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Inhaltsverzeichnis
GENIALE GÖTTIN Die Geschichte von Hedy Lamarr

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ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK

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WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER

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GUTE MANIEREN

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B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN

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SYMPHONY OF NOW

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Donnerstag 09.08.2018
GENIALE GÖTTIN Die Geschichte von Hedy Lamarr
Ab 16. August 2018 im Kino
Der Hollywood-Star Hedy Lamarr (Mädchen im Rampenlicht, Samson und Delilah) galt einst als weltweit schönste Frau und feierte als Filmschauspielerin besonders in den 1940er Jahren große internationale Erfolge.  Ihr Dasein als Wissenschaftlerin und ihre Pionierarbeit im Bereich der Mobilfunktechnik war hingegen nie Teil öffentlicher Diskussion.  Zu Unrecht als „ein weiteres schönes Gesicht unter vielen“ betitelt, hat Hedys eigentliches Erbe viel mehr Gewicht. Als österreichische Jüdin, die nach Amerika emigrierte, erfand sie ein störungsgesichertes Fernmeldesystem, das zur Niederlage des Dritten Reiches hätte beitragen können. Sie wollte ihr Patent der amerikanischen Marine übergeben, wurde aber abgewiesen - sie solle lieber Küsse gegen Kriegsanleihen verkaufen. Kurz vor ihrem Tod entdeckten Wissenschaftler ihre Erfindung, die als Basis der heutigen Kommunikationstechnik für sichere WiFi-, GPS- und Bluetooth-Verbindungen dient.  Hedy Lamarr hat nie öffentlich über ihr Leben als Wissenschaftlerin gesprochen und so hat auch ihre Familie Hedys Erbe mit ihrem Tod begraben geglaubt. Es waren die Regisseurin Alexandra Dean und der Produzent Adam Haggiag, die vier Kassetten, auf denen Hedy ihr unbekanntes Leben dokumentierte, zutage brachten. Die Kombination dieser Sprachaufnahmen mit vertraulichen Interviews ihrer Kinder, Familienmitgliedern, engsten Freunden und prominenten Bewunderern macht aus GENIALE GÖTTIN - Die Geschichte von Hedy Lamarr mehr als nur eine Dokumentation über die schöne Hedy Lamarr - es ist eine späte Würdigung ihres unentdeckten Lebens als Erfinderin und als Wissenschaftlerin, in der sie erstmals ihre eigene Geschichte erzählen darf. Nach der Weltpremiere auf dem Tribeca Film Festival hat der Film den Preis „Best of Fest“ in Nantucket sowie den Publikumspreis auf dem San Francisco Jewish Film Festival gewonnen. 


Ein Dokumentarfilm von Alexandra Dean

BESETZUNG
Hedy Lamarr, Mel Brooks,
 Jennifer Hom,
 Anthony Loder,
 Wendy Colton,
 Fleming Meeks, Richard Rhodes, Jan-Christopher Horak, Jeanine Basinger, Peter Bogdanovich, Anne Helen Petersen, Diane Kruger, Stephen Michael Shearer, Robert Osborne, 
Denise Loder DeLuca, Roy Windham, Manya Breuer,
 Guy P. Livingston,
 Tony Rothman,
 Prof. Danijela Cabric (UCLA), Nino Amarena,
 Michael Tilson Thomas, Arthur A. McTighe, 
Lodi Loder, 
James L. Loder,
 William J. Birnes, 
Dr. Lisa Cassileth,
 David Hughes, 
Major Darrell Grob.



VITA HEDY LAMARR
 
 
Geboren am 09. November 1914 in Wien als Hedwig Eva Maria Kiesler, jüdischer Herkunft.
Wurde weltberühmt durch erste Filmerfahrungen in „Ekstase“ (1933), der vor allem durch seine Nackt- und Sexszenen für Aufruhr sorgte.
Nach gescheiterter Ehe mit einem Waffenfabrikanten, der ihr das Schauspielen untersagte, zog es sie nach Paris, London und schließlich nach Amerika. Hier gelang ihr unter dem Künstlernamen Hedy Lamarr der Durchbruch.
Zahlreiche Ehen und Affären, Mutter von 3 Kindern.
Lamarr wurde nicht nur durch das Mitwirken in zahlreichen Kinohits berühmt, sondern auch als Cover-Girl, Trendsetterin und Modeikone  - und auch oft darauf reduziert. 
Sie erfand in den 40er Jahren gemeinsam mit dem Komponisten Georg Antheil ein Fernsteuerungssystem für Torpedos als Waffe gegen die Nazis. Das Prinzip, das hinter der Erfindung steckt, ist heute Grundlage kabelloser Kommunikation.
Lamarr verbrachte ihren Lebensabend zurückgezogen in Florida, wo sie am 19. Januar 2000 starb. 
Ihre bekanntesten Filme waren u.a.: Algiers (1938), Samson und Delilah (1949), Frau ohne Moral (1947).



INTERVIEW MIT ALEXANDRA DEAN UND ADAM HAGGIAG
 
Q: Wie kamen Sie zu der Geschichte über Hedy? Sind Sie schon lange ein Fan von ihr?
AD: Ich habe viele Jahre für Bloomberg Television und Businessweek in der Sektion Erfindung und Technologie gearbeitet. Da die meisten Erfinder männlich sind, habe ich versucht, Frauen mit innovativen, genialen Ideen zu finden. Jedes Mal, wenn ich eine Frau interviewte, fragte ich sie nach dem Grund des Ungleichgewichts in jenem Arbeitsfeld. Jede von ihnen sagte mir das Gleiche: Es gibt zu wenig weibliche Vorbilder in der Wissenschaft und Technologie. Die meisten Mädchen würden daher niemals davon träumen, Erfinderin zu werden. Und das Problem verstärkt sich: Die Anzahl der arbeitenden Frauen in Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwissenschaft und Mathematik verringert sich, obwohl Schulen und Ausbildungsstätten Mädchen zunehmend ermutigen, sich in diese wachsenden Arbeitsfelder hinein zu begeben. Als meine Kollegin Katherine Drew mir also Richard Rhodes' Buch über Hedy Lamarr überreichte, wusste ich genau: hier ist das Vorbild, wovon jeder glaubt, dass es nicht existiert. Und sie ist ein bekannter Filmstar! Da war mir sofort klar: Das muss mein nächstes Projekt sein!

Q: Wussten Sie vor Drehbeginn bereits von den Kassetten mit Hedys „verlorenen“ Interviews? Wie haben Sie sich entschieden, diese im Film zu nutzen?
AD: Wir drehten schon sechs Monate, als wir die Kassetten entdeckten. Ich habe den Eindruck, dass Hedy mit ihrer Popularität Probleme hatte und sich mit zunehmendem Alter immer mehr zurückgezogen hat. Wir hatten nur sehr wenige TV-Interviews von ihr und von einem Patent war zu keinem Zeitpunkt die Rede.  Wir haben also jeden noch lebenden Journalisten kontaktiert, der irgendwann einmal etwas über sie geschrieben hatte. Leider hat sich niemand gemeldet. Ich habe aber gespürt, dass ihre Stimme irgendwo zu finden sein muss. Ausgerechnet von Fleming Meeks hatten wir die falsche E-Mail-Adresse, aber als ich ihn letztendlich erreichte, war seine Antwort überwältigend: „25 Jahre habe ich darauf gewartet, dass mich jemand wegen Hedy Lamarr anruft – ich habe all ihre Kassetten.“ Das war ein kompletter Richtungswechsel für unseren Film. Hedy selbst wurde so zur Erzählerin und übernahm quasi selbst Regie. 

Q: Der Film porträtiert eine berühmte Person und zeigt gleichzeitig eine unbekannte Seite von ihr -  warum hatten Sie das Gefühl, dass es wichtig ist, Hedys Erbe in einen neuen Kontext zu setzen?
AH: Hedys Biografie wurde von einem Ghostwriter geschrieben und ihr Manager hat ihm gegen Bezahlung einen Freischein für alle wollüstigen, intimen Details über ihr Leben gegeben. Die Biografie porträtiert lediglich ihre Sexualität und ihren Körper. Hedy wollte immer ein zweites Buch schreiben und mit den Vorurteilen aufräumen, aber es kam nie dazu. Wir hoffen, dass der Film zeigt, was für eine vielschichtige, brillante Frau sie war.

