Literatur
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Inhaltsverzeichnis
T.C. Boyle „Good Home Stories“

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Fernando Aramburu „Patria“

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Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Iwan Turgenjew "Väter und Söhne"

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Wolfram Knauer „Duke Ellington“

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Bernhard Schlink „Olga“

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Dienstag 27.03.2018
T.C. Boyle „Good Home Stories“
Ein Kurierfahrer, hart gesotten und vertraut mit sämtlichen Spielarten des rauen Straßenverkehrs, hat die verantwortungsvolle Aufgabe, eine Spenderleber vom Los Angeles International Airport an ihren Bestimmungsort, dem Krankenhaus von Santa Barbara, in kürzester Zeit zu befördern. Aber was tun, wenn kurz vor dem kleinen Ort La Conchita die Straße von Geröllmassen und Schlammlawinen verschluckt wird und es für den cholerischen Transporteur kein Durchkommen gibt? Plötzlich soll er noch aus einem der nahe verschütteten Häuser einen Vater und seine kleine Tochter vor dem sicheren Tod retten …. .
Wie sieht die Gefühls- und Gedankenwelt eines kleinen Mädchens aus, das vor Gericht gegen ihren alkoholkranken Vater aussagen soll. Was passiert, wenn die Mutter eines berühmten Baseballstars von Guerillas entführt wird und diese, als Beweis der Ernsthaftigkeit ihres Tuns, einen abgeschnittenen Finger der innig geliebten Mama im Briefumschlag an den Sohn schicken? Oder warum kommt ein vom Schmerz über den Tod seiner Frau gezeichneter Mann auf die Idee, erst eine Python als Haustier zu halten und letztendlich in seinem Haus mit dreizehnhundert Ratten jämmerlich zu sterben?
T. Coraghessan Boyle bombardiert in seinem neuen Erzählungsband „Good Home Stories“ den Leser  mit den absonderlichsten Charakteren und eigenartigsten menschlichen Verhaltensweisen. Manchmal befinden sich seine Figuren auf der Gewinner-, manchmal auf der Verliererseite des Lebens. Fast immer scheinen sie sich aber eingerichtet zu haben, in ihr nach außen befremdliches, oder zumindest eigenbrötlerisch erscheinendes Leben. Von hier aus versuchen sie, möglichst unauffällig, ihre Geschicke zu lenken. Was so einfach natürlich nicht möglich ist.
Boyles Stories sind bevölkert mit den Außenseitern der Gesellschaft, mit denen, die in keine Schablone passen, mit den Verlierern und den Hilflosen des täglichen Überlebenskampfes. Er beschreibt sie mit Verständnis und Empathie, macht sie zu Helden – auch wenn ihr Handeln fast nie dem gesellschaftlichen Konsens entspricht. Und er beschreibt sie immer aus einer tiefen Menschlichkeit heraus, sofern sie nicht als Despoten, Vergewaltiger oder sonst wie Barbaren daherkommen. Zugleich besitzt Boyle Humor. Er weiß um die Absurdität seiner Protagonisten und ihrer Situationen – in die sie sich oft selbst erst bringen. Er hat ein sicheres Gespür für Situationskomik, die er manchmal bis auf die Spitze treibt, um urplötzlich wieder der Melancholie den Vorrang zu geben.
Erzählungen, das sind das Beste was der aus New York stammende und heute in Kalifornien lebende Autor schreibt. Seine Romane, immer aktuell und den Nerv der Zeit treffend, sind gut und erfolgreich. Fast zwei Dutzend hat er bisher veröffentlicht. Seine Erzählungen aber sind ausgereifter, schlagfertiger, geistvoller. Hier kann er seine Sucht am präzisen Schreiben komprimiert befriedigen und seine griffigen, manchmal skurrilen Ideen als ein sprachliches Feuerwerk abbrennen. Seine Vergleiche und Metaphern kommen mindestens im Seiten-Takt und klingen so frisch und unverbraucht, dass man sich immer wieder fragt: Woher nimmt der heute 69jährige diese scheinbar nie versiegende Originalität. „Diese klare, im Umfang begrenzte Vorgabe fasziniert mich, und ich stürze mich in jede Erzählung mit genauso viel Energie wie in meine Romane. Auf Kurzgeschichten habe ich schließlich auch meine Karriere aufgebaut“, sagt er vor einigen Wochen in einem Interview.
