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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Janos Szekely "Verlockung" Diogenes Verlag

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Drei mal Der Hörverlag

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Andrej Tarkowskij „Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills und Polar...

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Delphine de Vigan „Nach einer wahren Geschichte“ Dumont

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Karel Capek „Der Krieg mit den Molchen̶...

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Robert Rauschenberg „Photographien 1949 – 1962“ Schirmer ...

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Freitag 24.02.2017
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Janos Szekely "Verlockung" Diogenes Verlag
Ungarn zwischen den Weltkriegen. 1919 kam Admiral Miklos Horthy an die Macht, ein überzeugter Antisemit, der ein autoritäres Regime aufbaute und später an der Seite Hitlers in den Krieg eintrat. Heute werden ihm in Ungarn wieder Denkmäler errichtet. In dieser Zeit, in der Kriegsgewinnler ihr Geld verprassten und Bauern und Arbeiter hungerten, spielt der Roman „Verlockung“ von Janos Szekely. Er hat ihn während des 2. Weltkriegs im amerikanischen Exil geschrieben.
Im Jahr 2000 wurde das Buch bei uns wiederentdeckt und 2016 vom Diogenes Verlag in überarbeiteter Fassung wiederaufgelegt.
Janos Skeley führte ein abenteuerliches Leben. Er wurde 1901 geboren und wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen bei seiner Mutter in Budapest auf. Früh schon machte er mit Gedichten auf sich aufmerksam. Ein Antikriegsgedicht zwang den 18-Jährigen unter dem Horthyregime zur Flucht nach Berlin. Er kam zur UFA und schrieb zahlreiche Drehbücher für Stumm- und Tonfilme. 1934 holte ihn Ernst Lubitsch nach Hollywood. Szekely ließ sich in New York nieder. Hier entstand „Verlockung“, 1946 veröffentlicht und von der Kritik als Meisterwerk gefeiert. Unter McCarthy musste Szekely erneut emigrieren. Er war wegen „subversiver Aktivitäten“ angeklagt. 1958 starb er in Ostberlin.
In sein Buch hat Szekely viel selbst Erlebtes einfließen lassen. Der packende Gesellschaftsroman erzählt die Geschichte von Bela, dem unehelichen Sohn einer jungen Magd in der ungarischen Provinz. Da sie ihr Kind nicht selbst ernähren kann, gibt sie es bei einer alten Hure in Pflege, die zahlreiche uneheliche Kinder aufzieht und mit dem Geld der Mütter ein angenehmes Leben führt. Bela erfährt keine Liebe, er erlebt Armut und Erniedrigung. Nur der Lehrer des Dorfes erkennt, dass er ein aufgewecktes und wissbegieriges Kind ist und ermöglicht ihm den Schulbesuch. Doch seine Schullaufbahn nimmt ein Ende, als seine Mutter ihn nach Budapest holt, wo sie ihren kümmerlichen Lebensunterhalt als Wäscherin verdient. Hier geht Belas Kampf ums Überleben weiter. Er erhält eine schlecht bezahlte Stelle als Liftboy und Page in einem Luxushotel, und er lebt nun in zwei entgegengesetzten Welten: in der reichen, dekadenten Welt des Hotels, und in dem Elendsquartier, in dem seine Mutter vegetiert. „Meine Mutter stand morgens um fünf Uhr auf und schuftete bis zum späten Abend, aber ihr Verdienst war geringer als die Kosten eines Frühstücks im Hotel, das gähnenden Damen um elf Uhr vormittags im Bett serviert wurden.“ Um kein Geld für die Straßenbahn auszugeben, geht Bela jeden Tag sieben Stunden zu Fuß zum Hotel und zurück, und er stopft sein dünnes Hemd mit Zeitungspapier aus, um auf dem langen Weg nicht zu sehr zu frieren.
Mit Ironie, Mitleid und Wut schildert Szekely die unglaubliche Armut des Proletariats. Hunger, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit treiben viele Menschen in die Kriminalität und in die Verzweiflung. Arbeitslosenunterstützung gibt es nicht, nur die Polizei und die Justiz werden ständig verstärkt. Immer mehr Selbstmörder werden aus der Donau gefischt. Unter der Spüle von Belas Mutter steht die Laugenflasche als letzter Ausweg.
Diese Verhältnisse sind der Boden, auf dem sozialistische Ideen gedeihen. Bela bekommt Kontakt zur verbotenen Kommunistischen Jugend, die im Untergrund agiert. Er beschließt, gegen die Ausbeutung der Armen zu kämpfen und beginnt, Gedichte zu schreiben.
Doch dann erliegt er der „Verlockung“ der Erotik. „Ihre Exzellenz“, die verführerische, exzentrische Dame von Apartment 205, macht den 16-Jährigen zu einem ihrer zahllosen Liebhaber, und dabei kann sie sich nicht einmal seinen Namen merken. Bela verfällt ihr und hat das Gefühl, sich selbst zu verlieren. „Meine Seele war obdachlos.“
Eines Tages taucht Belas Vater wieder auf, der „schöne Miska“, ein unzuverlässiger Frauenheld. Und doch bringt er eine Ahnung von Fröhlichkeit und Unbekümmertheit in das Leben von Bela und seiner Mutter. Der Junge erkennt, dass er viel mit seinem Vater gemein hat: seine Abenteuerlust, seine bäuerliche Kraft. Trotz aller Not – „uns kann keiner“ ist ihr gemeinsames, trotziges Lebensmotto. So schwankt Bela zwischen Hoffnungslosigkeit, Verwirrung und einem rebellischen Überlebenswillen.
 Am Ende des Buches sieht man ihn als blinden Passagier auf einem österreichischen Donauschiff. Sein Ziel ist Amerika.
Die ebenso herzzerreißende wie spannende Geschichte entfaltet einen starken Sog. Szekely stellt die sozialen Konflikte detailgetreu und mit scharfer Beobachtungsgabe dar, und in den pointierten Dialogen erkennt man den erfahrenen Drehbuchautor. In seinem mitreißenden Erzählstil entwirft er ein lebendiges Gesellschaftspanorama.
 Szekely war ein engagierter Humanist, dessen Herz für die Armen und Ausgebeuteten schlug. Sein Roman ist eine Anklage gegen die Gleichgültigkeit und Selbstsucht der Reichen und ein flammender Aufruf für eine gerechtere, menschlichere Welt.

Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Siehe Artikel
Montag 13.02.2017
Drei mal Der Hörverlag
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Vor einigen Jahrzehnten, als Musik fast ausschließlich noch in Vinyl gepresst wurde, fanden Hörspiele und Lesungen, bis auf wenige Ausnahmen, überwiegend im Radio statt. Einzelne Sender waren Auftraggeber, manchmal auch zugleich Produzenten von mehr oder weniger wortgewaltigen Dramen, Komödien und Vorträgen. Diese wurden dann, nicht selten in langen Serien, über den Äther direkt in die Haushalte gesendet. Wer eine Folge verpasste, hatte Pech - oder ein Aufnahmegerät.
Seit dem Siegeszug der leichten und handlichen Compact Disc (CD) hat sich vieles geändert. Mittlerweile gibt es fast jede Literatur-Neuveröffentlichung auch als konservierte Lesung. Klassiker des Hörspielgenres werden als CD-Boxen wiederveröffentlicht, neue Hörspiele werden in größerem Umfang produziert. Einer der Marktführer in diesem Bereich ist Der Hörverlag. Als Anbieter von Literatur-CDs veröffentlicht der 1993 gegründete Verlag jährlich ca. 150 Titel. Hierfür arbeitete er von Beginn an mit verschiedenen gestandenen deutschen Buchverlagen zusammen. Drei Neuveröffentlichungen zeigen, wie breit das Spektrum dabei ausfällt.
Gert Westphal, von der Wochenzeitung Die Zeit als „König der Vorleser“ bezeichnet, erhielt 1964 vom WDR den Auftrag, Lew Tolstois Mammutwerk „Krieg und Frieden“ für ein Hörspiel zu überarbeiten. 1600 Seiten, mit über 250 handelnden Personen galt es, auf gute acht Stunden einzudampfen. Im ersten Moment mag diese Aufgabe unmöglich erscheinen. Aber Westphal verdichtete intelligent die Handlung, suchte sich ein Ensemble hervorragender Sprecher, zu denen unter anderem Volker Brandt, Marius Müller-Westernhagen, Heinz Bennent und Klausjürgen Wussow gehörten und gestaltete die Geschichte der napoleonischen Kriege zwischen 1805 bis 1812 dramaturgisch geschickt. Erzählt werden die damaligen Geschehnisse aus verschiedenen Adelsperspektiven, wodurch zwar die Subjektivität des Erlebten im Vordergrund steht, zugleich aber die Summe des individuell Erzählten das ganze historische Ausmaß dieser Zeit verdeutlichen. Die verschiedenen Handlungsstränge dieses monumentalen Familienepos beschreiben die von Leidenschaft und Intrigantentum gekennzeichneten Beziehungen der handelnden Personen und gipfeln in den Schlachten und Kriegen jener Jahre, sowie deren politischen wie persönlichen Auswirkungen. Es ist klar, dass in der Form des Hörspiels weniger die sprachliche Vollkommenheit Tolstois zum Ausdruck kommt, als vielmehr die Lebendigkeit einzelner Szenen im Vordergrund stehen. Dieses „übersetzen“ gelingt Gert Westphal ausgezeichnet und macht die vorliegende Box mit 10 CDs zu einem akustischen Literatur-Ereignis.
