat es Angies pubertierende Schwester Kiki: Wegen ihrer Epilepsieerkrankung besteht Monika darauf, dass sie einen Schutzhelm trägt. Dieser isoliert sie auch effektiv von allen anderen Jugendlichen in ihrem Umfeld. Da bleibt nur das Internet, um nicht als ewiger Außenseiter zu enden. Mit einem dilettantischen Tanzvideo versucht sie sich der Youtube-Community vorzustellen. Doch statt des erhofften Zuspruchs machen ihr ein paar Cybermobber von nun an das Leben zur Hölle. Dabei will Kiki doch einfach nur dazu gehören. Ein Gefühl, das Angie sehr gut kennt. Als sie die Luftmatratze neben Kikis Bett bezieht, ist sie für ihre kleine Schwester wie ein Engel mit Silikonbrüsten, der perfekte Ratgeber, wenn es darum geht, sich aus der sozialen Isolation zu befreien. Und auch Angie fühlt sich ihrer kleinen Schwester unerwartet verbunden und verteidigt sie gegen Monikas übergriffiges Verhalten. Doch als Monika nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus kommt, muss Angie plötzlich wirklich Verantwortung für Kiki übernehmen, dabei wollte sie doch eigentlich zurück ins Fernsehen. Was anfänglich wie eine Katastrophe scheint, wird zur bittersüßen Chance für alle drei Frauen sich zu transformieren.


Regiekommentar

BACK FOR GOOD ist ein Film über drei Frauen aus drei Generationen, die nicht nur durch ihr Blut verbunden sind, sondern auch durch das unerfüllte Bedürfnis nach Liebe. Verzweifelt sehnen sie sich danach, diese Leere zu füllen und so werden Moral, Selbstachtung und Würde zu verkaufbaren Waren für einen Moment der Bestätigung. Angie, unsere Hauptfigur, ist ein Trash-TV-Starlet, die sich hartnäckig an ihre verblassende Karriere klammert, um ihrer Mutter zu beweisen, dass sie gut für etwas ist, dass auch jemand wie sie berühmt sein kann. Ich wollte die Geschichte einer Frau erzählen, die von vielen zur Primetime im Reality-TV für ihre Beschränktheit verlacht werden würde. Eine Frau jedoch, die wie die meisten von uns hart kämpfen muss, um ihre Vergangenheit zu überwinden. Die viel im Leben zu tragen hatte und nicht immer den besten Weg gefunden hat, damit umzugehen. Aber die willens ist, das zu ändern. Angie verkörpert die Oberflächlichkeit unserer Zeit und die Verrohung unserer Gesellschaft. Doch sie ist gleichzeitig eine hoffnungsvolle Figur, eine tragisch-komische Heldin, die es durch ihre Anstrengungen, mögen diese auch noch so hanebüchen sein, am Ende schafft sich zu transformieren und aus der Spirale des Selbsthasses heraus zukommen, indem sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben um eine andere Person kümmert. Deshalb ist BACK FOR GOOD für mich auch eine Ode an die Menschlichkeit – leise gesummt während ein Autotune-Popsong aus dem Radio dröhnt.


Zur Entstehung des Projektes
von Mia Spengler

In den ersten Schritten des Projekts war Angie, die Hauptfigur von BACK FOR GOOD, nur eine Nebenfigur einer anderen Geschichte. Beim Schreiben bereitete sie mir arge Probleme, weil ich sie empathisch nicht greifen konnte und nicht über ihre Oberflächlichkeit hinwegkam. Wie soll man eine Figur erzählen, die sowenig Respekt und Selbstwertgefühl hat?

Mit dieser Frage schloss ich mich ein und begann zu recherchieren: Gina Lisa Lohfink, Daniela Katzenberger oder das britische Boxenluder Katie Price waren dabei wichtige Vorbilder. Je mehr ich mich mit ihren Biographien und ihrem Auftritt in der Öffentlichkeit beschäftigte, umso mehr zog mich das Thema in den Bann. In grellen Farben illustrieren diese Frauen den Komplex des „Nicht-Genug-Seins“ des „Nicht-Ausreichens“. Es ist nie genug Make-up, die Brüste sind nie groß genug, die Absätze nie hoch genug. Es ist ein derart verzweifelter Kampf nach Anerkennung und Liebe, der dann in Reality-TV-Formaten endet, die darauf basieren, dass die Teilnehmer ihr Recht auf Empathie und Menschlichkeit an der Pforte abgeben. Eine seltsame Form von Unterhaltung.

Doch andererseits so repräsentativ für unsere Zeit und unsere Gesellschaft, in der es in erster Linie um Aufmerksamkeit und nicht um Inhalte geht. Angie wuchs mir mehr und mehr ans Herz, als ich verstand, dass ich, wie die meisten Frauen, viele ihrer Komplexe teile und dass meine anfängliche Abneigung der Figur gegenüber daher rührte, das nicht wahrhaben zu wollen. Gleichzeitig war mir als Regisseurin wichtig, keine Opferfigur sondern eine Kämpferin zu erzählen. Für die Recherche traf ich mich mit verschiedenen C- und D-Prominenten aus der Branche und kann rückblickend sagen, dass ich viele sehr reflektierte, sympathische Menschen kennenlernte, die extrem hart arbeiteten und dazu auch sehr gut verdienten. Mittlerweile kann ich die rationalen Gründe gut verstehen, diese Art von Beruf zu ergreifen.

Gleichzeitig sind die persönlichen Schicksale häufig hart und es ist fast unmöglich, die erlebten Traumata oder Lebensrückschläge zu heilen, wenn sie eigentlich die Geschäftsbasis für die Skandalschlagzeilen sind. Durch die Recherche wurde mir auch klar, dass eine Figur wie Angie für mich nur erzählenswert ist, wenn die Reise für sie ein positives Ende nimmt, wenn sie am Ende des Films etwas vollständiger ist als davor. Will man sich ansehen, wie Menschen sich in diesem Metier zu Grunde richten, muss man nur den Fernseher anschalten. Im Schreibprozess wurde auch schnell klar, dass Angie durch ihren Blick auf die Welt sehr viel komisches Potenzial mitbringt und die Figur sich oft die Dinge traut, die man sich selbst im Alltag verbietet. Sie kann brutal ehrlich, pragmatisch und politisch unkorrekt sein und genau dafür liebt man sie. Nach eineinhalb Jahren Buchentwicklung begann das Casting für die Rolle Angie.