Er selbst versteht sich als ein Außenseiter, oder sagen wir besser, als ein außenstehender Beobachter, der sich der Arbeiterklasse zugehörig fühlt. Aber auch nichts dagegen hat, als Punk oder Hippie bezeichnet zu werden. Trotzdem geht seine Hinwendung zur unterprevilegierten Schicht nie so weit, dass er diese nicht auch hart kritisieren würde, wie seine aktuellen Kommentare gegenüber Trump-Wählern immer wieder deutlich machen.
Wer Tom Coraghessan Boyle tatsächlich bisher noch nicht gelesen haben sollte - „Good Home Stories“ ist der ideale Einstieg, einen der engagiertesten und eloquentesten Autoren der Gegenwart kennenzulernen. Wem er vertraut ist, der wird die neuen Short Stories von ihm wahrscheinlich schon längst gelesen haben!
Jörg Konrad

T.C. Boyle
„Good Home Stories“
Hanser Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 20.03.2018
Fernando Aramburu „Patria“
ETA, Euskadi ta Askatasuna, Baskenland und Freiheit, steht für über 50 Jahre Unabhängigkeitsbestreben der Basken. Vor allem auch für unzählige Attentate, Entführungen und Morde, für eine nationale, separatistische, marxistisch-leninistische  Bewegung gegen das Spanien Francos. ETA steht ebenfalls für eine Spaltung der baskischen Gesellschaft bis tief hinein in freundschaftliche und familiäre Beziehungen.
Der seit 30 Jahren in Deutschland lebende Autor Fernando Aramburu, selbst Baske, erzählt die Geschichte dieser blutigen Bewegung anhand der Mitglieder zweier ehemals eng befreundeter Familien in einem kleinen Dorf in der Nähe von San Sebastián.
Der Vater der einen Familie, Txato, Fuhrunternehmer und in den Augen der ETA Kapitalist, lässt sich nicht erpressen zu Unterstützungszahlungen und wird ermordet. Sein mutmaßlicher Mörder, Joxe Mari, ist der Sohn seines besten Freundes, der sich mit jugendlicher Begeisterung der ETA angeschlossen hat und in den Untergrund gegangen ist. Bittori, die Frau des Fuhrunternehmers, die nach dem Mord das Dorf verlassen hatte und in San Sebastián lebt, kehrt zurück. Sie weiß, dass sie nicht mehr lange leben wird und will herausfinden, wer damals ihren Mann ermordet hat. Deshalb sucht sie den Kontakt zu den ehemaligen Freunden. Im Dorf stößt sie auf eisiges Schweigen und Ablehnung, die Bewohner wollen nicht an Terror und Auseinandersetzungen erinnert werden, sondern verdrängen ihr eigenes Verhalten und wollen mit den Opfern nicht konfrontiert werden. Besonders Miren, einst Bittoris engste Freundin und Mutter des mutmaßlichen Mörders, der nun schon über 20 Jahre im Gefängnis sitzt, geht ihr aus dem Weg und fühlt sich durch ihre bloße Präsenz bedroht und angeklagt. Selbst der Priester des Dorfes scheut sich, ihre Rückkehr ins eigene Heimatdorf zu akzeptieren und ihr Beistand zu leisten. Nur sehr langsam scheint eine Begegnung wieder möglich zu werden.
