Literatur
Literatur
Inhaltsverzeichnis
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Graham Greene „Der Dritte Mann“

7

Ulrich Alexander Boschwitz "Der Reisende"

8

Andreas Ammer & FM Einheit „Sie sprechen mit der Stasi“

9

Nora Gomringer & Günter Baby Sommer „Grimms Wörter“

10

T.C. Boyle „Good Home Stories“

11

Fernando Aramburu „Patria“

12

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Bilder
Montag 14.05.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Graham Greene „Der Dritte Mann“
Der dritte Mann“ ist eines jener seltenen literarischen Werke, das erst nach dessen Verfilmung als Buch veröffentlicht wurde. Nur so macht der Gedanke Graham Greenes in seinem Vorwort auch Sinn: „,Der dritte Mann‘ wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden“. Die unvergesslichen Bilder setzte 1949 Carol Reed in Szene und drehte mit Orson Welles und Joseph Cotton in den Hauptrollen an den Originalschauplätzen in Wien. Doch es gibt noch eine zweite Besonderheit, die den Film betrifft. Es ist die Musik von Anton Karas. Seine Filmmelodie, das Harry-Lime-Theme, unnachahmlich von ihm selbst auf der Zither gespielt, brachte ihm persönlich Weltruhm und ein Vermögen ein. Der aus einfachen Verhältnissen stammende gelernte Werkzeugschlosser(!) erfüllte sich von den Tantiemen des Soundtracks einen Herzenswunsch. Er eröffnete, nach langen gerichtlichen Auseinandersetzungen, im Wiener Sieveringbezirk das Heurigenlokal „Zum dritten Mann“. So richtig glücklich wurde er mit dieser Anlage jedoch nie. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Ob Graham Greene beim Verfassen seines Vorwortes für „Der dritte Mann“ damit gerechnet hat, dass sein Roman einst auch illustriert erscheinen wird? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall ist jetzt in der Edition Büchergilde eine bebilderte Ausgabe der spannenden, in der Wiener Nachkriegszeit spielenden Geschichte erschienen. Annika Siems hat das Geschehen in etlichen atmosphärisch  wunderbar kommentierenden schwarz-weiß Tuschezeichnungen festgehalten, die dem Buch den Anschein eines kunstvoll gestalteten Comics geben. Die ansonsten für Werbeagenturen arbeitende Siems setzte sich mit den handelnden Figuren intensiv auseinander, ist nach Wien gefahren – auch um im „Dritte Mann Museum“ im vierten Wiener Gemeindebezirk zu recherchieren. In Gerhard Strassgschwander, dem dortigen Museumsleiter, fand sie den richtigen Ansprechpartner. Er riet ihr, sich stärker mit den Details zu beschäftigten, den Ausweisen und Passierscheinen (Wien war damals in vier Sektoren aufgeteilt), mit den Lebensmittelkarten, bis hin zu den medizinischen Verpackungen damaliger Zeit (schließlich spielte das Antibiotika Penicillin eine tragende Rolle in der Handlung).
Im Roman gibt es gegenüber dem Drehbuch leichte Veränderungen, die aber auf das Handlungsgeschehen nur wenig Auswirkungen haben: Wien ist nach dem Krieg 1945 von den Russen, Amerikanern, Engländern und Franzosen besetzt. Wie in vielen anderen Groß- und Kleinstädten blühte in jener Zeit der Schwarzmarkt. Schieberbanden bestimmten die Alltagsgeschäfte – unbarmherzig und skrupellos. Selbst Penicillin, ein speziell nach dem Krieg stark gesuchtes Arzneimittel, ist vor diesen Verbrechersyndikaten nicht sicher. Sie stehlen und strecken es, bringen Unglück in die Krankenhäuser, wo dieses Medikament der einzigste Quell der Hoffnung ist. Und so geht es in dem Roman um Betrug und Verfolgung, um psychologisch raffinierte Winkelzüge, um Freundschaft und gescheitertes Vertrauen, um Glück und unendliche Enttäuschung. Die besondere historische Situation in der zerbombten österreichischen Hauptstadt gibt der Geschichte ihren äußeren Rahmen und einen ganz speziellen Reiz. An Symbolkraft kaum zu überbieten sind die Schlussszenen, die in der Kanalisation von Wien spielen und in beeindruckenden Bildern umgesetzt sind. 
Die Edition Büchergilde bereitet mit diesem Buch nicht nur allen Liebhabern von illustrierten Büchern eine besondere Freude. Zugleich ist „Der Dritte Mann“ für all jene, die Buch oder Film nicht kennen, ein wunderbarer Einstieg, sich diesem Klassiker zu nähern. Und all jene, die Buch und Film kennen, bietet diese Veröffentlichung die Möglichkeit, „Der dritte Mann“ in einem neuen Kontex wahrzunehmen.
Viktor Brauer
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 07.05.2018
Ulrich Alexander Boschwitz "Der Reisende"