Q: Wie sind Sie mit dieser riesigen Fundgrube an archiviertem Material und dem aktuellen Interviewmaterial umgegangen? 
AH: Wir mussten sehr viel Eigenrecherche betreiben, um erst einmal zu Hedys Identität vorzudringen. Vieles kam mittels der Interviews, die wir mit Menschen führten, die Hedy am besten kannten. Manches kam von Experten aus der Technologie und der Kinobranche, anderes wiederum aus Archiven, die wir bei Auktionen auf eBay erstanden haben. Es entstand ein Mosaik, das wir im Film zusammensetzen wollten.  
AD: Es war sehr schwierig, die Balance zu finden. Wir wollten Hedy eine Stimme mittels ihres persönlichen Archivs geben, aber einige Interviews waren unvermeidlich und konkurrierten lange Zeit mit dem Archiv. Robert Osborne, der kürzlich verstorben ist, war einer ihrer besten Freunde und erzählte uns wundervolle Anekdoten über sie. Es war außerdem witzig zu beobachten, wie Mel Brooks von seiner Jugendliebe zu Hedy sprach, die ihn später zu „Hedley Lamarr in Blazing Saddles“ inspirierte. Viele Prominente teilen in diesem Film auch ihre privaten Geschichten mit Hedy. 

Q: Hedy Lamarr war in vielen Bereichen ihrer Zeit voraus. Glauben Sie, die Wahrnehmung ihrer Person wäre heute anders? Oder ist die Erfüllung von Schönheitsidealen immer noch vorrangig?
AD: Es steht außer Frage, dass Hedy heute anders dargestellt und wahrgenommen werden würde. Wenn ein Filmstar schön und auch intelligent genug ist, um Filme zu produzieren und Regie zu führen, ist das keine Schlagzeile mehr. Beispiele hierfür sind Reese Witherspoon oder Natalie Portman. Aber ich denke, wenn Reese Witherspoon versuchen würde, mit einer neuen Technologie den Klimawandel aufzuhalten, wären wir alle skeptisch. Ich habe ein paar weibliche Freunde, die Start-Ups im Technikbereich gegründet haben, beispielsweise Abigail Edgecliff und Megan Conroy. Sie müssen bei Investoren noch immer mehr Überzeugungsarbeit leisten, obwohl sie nachweislich mehr Arbeitsproben vorzuweisen haben und ihre Produkte brillant sind. Heute würden wir Hedy wahrscheinlich im Silicon Valley antreffen. Sie würde keine Küsse an die amerikanische Marine verkaufen, sondern hart dafür arbeiten, von Marc Andreessen ernstgenommen zu werden. 
 
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Donnerstag 02.08.2018
ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK
Ab 09. August 2018 im Kino
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Von Schubert bis Strauß, Bach bis… Billy Joel, Itzhak Perlmans transzendienrendes Violinspiel lotet die Tiefen der menschlichen Empfindungen aus. Dieser bezaubernde Dokumentarfilm schildert die Kämpfe des Geigenvirtuosen als Polio-Überlebender und als jüdischer Emigrant und hält uns vor Augen, warum Kunst so unerlässlich ist für das Leben.

Ein Film von Alison Chernick

Von Schubert bis Strauß, von Bach bis Brahms, Mozart bis… Billy Joel – Itzhak Perlmans Geigenspiel geht weit über eine bloße Darbietung hinaus: Mit seinem Spiel beschwört er die Höhen und Tiefen der menschlichen Erfahrungen herauf. „Mit der Violine beten“, nennt es der berühmte Geigenbauer Amnon Weinstein.
Alison Chernicks bezaubernde Dokumentation zeigt uns den Polio-Überlebenden hinter dem großartigen Musiker, dessen Eltern aus Polen nach Israel emigrierten und den jungen Mann, der als Musikstudent so schmerzlich darum kämpfen musste, ernst genommen zu werden, da die Musikhochschulen nur auf seine Behinderung achteten. Itzhak selbst ist witzig, respektlos und selbstironisch und der Film zeigt seine Lebensgeschichte in Gesprächen mit meisterlichen Musikern, mit Familie und Freunden und – besonders reizend – mit seiner hingebungsvollen Frau Toby, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist. Itzhaks und Tobys Leben ist ihrer großen Familie in New York gewidmet und ihrer unermüdlichen Unterstützung von jungen Musikern.

So charmant und hinreißend wie der berühmte Geiger ist der Film ITZHAK. Das Porträt eines musikalischenVirtuosen, der von Warmherzigkeit, Humor und – vor allem – Liebe nur so strotzt.



Gespräch mit Alison Chernick

Warum Itzhak Perlman? Was fanden Sie an ihm so spannend?
Abgesehen von Itzhak Perlmans großem musikalischen Talent, suchte ich nach einem dynamischen Charakter mit einer komplexen Persönlichkeit. So kann ich den Interview-Stil der „Talking Heads“ vermeiden. Ich wusste, dass Perlman einen ganzen Filme alleine tragen kann, ohne dass Andere als Lückenfüller einspringen müssten – und dass er sehr unterhaltsam sein würde. Und ich behielt Recht.

Sie haben zeitgenössische Bildende Künstler in ihren vorherigen Filmen vorgestellt. Was ist das Einzigartige an diesem Film, und warum haben Sie einen langen Dokumentarfilm mit ihm gedreht?
Der Prozess, einen Charakter oder Künstler zu entschlüsseln, ist für mich immer derselbe. Als Regisseurin ist mein wichtigstes Ziel, ein so persönliches Porträt wie nur möglich zu gestalten, dem Publikum die „Inside Story“ zu enthüllen. Etwas, das die Zuhörer bei einem Konzert nicht bekommen. Es ist besonders zufriedenstellend zu erleben, wer dieser Mensch außerhalb seiner Arbeit ist, und in welcher Rolle beim Arbeiten. In Perlmans Fall fließt seine enormer Spirit, seine Seele und seine Mitmenschlichkeit in seine Arbeit ein und schafft diesen wundervollen Klang.

Welche Rolle spielt die Musik im Film?
Die Musik ist ein Traum für jeden Filmemacher. Perlman stellt tatsächlich soviel mehr als seine Musik dar, so dass diese der rote Faden wurde, der die Geschichte zusammen stellte.

Wie lange drehten Sie? War es sehr schwierig, Zugang zu den Menschen und Orten zu bekommen, die Sie im Film zeigen wollten?
Wie drehten ein Jahr lang – nicht durchgehend. Es war Perlmans 70. Lebensjahr und natürlich war da viel los. Das war ein toller Zeitpunkt für den Film. Dann waren wir ein Jahr lang im Schnitt. Der Zugang gelang ganz leicht. Itzhak Perlman ist ein beliebter Mann, das erleichterte viel.

Sie hatten Zugang zu Perlmans Privatleben. Wie entschieden Sie, welche Momente Sie für den Film auswählen?
Das war ein sehr organischer Prozess – die Momente suchten sich quasi selbst aus, der Film entwickelte eine eigene Persönlichkeit und bestimmte selbst, was wir brauchten. Als wir den Rohschnitt ansahen, hatten meine Cutterin und ich dasselbe Gefühl, was noch fehlte oder zuviel war.

Wieviel Archivmaterial mussten Sie sichten, während Sie den Film montierten? Wie entschieden Sie, was in die endgültige Fassung davon verwenden würden?
Wir wollten, dass der Film aktuell ist, aber es gab einige Archivszenen, die zu schön waren, um sie wegzulassen. Deshalb sind ungefähr zehn Prozent Archivmaterial im Film.



Über Itzhak Perlman

Itzhak Perlman ist einer der weltweit bekannten Instrumentalisten klassischer Musik, einer der unbestrittenen Violinvirtuosen, der einen für einen klassischen Musiker seltenen Superstar-Status innehält. Er wird für seinen Charme und seine Humanität genauso geliebt wie für sein Talent und weltweit vom Publikum nicht nur für seine bemerkenswerte Kunst geschätzt, sondern auch für seine unbändige Freude am Musikmachen und der Kommunikation mit den Zuhörern. 
Perlman hat mit jedem wichtigen Orchester gespielt und in allen ehrwürdigen Sälen rund um den Globus. 2015  bekam er von Präsident Obama die “Presidential Medal of Freedom“, die höchste zivile Ehrenauszeichnung der USA, die Kennedy Center Honor 2003, eine „National Medal of Arts“ von Präsident Clinton 2000.
Perlman wurde 1945 in Israel geboren und beendete seine erste Ausbildung an der Academy of Music in Tel Aviv. Er kam nach New York und durch einen Auftritt in der Ed Sullivan Show machte 1958 internation auf sich aufmerksam. Nach seinem Studium an Juilliard School gewann Perlman den renommierten  Leventritt Wettbewerb 1964, welches den Grundstein für eine weltweite Karriere legte.