Meine Casterin Lisa Stutzky formulierte unser Rollenprofil so: Wir brauchen jemand, der auf dem Eis tanzen kann ohne einzubrechen. Wir casteten rund 50 Schauspielerinnen für die Rolle Angie und rund 80 Kinder für die Rolle Kiki. Darunter waren soviele talentierte junge Frauen, dass ich dachte, die Entscheidung würde mir am Ende sehr schwer fallen. Doch als Kim Riedle ins Casting kam, war sofort klar: Das ist ihre Rolle. Auch wenn die äußerliche Annäherung an die Figur noch ein weiter Weg war. Sie bereitete sich drei Monate auf die Angie vor. Einerseits mit intensiven Schauspielproben in der wir Angie noch einmal ganz neu entdeckten und definierten, andererseits betrieb Kim exzessiv Sport, färbte sich die Haare Wasserstoffblond, übte jeden Tag das Laufen auf 25cm High-Heels und ging während des Drehs einmal die Woche zum Spray-Tanning und ins Nagelstudio. Auch Juliane Köhler und Leonie Wesselow bereiteten sich intensiv auf ihre Rollen vor. Leonie traf sich mit Jugendlichen, die an Epilepsie erkrankt waren, und übte mit einem Schauspielcoach die körperliche Erfahrung eines epileptischen Anfalls.

Juliane Köhler nahm Unterricht im Linedance. In den Konstellationsproben für die Familie wurde uns immer mehr klar, wie jede der Figuren eine andere Seite des Lechzens nach Aufmerksamkeit beleuchtete. Juliane Köhler nahm dabei unglaublich mutig die Rolle der Antagonistin an und verlieh Angies Mutter Monika, neben ihrer Gebrochenheit und Boshaftigkeit, auch eine ungewöhnlich komische Note.
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Donnerstag 17.05.2018
TASTE OF CEMENT - Der Geschmack von Zement
Ab 24. Mai 2018 im Kino
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In den strahlend blauen Himmel über Beirut wachsen neue Wolkenkratzer mit Traumblick auf das Mittelmeer. Tagsüber werden sie von syrischen Bauarbeitern errichtet. Zu Hause in ihrer Heimat zerstört der Krieg zur gleichen Zeit ihre eigenen Häuser. Auch nachts dürfen sie die Baustelle nicht verlassen. Sie müssen hinunter in die Keller der Betongiganten, wo sie kochen, hoffen, schlafen.
Der junge syrische Regisseur Ziad Kalthoum hat mit TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement ein poetisches, emotionales und bildgewaltiges Werk geschaffen, das mehr ist als ein Film – es ist eine Erfahrung. 
 
Ein Film von Ziad Kalthoum

Nominiert für die GOLDENE LOLA für den BESTEN DOKUMENTARFILM beim DEUTSCHEN FILMPREIS 2018

In Ziad Kalthoum ästhetisch ungewöhnlichem, dichten, bild- und tongewaltigen Dokumentarfilm vermischen sich Poesie und die Klänge und Bilder von Wiederaufbau und Zerstörung in einer traumähnlichen Dissonanz. TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement ist ein schillerndes Essay über die Bedeutung des Lebens im Exil.

Der syrische Filmemacher brachte das Bildmaterial aus dem Libanon nach Deutschland mit und stellte seinen Film in kreativer Zusammenarbeit mit den Produzenten der BASIS BERLIN Filmproduktion fertig. Er lebt und arbeitet seitdem in Berlin. 

Produziert wurde der Film von BASIS BERLIN Filmproduktion (Ansgar Frerich, Eva Kemme, Tobias Siebert), Berlin, und Bidayyat for Audiovisual Arts (Mohamad Ali Atassi), Beirut. 
Der Verleih 3Rosen von Jürgen Fabritius bringt TASTE OF CEMENT - Der Geschmack von Zement am 24. Mai 2018 in die deutschen Kinos, in Zusammenarbeit mit deutschfilm, Anatol Nitschke und unter der Projektleitung von Kamran Sardar Khan.



ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE
 
von Bert Rebhandl
 
 
TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement und die Möglichkeiten des dokumentarischen Films
 
Wie schmeckt Zement? Diese Frage kann das Kino nicht beantworten. Ein Film hat nur zwei Möglichkeiten: Töne und Bilder. Der Geschmack von Zement lässt sich in eine filmische Erzählung allenfalls übersetzen. Und auch dann bleibt die Frage, ob man den Zement genau so schmecken würde wie einer der Bauarbeiter, der sich in Ziad Kalthoums Film daran erinnert, wie er im syrischen Bürgerkrieg verschüttet und zum Glück rechtzeitig ausgegraben wurde. Man könnte sich Zement auf die Zunge laden und würde doch niemals den Geschmack finden, den Zement für das Opfer eines Bombardements (oder eines Erdbebens) annimmt, wenn man darunter begraben liegt.
 
Im Französischen spricht man von „enterrement“, im Deutschen von Beerdigung, wenn jemand zu Grabe getragen wird. Aber im Krieg geht es meistens nicht um Erde, sondern um die Orte, die der Mensch gebaut hat: um Infrastruktur, um Gebäude, um Eigenheime. Im übertragenen Sinn könnte man sagen: Es geht um all das, was durch Zement zusammengehalten wird. Zement ist ein Bindemittel, Bomben sind ein Zerstörungsmittel. „Der Geschmack von Zement fraß meine Gedanken“, sagt der Bauarbeiter, der sich an seine Zeit als Begrabener erinnert. Der Film von Ziad Kalthoum stellt einen Versuch dar, diese Zerstörung der Gedanken so gut wie möglich rückgängig zu machen.
 
Im dokumentarischen Kino gibt es seit jeher eine Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Betrachtung. Die Unmittelbarkeit strebt nach dem aktuellen Moment, am besten wäre eine Live-Übertragung und wenn das nicht geht, dann soll zumindest die Wirkung eines solchen Echtzeit-Erlebnisses suggeriert werden. Die Betrachtung geht auf Distanz zum konkreten Moment, sie lässt die Zeit wirken, sie sucht nach Verdichtung des Konkreten. Die neuen Videotechnologien haben es mit sich gebracht, dass diese beiden Pole des dokumentarischen Arbeitens inzwischen noch stärker ausgeprägt sind.
 
TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement betont eindeutig eher den Aspekt der Betrachtung, der Kontemplation. Die Kamera von Talal Khoury findet spektakuläre Bilder von Wolkenkratzern in Beirut. Kräne ragen in einen prächtigen Abendhimmel. Halbfertige Geschosse ragen ins Nichts. Der majestätische Gestus, die erhaben wirkenden Bilder erzählen von einer Geschichte, die hinter dem hier und heute liegt. Diese Geschichte kristallisiert sich erst allmählich heraus. Sie gehört den Stimmen aus dem Off. Sie gehört syrischen Bauarbeitern in Beirut.
 
Die Trennung von Bild und Stimme gehört zu den klassischen Mitteln des essayistischen Films, also eines „nachdenklichen“ dokumentarischen Kinos. Sie erzeugt einen bestimmten Effekt: Es ist, als würde man sich nachträglich über die Bilder beugen und sich von ihnen zu Gedanken und Erinnerungen anregen lassen. In Ziad Kalthoums Film bekommt diese Nachträglichkeit eine zweifache Dimension: denn die Bauarbeiter, deren Stimmen zu hören sind, teilen ihre Erfahrung mit einer Generation vor ihnen, mit der Generation ihrer Väter, die ebenfalls in Beirut gearbeitet haben. In beiden Fällen ging es darum, einen Krieg zu vermeiden oder dessen Folgen zu beseitigen.
 
