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J.M.G. Le Clézio „Sturm“

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Klassiker wiederentdeckt: Upton Sinclair „Boston“ Manesse

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Drei Hörspiel-Editionen: Theodor Storm / Thomas Mann / Franz Kafka - alle ...

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Simon Strauss "Sieben Nächte" Blumenbar im Aufbau Verlag

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Deborah Vietor-Engländer „Alfred Kerr – Die Biographie“ R...

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Graham Swift "Ein Festtag" dtv

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Dienstag 29.08.2017
J.M.G. Le Clézio „Sturm“
Die Menschen, die Jean-Marie Gustave Le Clézio in seinen beiden Novellen neueren Datums beschreibt, gehören zu jenen Individuen, die sich ihrem Schicksal im persönlichen Alltag eher unauffällig stellen. Sie bewegen sich am Rande der Gesellschaft, sind, aufgrund von schwer beeinflussbaren Ereignissen an diesen Rand geraten, an dem sie nur mühevoll, mit mehr oder weniger Zuversicht, dem Absturz trotzen. Dieser bei aller Melancholie spürbare Widerstand entspringt einem häufig unbewussten Aufbegehren, einer lebensbejahenden inneren Grundstimmung, die manchen Zweifel trotzig hinwegspült.
In „Sturm“ setzt Le Clézio mehrere Handlungsstränge und Erzählzeiten kunstvoll miteinander in Beziehung. Im Mittelpunkt steht der Journalist Philip Kyo. Er kehrt an einen ihm vertrauten Ort im Japanischen Meer zurück, wo er einst glücklich war, aufgrund eines Unfalls dann unglücklich wurde. Zudem leidet er unter einem Kriegstrauma, das ihn mit starken Schuldgefühlen quält und das nur schwer vernarbt. Albträume verfolgen ihn bis in die Gegenwart und stellen seinen Lebensmut immer wieder in Frage. Er ist kein vordergründig Suchender, eher ein Verlorener und von Todessehnsucht Gezeichneter, der plötzlich und unerwartet positiv fündig wird. In der 13-jährigen Koreanerin June trifft er auf eine Seelenverwandte, die mit ebenso wenig Zuversicht und Freude in den Tag hineinlebt. Die beiden, auf so unterschiedliche Weise gebrochenen Charaktere, finden eine Möglichkeit, sich aufzurichten und von einer erträglicheren Zukunft zu träumen.
Le Clézios Hauptfiguren sind Menschen ohne feste Heimat, ohne Bindung. Seine Geschichten spielen auf verschiedenen Kontinenten, auf denen die Hauptakteure mit den unterschiedlichsten Kulturen konfrontiert werden, aber auch in fremden Kulturen immer nur verloren wirken. Es fehlt ein persönlicher Halt. So ist es auch in „Eine Frau ohne Identität“. Der Titel macht schon deutlich, worum es in dieser Novelle geht. Rachel ist das Kind einer Vergewaltigung und lebt mit ihrem leiblichen Vater und einer neuen Mutter, sowie ihrer Halbschwester Bibi, in Afrika. Aufgrund von Bürgerkriegen flieht die Familie nach Frankreich, wo sie materiell verarmt und sozial verelendet auseinanderbricht. Rachel schlägt sich allein und mittellos manchmal recht dubios durch den Tag. Ihr Gemütszustand wechselt zwischen purer Verzweiflung und trotzigem Überlebenswillen. Sie träumt von ihrer Heimat Afrika, davon, ihre leibliche Mutter kennenzulernen.  Diese Vorstellung gibt ihr die Kraft und den Mut vieles auszuhalten, um eines Tages tatsächlich vor ihr zu stehen und auch wieder nach Afrika zu kommen.
Celzio ist als Architekt seiner Geschichten kein Pragmatiker, der für die Probleme seiner Figuren einfache oder gar rustikale Lösungen bietet. Er beschreibt den Zustand seiner Helden, ordnet sich ihrem Denken und Fühlen ein, ist ein ausgezeichneter Beobachter menschlicher Not. Er arbeitet mit Andeutungen und Verweisen, seine Sprache spült oft geheimnisvolle Details an die Oberfläche und gibt so Handlungen einen melancholischen Unterton – weitab von jedem Pathos.
Jörg Konrad

