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Inhaltsverzeichnis
Gregor Hens "Missouri"

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Jörg Fauser „Rohstoff“

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Norman Mailer „Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11R...

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Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“

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Pierre Lemaitre „Die Farben des Feuers“

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Siri Hustvedt „Damals“

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Samstag 06.07.2019
Gregor Hens "Missouri"
Amerika – es ist noch gar nicht so lange her, da hatte es noch einen verheißungsvollen Klang, war Sehnsuchtsort vieler, vor allem junger Menschen, versprach Neuanfang und Freiheit. Auch in dem Roman „Missouri“, dem neuen Buch von Gregor Hens, macht sich der Protagonist, der junge Karl, Ende der 1980er Jahre nach Amerika auf. Er will die lieblose Enge seiner Jugend in einem katholischen Internat am Niederrhein hinter sich lassen, um sich neu zu erfinden. In Columbia, Missouri, nimmt er eine Stelle als Asisstant Teacher an, und als er nach dem langen Flug aus dem Flugzeug steigt, wäre er „am liebsten auf die Knie gefallen, um den heißen Asphalt zu küssen“.
Der Roman trägt autobiographische Züge. Gregor Hens,1965 in Köln geboren, hat eine enge Bindung an Amerika. Er ging selbst mit 23 Jahren in die USA und lehrte dort an mehreren Universitäten Deutsch, Literatur- und Sprachwissenschaft. Heute lebt er als Autor und Übersetzer in Berlin.
Es gibt in der Literatur zahlreiche Beispiele, die Amerika als Ziel- und Fluchtpunkt zum Thema haben, und Gregor Hens stellt sich ganz bewusst in ihre Tradition. Der Name Karl ist zum Beispiel eine Referenz an Kafkas Roman „Amerika“, und es finden sich viele Hinweise auf Vladimir Nabokov, der ja als russischer Exilant eine neue Heimat in Amerika gefunden hatte.
„Missouri“ ist ein vielschichtiger Roman, der sich auf mehreren Ebenen lesen lässt, zugleich Zeit-, Entwicklungsroman und Liebesgeschichte. Als Karl, die Hauptfigur, in Columbia seine Stelle an der Universität antritt, lernt er eine neue Welt kennen. Er schließt Freundschaften und findet Kontakt zu einer Gruppe junger Leute, die sich für Frieden und Umweltschutz einsetzen, einer Bewegung, die schon in den 1970er Jahren in den USA stark wurde.
Die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen hat er so in Deutschland nie erlebt. Und er verliebt sich in Stella, eine Studentin aus seinem Seminar. Stella – allein schon ihr Name deutet eine Verbindung zu einer anderen Dimension an. Sie hat ein Geheimnis, eine außerordentliche Gabe: Sie kann schweben. In Zuständen großen Glücks überwindet sie die Schwerkraft und schwebt einige Zentimeter über dem Boden. Dieser phantastisch-magische Einfall des Autors funktioniert als Bild einer eigenen Art von Freiheit und Verbundenheit mit dem „tiefen Geheimnis der Welt“ und wird im Buch nie ganz aufgelöst oder rational erklärt. Stellas Fähigkeit zur Levitation stürzt Karl in größte Verwirrung, und es ist für ihn nun unmöglich, zu einem  schlichten naturwissenschaftlichen Weltbild, das durch die Gesetze von Ursache und Wirkung bestimmt ist, zurückzukehren. Und doch gleitet der Roman nie in bloße Esoterik ab. Karl befasst sich auf der Suche nach Wahrheit weiter mit Sprachwissenschaft, mit Astronomie und Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber immer bereit, alte Überzeugungen zu überprüfen und zu verwerfen. So berührt der Roman philosophische Fragen, ohne sie beantworten zu können oder zu wollen.
Auch auf politischer Ebene geraten im Jahr 1989 alte Strukturen ins Wanken, tun sich unverhofft neue Möglichkeiten auf. Die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland fällt, ein Ereignis, mit dem Karl und seine Freunde in Deutschland nie gerechnet hätten und auf das sie mit einer Mischung aus Hoffnung und Skepsis reagieren.
Karl zieht es nicht zurück nach Deutschland, in das Land, das er als dunkel und kalt erlebt hat. Für ihn wird der amerikanische Westen zum Schauplatz eines Lebens, wie er es sich erträumt hat. Einen Sommer lang reist er mit Stella durch die Weite der amerikanischen Landschaft. „Unsere Gedanken drehten sich umeinander, und alles, was der Fliehkraft und Schwerkraft unterlag, befand sich in einem nahezu perfekten Verhältnis zueinander.“
Doch auch in der Liebe zwischen Karl und Stella gibt es keine Gewissheit. Die Begegnung mit Stellas faszinierender Mutter, die ihn provoziert und lockt, wirft Karl aus der Bahn. Es ist ein uralter Topos, den wir schon aus Märchen kennen: die Eifersucht einer Mutter auf die Schönheit und Jugend ihrer Tochter. Und natürlich erinnert man sich auch an die Dreiecksbeziehung in dem amerikanischen Film „Die Reifeprüfung“. Hier ist die Geschichte neu und mit großer psychologischer Genauigkeit und Einfühlung erzählt.
In einem Interview drückt Gregor Hens seine Bewunderung für die Unaufgeregtheit der englischen Sprache und Literatur aus. Auch er selbst schreibt in einem wunderbar klaren und unaufgeregten, wie schwebenden Ton. Karl spricht im Buch einmal über Romane, die den Leser in eine andere Welt versetzen. „Die fiktive Welt ist eine alternative Welt, eine Art Gegenwelt. Wir können gar nicht genug kriegen von diesen Gegenwelten.“ Auch „Missouri“ ist so ein Roman, von dem man gar nicht genug kriegen kann, 