1990 endete im Libanon ein Bürgerkrieg, 2011 begann in Syrien ein anderer. Die beiden Länder sind benachbart, die Erfahrungen sind vergleichbar. In beiden Fällen war die Konfliktlage unübersichtlich und Großmächte verfolgten ihre eigenen Interessen. In einem herkömmlichen Dokumentarfilm würde man diese Parallelen von Zeitzeugen bestätigen lassen. Man würde vielleicht einen älteren Mann finden, der 1990 in Beirut gearbeitet hat, und würde seine Erzählung mit der eines heutigen „Arbeiters im Exil“ konfrontieren.
 
Ziad Kalthoum wählt einen anderen Weg. Er sucht nach einem Erinnerungsbild, in dem er diese beiden Zeitdimensionen und diese beiden Erfahrungen von Krieg verbindet. Er findet es in einer Tapete, die einmal in einer Küche in Syrien eine Wand bedeckt hatte. Auf dieser Tapete war das Meer zu sehen, das in Syrien für die meisten Menschen nicht zum Alltag gehört, während es in Beirut allgegenwärtig ist. Ein Vater hatte diese Tapete aus Beirut nach Syrien gebracht. Für den Sohn wirkt es im Rückblick, als würden ihn die Erinnerungen daran überschwimmen – auch hier kommt der Geschmack von Zement ins Spiel, denn für den Sohn wurde der Geruch seines Vaters unvergesslich. Von diesem intimen Moment aus einer Kindheit vor (und nach) einem Krieg bewahrt Ziad Kalthoum die Essenz auf: eine Gedächtnisspur, die von einer Stimme weitergegeben wird. Während die Bilder der exponierten Bauarbeiter auf den Rohbauten hoch über der Stadt an heroische Filme und Bilder erinnern (zum Beispiel an die Art und Weise, wie Arbeiter nach der Russischen Revolution gefilmt wurden, aber auch an das berühmte Foto von den Arbeitern auf dem noch im Bau befindlichen Empire State Building), verweisen die Erzählungen der Stimme auf einen anderen Typus Film: auf die intime Autobiographie, auf die diskrete Erzählung von den allerpersönlichsten Sachen. Vor allem das französische Kino hat in dieser Hinsicht wichtige Vorbilder geschaffen, zum Beispiel in den Filmessays von Chris Marker oder in den Selbsterzählungen von Agnès Varda.
In diese Formen der Betrachtung und der melancholischen Erinnerung drängen sich allerdings auch andere Aufnahmen: Dann schaltet Ziad Kalthoum plötzlich um auf Unmittelbarkeit, dann ist sein Film plötzlich in syrischen Ruinenstädten, dann gräbt er (mit den Weißhelmen aus Aleppo, die durch Youtube berühmt wurden) hektisch nach Überlebenden im Schutt eines ehemaligen Hauses. Der Film ist in diesem Moment beinahe „live“, auch mit Bildern, die auf Mobiltelefone geschickt werden, und die im Fernsehen zu sehen sind.
 
Insgesamt aber geht Ziad Kalthoum auf Distanz, weil er weiß, dass Krieg und Zerstörung und Friede und Wiederaufbau nur Kapitel in einer langen Geschichte sind. Sein Film (gewidmet allen „workers in exile“) sucht nach einer Form, diese Unsicherheit zuzulassen. Er findet diese Form in der Spannung zwischen Bild und Ton, zwischen Gedächtnisbild und Erzählerstimme, zwischen Himmel und Erde. Der Zement soll eine Brücke bauen, schmeckt aber nach der Zerstörung, die in den Gebäuden schläft, bis sie von der Geschichte geweckt wird.


ÜBER DEN REGISSEUR
 
Ziad Kalthoum wurde 1981 in Homs (Syrien) geboren. Er hat an der Film-Hochschule in Moskau studiert und dort sein Diplom abgelegt. Danach arbeitete Kalthoum als Regieassistent an mehreren Filmen, Serien und Fernsehprogrammen. Sein Dokumentarfilm-Debüt gab er 2011 mit AYDIL (OH, MY HEART). Ein Jahr später stellte er seinen zweiten Dokumentarfilm THE IMMORTAL SERGEANT fertig, bevor er aus der syrischen Armee desertierte und nach Beirut (Libanon) floh. Der Film hatte 2014 beim Internationalen Filmfestival von Locarno seine Premiere, gewann beim BBC Arabic Festival 2015 einen Preis in der Kategorie „Feature Documentary“ und wurde bei zahlreichen weiteren internationalen Festivals gezeigt. TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement ist sein dritter Film. Ziad Kalthoum lebt und arbeitet in Berlin.


ANMERKUNGEN DES REGISSEURS
 
 
„Als der Krieg in Syrien begann, bin ich nach Beirut geflüchtet. Dort wachte ich jeden Morgen vom Lärm der Baustellen auf. Irgendwann wurde mir klar, dass vor 25 Jahren hier vor allem Kriegslärm herrschte.
 
Dieser Kontrast zwischen dem Sound von Baustellen und dem des Krieges hat mich fasziniert, ich wollte dem nachgehen. Man muss wissen, dass im Libanon schon seit 30 Jahren syrische Bauarbeiter arbeiten, inzwischen sind es über 1,2 Millionen.
 
Die Bauarbeiter, die ich getroffen habe, sind die zweite Generation – sie sind vom Krieg in Syrien geflüchtet. Und jetzt bauen sie Hochhäuser in Beirut, während ihre eigenen Häuser in Syrien zerstört werden.
 
Wenn Krieg ausbricht bedeutet dies, dass die Kommunikation zwischen Menschen versagt hat. Ich habe lange gesucht um eine neue Sprache zu finden, die zu Kriegszeiten alle Beteiligten erreicht.
 
Über die menschlichen und humanitären Tragödien unserer Zeit wird viel berichtet. Sie dominieren die Nachrichten und die nicht fiktive Filmlandschaft. Doch durch Informationsflut und beschreibende Berichte werden Schicksale zu Zahlen und auch bei den intimsten Portraits wird der Protagonist zu einer Projektion und somit nur unmittelbar erfahrbar. Mit TASTE OF CEMENT raube ich dem Zuschauer den Protagonisten. Ich setze den Betrachter selbst in die erste Person. Mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln des Kinos mache ich exemplarisch die Situation der syrischen Arbeiter in Beirut spürbar. Ich setze hierbei meine eigenen Erfahrungen als Geflohener in meine Filmsprache um: das Gefühl des Abwartens, das Hereinbrechen der Traumata in der Nacht, das Gefangensein in den Mühlen unserer Gesellschaft.
 