J.M.G. Le Clézio
„Sturm“
Zwei Novellen
Kiepenheuer & Witsch
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Montag 21.08.2017
Klassiker wiederentdeckt: Upton Sinclair „Boston“ Manesse
Boston“, erschienen 1928, ist die Geschichte der beiden italienischstämmigen Einwanderer Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die in den USA 1927 offiziell hingerichtet wurden. Upton Sinclair erzählt den Verlauf und die Hintergründe eines historischen Justizskandal, der nicht nur die USA erschütterte, sondern weltweit Proteste auslöste und als Beispiel für die Nichtachtung von Menschenrechten in die Geschichte einging. Auf über 1000 Seiten gelingt es Sinclair mit diesem packenden Roman sowohl literarischen als auch journalistischen Anspruch stimmig einzulösen. Nun liegt im Züricher Manesse Verlag eine Neuübersetzung von Viola Siegemund vor, die dieses große, gewaltige Werk wieder in Erinnerung bringt und letztendlich damit auch ein Stück an Tagesaktualität einfängt.
Upton Sinclair (1878–1968) war ein Gerechtigkeitskämpfer und ein manischer Schreiber. Es gibt kaum einen amerikanischen Autor, der sich in seinen Büchern derart vehement für die Belange von unterdrückten Mehrheiten und sich gegen das Gewinnstreben Einzelner einsetzte. Zugleich sind ein Großteil seiner Bücher eine schreiende Anklage gegen jede Form eines räuberischen Kapitalismus. Er war (intellektuelles) Sprachrohr einer ganzen Generation von Arbeitnehmern, die trotz schwerster körperlicher Arbeit nicht genug für ein Leben unter einfachsten Bedingungen erhielten, wobei die Arbeitgeber gleichzeitig im konservativen Luxus regelrecht erstickten.
Sinclair hat den über Jahre andauernden Prozess gegen die beiden angeblichen Anarchisten Sacco und Vanzetti verfolgt, analysiert und ihn in eine Handlung gebettet, in der sowohl das Leben italienischer Einwanderer, wie auch der Gier und Prunksucht der amerikanischen Oberschicht gegenübergestellt wird. Fakten und Fiktionen finden bei ihm eine Einheit, die das Buch zu einer erschütternden Anklage von Rechtsbeugung werden lässt.
Sinclair versteht es, die in Armut lebende Bostoner Arbeiterklasse glaubwürdig als auch empathisch darzustellen. Das Bindeglied zwischen den Menschen der Arbeitersiedlung und der Industriellen und Bankiers ist die Gouverneurs-Witwe Cornelia und ihre Enkeltochter Betty. Beide stammen aus den wohlhabenden Bostoner Kreisen, haben sich aber Mitmenschlichkeit und Solidarität bewahrt. Sie nutzen ihre finanziellen Möglichkeiten und ihren Einfluss, um die zu Unrecht inhaftierten Sacco und Vanzetti in diesem Schauprozess vor der Todesstrafe zu retten. Beide sollen während eines Geldraubes zwei Wachleute erschossen haben – obwohl anhand nachprüfbarer Fakten klar ist, dass sie mit diesem Verbrechen nichts zu tun haben können. Wahr ist, dass sich beide einer links-anarchistischen Bewegung angeschlossen hatten, die für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA stand.
Es ist ein beispielloser Akt von juristischer Verdrehung, Inkompetenz, Bestechung, politischer Einflussnahme und persönlichem Narzismus, wie hier eine Sachlage Missbraucht wird. Die Intensität der Handlung nimmt mit Fortschreiten immer stärker Fahrt auf und obwohl das Ergebnis des Prozesses historisch verbürgt ist, liest man die emotionsgeladenen Seiten mit atemloser Spannung. Dieses Buch ist ein Aufschrei gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, gegen die Todesstrafe und, so ganz „nebenbei“, für das Wahlrecht von Frauen, für das Cornelia und Betty eintreten.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Montag 14.08.2017
Drei Hörspiel-Editionen: Theodor Storm / Thomas Mann / Franz Kafka - alle der Hörverlag
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der Hörverlag hat für die vorliegende Theodor Storm-Ausgabe tief in die Archive der deutschen Rundfunkanstalten gegriffen. Die fünf Produktionen dieser Sammlung stammen aus den Jahren zwischen 1954 bis 1989 und sind sowohl in der Bundesrepublik als auch in der ehemaligen DDR produziert worden. Das bedeutet: Theodor Storm war sowohl Ost-, als auch West-Kulturgut, wenn der Interpretationsspielraum zum Teil auch recht unterschiedlich ausgefallen ist.
Die vorliegende, aus 7 CDs bestehende Box ist dem 200. Geburtstag des Dichters gewidmet. Storm (1817 bis 1888) gilt als ein zentraler Vertreter des Bürgerlichen Realismus, der zugleich als „letzter Romantiker“ bezeichnet wurde. Zudem ist er aufgrund seiner ganzen Eigenart und Kauzigkeit der Inbegriff des norddeutschen Melancholikers,. „Heimatliebe, Heimatbefangenheit, Heimatmanie“, wie es Thomas Mann nannte, sind sein dichterischer Motor gewesen. Hinzu kommt eine heidnische Sensibilität und eine gewisse Neigung zu Aberglauben und Gespensterwesen. All dies findet sich in seinem bekanntesten Werk, dem beklemmenden „Der Schimmelreiter“ wieder, der von Werner Buhss 1985 mit Michael Schweighöfer und Dagmar Manzel beeindruckend inszeniert wurde.
Die damals gerade einmal 9jährige Christine Kaufmann spielt in der Hörspielbearbeitung „Pole Poppenspäler“ unter der Regie von Friedrich Forster aus dem Jahr 1954 die kleine Lisei. Dieses von Storm als Auftragsarbeit geschriebene Stück für „junge Menschen“ galt aufgrund seines humanistischen Anspruchs und seiner politischen Unverfänglichkeit jahrzehntelang als ausgewiesene Schulliteratur. Desweiteren befinden sich  in dieser Box noch die Hörspielbearbeitungen von „Im Nachbarhaus links“ (1976, Sender Freies Berlin), „Carsten Curator“ (1976, Sender Freies Berlin) und „Die Regentrude“ (1989, DDR Rundfunk).

