Blickpunkt:
Literatur
Literatur
Inhaltsverzeichnis
Annie Proulx „Aus hartem Holz“ Luchterhand

7

KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Erich Kästner "Der Gang vor die Hunde" Atrium-Ver...

8

Thomas Struth „Thomas Struth“ Schirmer/Mosel

9

Ulrike Edschmid "Ein Mann, der fällt" Suhrkamp

10

KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Honore de Balzac „Verlorene IllusionenR...

11

Elisabeth Autissier „Herz auf Eis“ Mare Verlag

12

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Bilder
Montag 19.06.2017
Annie Proulx „Aus hartem Holz“ Luchterhand
Weymouthkiefern, Hemlocktannen, Eichen, Erlen, Eschen, Birken, Zedern, Lärchen – ein Kontinent, bestehend aus riesigen, schier endlos erscheinenden Wäldern ungezählter Bäume. Begrenzt vom Atlantik im Osten, vom Pazifik im Westen, vom Eis im hohen Alaska und den Wüsten im tiefen Süden. Der Roman „Aus hartem Holz“ beginnt im Jahr 1693, als die Menschen das verarmte und von Kriegen traumatisierte Europa in Scharen verlassen, um in der Neuen Welt ihr Glück zu finden. Und er endet 2013. Die Wälder sind schonungslos dezimiert, Ökoaktivisten kämpfen für jeden Quadratmeter Natur, um die Zerstörung aufzuhalten. Zugleich werden in den Regenwäldern Südamerikas die gleichen Verbrechen wie einst fortgesetzt
Auch Rene und Charles wandern Ende des 17. Jahrhunderts ins östliche Kanada aus und verdingen sich in Neufrankreich als Holzfäller. Ein Job, der die nächsten knapp 900 Seiten dieses Mammutwerks bestimmen wird. Es ist die Geschichte zweier Familie, die beide Männer gründen und von deren so unterschiedlichen Lebenswegen, die vom Umgang mit dem Rohstoff Holz, letztendlich ihrer Existenzgrundlage, bestimmt wird. Rene heiratet eine Indianerin und sie beide, wie auch all ihre Nachkommen leben in der Überzeugung, mit der Natur eine Einheit zu bilden. Charles hingegen sieht in den Wäldern die Möglichkeit einer industriellen Verwertung. Er und seine Familienangehörigen bauen ein Holzimperium auf, das auf maximalen Profit ausgerichtet ist und skrupellos die Natur ausbeutet.
Annie Proulx, die große amerikanische Autorin, hat über zehn Jahre für dieses Buch recherchiert. Und es ist ein großer, ein sprachgewaltiger Roman entstanden, der aufwühlt, verschreckt, wütend und nachdenklich zugleich macht. Im Mittelpunkt ihrer Mahnung steht allein der Wald! Dabei hat die Pulitzerpreisträgerin so ganz nebenher auch noch ein Sittengemälde der Menschheit der letzten dreihundert Jahre entworfen. Über ihr barbarisches Leben und ihr mannigfaches Sterben, über den unüberschaubaren Reichtum der Natur und deren Endlichkeit, über ihre Hoffnung auf Zukunft und über die Zerstörung jeglichen Glücks, über Seuchen und Naturkatastrophen, über Entdeckerlust und verquere Charaktere. Es handelt von Abhängigkeiten untereinander, von Rassismus, der Zerstörung alles zwischenmenschlichen und dem ersten zaghaften ökologischen Aufbegehren. Annie Proulx hat dem Wald ein literarisches Mahnmal gesetzt, das ebenso aufrührerisch wirkt, wie es sich spannend liest.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 13.06.2017
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Erich Kästner "Der Gang vor die Hunde" Atrium-Verlag
Als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz Bücher verfemter Autoren verbrannten, brannte auch Erich Kästners Buch „Fabian“. Der damals 32-jährige Autor, berühmt durch „Herz auf Taille“ und „Emil und die Detektive“, galt den Nazis als Vertreter einer dekadenten Asphaltliteratur.

