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Boris Sawinkow „Das fahle Pferd“ und „Das schwarze Pferd...

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Irving Penn „Centennial“ Schirmer/Mosel München

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Jonathan Safran Foer „Hier bin ich“ Kiepenheuer & Witsch

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Julian Barnes „Der Lärm der Zeit“

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James Salter „Charisma“ Berlin Verlag

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Jean-Luc Seigle „Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“ C.H.Beck

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Dienstag 02.05.2017
Boris Sawinkow „Das fahle Pferd“ und „Das schwarze Pferd“ Galiani Berlin
Sawinkow führt die Existenz eines modernen Gewaltunternehmers, der Hotelzimmer mietete, um Attentate vorzubereiten, potenzielle Opfer ausspähte, nach Geldgebern suchte und mit Auftraggebern zusammenkam“, schreibt Jörg Barbarowski im Nachwort zu „Das schwarze Pferd“ unter dem Titel: „Das Handwerk des Tötens. Boris Sawinkow und der russische Terror“. Er bringt damit die politische Überzeugung des russischen Terroristen und Autors Boris Sawinkow auf den Punkt: Er besitzt keine! Er sei ein „Zyniker“ und „Abenteurer von großem Format“, ein „Revolutionär vom Sportlertyp“, schreibt Leo Trotzki über den 1879 in Charkow geborenen Sawinkow.
Doch trotz seiner abscheulichen Taten war Sawinkow auch ein ausgezeichneter Autor, der einige Romane veröffentlichte, die stark an die Tradition von Schriftstellern wie Isaak Babel und Michail Bulgakow erinnern. Die beiden jetzt in neuen Übersetzungen von Alexander Nitzberg vorliegenden Romane „Das fahle Pferd“ und „Das schwarze Pferd“ ergeben einen bemerkenswerten Einblick in das Denken und Handeln von Terroristen. Beide Bücher zusammengenommen sind somit von brisanter Aktualität und zeigen, dass politische Überzeugungen oder ideologische Motive in Form von Utopien im fundamentalistischen Denken eines Terroristen nur wenig Platz finden. Ihnen geht es vor allem um das Töten und um die Ausübung von Macht, aufgrund ganz persönlicher, egoistischer Motive. „Wenn ich könnte, würde ich alle Oberen und alle Herrschenden töten. Ich will kein Knecht sein. Und ich will nicht, dass andere Menschen Knechte sind“, lässt er seine Hauptfigur George sagen.
Beide Romane sind stark autobiographisch eingefärbte Texte, die in einem jeweils recht unterschiedlichen historischen Kontext entstanden. „Das fahle Pferd“ ist die Geschichte des Terroristen George und seiner mörderischen Clique, die um 1900 versuchen, den Generalgouverneur von Moskau mit allen erdenklichen Mitteln zu liquidieren. Sawinkow schreibt über diese Besessenheit des Mordens mit einer Kühle und Distanz, ja mit einer Zwanghaftigkeit, die jede Leidenschaft für eine Sache völlig ausschließt. Allein die Tat steht im Mittelpunkt. Hier hat sich jemand mit seinem Auftrag identifiziert und ist durch jedwede Überzeugungsarbeit von seinem Vorhaben nicht abzubringen. Wie besessen sucht George nach Möglichkeiten, seinen Auftrag umzusetzen. Selbst die Rücknahme des Befehls, überbracht durch einen Boten, kann ihn (in seinem Wahn) nicht stoppen. Auch nicht die tiefe Liebe zu Jelena.