Thomas Manns „Tonio Kröger“ entstand zwischen 1900 und 1902 und beschreibt den inneren wie äußeren Zwist eines jungen Menschen, der, im Bürgertum verwurzelt, sich im Grunde seines Herzens als Künstler fühlt und sich danach sehnt, diese Veranlagung auszuleben. Hörspielautor Heinz Sommer und Regisseur Leonard Koppelmann haben diese berührende Novelle mit Senta Berger, Axel Milberg, Nicole Hesters, Udo Wachtveitl und vielen anderen aus unterschiedlichen Perspektiven neu erzählt. So spielt die Geschichte im vorliegenden Fall im Jahr 1954, in einem Schweizer Luxushotel, wo sich die verschiedensten Menschen auf einen Auftritt Thomas Manns „vorbereiten“. Genutzt wird hierfür eine Orginallesung des Autors aus dem selben Jahr, die aus den Archiven des NDR stammt. Und als dritte Ebene werden dann einzelne Sequenzen der Erzählung akustisch nachgestellt. Monologe und Selbstgespräche, Salon- und Cafehausmusik von Fritz Kreisler, Hans Christian Lumbye und Henrik Albrecht verbinden diese unterschiedlichen Stränge und lassen so ein unglaublich spannendes und in sich verwobenes neues Stück entstehen. 

In den Studios des Bayrischen Rundfunks wurde im letzten Jahr Franz Kafkas „Das Schloss“ produziert. Unter der Regie von Klaus Buhlert agierten so bekannte „Stimmen“ wie die von Corinna Harfouch, Sandra Hüller, Wolfram Berger, Devid Stresow und Michael Rothschopf.
Auf 12 CDs entwickelt sich die ergreifende, die bedrohliche Geschichte des Landvermessers K und seiner Erlebnisse im Dorf unterhalb des Schlosses. Buhlert schafft es mit minimalistischen Mitteln der Verknappung eine dichte und fesselnde Atmosphäre. „Er (Buhlert anm. d. Red.) inszeniert den Text wie das Skript zu einem grotesk-gruseligen Film. Das Hörspiel besticht durch Genauigkeit, einen aus dem Satzbau gewonnenen Rhythmus und eine grandiose Ensembleleistung. So können wir den Roman „aushorchen“, ohne ihm sein Geheimnis zu nehmen“, ist in der Begründung der Jury zu lesen, die diese Produktion auf die hr2-Hörbuchbestenliste 4/2017 setzte. Einfach grandios.
Jörg Konrad