Lilly Munzinger, Gauting

Gregor Hens
"Missouri"
Aufbau-Verlag

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Samstag 22.06.2019
Jörg Fauser „Rohstoff“
Jörg Fauser reflektiert in seinen Büchern, wie kaum ein anderer Schriftsteller, die bundesrepublikanische Lebenswirklichkeit. Realistisch, kritisch, humorvoll. Ähnlich schrieb nur ein anderer (noch dazu Frankfurter) Autor, nämlich der im letzten Jahr verstorbene Willem Genazino.
Aber natürlich ist Fausers (Welt-)Sicht eine völlig andere, konzentriert er sich auf eigene Themen, bewegt er sich von einem gänzlich anderen Ausgangspunkt kommend hinein ins Leben. Sein Blickwinkel ist der eines Abhängigen, eines Menschen, für den die Abstürze in die Katakomben der Unterwelt zum Alltag gehören. Doch trotz Sucht und Substanzverlangen erkennt Fauser immer die Realität, erfasst er das Wesentliche der Gesellschaft und vor allem, er besitzt einen zugegeben manchmal recht derben, aber immer zum Übermut neigenden, unterhaltsamen Mutterwitz.
Anlässlich seines 75. Geburtstages, Jörg Fauser ist 1987 in der Nähe von München zu Fuß auf der Autobahn gehend nur 47jährig ums Leben gekommen, verlegt Diogenes einen Teil seiner literarischen Schriften neu.
Rohstoff“ ist Fausers autobiographischster Roman. Ein Text, der völlig schnörkellos und ohne intellektuelle Spitzfindigkeiten Leben beschreibt. Fausers Leben als Harry Gelb. Gelb erzählt in der ersten Person rasant, direkt, schlagfertig und voller Ironie über seine Zeit in Istanbul, in der sich fast alles um das Beschaffen von Opium dreht; über seine Zeit in den Berliner Kommunen der späten 1960er Jahre; über das Leben im provinziellen Göttingen und seine sturzbetrunkenen Zeiten im Frankfurter Millieu. Er verdient sein Geld mit ersten Texten für die Zeitschrift Twen (hat hier die Ehre sein großes Menschenvorbild William S. Borroughs zu interviewen), arbeitet als Packer auf dem Flughafen, als Nachtwächter in einer Sicherheitsfirma und versucht über Jahre und mit Nachdruck seinen ersten Roman „Stamboul Blues“ in einem Verlag unterzubringen. Denn die eigentliche Sucht des Harry Geld alias Jörg Fauser, scheint die des Schreibens. Hält man sich vor Augen, dass die Droge letztendlich für das Ausfüllen einer gewissen inneren Leere steht, ist die Sucht bei Fauser immer dann am stärksten, wenn er eben nicht schreibt.
Dabei streift er neben den persönlichen Befindlichkeiten, die natürlich ständig wechseln und immer ein wenig illusionslos daherkommen, alles, was in jener Zeit gesellschaftlich von Interesse war. Aber er beschreibt und doziert nicht. Er hat diese immer ein wenig flüchtige Art zu schreiben, wie man sie von Jack Kerouacs „On The Road“ her kennt. Manchmal scheinen in dieser Freiheits-Prosa eines im Grunde Anarchisten sämtliche Satzeichen überflüssig. Denn Harry Geld ist in ständiger Unruhe, ist unterwegs, hat neben all den Beschaffungsschwierigkeiten eigene, manchmal vogelwilde Ideen umzusetzen, wie die als Herausgeber einer Undergrund-Zeitschrift, mit Namen ZERO: „Wir müssen ein bisschen Action drin haben“, sagte ich zu Bramstein, dem einzigen Germanistikstudenten, dem ich eine Chance als freier Mitarbeiter gegeben habe. Er war zwar auch bleich und lemurenhaft mit seinen langen strohigen Haaren und schrieb natürlich jede Menge Gedichte, aber er hatte ein Auto, eine Freundin mit frechen Titten, einen gesunden Durst und stammte aus der Pfalz. Pfälzer waren in der Regel nicht ganz so verrückt wie Oberfranken, Allgäuer, Dithmarscher oder Leute aus Offenbach.“
„Rohstoff“ ist eine wunderbare „Einstiegsdroge“ in das literarische Schaffen des Jörg Fauser. Wer diesen Roman liest, ob erstmalig oder nach langer Zeit wiederholt, bekommt mit Sicherheit Lust auf mehr, von einem der interessantesten und waghalsigsten deutschen Autoren. Fauser schrieb, wie Michel Decar in der SZ meinte, „Eine Literatur, die nur das sein Wollte, was da stand, nichts anderes.“
Jörg Konrad