TASTE OF CEMENT ist ausschließlich für das Medium Kino erschaffen, es funktioniert nicht auf einem Fernseher oder gar auf einem mobilen Gerät. Der Betrachter muss sich mit dem Film „einsperren“ lassen. Der Raum des Kinos macht die Lebenssituation der Arbeiter erlebbar. Die Klaustrophobie des Abwartens und der Erinnerungen ist als physisches Experiment in der ersten Person nur in der Gruppe des Publikums wirklich erfahrbar.“
Ziad Kalthoum 
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Samstag 12.05.2018
MARIA BY CALLAS
Ab 17. Mai 2018 im Kino
„Da sind zwei Menschen in mir, Maria und die Callas …“
Eine Künstlerin auf der Suche nach Vollkommenheit, eine globale Ikone – und zugleich eine Frau, die liebt und der ein unvergleichliches Schicksal beschieden ist: MARIA BY CALLAS erzählt dieses außergewöhnliche Leben aus der Perspektive der Ausnahme-Sopranistin des 20. Jahrhunderts. „Die Callas“ selbst zieht den Schleier von Maria, und zum Vorschein kommt eine Frau, die ebenso leidenschaftlich wie verwundbar ist. Dabei entstehen Momente intimster Annäherung an eine Legende, und ein Kosmos von Gefühlen erschließt sich hinter dieser Stimme, die in der Welt einzigartig war.

Ein Film von Tom Volf

Wie Millionen vor ihm, hat Tom Volf schnell Feuer gefangen als er mit dem Phänomen Maria Callas in Berührung kam. Als der 28-jährige die ihm bisher Unbekannte zufällig bei Recherchen nach einem Opernbesuch entdeckte, wollte er sofort mehr hören, mehr wissen über die faszinierende Frau mit den vielen Superlativen. Fünf Jahre später ist der Fotograf, Schauspieler und Filmemacher ein ausgewiesener Callas-Experte. In persönlichen Gesprächen mit jenen, denen „die Tigerin“ vertraute und mit dem Zugang zu Archiven voller bisher unveröffentlichtem Material, gelingt es Volf der „echten“ Maria ganz nah zu kommen und den nicht endenden Spekulationen über die scheinbar schwierige und skandalträchtige Diva ihre eigenen Worte entgegenzustellen. In einer raffinierten Collage arrangiert Volf die unterschiedlichsten Bild-, Film- und Tondokumente, wie private Fotos, liebevoll nachcolorierte Super 8-Filme und Videos sowie Aufzeichnungen von Auftritten und Begegnungen mit Journalisten. Die persönlichen Briefe werden gesprochen von der Schauspielerin und „großen Meisterin des Lesens“ Eva Mattes. Darüber hinaus ist MARIA BY CALLAS auch Zeitzeugnis einer großen Ära, zeigt der Film doch Aufnahmen berühmter Weggefährten, wie u.a. Gracia Patricia von Monaco, Luchino Visconti, Jean Cocteau, Pier Paolo Pasolini und Elizabeth Taylor.


PRODUKTIONSNOTIZEN

Die Geschichte hört sich an wie mäßig gut erfunden: Nach einem Opernabend in der Met sucht der damals 28-jährige in New York lebende französische Fotograf, Schauspieler und Filmemacher Tom Volf im Januar 2013 im Netz nach Interpretationen von Donizettis „Maria Stuarda“– und trifft auf die ihm bis dato unbekannte Maria Callas. Den Rest der Nacht verbringt er – von ihrer Stimme und ihrer Erscheinung zutiefst berührt – damit, zu sehen und zu hören, was Google und Youtube über die Ausnahme-Sängerin des 20. Jahrhunderts hergeben. Und ist fortan besessen von der Idee, das Maximum über Leben, Lieben und Leiden der Primadonna assoluta der 1950er und 60er Jahre für sich in Erfahrung zu bringen.

Schon bald hat er nicht nur fast alles gelesen, was über sie geschrieben wurde, sondern trifft sich auch mit Menschen, die ihr persönlich begegnet sind – mit ihrer Freundin Nadia Stancioff etwa, die ihr als Presseassistentin von Pasolini beim Dreh von „Medea“ 1969 begegnet war; mit Franco Zeffirelli, Viscontis Assistent zu Zeiten seiner „Vestalin“-Inszenierung an der Mailänder Scala 1954; mit Georges Prêtre, einem bevorzugten Dirigenten der Sopranistin; mit Robert Sutherland, der sie als Pianist auf ihrer letzten Tournee 1974 begleitete; und nicht zuletzt mit Ferruccio und Bruna, denen der vorliegende Film bezeichnenderweise gewidmet ist: Der „Majordomus“ und die Haushälterin haben „la Signora“, wie sie sie zu nennen pflegten, über 25 Jahre ihres Lebens begleitet und betreut. Ferruccio war es auch, der ein einmaliges Dokument aus der Schublade zog und Volf anvertraute: die einzige noch existierende Kopie eines Interviews, das der britische Starjournalist David Frost 1970 mit der Callas führte und in dem er auch sehr persönliche Themen nicht ausklammerte – das Interview bildet eine Art Rückgrat des gesamten Films.

Was Volf schon zu Beginn seiner Recherchen auffällt, ist, dass die persönlichen Zeugnisse, die Maria Callas in Gesprächen, Briefen und ihren unvollendeten Lebenserinnerungen abgibt, so gar nicht zusammenpassen wollen mit dem Bild, das in der Öffentlichkeit über sie kursierte und das auch ihr Image für die Nachwelt mit prägte: das einer kapriziösen Diva, die ein schillerndes Privatleben führte, sich mit Opernintendanten überwarf und Vorstellungen platzen ließ.

„Es wurden so viele Lügen und Halbwahrheiten über sie verbreitet. Das ist geradezu lächerlich“, befindet Tom Volf im Interview, und so verfestigte sich im spätberufenen Fan der Vorsatz, der Jahrhunderterscheinung Maria Callas mit einem Dokumentarfilm Gerechtigkeit zu verschaffen: Er zeigt das – bewusst subjektive – Bild einer zutiefst zerrissenen Frau, die ihr Leben ihrer schicksalhaften Begabung opferte und dabei unter vielen Begleiterscheinungen ihrer Karriere und ihres Ruhms schwer litt – vom Verzicht auf Familienleben und Kinder bis hin zur steten Verfolgung durch impertinente Paparazzi.

Im Film lässt der Regisseur Callas ausschließlich selbst sprechen – in zahlreichen Interviewausschnitten, in einer kleinen Auswahl aus 400 erhaltenen Briefen und nicht zuletzt natürlich in ihrem Gesang. Die Briefe sind in der Mehrzahl an Elvira de Hidalgo gerichtet, die Gesangslehrerin, die die Meisterschülerin seit ihrer Jugend in Athen begleitet hatte und ihr eine lebenslange Vertraute blieb. Die Arien, die Volf als repräsentativ und wesentlich auserkor, von Casta Diva über La Habanera bis zur Klage aus dem ersten Akt von La sonnambula, spiegeln innerhalb der Chronologie des Films ganz gezielt die jeweilige Lebensphase und -situation des Menschen Maria Callas wider, von den Anfängen ihres Aufstiegs zum Weltruhm bis zu den Schicksalsschlägen der Trennung von Aristoteles Onassis, dessen Heirat mit Jacqueline Kennedy und seines Todes 1975. Die Stücke sind mit Untertiteln versehen, um dem Zuschauer den gelebten Anspruch der Primadonna zu vermitteln, dass sie in jede ihrer Interpretationen ihr ganzes Selbst legt.