Es gibt kaum einen Autor, der außerhalb seiner Heimat, den USA, mehr unterschätzt wurde, als John Williams. Nun ist binnen 4 Jahren der dritte Roman des schon 1994 verstorbenen Autors erstmals in deutscher Sprache erschienen: „Augustus“. Ein Briefroman, in dessen Mittelpunkt Gaius Octavius, genannt Augustus, der erste römische Kaiser steht. Williams entwirft aus Tagebuchaufzeichnungen und Briefen von Zeitgenossen, wie Cicero, Horaz, Vergil und Ovid, damaligen Senatsprotokollen und Gedichten die Biographie eines der mächtigsten Herrscher der Menschheit. Nur: Ein überwiegender Teil dieser Quellen sind nicht authentisch, sondern das geistige Produkt John Williams. Ihm ist es gelungen, einen plausiblen und fesselnden Roman zu schreiben, der sich zeitweise wie eine historische Abhandlung liest.
In der vollständigen Lesung (auf 2 mp3-CDs mit einer Länge von über 14 Stunden) werden die unterschiedlichen „Quellen“ von verschiedenen Stimmen vorgetragen, wodurch die Lebendigkeit dieses fast möchte man sagen Entwicklungsromans, trotz der spürbaren Einsamkeit und auch Qual, deren sich die Hauptfigur ausgesetzt fühlt, um vieles bunter und vitaler ausfällt. Über dreißig Sprecher vermitteln die Atmosphäre, hautnah Weltgeschichte zu erleben.
Auf insgesamt 6 CDs hat Herausgeber Gunter Fette das einmalige Talent des großen Münchner Originals Karl Valentin unter dem Titel „Die Zukunft war früher auch besser“ für den Hörverlag zusammengefasst. Sich beziehend auf die „Gesamtausgabe Ton“ des Trikont Verlages aus dem Jahr 2002 präsentiert Fett den kauzigen Kabarettisten thematisch geordnet. So ist je eine CD der vorliegenden Ausgabe der „wahrhaftigen Weltbetrachtung“, der „Gesundheit“, den „Frauen“, den „sprachlichen Wirrungen“, der „Musik“ und eine dem „Linksdenker“ und „Liesl Karlstadt“ gewidmet. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1928 und 1947 überwiegend in München.
Valentin, zu dessen Beerdigung Aschermittwoch 1948 es keine offizielle Anteilnahme der Stadt München gab und dessen gesamter Nachlass von seiner Witwe Liesl Karlstadt 1953 aufgrund materieller Not veräußert werden musste (er wurde gekauft von einem Kölner Theaterwissenschaftler und Sammler für ganze 7000 DM!), gehört zu den ersten und eindringlichsten deutschen Komikern und Volkssängern, die auch die technischen Möglichkeiten jener Jahre, wie Rundfunk, Schallplatte und Kino, für sich zu nutzen verstanden. Seine Sketche und sprachakrobatischen Verrenkungen sind somit nicht nur dokumentiert, sondern dienten zugleich vielen Generationen von Kabarettisten und Spaßvögeln nach ihm als Vorlage. Wer Valentin kennenlernen möchte, liegt bei dieser Edition vollkommen richtig. Frei nach Valentin Ludwig Fey, genannt Karl Valentin: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“
KultKomplott
 

