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Ulrike Edschmid "Ein Mann, der fällt" Suhrkamp

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Honore de Balzac „Verlorene IllusionenR...

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Elisabeth Autissier „Herz auf Eis“ Mare Verlag

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Boris Sawinkow „Das fahle Pferd“ und „Das schwarze Pferd...

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Irving Penn „Centennial“ Schirmer/Mosel München

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Jonathan Safran Foer „Hier bin ich“ Kiepenheuer & Witsch

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Samstag 27.05.2017
Ulrike Edschmid "Ein Mann, der fällt" Suhrkamp
Sie schreibe nur über das, was sie kenne, hat Ulrike Edschmid in Interviews zu ihren früheren Büchern gesagt. Hinter diesem nüchtern klingenden Statement verbergen sich allerdings Geschichten voller Wucht, Geschichten aus ihrem eigenen Leben, deren Dramatik sie in ruhigen, gut gewählten Bildern sichtbar macht, eindrucksvoll, aber ohne jeden emotionalen Trommelwirbel.
Schon in ihrem Roman „Das Verschwinden des Philip S.“ (2013) hat sie über ihre Studenten-Liebe zu Philip Werner Sauber, über ihr Leben mit ihm, seinen Weg vom Bürgersohn und Schöngeist zum Terroristen in der „Bewegung 2.Juni“ und ihren Verlust durch sein Verschwinden und seinen Tod geschrieben und dabei gezeigt wie sie unaufgeregt, aber mit großer Nähe vom Anderen erzählen kann. Gerade weil sie soviel Ruhe zulässt, treffen die Bilder, die sie wählt, ins Mark.
So nun auch in ihrem neuen Buch „Ein Mann, der fällt“, über ihr Leben mit ihrem heutigen Mann.1986 wollen sie ihr gemeinsames Leben in einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg beginnen, aber schon am Anfang ändert sich alles. Beim Renovieren der Wohnung stürzt er von der Leiter und aus dem jungen, sportlichen, vor Ideen sprudelnden Architekten wird schlagartig ein schwer versehrter Mann, der sich nach langen Krankenhausaufenthalten mühsam in sein Leben zurückzukämpfen versucht. Er ist ab dem sechsten Halswirbel querschnittgelähmt. Unter Qualen und Ängsten, nur mit Krücken erlangt er ein bisschen Bewegungsfähigkeit zurück. In kleinen, fast alltäglichen Geschehnissen zeigen sich die bitteren Seiten seines Schicksals, das sie mit ihm teilt, mit aller Härte. Von einem Augenblick zum anderen sind aus der ersehnten Gemeinsamkeit zwei verschiedene Leben entstanden, in denen sie beide immer wieder neu lernen müssen sich zu verstehen und aufeinander einzurichten.
Um sie herum im Haus, in Charlottenburg, in Berlin verändert sich im Laufe der folgenden Jahre alles in ständig steigendem Tempo. Menschen kommen und ziehen wieder weg, die Verhältnisse werden roher, dramatische Dinge geschehen. Es ist, als ob ihre zur Langsamkeit verdammte Welt in immer größerem Widerspruch zum Leben um sie herum steht – aber auch besteht. Zum Schluss sind sie die einzigen Bewohner des Hauses, die heute noch dort leben.
Gerade weil Edschmid auch hier wieder eine Meisterin der ruhigen, genauen Bilder ist, wird die Diskrepanz zwischen ihrem Leben und den Veränderungen der Welt um sie herum auch für die Leser deutlich spürbar. Es ist auch ein Blick auf das heutige Berlin.
Wie nah sie ihrem Lebensgefährten ist, zeigt sich in ihrer Erzählweise: immer wieder nimmt sie seinen Blickwinkel ein, geht auf sein Erleben der Situation mehr ein als auf ihr eigenes. Erst später beim Lesen fällt auf, dass sie noch nicht einmal seinen Namen nennt und er auch nicht direkt spricht, trotzdem aber zentrale Figur der Geschichte ist. Er ist derjenige, der gefallen ist, er fällt durch seine Behinderung immer wieder, aber er lernt auch sich immer wieder aufzurichten und sie mit ihm.