In seinem Roman „Fabian“ erzählt Kästner von zwei jungen Männern, Fabian und Labude, die sich durch das Berlin der späten zwanziger Jahre treiben lassen, ein Berlin, in dem es „drunter und drüber“ geht. Die Reise führt durch die Berliner Unterwelt, durch Kneipen, Bordelle und Künstlerateliers. Es waren vor allem die freizügig-erotischen Szenen, die den Abscheu der nationalistischen Rechten erregten. Der „Völkische Beobachter“ nannte „Fabian“ einen „gedruckten Dreck“. Dabei war das Buch, das 1931 mit dem Titel „Fabian“ erschien, die bereinigte Fassung des Romans. Kästner hatte ursprünglich einen aussagekräftigeren Titel vorgesehen, und sein Verleger hatte ihn veranlasst, einige politisch und erotisch besonders riskante Stellen zu entschärfen. Die Passage „Der empörte Autobus“ in der Kästner besonders respektlos mit Berliner Nationaldenkmälern wie dem Brandenburger Tor umgeht, musste er ganz streichen, ebenso das Kapitel, in dem Fabian seinem Chef vorwirft, „seine Tippfräuleins über den Schreibtisch zu legen“.

Der Germanist und Kästnerforscher Sven Hanuschek hat es unternommen, die Originalfassung des Romans zu rekonstruieren. „Der Gang vor die Hunde“, so der von Kästner ursprünglich geplante Titel, ist erstmals 2013 und jetzt, im Jahr 2017, als Taschenbuch erschienen. Durch diese beeindruckende Wiederentdeckung hat man nun die Gelegenheit, Kästners bedeutenden Großstadtroman so zu lesen, „wie er vom Autor geplant und gemeint war“. Die politische Botschaft ist dieselbe, aber „Der Gang vor die Hunde“ ist noch frecher und frivoler als „Fabian“.

„Dieses Buch ist nichts für Konfirmanden, ganz gleich, wie alt sie sind“ schreibt Kästner in seinem „Nachwort für Sittenrichter“. Und doch betont er, dass es kein unmoralisches, sondern ein ausgesprochen moralisches Buch sei.Denn es geht ihm nicht um die „Moral der Zimmervermieterinnen“. Die erotische Verwirrung ist Teil einer allgemeinen Ratlosigkeit, Ausdruck des Lebenshungers angesichts einer drohenden Katastrophe.

In locker aneinandergereihten Episoden lässt der Autor seine beiden Protagonisten die späte Weimarer Republik erleben. Es ist die Zeit der großen Arbeitslosigkeit, der wirtschaftlichen und seelischen Depression und die Zeit der politischen Radikalisierung und menschlichen Verrohung. In einer derb-komischen Szene werden Fabian und Labude Zeugen eines Straßenkampfes zwischen einem Nationalsozialisten und einem Kommunisten, die sich gegenseitig in die Wade beziehungsweise ins Hinterteil schießen. Der Witz der Schilderung täuscht nicht darüber hinweg, mit welchem Pessimismus Kästner die politische Entwicklung beurteilt. „Wann gibt es wieder Krieg? Wann würde es wieder so weit sein?“ fragt sich Fabian. Die pazifistische und antimilitaristische Grundhaltung des Romans zeigt sich auch in dem großen Traum Fabians, der wie ein expressionistisches Gemälde von Otto Dix anmutet: „Aus den Dachluken und aus den Giebeln fielen Menschen in die Tiefe. Aus den Fenstern hingen Verwundete. Auf einer Giebelkante rangen zwei athletische Männer. Sie würgten und bissen einander, bis der eine taumelte und beide abstürzten. Man hörte den Aufschlag der hohlen Schädel...“

Fabian und Labude reagieren unterschiedlich auf ihre Zeit. Beide werden „Moralisten“ genannt. Doch Labude, der an einer Doktorarbeit über Lessing schreibt, möchte die Verhältnisse ändern. Er, der Idealist, kämpft für eine quasi-sozialistische Initiative der Jugend gegen den hemmungslosen Egoismus der Zeit. Fabian dagegen bleibt als skeptischer Beobachter auf Distanz zum Welttheater. Er glaubt nicht an die Verbesserung der Zustände, denn „was nützt das göttliche System, solange der Mensch ein Schwein ist?“ Fabian verliert zunehmend den Halt. Sein schlecht bezahlter Job als promovierter Germanist in einer Werbeagentur wird ihm gekündigt, da er sich seinem primitiv-dummen Chef nicht unterordnen will. Er muss erleben, dass Labude, sein einziger Freund, Selbstmord begeht. Und die Beziehung zu der Frau, die er liebt, scheitert. Sie geht mit einem Filmdirektor ins Bett, um ihre Karriere zu befördern. Der sachlich-lapidare und häufig schnoddrige Ton des Romans verbirgt und offenbart zugleich seine tiefe Melancholie.