Theodor Storm
„Die grosse Hörspiel-Edition“
7 CD

Thomas Mann
„Tonio Kröger“
der Hörverlag
4 CD

Franz Kafka
„Das Schloss“
der Hörverlag
12 CD
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 08.08.2017
Simon Strauss "Sieben Nächte" Blumenbar im Aufbau Verlag
Der junge Mann hat Angst, große Angst, denn bald wird er dreißig und spürt, wie er die magische Schwelle überschreiten wird, hinter der dann alles nur noch in einer geraden, wohlständigen und kompromiss-bestimmten Bahn laufen wird. „ Kompromisse schwächen den Händedruck“ ahnt er. Ein Lebenslauf eben in der Gefahr von Gewohnheiten, Gewissheiten und Tristesse, ohne die glühende Überzeugung, alles ganz
anders machen zu wollen und zu können als die vorhergehende Generation. Und er spürt, dass dieser Schritt sich wohl völlig unmerklich vollziehen wird . Aber er weiß auch: „Angst ist nicht nur die hässliche Kehrseite von Glück. Sie verfügt über wundersame Kräfte...“
So macht er sich auf den Weg mit seinen Fragen. Was hat er bisher bewirkt, ausgelotet, verändert ? Wofür steht er? Was macht ihn als Person aus? Ist er ein Fragender oder ein Besserwisser? Hat er sich die Lust an der Naivität bewahren können, die stärkste Phantasie oder nur noch die schärfste Ratio? Oder hat er sich schon durch „den doppelten Boden der Ironie abgesichert“, mit der er zu allem ständig auf gefahrloser Distanz bleiben kann „...ohne Traum und Zweifel“?
In dieser Stimmung schließt er einen Pakt mit einem Bekannten, der ihn noch einmal losschicken will, die sieben Todsünden zu begehen, jeweils in einer Nacht, deren Erlebnisse er dann im Morgengrauen niederschreiben soll. Er soll Hochmut (Superbia), Faulheit (Acedia), Völlerei (Gula) und Wollust (Luxuria), Neid (Invidia), Habgier (Avaritia) und Jähzorn (Ira) durchleben.
Es ist herrlich in seine Erlebnisse mit einzutauchen, er ist ein scharfsinniger Beobachter seiner eigenen Gefühle und Handlungsweisen, seines Scheiterns, seiner Träume, aber auch der Mitmenschen, der Gesellschaftsphänomene. Er scheut sich nicht, dabei weit auszuholen, anmaßend, unmäßig und herausfordernd zu sein. Strauss, und das macht das Buch zu einem besonderen Lesevergnügen, ist dabei wortgewandt, gebildet, mit feinsinnigem Humor aber auch wunderbar gnadenlos mit sich, mit uns.
Haben die durchlebten Nächte ihn bewahren können vor seinen Befürchtungen?
„In Wirklichkeit aber gibt es keinen Weg zurück...auch wenn die Wegbeschreibung irgendwo tief in deinen Texten verborgen ist. Manch einer wird hoffentlich die Unternehmung wagen, die wir geplant hatten“, schreibt ihm sein Wegbegleiter am Schluß.
Simon Strauss, Jahrgang 1988, ist Historiker und hat als freier Journalist bei der Basler Zeitung und der Süddeutschen Zeitung gearbeitet - derzeit schreibt er für das Feuilleton der FAZ. Und ist übrigens der Sohn von...ach, lassen wir das. Keine Vergleiche, keine Schubladen, keine Gewissheiten – das ist doch eher in seinem Sinne, oder. Lesen wir einfach nur sein Buch – es ist großartig.
Thyra Kraemer
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Mittwoch 26.07.2017
Deborah Vietor-Engländer „Alfred Kerr – Die Biographie“ Rowohlt
Für das Theater gewonnen hat ihn Henrik Ibsen. Vom Theater gepackt wurde er von Gerhard Hauptmann. Und zum Theater verführt habe ihn Arthur Schnitzler. Das schreibt zumindest Deborah Vietor-Engländer über den berühmtesten deutschen Theater- und Literaturkritiker Alfred Kerr. Der in London aufgewachsenen und in Tübingen bei Walter Jens promovierten Autorin ist mit der vorliegenden, schon im letzten Jahr erschienen Biographie, ein umfassendes wie brillantes Werk gelungen, das sowohl das Leben Kerrs in all seinen (auch tragischen) Facetten beleuchtet, als auch die spannungsgeladene Zeit beschreibt, in der er wirkte.