Lew Tolstoi
„Krieg und Frieden“
10 CD Box

John Williams
„Augustus“
2 mp3-CD 

Das Beste von
Karl Valentin
„Die Zukunft war früher auch besser“
6 CD-Box

Alle drei veröffentlicht bei Der Hörverlag
Autor: Siehe Artikel
Montag 30.01.2017
Andrej Tarkowskij „Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills und Polaroids“ Schirmer / Mosel
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Foto: Filmstill aus „Ivans Kindheit“, 1962; Filmstill aus „Andrej Rubljov“, 1964/66; Alle Fotos © Schirmer/Mosel, München 2012
„Freunde, heute werdet ihr etwas ungewöhnliches sehen. Etwas, das es auf unserer Leinwand bislang noch nicht gab.Aber ihr könnt mir glauben: es verrät ein großes Talent! Der Regisseur heißt Andrej Tarkowskij.“
(Michail I. Romm 1962 bei der Präsentation von „Iwans Kindheit“ im Moskauer Filmverband, zitiert nach Maja J. Turovskaja)

Ein Film erzählt in unvergleichlichen Bildern die Lebensgeschichte des Fresken- und Ikonenmalers Andrej Rubljow (1360 bis 1430). Zwischen 1964 und 1965 in der damaligen Sowjetunion gedreht, wurde dieses „Meisterwerk“ nicht nur aufgrund seiner naturalistischen Schilderungen von den heimischen Zensurbehörden verboten. 1969 in Cannes aufgeführt, löste Andrej Rubljow eine diplomatische Krise zwischen Frankreich und der Sowjetunion aus, die einen Exportverbot dieses Films nach sich zog.
Ein anderer Film entstand knapp eineinhalb Jahrzehnte später und handelt von einem militärisch abgeschirmten Gebiet, von allen „die Zone“ genannt, in der es angeblich rätselhafte Erscheinungen gäbe. Die Menschen werden im unklaren gehalten, ob es sich hier um den Unfall eines in der Nähe befindlichen Atomkraftwerkes handelt, oder um den Einschlag eines Meteoriten. Ein Stalker führt  illegal durch dieses Areal. Das Ziel aller ist der „Raum der Wünsche“.
Sowohl „Andrej Rubeljow“ als auch „Stalker“ stammen von Andrej Tarkowskij (1932 - 1986) und gelten heute als Klassiker der Kinohistorie. Tarkowskij blieb trotz der internationalen Würdigung seiner (insgesamt sieben) Filme im eigenen Land die Anerkennung verwehrt. Im Westen war er hingegen schon zu Lebzeiten eine Legende. Er emigrierte 1983 nach Italien und starb drei Jahre später mit nur 54 Jahren in Paris.
Anlässlich seines 80. Geburtstages erschien im Verlag Schirmer/Mosel 2012 die erste große Monographie über das Gesamtwerk des Regisseurs. Nun ist „Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills und Polaroids“ als Sonderausgabe erneut in den Handel gekommen. Es ist eine respektvolle Verbeugung vor diesem einzigartigen Filmpoeten und Visionär. Tarkowskij macht mit seinem Werk bis heute faszinierend deutlich, was Kino ist, was Kino sein kann. „Die unbestreitbare Funktion der Kunst liegt für mich in der Idee des Erkennens, in jener Wirkungsform, die sich als Erschütterung, als Katharsis manifestiert“, schreibt er selbst in seinem Aufsatz „Die versiegelte Zeit“.
Zusammengestellt hat diesen umfassenden Bildband Andrej Tarkowij (der Sohn des Cineasten) und die beiden Filmhistoriker und -kritiker Hans-Joachim Schlegel und Lothar Schirmer. Das Buch beleuchtet auf 288 Fotos, in Essays und filmographischen Texten die Arbeit Tarkowskijs und gibt Einblicke in seine überragende Kunst. Der Russe war Zeit seines Lebens ein Zweifler, aber ein Zweifler aus Überzeugung. Ihm ging es nicht um schnelle Antworten. Schon gar nicht um griffige Erklärungen. Die Realität war für ihn ebenso geheimnisvoll, wie grausam. Und diese Überzeugung übersetzte er in magische, manchmal traumatisch schöne Bilder, deren poetische Sprache tief berührt. Bis heute. Sein Schmerz an der Unvollkommenheit der Menschheit ist hier ebenso zu spüren, wie eine leise Hoffnung. Das Hinterfragen in seinen Filmen diente einzig dem Respekt des Individuums. Seine Stärke war nicht unbedingt das plausible Erzählen einer Geschichte. Wer sich auf Tarkowski einlässt, braucht Geduld, braucht Offenheit, muss Unsicherheiten und immer neue Fragen aushalten. Seine Ästhetik ist eine Ästhetik des Kargheit und auch des Verzichts. Seine überwältigenden Bilder sind oft hart erkämpft, dem Leben abgerungen und ein grauer Gegenentwurf zum bonbonfarbenen Hollywood.