Dr. Jakob Fabian, die Hauptfigur des Buches, trägt viele autobiographische Züge Kästners, und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Autor und seiner Romanfigur: Kästner teilt zwar dessen Leiden an den Zuständen der Zeit, aber er teilt nicht Fabians resignierte Haltung, die vor jeder Verantwortung zurückschreckt. Kästner will seine Leser wachrütteln, zum Nachdenken und Handeln auffordern. „Lernt schwimmen“ ruft er ihnen im letzten Kapitel seines Buchs zu. Fabian dagegen geht unter.

Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 07.06.2017
Thomas Struth „Thomas Struth“ Schirmer/Mosel
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
© Thomas Struth courtesy SchirmerMosel
Es sind Bilder von Straßenzügen aus Großstadtmetropolen, wie sie in keinem Touristenführer zu finden sein werden. Es sind Bilder aus Museen, in denen die gerahmten Kunstwerke eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Es sind gestellte Portraits, die trotz ihrer scheinbaren Sterilität ein breites Spektrum psychologischer Deutungen zulassen. Und es sind Bilder von technischen Monstrositäten, die in ihrer graphischen Wirkung schwindelnd machen und doch eine gewisse Emotionalität ausstrahlen. Thomas Struths Arbeiten faszinieren in ihrer Vielfalt und in einer fast grenzenlosen Möglichkeit ihrer Interpretation. Seine Person als Künstler erschließt sich erst durch sein Gesamtwerk, das jetzt, anlässlich einer Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, die noch bis zum 17. September zu sehen ist, in einem umfassenden Werk bei Schirmer/Mosel erschienen ist. Mit 420 Abbildungen auf 320 Seiten ist dies die bisher ausführlichste Publikation des international gefeierten Photo-Künstlers.
Thomas Struth hat für dieses Buch, als auch für die Münchner Ausstellung, seine Archive geöffnet, wodurch einige Arbeiten und kleinere Serien erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Durch diese Einblicke, die oft in Form von Skizzen, Tagebuchaufzeichnungen und Collagen vorliegen, wird so die immense Arbeit und Auseinandersetzung deutlich, mit der sich Struth den einzelnen Themen seiner Kunst gewidmet hat.
Geboren 1954 in Geldern am Niederrhein, beschäftigte sich Struth schon früh mit musischen Dingen. Er spielte Saxophon und Schlagzeug und studierte von 1973 bis 1980 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf Malerei bei Gerhard Richter und Fotografie bei Bernd Becher. Und vielleicht sind, abgesehen von unzähligen lebens- und arbeitsbedingten Erfahrungen und intensiven Beschäftigungen, dies die drei Hauptstützen seiner künstlerischen Arbeit, das Fundament all seines Tuns. „Ich bin in erster Linie jemand, der sich Fragen stellt und gerne Bilder macht. Das fing im Alter von zwölf, 13 Jahren an, wenn man typischerweise beginnt, über alles Mögliche nachzudenken: über die eigene Familiengeschichte, den öffentlichen Raum, Geschichte, zumal wenn man 1954 geboren ist wie ich. Dann ist da noch die Religion, der Glaube, die Zukunft und die Frage: Wofür will ich kämpfen?“, sagte er dem Tagesspiegel vor wenigen Jahren in einem Interview.
So sind im Laufe der Jahre Projekte entstanden, wie Unconscious Places, Portraits, Museum Photographs, Family Portraits, Pictures from Paradise, Audiences, Löwenzahnzimmer oder Nature & Politics, deren Antrieb im Grunde eine nie nachlassende Neugier, als auch der innere Drang sind, die Realität in einem bestimmten Blickwinkel zu betrachten. Und den bringt Thomas Struth im Abschluss eines Interviewgesprächs mit Okwui Enwezor, dem Direktor des Haus der Kunst, in diesem wunderbaren Katalogbuch wie folgt zum Ausdruck: „Mir ist aufgefallen, dass ich am Ende meiner E-Mails oder Briefe sehr oft „Umarmungen“ statt des üblichen „Alles Gute“ schreibe. Das gibt mir das Gefühl, dass …. wir sind doch menschlich, wir sollten nicht vergessen, dass wir auch ohne Technik einen Körper haben, dass wir warm sind.“
