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Connie Palmen „Du sagst es“ Diogenes

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Gavin Ford Kovite & Christopher Gerald Robinson „Der Krieg der Enzyk...

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Rainer Viertlböck „Oktoberfest“ Schirmer/Mosel

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Ottessa Moshfegh „McGlue“ Liebeskind

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Scholem Alejchem „Tewje der Milchmann“...

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Michael Frayn „Das Spionagespiel“ dtv

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Mittwoch 12.10.2016
Connie Palmen „Du sagst es“ Diogenes
Wer nicht mehr genau vor Augen hat, was es mit der Liebes- und Lebensgeschichte  des Schriftstellerpaars Sylvia Plath und Ted Hughes auf sich hat, dem sei hier geraten, der Versuchung zu widerstehen erst einmal zu „googeln“. Denn das hieße vielleicht, sich eines großen Leseerlebnisses zu berauben und auf der Suche nach den Fakten die feinen Verästelungen einer großen, tragischen Liebesgeschichte zu überlesen, die die Faszination dieses Buches ausmachen.
Soweit nur zur Historie: Sylvia Plath wurde nach ihrem Freitod 1963 zur Ikone der Frauenbewegung. Ted Hughes galt als Verräter und Betrüger, dem von der Öffentlichkeit und den Freunden die Schuld an ihrem Tod angelastet wurde. Er selbst wollte sich Zeit seines Lebens dazu nicht äußern. Aber er hinterließ kurz vor seinem Tod 1998 die „Birthday Letters“, einen Gedichtband, in dem er sich intensiv mit ihrer Liebe auseinandersetzt.
Connie Palmen hat sich von diesen Gedichten inspirieren lassen und verleiht nun in ihrem fiktiven Roman „Du sagst es“ Hughes zum ersten Mal eine Stimme. Eine sehr eindringliche Stimme, denn sie lässt ihn über diese fast symbiotische Liebe erzählen, als spräche er mit einem Freund, dem er sein Innerstes anvertraut.
Dabei entsteht das Bild eines Paares, von dem jeder um sein Leben und seine Bedeutung als Schriftsteller ringt. Die beiden bestärken sich gegenseitig, fördern und fordern den anderen bis zur Selbstaufgabe; jeder versucht tief in die Gedankenwelt des anderen einzutauchen. Dabei leidet Plath unter Hughes’ immer größer werdendem Erfolg, sie spürt, dass er es schafft, sich in seinen Texten auf seine tiefsten Empfindungen einzulassen, während ihre flach und zu sehr auf die Außenwirkung bedacht bleiben, wie die Kritik ihr vorwirft.
Ihre gegenseitige Liebe ist verzehrend, fast gewalttätig. Plath ist misstrauisch, exaltiert und von depressiver Veranlagung. Voller unheilvoller Ahnungen, magisch vom Tod angezogen, wird sie in ihren Träumen von Dämonen verfolgt.
Als sie Hughes kennenlernt, hat sie schon einen Selbstmordversuch hinter sich. Ihre Beziehung zu ihrem verstorbenen Vater ist ungelöst, ihrer Mutter spielt sie in ihren Briefen die glückliche Tochter vor, die in Ehefrau- und Mutter-Dasein aufzugehen scheint. Hughes liebt sie, er erlebt ihre Seelennot, verteidigt sie gegenüber Familie und Freunden und versucht seine schützende Hand über sie zu halten, aber er erkennt dabei sein eigenes Drama nicht. Als er sich Hals über Kopf in Assia Wevill verliebt, scheint das den Ausschlag für Plaths Selbstmord zu geben. Er bleibt mit den Kindern Frieda und Nicholas zurück; auch Wevill wird sich das Leben und die gemeinsame Tochter Shura mit in den Tod nehmen , als sie erkennen muss, dass seine einzige Liebe Sylvia Plath bleibt.
Connie Palmen ist wie wohl wenige prädestiniert, so mutig demjenigen eine fiktive Stimme zu geben, der nie sprechen wollte, außer durch seine Texte. Sie selbst hat versucht, den Verlust ihrer eigenen Lebensgefährten in früheren Büchern zu verarbeiten („IM Ischa Meijer“ über Ischa Meijer und „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ über Hans van Mierlo). Wo sie ein Drama sähe, fühle sie sich magisch angezogen, bekennt sie bei einer Lesung im Münchner Literaturhaus und der Zuhörer spürt, dass es ihr ein Anliegen ist, diesen Lebensgeschichten nachzugehen und sie feinsinnig, mit großem Respekt sichtbar zu machen. Erst in den Gedichten von Hughes habe sie Plath kennen und schätzen gelernt, fernab des Mythos um dieses Paar.