Über Alison Chernick

In preisgekrönten Dokumentarfilmen gelang es Alison Chernick, die Gedanken und kreativen Prozesse der wichtigsten und produktivsten zeitgenössischen Künstler einzufangen. Sie schuf eine Brücke zwischen moderner Kunst und dem Film und entwickelte zuerst eine Fernsehserie, in der sie Künstler vorstellte. Ihr erster Langfilm THE JEFF KOONS SHOW kam international in die Kinos. Ihr zweiter Dokumentarfilm MATTHEW BARNEY: NO RESTRAINT feierte Premiere bei der Berlinale und wurde weltweit gezeigt. Ihr Kurzfilm THE ARTIST IS ABSENT über den Künstler/Designer Martin Margiela lief beim Tribeca Film Festival  2015. Ihr jüngster Film ITZHAK PERLMAN eröffnete das Hampton International Film Festival 2017 und das jüdische Filmfestival 2018. Chernick ist bekannt für ihre fesselnden Porträts im Cinema Verité-Stil.
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Donnerstag 26.07.2018
WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER
Ab 02. August 2018 im Kino
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Agbogbloshie, Accra, ist eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt. Rund 6000 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten hier. Sie selbst nennen diesen Ort „Sodom“.

Ein Film von Florian Weigensamer und Christian Krönes


„Sodom“ nennt man den Teil der ghanaischen Hauptstadt Accra, den nur jene betreten, die unbedingt müssen. Die Deponie von Agbogbloshie ist Endstation für Computer, Monitore und anderen Elektroschrott aus Europa und aller Welt. Rund 250.000 Tonnen ausrangierte Computer, Smartphones, Drucker und andere Geräte aus einer weit entfernten, elektrifizierten und digitalisierten Welt gelangen Jahr für Jahr hierher. Die Nachfrage nach den neusten elektronischen Accessoires in der Ersten Welt explodiert. Hersteller melden regelmäßig Umsatzrekorde. Doch diese Lifestyle-Produkte sind oft schon nach kurzer Zeit wieder „out“ und damit Schrott. Hunderttausende davon landen in Ghana, wo Kinder und Jugendliche den Elektroschrott unter freiem Himmel zerkleinern. Durch das Schmelzen alter Kabel in pechschwarzen Rauchwolken werden neue Rohstoffe gewonnen. Für die einen ein „sauberes“ Geschäft, für die Anderen giftiger Alltag. Der Dokumentarfilm WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER lässt die Zuschauer hinter die Kulissen von Europas größter Müllhalde mitten in Afrika blicken und portraitiert die Verlierer der digitalen Revolution. Dabei stehen nicht die Mechanismen des illegalen Elektroschrotthandels im Vordergrund, sondern die Lebensumstände und Schicksale von Menschen, die am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette stehen. Die Müllhalde von Agbogbloshie wird wahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen!



„Sodom is like a Beast. Sometimes you kill the Beast. Sometimes the Beast kills you.”
 Mohammed Abubakar

Inhalt
Vor nicht allzu langer Zeit war diese Gegend unberührtes Sumpfland. Heute liegt an der Lagune eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt. Agbogbloshie, am Rande der Millionenmetropole Accra, zählt zu den verseuchtesten und giftigsten Arealen der Erde. Etwa 6000 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten hier. Sie nennen diesen Ort „Sodom”. Rund 250.000 Tonnen ausrangierte Computer, Smartphones, Drucker und andere technische Geräte aus einer weit entfernten, elektrifizierten und digitalisierten Welt gelangen Jahr für Jahr hierher. Aus Europa und anderen Ländern illegal nach Ghana verschifft. Alle hier in Sodom leben in irgendeiner Form von den „Segnungen“ des Computerzeitalters, viele sterben daran. Und dennoch ist der apokalyptisch anmutende Schauplatz für die Bewohner ein Ort voller Perspektiven. Von Endzeitstim
mung ist in diesem unwirklichen Setting nichts zu spüren, im Gegenteil, denn der Elektronik - Friedhof zieht Menschen aus allen Landesteilen, sogar aus Nachbarländern an und verspricht ein bescheidenes Auskommen. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verwandeln sie die Deponie zu einem quirligen Platz voller Aufbruchstimmung und Lebensfreude.
„Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ führt an diesen unwirk- lichen Ort und porträtiert Menschen, deren Existenz und Alltag von der modernen Technologie geprägt, aber auch bedroht ist. Ineinander verwoben werden die Schicksale unterschiedlichster Protagonisten dieser dystopischen Gesellschaft beleuchtet. Wir begegnen dem Herrn über die Feuer, in denen die Kabelberge, Monitore, Computer verbrannt und eingeschmolzen werden, um an das Kupfer und die Metalle zu kommen. Zwischen den dichten, tief- schwarzen Rauchsäulen treffen wir einen Medizinstudenten, der aufrund seiner Homosexualität aus seiner Heimat fliehen musste und in der Anonymität dieses Ortes Schutz sucht. In einem Holzverschlag hat sich ein junger Arbeiter ein
Tonstudio eingerichtet, in dem er in der Freizeit seine Rap – Songs aufnimmt. Ein katholischer Missionar predigt inbrünstig, wie erfolglos Tag für Tag den tausenden Muslimen und ein kleines Mädchen kämpft mit der eigenen Identität. Als Junge verkleidet kommt sie an besser bezahlte Arbeit - mit einem Magneten sammelt sie die kleinsten Metallreste aus der verbrannten Erde rund um die großen Feuer.
Die Protagonisten geben einen vertiefenden Einblick in das Leben und Arbeiten an diesem apokalyptischen Ort.  Die große Müllhalde wird zum Vexierbild unserer modernen Zivilisation, kurzlebige Technik zur Metapher einer kapitalistischen Luxus- und Wegwerfgesellschaft. Sodom ist zwar einer der unwirtlichsten Orte unseres Planeten, aber auch ein wunderbares
Universum aus Einfallsreichtum, Phantasie und menschlichem Geschick. Die riesige Müllhalde ist auch Recycling-Hof, ein Ort, an dem Dinge enden aber auch Neues entsteht.
Hier manifestiert sich der Fluch des Digi- talen Verbraucherwahns. Sodom ist, im wahrsten Sinne des Wortes, das Ende unserer modernen, digitalisierten Welt. Und wird  höchstwahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen!



Statement des Teams

Das Thema „Elektromüll“ ist in jüngster Zeit durch unterschiedliche Medien zunehmend in unser Bewusstsein gerückt. Wir wollten diese Sensibilisierung der Öffentlichkeit ganz bewusst nutzen und mit „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ erstmals jenen Menschen ein Gesicht und eine Stimme geben, die am untersten und schmutzigsten Ende der Wertschöpfungskette des Techno- logiezeitalters stehen. Der Film ist keine Anklage, sondern eine Reflexion auf die globalisierte Gesellschaft, die einmal mehr zum Nachdenken über Konsumverhalten und Nachhaltigkeit anregen soll. Allein die Tatsache, dass es immer noch zu wenig öffentliches Bewusstsein für diesen Elektromüll - Kreislauf gibt, verleiht dem Film Relevanz.
In exemplarischen Episoden werden die Auswirkungen der europäischen Elektromüllexporte am Mikrokosmos der Deponie von Agbogbloshie in Ghana gespiegelt. Die Handlungsstränge werden ausschließlich von den Protagonisten getragen, der Alltag der Menschen wird sensibel dokumentiert. Der Verzicht auf Kommentar und klassische Interviewsituationen soll dabei Raum für eine assoziative Annäherung und emotionale Einbindung der Zuseher schaffen. Unser Ziel war es, über einen längeren Zeitraum in den einzigartigen Kosmos von Agbogbloshie einzutauchen und die Geschichte von diesem Schauplatz ausgehend zu entwickeln. Wir haben in Folge drei Monate auf der Müllhalde verbracht, einem der wohl unwirtlichsten und giftigsten Orte der Erde. Es war nicht einfach und hat viel Zeit gebraucht, das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen und ihnen so nahe zu kommen, dass sie uns ihr Innerstes öffneten. Diese Nähe unterscheidet „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ von anderen Berichten über diesen Schauplatz, die meist an der Oberfläche bleiben. Um diesen Ort, das Leben an diesem - eigentlich - Un-Ort verstehen zu können, muss man tiefer blicken.
Denn die endzeitlich anmutende Szenerie entpuppt sich bei näherer Betrachtung als pulsierender Ort voller Lebensfreude, Hoffnung und unglaublicher Kreativität. Im scheinbaren Chaos der Müllhalde entdecken wir perfekte Organisation, ja Ordnung und lernen Menschen kennen, die im besten Sinne „Recycling“ betreiben. Denn auf Accras großer Müllhalde wird alles, wirklich alles (wieder-) verwertet und es bleibt kaum etwas übrig.
Wir wollen den Zuschauern mit diesem Dokumentarfilm die Elektromüllproblematik der Ersten Welt und ihre Auswirkungen in der Dritten Welt vor Augen zu führen. „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ vereint alle Elemente um den Zusehern lange in Erinnerung zu bleiben: Eine bildgewaltige visuelle Ebene und berührende menschliche Geschichten. Dabei wird auf eine Abbildung der Armut in Hochglanzbildern sowie auf jegliche spekulative Visualisierung verzichtet. Es geht um die Darstellung einer Realität, die an diesem Ort dramatisch genug ist und daher keiner Inszenierung bedarf – nur einer genauen und sensiblen Beobachtung.
Der Film behandelt ein Thema von höchster Aktualität. Wir hoffen damit kritische  Kinobesucher anzusprechen, ihr eigenes Kaufverhalten zu überdenken und sie, entgegen der Doktrin der Wegwerfkultur zu sensibilisieren. Wir würden uns wünschen, dass „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ vielschichtige Reflexion bewirkt und intensive Debatten eröffnet.
(Quelle: Verleih)
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Donnerstag 19.07.2018
GUTE MANIEREN
Ab 26. Juli 2018 im Kino
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Die mysteriöse und bildhübsche Ana engagiert die alleinstehende Krankenschwester Clara, die sich um Anas schickes Apartment in São Paulo und später als Kindermädchen um deren ungeborenes Baby kümmern soll. Rasch entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine innige Beziehung. Doch mit dem Voranschreiten der Schwangerschaft verhält sich Ana immer merkwürdiger: Sie hat ständig Lust auf Fleisch und schlafwandelt bei Vollmond blutdurstig durch die Stadt. Nach der schaurig-überstürzten Geburt ist Clara alleine mit Anas Kind. Sie zieht es voller Liebe und Fürsorge auf. Doch je älter es wird, desto stärker wird der verheerende Ruf des Mondes ...
Mit fantastisch stilisierten Sets, einem traumhaften Lichtkonzept und einem magisch schwirrenden Musikscore entwickelt das Regie-Duo Juliana Rojas und Marco Dutra aus der romantischen Mütter-Kind-Geschichte ein gruseliges Großstadt-Märchen, das sich raffiniert auf folkloristische Traditionen Brasiliens und auf Genre-Klassiker wie „Rosemaries Baby“ (1968) und „American Werewolf“ (1981) bezieht. GUTE MANIEREN ist aber zugleich ein kritischer Kommentar auf die heutige brasilianische Gesellschaft, die noch immer stark von patriarchalen Ordnungen, sozialen Klassenunterschieden und dem strengen Glauben an die katholische Kirche geprägt ist.
Der herzzerreißende Horrorfilm wurde vergangenes Jahr bei den Filmfestspielen in Locarno als Meisterwerk gefeiert und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.