Aramburu lässt die verschiedenen Mitglieder beider Familien erzählen, wie sie mit den Geschehnissen umgegangen sind und welche persönlichen Verletzungen und Unsicherheiten zurückbleiben. Wir begegnen starken, spröden Persönlichkeiten wie den beiden ehemaligen Freundinnen Bittori und Miren, die beide ihre Familien dominieren und mit ihrer Einstellung die Entfremdung der Freunde sowie die Fanatisierung vorangetrieben haben, aber gleichzeitig massiv darunter leiden. Bei ihren Kindern haben die Jahre des Terrors und die Polizeigewalt der Guardia Civil andere Spuren hinterlassen. Verunsicherung, Bindungsunfähigkeit, Flucht aus der heimatlichen Umgebung und den politischen Verquickungen spiegeln sich in ihren Berichten. Nur Arantxa, die Schwester des mutmaßlichen Mörders, die durch einen Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt ist und ihr Leben bei ihren Eltern im Dorf verbringen muss, stellt sich den Fragen nach der Vergangenheit, nach  Menschlichkeit und Abkehr von Gewalt. Sie zeigt Empathie und schafft es, die Fronten langsam aufzuweichen.
Von den unterschiedlichen Charakteren der Familienmitglieder und in zahlreichen Zeitsprüngen erfahren wir viel über die ETA, ihre militärische Struktur und Gewaltbereitschaft, die Fanatisierung einer Gesellschaft und die Geschehnisse in den 1960ern bis in die 2000er Jahre, die uns aus den Nachrichten dieser Zeit als Schreckensmeldungen noch präsent sind. Sie bekommen in diesem fesselnden Roman Gesichter, Stimmen und menschliche Dimension.
Man spürt, dass der Autor in dieser Atmosphäre aufgewachsen ist, die Geschichte des Baskenlands und der ETA haben seine Kindheit geprägt. Seine Erinnerungen daran geben dem Buch eine Intensität und Dynamik, der man sich nicht entziehen kann.
Wie er dabei immer wieder um das richtige Bild oder den richtigen Vergleich ringt, stilistisch quasi beides anbietet durch Aneinanderreihung  ist sein besonderer Schreibstil, der zuerst etwas irritieren kann, dann aber eher zu Authentizität und Glaubwürdigkeit beiträgt.
Patria - Heimat - hat er sein Buch genannt. Nicht mehr und nicht weniger.

Thyra Kraemer

Fernando Aramburu
„Patria“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 06.03.2018
Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“
Es klingt wie das prächtige Fantasieprodukt eines Autors. Dabei ist das, was Jakob Hein in seinem neuen Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ beschreibt, eine historisch verbürgte Geschichte. Und Hein ist es wichtig, dies auch immer wieder zu betonen: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs sollte Leutnant Edgar Stern im Namen des deutschen Kaisers Wilhelm II. den Dschihad, den „Kampf der Muslime zur Verteidigung und Verbreitung des Islams“, kurz den „Heiligen Krieg“ von der Türkei aus anschieben. Grund hierfür war, dass Deutschland glaubte, wenn sich die gesamte islamische Welt gegen die Kolonialmächte Frankreich und England erheben, wären diese Länder zugleich in der kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland arg geschwächt. Die Idee hierzu hatte eben jener jüdische Leutnant Stern und der Gedanke fiel deshalb auf fruchtbaren Boden, da Kaiser Wilhelm II. eine enge Beziehung zu Sultan Abdul Hamid II., dem damaligen Herrscher des Osmanischen Reiches und Kalif der Muslime, unterhielt.
Jakob Hein erzählt in seinem Roman eine verwegene Geschichte. Aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf bei Potsdam, das ausschließlich muslimischen Soldaten vorbehalten war(!),  wurden vierzehn Gefangene ausgesucht. Diese reisten mit Stern von Deutschland aus in die Türkei, um hier, möglichst öffentlichkeitswirksam, frei gelassen zu werden. Aber wie kam eine solche „Reisegruppe“ damals quer durch Europa? Österreich-Ungarn, vor allem aber Rumänien standen Deutschland kritisch bis feindlich gegenüber. So kam Stern auf die Idee, die muslimischen Ex-Soldaten als Zirkustruppe getarnt an den Bosporus zu schleusen. Stern selbst wurde kurzerhand zum Zirkusdirektor.