Der Roman „Das schwarze Pferd“, ebenfalls in Tagebuchform geschrieben, spielt um 1917. Der Erzähler, es handelt sich um eben jenen George aus dem Buch „Das fahle Pferd“, ist anfangs Befehlshaber einer Abteilung der Weißen Armee, später der auch in der Literatur weitaus seltener anzutreffenden Grünen Armee, ehe er am Schluss als Partisan in Moskau gegen die „Roten“, die Bolschewiki kämpft. Bei den „grünen Banden“ handelt es sich um ein Heer, das sich aus Bauernschaften und Deserteuren, aber auch Kriegsgefangenen rekrutierte, die in den Wäldern lebten und von hier gegen die marxistische Ideologie kämpfte. Doch so ganz genau ist das bei George nicht zu erkennen. Er schwankt deutlich in seinen Überzeugungen, hat ein Liebesverhältnis mit einer Kommunistin und wechselt häufig seine Identitäten. Diese Zerissenheit spiegelt sich auch in der Sprache wieder, die etwas surrealistisches, traumhaftes, auf jeden Fall illusionsloses besitzt.
Das mag daran liegen, dass Sawinkow diesen, als auch den Roman „Das fahle Pferd“ mit großem zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen erst im französischen Exil Anfang der 1920er Jahre geschrieben hat.
Schon 1906 festgenommen und als Terrorist in Russland zum Tode verurteilt, konnte er fliehen und setzte sich erstmals nach Frankreich ab. Von hier ging er 1917 nach der Februarrevolution zurück nach Russland, wurde stellvertretender Kriegsminister, fiel bei den Sozialrevolutionären in Ungnade und ging als Partisan wiederholt in den Untergrund. 1922 emigrierte er ein zweites Mal nach Paris. Von der russischen Geheimpolizei wurde er 1924 in die Sowjetunion gelockt, verhaftet und in das berüchtigte Lubjanka-Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes eingesperrt. Hier stürzte er am 7. Mai aus dem 5. Stock.
Jörg Konrad
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Freitag 21.04.2017
Irving Penn „Centennial“ Schirmer/Mosel München
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Fotos: © Condé Nast Publications, Inc. / courtesy Schirmer/Mosel
Pablo Picasso, Carson McCullers, Francis Bacon, Marlene Dietrich, Truman CapoteIrving Penn hat sie alle portraitiert. Doch der 1917 geborene amerikanische Fotograf lichtete nicht nur die berühmten Menschen seiner Zeit ab. Penn war ein ebenso ambitionierter Künstler, wenn es darum ging, für Modezeitschriften und Werbeangenturen zu arbeiten, wenn er Stilleben inszenierte, oder sich von den Formen des menschlichen Körpers für seine Aktfotografien inspirieren ließ. Anlässlich seines 100 Geburtstages ist im Münchner Schirmer/Mosel Verlag jetzt die prachtvolle Monographie "Centennial" erschienen, die dem großen Ästheten und wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gewidmet ist.
Irving Penn fühlte sich schon früh zur Kunst hingezogen und wollte anfänglich Maler werden. Doch bei allem Ehrgeiz spürte er schnell, dass er es auf diesem Gebiet nicht sehr weit bringen würde. Eher durch Zufall kam er dann zur Photographie und war schwer von August Sander und Walker Evans beeindruckt. Vor allem aber der Grafikdesigner Alexey Brodovitch, bei dem Penn an der Kunsthochschule in Pensylvania studierte und später für ihn auch als Assistent arbeitete, war für ihn eine Art väterlicher Lehrmeister.
Penns Foto-Arbeiten beeindrucken durchgehend in ihrer Klarheit, manchmal auch in ihrer Schlichtheit, mit der sie Personen und Formen zum Ausdruck bringen. Jedes seiner Portraits fasziniert auf eine besondere Weise, in dem es Penn gelingt, die Persönlichkeit des Modells deutlich herauszuarbeiten. Egal, ob es sich hierbei um Igor Stravinsky oder um peruanische Einwohner der auf 3.400 Meter Höhe gelegenen Stadt Cuzco handelt. „Wie ein Bildhauer komponiert er Figuren und Gegenstände im Verhältnis zum Raum und nicht zum Rechteck des Abzugs“, sagte Penns Kollege Edward Steichen, der als einer der ersten die Bilder der Reihe „Cuzco“ im Jahr 1948 gesehen hat.