Das ist in diesem berührenden Buch zu lesen.
Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 04.10.2016
Gavin Ford Kovite & Christopher Gerald Robinson „Der Krieg der Enzyklopädisten” Berlin Verlag
Friedliche Zeiten sind es nicht, in denen wir Mickey Montauk und Halifax Corderoy begegnen. Dafür liegt Seattle nicht weit genug von Bagdad entfernt. In der Hauptstadt des Grunge und der Heimstatt der Boeing Werke, beginnt die Geschichte der beiden Enzyklopädisten. Sie sind gelangweilte Zeitgeist-Surfer, die mit ihrem Leben nichts Wirkliches anzufangen wissen. Ihre Idee, als Kunstkollektiv „Die Enzyklopädisten“, die Szene zu beleben, Aufsehen zu erregen und Mädchen zu beeindrucken, funktioniert nur bedingt. Im Grunde sind sie auf der Suche nach dem Weg zu einer Identität, die ihrem Naturell entspricht.
Dann wird Mickey eingezogen, nach Bagdad, wo er das Leben im Krieg erlernt. Hal studiert in Seattle, beschäftigt sich mit existenzialistischen Fragen der Literatur. Mani, die Künstlerin, ist erst Hals Freundin. Dann heiratet sie Mickey, um sich finanziell abzusichern. Dann wäre da noch die ehemalige Mitbewohnerin von Hal, Tricia, die später in Bagdad als Korrespondentin agiert.
Die Geschichte lebt von den gegensätzlichen (Gedanken-)Welten, in denen sich die vier Protagonisten bewegen. Stark oder gar reißfest sind die emotionalen Bande untereinander nicht. Ihre Beziehungen sind ein Spiegel beziehungsarmer Zeiten. Und ihr jeweiliges Tun nicht unbedingt das Ergebnis innerer Überzeugung. So verändern sich die Charaktere der jungen Menschen in den Stürmen der Handlung zum Teil dramatisch. Eine Welt, geprägt von barbarischer Gewalt und sinnloser Zerstörung, darauf ist niemand vorbereitet. Und während Mickey am Rande Bagdads Grüner Zone die westlichen Werte verteidigt, schlängelt sich Hal passiv und lustlos durchs eigene Leben. Diese Gegensätze sind es, die aus „Der Krieg der Enzyklopädisten” einen berührenden und aufwühlenden Antikriegsroman machen. Hier die erschreckende Kriegsrealität – dort die mediale Berichterstattung, die nur erahnen lässt, wie sinnlos Krieg tatsächlich ist und was er mit den Menschen anrichtet.
gerhard von k

Gavin Ford Kovite & Christopher Gerald Robinson
„Der Krieg der Enzyklopädisten”
Berlin Verlag
Autor: Siehe Artikel
Montag 19.09.2016
Rainer Viertlböck „Oktoberfest“ Schirmer/Mosel
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„Da waren  Dutzende von Buden und Hütten voll billiger Puppen, Teddybären, Bonbontüten, Schießscheiben etc., samt dem ganzen Brimborium von doppelköpfigen Ungeheuern, Spukhäusern, fetten Damen, Zwergen Handlesern, Hypnotiseuren und der ganzen ausgeklügelten Maschinerie zur Erzeugung von Schwindelzuständen …... .“ Dieser Bericht stammt von Thomas Wolfe, dem amerikanischen Schriftsteller, aus dem Jahr 1927. Er hatte das damals schon weltgrößte Volksfest besucht und er war beeindruckt. Sein faszinierender Essay „Oktoberfest. A Story“ ist dem opulenten Bildband „Oktoberfest“ des Architekturphotographen Rainer Viertlböck vorangestellt.