Hein versteht es meisterlich, diese kaum zu glaubende Geschichte sehr kurzweilig und flott zu erzählen. Er nimmt hierfür verschiedene Sichtweisen ein, schreibt aus dem Blickwinkel der muslimischen Gefangenen, aus der Sichtweise von Sterns Vorgesetztem, dem Legationssekretär Schabinger von Schowingen, eines deutschen Funkers, eines Diplomaten und natürlich aus der Perspektive des Leutnants selbst. Die Schilderung besitzt, bei aller historischen Ernsthaftigkeit, natürlich einen Hauch von Abenteuer und irgendwie klingt das exotische Unternehmen immer wieder nach einem intelligenten Schelmenroman – für die Jakob Hein schon in der Vergangenheit bekannt war.
Hein vermittelt diese Geschehnisse auf eine mitreißende und anregende Art, macht neugierig auf Geschichte, leuchtet völlig neue Facetten im Blick auf die Vergangenheit aus und bindet diese in die Gegenwart ein. Ähnlich wie schon in dem wunderbaren Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky, taucht, zumindest am Rande, auch jener Max von Oppenheim auf, der als deutscher Diplomat, Orientalist und Archäologe so etwas wie der Gegenentwurf zu Thomas Edward Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien, gewesen ist. Hein erinnert auch an den Bau der legendären 1.600 Kilometer langen Bagdadbahn, die unter maßgeblicher Beteiligung einiger deutscher Firmen gebaut wurde. Auch wird das Leid und die staatliche Verfolgung der Armenier deutlich an Einzelschicksalen benannt.
Am Ende des Buches findet sich in dem Kapitel Paralipomena ein Nachtrag zu einigen historischen Fakten, wie zum Beispiel die erste Moschee auf deutschem Boden, die in eben jenem Gefangenenlager in Wünsdorf entstand, vor allem aber die Fortsetzung der Lebensläufe einiger handelnder Personen. Geschichte ist nun einmal fortlaufend – im Gesellschaftlichen wie im Privaten.
Jörg Konrad


Jakob Hein
„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“
Galiani Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 20.02.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Iwan Turgenjew "Väter und Söhne"
Die Auseinandersetzung zwischen den Generationen ist so alt wie die Menschheit. Schon im Jahr 3000 v.Chr. ritzte ein unbekannter Sumerer auf eine Tontafel: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“
Ein großer Roman der Weltliteratur trägt den Gegensatz zwischen Alt und Jung schon im Titel: „Väter und Söhne“ von Iwan Turgenjew. Das Buch wurde nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1862 schnell berühmt und sorgte in der intellektuellen Szene Russlands für heftige Diskussionen. Im Dezember 2017 ist es bei dtv in der frischen, unverstaubten Neuübersetzung von Ganna-Maria Braungardt erschienen und liest sich auch heute noch überraschend aktuell.
Iwan Turgenjew, ein Hauptvertreter des literarischen Realismus, spiegelt in seinen Romanen das geistige und soziale Klima Russlands in der Mitte des 19.Jahrhunderts. Es war eine Zeit des Umbruchs, der Neuorientierung. Russland öffnete sich zögernd liberalen, aufklärerischen Ideen aus dem Westen. Unter Zar Alexander II. gab es zahlreiche Reformen, die wichtigste war die Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1862. Die patriarchalische Ständegesellschaft galt vor allem der Jugend als überholt.