KultKomplott
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Samstag 27.05.2017
Ulrike Edschmid "Ein Mann, der fällt" Suhrkamp
Sie schreibe nur über das, was sie kenne, hat Ulrike Edschmid in Interviews zu ihren früheren Büchern gesagt. Hinter diesem nüchtern klingenden Statement verbergen sich allerdings Geschichten voller Wucht, Geschichten aus ihrem eigenen Leben, deren Dramatik sie in ruhigen, gut gewählten Bildern sichtbar macht, eindrucksvoll, aber ohne jeden emotionalen Trommelwirbel.
Schon in ihrem Roman „Das Verschwinden des Philip S.“ (2013) hat sie über ihre Studenten-Liebe zu Philip Werner Sauber, über ihr Leben mit ihm, seinen Weg vom Bürgersohn und Schöngeist zum Terroristen in der „Bewegung 2.Juni“ und ihren Verlust durch sein Verschwinden und seinen Tod geschrieben und dabei gezeigt wie sie unaufgeregt, aber mit großer Nähe vom Anderen erzählen kann. Gerade weil sie soviel Ruhe zulässt, treffen die Bilder, die sie wählt, ins Mark.
So nun auch in ihrem neuen Buch „Ein Mann, der fällt“, über ihr Leben mit ihrem heutigen Mann.1986 wollen sie ihr gemeinsames Leben in einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg beginnen, aber schon am Anfang ändert sich alles. Beim Renovieren der Wohnung stürzt er von der Leiter und aus dem jungen, sportlichen, vor Ideen sprudelnden Architekten wird schlagartig ein schwer versehrter Mann, der sich nach langen Krankenhausaufenthalten mühsam in sein Leben zurückzukämpfen versucht. Er ist ab dem sechsten Halswirbel querschnittgelähmt. Unter Qualen und Ängsten, nur mit Krücken erlangt er ein bisschen Bewegungsfähigkeit zurück. In kleinen, fast alltäglichen Geschehnissen zeigen sich die bitteren Seiten seines Schicksals, das sie mit ihm teilt, mit aller Härte. Von einem Augenblick zum anderen sind aus der ersehnten Gemeinsamkeit zwei verschiedene Leben entstanden, in denen sie beide immer wieder neu lernen müssen sich zu verstehen und aufeinander einzurichten.
Um sie herum im Haus, in Charlottenburg, in Berlin verändert sich im Laufe der folgenden Jahre alles in ständig steigendem Tempo. Menschen kommen und ziehen wieder weg, die Verhältnisse werden roher, dramatische Dinge geschehen. Es ist, als ob ihre zur Langsamkeit verdammte Welt in immer größerem Widerspruch zum Leben um sie herum steht – aber auch besteht. Zum Schluss sind sie die einzigen Bewohner des Hauses, die heute noch dort leben.
Gerade weil Edschmid auch hier wieder eine Meisterin der ruhigen, genauen Bilder ist, wird die Diskrepanz zwischen ihrem Leben und den Veränderungen der Welt um sie herum auch für die Leser deutlich spürbar. Es ist auch ein Blick auf das heutige Berlin.
Wie nah sie ihrem Lebensgefährten ist, zeigt sich in ihrer Erzählweise: immer wieder nimmt sie seinen Blickwinkel ein, geht auf sein Erleben der Situation mehr ein als auf ihr eigenes. Erst später beim Lesen fällt auf, dass sie noch nicht einmal seinen Namen nennt und er auch nicht direkt spricht, trotzdem aber zentrale Figur der Geschichte ist. Er ist derjenige, der gefallen ist, er fällt durch seine Behinderung immer wieder, aber er lernt auch sich immer wieder aufzurichten und sie mit ihm.
Sie klagt nicht, sie erzählt einfach, was passiert. Das genügt völlig – wenn man es so hervorragend kann wie sie.

Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Sonntag 21.05.2017
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Honore de Balzac „Verlorene Illusionen“ Hanser
Auf den ersten Seiten liest sich „Verlorene Illusionen“ wie ein Buch über die angehende und aufrichtige Freundschaft zweier junger Männer im Frankreich der 1820er Jahre. Doch im Laufe der Handlung entwickelt sich der Roman schon bald zu einem packenden, wie schonungslosen Zeitdokument der französischen Restaurationszeit, in dessen Mittelpunkt der engelsgleiche Aufstieg und der unvergleichliche Fall des Lucien Chardon stehen. Der Apothekersohn aus dem ländlichen Angoulême, knapp 500 Kilometer südwestlich von Paris gelegen, wird aufgrund seiner Intelligenz, seines Talents und seiner Anmut von der Damen-Welt der Provinzstadt protegiert und versucht mit deren Hilfe voller Zuversicht sein Glück als Poet in Paris jener Zeit. Dort wird er, anders als geplant, in kürzester Zeit zum Star in den Redaktionsstuben der größten Tageszeitungen. Mit seinen geistreichen und prosaischen Artikeln bestimmt er das kulturelle Leben der Seine-Metropole, wobei sein unglaublicher Erfolg fast zwangsläufig auch Neid und Missgunst auslösen. Es werden in der Folge schauderhafte Intrigen gesponnen, wobei sich Paris auch als ein menschlicher Moloch von Korruption und Unredlichkeit offenbart.
In diesem Umfeld skrupelloser Eitelkeiten beginnen Luciens einstigen Ideale massiv zu bröckeln. Der Traum, als bedeutender Dichter am geistigen Leben Frankreichs teilzuhaben, weicht immer stärker der Sucht nach persönlichem Reichtum und Wohlstand. Er wird, teilweise unfreiwillig und aufgrund seiner Naivität, ein Teil der scheinheiligen Gesellschaft. So endet nicht zuletzt aufgrund dieser Charakterschwäche seine große Liebe zu der Schauspielerin Coralie tragisch und er selbst wird das Opfer der eigenen Gier, aber auch von Hass und Rache. In schwindelerregend kurzer Zeit stürzt Lucien als „Unperson“ in den gesellschaftlichen Abgrund und in die daraus folgende außergewöhnliche materielle Not.
Geschunden und verarmt versucht er sich zurück in die Provinz zu retten, wo er auf die Hilfe des einst so sträflich vernachlässigten Freundes David und dessen Ehefrau Eve, Luciens Schwester, hofft, ahnend, dass er mit seinem Verhalten im fernen Paris auch die beiden ins persönliche Unglück gestürzt haben könnte. Doch in seiner Heimatstadt setzt sich die Katastrophe fort.
Balzac erzählt diese tragische Geschichte in epischer Ausführlichkeit, wobei ihm das Kunststück gelingt, über die kompletten achthundert Seiten die Spannung des Geschehens hochzuhalten, was mit Sicherheit auch an der großartigen Übersetzungsarbeit von Melanie Walz liegt. Auch schwierige Sachverhalte und ausufernde Sätze bringt sie in eine verständliche und schlanke Form.
Balzac lässt sich Zeit, die einzelnen Charaktere zu formen, die verschiedenen, ineinandergreifenden Handlungsstränge logisch aufzubauen und fortzuschreiben und so eine bemerkenswerte Nähe zwischen den Figuren und dem Leser zu schaffen. Er lässt die Personen, denen nichts menschliches fremd ist, mit spürbarer Lust aufeinanderprallen, beschreibt deren Beziehungen untereinander mit einem scharfsinnigen psychologischen Einfühlungsvermögen. Zudem gibt Balzac über viele Belange des damaligen Lebens genaue Auskunft. Er schafft mit einer unglaublichen Recherchearbeit, egal ob es sich dabei um die damaligen Drucktechniken, um die Herstellung von Papier oder die gesetzlichen Rechtsbestimmungen handelt, ein zeithistorisches Fundament, auf dem er seine Handlung platziert und so den Spielraum für seine leidenschaftlichen Individuen schafft.
„Verlorene Illusionen“ ist einer von jenen 91(!) Romanen und Erzählungen, die Balzac unter dem Titel "Comédie Humaine" (Menschliche Komödie) veröffentlichte und in der er die französische Gesellschaft in der Zeit der konservativ-monarchistischen Restauration darzustellen versuchte. In diesem Mammutprojekt tauchten Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und aus allen nur Möglichen Berufsständen auf. Balzac widmet sich ihnen und ihrem Leben voller Hingabe und mit großem Wissen. Übrigens gründete Balzac 1838 gemeinsam mit Victor Hugo, Alexandre Dumas und George Sand den ersten französischen Schriftstellerverband.
KultKomplott

