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7. Alexander Braun „George Herrimans Krazy Kat“
8. Herman Melville „Mardi und eine Reise dorthin“
9. Wolf Biermann „Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichte...
10. Gregor Hens "Missouri"
11. Jörg Fauser „Rohstoff“
12. Norman Mailer „Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11R...
Montag 12.08.2019
Alexander Braun „George Herrimans Krazy Kat“
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Man glaubt es kaum. Aber Pablo Picasso liebte ihn und Gertrude Stein war absoluter Fan und auch James Joyce, Irlands bedeutendster Schriftsteller, gehörte zu seinen Bewunderern; ebenfalls der Filmkomiker W. C. Fields und, wen wunderts, natürlich auch Charlie Chaplin. Die Rede ist von „Krazy Kat“, der vielleicht besten, verrücktesten, schillerndsten Comic-Serie überhaupt. Entworfen hat dieses bis ins absurdeste getriebene Katz-und-Maus-Spiel George Herrimans ab dem Jahr 1913. Und es gab von Beginn an Schwierigkeiten, den Comic überhaupt in der Öffentlichkeit zu platzieren. Er war den Verlegern einfach zu skurril, zu abgehoben. Sie erkannten die Realität hinter der abstrakten, blendenden Fassade nicht. Wäre da nicht William Randolph Hurst, ein Medien-Tycoon, der „Krazy Kat“ in seinen Zeitungen von Beginn an ein „zu Hause“ bot.
Eingefleischte Comic-Fans kennen die Auseinandersetzungen zwischen der Katze (Krazy Kat), die die Maus Ignatz liebt, die wiederum nichts besseres zu tun hat, als Krazy mit Ziegelsteinen zu bewerfen, mit absoluter Sicherheit. Für sie und all jene, die neugierig auf dieses Metier (und seine Geschichte) sind, hat der Taschen Verlag nun ein dickes, schweres (sechs Kilo-) Buch (ähnlich einem überdimensionierten Ziegelstein!) herausgebracht, das die komplette „Krazy Kat“-Serie der Jahre 1935 bis 1944 beinhaltet.
Herausgegeben hat dieses Monumentalwerk Alexander Braun, der Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie studierte und, neben eigenen künstlerischen Arbeiten, seit Jahren als Fachmann für Comic-Kunst gilt. Seine den Zeichnungen vorangestellten Texte, die sowohl die Biographie George Herrimans beinhalten, als vor allem auch die Hintergründe und Entwicklungsgeschichte seines zeichnerischen Schaffens, zeugen von beeindruckendem Sachverstand und Hingabe zum Sujet. Er beleuchtet sehr anschaulich die kunsthistorischen Zusammenhänge der Comic-Kunst, zeigt Verbindungen zwischen den einzelnen Künstlern auf und wie sehr George Herriman, obwohl in seiner Schaffenszeit nicht übermäßig bekannt, als eine Galionsfigur von nachfolgenden Zeichner-Generationen betrachtet wurde.
Das besondere an „Krazy Kat“ ist die Einfachheit, mit der die Geschichten zeichnerisch umgesetzt werden. Fast möchte man von einer Art naiver Malerei sprechen, von einem zeichnerisch/farblichen Ausdruck, wie man sie von Kinderzeichnungen her kennt. Dadurch erhalten die Geschichten auch eine gewisse Form von Naivität. Hinzu kommt die Art der Kommunikation zwischen Krazy und Ignatz und Offissa Pupp. Letzterer ist übrigens derjenige, der selbst in Krazy verliebt ist, die Katze entsprechend schützen möchte und Ignatz, die Maus, immer wieder einmal ins Gefängnis sperrt.
Was aus dieser einfachen Konstellation an lustigen, hintergründigen, hochintelligenten Situationen entsteht, ist phänomenal. Dabei wird mit wenigen Mitteln eine größtmögliche Wirkung erzielt. Herrimans gilt zu recht als einer der Pioniere des Comics. Wie er seine Fabeln erzählt, mit all den Wortfetzen, Sprachidiomen, „Slangsounds“ und Neologismen – das war revolutionär und zeugt von einer gewissen Anarchie, was die Sichtweise, den Umgang und die Umsetzung von und mit Alltagsthemen betrifft. Insofern war er seiner Zeit weit voraus. Grund genug ihn (neu) zu entdecken. Vorausgesetzt man hat für diesen Prachtband eine stabile Unterlage …. .