Einen ähnlichen Eindruck hinterlassen die Arbeiten der Serie „Kleine Gewerbe“, die zwischen 1950 und 1951 in Paris, London und New York entstanden. Es sind Portraits von Angestellten und Arbeitern, in der für ihren Beruf typischen Arbeitskleidung. Penn schreibt über die Entstehung dieser Bilder: „Ein ständig fließender Strom von Arbeitern, Straßenverkäufern und Pariser Stadtrandtypen erklomm die sechs Stockwerke zum Atelier; dort warteten sie bis sie – zwischen Terminen für Haute Couture-Photos und Prominenten-Portraits an der Reihe waren.“
Obwohl für seine Arbeit als Modefotograf, speziell für die Zeitschrift „Vogue“ bekannt geworden, zog Irving Penn weit abseits der großen Ateliers mit seinem tragbaren Zeltstudio durch die Wildnis Afrikas und Südamerikas. Er fotografierte Zigeuner in Spanien und Krieger in Neuguinea, ganz der eigenen Philosophie verpflichtet: „Die Photographie ist lediglich die gegenwärtige Stufe der visuellen Geschichte der Menschheit“.
Der vorliegende Band entstand in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Metropolitan Museum, in dem vom 24. April bis zum 30. Juli eine große Irving Penn-Ausstellung läuft, die im kommenden Jahr auch in Berlin und München zu sehen sein wird. 365 Abbildungen in ausgezeichneter Druckqualität gehören ebenso zu diesem Buch, ausführliche Essays über das Schaffen Penns von Maria Morris Hambourg, Philip Garner, Jeff L. Rosenheim, Adam Kirsch und anderen.
Jörg Konrad
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Montag 17.04.2017
Jonathan Safran Foer „Hier bin ich“ Kiepenheuer & Witsch
Es gibt kaum einen Autor, der die Kunst des Dialogs in Form des blitzgescheiten Smalltalks so schwindelerregend perfekt beherrscht, wie Jonathan Safran Foer. Zumindest in seinem neuen, seinem dritten Roman „Hier bin ich“, lässt er seine Figuren ununterbrochen miteinander reden. Wie nebenbei setzt sich über deren Gespräche das Beziehungsgeflecht der jüdischen Familie Broch und damit die Handlung des Buches mosaikartig zusammen. Hier prallen die weltlichen Probleme der modernen Zivilgesellschaft und die traditionellen Lebensriten des Judentums erbarmungslos aufeinander. Es geht um Liebe, um unerfüllte Hoffnungen, um Pubertät und Midlifecrisis, um Religion und Naturkatastrophen, um Erotik, um die modernen Technologien unserer Zeit und vieles mehr. Das ist manchmal auch (unfreiwillig) komisch und insofern handelt dieses oft auch todtraurigen Buch von Schlagfertigkeiten und Grenzen des Humors.
Foer strickt das inhaltliche Geschehen mit scheinbar schneller Nadel und einem unglaublich (intelligenten) Gespür für zwischenmenschliche Situationen: Das Ehepaar Broch, Julia und Jacob und ihre drei Söhne, sowie Großvater Isaac, der ins Altersheim soll, machen sich in Washington, D.C. das Leben zu einer einzigen Hölle. Die Liebe der Eltern bröckelt, die Kinder äußern sich in der Schule rassistisch, der Großvater lebt in der Vergangenheit und kämpft noch immer gegen die Nazis. Dann kommen aus Israel der Cousin Jacobs mit seinem Sohn Barak zu Besuch, um Bar Mizwa (Fest der religiösen Mündigkeit) des ältesten Sohnes der Blochs zu feiern. Aufgrund eines verheerenden Erdbebens im Nahen Osten bleibt die Verwandtschaft zwangsläufig weitere Wochen in Washington und das Chaos nimmt seinen Lauf.
