Blickpunkt:
Literatur
Literatur
Inhaltsverzeichnis
Christoph Ransmayr „Cox oder der Lauf der Zeit“

31

Wolf Kampmann „Jazz“ / Sigfried Schmidt-Joos „Die Stasi s...

32

Don DeLillo „Null K“ Kiepenheuer & Witsch

33

„Geheime Sender – Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler“...

34

Elif Shafak „Der Geruch des Paradieses“ Kein & Aber

35

Rainer Schmitz / Benno Ure „Tasten, Töne und Tumulte“ Siedler

36

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Bilder
Dienstag 13.12.2016
Christoph Ransmayr „Cox oder der Lauf der Zeit“
Christoph Ransmayr ist ein Reisender. In seinen Büchern – „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ oder „Die letzte Welt“, um nur zwei seiner bekanntesten zu nennen – verarbeitet er Erlebnisse, die er auf seinen zahlreichen Reisen gemacht hat. Er lässt sich durch andere Länder anregen und inspirieren, aber er bildet seine Erfahrungen nicht einfach ab, sondern verwandelt sie in seine eigene Welt, die aus seiner ganz besonderen Sprache gebaut ist. Der Erzähler muss „a l l e Welt noch einmal erfinden, noch einmal und immer wieder erschaffen…“ sagt Ransmayr.
Sein neuestes Buch „Cox oder der Lauf der Zeit“, das 2016 bei S. Fischer erschienen ist, führt uns in das China des 18.Jahrhunderts. Es ist ein Buch über die Zeit, über die Macht und über die Liebe. Die beiden Protagonisten des Romans, der chinesische Kaiser und der englische Uhrmacher, lehnen sich an historische Figuren an, die sich aber in der Realität nie begegnet sind.
In Ransmayrs Geschichte lädt Qianlong, der Kaiser von China, ein Liebhaber von Uhren und mechanischem Spielzeug, den berühmten Uhrmacher Alister Cox mit drei Gefährten an den Kaiserhof von Beijing ein. Cox nimmt die Einladung an in der Hoffnung, über seinen schweren Kummer hinwegzukommen: die Trauer über den Tod seiner geliebten fünfjährigen Tochter Abigail und das Verstummen seiner Frau, die sich nach Abigails Tod ganz in sich selbst zurückgezogen hat.
Kaum in China gelandet, werden die vier Uhrmacher Zeugen einer Massenexekution im Hafen. Qianlong, der “Allerhöchste“, ist ein Gottkaiser mit unendlicher Machtfülle „dessen Gesetze jede Regung des Lebens, den Lauf eines Flusses, Küstenlinien, selbst das Augenspiel und die geheimsten Gedanken“ bestimmen. Ihn umgibt eine Atmosphäre von Ehrfurcht und Angst.
Ein Ausdruck seiner Macht ist auch die Entfaltung von Luxus und berückender Schönheit in seinen Palästen. Christoph Ransmayr ist ein Sprachmagier. Er lässt vor dem inneren Auge Bilder von größter Ästhetik entstehen, Bilder, die in ihrer Eleganz oft an chinesische Tuschzeichnungen erinnern. Man sollte beim Lesen immer wieder innehalten und einzelne Abschnitte ein zweites oder drittes Mal genießen.
Das Hauptthema des Buches ist die Zeit, ihr unerbittliches Verrinnen und die Endlichkeit allen Lebens. Und es geht um den großen Unterschied zwischen der mechanisch gemessenen Zeit und dem subjektiven Zeitempfinden. Qianlong verlangt von den Uhrmachern den Bau von Uhren, die es noch nie gab: sie sollen das unterschiedliche Tempo der Zeit in verschiedenen Lebensphasen messen. So konstruiert Cox eine Uhr, die das Zeitempfinden eines Kindes spürbar machen kann mit all seinen Sprüngen und Verzögerungen. Und er baut eine Uhr, die das gnadenlose Fortschreiten der Zeit eines zum Tode Verurteilten anschaulich macht. Ransmayr entwirft hier mit minutiöser Genauigkeit mechanische Wunderwerke, die in ihrer verzauberten Schönheit und Symbolkraft nur in der Welt der Phantasie existieren können.
Die Aufträge des Kaisers gipfeln in dem Befehl, eine Uhr für die Ewigkeit zu bauen, eine Uhr, die die Vergänglichkeit überwindet. Cox und seine Mitarbeiter erfinden eine barometrische Uhr, die ihre Antriebsenergie ausschließlich aus dem Luftdruck bezieht. Sie kommt dem großen Menschheitstraum, dem perpetuum mobile, sehr nahe. Der historische Uhrmacher James Cox, auf den sich Ransmayr bezieht, hat im 18. Jahrhundert tatsächlich eine barometrische Uhr gebaut.
In Ransmayrs Roman ist diese „Ewigkeitsuhr“  für den Kaiser, der den Beinamen „ Herr der Zehntausend Jahre“ trägt, ein Abbild seiner eigenen Existenz, sie ist wie er erhaben über die Zeit der Sterblichen. Kaiser Qianlong wird zum Symbol des Allmachtsanspruchs, der Maßlosigeit und Selbstüberschätzung aller autoritären Herrschaft.
Cox fühlt sich durch den Bau der Uhr seiner Frau und vor allem seiner verstorbenen Tochter nahe, die er in einer zeitlosen Sphäre weiß. Er erfährt ein mystisches Erlebnis tiefen Glücks, einen Moment, in dem die Zeit für ihn tatsächlich aufgehoben ist. Es ist ein Augenblick „um vieles kürzer als das Aufleuchten eines Meteoriten und doch von der Überfülle der Ewigkeit…Aber war nicht jeder, der für einen zauberischen Augenblick von einem solchen Funken beschienen wurde, für einen Pulsschlag der Ewigkeit mit einem anderen Menschen verbunden? Verbunden und erfüllt von der Gewissheit, dass alles, was in einem menschlichen Leben den Namen der Liebe verdient, in Erfüllung gegangen war. Alles, dachte Cox, alles.“ Nur so, in der Liebe, ist das Überwinden der Zeit für einen kurzen Moment möglich.
Lilly Munzinger, Gauting

