Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Edouard Louis „Im Herzen der Gewalt“ S. Fischer

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Joseph Brodsky „Elegie an John Donne“

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Charles Bukowski „Über das Schreiben“ Kiepenheuer & Witsch

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Caroline Lüderssen „Eine Kathedrale der Musik – Das Archivio St...

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J.M.G. Le Clézio „Sturm“

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Klassiker wiederentdeckt: Upton Sinclair „Boston“ Manesse

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Sonntag 08.10.2017
Edouard Louis „Im Herzen der Gewalt“ S. Fischer
Paris. Es ist Weihnachten, die Nacht des 24. Dezember. Ein junger Mann lässt sich auf dem Nachhauseweg von einem schönen dunkelhäutigen Fremden ansprechen. Er nimmt ihn mit auf sein Zimmer. Nach der Liebesnacht wird er von dem Fremden beraubt, vergewaltigt und beinahe ermordet. Knapp dem Tod entronnen, muss er erzählen, erzählen, erzählen.
In seinem autobiographischen Roman „Im Herzen der Gewalt“, der im August 2017 bei S. Fischer in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel erschienen ist, schreibt Edouard Louis über diese Nacht und darüber, was diese brutale Erfahrung mit ihm gemacht hat. Edouard Louis, 1993 in der nordfranzösischen Provinz geboren und dort aufgewachsen, feierte mit seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ internationale Erfolge. Er schildert darin seine Flucht aus der deprimierenden Enge seines Dorfes nach Paris, in ein neues Leben als schwuler Schriftsteller. Schreiben ist für Louis ein Akt der Selbstvergewisserung, der unbedingten Suche nach der eigenen Wahrheit. Sein zweites Buch „Im Herzen der Gewalt“ ist auch eine Form der Selbsttherapie. Durch Schreiben versucht Edouard Louis seine schrecklichen Erinnerungen zu bannen.
In der Hoffnung, Abstand von den Ereignissen zu gewinnen, fährt er zunächst zu seiner Schwester Clara in den Ort seiner Kindheit. Um der Wahrheit in ihren unterschiedlichen Facetten auf die Spur zu kommen, bedient sich Louis in seinem Roman eines Tricks: Er lässt Clara von seinen Erlebnissen dieser Nacht ihrem Mann berichten und belauscht sie dabei, hinter einer Tür versteckt. In einem faszinierenden Wechselspiel kontrastiert er immer wieder die Erzählung seiner Schwester mit seinen eigenen Erinnerungen. Claras Interpretation ist oft eine andere als seine eigene, in ihr spiegelt sich die Welt, die er verlassen hat mit ihren eingefahrenen Denkgewohnheiten, ihren Vorbehalten gegenüber seinem Schwulsein und ihrem Misstrauen gegenüber allem Fremden. So wird die Reise zu seiner Schwester für Louis auch eine Reise in die eigene Vergangenheit.
Wieder und wieder muss er in seinem Buch die Erinnerungen an das Trauma der Weihnachtsnacht heraufbeschwören, an jedes Detail, an jedes Gefühl, immer um Wahrhaftigkeit ringend. Er verfolgt in allen Einzelheiten den Weg seiner Empfindungen gegenüber Reda, dem Kabylen, den er mit in seine Wohnung genommen hat – von der anfänglichen sexuellen Anziehung, der Zärtlichkeit, bis zum Erlebnis brutaler Gewalt. Es ist beeindruckend, wie genau, ohne Sensationsgier, Louis die Ereignisse schildert, und mit welcher Empathie er auch immer wieder seinem Vergewaltiger gerecht zu werden versucht, denn auch er fühlt sich als Flüchtling. Zu Beginn der Liebesnacht lässt er sich Redas Lebensgeschichte erzählen, und als dieser von seinem Vater berichtet, der als kabylischer Einwanderer in einem Flüchtlingslager nördlich von Paris untergebracht war, zieht Louis Parallelen zu sich selbst: „...vielleicht hat er irgendwohin gehen wollen, wo er weder Freunde noch Familie noch eine Vergangenheit hatte, das dachte ich jedenfalls, als  ich in die Stadt zog … “ Nicht einmal nach der Gewalttat kann er Reda hassen und verurteilen, und er kann sich nur schwer dazu durchringen, ihn bei der Polizei anzuzeigen.