Jonathan Safran Foer stellt in „Hier bin ich“ so ganz nebenbei die Frage, welches die richtige Lebenseinstellung für Juden fern ihrer Heimat ist. Sollen sie ihre eigenen Traditionen und Riten ausleben und die Gegenwart zugunsten der Vergangenheit abstimmen. Es handelt sich um den Prozess des Kulturwandels. Also die individuelle Assimilation, um mit der Mehrheit der Gesellschaft zu verschmelzen?
So wie man das Buch liest, handelt es sich um einen Eheroman, einen Familienroman, eine Trennungsgeschichte, ein Sittenbild, einen Entwicklungsroman, ein Religionsbuch, einen Identitätsroman, ein Buch der Gleichnisse. Was kann einem Roman im Grunde besseres passieren?
KultKomplott
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Dienstag 28.03.2017
Julian Barnes „Der Lärm der Zeit“
In Julian Barnes' Roman „Der Lärm der Zeit“ wartet ein Mann auf den Tod. Es ist das Jahr 1937. Nacht für Nacht steht der 31-jährige Schostakowitsch am Aufzug bei seiner Wohnung in Leningrad, einen Handkoffer neben sich. Denn sie kommen immer in der Nacht. Jeden Augenblick kann Stalins Geheimpolizei erscheinen, um ihn zu holen. Damit ist ein Hauptmotiv des ganzen Buches angeschlagen: die Angst, die Angst vor dem Tod durch ein totalitäres Regime.

„Der Lärm der Zeit“, 2017 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, ist ein Künstlerroman, er beschreibt das Leben des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Sein Thema ist ein zunehmend wieder aktuelles: der Künstler und sein Verhältnis zur Macht. Ist es möglich, in einer Diktatur als Mensch und als Künstler den Repressionen standzuhalten und seine Integrität zu wahren? Ist es möglich, im Lärm der Zeit wahrhaftige Kunst zu schaffen? Barnes' Buch ist ganz aus der Innensicht des Komponisten geschrieben, es stellt seine verzweifelte Auseinandersetzung mit sich selbst dar, seine Sehnsucht nach moralischer und künstlerischer Aufrichtigkeit, seine Angst, sein Versagen.

Im Januar 1936 verlässt Stalin Schostakowitschs gefeierte Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ mitten während der Vorstellung. Den Verriss, der am Tag darauf in der Prawda erscheint, hat Stalin wahrscheinlich selbst geschrieben - erkennbar an den grammatischen Fehlern, die nicht korrigiert werden dürfen. Daraufhin wird Schostakowitsch zum „Volksfeind“ erklärt, seine Opern und Ballette werden abgesetzt, und die Angst wird sein lebenslanger Begleiter. Die Partei hat die Aufsicht über die Kultur übernommen, zahllose Menschen aus Schostakowitschs Umgebung werden hingerichtet oder verschwinden  in Lagern. Nach marxistisch-leninistischer Auffassung hat die Musik im Dienste des russischen Volkes zu stehen, sie soll harmonisch, realistisch und leicht verständlich sein. Das schlimmste Verbrechen eines Komponisten ist es, „westliche Musik“ zu schreiben. Die gilt als formalistisch und chaotisch und als Ausdruck einer dekadenten Bourgeoisie. Dieser Ideologie widerspricht Schostakowitschs Verständnis von Musik zutiefst – Kunst kann sich für ihn nicht ohne Freiheit entfalten. Er versucht zwar, der Wahrheit seiner Musik zu folgen, aber er weiß von sich, dass er ein schüchterner und ängstlicher Mensch ist und nicht den Mut hat, sich offen gegen das Regime zu stellen. Um sich selbst und seine Familie zu schützen, passt er sich immer wieder an, er schweigt, er geht Kompromisse ein. Seine größte „moralische Schande“ erlebt er, als er auf einer USA-Reise gezwungen wird, den Komponisten öffentlich zu verraten, dessen Musik er am meisten verehrt: Strawinsky. „Das herausragende Beispiel für eine solche Perversion, hörte er sich sagen, sei das Werk von Igor Strawinsky, der sein Vaterland verraten und sich von seinem Volk abgesondert habe, indem er sich der Clique reaktionärer moderner Musiker angeschlossen habe.