Was für eine Entdeckung! Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz, ursprünglich auf Deutsch verfasst, wurde 1939 in England veröffentlicht, einige Jahre später in den USA und in Frankreich. Danach geriet das Buch in Vergessenheit. Nun ist es bei Klett-Cotta zum ersten Mal auf Deutsch erschienen, fast 80 Jahre nach seinem Entstehen.
Sein Verfasser Ulrich Alexander Boschwitz,1915 als Sohn einer deutschen Mutter und eines jüdischen Vaters in Berlin geboren, emigrierte unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Rassegesetze aus Deutschland. Erschüttert durch die Novemberpogrome 1938 schrieb er in Paris in nur wenigen Wochen „Der Reisende“. Der Roman ist eines der frühesten Zeugnisse dieser schrecklichen Verbrechen, ein Buch, das unter die Haut geht.
Im November 1938 nahmen SA und SS das Attentat eines polnischen Juden auf einen deutschen Botschaftssekretär zum Anlass, Synagogen zu zerstören, jüdische Geschäfte zu plündern, Juden in ganz Deutschland zu entrechten, zu verfolgen, zu ermorden und in Konzentrationslager zu deportieren. Otto Silbermann, die Hauptfigur des Romans „Der Reisende“ ist einer dieser Juden, ein wohlhabender Geschäftsmann, ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Er fühlt sich als deutscher Bürger und hat im 1. Weltkrieg als deutscher Frontsoldat gekämpft. Wie so viele Juden damals hat er es nicht für möglich gehalten, dass „so etwas passiert, mitten in Europa, mitten im 20. Jahrhundert“. Nun erlebt er, wie sich das Verhalten der Nichtjuden verändert: Bekannte wechseln die Straßenseite, wenn sie ihm begegnen, in seine Firma wagt er sich nicht mehr, weil seine Angestellten ihn denunzieren könnten, und sein Freund und Geschäftspartner übervorteilt ihn: „Ich werde mich doch nicht von einem dreckigen Juden ruinieren lassen.“
Als der Mob an seiner Wohnungstür Sturm klingelt, flieht Silbermann durch den Hinterausgang. Von nun an gibt es für ihn keinen sicheren Ort mehr. Er verliert sein Haus, seine Firma, seine Frau, seine ganze Existenz. Nur etwas Bargeld ist ihm geblieben. So fährt er in Zügen durch ganz Deutschland, von Stadt zu Stadt, immer auf der Flucht, ein Gehetzter. Der Titel „Der Reisende“ suggeriert eine noch geordnete bürgerliche Welt. Doch die ist für Silbermann zusammengebrochen. Für ihn teilt sich die Gesellschaft nun auf in Arier und Juden, in Menschen, die leben dürfen und in Menschen, denen man das Recht zu leben abspricht. Ein Fluchtversuch nach Belgien scheitert. „Man muss aus Deutschland raus! Aber man kann nirgends hinein!“
Unterwegs begegnen Silbermann die unterschiedlichsten Menschen, er trifft auch auf Freundlichkeit, aber meist auf Gleichgültigkeit, Feigheit, Hass und Verachtung. Mit klarem, unbestechlichem Blick, in sachlichem Ton schildert Boschwitz die antisemitische Stimmung dieser Jahre in Deutschland. Dass Otto Silbermann durchaus nicht nur als positiver Held geschildert wird, macht den Roman besonders glaubwürdig. In seiner Angst geht es Silbermann nur noch um das nackte Überleben. Er ertappt sich zu seiner Bestürzung nun selbst bei antisemitischen Gedanken. Besonders beklemmend liest sich die Szene, als ein alter Jude namens Hamburger sich an Silbermann anschließen möchte, da dieser äußerlich nicht als Jude zu erkennen ist. Silbermann aber weist ihn ab aus Furcht, durch Hamburgers jüdisches Aussehen kompromittiert zu werden. Beschämt erkennt er, „dass kein Unterschied besteht zwischen mir und den anderen… Wir gleichen uns auf geradezu beängstigende Weise.“
„Der Reisende“ ist weitgehend als innerer Monolog geschrieben. Boschwitz nimmt den Leser hinein in Silbermanns Bewusstseinsstrom, in seine Gedanken, die zwischen Angst, Hoffnung und Panik hin und her jagen, in seine zunehmende Verzweiflung. „Reisen, dachte er, immer weiter reisen, und dabei bin ich so hundemüde. Hin und her und her und hin...  Wer oder was bin ich eigentlich noch?“
Ulrich Boschwitz hat am eigenen Leib erlebt, was es heißt, seine Heimat zu verlieren und nirgends willkommen zu sein. 1935 emigrierte er aus Deutschland, zunächst nach Schweden, dann über Oslo nach Paris und 1939 nach England. Dort wurde er mit vielen anderen vor den Nazis geflohenen Deutschen interniert und 1940 in ein australisches Lager gebracht. Auf der Rückfahrt wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot versenkt. Er starb mit 27 Jahren.
„Der Reisende“ ist ein aufrüttelndes Buch und in einer Zeit, in der Antisemitismus und Fremdenhass vielerorts wieder gesellschaftsfähig werden, von erschreckender Aktualität.