Jörg Konrad

Alexander Braun
„George Herrimans Krazy Kat“
Die kompletten Sonntagsseiten in Farbe 1935 – 1944
Taschen
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Samstag 03.08.2019
Herman Melville „Mardi und eine Reise dorthin“
Zwanzig Jahre war Hermann Melville alt, als er auf einem Schiff als Matrose anheuerte, um die folgenden fünf Jahre auf den Ozeanen dieser Welt zu verbringen. In dieser Zeit holte er sich all das Wissen und die Erfahrungen, die anschließend einen Großteil des Inhaltes seiner Romane bestimmten. Dass sein Hauptwerk „Moby Dick“, veröffentlicht 1851, zu seinen Lebzeiten sowohl von den Kritikern als auch von der Leserschaft ignoriert wurde, hatte verschiedene Gründe. Zum einen erfüllte Melville mit diesem Buch nicht die traditionellen religiösen Erwartungen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in allen gesellschaftlichen Kreisen sowohl in England als auch in den USA den Alltag bestimmten. Andererseits war Melville mit autobiographischen Südseegeschichten als Autor bekannt geworden. Dafür liebte ihn sein Publikum. Einen Abenteuerroman, in dem ein Weißer Wal die Hauptrolle spielte, war seinen bisherigen Lesern und Literaturzirkeln einfach zu suspekt.
Eines dieser autobiographischen Südseebücher erschien zwei Jahre vor „Moby Dick“. „Mardi und eine Reise dorthin“ ist ein Buch, von dem Ulrich Greiner schreibt, es sei „ …. ein Zauberkunststück, ein irrer und wirrer Faselteppich; Räuberpistole und Südseeromanze, philosophisch-theologischer Traktat und haltlose Humoreske. Die Lektüre gleicht einer Expedition in die Wildnis, wo Paradiese locken und Wüsteneien lauern“. Kurz: ein Abenteuer, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ausgangspunkt für diesen opulenten Roman von über 800 Seiten ist, wie sollte es anders sein, eine Crew auf Walfang. Die Besatzung der „Arcturion“ findet in der Südsee keine Meeressäuger, so dass sich der Kapitän entschließt, in Richtung der Halbinsel Kamschatka zu segeln, um hier sein Glück zu versuchen. Der Ich-Erzähler will aber nicht in die arktischen Gewässer und desertiert mit dem Seemann Jarl in einem kleinen Beiboot in der Südsee. Gemeinsam verlassen sie das Mutterschiff und vertrauen sich viele Tage und Wochen der Strömung an. Melville schildert auf eindrückliche und lebendige Weise die schier besinnungslose Atmosphäre von Windflauten und deren psychologische Wirkung.
Trotzdem nimmt die Geschichte an dieser Stelle Fahrt auf. Denn die beiden Flüchtigen treffen auf einem führerlos dahingleitenden Schiff Samoa und seine Frau Annatoo. Mit ihnen gemeinsam bestehen sie Kämpfe gegen kriegslüsterne Insulaner und Kannibalen, sie retten das Mädchen Yillah aus den Fängen eines Priesters, der Ich-Erzähler wird selbst für eine Gottheit gehalten und schließt Freundschaft mit einem König namens Media. Bis eines Tages die schöne Yillah spurlos verschwindet.
Die anschließende Suche, mit dem Historiker Mohi, dem Poeten Yoomy und dem Philosophen Babbalanja durch die Südsee-Inselwelt Mardis, ist mal mehr Flucht, mal mehr die Suche nach dem schon vorhandenen Paradies und liest sich wie ein Rausch aus exzessiven Naturalismen und intellektueller Genialität, aus Gesellschaftskritik und Eulenspiegelei. Hier wechseln Leidenschaft und Instinkt dank einer überragenden Dramaturgie und kraftvollen Sprache. Großartige Sätze treffen auf außergewöhnliche Gedanken und alles ist, sowohl literarisch als auch im Fortlauf der Handlung in beeindruckender Balance.
Melville schreibt in „Mardi“ über das Leben, über Gott und die Welt, über die Wirklichkeit und die Kraft der Fantasie. Und er trifft dabei einen wunderbaren, einen mitreißenden Ton, begeistert in seiner schonungslosen Hingabe und aufleuchtenden Aufgeklärtheit.
Neu übersetzt hat diese gewaltige Werk Rainer G. Schmidt, dessen Stärke es ist, die Geschichte am Laufen zu halten, die einzelnen Anekdoten flüssig zu gestalten und damit dem Roman einen wunderbaren poetischen Rhythmus zu geben. 