Jörg Fauser
„Rohstoff“
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Montag 10.06.2019
Norman Mailer „Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11“
Die Oberfläche ist fein und pulverig. Ich kann sie leicht mit meiner Fußspitze aufwirbeln . . . Ich sinke nur Millimeter ein, aber ich kann meine Fußstapfen sehen . . . und die feinen sandigen Teilchen.“
Flugleitung: „Neil, hier Houston, wir schneiden mit.“

Armstrong: „Es scheint nicht schwer zu sein, sich hier herumzubewegen, es ist vielleicht sogar einfacher als . . . im Simulator auf dem Boden. Kein Problem herumzugehen. Übrigens, das Abstiegstriebwerk hat nicht den geringsten Krater hinterlassen. Es hat etwa einen Fuß Bodenfreiheit. Wir sind mehr oder weniger auf einem ebenen Platz hier. Jetzt sehe ich doch Rückstände vom Abstiegstriebwerk, aber nur sehr geringfügige.“
Dies sind Ausschnitte aus dem Funkprotokoll zwischen dem gerade die Mondoberfläche betretenden Neil Armstrong und der Flugkontrolle in Houston/Texas, aufgezeichnet am frühen Morgen des 21. Juli 1969. Sechs Stunden zuvor war mit Apollo 11 das erste bemannte Raumschiff auf dem Erdtrabanten gelandet.
Norman Mailer, der große amerikanische Autor, bekannt geworden neben seinen Romanen durch literarische Reportagen, erhielt damals von der Zeitschrift LIFE den Auftrag, über den Flug zum Mond in einem dreiteiligen Essay zu berichten. Sein Honorar soll angeblich eine Millionen Dollar betragen haben.
1970 hat Mailer die Essays intensiv überarbeitet und als Buch herausgegeben. "Moonfire" ist einer der spannendsten Texte über eines der größten technischen Abenteuer der Menschheit.
Nun, nach genau einem halben Jahrhundert, hat der TASCHEN Verlag dieses brillante Porträt als Jubiläumsausgabe neu herausgebracht. Es enthält hunderte bisher unveröffentlichte Fotos aus den NASA-Archiven, führende Apollo-11-Experten erzählen die Geschichten hinter den Fotos und erläutern technische Details.
Colum McCann beschreibt im Vorwort, worin die Kunst Norman Mailers lag. „Er wollte aus seinem eigenen Körper in eine Symphonie vorgestellter Körper eintreten ….. Er schlüpfte in ihre Haut, mit allen Warzen, und dann schlüpfte er wieder hinaus und war davon …... Er begab sich in neue Zeiten und Landschaften und verlor sich darin.“
Ohne dabei jedoch den Überblick zu verlieren. Akribisch trägt er alle Fakten zusammen, betrachtet die „Psychologie der Astronauten“, beschreibt prosaisch Menschheitsträume und komplizierteste technische Zusammenhänge. Gleichzeitig fächert er das politische Klima jener Jahre auf, spart dabei nicht an Kritik und er stellt Fragen: „Aber war das Apollo-11-Unternehmen der nobelste Ausdruck eines technischen Zeitalters oder der beste Beweis seines kompletten Wahnsinns?“
Mailer kann treffsicher formulieren, großartig polemisieren und frech provozieren, wenn er zum Beispiel über die Techniker schreibt, die „eine merkwürdige Mischung aus hohem Fachwissen und fast völligem Schwachsinn“ darstellen. Er bringt moralische Aspekte ins Spiel, beleuchtet das Spektakel jener Jahre unter den Gesichtspunkten der Industrialisierung, der Wunderwelt der Automation und ist bei aller Komplexität in der Lage, eine reißerische Spannung zu erzeugen.