Lilly Munzinger, Gauting

Ulrich Alexander Boschwitz
"Der Reisende"
Klett-Cotta, 2018
 
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 17.04.2018
Andreas Ammer & FM Einheit „Sie sprechen mit der Stasi“
Bilder
Es gab in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (kurz BstU) bis vor einiger Zeit einen Raum in dem sich Tausende von Tonbändern befanden. Diese wurden bisher weder archiviert, noch katalogisiert, ja nach über zweieinhalb Jahrzehnten der deutschen Vereinigung noch nicht einmal abgehört. Diese Tonbänder enthalten Original-Mitschnitte von Telefongesprächen, Denunziationen (auch von Familienmitgliedern), die in der Stasi Zentrale in Berlin Magdalenenstraße bis 1989 eingingen, Beschimpfungen und Wichtigtuereien, sowie Aufzeichnungen von Verhören von Menschen, die im Verdacht der Republikflucht, bzw. einer „konspirativen Tätigkeit mit dem Klassenfeind“ standen. Es sind erschütternde Zeugnisse, akustische Peinigungen, Demütigungen, die deutlich machen, mit welch perfiden Mitteln ein Staat sein Volk unterdrückte, einzelne Bewohner drangsalierte, sie psychisch folterte, so dass letztendlich Persönlichkeiten seelisch gebrochen wurden. Doch zugleich gibt es, wie in jedem repressivem Staat, Momente unfreiwilliger Komik, wenn zum Beispiel ein „Telefonterrorist“ (aus dem „Westen“) immer wieder in der Magdalenenstraße anruft, nur um die Leitungen zu belegen, oder ein Anrufer aus Kanada fragt, ob es denn in der Zentrale nicht jemand gäbe, der der englischen oder französischen Sprache mächtig wäre. „Dett wird schwierig“ ist darauf die Antwort eines Mitarbeiters der Staatssicherheit. So, oder so ähnlich, klingt auch die Banalität des Bösen.
Andreas Ammer und FM Einheit hatten Zugang zu den Materialien und entwickelten aus einem winzigen Teil dieses Archivs das Hörspiel „Sie sprechen mit der Stasi“. Doch beiden reicht eine knappe Stunde, um hinter die Fassade der Macht eines autoritären Staates zu blicken resp. zu hören und eine bedrückende Atmosphäre der Kleingeistigkeit und des willkürlichen Machtpotenzials eines Regimes zu entlarven. Eine hochgefährliche Mischung übrigens.
In dieser Collage finden sich zudem all die Belege, die zeigen, dass der Übergang von der Nazizeit zur Diktatur des Proletariats ein fließender war. Es wurde mit Mitteln der Angst und Ungewissheit in hunderttausenden von Fällen gedroht, eingeschüchtert, zum Verrat gezwungen und abgeurteilt. Menschen verschwanden, oder waren für ihr restliches Leben traumatisiert. „Sie sprechen mit der Stasi“ - eine entlarvendes wie ebenso erschütterndes Dokument der Unterdrückung, dem der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, der von 1990 bis 2000 Leiter der BstU war, ein einem Begleitwort der CD folgendes voranstellt: „Die Staatssicherheit verfügte über ein nahezu unbeschränktes Arsenal an Maßnahmen, um jeden beliebigen DDR-Bürger zu observieren und zu „zersetzen“. Sie konnte den beruflichen Aufstieg bremsen, den Ruf von Nicht-Angepassten durch Gerüchte ruinieren, sie konnte das Selbstbewußtsein der Betroffenen so erschüttern, dass sie in ihrem Alltag nur noch schlecht funktionierten, sie konnte Oppositionelle ins Gefängnis bringen.“
Jörg Konrad