Ein Film von Juliana Rojas & Marco Dutra


JENSEITS ALLER GRENZEN
JULIANA ROJAS UND MARCO DUTRA ÜBER IHREN FILM

Wie in ihren vorhergehenden Filmen mischen Sie in „Gute Manieren“ Elemente des Fantastischen mit einer deutlichen Sozialkritik. Wie begann die Arbeit zu diesem Film und wie steht dieser in Bezug zu ihren früheren Filmen?
Das Element des Fantastischen wird in unserem ersten gemeinsamen Spielfilm „Hard Labor“ immer mehr Teil der Erzählung, je näher wir deren Höhepunkt kommen. In „Gute Manieren“ haben wir uns dazu entscheiden, von Beginn an eine fantastische Welt zu erschaffen und bedienten uns dafür der  narrativen Struktur eines Märchens. Die Erzählung spielt in einer leicht traumhaften Version von São Paulo und nimmt einige Wendungen, die nur in einer magischen Welt möglich sind. Aber die materialistischen Themen der sozialen Klassenunterschiede und Rassendiskriminierung sind als Probleme noch immer sehr präsent.

Lassen Sie uns über ihre Frauenfiguren sprechen. Ana erscheint als eine junge Frau aus der gehobenen Mittelschicht, die versucht sich von ihrem Umfeld zu emanzipieren. Wie  haben Sie diese Figur und die Themen um sie entwickelt?
Ana verbindet uns mit dem ländlichen Brasilien, wo sich die Mythen um Werwölfe einst entwickelt haben. In der ersten Version unseres Drehbuchs war sie Teil einer romantischeren, Gothic-haften Welt. Im Zuge unserer Recherche sind wir dann aber auf ein  junge Generation von reichen Landwirten aus dem Bundesstaat Goiás gestoßen, der tiefe Verbindungen mit der Kolonialzeit in Brasilien hat und in dem Volksmusik extrem populär ist. So entstand für uns ein neuer Entwurf von Ana als eine junge Frau, die in einer ländlichen Blase aus Privilegien und Prahlerei aufgewachsen ist und das Leben darin gewohnt war - und nun plötzlich schwanger wird, was von ihrer Umgebung nicht gerade willkommen geheißen wird. Sie wird verstoßen und zieht nach São Paulo in einen Wohngegend für Neureiche, die einzig aus Hochhäusern und Bürokomplexen besteht. Für sie eröffnet sich damit zugleich die Chance, mit einer anderen Seite ihres Ichs in Beziehung zu treten.

Clara ist die eigentliche Protagonistin des  Films, sie führt uns tief in die Geschichte hinein. Wieso haben Sie für sie die Rolle des Kindermädchens gewählt?
Kindermädchen sind nichts Besonderes in Familien der brasilianischen Mittel- und Oberschicht. Sie nehmen eine wichtige Funktion in der Erziehung der Kinder ein und werden als zweite Mütter angesehen. Über Claras Figur wollten wir uns mit den 
Fragen  von  Mutterschaft  und  der  Beziehung  zwischen  Arbeit und sozialer Klasse auseinandersetzen. Clara hat etwas Geheimnisvolles – sie ist in ihrer Vergangenheit viel hin und her gezogen, hat in vielen kleinen Städten gelebt ehe sie sich in einem Vorort von São Paulo niedergelassen hat. Weil sie ihre kranke Großmutter gepflegt hat, weiß sie viel über Medizin und Spiritualität. Sie ist eine starke Frau, die sich Ana entgegenstellt und sich  weigert, von ihr ausgenutzt zu werden. Als Ana beginnt, sich als Arbeitgeberin selbst zu zerlegen, erkennt Clara ihre Zerbrechlichkeit und die beiden stellen fest, dass sie mehr gemeinsam haben als zunächst angenommen.

In der Beziehung zwischen den beiden geht es um Liebe, Sex und schließlich um eine geteilte Mutterschaft. Clara wird die zweite Mutter von Joel und zieht ihn auf, als Ana das nicht länger kann. Der Film zerfällt damit klar in zwei Akte.
Die Struktur kam so zustande: Wir brauchten einen Moment im Zentrum der Geschichte, der es uns erlaubte, ganz verschiedene Aspekte von Mutterschaft zu verhandeln. Über Ana können wir über biologische Mutterschaft nachdenken, wie es körperlich für eine Frau ist, ein Kind zu bekommen, und wie aggressiv eine Schwangerschaft mitunter auf einen Körper wirkt. In der zweiten Hälfte folgen wir Clara, und nun geht es darum, wie schwierig die Erziehung eines Kindes sein kann. Eine wichtige Inspiration war für uns Brechts Stück „Der kaukasische Kreidekreis“ (1944/45), das wiederum eine Bearbeitung der Legende des Königs Salomon ist. Unser Film stellt auch die Frage: Wer ist die wirkliche Mutter des Kindes – die biologische oder diejenige, die das Kind groß zieht? Liebe und familiäre Bindung kommen von Arbeit und Fürsorge und sind nicht immer das Ergebnis von Blutsverwandtschaft. Clara nimmt Joel zunächst aus Liebe zu  Ana zu sich, aber auch, weil sie durch seine monströse Erscheinung hindurch blicken kann. Aber eine Mutter zu werden ist auch ein Akt der Ausbildung. Während Clara Joel groß zieht und ihm gute Manieren beibringt, muss sie auch lernen, seine wahre Natur zu akzeptieren.
Joel wirkt in der Gestalt des Wolfs nicht nur als Monster, er erscheint auch liebenswert, beinahe niedlich. Joels Ambivalenz spricht uns alle an. Es geht um die menschlichen Konflikte zwischen Aggressivität und Sanftheit, Instinkt und Zivilisation, Fleisch und Seele. Liebe selbst wird durch diese Konflikte charakterisiert, es geht um Anziehung, aber auch um Inbesitznahme. Da wir Joel durch die Augen einer Person sehen, die ihn liebt, ist es am Ende des Films ganz natürlich, dass er auch liebenswürdig und auf seine Art auch wunderschön erscheint. Wir erleben Joels Erwachsenwerden als einen Prozess der größeren Selbstwahrnehmung, die vom Geschmack des ersten Bluts und der Entdeckung von Spuren seiner biologischen Mutter ausgelöst werden. Auch die Zahl „7“ steht damit in Verbindung: Sowohl in der Werwolf-Legende wie auch in der psychologischen Theorie heißt es, dass ein Kind ab einem Alter von 7 Jahren begreift, dass es sich als Person von den Eltern unterscheidet. Wir haben viel Zeit mit den Kinderdarstellerinnen verbracht, vor allem mit Miguel Lobo, und diese Zeit war wichtig, um einen bestimmten Blick auf kindliche Verhaltensweisen zu demystifizieren. Die Kinder bei den Proben zu beobachten, hat uns zu vielen Entdeckungen geführt.
Die Gestaltung der Wolf-Version von Joel war ein langer Prozess. Wir haben für die Entwürfe des Wolf-Babys und des späteren -Kindes mit dem Künstler Mathieu Vavril zusammengearbeitet und erst nach vielen Versionen die richtige Balance zwischen Kind und Tier gefunden. Atelier 69 hat aus diesen Entwürfen dann die elektronisch gesteuerten Modelle geschaffen. Mikris Image hat dann das  digitale Model der Kreatur auf der Basis von Miguels Maßen, seiner Augenfarbe und Größe, den Formen seines Kopfes und seiner Körperstruktur geschaffen. Dabei hatten die emotionalen Teile der Geschichte für das Team von Mikros Priorität – es ging darum, Miguels Schauspiel in der CGI-Animation zu bewahren und der monströsen Figur somit Leben und Wahrhaftigkeit einzuhauchen.