“ Die Folge von Schostakowitschs moralischer Korruption ist für ihn Ekel vor sich selbst. Aber trotzdem verurteilt ihn der Roman nie. „Wer sich selbst rettete, konnte auch die Menschen um sich herum retten, die Menschen, die er liebte. Und da man alles auf der Welt tun würde, um die Menschen zu retten, die man liebte, tat man auch alles auf der Welt, um sich selbst zu retten.“

„Der Lärm der Zeit“ ist ein knapp und konzentriert formuliertes und kunstvoll komponiertes Buch. Leitmotive wie Angst, Liebe und Verrat durchziehen den ganzen Text, der aber nie larmoyant wird. Man kann es als Verbeugung vor der russischen Literatur lesen, dass Einleitung und Schluss des Romans auf einem Bahnhof spielen. Auch am Anfang und am Ende von Tolstois „Anna Karenina“ steht eine Bahnhofsszene. Der Bahnhof ist ein Motiv, das auf Reisen, auf Ankommen und Abschied, auf Leben und Tod verweist. Schostakowitschs Lebensreise ist in drei Kapitel aufgeteilt. Die ersten beiden beginnen mit dem Satz: „Er wusste nur eins: dies war die schlimmste Zeit.“ Diese Aussage steigert sich im 3. Kapitel zu: „Er wusste nur eins: dies war die allerschlimmste Zeit.“ Es beschreibt die  letzte Lebensphase, in der Schostakowitsch als der berühmteste russische Komponist seiner Zeit gefeiert und mit Ehrungen überhäuft wird. Er hat sich mit der Macht arrangiert, aber die Macht hat sein Rückgrat gebrochen und seine Seele zerstört. Was ihm bleibt, ist Selbsthass.

Aber es bleibt ihm auch die Hoffnung, dass er trotz allem große Musik geschrieben hat, dass er mit seinem Werk etwas geschaffen hat, „das vom Lärm der Zeit rein war und alle und alles überdauern würde.“
Lilly Munzinger, Gauting


Julian Barnes
„Der Lärm der Zeit“
Kiepenheuer & Witsch
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Sonntag 19.03.2017
James Salter „Charisma“ Berlin Verlag
„Sie war eine Frau, die Bücher gelesen, Golf gespielt, Hochzeiten besucht hatte, die schöne Beine besaß, die Stürme überstanden hatte, eine gute Frau, die jetzt niemand mehr wollte.“
„Dämmerung“ ist eine der ergreifendsten Kurzgeschichten in „Charsima“. Nur sieben Seiten lang, schildert James Salter mit knappen, eleganten, starken Sätzen die Melancholie eines Lebensabends. Er erzählt von einer „geschiedenen Frau in einem gewissen Alter“ und ihrem „halbherzigen Liebhaber“. Salter beschreibt die Landschaft, in dem ihr behaglich eingerichtetes Haus und der gepflegte Garten sich befinden – aber es ist „regnerisch und diesig“. Ideales Jagdwetter. Mrs. Chandler ist sechsundvierzig Jahre alt. 
Wie in vielen von Salters Kurzgeschichten zeigt sich die Seelenlage der handelnden Personen zwischen den Sätzen. Der 1925 in New York geborene beschreibt, manchmal leicht unterkühlt und in einer fast gnadenlosen Perfektion, Situationen und Handlungen. Und ganz plötzlich, innerhalb eines einzigen Satzes, bekommt die Geschichte einen Bruch, wird die (scheinbare) Harmonie zur (tatsächlichen) Tragik. Es ist, als stürze man unvorbereitet durch eine Falltür einen Stock tiefer und befindet sich in einer völlig neuen Lebenslage. Die Gefährlichkeit des vorherigen Weges wird einem erst in diesem Moment voll bewusst. Plötzlich haben die Figuren ein erschütterndes Schicksal.