Andreas Ammer & FM Einheit
„Sie sprechen mit der Stasi“
Der Hörverlag
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 10.04.2018
Nora Gomringer & Günter Baby Sommer „Grimms Wörter“
Bilder
Bilder
Bilder
Fotos: Judith Kinitz (N. Gomringer) & Tobias Sommer (G.B. Sommer)
Günter Grass - ein Wortakrobat und Mahner. Ein Autor, der das Handwerk der deutschen Sprache vollendet beherrscht. Und der inhaltlich zu erzählen versteht. Mit ordentlich Pathos und großem Ego, mit Haltung und Intellekt. Fünf Jahre vor seinem Tod erschien „Grimms Wörter“. Autobiographie seiner selbst und Biographie der Brüder Grimm zugleich. „Eine Liebeserklärung“, wie Grass das Buch im Untertitel nennt, „an die deutsche Sprache“ und das sich einer chronologischen Erzählweise vollkommen entzieht. Es sind einzelne Begriffe, über die Grass seine Heimat, die Literatur, den Geisteszustand der Welt, die Moral beschreibt. Von „A“ wie „Im Asyl“, „D“ wie „Däumeling und Daumesdick“ bis „Z – Am Ziel“. Manches aus alten (auch Märchen-) Zeiten stammend und doch Bezüge zur Gegenwart knüpfend. Ein auch vom Sprachrhythmus her wunderbar zu lesendes Buch, dem nun der sächsische Schlagzeuger Günter Baby Sommer eine zusätzlich musikalische Note verleiht. Gemeinsam mit der Lyrikerin und Rezitatorin Nora Gomringer setzt er die noch von Günter Grass für diese Einspielung bearbeiteten Texte in eine Klangcollage um.
Eine dreiviertel Stunde, in der ein Kosmos deutscher Befindlichkeiten ensteht - mal lärmend, mal fordernd, mal lustvoll, mal eitel. Es wird getrommelt was das Zeug hält. Auf alles und allem. Ob Töpfe oder Bratpfannen, Gongs und Becken, gespannte Felle oder einheimische Hölzer - die Free-Jazz-Legende aus Dresden hält den Takt, fabuliert und explodiert, irritiert und spielt konzentriert, gibt dem Schlagwerk eine Stimme. Seine Stimme, als gewaltiges Grollen und dürftiges Seufzen. Improvisation pur.
Nora Gomringer deklamiert den Text, fordert deren Inhalt nachdrücklich heraus, rezitiert und formuliert. Mal sehr präzise, dann wieder lasziv. Sie stilisiert die Sprache zum akustischen Abenteuer, so genießerisch wie provokant. Sie wechselt die Tempi, erklimmt die Höhen und die Tiefen der Intonation, federleicht. Und findet den Kontrast, zu Sommers Trommeln und Becken und Küchengeräten. „Grimms Wörter“ - als Hörbuch ein Erlebnis für alle Sinne.
Jörg Konrad