Sie haben für die Geschichte die Form eines gruseligen Märchens gewählt. Welche filmischen Referenzen hatten Sie bzgl. des Genres, der Stimmung und der Inszenierung im Sinn?
Genrefilmen können uns ein tiefes Verständnis über die Ängste in der Welt vermitteln, in der wir leben. Wir sind beide große Fans der frühen Disney-Filme und deren Vermischung verschiedener Genres: „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), „Dumbo“ (1941) und „Bambi“ (1942) nutzen Musik, Elemente des Horrors und der Fantasie um über komplexe Themen wie Neid, Einsamkeit und Heranwachsen zu erzählen. Wir wollten diesem Beispiel folgen, es sollte aber um unsere eigenen, zeitgenössische Themen gehen: sexuelles Begehren; die Frage, was eine Familie ausmacht; die Veränderungen eines Körpers. Märchen sind eine breite und direkte, nicht unbedingt moralisierende Form, in der aus dem alltäglichen Leben Fantasie und neue Bedeutungen entwickelt werden. „Gute  Manieren“ ist unser Versuch eines modernen Märchens. Inspiriert haben uns dabei auch die Filme von Jacques Tourneur, vor allem „Katzenmenschen“ (1942) und „The Leopard Man“ (1943), in denen der Regisseur meisterhaft Atmosphäre und einen feinen Raum jenseits der Leinwand erschafft.
In der ersten Hälfte unseres Films wird Anas Schwangerschaft mit Geheimnissen versehen, deren Enthüllung nach und nach ihr merkwürdiges Verhalten erklären. Im Moment der Geburt erkennen wir das Baby als das, was es ist. In der zweiten Hälfte des Films ist die Existenz des Werwolfs kein Geheimnis mehr. Trotzdem zeigen wir auch hier erst nach und nach, was die Verwandlung mit Joel macht: Wir hören das Geheul, sehen dann Details seines Körpers wie das Fell oder die Nägel. Erst ganz am Ende des Films sehen wir Joel in vollständiger Verwandlung an der Seite von Clara – zu einem Zeitpunkt, an dem wir seine Gefühle als Werwolf auch nachempfinden können. Dieser offene und zugleich direkte Ansatz, mit mythischen Figuren und ihren Gefühlen umzugehen, ist in den meisten Märchen zentral. Für uns war das die richtige Perspektive auf Joel und seinen Werwolf-Körper.

Sie zeigen São Paulo als hochgradig stilisierten Ort. Wie verlief die Arbeit mit dem Kameramann Rui Poças?
Wir haben zwei unterschiedliche Räume entworfen: Anas Apartment, dem man ansieht, dass es die Wohnung einer Neureichen ist, und die Welt der Peripherie, in der Clara lebt. Wir haben diese beiden Sphären wie das Schloss und die umgebenden Wälder aus alten Märchen betrachtet. Hinzu kam der mythische Aspekt der Werwolf-Erzählung. Jedes dieser Konzepte hatte ein bestimmtes Set an Regeln bezüglich Farben, Licht und Design.
Unser Produktionsdesigner Fernando Zuccolotto arbeitete mit dem Künstler Eduardo Schaal für die Designs der Bühnenbilder zusammen, wobei sie alte Techniken verwendeten und sich von Filmen wie Powell/Pressburgers „Die schwarze Narzisse“ (1947) und Hitchcocks „Marnie“ (1964) inspirieren ließen, ebenso wie von den Werken der brillanten Disney-Produktionsdesignerin Mary Blair.

Auch wenn Sie eine fantastische Form wählen, bleiben die zeitgenössischen Themen klar erkennbar. Würden Sie sagen, Sie haben einen politischen Film gemacht?
Ja. Das Konzept der Differenz ist zentral im Werwolf-Mythos:Mensch gegen  Bestie, Zivilisation gegen Instinkt. Wir erweitern dieses Konzept auf alle Aspekte unserer Geschichte: Zentrum und Peripherie, weiß und schwarz, reich und arm. Die Spaltung des Films reflektiert das ebenso: Horror- und Kinderfilm werden miteinander verwoben. Die Figuren werden durch alle möglichen Grenzen voreinander getrennt: soziale Schicht, Hautfarbe, Herkunft, Glaube, Alter, Zeit. Es geht für sie aber auch um Einsamkeit und verborgenes Begehren. In gewisser Weise ist die homosexuelle Liebesgeschichte zwischen diesen derart unterschiedlichen Figuren und die Gründung einer ungewöhnlichen Familie die wildeste Fantasie des ganzen Films: die Vorstellung, dass alle Schranken, die die Gesellschaft errichtet hat, in Frage gestellt und letztlich niedergerissen werden können.

Musste der Film also offen enden?
In einem unserer ersten Drehbuchentwürfe endete die Geschichte tragisch. Unsere langjährigen Partnerinnen und Produzentinnen Sara Silveira und Maria Ionescu von Dezenove Som e Imagens fanden, dass wir damit in eine falsche Richtung gehen würden, und wir erkannten, dass sie Recht hatten.
Wir haben also eine neue Schlussszene gedreht, mit der auf gewisse Weise die Nabelschnur des Kindes erst richtig durchtrennt wird. Es geht in dieser letzten Szene aber auch darum, Widerstand zu leisten und gegen das Regime der „guten Manieren“ aufzubegehren. Gegen ein Regime, das eigentlich immer in Frage gestellt werden sollte, wenn es um die Suche nach erträumten anderen Welten geht.
Interview: Bernard Payen



BIOGRAFIEN
Juliana  Rojas (*  1981) und Marco Dutra (*1980) studierten beide Film an der Universität von São Paulo, wo sie sich auch kennenlernten und ihre kreative Partnerschaft begann. Sie haben eine Reihe von preisgekrönten Kurzfilme gedreht, u.a. „O Lenço Branco“ (2004) und „Um Ramo“ (2007). Ihr erster gemeinsamer Spielfilm „Trabalhar Cansa“ („Hard Labor“), wurde 2011 in Cannes in der Sektion Un Certain Regard uraufgeführt und im selben Jahr in Sitges mit dem Citizen Kane Award ausgezeichnet. Juliana hat bei dem Horror-Musical „Sinfonia da Necrópole“ Regie geführt, das 2014 beim  Mar Del Plata Film Festival mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde. Parallel arbeitet sie als Drehbuchautorin für mehrere TV-Serien wie die zweite Staffel der Netflix-Produktion „3%“ sowie als Cutterin für andere Spielfilmprojekte. Marco drehte den Horrorfilm „Quando Eu Era Vivo“ („When I Was Alive“; 2014), der unter anderem auf den Filmfestivals von Rom und Peking gezeigt wurde, sowie den Thriller „Era  el Cielo“ („The Silence of the Sky“, 2016), der unter anderem in den Wettbewerben der Filmfestivals von Tokyo und Havana lief, ehe er weltweit auf Netflix gezeigt wurde. Ihr zweiter gemeinsamer Spielfilm GUTE MANIEREN („As  Boas  Maneiras“) wurde 2017 bei den Filmfestspielen von Locarno uraufgeführt und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet

Filmographie (Auswahl)
2004
„O Lençol Branco“ (KF, R: Juliana Rojas & Marco Dutra)
2007
„Um Ramo“ (KF, R: Juliana Rojas & Marco Dutra)
2011
„Trabalhar Cansa“ („Hard Labor“; R: Juliana Rojas & Marco Dutra)
2012
„O Duplo“ (KF; R: Juliana Rojas)
2014
„Quando Eu Era Vivo“ (R: Marco Dutra)
„Sinfonia da Necrópol“e (R: Juliana Rojas)
2016
„Era el Cielo“ („The Silence of the Sky“; R: Marco Dutra)
2017
„Gute Manieren“ (As BoasManeiras“; R: Juliana Rojas & Marco Dutra)
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Donnerstag 12.07.2018
B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN
Ab 19. Juli 2018 im Kino
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Er möchte so gern sterben, der Lenz,    aber er    kann’s    einfach  nicht. Lorenz „Lenz“ Gantner, Altwirt der Raststätte    B12 an    der gleichnamigen bayerischen Bundesstraße, ist 89 Jahre alt. Ein Schlaganfall hat ihn schwer getroffen. Wie schwer, darüber gehen    die Meinungen auseinander. Die Behörde hat ihm die Pflegestufe wieder aberkannt,    weil er    beim Kontrollbesuch ans Telefon gegangen ist, statt im    Bett liegen zu    bleiben. Auch    das Mitleid seines Sohns Manfred hält sich in Grenzen. Aber    Lenz beharrt darauf: Es gehe    ihm fürchterlich, er sei so gut     wie blind, könne gar nichts mehr unternehmen. Er    ist weinerlich.    Er will    sterben.
Aber weil das    halt nicht klappt, kann er auch mal eine gute Leberknödelsuppe essen oder eine Maß Bier trinken. Und Tag    für Tag    in der Raststätte sitzen, die er     seinem Sohn schon zu Lebzeiten vererbt hat, samt Schulden. Die Freunde vom Stammtisch sind schließlich    auch alle da: Konrad,    der einst König    des Rock’n’Roll-Tanzes war    und bald eine    neue Hüfte kriegt, Parkplatzwächter    Mane,    der mehr trinkt als    spricht, und der stoisch gut gelaunte    Franz,    der Lenz’ ewige Vorwürfe und Beschimpfungen gekonnt ignoriert.

Das B12, in dem sie sich treffen, ist auf den    ersten    Blick ein unauffälliger Ort, eine etwas heruntergekommene Imbissbude inmitten einer wilden Ansammlung von Gebäuden und    Containern. Doch die Stammgäste  und Durchreisenden    verhandeln hier die großen Lebensthemen: Liebe, Tod, Freundschaft und die Qualität eines Saukopfs. Die Männer, die hier täglich sitzen und trinken, reden und schweigen, sind allesamt    Originale. Viel besitzen sie nicht, aber Humor, Gemeinschaftssinn    und Gelassenheit auf alle Fälle.
Wenn Wirt Manfred ein Nebengebäude renovieren will und die befreundeten Handwerker alle drei Fenster    falsch herum einbauen, dann    ist das zwar saudumm, aber irgendwie auch    wurscht. Die Handwerker trinken ihr unverdientes Feierabendbier, und dann wirft ihnen der Spielautomat auch noch ein kleines Vermögen aus.
So ist das Leben halt: Glück und Unglück, Spaß und Verdruss, Freud und    Leid liegen eng beieinander. Und im B12 noch ein bisschen    enger. Ist dieser Ort nun kaputt und deprimierend?    Ein Ort, an    dem ununterbrochen Autos vorbeirauschen und wo    der alte Lenz in einer ehemaligen Großküche haust? Oder doch    ein besonderer  Ort, wo immer was los ist, wo viele     eine Heimat gefunden haben, wo ein 89-jähriger vom Sterben redet und     dabei    höchst    vital ist? Das ist Ansichtssache.


Ein Film von Christian Lerch


Pressenotiz   
B12 – GESTORBEN WIRD    IM NÄCHSTEN LEBEN ist    der ganz andere Heimatfilm: Christian Lerch (Regisseur und    Drehbuchautor von WAS WEG IST,    IST WEG, Drehbuchautor von WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT) porträtiert    eine etwas heruntergekommene Raststätte an der B12 und bietet Einblicke    in ein Bayern,    das man sonst    nicht kennenlernen würde: Die Stammgäste sind rau,    derb, anarchisch und haben einen ureigenen    Blick auf die Welt, allen voran der 88-jährige Altwirt    Lenz. Aus einem Herzensthema des    Drehbuchautors, Schauspielers und Regisseurs Christian Lerch ist eine liebevolle Langzeitstudie für die große Leinwand geworden!
Bei seiner Premiere auf dem DOK.fest München wurde B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN zu einem bejubelten Festival-Liebling. Produziert wurde B12 - GESTORBEN     WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN von der Münchner Südkino Filmproduktion (Johannes Kaltenhauser und Patrick Lange)    und von Lerchfilm in    Koproduktion mit demBayerischen Rundfunk (Redaktion: Petra Felber, Martin Kowalczyk, Fatima Abdollahyan). Johannes Kaltenhauser ist Koautor und Kameramann des Films. Die Filmmusik stammt    von DJ und Musikproduzent Sepalot. Der     Film wurde gefördert    vom FilmFernsehFonds Bayern (FFF).   


Regie-Statement von Christian Lerch

Das Rasthaus B12 kenne ich immer schon. Es liegt auf meinem Weg nach München. So hingeworfen - rechts    drin – direkt an der Straße. Jahrelang bin ich daran vorbei gefahren und immer    ist mir dieser Ort aufgefallen    als ein Besonderer. Also, eines Tages    angehalten, ausgestiegen und eingetreten in einen Kosmos der     Sorgen, Nöte,    Sehnsüchte und wahrlich außergewöhnlichen Bewältigungsstrategien. Ich war an einem Ort, der unser aller Suche nach    Liebe, Geborgenheit und Glücklichsein ungeschminkt,    offen sichtbar und in fast allen Facetten abbildet. Und dies    auf eine Weise tragisch, komisch und    fern jeder gängigen Selbstoptimierungsphantasie, dass ein jeder Coach schon bald daran verzweifeln würde.     Ich bin immer noch jeden Tag froh, dass wir unsere Protagonisten und Protagonistinnen und deren Umgang mit den Herausforderungen der Wirklichkeit beobachten durften.



Zitate   

„,Ja mei, I mechad nur noch sterben', sagt der 89-jährige Lenz zu Beginn des großartigen Heimatfilms von Christian Lerch. Dann erleben wir ihn als    vitalen    Patriarchen in seinem    Biotop, einer Raststätte an der     Bundesstraße    12. Sein Sohn hat das    Erbe übernommen, das Haus    wird gegen den Willen von Lenz umgebaut. Als die Fenster verkehrt herum eingesetzt werden, wird    klar, dass hier einiges aus dem Ruder läuft. Die Schwiegertochter kümmert sich liebevoll um Lenz und sogar alte Freunde lassen sich von dem ewig grantelnden Kerl nicht vergraulen und schauen immer wieder    bei ihm vorbei.
,Ja mei, I mechad nur    noch sterben', sagt der mittlerweile 90-jährige Lenz     zum Ende der     Erzählung. Ein liebevoller, berührender Film über ein Stück bayerischer Lebensart und die ureigene    Kraft des Lebens.“
Daniel    Sponsel, DOK.fest München    2018   
   

Mit Sicherheit    der außergewöhnlichste Heimatfilm der letzten Jahre: Christian Lerch porträtiert    die Betreiber einer Raststätte in der Nähe von München. Mal rabiat, mal zärtlich und     immer    mit einem Funken Humor geht es ums Leben und Überleben miteinander. Das hat so viel Pep und Schwung und ist    so prall gefüllt mit alltäglichem Irrsinn, dass man nur wünschen kann, die Langzeitdokumentarbeobachtungskomödie fände den Weg    in möglichst viele Nordlichter-Kinos jenseits des Weißwurst-Äquators.
Auch und gerade weil    es hier    manchmal sehr typisch bayrisch rustikal hergeht.
Gaby Sikorski, programmkino.de
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Donnerstag 05.07.2018
SYMPHONY OF NOW
Ab 12. Juli 2018 im Kino
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Erinnerst Du Dich an den Augenblick, als Du Dich in Berlin verliebt hast? In diese wilde, raue Stadt, die nur so strotzt vor herzzerreißender Schönheit? Genau dieses Gefühl lotet SYMPHONY OF NOW aus. Der Film ist eine filmische Ode an die Großstadt, bei der Regisseur Johannes Schaff Fragmente seiner persönlichen Geschichten mit Szenen vom nächtlichen Berlin mischt.
 