Jörg Konrad

Herman Melville
„Mardi und eine Reise dorthin“
Manesse
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Dienstag 23.07.2019
Wolf Biermann „Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“
Er ist intelligent, stur, bissig, konsequent, solidarisch, hochsensibel, warmherzig, schlitzohrig, selbstverliebt. Kurz: Wolf Biermann ist ein erfolgreicher Poet. Zugleich ist und war er und wird es wohl auf immer sein: politischer Rebell.
Und was kann ein wohlgemerkt charakterfester Poet und waghalsiger Rebell wohl besser, als hinreißende Liebesgeschichten unters Volk bringen? Genau das hat der Unbeugsame nun getan. Nach seiner im letzten Jahr erschienenen, packenden Autobiographie „Warte nicht auf bessre Zeiten“ nun „Barbara – Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“.
Es handelt sich um achtzehn Novellen, die der mittlerweile 82jährige niedergeschrieben oder aus seinem privaten Fundus „gefischt“ und vorgelegt hat. Biermann bewegt sich darin inhaltlich in einem Zwischenreich von Realität und Fiktion, von romantischer Dichtkunst und politischer Provokation, von zuckersüßer Träumerei und zerplatzten Illusionen. Manche seiner Geschichten schmerzen heftig, wie die von dem Mädchen Monika in „Das leuchtende Kind im Hinterhof“. Andre wiederum fliegen federleicht dahin und vermitteln den Wunsch, sie mögen nie enden, wie zum Beispiel „Meine Geigen-Gitarre“. Und dann sind manche Geschichten, die wie ein Reigen auf dem Hochseil daherkommen („Wo ist Kohlen-Otto bloß geblieben“), oder wie ein Veitstanz auf dem Vulkan („Bin ick`n Mensch?“). Auf der einen Seite der Erzählung geht es steil hinab, in den Höllenschlund, in den Einflußbereich diktatorischer, machtgeiler Despoten und ihrer Vasallen. Auf der anderen Seite hinauf ins Paradies prosaischer Dichtkunst ins Elysium der Liebe, wie in „Die beißwütige Barbara“.
Egal, ob im Umfeld des Brechttheaters BE (Berliner Ensemble) spielend, mit all seinen vom Schicksal arg gezeichneten und gebeutelten Charakteren, oder im Zillemilieu der Berliner 1960er Jahre: Biermann hat immer einen verständnisvollen, einen einfühlsamen Blick auf die Verlierer, auf die liebenswerten Außenseiter, ja aber teilweise auch auf die politischen Schwadroneure der Gesellschaft. Zumindest aus heutiger Sicht.
Und Biermann schreibt, dass es den Leser schwindelt. Wortgewaltig, herausfordernd, adjektivlastig, klar positionierend, wunderbar berlinernd. Neben einigen seiner trefflichen und deliziösen Gedichte befindet sich in diesem Band aber auch jener Text, der nach Erscheinen des Buches zumindest eine ordentliche Windhose im Feuilleton auslöste. In „Zwei Selbsthelfer“ beschreibt Biermann seinen damaligen Freund, den Schauspieler Manfred Krug als einen unflätigen, aufbrausenden Wüstling, der auch übelste Beschimpfungen nicht scheute, und auf seinen Partys damit prahlte, es selbst in der DDR zum Millionär gebracht zu haben. Krugs Sohn Daniel hat auf diese Beschreibung in einem offenen Brief Biermann der Verunglimpfung seines einstigen Weggefährten und dessen Familie bezichtigt. Ein Sturm im Wasserglas? Vielleicht. Wenn jedoch Eitelkeiten selbstverliebter Quälgeister aufeinandertreffen, dann ist der Schlamassel meist nicht weit entfernt.
Jörg Konrad

Wolf Biermann
„Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“
Ullstein
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Samstag 06.07.2019
Gregor Hens "Missouri"
Amerika – es ist noch gar nicht so lange her, da hatte es noch einen verheißungsvollen Klang, war Sehnsuchtsort vieler, vor allem junger Menschen, versprach Neuanfang und Freiheit. Auch in dem Roman „Missouri“, dem neuen Buch von Gregor Hens, macht sich der Protagonist, der junge Karl, Ende der 1980er Jahre nach Amerika auf. Er will die lieblose Enge seiner Jugend in einem katholischen Internat am Niederrhein hinter sich lassen, um sich neu zu erfinden. In Columbia, Missouri, nimmt er eine Stelle als Asisstant Teacher an, und als er nach dem langen Flug aus dem Flugzeug steigt, wäre er „am liebsten auf die Knie gefallen, um den heißen Asphalt zu küssen“.