„Charisma“ enthält sämtliche Kurzgeschichten, die Salter zwischen den 1960er und 1980er Jahren veröffentlichte. Hinzu kommen drei hochinteressante Vorlesungen über Literatur, die Einblick geben, in die Schreibmotivation, sein ganz persönliches Verhältnis zur Literatur und zu anderen Schriftstellern und, so ganz nebenbei, über den Humor, mit dem der Autor einige Situationen in seinem schriftstellerischen Leben meisterte.
James Salter ist einer von jenen Autoren, die spät entdeckt wurden. Aber nicht zu spät. Sein erster Roman erschien in Deutschland 1998 - da war er immerhin schon 63jährig, und, wie wir heute wissen, sein literarischer Schaffensprozess war fast schon beendet. Alles was danach in deutscher Sprache verlegt wurde, war Jahre, zum Teil Jahrzehnte alt. Salter wurde in Deutschland somit zwar zu Lebzeiten entdeckt, war aber nie, was die Veröffentlichungen betraf, aktuell. Dafür zeitlos!
Die Literatur wurde Salters zweite Karriere. Zuvor war er ausgebildeter Pilot, eingesetzt im Koreakrieg, bis er 1957 den Dienst quittierte, um sich allein der Schriftstellerei zu widmen. Seine anfangs in Zeitschriften veröffentlichten Kurzgeschichten dienten seinen späteren Romanen oft als Grundlage. Eine zeitlang verfasste er Drehbücher („Alle Schriftsteller lieben das Kino“) - aber nur wenige wurden tatsächlich auch verfilmt. Seine großen Vorbilder waren Vladimir Nabokov, William Faulkner, Saul Bellow und Isaac Singer. Mit Bellow, Nobelpreisträger 1976, verband ihn eine jahrelange Freundschaft. Auch wenn Bellow eine völlig andere Herangehensweise im Umgang mit der Literatur an den Tag legte wie Salter, verband beide doch die pure Leidenschaft am Schreiben, nicht unbedingt deren Wirkung. „Bekanntlich fallen Menschen bisweilen beim Anblick gewisser Dinge oder beim Hören irgendwelcher Neuigkeiten oder der Stimme eines lange tot Geglaubten in Ohnmacht, aber niemand wird beim Lesen eines Buches ohnmächtig. Was nicht heißt, dass Bücher keine Wirkung haben; sie haben eine andere Art von Wirkung.“
Jörg Konrad
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Mittwoch 08.03.2017
Jean-Luc Seigle „Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“ C.H.Beck
Ein mutiges Buch. Jean-Luc Seigle hat sich das Leben und Schicksal von Pauline Dubuisson für seinen Roman vorgenommen. Er ist nicht der einzige, denn Henri-Georges Clouzot verwendete schon 1960 für seinen Film „Die Wahrheit“ mit Brigitte Bardot den Gerichtsprozeß um Dubuisson als Vorlage. Der Film, der von einer jungen, liebeshungrigen, aber kalten und narzisstischen Person erzählt, die vorsätzlich ihren Ex-Verlobten umbringt, wurde berühmt. Ob er seiner Vorlage Pauline Dubuisson gerecht wurde?
In seinem Roman „Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“ lässt Seigle sie selbst erzählen. Es ist ein fiktives Tagebuch über ihr kurzes, verzweifeltes Leben.