Dieses brillante Buch kommt einer überwältigenden Zeitreise nahe. Anspruchsvoll, geistreich, unterhaltend.
Jörg Konrad

Norman Mailer
„Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11“
Taschen
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Montag 27.05.2019
Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“
Ein Roman, ein Soziogramm, eine Liebeserklärung an eine Stadt? Von allem ein bisschen und  alles zusammen ein wunderbares neues Buch von Daniela Krien.
Fünf Frauen, ihre Beziehungen und Familien, ihr Leben beleuchtet sie in „Die Liebe im Ernstfall“.
Sie alle gehören, wie die Autorin selbst, zur Nachwende-Generation der mittlerweile Enddreißiger im heutigen Leipzig. Sie alle gehen in der Buchhandlung, in der Paula arbeitet, ein und aus, sind Patientinnen von Judith und wie durch ein loses Band sind ihre Lebensumstände oder Partnerschaften alle miteinander verbunden, ohne dass es eine durchgängige gemeinsame Geschichte gibt. Was sie vor allem eint ist, dass sie versuchen ihre Vorstellungen von Beziehung, Familie, Beruf in Einklang zu bringen.
Die Autorin nimmt abwechselnd den Blickwinkel von der Buchhändlerin Paula, der Ärztin Judith, der Schriftstellerin Brida, der Musikerin Malika und der Schauspielerin Jorinde ein und erzählt, wie sie mit den Katastrophen und Freuden ihres Lebens und ihres Alltags umgehen und wie jede auf der Suche nach einer guten Lösung für ihre Fragen ist. Sie sind zwar freier geworden als die Generation vor ihnen, von dem Zwang, gravierende Entscheidungen treffen zu müssen, sind sie aber nicht frei.
Ihre Lebensentwürfe entledigen sich dabei vieler Illusionen, desillusioniert sind die Frauen jedoch nicht. Auch wenn ihr Versuch, es allen recht zu machen misslingt, finden sie alle ihre ganz eigene Form ihr Leben zu gestalten.
Und immer geht es zentral um die Liebe – sie bewährt sich eben erst im Ernstfall und oft scheitert sie auch. Kriens Frauen wagen etwas um in Beziehungen zu gehen und sind dabei oft wesentlich mutiger als die Männer, lassen sich nicht verbiegen. Sie gehen entschlossen ihren eigenen Weg und in neue Formen des Zusammenlebens wie zum Beispiel die Schwestern Malika und Jorinde, die gemeinsam ihre Kinder großziehen.
Alle Frauen sind mit einem genauen Blick auf ihre Gefühle und Eigenarten gezeichnet und es liegt die Vermutung nahe, dass die eine oder andere Erfahrung oder Geschichte aus der Umgebung der Autorin in ihre Figuren eingeflossen ist, auch wenn sie nicht einen eindeutigen autobiografischen Hintergrund haben.
Als Leser lernen wir aber auch die unterschiedlichsten Typen von Männern kennen, vom überzeugten, regelrecht fanatischen Öko-Verfechter wie Ludger, Paulas erstem Mann, bis zum enttäuschten Intellektuellen der vergangenen DDR-Gesellschaft, der die Veränderungen nach der Wende kritisch erlebt und beleuchtet wie Malikas und Jorindes Vater Helmuth. Auch die Männer, die die Ärztin Judith in einem Dating-Portal kennenlernt, könnten unterschiedlicher kaum sein und spiegeln die spannende Mischung einer Generation in dem nach der Wende neu aufgeblühten Leipzig.