Die Bilder zum Ton stammen aus den unterschiedlichsten Quellen, vielfach handelt es sich um privates Filmmaterial, von Super 8 über 9 mm- und 16 mm-Film bis hin zu VHS-Dokumenten – darunter auch ein paar Bilder, die Grace Kelly von ihrer Freundin aufgenommen hat. Sie zeigen Callas bei offiziellen Presseterminen, bei der Ankunft an diversen Flughäfen ebenso wie vor und hinter der Bühne, im privaten Ambiente der Villa in Sirmione am Gardasee, die sie zeitweise mit ihrem Ehemann Giovanni Battista Meneghini bewohnte, in ihrer letzten Wohnung in Paris und natürlich auch anlässlich der schicksalhaften dreiwöchigen Kreuzfahrt, die sie 1959 auf Einladung von Aristoteles Onassis gemeinsam mit ihrem damaligen Mann an Bord der Yacht „Christina“ unternahm. Hier nahm die Beziehung zum milliardenschweren Reedereibesitzer Onassis ihren Anfang, die zum emotional bestimmenden Thema ihrer verbleibenden Lebenszeit werden sollte und über die sie im Gespräch mit Frost in verblüffender Offenheit Auskunft gibt.

Dass die Callas mit der hingebungsvollen Verkörperung jeder ihrer Rollen nicht nur dem damals verstaubten Genre der Oper neues Leben einhauchte – und damit ihre Konkurrentin mit der „Engelsstimme“, Renata Tebaldi, abhängte –, sondern auch zum Medienstar ihrer Epoche wurde, belegen zahlreiche Filmaufnahmen, die sie auf Augenhöhe mit Gesellschaftsgrößen, Hollywoodstars und Ikonen der 1950er- und 60er-Jahre zeigen: Jean Cocteau, Brigitte Bardot, Wallis Herzogin von Windsor, Juliette Gréco und viele andere kommen zu ihrem Pariser Debüt 1958. Später wird sie in einem Atemzug mit Marilyn Monroe, John F. Kennedy, Marlene Dietrich und Elizabeth Taylor genannt werden. Ihre Schönheit und ihre Ausstrahlung prädestinieren sie dazu, als erste Operndiva überhaupt den Rang eines internationalen Stars über die Musikwelt hinaus zu erlangen.

In noch nie gesehenen, sorgsam restaurierten und digitalisierten Aufnahmen, die ihre Provenienz und ihre Entstehungszeit aber dennoch nicht verhehlen, gelingt es Tom Volf, eine sehr private Maria Callas zu zeigen. Außerdem wurden Aufnahmen vom Pariser Debüt 1958 ebenso wie von der Londoner Inszenierung der „Carmen“ 1962 und von „Tosca“ 1964, die nur in schlechter Qualität in Schwarzweiß existierten, in HD-Qualität remastered und über eine Strecke von insgesamt 40 Minuten hinweg anhand erhaltener Photographien originalgetreu koloriert. Und auch die Tonqualität machte Volf zur Chefsache und arbeitete nicht etwa auf Basis bestehender Aufnahmen von Warner, sondern bearbeitete Originalmitschnitte, die aus dem Freundeskreis der Sängerin stammen.

Indem er den Zuschauern ihre Zerrissenheit zwischen ihrem Status als Superstar und ihrer Suche nach dem Glück als Frau und Mensch nahebringt, gibt Volf den wohl entscheidenden Hinweis auf das Geheimnis ihres Erfolgs weit über ihren Tod hinaus: „Sie war ganz einfach menschlich, aber in ihrer Kunst lag eine Magie, die über die rein stimmliche Perfektion hinausging.“

„Ich hätte lieber Kinder und eine glückliche Familie gehabt.
Aber das Schicksal hat mir diese Karriere beschert.
Ich konnte mich nicht entziehen...“
Maria Callas


Über den Film:
EIN INTERVIEW MIT TOM VOLF

Vor 40 Jahren starb Maria Callas. Obwohl scheinbar nichts Sie dafür prädestinierte, wurden Sie zum inoffiziellen Veranstalter der Feierlichkeiten zu diesem Jahrestag, mit drei Büchern, einer Ausstellung und diesem Film …
Ja, es ist mehr als fünf Jahre her, dass ich in dieses riesige Projekt eingetaucht bin. Davor wusste ich so gut wie nichts über Maria Callas. Als ich auf ihre Vita stieß und nach und nach immer mehr von ihr entdeckte, kam mir bald die Idee, einen Film zu machen. Und das wurde schnell zu einem alles beherrschenden Wunsch. Dieser Film ist das höchste Ziel, der Gipfel, den ich erreichen wollte, mein persönlicher Mount Everest. Aber mir wurde bald klar, dass darum herum ein ganzes Himalaya-Gebirge existiert. Ein gigantischer Berg an Dokumenten und Archivmaterial musste erschlossen werden. Diese große Recherche bildete den ersten Teil meiner Arbeit.
Und als ich dann eine Geschichte daraus entwickeln wollte, stellte sich sehr bald heraus, dass das alles unmöglich in einem Film unterzubringen war. Ich hatte einen Schatz geborgen, aber nur ein Teil davon war für diesen Zweck verwendbar. Für mich behalten wollte ich ihn aber auch nicht. Also habe ich ein Buch daraus gemacht. Es trägt denselben Titel und liefert sozusagen die Vervollständigung. Und immer noch blieb Material übrig, Persönlicheres, das kam ins nächste Buch. Und zuletzt waren da noch diese erschütternden und nie veröffentlichten Briefe. Auch die musste ich der Öffentlichkeit zugänglich machen, und so kamen sie in ein drittes Buch. Den letzten Baustein bildete dann die Ausstellung, das ergab sich, während wir den Film montierten. Und auf diesem Weg habe ich dann wirklich alles oder fast alles gezeigt, was ich im Lauf der fünf Jahre angesammelt habe.