Christoph Ransmayr
„Cox oder der Lauf der Zeit“
S. Fischer Verlag
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Montag 28.11.2016
Wolf Kampmann „Jazz“ / Sigfried Schmidt-Joos „Die Stasi swingt nicht“
Dieser Tage sind zwei Bücher über Jazz erschienen, die sich inhaltlich stark voneinander unterschieden, aber zugleich deutlich werden lassen, was diese Musik intellektuell als auch emotional auslöst und welche Stellung sie gesamtgesellschaftlich in Vergangenheit und Gegenwart innehat.
Da wäre zum einen die Abhandlung „Jazz“ von Wolf Kampmann. Der 1962 in Zwickau geborene Journalist und Autor rollt die Geschichte dieser Musik von ihren Anfängen ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in unsere Gegenwart auf und blickt, entsprechend dem Untertitel „Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen“, fachmännisch in die Zukunft. Kampmann gelingt es in dem überschaubaren Umfang von 390 Seiten, die zeitgenössischste, vielseitigste und experimentellste aller Musikkünste der Moderne kenntnisreich und unterhaltsam darzustellen. Natürlich ist es nicht die erste derartige Zusammenfassung des Klangphänomens Jazz in deutscher Sprache. Doch anders als bisherige Texte konzentriert sich Kampmann neben der allgemeinen Geschichte des Jazz auf spezielle Entwicklungen und Geschehnisse, analysiert deren Folgen und bettet diese geschickt wie spannend in die Gesamthistorie ein.
So beleuchtet er in dem Kapitel „Post Nine Eleven“ mit Sachverstand und Empathie die Geschehnisse der Terroranschläge auf das New Yorker World Trade Center und deren direkte, als auch indirekte Folge auf die Entwicklung des Jazz speziell in New York, immerhin über viele Jahrzehnte die Hauptstadt des Jazz. „Gitarrist Jim Hall, der in einer österreichischen Zeitung offene Worte gegen die Bush-Politik gefunden hatte,wurde als unpatriotisch abgestempelt und konnte in den USA vorerst kaum noch auftreten. Jazzmusiker standen per se nicht in dem Ruf, besonders patriotisch zu sein, und mussten um so mehr aufpassen, was sie sagten.“ Hinzu kamen Entwicklungen wie das Internet, die „Yuppiefizierung“ der New Yorker Gesellschaft und die schwindelerregende finanzielle Aufwertung der Grundstückspreise.
In dem Kapitel „Europa bis 1990“ beschäftigt sich Kampmann mit der Entwicklung des Jazz in Osteuropa, hier besonders innerhalb der ehemaligen DDR und die Auswirkungen des Mauerfalls 1989. Damit rückt der Autor den politische Bezug des Jazz, egal ob als Auslöser oder als Begleiter gesellschaftlicher Entwicklungen, deutlicher in den Mittelpunkt.
Siegfried Schmidt-Joos, der in den zurückliegenden Jahren einige Bücher gemeinsam mit Wolf Kampmann herausgab, beschränkt sich in seiner Veröffentlichung „Die Stasi swingt nicht“ auf einen Blick in die Vergangenheit. Doch dieser Blick hat es in sich. Denn der im thüringischen Gotha 1936 geborene Musik- und Kulturjournalist, sowie Verfasser so wichtiger Standardwerke wie das „Rock-Lexikon“, „Das Buch der Spiritual und Gospel Songs“ oder „Das Musical“ beschäftigt sich mit dem Jazz der Jahre 1954 bis 1961 speziell in der DDR.
Es handelt sich um jene Zeit kurz vor dem Mauerbau, in dem sich die Kalten Krieger in ganz Europa in Stellung brachten. Schmidt-Joos,  hat jahrelang in den Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde recherchiert, hat Zeitzeugen interviewt, seine eigenen Erinnerungen und Unterlagen durchforstet und eine hochinteressante, wenn auch manchmal recht ausführliche Zeithistorie des Jazz verfasst.
Auch in Ostdeutschland war nach dem Ende des Nationalsozialismus der Jazz, besonders für die junge Generationen, die versinnbildlichte Freiheit in Form von Musik. Doch da diese Musik aus den USA kam, war sie für die SED-Herrschenden ein Produkt des „Klassenfeindes“ und konnte laut Propaganda die Menschen an der Ausformung sozialistischer Persönlichkeit nur hindern. Wer Jazz hörte und sich öffentlich sich dazu bekannte, konnte mit Zuchthaus bestraft werden.
Nach einer kurzen Phase der Duldung, zwischen 1948 und 1953 wurden auf dem ostdeutschen Plattenlabel Amiga hunderte Jazz (-ähnliche) Aufnahmen veröffentlicht, zogen die DDR-Oberen die Reißleine. Schmidt-Joss, um diese Zeit in Halle an der Saale lebend, war Gründungsmitglied des dortigen Jazz-Clubs. Ausreichend, um gegen ihn und viele andere über ein eng geknüpftes Netz an Informanten zu ermitteln. Vorwurf: Sie alle stünden im Dienst des Imperialismus.
In der Zeitschrift „Musik und Gesellschaft“ einem halbamtlichen Organ der SED, war 1955 zu lesen: „Es gibt eine gewisse Aristokratie jazzbesessener Musiker, die mit den Scheuklappen der Fanatiker auf die alleinseligmachende amerikanische Direktive eingeschworen und untereinander fest verschworen sind ...“, oder „ … unter geschickter, aber skrupelloser Verwendung von Elementen, die ursprünglich der Volksmusik der Neger angehörten, wird so eine Rauschmusik im Interesse des amerikanischen Imperialismus erzeugt ...“ .Walter Ulbricht nannte den Jazz öffentlich eine „Affenkultur“.
Schmidt-Joos erzählt auf 600 Seiten über die Leidenschaft seiner Generation zum Jazz, über die staatlichen Repressalien, über Spitzeldienste und menschliche Schicksale aus eigenem Erleben. Dieser Blickwinkel, sein fundiertes Wissen und seine erfrischende Art der Vermittlung machen dieses Buch eines „Jazzfan im Kalten Krieg“ so lebendig wie auch erschütternd. Trotzdem ist es ein optimistisches Buch, das deutlich macht, das Unfreiheit und Unrecht auf Dauer keine Chance haben.
Zwei Bücher – ein Thema. Beide sehr zu empfehlen.
Jörg Konrad