Anstoß für Viertlböcks photographische Auseinandersetzung mit dem Oktoberfest, war ein Artikel von Professor Florian Hufnagel in der Münchner tz, in dem der Chef der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne sich mit dem Design aller 14 Wiesn´-Zelte beschäftigte. Hufnagl selbst schrieb über sich und die Wiesn: „Jedes Jahr geh ich hin, aber nur mittags.“ Sein Favorit wäre die Ochsenbraterei, früher der Schottenhamel. Mit wenigen Sätzen beschreibt er präzise die Innengestaltung der einzelnen Zelte, bringt das Wesentliche zum Ausdruck. „Zuerst wunderte mich eine derart intellektuelle Sicht auf diese riesigen und mir damals sehr profan erscheinenden Gebäude“, erzählt Viertlböck in einem kurzen Interview, das am Ende seines Buches zu lesen ist „dann begann mich das Thema zu faszinieren und ich beschloss, die Bierzelte zu photographieren.“
Doch es ist nicht allein bei den beeindruckenden Ablichtungen der Bierzelte in den Jahren 2014 und 2015 geblieben. Viertlböck hat ebenso die traditionellen Schausteller der Wiesn, wie den Floh-Circus, das Motodrom und natürlich den Schichtl photographiert. Aus der Distanz und immer etwas unterkühlt wirkend. Gleichzeitig findet man in diesem Prachtband die Hightech-Fahrgeschäfte („Maschinerie zur Erzeugung von Schwindelzuständen“) Geisterbahnen und Riesenräder. Manche der Szenen wirken wie knallbunte Installationen aus fernen Welten, andere wie gemalte Irrgärten, aus Verstrebungen, Lichtern und Menschen. Was nicht zu sehen ist: Ausgelassene Leidenschaft, die temperamentvollen Trinker – eben all jene Klischees, die man von sonstigen Wiesn-Bildern kennt. Selbst dann, wenn der Photograph einen Blick hinter die Kulissen des weltweit größten Volksfests wagt, wenn die Fahrgeschäfte geschlossen sind und die Bierzelte längst leergefegt, bleibt die Stimmung reserviert, wie nach der Schlacht. Gerade diese entrückte Ästhetik macht die Bilder so einzigartig, weil sie das Wesentliche erfassen, das sich zwischen hemmungslosem Temperament, kunterbunter Vergnügungswelt und verkaterter Reststimmung bewegt.
„Oktoberfest“ ist eine Liebeserklärung an das Münchner Volksfest, aus völlig neuer Perspektive. Ein auch für Wiesn-Muffel geeigneter Prachtband, die anschließend vielleicht doch einmal mit dem Gedanken spielen ….. .
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
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Dienstag 06.09.2016
Ottessa Moshfegh „McGlue“ Liebeskind
„McGlue“ ist die finale Geschichte eines schweren Alkoholikers und die Beschreibung eines existenziellen Dramas. Ein sprachlich gewaltiger Monolog, dessen naturalistische Schilderungen nicht nur tief in menschlichen Abgründen wühlen, sondern zugleich das Scheitern des Menschen an sich selbst zum Thema hat.
Auf der Suche nach Vergleichen fallen am ehesten Falladas „Der Trinker“ und William Goldings „Pincher Martin“ ein. Natürlich hinken Analogien und natürlich auch in diesem Fall. Denn Moshfegh gibt ihrer Hauptfigur, dem Seemann McGlue, eine völlig eigene Identität und vor allem eine gnadenlose Sprache. Hier ist ein Wesen, dem alles Menschliche abhanden gekommen ist, der mit seiner Abhängigkeit und einer quälenden Kopfwunde, als Folge eines Sprungs aus einem fahrenden Zug, des Mordes angeklagt ist. Er selbst kann sich nicht erinnern. Will sich an nichts erinnern. Sein Denken ist allein aufs Trinken konzentriert. Für eine Flasche Rum ist ihm keine Demütigung fremd.
Johnson, jener Mensch, den er in Sansibar mit einem rostigen Messer erstochen haben soll, rettete ihm einst im nachtkalten New Haven das Leben. Mit ihm war er als Seemann auf den Weltmeeren unterwegs, hat er ferne Länder und exotische Städte besucht. Doch im Grunde war der Alkohol der Steuermann seines Lebens, das einzig kontinuierliche während all dieser Zeit. Selbsthass und eine alles negierende Wut der Motor. Wir wissen nicht woher sie kommt.
Die Zeit der erzwungenen Abstinenz im Gefängnis ist ein Martyrium. Bruchstückhaft blitzen die Erinnerungen auf, sekundenkurz verglühen die Sinnfragen. Nie scheinen sie Teil einer Realität. Die Persönlichkeit ist gespalten - wie sein Schädel.