In seinem Roman „Väter und Söhne“ lässt Turgenjew die alte und die neue Welt aufeinander prallen. Der Medizinstudent Basarow, die Hauptfigur des Romans, wird von seinem Freund Arkadi auf das kleine Landgut seiner Familie eingeladen. Dort treffen die beiden jungen Männer auf die „Väter“, Arkadis Vater und seinen Onkel. Basarow und Onkel Pawel Kirsanow sind die eigentlichen Antipoden des Romans. Der Onkel. ein feinsinniger, eleganter Aristokrat, ist der Typus des „überflüssigen Menschen“, der in der russischen Literatur des 19.Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielt und auch einer Erzählung Turgenjews den Namen gegeben hat. In melancholischem Nichtstun trauert er einer unglücklichen Liebe nach und wird von Basarow als dekadenter Taugenichts verachtet. Der nichtadelige Student provoziert ihn durch seine ungehobelten Manieren und seine umstürzlerischen Ansichten.
Basarow verkörpert in überspitzter Weise die revolutionär eingestellte Jugend seiner Zeit. Seine Ideen weisen bereits auf den dialektischen Materialismus, den sozialistischen Menschen späterer Jahrzehnte und auch auf die 68er Generation hin. Basarow bezeichnet sich selbst als „Nihilist“, ein Begriff, der durch Turgenjew Verbreitung fand. „Ein Nihilist ist jemand, der sich keinen Autoritäten beugt, der kein einziges Prinzip bedingungslos akzeptiert, egal wie sehr es geschätzt wird“ heißt es im Roman. Kunst, Musik, Naturempfinden gelten ihm als überflüssige Romantik. Statt die Natur zu bewundern seziert er Frösche. „An Principes glaubt er nicht, aber an Frösche glaubt er“ beklagt sich Pawel Kirsanow.
Die Liebe hält Basarow konsequenter Weise für einen rein physiologischen Vorgang. Als er sich jedoch in die schöne Anna Odinzowa verliebt und von ihr abgewiesen wird, zerbricht er an seinem Unglück. Turgenjew zeigt, wie Basarows Theoriegebäude, seine ideologischen Positionen dem realen Leben mit seinen existentiellen Erschütterungen nicht standhalten können. Die ergreifende Abschiedsszene zwischen dem todkranken Basarow und Anna stellt in ihrer Behutsamkeit und ernsthaften Schlichtheit einen Höhepunkt des Romans dar.
„Väter und Söhne“ ist alles andere als ein Thesenroman. Turgenjew, der selbst ein aufgeklärter Geist war, behandelt Basarows materialistische Weltanschauung zwar kritisch, aber er zeigt auch Sympathie für seine leidenschaftliche Unbedingtheit. Nie wird Turgenjew moralisierend, und es gibt kein Schwarz-Weiß. Alle Personen des Romans, die Jungen wie die Alten, die Adeligen, Dienstboten und Bauern, schildert er mit feiner Ironie und großem psychologischem Einfühlungsvermögen. Da ist zum Beispiel der liebenswerte, aber schwache Vater Arkadis, der zwar fortschrittlich sein möchte und seine Bauern aus der Leibeigenschaft entlassen hat, aber sein Gut herunterwirtschaftet. Da sind starke Frauengestalten wie die vorurteilsfreie, unabhängige Anna Odinzowa und die junge Fenetschka, die Geliebte des Vaters. Und da sind die rührenden alten Eltern Basarows, die seine Schroffheit geduldig ertragen.
So zeichnet Turgenjew elegant, poetisch und mit leichter Hand, aber tiefem Verständnis, ein eindrucksvolles Porträt der Menschen seiner Zeit, ihrer Sehnsüchte, ihrer Konflikte und ihrer Suche nach neuen Lebensentwürfen.