Der Roman trägt autobiographische Züge. Gregor Hens,1965 in Köln geboren, hat eine enge Bindung an Amerika. Er ging selbst mit 23 Jahren in die USA und lehrte dort an mehreren Universitäten Deutsch, Literatur- und Sprachwissenschaft. Heute lebt er als Autor und Übersetzer in Berlin.
Es gibt in der Literatur zahlreiche Beispiele, die Amerika als Ziel- und Fluchtpunkt zum Thema haben, und Gregor Hens stellt sich ganz bewusst in ihre Tradition. Der Name Karl ist zum Beispiel eine Referenz an Kafkas Roman „Amerika“, und es finden sich viele Hinweise auf Vladimir Nabokov, der ja als russischer Exilant eine neue Heimat in Amerika gefunden hatte.
„Missouri“ ist ein vielschichtiger Roman, der sich auf mehreren Ebenen lesen lässt, zugleich Zeit-, Entwicklungsroman und Liebesgeschichte. Als Karl, die Hauptfigur, in Columbia seine Stelle an der Universität antritt, lernt er eine neue Welt kennen. Er schließt Freundschaften und findet Kontakt zu einer Gruppe junger Leute, die sich für Frieden und Umweltschutz einsetzen, einer Bewegung, die schon in den 1970er Jahren in den USA stark wurde.
Die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen hat er so in Deutschland nie erlebt. Und er verliebt sich in Stella, eine Studentin aus seinem Seminar. Stella – allein schon ihr Name deutet eine Verbindung zu einer anderen Dimension an. Sie hat ein Geheimnis, eine außerordentliche Gabe: Sie kann schweben. In Zuständen großen Glücks überwindet sie die Schwerkraft und schwebt einige Zentimeter über dem Boden. Dieser phantastisch-magische Einfall des Autors funktioniert als Bild einer eigenen Art von Freiheit und Verbundenheit mit dem „tiefen Geheimnis der Welt“ und wird im Buch nie ganz aufgelöst oder rational erklärt. Stellas Fähigkeit zur Levitation stürzt Karl in größte Verwirrung, und es ist für ihn nun unmöglich, zu einem  schlichten naturwissenschaftlichen Weltbild, das durch die Gesetze von Ursache und Wirkung bestimmt ist, zurückzukehren. Und doch gleitet der Roman nie in bloße Esoterik ab. Karl befasst sich auf der Suche nach Wahrheit weiter mit Sprachwissenschaft, mit Astronomie und Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber immer bereit, alte Überzeugungen zu überprüfen und zu verwerfen. So berührt der Roman philosophische Fragen, ohne sie beantworten zu können oder zu wollen.
Auch auf politischer Ebene geraten im Jahr 1989 alte Strukturen ins Wanken, tun sich unverhofft neue Möglichkeiten auf. Die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland fällt, ein Ereignis, mit dem Karl und seine Freunde in Deutschland nie gerechnet hätten und auf das sie mit einer Mischung aus Hoffnung und Skepsis reagieren.
Karl zieht es nicht zurück nach Deutschland, in das Land, das er als dunkel und kalt erlebt hat. Für ihn wird der amerikanische Westen zum Schauplatz eines Lebens, wie er es sich erträumt hat. Einen Sommer lang reist er mit Stella durch die Weite der amerikanischen Landschaft. „Unsere Gedanken drehten sich umeinander, und alles, was der Fliehkraft und Schwerkraft unterlag, befand sich in einem nahezu perfekten Verhältnis zueinander.“
Doch auch in der Liebe zwischen Karl und Stella gibt es keine Gewissheit. Die Begegnung mit Stellas faszinierender Mutter, die ihn provoziert und lockt, wirft Karl aus der Bahn. Es ist ein uralter Topos, den wir schon aus Märchen kennen: die Eifersucht einer Mutter auf die Schönheit und Jugend ihrer Tochter. Und natürlich erinnert man sich auch an die Dreiecksbeziehung in dem amerikanischen Film „Die Reifeprüfung“. Hier ist die Geschichte neu und mit großer psychologischer Genauigkeit und Einfühlung erzählt.