Zum weiterlesen:
Honore de Balzac „Glanz und Elend der Kurtisanen“ (Fortsetzung von „Verlorene Illusionen“)
Stefan Zweig „Balzac. Eine Biographie“
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Freitag 12.05.2017
Elisabeth Autissier „Herz auf Eis“ Mare Verlag
Louise und Ludovic sind zu einer Weltumsegelung  aufgebrochen. Die beiden haben sich ein gutes Jahr vorher während einer Zugfahrt kennengelernt. Die eher unscheinbare Louise, die seit dem Abschluss ihres Jurastudiums in einem Pariser Finanzamt arbeitet, genießt die Aufmerksamkeit des gutaussehenden ,meist unbekümmerten und lebensfrohen Eventmanagers. Ludovic  wiederum ist fasziniert von Louises Bergsteiger-Passion , ihrer Ausdauer und Zähigkeit. Er ist auch derjenige, der Louise von seiner Idee einer gemeinsamen Weltumsegelung überzeugt:  Ein Sabbatjahr zum Ausbrechen aus dem Alltag, Abenteuer und viel Zeit füreinander sind die Argumente die Louise ihre Bedenken beiseiteschieben lassen. Die beiden beginnen mit der Planung , kaufen ein Segelboot und brechen dann zu ihrem Atlantiktörn auf.
Bald sind sie ein eingespieltes Team und erleben eine wunderbare Zeit, lassen sich treiben von den Antillen über Patagonien nach Südafrika. Ihr nächstes Ziel ist eine unbewohnte Insel im Südpolarmeer in der Nähe von Cap Horn. Obwohl das Betreten der Insel eigentlich nicht erlaubt ist, wollen sie für eine Nacht dort ankern und den grandiosen Gletscher  besteigen. Sie befinden sich auf dem Weg zum Gipfel, als ein Unwetter aufzieht und sie zur Umkehr zwingt. Da der Sturm so stark ist, dass sie mit ihrem Beiboot nicht mehr ablegen können, verbringen sie die Nacht in einer alten stillgelegten Walfangstation.  Alles ist vermodert und stinkt, aber für eine Nacht zumindest ein Schutz vor Sturm und Regen. Als sie am nächsten Morgen zu ihrem Segelboot zurückwollen, hat der Sturm die Ankerkette gelöst und das Boot ist verschwunden.
Atemberaubend, wie Isabelle Autissier die Ereignisse der nun folgenden Tage und Wochen beschreibt!
Die beiden Gestrandeten  realisieren von Tag zu Tag mehr, dass sie ganz alleine auf sich gestellt sind, keine baldige Rettung zu erwarten ist. Der Kampf gegen Kälte, Hunger und Einsamkeit, der in unserer heutigen westlichen Welt so unvorstellbar wie nie zuvor ist, beginnt für sie und wird für den Leser minutiös erlebbar. 
Grandios gelingt es der Autorin dabei aber auch, die innere Perspektive der beiden Protagonisten zu schildern. Dieses Feuerwerk an Gefühlen und Emotionen, Wut, Aggression aber auch gegenseitige Fürsorge und engste Bindung beschreibt sie überaus  sensibel und authentisch.
Wohin dies alles führt, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Man käme um ein lohnendes Leseerlebnis, das  viel mehr ist als eine Abenteuergeschichte.
Elisabeth Autissier ist nicht nur eine sprachgewandte und stilsichere Autorin, sie weiß auch ganz genau wovon sie schreibt.  Die Französin  gehört  zu den besten Seglerinnen der Welt und kennt das Südpolarmeer  sehr gut. Als erster Frau gelang ihr 1991 im Rahmen der „BOC Challenge“  die Weltumseglung. Das verleiht ihrer Geschichte eine einzigartige Authentizität.
Martina Hirsch
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.