Und doch ist er sich genau bewusst, welche seelischen Folgen Redas Brutalität vor allem in der ersten Zeit nach dem Ereignis für ihn hatte. Eindrucksvoll schildert Edouard Louis seine ständige Angst, die ihn nicht mehr schlafen lässt, die Wut, die Scham, den allgemeinen Lebensüberdruss. Aber am meisten erschrocken ist er über eine andere Reaktion: „Ich war zum Rassisten geworden“. Er, der sich über den reflexhaften Rassismus der Polizei empört, der Rassismus immer als etwas seinem Wesen völlig Fremdes empfunden hat, wird von seiner Angst überschwemmt: „Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näher kam… Ich war doppelt traumatisiert: von der Angst und von meiner Angst.“ Er fühlt sich eingeholt von der Welt seiner Kindheit, ihren Ressentiments und Vorurteilen, die er nun in sich selbst spürt.
Edouard Louis hat einen hochaktuellen Roman geschrieben. „Im Herzen der Gewalt“ kann keine Antworten geben auf Themen wie Gewalt und Rassismus, aber in seiner unbestechlichen, aufrichtigen Wahrheitssuche ohne einseitige Schuldzuweisungen, in seiner differenzierten Ausleuchtung ganz persönlicher Erfahrungen ist es ein wichtiges und erschütterndes Buch.
Lilly Munzinger, Gauting
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Mittwoch 20.09.2017
Joseph Brodsky „Elegie an John Donne“
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Im Ostblock war es vor 1989 üblich, dass Menschen, die keiner offiziellen Arbeit nachgingen, vom Staat kriminalisiert wurden. Die Anklage lautete meist „Asozialität“, oder, im Fall von Joseph Brodsky, „Parasitentum“. Der russische Autor und spätere Nobelpreisträger wurde 1964 aus eben diesem Grund zu fünf Jahren Zwangsarbeit und Verbannung verurteilt. Internationale Proteste verkürzten seine Inhaftierung um dreieinhalb Jahre. Anschließend lebte Brodsky bis zu seiner Ausbürgerung 1972 bei den Eltern in Leningrad, in einem nur wenige Quadratmeter kleinem Zimmer. Wenn auch winzig, war dies seine ihm geistig völlig ausreichende Welt, ein riesiger, unüberschaubarer poetischer Kosmos, angereichert mit gleichnishaften Worten und lyrischen Gedanken, die ihm das Gefühl radikaler Freiheit vermittelten. Hier, in diesem Umfeld, entstand nicht nur die Überzeugung, dass Opfer der Geschichte zu sein, ein „ehrenwerter Status eines Menschen“ ist, sondern auch einige seiner berührendsten Gedichte. Wie die „Große Elegie an John Donne“. Auf der vorliegenden CD liest Christian Reiner neben der „Elegie“ eine Auswahl von Gedichten, die Brodsky in der Zeit zwischen 1958 und 1992 verfasste.
Brodsky verknüpfte seine lyrische Gedankenwelt häufig mit einer persönlichen Verbeugung vor historischen Persönlichkeiten. Auch dies war ein im Ostblock jener Zeit ganz typischer Kunstgriff. Auf diese Weise war es möglich, eigenes (kritisches) Denken in Versform an der Zensur vorbei zu veröffentlichen. So ist der Verweis auf John Donne (1572 – 1631), den Brodsky tatsächlich hoch verehrte, nur einerseits dem englischen Schriftsteller und Dichter  gewidmet. Das umfangreiche Stück, auf vorliegender CD gibt es zwei unterschiedliche Übersetzungen, von denen die eine sechsundzwanzig und die andere siebzehn Minuten Länge umfasst, ist der Monolog der Seele eines Menschen (Donne), die die gespiegelte Realität, aufgearbeitet und mit Metaphern versehen, wiedergibt. Das zentrale Thema ist der Schlaf, die Lähmung, die Erstarrung der Dinge und des Lebens. Deutliche politische Bezüge zu Brodskys Gegenwart, er schrieb das Gedicht mit 23 Jahren 1963, sind unüberhörbar.
