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Inhaltsverzeichnis
Francesca Melandri „Alle, außer mir“

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Denis Johnson „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau und andere Erzählu...

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Stanley Kubrick „Photographs. Through a Different Lens“

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Éric Vuillard „Die Tagesordnung“

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David Schalko „Schwere Knochen“

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Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers“

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Sonntag 05.08.2018
Francesca Melandri „Alle, außer mir“
Als Ilaria Profeti, eine römische Lehrerin Mitte 40, nach einer Fahrt durch die verstopften Straßen Roms endlich ihre Wohnung erreicht, wird sie von ihrer Nachbarin mit den Worten empfangen: „Da oben wartet ein schwarzer Mann auf dich.“ Vor ihrer Tür sitzt ein junger Afrikaner, und er behauptet, ihr Neffe zu sein. In seinem Ausweis steht der Name ihres Vaters: Attilio Profeti.
Mit diesem dramatischen Auftakt beginnt der Roman „Alle, außer mir“ der Italienerin Francesca Melandri. Das Buch ist 2018 erschienen, und es leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des heutigen Italien.
Schon einmal, in ihrer Jugend, wurde Ilaria mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr Vater eine Zweitfamilie und sie einen Halbbruder hat. Nun taucht ein neuer unbekannter Spross ihres Vaters auf: ein schwarzer junger Mann aus Äthiopien. Ilaria Profeti beginnt, das Schicksal ihres geliebten Vaters zu erforschen, und sie stellt fest, dass sie bisher nichts über ihn wusste. Sie ist Lehrerin geworden, um Kindern Ehrlichkeit und Anstand beizubringen, und stößt nun auf ein Netz aus Geheimnissen, Vertuschungen und Lügen. Sie muss erkennen, dass der Wohlstand ihrer Familie sich vor allem auf Schmiergelder gründet, die ihr Vater angenommen hat. „Aber du darfst ihn nicht verurteilen. Damals machten das alle. Und wir haben davon profitiert“, sagt ihre Mutter.
In ihrem Roman erzählt Francesca Melandri die Geschichte der Familie Profeti, die das ganze 20. Jahrhundert abdeckt. Dabei steht vor allem ein düsteres und weitgehend verdrängtes Kapitel der Vergangenheit im Mittelpunkt, der italienische Kolonialismus unter Mussolini, von dem aus Melandri einen weiten Bogen zur aktuellen Flüchtlingsproblematik schlägt. Für ihren Roman hat sie genau recherchiert. Auch auf mehreren Äthiopienreisen hat sie Fakten und Eindrücke zusammengetragen, die in das breit gefächerte Panorama des Buches einfließen. Mit zahlreichen Perspektivwechseln und Zeitsprüngen wird sie der Komplexität der Thematik gerecht.