Ein Film von Johannes Schaff

Mit Musik von Modeselektor, Gudrun Gut & Thomas Fehlmann, Hans-Joachim Roedelius, Samon Kawamura, Alex.Do

SYMPHONY OF NOW ist beeindruckend gedreht und entstand in Kollaboration mit einigen der einflussreichsten Berliner Elektronik-Komponisten – darunter der international bekannte Produzent Frank Wiedemann (Âme, Innervisions, RY X, Berghain), Modeselektor, HansJoachim Roedelius, Gudrun Gut & Thomas Fehlmann, Samon Kawamura und Alex.Do.
Die Entstehung war ein höchst spannender Prozess: Auf der Grundlage von Walter Ruttmanns Filmklassiker BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927) haben die Musiker ihren Score komponiert. Das neu gedrehte Bildmaterial wurde dann wiederum auf diese Musik - mit Elementen aus Techno, House, Hip Hop, Wave und Krautrock - geschnitten. So bleibt auf eine gewisse Weise der Geist und das Echo des legendären Klassikers spürbar, ebenso wie dessen 5-Akt-Struktur und die Spieldauer von 65 Minuten erhalten bleiben. Davon abgesehen ist es eine komplett andere Herangehensweise. Regisseur Johannes Schaff und sein Team hatten die Freiheit, die Bilder und den Schnitt ganz eigen und modern zu gestalten.
Der Klassiker diente ausschließlich als konzeptionelles Vorbild für die ungewöhnliche Komposition. Anders als Ruttmann, der am Tag drehte und die Arbeitswelt mit ihren übermächtig dargestellten Maschinen in den Mittelpunkt stellte, konzentrierte sich Schaff auf besondere Momentaufnahmen vor allem in der Nacht und begegnete Menschen beim Arbeiten, beim kulinarischen Genuss, bei Kunst und Kultur und beim Feiern in den Clubs in völliger Selbstvergessenheit.
Die beeindruckenden Bilder schuf Lil’ Internet, der auch Musikvideos u.a. für Beyoncé und Jay-Z gedreht hat. Für den Schnitt zeichnet Bobby Good verantwortlich (MANIFESTO, BAR 25 – TAGE AUSSERHALB DER ZEIT).
Produziert wurde SYMPHONY OF NOW von Brendan Shelper und Max Hassemer von Pappel Studios, sowie Fabian Massah und Marc Malze von Endorphine Production.


REGIEKOMMENTAR
Uns allen ist bewusst, dass Berlin eine einzigartige Stadt ist. Keine andere Metropole hat das 20. Jahrhundert so geprägt. Die Stadt ist reich an Geschichte und Kultur. Bis auf die Grundmauern bombardiert und als geteilte Stadt mit unterschiedlicher Ästhetik wieder aufgebaut, hat Berlin heute ein einzigartiges Erscheinungsbild. Die Geschichte der deutschen Hauptstadt ist an den Fassaden, in der Architektur und den Stadtlandschaften deutlich sichtbar. In Berlin gibt es mehr Brücken als in Venedig. Es ist Deutschlands grünste Stadt und interessanterweise hat Berlin auch die größte Zootierpopulation in Europa.
Aber natürlich geht es nicht um die Fassaden oder Tiere: Es sind die Menschen in Berlin, die am faszinierendsten sind. Das wiedervereinigte Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner. Das ist immer noch eine Million weniger als 1939. Die Stadt weckt wieder Begehrlichkeiten. Das großzügige Berliner Raumangebot zieht Künstler an, die das Stadtbild und seine Kultur immer wieder verändern. Das pulsierende Nachtleben der Stadt ist weltberühmt. Täglich kommen hundert Menschen mehr in die Stadt, als sie sie wieder verlassen. Die Hälfte der Berliner ist Single, 14 Prozent sind Ausländer und etwa 50.000 der Einwohner tanzen jede Nacht in einem der Berliner Nachtclubs. Berlin ist weltberühmt für die Freiheit, die es seinen Bewohnern bietet. Keine Frage – Berlin verdient einen zeitgenössischen symphonischen Film.
Dieses JETZT ist ein wertvoller Moment in einer Stadt der Grenzenlosigkeit, ohne Beschränkungen oder Ausgangssperren. Die Berliner Geschichte hat uns gelehrt, dass Momente endlich sind. Dass sie irgendwann verschwinden und niemals wiederkehren. Deshalb ist eine Aufgabe von SYMPHONY OF NOW, diese einzigartigen Momente für zukünftige Zuschauer festzuhalten.
Dabei ist Berlin viel mehr als nur die Kulisse für diesen Film. Die Stadt ist ebenfalls der Hauptdarsteller. Die Ästhetik des Films musste dem entsprechen. Ich wollte eine für Berlin spezifische Ästhetik finden. Der klassische Weg, um Architektur oder eine Stadt filmisch darzustellen, ist der aus unserer eigenen Perspektive. Aber wenn die Stadt Teil der Geschichte ist, müssen wir auch ihrer Perspektive Rechnung tragen. Ich dachte, es sei wichtig, Ecken zu finden, die in Berlin einzigartig sind. Diese Stadt  hat ein einzigartiges Erscheinungsbild. Da wäre zum Beispiel die Berliner U-Bahn, die hoch über den Straßen der Stadt rattert. Die meisten Berliner Pendler sind mit dem Blick aus dem Fenster vertraut. Aber wer hat die Stadt schon einmal aus der Perspektive des Lokführers gesehen? Das ist eine dieser besonderen Berliner Perspektiven, die wir erfassen wollten.
Ich wollte eine für Berlin spezifische Bildsprache entwickeln. Als symphonisches Stadtporträt wurde die Dramaturgie unseres Films von Walter Ruttmans BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927) inspiriert. Regisseur Ruttmann konzipierte seinen Film sowohl als Dokumentarfilm als auch als Kunstwerk über Berlin. Der Film hat künstlerische Ambitionen, experimentiert mit schnellen Schnitten und Montagen, dokumentiert aber auch einen Tag in Berlin. Sein Film ist ein kompliziertes Wechselspiel zwischen dokumentarischem und subjektivem Kunstwerk. Ruttman konstruiert die moderne Metropole Berlin als lebendigen Organismus. Seine Vision dieser Stadt unterstreicht die Schwerindustrie Berlins der damaligen Zeit. Ruttman wollte den Film von der Abhängigkeit des Theaters befreien. Das sollte durch die objektiven Qualitäten des Films gelingen. Ruttman wollte echte Menschen zeigen. Versteckt hinter der langen Linse seiner Kamera wollte Ruttmann die unscheinbaren Massen einfangen. Er (in seinen eigenen Worten) „... musste die unscheinbaren Menschen verfolgen, wie ein Jäger seine Beute.“ Diese misanthropische Sicht bestimmt am Ende den Film. Die Leute werden meistens aus einer kühlen Distanz erfasst. Einige der stärksten Bilder des Films zeigen Menschen, die auf eine Masse reduziert, den Fabriken zum Fraß vorgeworfen werden.
Mit dieser distanzierten, übergeordneten Perspektive auf Menschen wollte ich brechen. Ich entschied mich für zwei Leitprinzipien. Erstens vermied ich Stative und filmte aus der menschlichen Perspektive. Ich wollte, dass sich jeder Bildausschnitt so anfühlt, als könnte es jemandes Standpunkt sein. Zweitens wollte ich den Menschen näher kommen. Die Zeit hat sich geändert, Berlin ist kein industrieller Moloch mehr. Berlin ist eine Stadt, die für ihre Partys bekannt ist, die von Kunst und Kultur geprägt ist. Die Hauptstadt einer Nation, deren Kanzlerin beschlossen hatte, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Berlin ist wieder eine Stadt der Ideen.
Das sind alles sehr emotionale Aspekte. Eine Stadt ist wie ihre Menschen und ich wollte deren Emotionen vermitteln. Am besten geeignet dafür ist die Nahaufnahme. Sie bietet keinen Kontext wie eine weite Einstellung. Eine Nahaufnahme lässt ein Gesicht sprechen, ohne Worte.
Walter Ruttman hat die Erzählstruktur seines Films in fünf Akten den musikalischen Prinzipien einer Symphonie nachempfunden. In jedem Akt werden verschiedene Tempi und Stimmungen verwendet, um die Geschichte zu erzählen. Wir wollten diese Idee beibehalten: Musik und Film erzählen eine Geschichte in Symbiose.
Vor mehr als 90 Jahren porträtierte BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT einen Arbeitstag in Berlin und erforschte die Stadt als Organismus. Jetzt, im 21. Jahrhundert, erzählen wir die Geschichte ihrer Bürger. Da Ruttman die Dauer eines Arbeitstages als erzählerische Grundlage verwendete, fand ich es interessanter, die Geschichte einer der berühmten Berliner Nächte zu erzählen. SYMPHONY OF NOW ist ein zeitgenössischer symphonischer Film über Berlin bei Nacht, ein filmischer Liebesbrief an eine Stadt und 65 Minuten Erinnerung an das JETZT.