Lilly Munzinger, Gauting


Iwan Turgenjew
"Väter und Söhne"
dtv
Autor: Siehe Artikel
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Montag 29.01.2018
Wolfram Knauer „Duke Ellington“
„Duke Ellington war der bedeutendste Jazzkomponist des 20. Jahrhunderts – Punkt. Doch schon diese Definition greift zu kurz.“ So beginnt Wolfram Knauer seine Biographie über Edward Kennedy „Duke“ Ellington. Er deutet damit schon an, dass die Vielfalt und der künstlerische Anspruch des Ausnahmepianisten, Komponisten, Bandleaders und Entertainers nicht einfach darzustellen ist. Denn Ellington war ein Musikgenie, der sowohl der Volks- als auch der Kunstmusik der Moderne einen festen Platz gab. 1929 erklärte der „Duke“ in einem Interview: „Die Zukunft der Musik liegt bei den Komponisten der Tin Pan Alley, die in den populären Schlagern und Melodien von heute die Stimme des Volkes erkennen.“
Tin Pan Alley, so wurde die 28. Straße im New Yorker Stadtteil Manhatten genannt. Hier war ab 1900 das Zentrum der Musikverleger. Ihnen wurden von jungen Pianisten den ganzen Tag über neue Kompositionen vorgespielt, immer in der Hoffnung, einen zukünftigen Hit zu erkennen und dann entsprechend zu vermarkten. Und da das „klimpern“ der Klaviere bei geöffneten Fenstern im Sommer wie das ständige aneinanderschlagen von Blech- und Zinnpfannen klang, wurde der Straßenzug Tin Pan Alley (Blech- / Zinnpfannengasse) genannt.
Knauer beschreibt den Lebensweg des 1899 in Washington geborenen Ellington. Neben den biographischen Stationen und einem analytischem Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, gibt das Buch Einblicke in die Entstehung und den Aufbau einzelner Werke des Jazzgroßmeisters. „Sophisticated Lady“, „Mood Indigo“ oder „The Moocher“ werden von Knauer auf den Prüfstand gestellt. Und auch die großen Kompositionen wie „Black, Brown And Beige“ oder „Black And Tan Fantasy“ finden eine ausführliche Betrachtung und Würdigung.
Knauer beschreibt die legendäre Ära des Cotton Club in den 1920er Jahren und der Harlem Renaissance, er erläutert die besondere Begabung Ellingtons, seine Orchester einen ganz eigenen, spezifischen Sound spielen zu lassen und seinen Anspruch, musikalisch sowohl in Broadway Revuen als auch mit dem „Jungle Style“ in den Clubs zu begeistern.
Sein Gespür für Klangfarben, die (oft auch persönliche) Beziehung zu seinen Musikern, die meist über einen langen Zeitraum seinen Bands angehörten, sein Können als Geschäftsmann, seine Wirkung auf Frauen – der Autor beleuchtet in einer leicht verständlichen Sprache all die verschiedenen Facetten des Ausnahmemusikers. Er zeigt ihn als einen genialen, selbstbewussten wie wichtigen Brückenbauer zwischen afrikanischer und westlicher Kultur, als Integrationsfigur des Jazz, an dem weder die Traditionalisten, noch die Avantgarde vorbeikommt. Denn Duke Ellington war weit mehr als ein Vertreter des Swing, auch wenn er selbst sagt, dass alles nichts wert ist, wenn es keinen Swing besitzt („It don’t mean a thing if it ain’t got that swing“).
Es ist nicht die erste Monographie, die über den wichtigsten Komponisten des Modernen Jazz geschrieben wurde. Und es wird mit Sicherheit auch nicht das letzte Buch über ihn sein. Aber Knauer,, der seit 1990 das Jazzinstitut Darmstadt leitet, hatte die Möglichkeit im Smithsonian Institution in Washington, D.C. im originalen Nachlass Ellingtons zu recherchieren, in den Geschäftspapieren, der Korrespondenz und in den kompositorischen Skizzen. So stammen die originalen Quellen als Grundlage für diesen 310 Seiten starken Text aus erster Hand. Ein wichtiges Buch über eine Lichtgestalt, welche die Musik des 20. Jahrhunderts wie kaum eine andere Persönlichkeit beeinflusst hat.