Am Beispiel von Ilarias Vater Attilio, der in seiner Familie als Partisan gilt, sich in Wahrheit aber freiwillig zu den Schwarzhemden Mussolinis gemeldet hat, schildert Melandri den italienischen Abessinienkrieg in den Dreißigerjahren. Sie beschreibt Attilio Profeti als gewinnenden, gutaussehenden Opportunisten, als „Prachtexemplar des Faschismus“. Er vertraut auf sein Glück und hält sich für unverwundbar: „Alle, außer mir“. Als 20-Jähriger kommt er mit den faschistischen Truppen Mussolinis in das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien, das damals neben Liberia der letzte nichtkolonialisierte Staat Afrikas ist. Er beteiligt sich am Eroberungskrieg 1935/36. Abessinien wird italienische Kolonie. Wir erfahren viel über die Hintergründe des Krieges. Er wird mit unvorstellbarer Grausamkeit geführt, Massenerschießungen und der Einsatz von Senfgas sind an der Tagesordnung. Als ein Mittel der strategischen Kriegsführung gilt der Besitz von afrikanischen Frauen. Das hält die Truppen bei Laune, und es erzieht den einfachen Soldaten zu seiner neuen Rolle als Beherrscher der unterlegenen Rasse.
Auch Attilo Profeti genießt wahllos die Schönheit der abessinischen Frauen, bis er sich in die 17-jährige Abeba verliebt. Mit ihr geht er den „damoz“ ein, eine Ehe auf Zeit. Sie wird die Mutter seines Sohnes und die Großmutter des jungen Äthiopiers, den Ilaria vor ihrer Tür findet.
Bei ihren Recherchen stößt Ilaria auch auf einen Aufsatz ihres Vaters. Gemäß der faschistischen Rassenlehre propagiert er die Überlegenheit des weißen Mannes. Melandris Roman trägt in der italienischen Originalfassung den Titel „Sangue giusto“. Es geht um das „richtige Blut“, und die Autorin folgt der Spur des faschistischen Gedankenguts von der Zeit des Duce über Berlusconi bis in die Gegenwart, in der markige xenophobe Parolen wieder die politischen Debatten in Italien – und nicht nur in Italien – bestimmen. Dagegen setzt Melandri ihre Empathie. Sie begleitet den jahrelangen Fluchtweg des Jungen von Äthiopien nach Italien. Sie schildert seine traumatischen Erlebnisse in Addis Abeba unter der Schreckensherrschaft des kommunistischen Regimes, die Flucht durch die Wüste, die verzweifelte Lage in einem libyschen Gefängnis und die hoffnungslose Zeit in italienischen Auffanglagern.
Der engagierte Roman liest sich fesselnd wie ein Politthriller. Francesca Melandri lenkt den Blick auf die Rolle, die Italien im letzten Jahrhundert in Afrika gespielt hat und auf das Unrecht, das dem abessinischen Volk angetan wurde. Am Beispiel Italiens zeigt sich die Mitschuld, die Europa am Elend des afrikanischen Kontinents trägt.