Apropos Leipzig. Krien, selbst aus Mecklenburg-Vorpommern, mag diese Stadt, in der sie selbst mit ihren Kindern lebt, seit sie dort studiert hat. Das ist allenthalben spürbar, wenn sich ihre Figuren durch die Stadt bewegen, im Clarapark auf eine Verabredung warten oder es im Auwald nach Bärlauch riecht und die Mauersegler kreischend ihre abenteuerlichen Flugkünste zeigen. Wer Leipzig ein bisschen kennt, wird sofort vertraute Bilder vor Augen haben und die typische Atmosphäre spüren – ein kleines und fein gelungenes Extra dieses Buches.
Im Gegensatz zu ihren 2014 erschienenen Erzählungen „Muldental“, in denen es um Menschen und ihr Leben in Ostdeutschland nach der Wende ging,  scheinen es die Frauen in Kriens neuem Buch zwar auch nicht immer leicht zu haben, aber lebenswerte Perspektiven entwickeln zu können.
Auf dem Cover steht eine Frau an der Kante eines Sprungbrettes und schaut in die Tiefe, über ihr der blaue Sommerhimmel. Sie wirkt bedächtig, aber nicht verzagt und scheint sich auf einen kommenden Sprung zu konzentrieren, es wagen zu wollen.
Das Bild von Eric Zener heißt „Faith“ – Vertrauen. Gut gewählt.
Thyra Kraemer