Jörg Konrad
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Montag 15.01.2018
Bernhard Schlink „Olga“
Es ist die Geschichte einer vergangenen Liebe zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen und die Geschichte einer nicht alltäglichen Freundschaft Jahrzehnte später. Im Mittelpunkt beider Beziehungen steht Olga Rink, eine Frau, so ungewöhnlich wie stolz, so hingebungsvoll wie intelligent, so strebsam wie geheimnisvoll.
Sie und Herbert finden in schwierigen Zeiten zueinander und ihr Schicksal wird entscheidend von dieser Zeit geprägt und beeinflusst. „Olga“, eine Waise, die bei der strengen Großmutter in der Kaiserzeit in Pommern aufwächst und melancholisch still ist, genau beobachtet, gedanklich vieles hinterfragt und manchmal gerne einfach anders wäre. Er, Herbert, verwöhnter Sohn des reichen Gutsherren, verliebt sich in jungen Jahren in eben diese Olga. Er ist ein mutiger Draufgänger, dem das Militärisch-Zackige liegt und den zugleich die verlorene Weite der Natur fasziniert. Beide haben drei Jahre umeinander geworben, gegen den Willen Herberts Familie, und sich weit draußen an den Wäldern getroffen, um sich hier heimlich ihrer Liebe hinzugegeben. Doch Herbert zieht, wie viele seiner Freunde, freiwillig in den Krieg, später in die Arktis, aus der er nicht mehr zurückkehren wird.
Olga, die mutige, die emanzipierte, wird Lehrerin, später, nach dem 2. Weltkrieg, geht sie als Näherin in die Familien und lernt hier den weitaus jüngeren Ferdinand kennen. Ihm erzählt sie ihre Lebensgeschichte, ohne in Emotionen zu versinken. Und so wird Ferdinand ein abschließender Teil ihres Lebens, der sie bis zum Tod begleitet. Anschließend lüftet er aufwendig ein Geheimnis, dass Olga in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.
Bernhard Schlink setzt in seinem neuen Roman „Olga“ verschiedene historische wie menschliche Versatzstücke geschickt zusammen. Er ordnet und glättet ein offenes und ausgefranstes Puzzle, das nicht selten ein Ergebnis der erzählenden Hochgeschwindigkeit ist. Über zwei Drittel des Buches gibt Schlink seinen Figuren, allen voran dem tauben Fräulein Rink, nur eine bedingte persönliche Tiefe. Der Leser sieht sie von „außen“, erfährt sie durch ihre meist tragischen Lebensstationen. Doch ihre innere Kraft, ihr seelisches Schicksal und die daraus resultierende individuelle Stärke, wird erst später, durch ergreifende Liebesbriefe deutlich.
Schlink gelingt das Kunststück, Olga als eine Person zu beschreiben, wie wir sie selbst zu kennen glauben. Einen Menschen, der uns seine biographischen Daten vermittelt, dessen Leben an abgesessene Geschichtsstunden erinnert. Doch erst die später beschriebenen Emotionen lässt die Figur in ihrer ganzen Lebendigkeit erblühen.
Gleichzeitig streift dieses Buch fast eineinhalb Jahrhunderte. Es lockt den Leser nach Brasilien und nach Sibirien, in die vereisten Felder der Nordostpassage, bis hin zu den Greueltaten deutscher Soldaten in Südwestafrika. Fast im D-Zug-Tempo beschreibt es das deutsche Wirtschaftswunder, erzählt von Flucht und Vertreibung, von hoffnungsvollem Neuanfang und persönlichen Enttäuschungen. Und es handelt vom vielleicht Furchtbarsten überhaupt, von einer Mutter, die ihren Sohn an die menschenverachtende Ideologie nationalsozialistischer Verführer verliert. Und trotzdem ist „Olga“ ein ungemein lebensbejahendes, ein positives Buch.
Jörg Konrad

Bernhard Schlink
„Olga“
Diogenes
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.