Lilly Munzinger, Gauting


Francesca Melandri
„Alle, außer mir“
Verlag Klaus Wagenbach, 2018
Autor: Siehe Artikel
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Mittwoch 25.07.2018
Denis Johnson „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau und andere Erzählungen“
„Ihnen dürfte klar sein, dass ich in dem Moment, da ich das schreibe, nicht tot bin. Aber wenn Sie es lesen, vielleicht schon.“ Das sind die letzten beide Sätze der ebenso spannenden wie aberwitzigen Erzählung „Triumph über das Grab“ von Denis Johnson. Auf fünfzig Seiten entwirft der amerikanische Autor eine Art Tableau über das Sterben. Und wenn im Mittelpunkt dieser Erzählung auch Freunde und Bekannte stehen, die die Welt als materielle Kreaturen verlassen, spürt man doch durchgehend, dass dieser Text sehr wohl etwas mit Denis Johnson selbst zu tun hat. Er hat ihn gespürt, seinen Tod, hat sich mit ihm (zumindest literarisch) auseinandergesetzt, hat sich ihm in seiner ganzen Dimension gestellt. Ein Thema übrigens, das ihn schon sein Leben lang beschäftigte, wie zum Beispiel in seinem vielleicht beeindruckendsten Text „Train Dreams“ von 2003. Vor einem Jahr starb der in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geborene Dennis Johnson mit 66 Jahren. Die Literaturwelt verlor damit einen bedeutenden Autor, einer dieser immer ein wenig unterschätzten Schriftsteller, dessen Werk aber zu den Herausragenden der Moderne gezählt werden muss. Stewart O’Nan war derart fasziniert von Johnson, dass er dessen Bücher nach eigenen Angaben dutzende Male verschenkte.
Johnson gehörte einer Generation von Schreibern an, die sich nicht nur mit Literatur beschäftigten, sondern ihre Haltung, ihr ganz persönliches Engagement wirkungsvoll über die Literatur vermittelten. Das wird daran deutlich, mit welchen Themen er sich beschäftigte und mehr noch, wer die tragenden Rollen in seinen Geschichten ausfüllte. Es sind bizarre bis bedrückende Stories, die von Menschen handeln, die arg mit dem Schicksal konfrontiert sind, raubeinige aber auch argwöhnige Charaktere, still erduldende Helden, die alle die volle Sympathie der Leser haben. Doch Johnson schreibt über sie, trotz aller Tragik und verwinkelter Beziehungen, weder lamouryant oder mitleidsvoll, sondern differenziert, zeitweise sprachgewaltig, häufig mit einer gewissen Lakonie, die er, bei aller Verbundenheit, beeindruckend beherrscht.
Die Sammlung von insgesamt fünf Erzählungen, die den Band „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“ beinhalten, sind neben der Beschäftigung mit der eigenen Vergänglichkeit, stark autobiographisch eingefärbt. Sie geben Menschen mit bizarren Lebensläufen eine Stimme, Suchende, manchmal schon Verlorene erzählen aus ihrem Leben, schildern auch groteske Situationen.
So von einem zum Tode Verurteilten, der noch in Haft die Cousine eines Mitgefangenen heiratet, die aber nicht, wie sie vorgibt, als Kellnerin in einem Restaurant ihr Geld verdient, oder Cass, der als Patient einer Sucht- und Entzugsklinik Briefe an verschiedene Menschen schreibt (an die Großeltern, den Papst, den Satan), in denen er Momente seines Lebens beschreibt, und sich als größter Kokser, größter Dealer, größter Krimineller brüstet: „Ich habe drei Typen umgebracht, von denen ich immer noch sagen würde, dass die Welt ohne sie besser fährt, aber das habe ich nicht zu entscheiden, stimmt`s?“. Marcus Ahearn in „Doppelgänger, Poltergeist“ hingegen will beweisen, dass Elvis Presley gar nicht Elvis Presley war. Krude Helden, oft hart an der Grenzen zum psychopathischen und doch voller Menschlichkeit geschildert. Als Opfer einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft. Johnson hängt an seinen Figuren, man spürt sein Mitgefühl und sein Verständnis für ihre oft ausweglosen Situationen, in denen sie sich befinden. Sie sind Teil der amerikanischen Gesellschaft und verkörpern mit Sicherheit nicht den viel gepriesenen amerikanischen Traum.
Seine Erzählungen sind in Bewegung, wobei sich Atmosphären und Blickwinkel innerhalb der Handlungen ständig ändern. Oft auch mehrmals. Ein Erzählungsband für die Ewigkeit.
Jörg Konrad