In einem Interview drückt Gregor Hens seine Bewunderung für die Unaufgeregtheit der englischen Sprache und Literatur aus. Auch er selbst schreibt in einem wunderbar klaren und unaufgeregten, wie schwebenden Ton. Karl spricht im Buch einmal über Romane, die den Leser in eine andere Welt versetzen. „Die fiktive Welt ist eine alternative Welt, eine Art Gegenwelt. Wir können gar nicht genug kriegen von diesen Gegenwelten.“ Auch „Missouri“ ist so ein Roman, von dem man gar nicht genug kriegen kann, 

Lilly Munzinger, Gauting

Gregor Hens
"Missouri"
Aufbau-Verlag

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Samstag 22.06.2019
Jörg Fauser „Rohstoff“
Jörg Fauser reflektiert in seinen Büchern, wie kaum ein anderer Schriftsteller, die bundesrepublikanische Lebenswirklichkeit. Realistisch, kritisch, humorvoll. Ähnlich schrieb nur ein anderer (noch dazu Frankfurter) Autor, nämlich der im letzten Jahr verstorbene Willem Genazino.
Aber natürlich ist Fausers (Welt-)Sicht eine völlig andere, konzentriert er sich auf eigene Themen, bewegt er sich von einem gänzlich anderen Ausgangspunkt kommend hinein ins Leben. Sein Blickwinkel ist der eines Abhängigen, eines Menschen, für den die Abstürze in die Katakomben der Unterwelt zum Alltag gehören. Doch trotz Sucht und Substanzverlangen erkennt Fauser immer die Realität, erfasst er das Wesentliche der Gesellschaft und vor allem, er besitzt einen zugegeben manchmal recht derben, aber immer zum Übermut neigenden, unterhaltsamen Mutterwitz.
Anlässlich seines 75. Geburtstages, Jörg Fauser ist 1987 in der Nähe von München zu Fuß auf der Autobahn gehend nur 47jährig ums Leben gekommen, verlegt Diogenes einen Teil seiner literarischen Schriften neu.
Rohstoff“ ist Fausers autobiographischster Roman. Ein Text, der völlig schnörkellos und ohne intellektuelle Spitzfindigkeiten Leben beschreibt. Fausers Leben als Harry Gelb. Gelb erzählt in der ersten Person rasant, direkt, schlagfertig und voller Ironie über seine Zeit in Istanbul, in der sich fast alles um das Beschaffen von Opium dreht; über seine Zeit in den Berliner Kommunen der späten 1960er Jahre; über das Leben im provinziellen Göttingen und seine sturzbetrunkenen Zeiten im Frankfurter Millieu. Er verdient sein Geld mit ersten Texten für die Zeitschrift Twen (hat hier die Ehre sein großes Menschenvorbild William S. Borroughs zu interviewen), arbeitet als Packer auf dem Flughafen, als Nachtwächter in einer Sicherheitsfirma und versucht über Jahre und mit Nachdruck seinen ersten Roman „Stamboul Blues“ in einem Verlag unterzubringen. Denn die eigentliche Sucht des Harry Geld alias Jörg Fauser, scheint die des Schreibens. Hält man sich vor Augen, dass die Droge letztendlich für das Ausfüllen einer gewissen inneren Leere steht, ist die Sucht bei Fauser immer dann am stärksten, wenn er eben nicht schreibt.
Dabei streift er neben den persönlichen Befindlichkeiten, die natürlich ständig wechseln und immer ein wenig illusionslos daherkommen, alles, was in jener Zeit gesellschaftlich von Interesse war. Aber er beschreibt und doziert nicht. Er hat diese immer ein wenig flüchtige Art zu schreiben, wie man sie von Jack Kerouacs „On The Road“ her kennt. Manchmal scheinen in dieser Freiheits-Prosa eines im Grunde Anarchisten sämtliche Satzeichen überflüssig. Denn Harry Geld ist in ständiger Unruhe, ist unterwegs, hat neben all den Beschaffungsschwierigkeiten eigene, manchmal vogelwilde Ideen umzusetzen, wie die als Herausgeber einer Undergrund-Zeitschrift, mit Namen ZERO: „Wir müssen ein bisschen Action drin haben“, sagte ich zu Bramstein, dem einzigen Germanistikstudenten, dem ich eine Chance als freier Mitarbeiter gegeben habe. Er war zwar auch bleich und lemurenhaft mit seinen langen strohigen Haaren und schrieb natürlich jede Menge Gedichte, aber er hatte ein Auto, eine Freundin mit frechen Titten, einen gesunden Durst und stammte aus der Pfalz. Pfälzer waren in der Regel nicht ganz so verrückt wie Oberfranken, Allgäuer, Dithmarscher oder Leute aus Offenbach.“