Daniela Krien
„Die Liebe im Ernstfall“
Diogenes
Autor: Siehe Artikel
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Mittwoch 15.05.2019
Pierre Lemaitre „Die Farben des Feuers“
Pierre Lemaitre liebt den Plot. Oder besser formuliert: Der französische Autor hat mit „Wir sehen uns dort oben“ schon einmal eine mitreißende Geschichte erzählt, in der (eiskalte) Berechnung und (konsequente) Rache die Handlung (erbarmungslos) vorantreiben. Vor sechs Jahren ein Megarfolg. Auf den Film, der in Frankreich schon 2017 anlief, warten die Leser hier in Deutschland bisher leider vergebens.
Nun also „Die Farben des Feuers“, der neue Roman des 1951 geborenen Lemaitre. Zählt man die Dinge auf, um die es in diesem Buch geht, könnte man schnell zu dem Schluss gelangen, die fast fünfhundert Seiten seien zu vollgepackt mit zu vielen Themen: Die unheilvolle Insolvenz eines Bankhauses, die damit im Zusammenhang stehenden sozialen Abstürze, menschliche Enttäuschungen, käufliche Politiker, betrügerische Karrieren, Kindesmissbrauch, Suicidversuche, verlässliche Freundschaften. Ein Panoptikum tragischer Helden und arglistiger Schurken in Zeiten des aufkeimenden Faschismus am Vorabend des 2. Weltkrieges.
Zusammengehalten werden die äußeren Eckpunkte dieser mitreißenden Geschichte durch einen geschickt eingefädelten Rachefeldzug, der fast kaltblütig durchgezogen wird und zumindest eine kleine, aus den Fugen geratene Welt wieder auf die Füße stellt.
Lemaitre gelingt es wunderbar, die einzelnen sehr unterschiedlichen Charaktere, die das Buch bevölkern, zu beschreiben, sie zu entwickeln, mit ihnen die Ereignisse voranzutreiben. Die einst sehr wohlhabende und dann verarmte Inhaberin der Pericourt Bank Madeleine und ihr querschnittsgelähmter Sohn Paul, samt dessen Freundin, der Operndiva Solange. Gustav Jourbet, einstiger Prokurist der Pericourt Bank und betrügerischer Unternehmer, der Privatdetektiv Monsieur Dupre, der Schriftsteller und Journalist Andre, das polnische Kindermädchen Vladi, das niemand (auch der Leser nicht) versteht und viele andere. Wie ein Spinne häckelt Lemaitre langsam aber entschlossen das Netz der Handlung, verknotet alle Schicksale geschickt miteinander, webt den Zeitgeist spürbar mit ein und macht aus dem Roman zugleich ein Sittengemälde. Ja, er schreckt nicht einmal davor zurück, einen Faden aus seinem besagten vorletzten Buch „Wir sehen uns dort oben“ mit ein wenig Ironie aufzunehmen und auszubauen. Das verwundert auch nicht. Denn beide Bücher sind die ersten zwei Teile eine Trilogie, die Lemaitre über die Zeit zwischen den Weltkriegen plant.
Dabei glänzt Lemaitre mit einer beeindruckenden, heute nicht selbstverständlichen Haltung und die gipfelt, trotz aller menschlichen Verwerfungen, letztendlich in seinem Bekenntniss zum Sieg der (Mit-) Menschlichkeit.
Zugleich schafft es der Autor, dass sich Unterhaltung, Spannung und Anspruch auch in diesem Buch auf Augenhöhe begegnen. Er schreibt flüssig, detailliert und individuell. Ein wenig erinnert Pierre Lemaitre in der Art des Aufbaus, der Dramaturgie seiner Geschichten und der Zeit, in der diese spielen, an den großen, heute, wie es scheint zu Unrecht, fast vergessenen Erich Maria Remarque.
Jörg Konrad