Christian Reiner liest die Verse in fast stoischer Sorgfalt. Er nimmt jedes Gefühl für eine dahineilende Zeit aus dem Text, trägt ihn fast tranceartig vor und schafft so ein Gefühl verlangsamender Vergänglichkeit. Keine Feinheit geht so verloren, nichts bleibt zwischen den Zeilen kleben. Es berührt nicht die Melancholie des Inhalts, sondern, bei aller Emotionalität, deren Klarheit.
Und auch in den übrigen, weitaus kürzeren Texten, besticht Brodskys Weltempfinden, das in einer Sprache Ausdruck findet, die Brigitte van Kann einmal „Eine Seele in Bewegung“ nannte. Christian Reiner trifft hier immer den richtigen Ton, macht Inhalte sprachlich erlebbar, ja, macht Seelisches durch Sprache zum Erlebnis.
„Wenn das, was uns von anderen Mitgliedern des Tierreichs unterscheidet, die Sprache ist, dann ist Literatur, besonders die Poesie als höchste Form der Sprache, vereinfacht gesagt die Bestimmung unserer Gattung", sagte Joseph Brodsky in seiner Nobelpreis-Rede.
Jörg Konrad

Joseph Brodsky
„Elegie an John Donne“
Christian Reiner
ECM New Series
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Freitag 15.09.2017
Charles Bukowski „Über das Schreiben“ Kiepenheuer & Witsch
Neues von Charles Bukowski? Jein. Denn im Grunde ist von dem Exzentriker und Kultautor bisher alles wichtige veröffentlicht. Seine Gedichte und Briefe, seine Erzählungen und Romane, der Besuch des Schriftstellers bei seinen deutschen Vorfahren (geboren wurde Heinrich Karl Bukowski am 16. August 1920 im rheinland-pfälzischen Andernach) als „Ochsentour“, seine Interviews und Tagebücher. Das alles mal mit Illustrationen des genialen Robert Crumb, mal ohne Comics, als Taschenbuch, als gebundene Ausgabe oder die Biographie als Bildband. Von wegen, Underground-Literatur lohne sich nicht.
Nun also, knapp zweieinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod, „Über das Schreiben – Briefe an meine Weggefährten und Gönner“. Hierbei handelt es sich um Briefe an Lektoren, Mäzene, Verleger, Freunde und Schriftstellerkollegen. Es sind meist kurze Monologe, in denen Bukowski um die Veröffentlichung seiner Arbeiten bittet, in denen er sich für eine Veröffentlichung höflich bedankt, in denen er mitteilt, wie die Arbeit an einzelnen Werken fortschreitet – oder eben nicht. Wer ihn kennt, weiß was ihn dann hemmte.
„Es ist praktisch unmöglich, die Briefe von Charles Bukowski in der reinen Textform wiederzugeben, da sie zum großen Teil mit allerlei Zeichnungen dekoriert sind“, schreibt Herausgeber Abel Debritto im Vorwort. Und so hat man sich entschlossen, diese Zeichnungen, bei denen es sich manchmal auch um Kurzgeschichten in Comicform handelt, wiederzugeben. Es sind wunderbar knappe wie flüchtige Illustrationen, die oft einer suggestiven Stimmung entsprungen sind. Manchmal auch handschriftliche Briefe, deren äußere Form mehr über den Gemütszustand Bukowskis verraten, als deren Inhalt.
Trotzdem interessieren natürlich die Texte, die er nach seinen aufreibenden und allein dem Brotwerb dienenden Jobs verfasste. In ihrer Freundlichkeit, in ihrer Wut, in ihrer Provokation oder in ihrer reinen Enttäuschung, in ihrer mitteilsamen oder in ihrer einfach arroganten Art. Hier biedert sich niemand an, sondern kämpft um sein Recht, veröffentlicht zu werden. 