 
Denis Johnson
„Die Großzügigkeit der Meerjungfrau und andere Erzählungen“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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Sonntag 15.07.2018
Stanley Kubrick „Photographs. Through a Different Lens“
Stanley Kubrick hat in fünfeinhalb Jahrzehnten nur dreizehn Filme gedreht. Die jedoch haben es in sich. Ein Perfektionist, der die Kinokunst wie kaum ein anderer beeinflusste. Ob es die Erzählweise seiner Filme ist, die faszinierenden Bilderwelten, die Vermittlung psychologischer Konflikte und deren Folgen oder die Umsetzung großer Visionen – immer hat Kubrick Außergewöhnliches geliefert – ohne jemals auch nur einen Oscar als bester Regisseur zu erhalten. Dabei handelt es sich um Meisterwerke wie WEGE ZUM RUHM, SPARTACUS, 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM oder SHINNING. Wie entwickelt sich ein solches Genie, welches sind seine ersten künstlerischen Gehversuche, die ein solches Talent vielleicht erahnen lassen?
Im Taschen Verlag ist jetzt ein umfangreiches Werk erscheinen, das Kubrick von einer etwas anderen Seite zeigt. Denn bevor der 1928 in New York als Sohn einer jüdischen, aus dem österreichisch-ungarischen Galizien stammende Familie sich mit der Filmkunst beschäftigte, war er als Fotograf bei dem Magazin Look angestellt. Mit einer alten Kamera der Marke Graflex, die ihm einst sein Vater schenkte, begann er seine Arbeit auf den Straßen der Bronx. Vorbild war für ihn der ebenfalls aus Galizien stammende Arthur „Weegee“ Fellig, der sich in den beginnenden 1930er Jahren vor allem auf Verkehrsunfälle, Brandkatastrophen und Gewaltreportagen spezialisiert hatte. Kubrick war Autodidakt, hatte zugleich das perfekte Gespür für Bildkompositionen, für Schattierungen und die Wirkung von Fotos. Er fotografierte für „Look“ das Leben und seine Menschen. Und wenn ein Motiv, oder ein Gesichtsausdruck nicht ganz seinen Vorstellungen entsprach, dann hatte er Selbstbewusstsein genug, hier mit ein wenig „Regiearbeit“ nachzuhelfen. So entstanden in über fünf Jahren Tausende Bilder, von denen die besten in „Through a Different Lens“ wiederveröffentlicht sind.
Surreal wirkende Szenen aus der New Yorker U-Bahn, kapriziöses aus dem Freizeitpark, ausgelassene Kinder und runtergekommene Wohnviertel, Berühmtheiten mit den protzigen Insignien des Wohlstands und Bettler in dreckigen Straßenecken, gnadenlose Boxszenen und Broadway-Schnappschüsse Backstage. Nichts blieb vor Kubricks fotografischem Auge im New York jener Jahre sicher. Insofern lässt sich dieses künstlerische Werk schon als eine Art gesellschaftliches Porträt der Weltmetropole schlechthin verstehen, dem zugleich etwas schonungslos entlarvendem anhaftet. Die ausschließlich schwarz-weiß-Reportagen kommen in ihrer Abfolge Geschichten nahe, die von Erfolgen und Niederlagen, von Freuden des Lebens und Leid der Vergänglichkeit erzählen. Ähnlich dem, was Kubrick einige Jahre später als Regisseur abendfüllender Filme ablieferte. „Through a Different Lens“ - ein ebenso opulentes wie hinreißendes und anregendes Werk.
Jörg Konrad

Stanley Kubrick
„Photographs. Through a Different Lens“
Taschen Verlag

Abbildungen:

Stanley Kubrick, Montgomery Clift with fellow actor Kevin McCarthy from
“Montgomery Clift: Glamour Boy in Baggy Pants,” 1949
Copyright: ©SK Film Archives/Museum of the City of New York