BERLIN WIEDERENTDECKEN
 
90 Jahre BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT   SYMPHONY OF NOW ist angelehnt an Walter Ruttmanns Experimentalfilmklassiker BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT, in dem das alltägliche Berliner Leben der 20er Jahre in einem komplett neuen Kontext dargestellt wird.
BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT zeigt einen Tag in Berlin – vor 90 Jahren. SYMPHONY OF NOW versucht, diese Vergangenheit der Gegenwart gegenüberzustellen und so die einmalige Kontinuität Berlins in diesen besonderen Zeiten zu porträtieren.
Regisseur Walter Ruttmann sah seinen Film als ein dokumentarisches Kunstwerk über Berlin – diesen lebenden Organismus, diese moderne Metropole. SYMPHONY OF NOW übernimmt diesen Ansatz von Ruttmann und fügt Schaffs Absicht hinzu, heutige Momentaufnahmen der Stadt bei Nacht einzufangen und festzuhalten.


FILMAUFBAU
 
Von Tag bis Nacht
 
Walter Ruttman baut die Erzählstruktur seines Films entsprechend einer musikalischen  Sinfonie in fünf Akten auf. In jedem dieser Akte verwendet er unterschiedliche Tempi und Gefühlswelten, um seine Geschichte zu erzählen. Der Originalfilm startet am frühen Morgen und dokumentiert einen kompletten Arbeitstag. SYMPHONY OF NOW ist beides – komplett neu und dennoch mit starken Referenzen an Ruttmanns Meisterwerk. Unter Verwendung von Ruttmanns Motiven, Zeitspannen und Struktur setzt SYMPHONY OF NOW dort an, wo Ruttmann aufhörte: Der Film zeigt Berliner Momente vom Nachmittag durch die Nacht bis zum nächsten Morgen, untermalt mit aktueller Berliner Club-Musik.



MUSIK

FRANK WIEDEMANN (Musik, Headliner & Kurator)
Der Producer, Live Electronic Artist und Musiklabel-Inhaber Frank Wiedemann ist mit seinen vielschichtigen, auf straffe 4/4 Strukturen aufgebauten Produktionen ein König des Underground. Anfang 2000 gründeten Frank Wiedemann und Kristian Rädle das DeepHouse Projekt Âme und schufen mit Tracks wie ‚Rej‘ Minimal-Meisterwerke, die ihnen weltweite Aufmerksamkeit einbrachten.
Neben Âme kooperiert Wiedemann zusammen mit dem australischen Singer/Songwriter RY X als HOWLING, fand sich mit der Berliner DJ-Größe Henrik Schwarz als SCHWARZMANN zusammen und veröffentlichte 2016 seine erste Solo-EP. Zusammen mit Steffen Berkhahn alias Dixon und Kristian Rädle rief er 2005 das renommierte Berliner Musiklabel ‚Innervisions‘ mit dem Schwerpunkt House Music ins Leben, auf dem u.a. David August und Marcus Worgull veröffentlichen. 2017 startete er zudem sein zweites Label ‚Bigamo‘.
Musikprojekte (Auswahl) Âme (Live Act) Schwarzmann (zusammen mit Henrik Schwarz) Howling (zusammen mit Ry X)

SAMON KAWAMURA
Samon Kawamura ist Produzent, Multiinstrumentalist und einer der gefragtesten DJs in der japanischen Hip-Hop Szene. Er arbeitete bereits mit Till Brönner und Aloe Blacc und ist zusammen mit Roberto di Gioia und Max Herre Teil des Produzententeams KAHEDI. Das Trio hat bereits Produktionen für Samy Deluxe und Joy Denalane sowie Remixe für die Beatsteaks umgesetzt. Mit Max Herre arbeitet er zudem eng an dessen Albumproduktionen zusammen und ist auf dessen Label ‚Nesola‘ gesigned, auf dem Samon seine Reihe ‚SPUR OF THE MOMENT’ veröffentlicht. Nebenher ist Samon Kawamura auch als Solo-Produzent erfolgreich und hat sich u.a. um die Produktion der HipHop-Crew Genetikk gekümmert.

GUDRUN GUT
Gudrun Gut ist Aktivistin der Berliner Underground Szene seit den frühen 80er Jahren - von Post Punk über Techno bis Indietronics. Sie war Gründungsmitglied legendärer Bands wie Mania D., Einstürzende Neubauten, Malaria! und Matador. Zusammen mit Thomas Fehlmann entwickelte sie die „Ocean Club Radio Show“ auf Radio Eins und produzierte mit dem Ocean Club Team Events und Festivals mit dem Ziel, die Berliner Musikszene zu spiegeln und zu festigen. Sie gründete das Label ‚Monika Enterprise‘, Heimat von u.a. Barbara Morgenstern, mit Fokus auf der Entwicklung weiblicher Künstlerinnen. Gudrun Gut kooperierte mit diversen Künstlern, wie beispielsweise Hans-Joachim Irmler und Antye Greie, veröffentlichte mehrere Soloalben und tourt weltweit.

THOMAS FEHLMANN
Die Wurzeln von Thomas Fehlmanns fast 30-jähriger Karriere liegen in seiner Arbeit mit der Avantgarde-Band Palais Schaumburg, die er zusammen mit Holger Hiller gründete. In den späten 80ern produzierte er unter dem Namen ‚Ready Made‘ und gründete das Label ‚Teutonic Beats‘, auf dem u.a. Wolfgang Voigt und Westbam veröffentlichten. Er arbeitete zusammen mit Moritz von Oswald und Juan Atkins unter dem Projektnamen ‚3MB’, startete eine Partnerschaft mit Alex Paterson und The Orb und war Resident im legendären Berliner Club ‚Tresor‘. Zusammen mit Gudrun Gut entwickelte er die „Ocean Club Radio Show“. Seinen zahlreichen Veröffentlichungen auf Labels wie ‚Plug Research‘ und ‚Kompakt‘, folgten Auftritte auf der ganzen Welt.

HANS-JOACHIM ROEDELIUS
Elektro-, Kraut- und Avantgarde-Pionier Hans-Joachim Roedelius ist Gründungsmitglied der legendären Krautrock-Bands Cluster und Harmonia. Er rief in Berlin das ‚Zodiac Free Arts Lab‘ – eines der ersten Zentren für Undergroundkultur – mit ins Leben, arbeitete mit Größen wie Brian Eno sowie Michael Rother (Neu!, Kraftwerk) zusammen und zählt Musiker wie Peter Kruder und Richard Fearless zu seinen Verehrern. Roedelius machte Ambient-Musik bevor der Bergriff geprägt wurde und hatte in den 70er Jahren maßgebIichen Einfluss auf die britische Popszene um David Bowie und Brian Eno. In seiner über 50-jährigen Karriere entstanden Werke, die an Umfang und Vielfältigkeit überwältigend sind, von Solo Piano Alben über Elektro und Krautrock bis hin zu Klangcollagen. Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin richtete 2015 ihm zu Ehren ein ganzes Festival aus.

ALEX.DO
Der Producer und DJ Alex.Do zählt zu den angesagtesten Acts der Berliner Underground Szene und hat mit seinen Tracks bereits einiges an Aufsehen erregt. Aus der gesamten Geschichte von Techno, Dub und House filtert er das, was man das Wesen elektronischer Tanzmusik nennen könnte und mischt es zu einem außergewöhnlichen Sound zusammen. In dem Berliner Label ‚Dystopian‘, weltbekannt für seinen Techno- und House-Output und u.a. Heimat von Rødhåd und Recondite, hat er seit seiner vielgespielten ‚Stalker EP‘ ein Zuhause gefunden. Er eröffnete die Konzertabende von RY X im Berliner Konzerthaus, tourt mittlerweile durch ganz Europa und ist mit einem Track auf der Innervisions ‚Secret Weapons Part 8.‘ Compilation vertreten.

MODESELEKTOR
Die Anfänge vom Berliner Musiker-, Produzenten-, DJ- und Liveact-Duo Modeselektor, aka Gernot Bronsert and Sebastian Szary, liegen in der Berliner Musikszene kurz nach der Wende, damals noch unter dem Pseudonym ‚Fundamental Knowlegde‘. 2001 wurden sie von Ellen Alien auf dem Label ‚BPitch Control‘ – gesigned und gründeten 2009 neben den Labels ‚Monkeytown Records‘ und ‚50WEAPONS‘ auch eine eigene Booking Agentur. Modeselektor haben bisher drei, von den Kritikern hochgelobte, Studioalben sowie zahlreiche EPs veröffentlicht und sich parallel mit dem Berliner Musiker APPARAT als Moderat zusammengefunden. Sie touren rund um den Globus, kuratieren Festivalbühnen, u.a. seit mehreren Jahren auf dem MELT! Festival und etablierten mit „Modeselektion“ eine eigene Veranstaltungsreihe.
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