„Tarkowskij ist für mich der Größte, weil er dem Kino eine neue, besondere Sprache gegeben hat, die es ihm erlaubt, das Leben als Vision, als ein Traumbild zu erfassen.“ (Ingmar Bergmann, schwedischer Regisseur)

Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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Donnerstag 12.01.2017
Delphine de Vigan „Nach einer wahren Geschichte“ Dumont
Nach einer wahren Geschichte“ hat die Autorin ihr Buch genannt und manipuliert uns damit bereits. Zunächst bekommen wir scheinbar auch was wir erwarten und was uns fesselt: die wahre Geschichte über die Schriftstellerin Delphine de Vigan, die mit einem Buch über die Lebensgeschichte ihrer Mutter, die unter einer bipolaren Störung litt und sich das Leben nahm, einen Bestseller in Frankreich veröffentlicht hatte („Das Lächeln meiner Mutter“, 2011). Darin hat sie viel über ihre Familie offenbart und einen tiefen Einblick in die eigene Psyche gewährt – mehr als ihr dies in seiner Tragweite zunächst bewusst war. Und die faszinierten Leser haben gierig jedes Detail recherchiert und sind ihren Spuren bis in ihr privates Leben gefolgt, auf der Suche nach der „Wahrheit“.
Was kann nach so einem Buch nun folgen? Mitten in dieser Frage begegnet Delphine de Vigan auf einer Veranstaltung einer Frau, die gewandt, elegant, selbstsicher ist und sich für sie und ihre Arbeit interessiert. Sie ist Ghostwriterin für Prominente und das glatte Gegenteil von Delphine, der eher scheuen und unsicheren Autorin, die den überraschenden Ruhm des Buches noch gar nicht verkraftet hat.
Diese Frau L. (das französische „elle“ klingt da an) nimmt nach und nach einen immer größeren Platz in ihrem Leben ein und Delphine genießt den Austausch mit der neuen Freundin, die ihr so nah und vertraut scheint. Sie ist ständig verfügbar, übergriffig hilfsbereit, diskutiert Delphines schriftstellerischen Pläne, stellt diese in Frage und versucht, sie von allen fiktiven Szenarien abzubringen. Sie fordert sie heraus, ein Buch zu schreiben, das noch persönlicher werden soll als das vorherige. Schritt für Schritt  gerät Delphine in eine Schreibblockade, schottet sich immer mehr ab, während gleichzeitig die neue Freundin ihr Leben, ihre persönlichen Kontakte, ihre Arbeit mit dem Verlag, ja sogar ihr äußeres Erscheinungsbild übernimmt, bis hin zu dem Punkt, an dem sie statt ihrer eine Lesung hält, weil sie selbst sich mittlerweile außer Stande sieht, in der Öffentlichkeit aufzutreten.
Aus  einer inspirierenden Freundschaft hat sich ein rasanter Psychothriller entwickelt, der einem Überlebens-Spiel gleicht, in dem ständig die Karten neu gemischt werden und alles in Frage gestellt wird, was vorher noch gewiss war. Und wir sind mitten drin: Was ist Fiktion, was Realität? Ist L. Trugbild oder eine existente Person? Ein zweites Ich der Erzählerin? Oder eine kriminelle Doppelgängerin? Ist der Leser voyeuristisch auf der Suche nach einem realen Hintergrund einer Geschichte? Und schreibt nicht jeder, der Erlebtes in Worte fasst, seine eigene Wahrheit? Und damit Fiktion? Ist die Schriftstellerin Delphine  die Schriftstellerin de Vigan oder heißt sie nur genauso?
Meisterhaft gelingt es der Autorin, sich allen Fragen zu entziehen und unsere Wahrnehmung zum Spielball in ihrem Literatur-Krimi zu machen, einem Krimi, der ohne Leiche auskommt, den Leser vielmehr allein durch seine psychologische Vielschichtigkeit in den Bann zieht.
Sie schafft es, ihre eigene Person der beobachtenden Neugier des Publikums wieder ein Stück weit zu entziehen und unseren Blick auf die Fragen nach schriftstellerischer Identität und Wahrheit zu lenken.