Manche Produzenten versuchten Sie zu überzeugen, eine Fernsehdokumentation aus Ihrem Projekt zu machen, aber für Sie konnte MARIA BY CALLAS nur ein Kinofilm werden. Warum?
Der Film war sozusagen der persönliche Antrieb all meiner Arbeiten an diesem Thema, er ist und bleibt in meinen Augen das Hauptwerk. Ich habe gegen alle Widerstände daran festgehalten, einen Kinofilm zu machen und keine Fernsehdokumentation, denn ich bin überzeugt, dass nur das Kinoerlebnis die Intimität schafft, die dieser Film braucht: das Gefühl, dieser Frau wirklich gegenüberzustehen, in ihre Welt einzutauchen, in ihre Epoche zu reisen. Im Kino erlebt man Musik und Gesang auch am ehesten so, wie es sonst nur in der Oper möglich wäre.
Oberstes Prinzip war für mich, weder einen Erzähler noch eine äußere Erzählung einzusetzen. Alle Worte im Film sind Callas’ eigene Worte. Es war mir auch ein Anliegen, dass der Zuschauer Maria Callas durch die Zeit begleitet. Er soll das Gefühl haben, mit ihr älter zu werden und so nah wie möglich die drei großen Abschnitte mitzuerleben, die ihrem Leben und damit auch dem Film den Takt vorgeben: ihre Anfänge in den 50er Jahren, ihr Ruhm in den 60ern, ihre Blütezeit und ihr vorzeitiges Altern in den 70er Jahren. Nur das Interview, das als roter Faden dient, unterbricht die zeitliche Kontinuität. Aber es hat dafür selbst etwas Zeitloses, es steht für sich, und deshalb habe ich mir diesen kleinen Regelverstoß erlaubt.
Und schließlich gab es noch einen Imperativ für den Film: Wenn die Callas singt, hört man ihr zu, man sieht ihr zu und man lässt dem Gesang Raum, bis die Arie zu Ende ist. Diese Vorgaben haben eine Menge Schwierigkeiten verursacht, aber ohne sie ging es nicht. Und ich glaube, dass der Film nur dadurch so authentisch geworden ist.
Am Ende der ersten Montage waren wir bei einer Version von 3 Stunden und 15 Minuten angekommen … Die Montage-Arbeit war wirklich hart. Jeden Tag hatte ich das Gefühl, ein Kartenhaus neu aufbauen zu müssen. Welche Karte auch immer man wegnahm – immer geriet das gesamte Gleichgewicht ins Wanken, und man musste von vorn anfangen.

Der Film vermittelt den Eindruck eines Mosaiks ohne Verbindungsstücke, bei dem sehr unterschiedliche Dokumente, die aus sehr unterschiedlichen Quellen stammen, sich auf der Leinwand zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen und dabei eine sehr besondere Struktur ergeben.
Wir mussten einen Haufen technischer Herausforderungen meistern. Im Film kommen Bilder vor, die zum ersten Mal in hoher Auflösung und in Originalfarben zu sehen sind. Diese Farben haben wir möglichst wirklichkeitsgetreu nachkoloriert. Dafür haben wir uns an Originalkostümen und Original-Make-up orientiert. Es kommen auch Super-8-Filme aus verschiedenen privaten Sammlungen zum Einsatz. Ich wollte bekanntes und unbekanntes Archivmaterial neu zusammensetzen, die Bilder modern und unmittelbar wirken lassen, Nähe erzeugen.
Über die Digitalisierung hinaus war die gesamte Arbeit am Filmmaterial Arbeit fürs Kino, es sollte ein Kinofilm werden und die Callas eine Schauspielerin. Das war im Übrigen mein geheimer Ehrgeiz: dass dieser Film dem Zuschauer das Gefühl gibt, er sehe – nach „Medea“ von Pasolini – den zweiten Kinofilm von Maria Callas.

Am Ende Ihrer fünf Jahre dauernden Odyssee – wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand des Mythos Callas? Ist sie immer noch so populär, und wenn ja, warum?
Von den Leuten, die am Film mitgearbeitet haben, haben viele junge Menschen Maria Callas gar nicht gekannt, und sie sind ihr fast augenblicklich verfallen. Es ist großartig, wenn man Menschen beobachtet, die sie nicht kennen – diese außergewöhnliche Magie, die sie ausstrahlt …. Das ist wirklich einzigartig, sehr schwierig zu beschreiben, und es betrifft fast jeden! Vielleicht liegt es daran, dass es nichts Ähnliches und Vergleichbares gibt, nichts, das dem Phänomen Callas nahekäme.
Während all der Jahre habe ich beobachtet, dass Maria Callas als etwas sehr Besonderes wahrgenommen wird – selbst bei der ganz jungen Generation, die ja mit einer Daumenbewegung auf dem Smartphone Zugang zu allem hat. Es gibt ein teilweise sehr junges Publikum, das die Callas für sich entdeckt und sie rückhaltlos bewundert. Das sind Menschen unterschiedlichster Kulturen und Länder. Ich habe beispielsweise einen jungen australischen Fan kennengelernt, einen genialen und verrückten Typen, der in erstklassiger High-Fidelity-Qualität alle unautorisierten Mitschnitte von Maria Callas digitalisiert! Die Callas ist auf unmittelbare und absolute Art Kult. Sie ist wirklich populär und im Übrigen bis heute die Opernsängerin mit den besten Plattenverkäufen. Sie traf auf eine veraltete und verstaubte Opernwelt, als sie debütierte. Und sie trug dazu bei, dass Oper wieder ein Publikum fand und modern wurde, weil sie als Diva das Genre neu geschaffen hat.

Könnten Sie von sich persönlich sagen, was Maria Callas Ihnen bedeutet? Haben Sie heute eine genauere Vorstellung davon, welchen Punkt in Ihrem Inneren sie vor fünf Jahren berührt hat, als Sie sie entdeckten?
Immer wieder im Film kommt Maria Callas auf das Thema Schicksal zu sprechen, ihr Schicksal. Ich glaube, das ist die Frage, die sie ihr ganzes Leben lang verfolgt hat: Habe ich mich meiner Kunst geweiht und zwar ganz und gar? Und was opfere ich folglich als Frau? Das ist ein so starkes Leitmotiv, dass man sie sagen hört: „Ich bin nicht religiös, aber ich trage ein Gebet in mir: Gib mir die Kraft, über das hinauszugehen, was das Schicksal mir auferlegt.“ Indem er einerseits die hingebungsvoll liebende Frau zeigt und andererseits die geniale Künstlerin, macht der  Film die Zerrissenheit deutlich, die sie ihr Leben lang verfolgt hat. Denn ihr ganzes Leben ist ein Ausdruck dieser extremen Spannung, der Begabung einerseits, des Opfers andererseits.
Und so lande ich wieder beim Thema Schicksals: Es war mein Schicksal, den Weg von Maria Callas zu kreuzen, obwohl nichts mich dazu prädestinierte … Warum habe ich diese wertvollen Dokumente in die Hand bekommen, wie kommt es, dass ich zehnmal so viel zusammengetragen habe, wie man bisher gesehen hatte, welches Wunder hat bewirkt, dass ich mich so hartnäckig dahinein versenken musste … es ist Schicksal.
Einer ihrer Briefe an Aristoteles endet mit den Worten „Ich liebe Dich mit Körper und Seele.“ Darin liegt der Schlüssel, glaube ich: Körper und Seele. Ihr Gesang entsteht in ihrem Körper, um die Seele zu berühren. Maria Callas erinnert uns daran, dass wir in der Lage sind bzw. dass wir nicht versäumen sollten, mit Körper und Seele zu leben.