Sie klagt nicht, sie erzählt einfach, was passiert. Das genügt völlig – wenn man es so hervorragend kann wie sie.

Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
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Sonntag 21.05.2017
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Honore de Balzac „Verlorene Illusionen“ Hanser
Auf den ersten Seiten liest sich „Verlorene Illusionen“ wie ein Buch über die angehende und aufrichtige Freundschaft zweier junger Männer im Frankreich der 1820er Jahre. Doch im Laufe der Handlung entwickelt sich der Roman schon bald zu einem packenden, wie schonungslosen Zeitdokument der französischen Restaurationszeit, in dessen Mittelpunkt der engelsgleiche Aufstieg und der unvergleichliche Fall des Lucien Chardon stehen. Der Apothekersohn aus dem ländlichen Angoulême, knapp 500 Kilometer südwestlich von Paris gelegen, wird aufgrund seiner Intelligenz, seines Talents und seiner Anmut von der Damen-Welt der Provinzstadt protegiert und versucht mit deren Hilfe voller Zuversicht sein Glück als Poet in Paris jener Zeit. Dort wird er, anders als geplant, in kürzester Zeit zum Star in den Redaktionsstuben der größten Tageszeitungen. Mit seinen geistreichen und prosaischen Artikeln bestimmt er das kulturelle Leben der Seine-Metropole, wobei sein unglaublicher Erfolg fast zwangsläufig auch Neid und Missgunst auslösen. Es werden in der Folge schauderhafte Intrigen gesponnen, wobei sich Paris auch als ein menschlicher Moloch von Korruption und Unredlichkeit offenbart.
In diesem Umfeld skrupelloser Eitelkeiten beginnen Luciens einstigen Ideale massiv zu bröckeln. Der Traum, als bedeutender Dichter am geistigen Leben Frankreichs teilzuhaben, weicht immer stärker der Sucht nach persönlichem Reichtum und Wohlstand. Er wird, teilweise unfreiwillig und aufgrund seiner Naivität, ein Teil der scheinheiligen Gesellschaft. So endet nicht zuletzt aufgrund dieser Charakterschwäche seine große Liebe zu der Schauspielerin Coralie tragisch und er selbst wird das Opfer der eigenen Gier, aber auch von Hass und Rache. In schwindelerregend kurzer Zeit stürzt Lucien als „Unperson“ in den gesellschaftlichen Abgrund und in die daraus folgende außergewöhnliche materielle Not.
Geschunden und verarmt versucht er sich zurück in die Provinz zu retten, wo er auf die Hilfe des einst so sträflich vernachlässigten Freundes David und dessen Ehefrau Eve, Luciens Schwester, hofft, ahnend, dass er mit seinem Verhalten im fernen Paris auch die beiden ins persönliche Unglück gestürzt haben könnte. Doch in seiner Heimatstadt setzt sich die Katastrophe fort.
Balzac erzählt diese tragische Geschichte in epischer Ausführlichkeit, wobei ihm das Kunststück gelingt, über die kompletten achthundert Seiten die Spannung des Geschehens hochzuhalten, was mit Sicherheit auch an der großartigen Übersetzungsarbeit von Melanie Walz liegt. Auch schwierige Sachverhalte und ausufernde Sätze bringt sie in eine verständliche und schlanke Form.
Balzac lässt sich Zeit, die einzelnen Charaktere zu formen, die verschiedenen, ineinandergreifenden Handlungsstränge logisch aufzubauen und fortzuschreiben und so eine bemerkenswerte Nähe zwischen den Figuren und dem Leser zu schaffen. Er lässt die Personen, denen nichts menschliches fremd ist, mit spürbarer Lust aufeinanderprallen, beschreibt deren Beziehungen untereinander mit einem scharfsinnigen psychologischen Einfühlungsvermögen. Zudem gibt Balzac über viele Belange des damaligen Lebens genaue Auskunft. Er schafft mit einer unglaublichen Recherchearbeit, egal ob es sich dabei um die damaligen Drucktechniken, um die Herstellung von Papier oder die gesetzlichen Rechtsbestimmungen handelt, ein zeithistorisches Fundament, auf dem er seine Handlung platziert und so den Spielraum für seine leidenschaftlichen Individuen schafft.