Stanley Kubrick, from “Rosemary Williams - Showgirl,” 1948.
Copyright: ©SK Film Archives/Museum of the City of New York
Autor: Siehe Artikel
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Donnerstag 05.07.2018
Éric Vuillard „Die Tagesordnung“
Über die Zeit des Nationalsozialismus existiert eine Flut von Literatur - Sachbücher, Romane, Erzählungen -, und immer noch und immer wieder neu wird die Frage gestellt: Wie konnte es zu diesem schrecklichen Kapitel der deutschen Geschichte kommen?
Der französische Historiker, Filmemacher und Autor Éric Vuillard hat jetzt ein schmales Buch über den Nationalsozialismus geschrieben, das mit dem renommiertesten französischen Literaturpreis, dem "Prix Goncourt", ausgezeichnet wurde, und das 2018 in deutscher Übersetzung erschienen ist: "Die Tagesordnung".
Vuillard hat schon in seinen früheren Büchern - "Ballade vom Abendland", "Kongo" - eine ganz eigene und neue Herangehensweise an historische Ereignisse entwickelt. Er will "die hässlichen Lumpen der Geschichte" lupfen. Wie im Film konzentriert er sich auf einzelne Ereignisse der Geschichte, auf besonders aussagekräftige Bilder. So gelingt es ihm in wenigen, brillant imaginierten Szenen, die ersten Jahre der Nazidiktatur vor Kriegsausbruch schlaglichtartig zu beleuchten.
Das Buch beginnt mit dem geheimen Treffen zwischen den 24 wichtigsten deutschen Großindustriellen und Hermann Göring am 20. Februar 1933. Vuillard lässt sie vor unseren Augen aufmarschieren: Wilhelm von Opel, Gustav Krupp, Günther Quandt, Friedrich Flick und wie sie alle heißen. Figuren, in deren Familiengeschichte "die immer gleiche Abfolge von Ränken, klugen Eheschließungen und dubiosen Geschäften" zu Erfolg und Größe geführt hat. Die deutschen Wirtschaftsbosse lassen sich von Göring überzeugen und spenden enorme Summen für den bevorstehenden Wahlkampf der Nazis. Sie alle haben vom nachfolgenden Krieg profitiert, ihre Firmen gibt es bis heute, und für ihre Verbrechen während der Nazizeit sind sie kaum zur Rechenschaft gezogen worden.
"Die Tagesordnung" ist eine Mischung aus Sachbuch, Essay und Erzählung, und häufig streut Vuillard eigene Kommentare, Reflexionen und Wertungen ein. Er ist ein politisch engagierter Autor, der seine Leser zur Wachsamkeit aufrufen will, denn: "Wir sollten nicht glauben, dass all das einer fernen Vergangenheit angehört."
Im Jahr 1937 kommt es zu einer Begegnung von Lord Halifax, dem englischen Vertreter der Konservativen und späteren Außenminister, mit Hermann Göring. Dünkel, Arroganz und grundsätzliches Einverständnis mit Nationalismus und Rassismus lassen Lord Halifax die Augen vor Görings Unseriosität und Egomanie verschließen. Man fühlt sich an die letzten Präsidentenwahl in den USA erinnert, wenn es bei Vuillard heißt: "... bei Halifax fällt der Groschen nicht, er findet nichts Komisches an diesem exaltierten und extravaganten Typen."
Vuillards Blick auf die Geschichte dieser Zeit offenbart Versagen auf allen Seiten. In pointiert-satirischen Szenen, in einer detailreichen, farbigen Sprache, schildert er die Unbeholfenheit, Feigheit und Realitätsferne der Politiker Englands, Frankreichs und Österreichs, die sich von den Nazis hinters Licht führen lassen. Die Appeasement-Politik Englands und Frankreichs gipfelt 1938 im Münchner Abkkommen mit Deutschland. Auf die Unterredung des eingeschüchterten österrreichischen Bundeskanzlers Schuschnigg mit Hitler auf dem Berghof folgt die Annexion Österreichs. Dabei interessieren Vuillard besonders die platten Betrügereien und Winkelzüge der Nazis. So beschreibt er zum Beispiel die groteske Szene, wie der nächtliche Panzerstau vor der österreichischen Grenze durch die deutsche Propaganda in einen bejubelten Triumpfzug umgemünzt wird. Oder er gibt die gefakten Telefonate zwischen Göring und Ribbentrop wieder, durch die der ausländische Geheimdienst getäuscht werden soll.
Vuillard hat ein packendes Buch geschieben, das in klug ausgewählten Momenten die Mechanismen des Nationalsozialismus, den Opportunismus der Wirtschaft und die Schwäche des Auslands zeigt und deutlich macht, dass Geschichte nicht einfach Vergangenheit ist. "...man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise."
Lilly Munzinger, Gauting