Nora Gomringer & Günter Baby Sommer
„Grimms Wörter“ von Günter Grass
Steidl Verlag
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 27.03.2018
T.C. Boyle „Good Home Stories“
Ein Kurierfahrer, hart gesotten und vertraut mit sämtlichen Spielarten des rauen Straßenverkehrs, hat die verantwortungsvolle Aufgabe, eine Spenderleber vom Los Angeles International Airport an ihren Bestimmungsort, dem Krankenhaus von Santa Barbara, in kürzester Zeit zu befördern. Aber was tun, wenn kurz vor dem kleinen Ort La Conchita die Straße von Geröllmassen und Schlammlawinen verschluckt wird und es für den cholerischen Transporteur kein Durchkommen gibt? Plötzlich soll er noch aus einem der nahe verschütteten Häuser einen Vater und seine kleine Tochter vor dem sicheren Tod retten …. .
Wie sieht die Gefühls- und Gedankenwelt eines kleinen Mädchens aus, das vor Gericht gegen ihren alkoholkranken Vater aussagen soll. Was passiert, wenn die Mutter eines berühmten Baseballstars von Guerillas entführt wird und diese, als Beweis der Ernsthaftigkeit ihres Tuns, einen abgeschnittenen Finger der innig geliebten Mama im Briefumschlag an den Sohn schicken? Oder warum kommt ein vom Schmerz über den Tod seiner Frau gezeichneter Mann auf die Idee, erst eine Python als Haustier zu halten und letztendlich in seinem Haus mit dreizehnhundert Ratten jämmerlich zu sterben?
T. Coraghessan Boyle bombardiert in seinem neuen Erzählungsband „Good Home Stories“ den Leser  mit den absonderlichsten Charakteren und eigenartigsten menschlichen Verhaltensweisen. Manchmal befinden sich seine Figuren auf der Gewinner-, manchmal auf der Verliererseite des Lebens. Fast immer scheinen sie sich aber eingerichtet zu haben, in ihr nach außen befremdliches, oder zumindest eigenbrötlerisch erscheinendes Leben. Von hier aus versuchen sie, möglichst unauffällig, ihre Geschicke zu lenken. Was so einfach natürlich nicht möglich ist.
Boyles Stories sind bevölkert mit den Außenseitern der Gesellschaft, mit denen, die in keine Schablone passen, mit den Verlierern und den Hilflosen des täglichen Überlebenskampfes. Er beschreibt sie mit Verständnis und Empathie, macht sie zu Helden – auch wenn ihr Handeln fast nie dem gesellschaftlichen Konsens entspricht. Und er beschreibt sie immer aus einer tiefen Menschlichkeit heraus, sofern sie nicht als Despoten, Vergewaltiger oder sonst wie Barbaren daherkommen. Zugleich besitzt Boyle Humor. Er weiß um die Absurdität seiner Protagonisten und ihrer Situationen – in die sie sich oft selbst erst bringen. Er hat ein sicheres Gespür für Situationskomik, die er manchmal bis auf die Spitze treibt, um urplötzlich wieder der Melancholie den Vorrang zu geben.
Erzählungen, das sind das Beste was der aus New York stammende und heute in Kalifornien lebende Autor schreibt. Seine Romane, immer aktuell und den Nerv der Zeit treffend, sind gut und erfolgreich. Fast zwei Dutzend hat er bisher veröffentlicht. Seine Erzählungen aber sind ausgereifter, schlagfertiger, geistvoller. Hier kann er seine Sucht am präzisen Schreiben komprimiert befriedigen und seine griffigen, manchmal skurrilen Ideen als ein sprachliches Feuerwerk abbrennen. Seine Vergleiche und Metaphern kommen mindestens im Seiten-Takt und klingen so frisch und unverbraucht, dass man sich immer wieder fragt: Woher nimmt der heute 69jährige diese scheinbar nie versiegende Originalität. „Diese klare, im Umfang begrenzte Vorgabe fasziniert mich, und ich stürze mich in jede Erzählung mit genauso viel Energie wie in meine Romane. Auf Kurzgeschichten habe ich schließlich auch meine Karriere aufgebaut“, sagt er vor einigen Wochen in einem Interview.
Er selbst versteht sich als ein Außenseiter, oder sagen wir besser, als ein außenstehender Beobachter, der sich der Arbeiterklasse zugehörig fühlt. Aber auch nichts dagegen hat, als Punk oder Hippie bezeichnet zu werden. Trotzdem geht seine Hinwendung zur unterprevilegierten Schicht nie so weit, dass er diese nicht auch hart kritisieren würde, wie seine aktuellen Kommentare gegenüber Trump-Wählern immer wieder deutlich machen.
Wer Tom Coraghessan Boyle tatsächlich bisher noch nicht gelesen haben sollte - „Good Home Stories“ ist der ideale Einstieg, einen der engagiertesten und eloquentesten Autoren der Gegenwart kennenzulernen. Wem er vertraut ist, der wird die neuen Short Stories von ihm wahrscheinlich schon längst gelesen haben!
Jörg Konrad