„Verlorene Illusionen“ ist einer von jenen 91(!) Romanen und Erzählungen, die Balzac unter dem Titel "Comédie Humaine" (Menschliche Komödie) veröffentlichte und in der er die französische Gesellschaft in der Zeit der konservativ-monarchistischen Restauration darzustellen versuchte. In diesem Mammutprojekt tauchten Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und aus allen nur Möglichen Berufsständen auf. Balzac widmet sich ihnen und ihrem Leben voller Hingabe und mit großem Wissen. Übrigens gründete Balzac 1838 gemeinsam mit Victor Hugo, Alexandre Dumas und George Sand den ersten französischen Schriftstellerverband.
KultKomplott

Zum weiterlesen:
Honore de Balzac „Glanz und Elend der Kurtisanen“ (Fortsetzung von „Verlorene Illusionen“)
Stefan Zweig „Balzac. Eine Biographie“
Autor: Siehe Artikel
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Freitag 12.05.2017
Elisabeth Autissier „Herz auf Eis“ Mare Verlag
Louise und Ludovic sind zu einer Weltumsegelung  aufgebrochen. Die beiden haben sich ein gutes Jahr vorher während einer Zugfahrt kennengelernt. Die eher unscheinbare Louise, die seit dem Abschluss ihres Jurastudiums in einem Pariser Finanzamt arbeitet, genießt die Aufmerksamkeit des gutaussehenden ,meist unbekümmerten und lebensfrohen Eventmanagers. Ludovic  wiederum ist fasziniert von Louises Bergsteiger-Passion , ihrer Ausdauer und Zähigkeit. Er ist auch derjenige, der Louise von seiner Idee einer gemeinsamen Weltumsegelung überzeugt:  Ein Sabbatjahr zum Ausbrechen aus dem Alltag, Abenteuer und viel Zeit füreinander sind die Argumente die Louise ihre Bedenken beiseiteschieben lassen. Die beiden beginnen mit der Planung , kaufen ein Segelboot und brechen dann zu ihrem Atlantiktörn auf.
Bald sind sie ein eingespieltes Team und erleben eine wunderbare Zeit, lassen sich treiben von den Antillen über Patagonien nach Südafrika. Ihr nächstes Ziel ist eine unbewohnte Insel im Südpolarmeer in der Nähe von Cap Horn. Obwohl das Betreten der Insel eigentlich nicht erlaubt ist, wollen sie für eine Nacht dort ankern und den grandiosen Gletscher  besteigen. Sie befinden sich auf dem Weg zum Gipfel, als ein Unwetter aufzieht und sie zur Umkehr zwingt. Da der Sturm so stark ist, dass sie mit ihrem Beiboot nicht mehr ablegen können, verbringen sie die Nacht in einer alten stillgelegten Walfangstation.  Alles ist vermodert und stinkt, aber für eine Nacht zumindest ein Schutz vor Sturm und Regen. Als sie am nächsten Morgen zu ihrem Segelboot zurückwollen, hat der Sturm die Ankerkette gelöst und das Boot ist verschwunden.
Atemberaubend, wie Isabelle Autissier die Ereignisse der nun folgenden Tage und Wochen beschreibt!
Die beiden Gestrandeten  realisieren von Tag zu Tag mehr, dass sie ganz alleine auf sich gestellt sind, keine baldige Rettung zu erwarten ist. Der Kampf gegen Kälte, Hunger und Einsamkeit, der in unserer heutigen westlichen Welt so unvorstellbar wie nie zuvor ist, beginnt für sie und wird für den Leser minutiös erlebbar. 
Grandios gelingt es der Autorin dabei aber auch, die innere Perspektive der beiden Protagonisten zu schildern. Dieses Feuerwerk an Gefühlen und Emotionen, Wut, Aggression aber auch gegenseitige Fürsorge und engste Bindung beschreibt sie überaus  sensibel und authentisch.
Wohin dies alles führt, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Man käme um ein lohnendes Leseerlebnis, das  viel mehr ist als eine Abenteuergeschichte.