Éric Vuillard
„Die Tagesordnung“
Matthes & Seitz

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Sonntag 17.06.2018
David Schalko „Schwere Knochen“
Autor und Filmer David Schalko, Macher der bitterbösen österreichischen Kultserien „Braunschlag“, „Altes Geld“ und von Filmen mit Josef Hader, wollte eigentlich auch den Stoff von „Schwere Knochen“ verfilmen und damit an die Serien anknüpfen. Vielleicht ist es ein Glück, dass sich das als zu aufwändig erwies, denn das hätte uns um ein großes Lesevergnügen gebracht.
Voller schwarzem Humor und bissigen Bemerkungen zu Österreich und seiner Rolle ab dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland 1938 bis nach dem Zweiten Weltkrieg, erzählt er die Geschichte von vier Kleinkriminellen, die erst durch ihre Zeit im KZ zu Schwerverbrechern wurden.
Leicht hatten es Ferdinand Krutzler, der „Halsstich-Spezialist“, der elf Mal wegen Notwehr freigesprochen wurde, und seine Ganoven-Freunde Sikora, ein Frauenheld, Praschek, der Metzger, und Wessely, der „Bleiche“, im Leben nie. Aufgewachsen im Prostituiertenmilieu Wiens sind sie, sowohl ihre Mütter als auch ihre späteren Frauen und Liebschaften mehr Verhängnis als Halt, ihre emotionalen Bindungen verkümmert.
Als „Erdberger Spedition“, wie sie ihre Tätigkeit als Einbrecher bezeichnen, rauben sie am Tag des „Anschlusses“ Österreichs 1938 die Wohnung des Nazi-Huber aus und das bringt sie gleich mal ins KZ Dachau, später Mauthausen. Schnell werden sie, die keine politischen Gefangenen oder rassisch Verfolgte sind, als Kriminelle dort zu Kapos und Handlangern der Aufseher und lernen, wie sie ohne jede Skrupel das Beste für sich herausholen. So geschult, gehen sie nach dem Krieg daran, sich Wien durch Kooperation mit den Vertretern der Alliierten Besatzer, unter dem Schutz des späteren Polizeipräsidenten und durch ein Geflecht aus Schmuggel, Prostitution und Schwarzmarkt, kombiniert mit gnadenloser Härte, untereinander aufzuteilen und untertan zu machen.
Bei all dem bleiben kein Auge trocken und wenige Beteiligte am Leben.
Menschen werden schlimmer als Tiere, Tiere werden zum Liebesobjekt wie die Äffin Honzo, die als Prostituierte abgerichtet ist. Chaotische Verhältnisse, krude Gestalten, verwirrende Beziehungen und gnadenlose Gewalt sorgen dafür, dass einem oftmals das Lachen im Halse stecken bleibt. Trotzdem hat der Autor Empathie für seine Gestalten und erzählt ihre eigentlich tragische Geschichte, die zum Teil auf historischen Ereignissen beruht, mit makabrem Humor wie eine schaurige Anekdote, die man am Tresen einer Bar zum Besten gibt.
Schalko erkennt in vielem, was damals passiert ist, die Basis für die heutige Politik und Gesellschaft und wirft einen bitterbösen, provokanten Blick auf sein Land.
Österreich, das sich als erstes Opfer der Nazis verstand, und seine Haltung zur eigenen Geschichte werden dabei schonungslos decouvriert. Krutzlers Haltung dazu: „...nichts sei ihm mehr zuwider, als diese Saubermänner, die mit ihrer Schmutzwäsche am meisten Dreck verursachen würden. In ihrem Waschzwang würden sie nicht verstehen, dass der Dreck unter den Fingernägeln genauso zum Menschen gehöre wie der Dreck auf der Seele. Perfektion und Korrektheit seien das Unmenschlichste überhaupt. Und für die österreichische Mentalität ohnehin volksfeindlich. Insofern hoffe der Krutzler, dass die Verhältnisse noch möglichst lange so schlampig blieben, wie sie seien.“ Der Verbrecher Krutzler hat durchaus auch eine philosophische Seite.
Dass Schalko dies mit unvergleichlichem Humor und treffender Ironie beschreibt, ist das Besondere an diesem Buch. Dabei ist es gar nicht immer leicht, die vielen Figuren dieser opulenten Ganovengeschichte präsent und die Zusammenhänge sofort vor Augen zu haben. Jeder einzelne Satz ist voller Anspielungen und Hintergründigkeiten, die Fülle der Ereignisse überwältigend.
Nichts für zarte Gemüter, köstlich zu lesen für alle anderen.