Ottessa Moshfegh legte dieses erschütternde Debüt 2014 vor, geschrieben in einer aufwühlender Sprache, die sich wie ein Leck geschlagener Frachter unrettbar durch schwere See kämpft. Es ist eine deprimierende Dramaturgie der Hoffnungslosigkeit und des Exzesses.
Die in Boston geborene Moshfegh, Tochter eines iranischen Violinisten und einer kroatischen Bratschistin, veröffentlichte zuvor einige Kurzgeschichten und erhielt für „McGlue“ auf  Anhieb den Fence Modern Prize in Prose und den Believer Book Award. Der Münchner Liebeskind Verlag sicherte sich die Übersetzungsrechte für diesen zwar nur 140 Seiten kurzen, dafür aber außerordentlich intensiven Text. Die Übersetzung stammt von Anke Caroline Burger.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
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Montag 05.09.2016
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Scholem Alejchem „Tewje der Milchmann“ Manesse
„Wenn ich einmal reich wär...“ - wer kennt ihn nicht, diesen unsterblichen Gassenhauer aus dem Musical „Fiddler Of The Roof“. Es ist die in Szene gesetzte Geschichte des Milchmann Tewje, die Ende des 19. Jahrhunderts in dem fiktiven Dörfchen Anatevka in den Weiten Russlands spielt. Die Vorlage für dieses von Mutterwitz und Lebensweisheit gekennzeichneten Stückes, stammt von Scholem Alejchem, dem „Mark Twain der Juden“. Alejchem hat sich neben der jiddischen Kultur speziell mit der jiddischen Sprache auseinandergesetzt und ihr in seinen Büchern einen festen Platz in der Literaturgeschichte erschrieben. Die Gesamtausgabe seiner Werke umfasst insgesamt achtundzwanzig Bände mit Erzählungen, Theaterstücken, Essays und Romanen. Nachdem er am 13. Mai 1916 in New York an Tuberkulose starb, waren zu seiner anschließenden Beerdigung alle jüdischen Geschäfte der Stadt geschlossen und über 150.000 Menschen säumten während des Begräbniszuges die Straßen.
„Tewje der Milchmann“ beschreibt in Form von kurzen Episoden das Leben im ostjüdischen Schtetl, die Armut der Menschen, ihre Hoffnung auf Glück, ihre skurrilen Eigenheiten. Alejchem gelingt dies mit einer entwaffnenden Ironie, mit scharfem Intellekt und einer faszinierenden Beobachtungsgabe. Tewje der Milchmann zeigt sich als ein Philosoph der Straße, der immer etwas larmoyant das Diesseits und das Jenseits dieser Welt mit heiterer Gelassenheit in Frage stellt und dadurch zu einem humanistischen Lebenskünstler wird.
Alejchem lässt den Vater von sieben Töchtern in der ersten Person die Geschichte seiner Familie erzählen. „Arm an Geld aber reich an Kindern“ kämpft sich Tewje, mit dem Notdürftigsten ausgestattet, durchs Leben, bis sich das Blatt eines Tages wendet. Durch einen Zufall (und sein lebenspraktisches Geschick) bringt er es zu einigem Wohlstand, was wiederum als Folge einige Probleme nach sich zieht. Es gilt, seine Töchter der neuen Lebenssituation angepasst zu verheiraten. Aber die Zeiten haben sich geändert. Traditionen brechen auseinander, die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Was Tewje bleibt, ist sein unerschütterlicher Humor und seine trotzige Art, in jedem Schlechten auch etwas Gutes zu erkennen.
Es scheint, als führe nicht Scholem Alejchem die Regie dieses Romans, sondern als ordne sich der Autor der Handlung, die auch konkrete politische Geschehnisse aufnimmt, und vor allem Tewje, diesem originellen Charakter, völlig unter. Alejchem erweckt seine Hauptfigur und damit eine ganze Kultur zu greifbarem Leben, lässt sie wieder auferstehen und schrieb auf diese Art, so ganz nebenbei und ohne Pathos, ein großartiges Stück Weltliteratur.
Autor: Jörg Konrad
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Freitag 26.08.2016
Michael Frayn „Das Spionagespiel“ dtv
Es ist der Duft der Sommergärten, der in dem alten Mann ein Gefühl der Sehnsucht hervorruft. Wie der Geschmack von Prousts berühmter Madeleine weckt der intensive Geruch des blühenden Ligusters Erinnerungen an lange vergessene Tage. In dem Kriegssommer vor fast 60 Jahren ging die Kindheit für Stephen Wheatley  zu Ende.