Pauline Dubuisson wird am 11. März 1927 geboren, die begabte, schöne Tochter einer bürgerlichen, französischen Familie mit drei weiteren Söhnen. Pauline verehrt ihren Vater sehr. Ihre Mutter geht ganz darin auf, für das leibliche Wohl der  Familie zu sorgen, besonders nach ihren traumatischen Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges in Lille, wo sie viele Kinder verhungern sah. Als zwei ihrer Söhne gleich zu Anfang des Zweiten Weltkrieges fallen, stürzt sie in eine tiefe Depression. Der Vater ist völlig darauf fixiert, seine trauernde Frau wieder in sein gewohntes Leben zurückzuholen. Pauline fühlt sich ausgeschlossen und entwickelt einen großen Hunger nach Bestätigung und Liebe. Sie lässt sich mit vielen jungen Männern ein, was ihr einen schlechten Ruf einträgt. Als begabte Schülerin kann sie aber mit 16 die Schule abschließen und will Medizin studieren. Der Vater, dessen größte Sorge der Zustand seiner Frau ist, sieht jedoch in Paulines Wirkung auf Männer eine Chance, an die Versorgung der deutschen Besatzer heranzukommen und verschafft ihr eine Praktikantinnenstelle bei einem deutschen Wehrmachtsarzt im Krankenhaus ihrer Stadt Dunkerque. Sie wird zur gelehrigen Schülerin und zur Geliebten dieses Arztes und bringt für die Familie die ersehnten Lebensmittel nach Hause – was ihrer Mutter zu neuem Lebensmut verhilft. Als der Krieg zu Ende ist muss Pauline dafür bitter bezahlen, sie wird von Männern der Résistance in einem Volkstribunal zum Tode verurteilt, geschoren, brutal vergewaltigt und entkommt ihrem Tod nur knapp, weil der Vater, als verdienter Offizier der Armee und Vater zweier für Frankreich gefallener Söhne sich in letzter Sekunde für sie einsetzt und sie in Sicherheit bringt. Er verlässt mit ihr die Stadt und pflegt sie gesund.
Als sie später ein Medizinstudium beginnt, lernt sie ihre große Liebe Félix kennen und vertraut ihm ihre Geschichte an, Er wendet sich ab. Verzweifelt über seine Verachtung erschießt sie ihn im Affekt. Daraufhin nimmt sich ihr Vater das Leben. Sie selbst wird zum Tode verurteilt, später zu lebenslanger Haft begnadigt, mehrfach versucht sie, sich umzubringen.
Nach vielen Jahren Haft entlassen, wird sie mit dem Film von Henri-Georges Clouzot konfrontiert, der aus ihrer Geschichte ein Drama um eine narzisstische Frau gemacht hat, ohne den Hintergrund ihres Lebens zu ergründen. Die einzige Person, die ihr geblieben ist, ist ihre Mutter, die sie nicht verurteilt.
Sie verlässt Frankreich um in Marokko ein neues Leben anzufangen, arbeitet dort als Ärztin und lernt Jean kennen. Sie weiß, dass sie mit einer Lüge nicht leben kann und schreibt für ihn ihre Geschichte in Tagebüchern auf. Sie erhofft sich in der Liebe zu ihm eine erlösende Wendung ihres Lebens, aber erlebt erneut verachtendes Unverständnis. Daraufhin beschließt sie sich das Leben zu nehmen und stirbt 1963 mit 36 Jahren in Essaouira.
Pauline Dubuissons Lebensgeschichte, wie Seigle sie erzählt, zeigt, dass es keine einfachen Antworten auf Fragen nach Schuld und Moral gibt – für keine Person in diesem Drama, das gleichzeitig wie eine erschütternde Momentaufnahme der Zeitgeschichte erscheint.
Warum ein mutiges Buch? Weil sich Seigle zugetraut hat, all dies zu einer dichten, einfühlsamen, atemberaubenden Geschichte zu machen, indem er ihre Tagebücher nacherfindet. Ob alles genau so war? Wir wissen es nicht, aber können vielleicht dieser Frau sehr nahe kommen, ihren Gedanken, ihren Verstrickungen, ihrer Verzweiflung, ihren Träumen.
Chapeau!
Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
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