So schrieb Bukowski am 29. Dezember 1959 an James Boyer May vom Literaturmagazin Trace: „Oft habe ich hier den isolationistischen Standpunkt vertreten, dass nur die Erschaffung eines Gedichts zählt, die reine Kunstform. Welchen Charakter ich habe oder in wie vielen Gefängniszellen ich gesessen, wie viel Nachtstationen, Wände und Saufgelage ich erlebt und wie oft einen Bogen um Herz-Schmerz-Rezitationen gemacht habe, tut nichts zur Sache. Die Seele eines Mannes oder das Fehlen derselben zeigt sich allein daran, was er auf ein leeres Blatt Papier hämmern kann.“ Oder an seinen (legendären) deutschen Übersetzer und Freund Carl Weissner 1982: Mein Kritiker in der N.Y.Times ist wahrscheinlich ein netter Kerl, weiß mit Sprache umzugehen, belesen usw. Allerdings hat er wohl noch nie eine Mahlzeit ausgelassen oder sich das Bein gebrochen, wurde nie von einer Nutte angepisst oder hat auf einer Parkbank geschlafen etc. Nicht, dass dies unbedingt notwendig wäre, solche Dinge passieren oder sie passieren nicht, aber wenn sie passieren, sieht man die Welt ein wenig anders.“ Bukowski bleibt eben auch in seinen Briefen Bukowski.
Jörg Konrad
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Sonntag 10.09.2017
Caroline Lüderssen „Eine Kathedrale der Musik – Das Archivio Storico Ricordi“ Prestel
Verdi verkaufte die Musik und das Libretto seiner Oper „Otello“ am 17. Dezember 1888 für ganze 200 000 Lire an den italienischen Verleger Giovanni Ricordi, beglaubigt vom Mailänder Notar Giovanni Bertolè. Noch heute befinden sich die Originale neben weiteren 8000 handschriftlichen Partituren, 10.000 Libretti, 15.000 Briefen von Komponisten und Librettisten, 10.000 Bühnenbildentwürfen und Figurinen, 6000 Fotografien, Plakaten und Drucken aus vier Jahrhunderten Opernwelt im Archivio Storico Ricordi. Mitten im Mailänder Breraviertel lagert diese bedeutende Sammlung an Schriftsücken in der Biblioteca Braidense. Es sind einmalige Dokumente der europäischen Theater-, Musik- und damit auch Kultur- und Sozialgeschichte der letzten 200 Jahre, die hier zugänglich sind.
Den Grundstock für dieses Archiv, das Autorin Caroline Lüderssen in ihrem spannenden Band als „Kathedrale der Musik“ bezeichnet, hat der Kopist und Geiger Giovanni Ricordi im Jahr 1808 gelegt. Das Archivio Storico Ricordi ist somit das bedeutendste privat gegründete Musikarchiv Italiens – mit Weltgeltung! Alles was speziell die (italienische) Operngeschichte betrifft und als Original die Stürme der Zeit überlebte, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit nur zehn Minuten Fußmarsch von der Mailänder Scala. Neben Verdi lassen sich hier auch etliche Originale von Giaccomo Puccini, Gioachino Rossini oder Gaetano Donizetti finden. So ist diese Sammlung, die ebenfalls einen wichtigen Teil der europäischen Musikgeschichte nach 1945 beinhaltet, Ausgangspunkt für ungezählte Forschungsaufträge und wissenschaftliche Studien. Schließlich sollten Operinszenierungen immer als ein Teil der Kulturgeschichte verstanden werden, wie Caroline Lüderssen schreibt.
Caroline Lüderssen gibt im vorliegenden Band recht umfassend Einblick in das Archivio Storico Ricordi. Sie erzählt die Gründungsgeschichte und über die ersten gut einhundert Jahre, in denen sich die Sammlung in den Händen der Familie Ricordi befand. Die heute an den Universitäten von Frankfurt/Main und Mannheim als Dozentin arbeitende Lüderssen, beleuchtet natürlich die Arbeit der großen italienischen Opernkomponisten, aber auch die Entwicklung der zeitgenössischen Ernsten Musik in Italien. Es gibt viele private Einblicke und fesselnde Berichte der großen Komponisten, die das Buch zu einer waren Fundgrube von Anekdoten werden lässt. Zudem enthält der Band viele Fotos der Bestände, die zumindest einen kleinen Einblick in die unglaubliche Vielfalt des Archivs geben.