Thyra Kraemer

David Schalko
„Schwere Knochen“
Kiepenheuer und Witsch
Autor: Siehe Artikel
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Samstag 02.06.2018
Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers“
Um sie herum tobt das Verderben, zeigen sich Tod und Hass und Missbrauch. Die zwölfjährige Luisa lebt auf dem Land, als Flüchtling auf einem Gut, nur wenige Kilometer Luftlinie von ihrer Heimatstadt Kiel entfernt. Es ist das Jahr 1945, das Ende der Nazizeit steht vor der Tür, aber noch ist der Spuk nicht ganz vorbei. Die einen lärmen wider besseren Wissens mit Durchhalte-Parolen, die anderen leben in ständiger Angst vor denen, die im Anmarsch sind: Horden von vergewaltigenden Russen. Und manche versuchen diese unüberschaubare und ungeordnete Zeit für ihren ganz persönlichen Vorteil zu nutzen. Es ist nicht der richtige Platz und nicht die richtige Zeit, um erwachsen zu werden.
Luisa irrt in diesem Chaos Schutz suchend umher. An ihrer Seite: Die verzagte, lebensmüde Mutter, ein mit dubiosen Geschäften beschäftigter Vater, die allen erotischen Abenteuern offen gegenüber stehende Schwester, die Stiefschwester und ihr als SS-Hauptsturmführer linientreuer Ehemann. Einzig der Melker Walter, mit dem sie unter Aufbietung all ihrer körperlichen Kräfte, ein Kalb gebiert, gibt ihr etwas Halt und Hoffnung – und natürlich die Welt der Bücher. Luisa liest was sie in diesem Umfeld in die Finger bekommt. Sie ist von dieser Welt, wie Karl May sie in seinen Büchern beschreibt, ebenso fasziniert, wie von Theodor Fontane oder „Alice im Wunderland“. Hier findet sie Raum für ungelebte Fantasie, für ungeträumte Illusionen, für moralische Herausforderungen am Rande des Kriegs-Chaos. Und wie nebenbei mäandern Soldaten, Sträflinge und Kriegsgefangene durch die Handlung, dröhnen Bombergeschwader am Himmel, sind schwarze Rauchwolken über Kiel auszumachen.
Ralf Rothmann hat in seinem neuen Roman „Der Gott jenes Sommers“, der sich wie eine Fortsetzung seines Buches „Im Frühling sterben“ liest, das beginnende Kriegsende aus der Sicht eines Kindes geschrieben. Alles scheint in Bewegung, auf nichts ist Verlass. Das wichtigste, was Kinder brauchen, Vertrauen und Verlässlichkeit, fehlt. Alle sind auf der Flucht im Nirgendwo. Die Lebenskoordinaten der Menschen sind völlig durcheinander geraten, der Richtungskompass spielt verrückt. Rothmann beschreibt diese bedrohliche Situation des Umbruchs mit gewichtiger Empathie und psychologisch feinem Gespür. Der Schrecken dieser Zeit steckt im Detail des Erzählens, wird angedeutet, ergibt sich erst als die Summe des Erlebten ganz real. Und doch ist immer ein wenig Licht am Ende des Tunnels zu erkennen. Was nicht allein daran liegt, dass wir die Historie kennen. Dies ist auch dem feinen Humor geschuldet, den Rothmann einbringt, der nicht sarkastisch klingt – sondern sehr menschlich. Und nicht zuletzt dadurch bekommt dieser Text Größe und Charisma.
Jörg Konrad

Ralf Rothmann
„Der Gott jenes Sommers“
Suhrkamp
Autor: Siehe Artikel
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