Und ein Kompliment an die Cover-Gestalter: Allein schon die typografische Gewichtung des Autorinnennamens und die scheinbare Beiläufigkeit  des Titels suggerieren dem Betrachter, es handele sich um eine autobiografische Geschichte.
Hoffentlich erzählt uns Delphine de Vigan bald wieder eine „wahre“ Geschichte!
Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
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Samstag 07.01.2017
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Karel Capek „Der Krieg mit den Molchen“ Edition Büchergilde
Sie sind gut einen Meter groß, besitzen weder Fell noch Federn - auch keine Schuppen - und ihre Augenlider schließen sich von unten nach oben. Sie leben überwiegend im Wasser, können aber auch an Land aufrecht gehen. Riesenmolche aus der Spezies der Andrias Scheuchzeri Tschudi.
Millionen dieser zugegeben hässlichen aber vernunftbegabten Wesen bevölkern die Erde. Anfangs ist ihre Entdeckung vor Sumatra eine Sensation. Später werden sie wie Rohstoff gehandelt, Unterwassersklaven die Reichtum bringen, aber auch Menschenleben aus Seenot retten. Noch viel später werden sie als Kriegsmolche missbraucht, im Kampf der Nationen aufeinander gehetzt. Der Größenwahn und die Gier der Menschen sind eben grenzenlos.
Bis die intelligenten Tiere als Folge ihrer schonungslosen und Natur verachtenden Ausbeutung revoltieren, einen Chief-Molch ernennen, der eine eigene Armee aufrüstet und einen unvorstellbaren Feldzug gegen die menschliche Zivilisation führt. Heere von Molchen fluten ganze Kontinente (bis die Polkappen schmelzen!), stellen der Menschheit Ultimaten, werden vom reglementierten Untertan zum Beherrscher der Welt. Bis sie sich am Ende selbst bekämpfen.
Karel Capek veröffentlichte „Der Krieg mit den Molchen“ 1936. Dieser bekannteste (fantastische) Roman des gebürtigen Tschechen entstand zu einer Zeit, als in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. Capek, der Zeit seines Lebens überzeugter Gegner jeder diktatorischen Regierungsform war und offensiv gegen den Faschismus kämpfte, hat dieses Buch als Parabel geschrieben. Eine berückende Geschichte, die überspitzt und voller Satire zusammenfasst, wohin die menschliche Gesellschaft unwiderruflich navigiert, wenn sie sich allein von ihrer Gier nach Wohlstand und Herrentum leiten lässt.
Im Laufe seines kurzen Lebens (1890-1938) verfasste Capek eine große Anzahl an Romanen, Erzählungen, Dramen und Reiseberichten. In dieser Ausdrucksvielfalt ist mit Sicherheit auch die unglaublich breit angelegte Erzählweise des vorliegenden Romans begründet. Capek treibt die Geschichte aus den unterschiedlichsten Perspektiven voran. Er schreibt im Ton eines alkoholabhängigen Seebärs in Person des Kapitän van Toch, der einst die Molche entdeckte. Dann ist der Text wieder eine faszinierende wissenschaftliche Abhandlung (mit Literaturverzeichnis), in der die Geschichte der Molche im Allgemeinen und die der Riesenmolche im Besonderen thematisiert wird. Selbst „Über das Geschlechtsleben der Molche“ gibt es einen „Nachtrag“. Capek zitiert Pressemeldungen und schreibt selbst im Ton altgedienter Militaristen, die die kriegerischen Schlachten und Schlachtpläne analysieren. Diese Vielfalt an Stimmen und Stimmungen geben dem Roman Frísche und Lebendigkeit, als handele es sich um eine reale Geschichte, wie sie H.G. Wells im Jahre 1938 in seinem Hörspiel „Der Krieg der Welten“ inszenierte.