Geboren 1867 in Breslau als Sohn eines jüdischen Weinhändlers war Alfred Kerr (eigentlich Alfred Kempner) ein schonungsloser Betrachter und Beurteiler des überreichen Berliner Theaterlebens, der sich vor keiner inhaltlichen Auseinandersetzung fürchtete. Er galt als ein leidenschaftlicher Streiter (Beispiel Thomas Mann), dem es vehement um den künstlerischen Inhalt des zu besprechenden Sujets ging – auch wenn er hin und wieder die Grenzen des persönlichen Angriffs streifte. Sieht man von der Jahrzehnte andauernden Fehde mit dem Wiener enfant terrible Karl Kraus einmal ab, ging es in diesen Auseinandersetzungen nur selten um die Person eines Autors, sondern ausschließlich um deren Werk – im Sinne der Literatur.
Zugleich hatte Kerr aber auch nie ein Problem, sowohl seine Begeisterung als auch seine Kritik begründend zu revidieren, sollten sich im Laufe des Schaffensprozesses eines Dichters neue Erkenntnisse ergeben. Vietor-Engländer spricht insgesamt, was Kerr betrifft, von einem „ .. forcierten Selbstbewußstein ...“, der „Schärfe der Formulierung“ und „ .. die oft verletzende Macht seiner Argumente“, mit der er sich nicht nur Freunde machte. Sein Witz, seine Ironie, der Sarkasmus, mit dem er zu schreiben verstand, lagen auf einer Ebene mit der Erhabenheit, der Ästhetik, dem Respekt und der Weitsicht, mit der er das künstlerische Werk anderer mit knappen und einprägsamen Sätzen („Ein genial Irrender ist mehr wert als zehn talentvoll Korrekte“) betrachtete und einschätzte. Als ein Erkennungsmerkmal seiner geistreichen und humorvollen Rezensionen gilt sein „Blockstil“, der in einzelne, mit römischen Nummerierungen überschriebene Abschnitte unterteilt wurde. Laut Vietor-Engländer sah Kerr die Kritik neben Dramatik, Epik und Lyrik, als die vierte (eigenständige) Gattung der literarischen Künste
Kerr beschäftigte sich intensiv mit den Dramatikern seiner Zeit, mit jenen also, die die Theaterszene in Berlin scheinbar unerschöpflich mit neuen Stücken versorgten. Neben Ibsen, Hauptmann, Schnitzler, gehörten auch August Strindberg, Frank Wedekind, George Bernard Shaw, Otto Brahm und Bertold Brecht dazu – um nur einige wenige zu nennen. Inszenierungen von Klassikern, wie es bis in unsere Gegenwart fast die Regel ist, war in der Zeit zwischen 1900 bis zur Machtübernahme Hitlers eher die Ausnahme. Kerr selbst wollte eine deutliche Zeitbezogenheit im Theater, wollte Personen im Mittelpunkt der Dramen, die das Leben in seiner Aktualität individuell verkörperten. Auch eigene politische Haltungen und Überzeugungen fanden (oft mit entsprechender Scharfsinn) Eingang in seine Kritiken.
Aufgrund seiner damaligen Popularität war er in der Lage, sich bei den Tageszeitungen offizielle Auszeiten zu nehmen, in denen er sein Fernweh befriedigte und wunderbare Reise-Reportagen schrieb.
Vietor-Engländer beschreibt sehr eindringlich die Flucht Alfred Kerrs vor den Nazis. Er gehörte zu den ersten prominenten Künstlern Deutschlands, die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung und politischen Überzeugung schon in den ersten Tagen der Machtübernahme Hitlers ausgebürgert wurden. Es werden ausführlich seine von Not und Bitterkeit gekennzeichneten Jahre im Exil (Prag, Zürich, Paris, London) beschrieben, seine Enttäuschung über vermeintliche Freundschaften (Gerhard Hauptmann), seine wenig erfüllten Hoffnungen, sowie die Rückkehr als englischer Staatsbürger nach Deutschland 1948 zu einer Vortragsreise. Während eines Theaterbesuches erlitt er in Hamburg einen Schlaganfall. Kurz darauf nahm Alfred Kerr sich 80jährig das Leben.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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Montag 17.07.2017
Graham Swift "Ein Festtag" dtv
An einem sonnigen Frühlingstag steht das junge Dienstmädchen Jane Fairchild unbekleidet in der Bibliothek des Herrenhauses von Sheringham. „Sie nahm eins der Bücher aus dem Regal vor sich und schlug es auf, und dann drückte sie es aus ihr unerklärlichen Gründen zärtlich an die nackte Brust. Es war ‚Entführt‘ von Robert Louis Stevenson… Und da waren die Worte: ‚Ich will die Geschichte meiner Abenteuer mit einem bestimmten Tag beginnen.‘“