Michael Frayn schickt in seinem Roman „Das Spionagespiel“, der erstmals 2002 in England erschienen ist und 2016 bei dtv wieder aufgelegt wurde, seine Hauptfigur auf eine Zeit- und Erinnerungsreise.
Stephen Wheatley fährt in den kleinen Ort in der Nähe von London, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Er ist auf der Suche nach dem Jungen, der er damals war, und nach den geheimnisvollen Ereignissen jenes Sommers. Kunstvoll wandert Michael Frayn zwischen den Zeitebenen hin und her und lässt Stephens' Vergangenheit immer deutlicher Gestalt annehmen. Da sind die  Strasse, in der er aufwächst, die Häuser der Nachbarn, das zerbombte Grundstück, auf dem die Kinder spielen, die unwirtliche Landschaft, die den kleinen Ort umgibt. Und da ist die mustergültige Familie Haywards: der unnahbare, ständig pfeifende Vater, die schöne Mutter, deren Schwester Dee, die mit einem Bomberpiloten verheiratet ist, und Stephens' einziger Freund Keith. Der selbstbewusste Keith und der schüchterne Stephen mit den Segelohren verbringen den Sommer mit phantasievollen Spielen. Sie entdecken, dass der Nachbar ein Mörder ist und finden im Garten Knochen seiner Opfer, sie beobachten das immer verdunkelte Haus gegenüber, in das finstere Leute einziehen. Auch in dem scheinbar idyllischen Ort prägt der Krieg das Leben seiner Bewohner und stachelt die Phantasie der Kinder an, und so eröffnet Keith seinem verblüfften Freund eines Tages: „Meine Mutter ist eine deutsche Spionin.“
So beginnt das „Spionagespiel“. Die beiden Freunde verstecken sich auf dem verwilderten Grundstück, beobachten und verfolgen Keith' Mutter und führen detailliert Buch über ihr Leben: wann sie zum Einkaufen geht, wann sie Briefe zum Briefkasten bringt, wann sie das Haus ihrer Schwester betritt und verlässt. Und tatsächlich: Hinter der Fassade einer gelassenen Hausfrau scheint sich ein Geheimnis zu verbergen. Die beiden Freunde entdecken unverständliche Einträge in ihrem Kalender, sie finden eine Kiste, in der Keith' Mutter offenbar Mitteilungen versteckt, und sie folgen ihr heimlich in unwegsames Gelände, auf dem sich ein Unbekannter zu verbergen scheint. Stephen wird immer mehr in die Ereignisse hineingezogen, er fühlt sich schuldig und schwankt zwischen seiner Loyalität gegenüber der Frau, die er eigentlich verehrt und bewundert, und seiner vaterländischen Überzeugung, einer deutschen Spionin nicht helfen zu dürfen. Er bekommt eine Ahnung von der komplizierten Welt der Erwachsenen, in der Gut und Böse nicht so einfach zu erkennen sind wie in seiner Phantasiewelt.
Erst als alter Mann kann Stephen Wheatley durch seine Reise in die Vergangenheit die  Ereignisse dieses Sommers wirklich verstehen. Bei ihrem Spionagespiel sind die beiden Jungen auf eine ganz andere Geschichte gestoßen, eine Geschichte von Liebe, Eifersucht, Desertion und Gewalt.
Das Ende des Buches eröffnet eine Perspektive, die weit über den kleinen englischen Ort hinausgeht.  Auch in Stephens eigener Familie gab es Geheimnisse, hat der Krieg den Menschen furchtbare Wunden zugefügt. Stephen stammt aus einer jüdischen Familie.  Als kleiner Junge war er mit seinen Eltern vor den Nazis nach England geflohen. Seine  Tante, die in Deutschland geblieben war, wurde bei einem Bombenangriff von den Engländern getötet. „Was haben wir einander angetan in diesen paar Jahren des Wahnsinns! Was haben wir uns selbst angetan! Nun sind alle Geheimnisse gelöst, soweit sie überhaupt zu lösen sind. Was bleibt, ist der leise, vertraute Schmerz in den Gliedern, wie eine alte Wunde bei umschlagendem Wetter.“
Ein wunderbarer, spannender Roman über eine Kindheit im Krieg, poetisch und elegant geschrieben, der zugleich Entwicklungs- und Kriminalgeschichte ist.
Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Lilly Munzinger
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