Pierre Lemaitre
„Die Farben des Feuers“
Klett-Cotta
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Dienstag 23.04.2019
Siri Hustvedt „Damals“
Autobiographisches Erzählen liegt schon lange und immer noch im Trend. Die Selbsterforschung einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers trifft auf den Wirklichkeitshunger des lesenden Publikums. In den letzten Monaten sind in deutscher Übersetzung zwei Romane zweier bedeutender Autorinnen erschienen, die von ihrer Thematik her sehr vergleichbar sind: „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux und „Damals“ von Siri Hustvedt. In beiden Büchern blickt eine ältere Schriftstellerin zurück auf ihre Vergangenheit, auf die Zeit, als sie sich als junge Frau aus der Provinz ins Leben stürzte und erste sexuelle Erfahrungen machte. Erfahrungen, die demütigend und traumatisierend waren.
Doch während Annie Ernaux mit unerbittlicher Stringenz und unbestechlichem Blick der Wahrheit ihrer eigenen Geschichte auf der Spur bleibt, geht Siri Hustvedt sehr viel spielerischer mit ihrem Stoff um: „Ich habe schon immer geglaubt, dass Erinnern und Phantasieren ineinander übergehen“. Nicht alle Details entsprechen Realitäten in Siri Hustvedts Leben – so ist die „S. H.“ im Buch zum Beispiel mit Walter, einem rothaarigen Physiker verheiratet, und nicht mit dem berühmten Schriftsteller Paul Auster. Und doch ist „Damals“ wohl einer ihrer persönlichsten Romane.
Die junge Autorin, die einen Bachelor in Philosophie und Englisch hat und eine besessene Leserin ist, zieht als 23-Jährige in das dreckige, gefährliche, aufregende New York der späten 70er Jahre „um zu leben, zu leiden und ihren Kriminalroman zu schreiben“. Minnesota, wie sie ihrer Herkunft wegen genannt wird, taucht ein ins Partyleben, in die Schriftsteller- und Intellektuellenszene New Yorks, sie hungert und sie schließt Freundschaften. In ihrem billigen Apartment hört sie durch die dünnen Wände die Lebensäußerungen ihrer unsichtbaren Nachbarin Lucy Brite. Zunehmend fasziniert und verstört belauscht sie, mit dem alten Stethoskop ihres Vaters an der Wand liegend, die Gesänge und Selbstgespräche, in denen es um ein totes Kind, um Gewalt und Mord geht. Sie spürt, dass die Angst und der Schmerz dieser fremden Frau irgendwie auch ihre eigenen sind. Gemeinsam mit ihren Freunden versucht sie, Lucy Brites Geheimnis zu lüften.
Minnesotas New York-Erlebnisse kulminieren in einer Beinahe-Vergewaltigung. Ein Zufallsbekannter bringt sie nach einer Party nach Hause und folgt ihr in ihre Wohnung. Ihre Schreie alarmieren ihre Nachbarin. Zusammen mit zwei Freundinnen schlägt diese Minnesotas Peiniger in die Flucht. Ein Besen und drei unbekannte Frauen haben Minnesota gerettet. Doch Angst und Scham über ihre Hilflosigkeit und Feigheit lassen sie ihr Leben lang nicht los. „Es waren die Verachtung und Herablassung des Mannes, die ich nicht abschütteln konnte, seine lächelnde Selbstgewissheit, dass meine Worte bedeutungslos waren, dass ich keine Antwort verdiente, dass ich ein Niemand war.“ Das Erlebnis ist der Beginn ihrer Freundschaft mit den drei „Ladies vom Besen“, die sie gerettet haben, und die einem skurrilen feministisch-esoterischen Hexenkult frönen. Minnesota alias Siri Hustvedt sucht einen anderen Weg, sich als Frau zu behaupten: sie benutzt ihr Wissen, die Sprache, das Schreiben.
Siri Hustvedt ist eine phantasievolle, hochbelesene, kluge Autorin. Auf unterschiedlichen Erzählebenen entführt sie den Leser und vor allem die Leserin, die sie als ihre „imaginäre Freundin“ anspricht, in einen faszinierenden Kosmos aus Erinnerungen, Tagebuchaufzeichnungen, Reflexionen und Geschichten. Da ist zum Beispiel ihr unvollendeter Kriminalroman, der im Buch in Einschüben abgedruckt ist. Da ist die Geschichte der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, einer femme fatale und Künstlerin des Dadaismus, die als Frau und Künstlerin nie anerkannt wurde, oder die amüsante Erinnerung, als die junge Minnesota auf einer Einladung einen selbstherrlichen Philosophieprofessor in einem Disput in die Enge treibt und anschließend in Ohnmacht fällt. „Eine Geschichte wird zu einer anderen und viele Geschichten sind irgendwie dieselben.“ Denn alle haben das eine große Thema: die Rolle der Frau und der Künstlerin in einer von Männern dominierten Welt. In all diesen Geschichten und Erinnerungen geht es um den Männlichkeitsmythos, um männliche Überheblichkeit und Missachtung und um das Aufbegehren der Frauen. Schon für ihren bewunderten Vater war die Autorin „nur ein Mädchen“, und heute lebt sie im Zeitalter eines starken Mannes, „der den Massen seiner weißen Anhänger Obszönitäten über Muslime, Schwarze, Immigranten und Frauen in die Ohren jault“.
Und doch endet Siri Hustvedts Buch, ihre wütende, witzige, melancholische Selbstbetrachtung, versöhnlich. „…Jetzt kann ich mein früheres Selbst anlächeln, etwas traurig vielleicht, aber ich kann lächeln“. Auf der letzten Seite des Romans sieht man eine Zeichnung der Autorin: Eine nackte junge Frau mit einem Messer in der Hand schwebt über New York und steigt nach oben.
Lilly Munzinger, Gauting

Siri Hustvedt
„Damals“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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