Jörg Konrad
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Dienstag 29.08.2017
J.M.G. Le Clézio „Sturm“
Die Menschen, die Jean-Marie Gustave Le Clézio in seinen beiden Novellen neueren Datums beschreibt, gehören zu jenen Individuen, die sich ihrem Schicksal im persönlichen Alltag eher unauffällig stellen. Sie bewegen sich am Rande der Gesellschaft, sind, aufgrund von schwer beeinflussbaren Ereignissen an diesen Rand geraten, an dem sie nur mühevoll, mit mehr oder weniger Zuversicht, dem Absturz trotzen. Dieser bei aller Melancholie spürbare Widerstand entspringt einem häufig unbewussten Aufbegehren, einer lebensbejahenden inneren Grundstimmung, die manchen Zweifel trotzig hinwegspült.
In „Sturm“ setzt Le Clézio mehrere Handlungsstränge und Erzählzeiten kunstvoll miteinander in Beziehung. Im Mittelpunkt steht der Journalist Philip Kyo. Er kehrt an einen ihm vertrauten Ort im Japanischen Meer zurück, wo er einst glücklich war, aufgrund eines Unfalls dann unglücklich wurde. Zudem leidet er unter einem Kriegstrauma, das ihn mit starken Schuldgefühlen quält und das nur schwer vernarbt. Albträume verfolgen ihn bis in die Gegenwart und stellen seinen Lebensmut immer wieder in Frage. Er ist kein vordergründig Suchender, eher ein Verlorener und von Todessehnsucht Gezeichneter, der plötzlich und unerwartet positiv fündig wird. In der 13-jährigen Koreanerin June trifft er auf eine Seelenverwandte, die mit ebenso wenig Zuversicht und Freude in den Tag hineinlebt. Die beiden, auf so unterschiedliche Weise gebrochenen Charaktere, finden eine Möglichkeit, sich aufzurichten und von einer erträglicheren Zukunft zu träumen.
Le Clézios Hauptfiguren sind Menschen ohne feste Heimat, ohne Bindung. Seine Geschichten spielen auf verschiedenen Kontinenten, auf denen die Hauptakteure mit den unterschiedlichsten Kulturen konfrontiert werden, aber auch in fremden Kulturen immer nur verloren wirken. Es fehlt ein persönlicher Halt. So ist es auch in „Eine Frau ohne Identität“. Der Titel macht schon deutlich, worum es in dieser Novelle geht. Rachel ist das Kind einer Vergewaltigung und lebt mit ihrem leiblichen Vater und einer neuen Mutter, sowie ihrer Halbschwester Bibi, in Afrika. Aufgrund von Bürgerkriegen flieht die Familie nach Frankreich, wo sie materiell verarmt und sozial verelendet auseinanderbricht. Rachel schlägt sich allein und mittellos manchmal recht dubios durch den Tag. Ihr Gemütszustand wechselt zwischen purer Verzweiflung und trotzigem Überlebenswillen. Sie träumt von ihrer Heimat Afrika, davon, ihre leibliche Mutter kennenzulernen.  Diese Vorstellung gibt ihr die Kraft und den Mut vieles auszuhalten, um eines Tages tatsächlich vor ihr zu stehen und auch wieder nach Afrika zu kommen.
Celzio ist als Architekt seiner Geschichten kein Pragmatiker, der für die Probleme seiner Figuren einfache oder gar rustikale Lösungen bietet. Er beschreibt den Zustand seiner Helden, ordnet sich ihrem Denken und Fühlen ein, ist ein ausgezeichneter Beobachter menschlicher Not. Er arbeitet mit Andeutungen und Verweisen, seine Sprache spült oft geheimnisvolle Details an die Oberfläche und gibt so Handlungen einen melancholischen Unterton – weitab von jedem Pathos.