Die letzte Auflage dieses Romans in deutscher Sprache ist 1984 im Ostberliner Aufbau-Verlag erschienen. Hans Ticha illustrierte dieses packende und entlarvende Werk mit seinen skurrilen und eigenwilligen Farblithographien. Sie illustrieren die Geschichte auf einzigartig passende Weise und werten diesen an sich schon bemerkenswerten Text künstlerisch noch einmal auf. Glückwunsch und Respekt der Edition Büchergilde, die dieses Meisterwerk in der Übersetzung von Eliska Glaserova neu veröffentlichte.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Montag 26.12.2016
Robert Rauschenberg „Photographien 1949 – 1962“ Schirmer / Mosel
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© 2011 Robert Rauschenberg Foundation, New York/ courtesy Schirmer/Mosel
Bekannt geworden ist Robert Rauschenberg (1925 - 2008), als er ein Bild seines Idols William de Kooning 1953 (mit dessen Einverständnis) ausradierte und dann zum Kunstwerk erklärte. Er habe sich vier Wochen an dem Bild „geschafft“ und fünfzehn Radiergummis verbraucht. „So lange habe ich wohl nie wieder an einem Bild gearbeitet“, sagte er später in einem Interview.
Rauschenberg war Maler, Grafiker und Objektkünstler und beeinflusste mit seinem Gesamtwerk die Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig. In den Motiven, Installationen und Kombinationen, die der Texaner schuf, widerspiegeln sich sehr deutlich Realität und künstlerische Vision. Er bearbeitete die (nach außen scheinbar) triviale Welt von Werbetafeln und Massenprodukten einer Überflussgesellschaft, holte sie ins Zentrum seiner Kunst und wurde so zum Wegbereiter der Pop-Art.
Rauschenberg konnte sich am Anfang seiner Karriere nur schwer entscheiden, ob er sich stärker der Malerei oder der Fotografie widmen sollte. Die Fotografie ist im Laufe seines Schaffens dann weniger stark in den öffentlichen Fokus des Künstlers getreten. Hingegen waren seine Fotos häufig Grundlage, Beiwerk oder auch Inspiration seiner Kunstwerke, ohne die Photographie dabei als eigenständiges Medium in Frage zu stellen.
2011 veröffentlichte der Verlag Schirmer/Mosel einen Bildband, der allein das fotografische Werk Robert Rauschenbergs präsentierte. Ein Großteil der Arbeiten in „Photographien 1949 – 1962“ ist hier erstmals überhaupt veröffentlicht worden. Nun hat der Verlag diese beeindruckende Zusammenstellung des „Allround-Modernisten“ als Sonderedition herausgebracht.
„Die hier vorliegenden 132 Photographien wurden aus mehr als 200 in diesem Zeitraum entstandenen Bildern ausgewählt, die von ihm selbst für Ausstellungen gekennzeichnet oder zur Veröffentlichung als eigenständige Photokunstwerke freigegeben worden waren“, schreiben Susan Davidson und David White im Vorwort. Es sind die ersten von Rauschenberg bekannten Fotos, seine an Röntgenaufnahmen erinnernden Blaupausen, die Selbstinszenierungen, Portraits (von John Cage oder Jasper Johns), die Bilder von seinen Reisen nach Rom, Tanger, Madrid, die Aufnahmen aus seinem Atelier. Es sind skizzenhafte Momentaufnahmen, an Dokumentation erinnernde Fotos, technisch überarbeitete oder entfremdete Arbeiten. Es ist der individuelle Blickwinkel eines Radikalen, der in der Photographie eine Art intuitiven Ruhepol findet.
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Bilder:
Robert Rauschenberg: Jasper—N.Y.C. (I), 1954 (© 2011 Robert Rauschenberg Foundation, New York/ courtesy Schirmer/Mosel)
Robert Rauschenberg: Norman’s Place, 1955 (© 2011 Robert Rauschenberg Foundation, New York/ courtesy Schirmer/Mosel)
Robert Rauschenberg: Cy + Relics, Rome, 1952 (© 2011 Robert Rauschenberg Foundation, New York/ courtesy Schirmer/Mosel)
Autor: Siehe Artikel
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