Die Fragen stellte der Kultur-Journalist Olivier Séguret

„Wir versuchen, die menschliche Seite Medeas zu finden.
Eine Frau. Mit allen Erfahrungen einer Frau.
Und mehr. Alles ist größer. Ihre Opfer sind größer. Die Szenerie ist größer.
Aber der Schmerz ist der gleiche wie bei jeder Frau.“
Maria Callas


MARIA CALLAS – eine ANNÄHERUNG

Maria Callas wurde am 2. Dezember 1923 unter dem Namen Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulos als Tochter griechischer Einwanderer in New York geboren. 1929 änderte ihr Vater den Familiennamen in Callas. Ihren ersten Gesangsunterricht erhielt Maria mit acht Jahren. Nach der Scheidung der Eltern zog sie 1936 mit Mutter und Schwester nach Athen, studierte am Konservatorium Gesang, zunächst bei Maria Trivella, später bei Elvira de Hidalgo, die ihr als Lehrerin ihr Leben lang verpflichtet blieb. Mit fünfzehn gab die Sopranistin ihr Operndebüt in einer Studentenproduktion von „Cavalleria rusticana“, der erste Auftritt auf einer professionellen Bühne erfolgte mit „Tosca“ 1942 an der Nationaloper von Athen. 1946 kehrte Maria Callas nach New York zurück. Anlässlich ihres italienischen Debüts 1947 mit „La Gioconda“ in Verona lernte sie ihren späteren Mann, den Ziegeleibesitzer Battista Meneghini, kennen, den sie 1949 heiratete und der ihr Impresario wurde.

Zwischen 1949 und 1959 war Callas die „Primadonna assoluta“ auf allen Opernbühnen der Welt und seit 1951 fest an der Mailänder Scala engagiert. Dort hatte sie im April 1950 ihr Debut in Verdis „Aida“ gegeben, als Ersatz für die erkrankte Renata Tebaldi. Im Dezember 1951 bestritt sie als Elena in „I vespri siciliani“ erstmals die Saisoneröffnung als Mitglied des Ensembles. Sowohl ihr Stimmumfang als auch ihr Repertoire übertrafen alles bisher gekannte. Darüber hinaus bestach ihre Stimme durch ungeheure Wandlungsfähigkeit und eine Technik, die höchst individuelle und ergreifende Interpretationen aller der von ihr verkörperten Rollen ermöglichte. Allerdings war die „Schönheit“ dieser Stimme nicht unumstritten – manche Opernliebhaber störten sich an den eigenwilligen Darbietungen, mit denen die Callas Einblick in die Seelen ihrer Figuren gewährte, und stempelten sie als hässlich ab. Einige Zeitgenossen zogen ihr deshalb die ebenfalls gefeierte Sopranistin Renata Tebaldi vor, die zeitgleich an der Scala engagiert war und später an die Metropolitan Opera auswich, als sich der Konflikt zwischen „Tigerin“ (Callas) und „Engel“ (Tebaldi) zuspitzte. Unumstritten war und ist dagegen Callas’ Verdienst um die Wiedergeburt der Oper und des Belcanto nach dem Zweiten Weltkrieg, denn viele Menschen lernten durch ihre Interpretationen Werke wie Donizettis „Lucia di Lammermoor“ oder Bellinis „Norma“  – ihre Lieblingsrolle, die sie insgesamt 88-mal auf der Bühne sang – überhaupt erst kennen. Nicht ohne Bedeutung ist in dem Zusammenhang, dass Callas’ Durchbruch zum Weltruhm mit der Erfindung der Langspielplatte zusammenfiel: Ihre 1953 eingespielte Gesamtaufnahme der „Lucia“ wurde zum riesigen Erfolg und erreichte ein bis dato unabsehbares Publikum.

Zwischen Dezember 1954 und Juni 1957 gab es neben zahlreichen anderen Auftritten von Callas in den unterschiedlichsten Produktionen der Scala, die ein breites Repertoire von Mozart über Cherubini bis Donizetti und Verdi abdeckten, allein fünf Inszenierungen unter der Regie von Luchino Visconti. Der Regisseur, der sich als Vertreter des Neorealismo in der Szene um Roberto Rossellini und Federico Fellini einen Namen gemacht hatte, erlebte Callas erstmals Anfang 1949 als Kundry in Wagners „Parsifal“ unter der Leitung von Tullio Serafin in Rom. In kongenialer Zusammenarbeit brachte er mit der Starsopranistin Gasparo Spontinis „La Vestale“ (Saisoneröffnung, Dezember 1954), Vincenzo Bellinis „La sonnambula“ (März 1955, Callas singt die Amina, dirigiert von Leonard Bernstein), Giuseppe Verdis „La traviata“ (Mai 1955: die Aufführung gilt dank ihrer minutiösen Regie und Dekoration als Meilenstein des modernen Musiktheaters), Gaetano Donizettis „Anna Bolena“ (im April 1957 quasi eine Neuentdeckung dieser Oper) und Christoph Willibald Glucks „Iphigenie auf Tauris“ (Juni 1957) zur Aufführung. Eine für Dezember 1960 geplante Inszenierung von Donizettis „Poliuto“ mit Callas in der Rolle der Paolina (ihre letzte neu einstudierte Rolle für die Bühne) sagte Visconti ab, da er nach der Zensur seines Films „Rocco und seine Brüder“ sowie eines von ihm inszenierten Theaterstücks nicht mehr für staatliche Bühnen arbeiten wollte. Im Nachhinein befand er über Callas: „Sie war ein ungeheures Phänomen. Fast eine Krankheit – ein Typ von Darstellerin, der für alle Zeit verschwunden ist.“

Ende der 1950er Jahre begannen krisenhafte Jahre, und die Sängerin geriet u.a. auch aufgrund der sehr hohen Erwartungen ihres Publikums zunehmend in die Kritik. Als im August 1957 ein Gastspiel der Scala in Edinburgh per Vertrag vier Aufführungen vorsah, auf dem Spielplan dann aber fünf Auftritte der Primadonna angekündigt waren, pochte diese auf Vertragseinhaltung, willigte jedoch ein, gesundheitliche Gründe für ihre Absage der letzten Vorstellung vorzuschieben. Als fatal erwies sich in dem Zusammenhang allerdings, dass wenig später Fotos der Callas auf einer mehrtägigen Society-Party der Klatschkolumnistin Elsa Maxwell in Venedig auf den Titelblättern der einschlägigen Magazine erschienen. Auf dieser Party lernte Callas übrigens Aristoteles Onassis kennen, und manche Biografen mutmaßen, Onassis habe Callas’ Anwesenheit bei Maxwell „bestellt“. 