Jörg Konrad

J.M.G. Le Clézio
„Sturm“
Zwei Novellen
Kiepenheuer & Witsch
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Montag 21.08.2017
Klassiker wiederentdeckt: Upton Sinclair „Boston“ Manesse
Boston“, erschienen 1928, ist die Geschichte der beiden italienischstämmigen Einwanderer Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die in den USA 1927 offiziell hingerichtet wurden. Upton Sinclair erzählt den Verlauf und die Hintergründe eines historischen Justizskandal, der nicht nur die USA erschütterte, sondern weltweit Proteste auslöste und als Beispiel für die Nichtachtung von Menschenrechten in die Geschichte einging. Auf über 1000 Seiten gelingt es Sinclair mit diesem packenden Roman sowohl literarischen als auch journalistischen Anspruch stimmig einzulösen. Nun liegt im Züricher Manesse Verlag eine Neuübersetzung von Viola Siegemund vor, die dieses große, gewaltige Werk wieder in Erinnerung bringt und letztendlich damit auch ein Stück an Tagesaktualität einfängt.
Upton Sinclair (1878–1968) war ein Gerechtigkeitskämpfer und ein manischer Schreiber. Es gibt kaum einen amerikanischen Autor, der sich in seinen Büchern derart vehement für die Belange von unterdrückten Mehrheiten und sich gegen das Gewinnstreben Einzelner einsetzte. Zugleich sind ein Großteil seiner Bücher eine schreiende Anklage gegen jede Form eines räuberischen Kapitalismus. Er war (intellektuelles) Sprachrohr einer ganzen Generation von Arbeitnehmern, die trotz schwerster körperlicher Arbeit nicht genug für ein Leben unter einfachsten Bedingungen erhielten, wobei die Arbeitgeber gleichzeitig im konservativen Luxus regelrecht erstickten.
Sinclair hat den über Jahre andauernden Prozess gegen die beiden angeblichen Anarchisten Sacco und Vanzetti verfolgt, analysiert und ihn in eine Handlung gebettet, in der sowohl das Leben italienischer Einwanderer, wie auch der Gier und Prunksucht der amerikanischen Oberschicht gegenübergestellt wird. Fakten und Fiktionen finden bei ihm eine Einheit, die das Buch zu einer erschütternden Anklage von Rechtsbeugung werden lässt.
Sinclair versteht es, die in Armut lebende Bostoner Arbeiterklasse glaubwürdig als auch empathisch darzustellen. Das Bindeglied zwischen den Menschen der Arbeitersiedlung und der Industriellen und Bankiers ist die Gouverneurs-Witwe Cornelia und ihre Enkeltochter Betty. Beide stammen aus den wohlhabenden Bostoner Kreisen, haben sich aber Mitmenschlichkeit und Solidarität bewahrt. Sie nutzen ihre finanziellen Möglichkeiten und ihren Einfluss, um die zu Unrecht inhaftierten Sacco und Vanzetti in diesem Schauprozess vor der Todesstrafe zu retten. Beide sollen während eines Geldraubes zwei Wachleute erschossen haben – obwohl anhand nachprüfbarer Fakten klar ist, dass sie mit diesem Verbrechen nichts zu tun haben können. Wahr ist, dass sich beide einer links-anarchistischen Bewegung angeschlossen hatten, die für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA stand.
Es ist ein beispielloser Akt von juristischer Verdrehung, Inkompetenz, Bestechung, politischer Einflussnahme und persönlichem Narzismus, wie hier eine Sachlage Missbraucht wird. Die Intensität der Handlung nimmt mit Fortschreiten immer stärker Fahrt auf und obwohl das Ergebnis des Prozesses historisch verbürgt ist, liest man die emotionsgeladenen Seiten mit atemloser Spannung. Dieses Buch ist ein Aufschrei gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, gegen die Todesstrafe und, so ganz „nebenbei“, für das Wahlrecht von Frauen, für das Cornelia und Betty eintreten.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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