Elisabeth Autissier ist nicht nur eine sprachgewandte und stilsichere Autorin, sie weiß auch ganz genau wovon sie schreibt.  Die Französin  gehört  zu den besten Seglerinnen der Welt und kennt das Südpolarmeer  sehr gut. Als erster Frau gelang ihr 1991 im Rahmen der „BOC Challenge“  die Weltumseglung. Das verleiht ihrer Geschichte eine einzigartige Authentizität.
Martina Hirsch
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 02.05.2017
Boris Sawinkow „Das fahle Pferd“ und „Das schwarze Pferd“ Galiani Berlin
Sawinkow führt die Existenz eines modernen Gewaltunternehmers, der Hotelzimmer mietete, um Attentate vorzubereiten, potenzielle Opfer ausspähte, nach Geldgebern suchte und mit Auftraggebern zusammenkam“, schreibt Jörg Barbarowski im Nachwort zu „Das schwarze Pferd“ unter dem Titel: „Das Handwerk des Tötens. Boris Sawinkow und der russische Terror“. Er bringt damit die politische Überzeugung des russischen Terroristen und Autors Boris Sawinkow auf den Punkt: Er besitzt keine! Er sei ein „Zyniker“ und „Abenteurer von großem Format“, ein „Revolutionär vom Sportlertyp“, schreibt Leo Trotzki über den 1879 in Charkow geborenen Sawinkow.
Doch trotz seiner abscheulichen Taten war Sawinkow auch ein ausgezeichneter Autor, der einige Romane veröffentlichte, die stark an die Tradition von Schriftstellern wie Isaak Babel und Michail Bulgakow erinnern. Die beiden jetzt in neuen Übersetzungen von Alexander Nitzberg vorliegenden Romane „Das fahle Pferd“ und „Das schwarze Pferd“ ergeben einen bemerkenswerten Einblick in das Denken und Handeln von Terroristen. Beide Bücher zusammengenommen sind somit von brisanter Aktualität und zeigen, dass politische Überzeugungen oder ideologische Motive in Form von Utopien im fundamentalistischen Denken eines Terroristen nur wenig Platz finden. Ihnen geht es vor allem um das Töten und um die Ausübung von Macht, aufgrund ganz persönlicher, egoistischer Motive. „Wenn ich könnte, würde ich alle Oberen und alle Herrschenden töten. Ich will kein Knecht sein. Und ich will nicht, dass andere Menschen Knechte sind“, lässt er seine Hauptfigur George sagen.
Beide Romane sind stark autobiographisch eingefärbte Texte, die in einem jeweils recht unterschiedlichen historischen Kontext entstanden. „Das fahle Pferd“ ist die Geschichte des Terroristen George und seiner mörderischen Clique, die um 1900 versuchen, den Generalgouverneur von Moskau mit allen erdenklichen Mitteln zu liquidieren. Sawinkow schreibt über diese Besessenheit des Mordens mit einer Kühle und Distanz, ja mit einer Zwanghaftigkeit, die jede Leidenschaft für eine Sache völlig ausschließt. Allein die Tat steht im Mittelpunkt. Hier hat sich jemand mit seinem Auftrag identifiziert und ist durch jedwede Überzeugungsarbeit von seinem Vorhaben nicht abzubringen. Wie besessen sucht George nach Möglichkeiten, seinen Auftrag umzusetzen. Selbst die Rücknahme des Befehls, überbracht durch einen Boten, kann ihn (in seinem Wahn) nicht stoppen. Auch nicht die tiefe Liebe zu Jelena.
Der Roman „Das schwarze Pferd“, ebenfalls in Tagebuchform geschrieben, spielt um 1917. Der Erzähler, es handelt sich um eben jenen George aus dem Buch „Das fahle Pferd“, ist anfangs Befehlshaber einer Abteilung der Weißen Armee, später der auch in der Literatur weitaus seltener anzutreffenden Grünen Armee, ehe er am Schluss als Partisan in Moskau gegen die „Roten“, die Bolschewiki kämpft. Bei den „grünen Banden“ handelt es sich um ein Heer, das sich aus Bauernschaften und Deserteuren, aber auch Kriegsgefangenen rekrutierte, die in den Wäldern lebten und von hier gegen die marxistische Ideologie kämpfte. Doch so ganz genau ist das bei George nicht zu erkennen. Er schwankt deutlich in seinen Überzeugungen, hat ein Liebesverhältnis mit einer Kommunistin und wechselt häufig seine Identitäten. Diese Zerissenheit spiegelt sich auch in der Sprache wieder, die etwas surrealistisches, traumhaftes, auf jeden Fall illusionsloses besitzt.