„Rohstoff“ ist eine wunderbare „Einstiegsdroge“ in das literarische Schaffen des Jörg Fauser. Wer diesen Roman liest, ob erstmalig oder nach langer Zeit wiederholt, bekommt mit Sicherheit Lust auf mehr, von einem der interessantesten und waghalsigsten deutschen Autoren. Fauser schrieb, wie Michel Decar in der SZ meinte, „Eine Literatur, die nur das sein Wollte, was da stand, nichts anderes.“
Jörg Konrad

Jörg Fauser
„Rohstoff“
Diogenes
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Montag 10.06.2019
Norman Mailer „Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11“
Die Oberfläche ist fein und pulverig. Ich kann sie leicht mit meiner Fußspitze aufwirbeln . . . Ich sinke nur Millimeter ein, aber ich kann meine Fußstapfen sehen . . . und die feinen sandigen Teilchen.“
Flugleitung: „Neil, hier Houston, wir schneiden mit.“

Armstrong: „Es scheint nicht schwer zu sein, sich hier herumzubewegen, es ist vielleicht sogar einfacher als . . . im Simulator auf dem Boden. Kein Problem herumzugehen. Übrigens, das Abstiegstriebwerk hat nicht den geringsten Krater hinterlassen. Es hat etwa einen Fuß Bodenfreiheit. Wir sind mehr oder weniger auf einem ebenen Platz hier. Jetzt sehe ich doch Rückstände vom Abstiegstriebwerk, aber nur sehr geringfügige.“
Dies sind Ausschnitte aus dem Funkprotokoll zwischen dem gerade die Mondoberfläche betretenden Neil Armstrong und der Flugkontrolle in Houston/Texas, aufgezeichnet am frühen Morgen des 21. Juli 1969. Sechs Stunden zuvor war mit Apollo 11 das erste bemannte Raumschiff auf dem Erdtrabanten gelandet.
Norman Mailer, der große amerikanische Autor, bekannt geworden neben seinen Romanen durch literarische Reportagen, erhielt damals von der Zeitschrift LIFE den Auftrag, über den Flug zum Mond in einem dreiteiligen Essay zu berichten. Sein Honorar soll angeblich eine Millionen Dollar betragen haben.
1970 hat Mailer die Essays intensiv überarbeitet und als Buch herausgegeben. "Moonfire" ist einer der spannendsten Texte über eines der größten technischen Abenteuer der Menschheit.
Nun, nach genau einem halben Jahrhundert, hat der TASCHEN Verlag dieses brillante Porträt als Jubiläumsausgabe neu herausgebracht. Es enthält hunderte bisher unveröffentlichte Fotos aus den NASA-Archiven, führende Apollo-11-Experten erzählen die Geschichten hinter den Fotos und erläutern technische Details.
Colum McCann beschreibt im Vorwort, worin die Kunst Norman Mailers lag. „Er wollte aus seinem eigenen Körper in eine Symphonie vorgestellter Körper eintreten ….. Er schlüpfte in ihre Haut, mit allen Warzen, und dann schlüpfte er wieder hinaus und war davon …... Er begab sich in neue Zeiten und Landschaften und verlor sich darin.“
Ohne dabei jedoch den Überblick zu verlieren. Akribisch trägt er alle Fakten zusammen, betrachtet die „Psychologie der Astronauten“, beschreibt prosaisch Menschheitsträume und komplizierteste technische Zusammenhänge. Gleichzeitig fächert er das politische Klima jener Jahre auf, spart dabei nicht an Kritik und er stellt Fragen: „Aber war das Apollo-11-Unternehmen der nobelste Ausdruck eines technischen Zeitalters oder der beste Beweis seines kompletten Wahnsinns?“
Mailer kann treffsicher formulieren, großartig polemisieren und frech provozieren, wenn er zum Beispiel über die Techniker schreibt, die „eine merkwürdige Mischung aus hohem Fachwissen und fast völligem Schwachsinn“ darstellen. Er bringt moralische Aspekte ins Spiel, beleuchtet das Spektakel jener Jahre unter den Gesichtspunkten der Industrialisierung, der Wunderwelt der Automation und ist bei aller Komplexität in der Lage, eine reißerische Spannung zu erzeugen.
Dieses brillante Buch kommt einer überwältigenden Zeitreise nahe. Anspruchsvoll, geistreich, unterhaltend.
Jörg Konrad

Norman Mailer
„Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11“
Taschen
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