Anfang Januar 1958 bestritt Callas die Saisoneröffnung in Rom in Anwesenheit des italienischen Staatspräsidenten Giovanni Gronchi mit der Partie der Norma. Obwohl sie erkältet war, ließ sie sich wegen des hochstehenden Gastes im Publikum zunächst zum Auftritt überreden, brach dann allerdings nach der Arie „Casta Diva“ die Vorführung ab, weil ihre Stimme sie verließ. Obwohl sie sich umgehend schriftlich bei Gronchi entschuldigte, nahm ihr das Publikum den Abbruch so übel, dass der Intendant Callas bei der übernächsten Aufführung, als sie eigentlich wieder singen wollte, weiterhin durch einen Ersatz vertreten ließ, weil er Tumulte befürchtete. Als im April desselben Jahres in Mailand „Anna Bolena“ mit Callas in der Titelrolle wiederaufgenommen wurde, schützte man das Theater mit einem Polizeiaufgebot. Nach anfänglich kühler Begrüßung ließ sich das Publikum jedoch schon im zweiten Akt zu stürmischen Ovationen hinreißen.

Gegen Ende desselben Jahres, im Oktober und November 1958, gab die Scala Gastspiele ihrer Inszenierungen von „La traviata“ und „Medea“ mit Maria Callas im texanischen Dallas. Etwa zur selben Zeit sollte die Sängerin einen Vertrag für 26 Aufführungen an der Metropolitan Opera in New York unterschreiben, in der sie im Oktober 56 mit „Norma“ debütiert und im Februar und März 1958 sehr erfolgreich die Traviata, Lucia und Tosca gesungen hatte. Telegrafisch stellte der Intendant der Met, Rudolf Bing, ein Ultimatum zur Unterzeichnung ausgerechnet am Tag der „Medea“-Premiere in Dallas. Als Maria Callas es verstreichen ließ, annullierte er den Vertrag, was einen Skandal auslöste. Inmitten dieser aufgeheizten Atmosphäre und des Hypes der internationalen Presse, die all diese Turbulenzen gierig aufnahm, trat Callas im Dezember 58 zu ihrem Debüt in Paris an. Und von Brigitte Bardot über Jean Cocteau bis zu Duke und Duchess von Windsor – alle, alle kamen, um sie zu feiern und das Phänomen Callas aus der Nähe zu sehen, als sie diesen Gala-Abend mit diversen Arien und einer halb konzertanten und halb szenischen Aufführung des zweiten „Tosca“-Aktes bestritt.

Zu immer manifester werdenden stimmlichen Problemen kamen Verwerfungen im Privatleben, als die Sängerin 1959 die Einladung zu einer Kreuzfahrt an Bord der Yacht des griechischen Reeders Aristoteles Onassis annahm. Am Ende der dreiwöchigen Mittelmeerreise, an der auch Winston Churchill und seine Frau sowie Fürstin Grazia von Monaco teilnahmen, hatte sich Callas in ihren Gastgeber verliebt und verließ seinetwegen ihren Mann. Auch Onassis’ Frau reichte die Scheidung ein, doch ein glückliches Paar wurden Grieche und Griechin bekanntlich nicht, auch wenn Callas Onassis lebenslang hartnäckig als Freund betrachten wollte. Über Details der Beziehung spekulieren immer neue Biografen bis heute. Fakt ist, dass Callas wohl in der Hoffnung auf ein erfülltes Privatleben der Bühne Anfang der 1960er Jahre den Rücken kehrte, damit aber möglicherweise ihren Reiz für Onassis einbüßte. Ob es tatsächlich eine von ihm erzwungene Abtreibung im Jahr 1966 gab oder nicht, ob er tatsächlich an ihrer Karriere interessiert oder in Wahrheit ein musikalischer Banause mit Hang zu griechischem Buzuki-Gedudel war – im Jahr 1968 tauschte Onassis eine Trophäen-Frau gegen die nächste aus und heiratete die Präsidentenwitwe Jackie Kennedy, während er Callas’ Ehewünschen immer getrotzt hatte – sie hatte, um der Ehe mit dem scheidungsunwilligen Meneghini zu entkommen, sogar die griechische Staatsbürgerschaft wieder angenommen, musste dann aber von der Hochzeit Onassis-Kennedy aus der Presse erfahren.  Angeblich fand sich Onassis schon bald nach seiner Eheschließung wieder bei Callas ein, während sich Jackie O. mit neu gewonnenen Kontozugängen dem Kaufrausch hingab.

Noch einmal ließ sich Callas in den 60er-Jahren von Regisseur Franco Zeffirelli überreden, in einer „Tosca“-Inszenierung mitzuwirken, mit der sie in London, Paris und New York gastierte und schließlich – nach einem Zusammenbruch auf der Bühne Ende Mai – im Londoner Covent Garden ihre Karriere auf der Opernbühne im Juli 1965 beendete. Es folgten Plattenaufnahmen, die Titelrolle in Pasolinis „Medea“-Film von 1969, Meisterklassen an der New Yorker Juilliard School Anfang der 70er Jahre sowie Konzertreisen, zuletzt mit ihrem späten Lebensgefährten, Giuseppe di Stefano. Ihr letzter öffentlicher Auftritt fand im November 1974 in Sapporo statt.

Die Aufmerksamkeit von Presse und Öffentlichkeit richtete sich über die gesangliche und darstellerische Leistung hinaus besonders in den letzten eineinhalb Jahrzehnten ihres Lebens auf das Privatleben der Ausnahmekünstlerin und auf ihren Status als Stilikone. Immerhin war die junge Frau – was zum Zeitpunkt ihres beginnenden Weltruhms kaum einer wusste – von einem Körpergewicht von über 90 Kilo bei ihrer Eheschließung mit 27 Jahren innerhalb eines halben Jahres auf 55 Kilo abgemagert. Fortan entsprach sie dem Schönheitsideal der 50er-Jahre mit Kurven, aber betonter Taille, und entwickelte sich auch mithilfe eines ausdrucksstarken Make-up – riesige, schwarz umrandete Augen, leuchtend rote, volle Lippen – und den aktuellen volumenreichen Frisuren nicht nur auf der Bühne, sondern auch bei gesellschaftlichen Auftritten zur stilprägenden Erscheinung ihrer Epoche.

Am 16. September 1977 starb Maria Callas 53-jährig in Paris. Mit ihr entschwand ein einzigartiges Phänomen der Opern- und Zeitgeschichte, ein unvergleichliches musikalisches Genie, das durch überwältigende nicht nur stimmliche, sondern auch optische Präsenz und ungeheure darstellerische Energien für epochale Ereignisse des Musiktheaters gesorgt hatte. Ihr Vermächtnis liegt darin – wie der „Stern“ bereits zum 30. Todestag resümierte, „ihr Innerstes nach außen zu kehren, und die Welt teilhaben zu lassen an den Dramen ihrer Rollen und ihrer eigenen Seele“. Weil sie dazu bereit war, erreichte sie auf der Bühne jene tragische Größe, die sie bis heute unsterblich werden ließ.
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