Das mag daran liegen, dass Sawinkow diesen, als auch den Roman „Das fahle Pferd“ mit großem zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen erst im französischen Exil Anfang der 1920er Jahre geschrieben hat.
Schon 1906 festgenommen und als Terrorist in Russland zum Tode verurteilt, konnte er fliehen und setzte sich erstmals nach Frankreich ab. Von hier ging er 1917 nach der Februarrevolution zurück nach Russland, wurde stellvertretender Kriegsminister, fiel bei den Sozialrevolutionären in Ungnade und ging als Partisan wiederholt in den Untergrund. 1922 emigrierte er ein zweites Mal nach Paris. Von der russischen Geheimpolizei wurde er 1924 in die Sowjetunion gelockt, verhaftet und in das berüchtigte Lubjanka-Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes eingesperrt. Hier stürzte er am 7. Mai aus dem 5. Stock.
Jörg Konrad
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Freitag 21.04.2017
Irving Penn „Centennial“ Schirmer/Mosel München
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Fotos: © Condé Nast Publications, Inc. / courtesy Schirmer/Mosel
Pablo Picasso, Carson McCullers, Francis Bacon, Marlene Dietrich, Truman CapoteIrving Penn hat sie alle portraitiert. Doch der 1917 geborene amerikanische Fotograf lichtete nicht nur die berühmten Menschen seiner Zeit ab. Penn war ein ebenso ambitionierter Künstler, wenn es darum ging, für Modezeitschriften und Werbeangenturen zu arbeiten, wenn er Stilleben inszenierte, oder sich von den Formen des menschlichen Körpers für seine Aktfotografien inspirieren ließ. Anlässlich seines 100 Geburtstages ist im Münchner Schirmer/Mosel Verlag jetzt die prachtvolle Monographie "Centennial" erschienen, die dem großen Ästheten und wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gewidmet ist.
Irving Penn fühlte sich schon früh zur Kunst hingezogen und wollte anfänglich Maler werden. Doch bei allem Ehrgeiz spürte er schnell, dass er es auf diesem Gebiet nicht sehr weit bringen würde. Eher durch Zufall kam er dann zur Photographie und war schwer von August Sander und Walker Evans beeindruckt. Vor allem aber der Grafikdesigner Alexey Brodovitch, bei dem Penn an der Kunsthochschule in Pensylvania studierte und später für ihn auch als Assistent arbeitete, war für ihn eine Art väterlicher Lehrmeister.
Penns Foto-Arbeiten beeindrucken durchgehend in ihrer Klarheit, manchmal auch in ihrer Schlichtheit, mit der sie Personen und Formen zum Ausdruck bringen. Jedes seiner Portraits fasziniert auf eine besondere Weise, in dem es Penn gelingt, die Persönlichkeit des Modells deutlich herauszuarbeiten. Egal, ob es sich hierbei um Igor Stravinsky oder um peruanische Einwohner der auf 3.400 Meter Höhe gelegenen Stadt Cuzco handelt. „Wie ein Bildhauer komponiert er Figuren und Gegenstände im Verhältnis zum Raum und nicht zum Rechteck des Abzugs“, sagte Penns Kollege Edward Steichen, der als einer der ersten die Bilder der Reihe „Cuzco“ im Jahr 1948 gesehen hat.