T.C. Boyle
„Good Home Stories“
Hanser Verlag
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 20.03.2018
Fernando Aramburu „Patria“
ETA, Euskadi ta Askatasuna, Baskenland und Freiheit, steht für über 50 Jahre Unabhängigkeitsbestreben der Basken. Vor allem auch für unzählige Attentate, Entführungen und Morde, für eine nationale, separatistische, marxistisch-leninistische  Bewegung gegen das Spanien Francos. ETA steht ebenfalls für eine Spaltung der baskischen Gesellschaft bis tief hinein in freundschaftliche und familiäre Beziehungen.
Der seit 30 Jahren in Deutschland lebende Autor Fernando Aramburu, selbst Baske, erzählt die Geschichte dieser blutigen Bewegung anhand der Mitglieder zweier ehemals eng befreundeter Familien in einem kleinen Dorf in der Nähe von San Sebastián.
Der Vater der einen Familie, Txato, Fuhrunternehmer und in den Augen der ETA Kapitalist, lässt sich nicht erpressen zu Unterstützungszahlungen und wird ermordet. Sein mutmaßlicher Mörder, Joxe Mari, ist der Sohn seines besten Freundes, der sich mit jugendlicher Begeisterung der ETA angeschlossen hat und in den Untergrund gegangen ist. Bittori, die Frau des Fuhrunternehmers, die nach dem Mord das Dorf verlassen hatte und in San Sebastián lebt, kehrt zurück. Sie weiß, dass sie nicht mehr lange leben wird und will herausfinden, wer damals ihren Mann ermordet hat. Deshalb sucht sie den Kontakt zu den ehemaligen Freunden. Im Dorf stößt sie auf eisiges Schweigen und Ablehnung, die Bewohner wollen nicht an Terror und Auseinandersetzungen erinnert werden, sondern verdrängen ihr eigenes Verhalten und wollen mit den Opfern nicht konfrontiert werden. Besonders Miren, einst Bittoris engste Freundin und Mutter des mutmaßlichen Mörders, der nun schon über 20 Jahre im Gefängnis sitzt, geht ihr aus dem Weg und fühlt sich durch ihre bloße Präsenz bedroht und angeklagt. Selbst der Priester des Dorfes scheut sich, ihre Rückkehr ins eigene Heimatdorf zu akzeptieren und ihr Beistand zu leisten. Nur sehr langsam scheint eine Begegnung wieder möglich zu werden.
Aramburu lässt die verschiedenen Mitglieder beider Familien erzählen, wie sie mit den Geschehnissen umgegangen sind und welche persönlichen Verletzungen und Unsicherheiten zurückbleiben. Wir begegnen starken, spröden Persönlichkeiten wie den beiden ehemaligen Freundinnen Bittori und Miren, die beide ihre Familien dominieren und mit ihrer Einstellung die Entfremdung der Freunde sowie die Fanatisierung vorangetrieben haben, aber gleichzeitig massiv darunter leiden. Bei ihren Kindern haben die Jahre des Terrors und die Polizeigewalt der Guardia Civil andere Spuren hinterlassen. Verunsicherung, Bindungsunfähigkeit, Flucht aus der heimatlichen Umgebung und den politischen Verquickungen spiegeln sich in ihren Berichten. Nur Arantxa, die Schwester des mutmaßlichen Mörders, die durch einen Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt ist und ihr Leben bei ihren Eltern im Dorf verbringen muss, stellt sich den Fragen nach der Vergangenheit, nach  Menschlichkeit und Abkehr von Gewalt. Sie zeigt Empathie und schafft es, die Fronten langsam aufzuweichen.
Von den unterschiedlichen Charakteren der Familienmitglieder und in zahlreichen Zeitsprüngen erfahren wir viel über die ETA, ihre militärische Struktur und Gewaltbereitschaft, die Fanatisierung einer Gesellschaft und die Geschehnisse in den 1960ern bis in die 2000er Jahre, die uns aus den Nachrichten dieser Zeit als Schreckensmeldungen noch präsent sind. Sie bekommen in diesem fesselnden Roman Gesichter, Stimmen und menschliche Dimension.
Man spürt, dass der Autor in dieser Atmosphäre aufgewachsen ist, die Geschichte des Baskenlands und der ETA haben seine Kindheit geprägt. Seine Erinnerungen daran geben dem Buch eine Intensität und Dynamik, der man sich nicht entziehen kann.
Wie er dabei immer wieder um das richtige Bild oder den richtigen Vergleich ringt, stilistisch quasi beides anbietet durch Aneinanderreihung  ist sein besonderer Schreibstil, der zuerst etwas irritieren kann, dann aber eher zu Authentizität und Glaubwürdigkeit beiträgt.
Patria - Heimat - hat er sein Buch genannt. Nicht mehr und nicht weniger.

Thyra Kraemer

Fernando Aramburu
„Patria“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.