Der bestimmte Tag in Janes Leben ist der 30. März des Jahres 1924, der „Mothering Day“, wie das Buch von Graham Swift im englischen Original heißt. Die deutschsprachige Ausgabe ist 2017 unter dem Titel „Ein Festtag“ bei dtv erschienen. Graham Swift, 1949 in London geboren, zählt mit Ian McEwan und Julian Barnes zu den großen englischen Autoren seiner Generation.
Dieser „Muttertag“ ist der Tag, an dem Janes Leben eine entscheidende Wendung nimmt. Jane, ein 22-jähriges Dienstmädchen, hat seit sieben Jahren ein Verhältnis mit Paul Sheringham, dem einzigen Sohn der benachbarten Familie, der den Krieg überlebt hat. Paul und Jane haben sich heimlich an versteckten Orten getroffen, hinter Büschen und in Geräteschuppen. Doch heute, an diesem einzigartigen Tag, ist alles anders: Paul bittet Jane in das Herrenhaus seiner abwesenden Familie, und er öffnet ihr die Eingangstür, als wäre sie eine standesgemäße Besucherin und er der Butler.
Graham Swift lässt eine Szene von leuchtender Intensität und Sinnlichkeit vor unserem inneren Auge entstehen: wie Jane nackt auf Pauls Bett liegt, wie er durch das sonnenduchflutete Zimmer geht und sich zögerlich anzieht, während die Schatten der Fenstersprossen über ihn hinwegstreifen, wie sie sich gegenseitig ansehen. „Er hatte es nie mit jemand anderem besser gehabt. Sie auch nicht.  Das lag in dem Blick, mit dem er sie betrachtete. In dem Blick, den sie zurückgab.“
Nachdem Paul sie verlassen hat, um sich mit seiner Verlobten zu treffen, durchstreift Jane unbekleidet das weitläufige Haus, die Zimmer und die Bibliothek. Es ist wie eine Neugeburt, als sie sich plötzlich in dem Spiegel über dem Kamin in ihrer ganzen Nacktheit erblickt und sich ihrer selbst bewusst wird: „Das bist du! Du bist hier! Das ist Jane Fairchild! Das bin ich!“
In berückenden Bildern beschreibt Graham Swift die Befreiung einer jungen Frau von den Fesseln ihrer Herkunft, von Konventionen und gesellschaftlichen Zwängen. „Ein Festtag“, ein schmales Buch, eher eine Erzählung als ein Roman, ist ein literarisches Kleinod. Graham Swift konzentriert sich mit feinster Präzision auf jedes Detail dieses einen Tages, aber er richtet den Blick auch immer wieder in die Zukunft und in die Vergangenheit, um ein ganzes, fast hundertjähriges Leben einzufangen. Noch als alte Frau ist sich Jane dessen bewusst, dass an diesem Tag ihr Leben erst wirklich begonnen hat. Ein strahlender Frühlingstag, das unbekannte Gefühl von Freiheit. Ein Tag, der zugleich schön und schrecklich ist. Am Abend wird sie eine grausame Nachricht erhalten.
Das Jahr 1924 markiert eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels. Der erste Weltkrieg hat die alten Ordnungen brüchig werden lassen und die Standesgrenzen zwar nicht aufgelöst, aber durchlässiger gemacht. Die Stellung der Frau ändert sich. So erhält Jane, das Dienstmädchen, von ihrem Arbeitgeber die Erlaubnis, Bücher aus der Bibliothek zu lesen. Bücher werden ihr Leben prägen. Und so wird sie von Pauls anfänglich bezahlter Liebschaft zu seiner heimlichen Geliebten und wirklichen Liebe.
„Mothering Day“ war der Tag, an dem englische Dienstmädchen ihre Mutter besuchen durften. Doch Jane hat keine Mutter. Das löst ambivalente Gefühle in ihr aus: Trauer und Sehnsucht nach Geborgenheit, aber auch das Bewusstsein einer Freiheit, die ihr eine Rolle als Beobachterin des Lebens ermöglicht.
Jane Fairchild wird zu einer bekannten Schriftstellerin, die die konventionellen literarischen Formen des 19. Jahrhunderts hinter sich lässt, zu einer modernen, sehr sinnlichen Autorin. „Das bedeutet es doch, Schriftstellerin zu sein: sich dem Stoff des Lebens in die Arme zu werfen. Das war der Sinn des Lebens – sich ihm in die Arme zu werfen.“
Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Siehe Artikel
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