Einen ähnlichen Eindruck hinterlassen die Arbeiten der Serie „Kleine Gewerbe“, die zwischen 1950 und 1951 in Paris, London und New York entstanden. Es sind Portraits von Angestellten und Arbeitern, in der für ihren Beruf typischen Arbeitskleidung. Penn schreibt über die Entstehung dieser Bilder: „Ein ständig fließender Strom von Arbeitern, Straßenverkäufern und Pariser Stadtrandtypen erklomm die sechs Stockwerke zum Atelier; dort warteten sie bis sie – zwischen Terminen für Haute Couture-Photos und Prominenten-Portraits an der Reihe waren.“
Obwohl für seine Arbeit als Modefotograf, speziell für die Zeitschrift „Vogue“ bekannt geworden, zog Irving Penn weit abseits der großen Ateliers mit seinem tragbaren Zeltstudio durch die Wildnis Afrikas und Südamerikas. Er fotografierte Zigeuner in Spanien und Krieger in Neuguinea, ganz der eigenen Philosophie verpflichtet: „Die Photographie ist lediglich die gegenwärtige Stufe der visuellen Geschichte der Menschheit“.
Der vorliegende Band entstand in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Metropolitan Museum, in dem vom 24. April bis zum 30. Juli eine große Irving Penn-Ausstellung läuft, die im kommenden Jahr auch in Berlin und München zu sehen sein wird. 365 Abbildungen in ausgezeichneter Druckqualität gehören ebenso zu diesem Buch, ausführliche Essays über das Schaffen Penns von Maria Morris Hambourg, Philip Garner, Jeff L. Rosenheim, Adam Kirsch und anderen.
Jörg Konrad
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Montag 17.04.2017
Jonathan Safran Foer „Hier bin ich“ Kiepenheuer & Witsch
Es gibt kaum einen Autor, der die Kunst des Dialogs in Form des blitzgescheiten Smalltalks so schwindelerregend perfekt beherrscht, wie Jonathan Safran Foer. Zumindest in seinem neuen, seinem dritten Roman „Hier bin ich“, lässt er seine Figuren ununterbrochen miteinander reden. Wie nebenbei setzt sich über deren Gespräche das Beziehungsgeflecht der jüdischen Familie Broch und damit die Handlung des Buches mosaikartig zusammen. Hier prallen die weltlichen Probleme der modernen Zivilgesellschaft und die traditionellen Lebensriten des Judentums erbarmungslos aufeinander. Es geht um Liebe, um unerfüllte Hoffnungen, um Pubertät und Midlifecrisis, um Religion und Naturkatastrophen, um Erotik, um die modernen Technologien unserer Zeit und vieles mehr. Das ist manchmal auch (unfreiwillig) komisch und insofern handelt dieses oft auch todtraurigen Buch von Schlagfertigkeiten und Grenzen des Humors.
Foer strickt das inhaltliche Geschehen mit scheinbar schneller Nadel und einem unglaublich (intelligenten) Gespür für zwischenmenschliche Situationen: Das Ehepaar Broch, Julia und Jacob und ihre drei Söhne, sowie Großvater Isaac, der ins Altersheim soll, machen sich in Washington, D.C. das Leben zu einer einzigen Hölle. Die Liebe der Eltern bröckelt, die Kinder äußern sich in der Schule rassistisch, der Großvater lebt in der Vergangenheit und kämpft noch immer gegen die Nazis. Dann kommen aus Israel der Cousin Jacobs mit seinem Sohn Barak zu Besuch, um Bar Mizwa (Fest der religiösen Mündigkeit) des ältesten Sohnes der Blochs zu feiern. Aufgrund eines verheerenden Erdbebens im Nahen Osten bleibt die Verwandtschaft zwangsläufig weitere Wochen in Washington und das Chaos nimmt seinen Lauf.
Jonathan Safran Foer stellt in „Hier bin ich“ so ganz nebenbei die Frage, welches die richtige Lebenseinstellung für Juden fern ihrer Heimat ist. Sollen sie ihre eigenen Traditionen und Riten ausleben und die Gegenwart zugunsten der Vergangenheit abstimmen. Es handelt sich um den Prozess des Kulturwandels. Also die individuelle Assimilation, um mit der Mehrheit der Gesellschaft zu verschmelzen?
So wie man das Buch liest, handelt es sich um einen Eheroman, einen Familienroman, eine Trennungsgeschichte, ein Sittenbild, einen Entwicklungsroman, ein Religionsbuch, einen Identitätsroman, ein Buch der Gleichnisse. Was kann einem Roman im Grunde besseres passieren?
KultKomplott
Autor: Siehe Artikel
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