Wolf Kampmann
„Jazz – Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen“
Reclam
Siegfried Schmidt-Joos
„Die Stasi schwingt nicht – Ein Jazzfan im Kalten Krieg“
Mitteldeutscher Verlag
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 21.11.2016
Don DeLillo „Null K“ Kiepenheuer & Witsch
Ein Autor schreibt über sich. So verschlungen die Story klingt, so futuristisch der Plot sich darstellt, so maniriert die Hauptpersonen auch agieren. Zu aller erst erfahren wir in einem Buch etwas über seinen Autor. Auch bei Don DeLillo, der am 20. November seinen achtzigsten Geburtstag beging, ist das nicht anders. Und so wundert es nur wenig, dass der Amerikaner über das Altern schreibt, über den nahenden Tod, über das erstarkende Sichtum, letztendlich über die Unsterblichkeit. Das könnte natürlich im Rahmen eines autobiographisches Textes geschehen. Aber nicht bei Don DeLillo. Der streicht diese Themen in Romanform zusammen. „Null K“ heißt sein neustes Buch. Eine Art vorausblickende, wenn nicht wünschenswerte Science Fiction – Thematik. Das mag ungewöhnlich klingen – zumindest bei Don DeLillo.
In einem Interview, das er anlässlich des Erscheinens dieses Buches einer deutschen Tageszeitung gab, sprach er wieder einmal davon, dass er seine Romane ohne jeden Entwurf schreibe. „Ich kümmere mich um eine Erzählung, im Wesentlichen sogar nur um einzelne Sätze und Absätze, denn ich arbeite ohne irgendwelche Entwürfe. Ich verlasse mich gänzlich auf meine Intuition und reagiere auf die jeweiligen Szenen und Figuren, während sie sich entwickeln.“. Vielleicht geht es ihm auch um Sätze, wie diesen: „ .. ein ganzes Leben in einem Sessel neben dem Bett versammelt ...“, „Wie menschlich ist man ohne Zeitgefühl?“ oder „Die eine Hälfte der Welt renoviert die Küche, die andere Hälfte verhungert.“ Sätze, die im Grunde Fragen, manchmal auch existenzielle Fragen sein können.
Bei „Null K“ handelt es sich um die Temperatur von minus zweihundertdreiundsiebzig Komma eins fünf Grad Celsius, oder auch kurz null Kelvin, dem absoluten Nullpunkt. Eine Temperatur, die im vorliegenden Fall für das Einfrieren von Menschen von einiger Bedeutung ist. Irgendwann können sie wieder aufgetaut werden, um sich einer medizinischen Behandlung zu unterziehen, die in der Gegenwart noch unmöglich ist. Ross Lockhart, Milliardär und Vater des erzählenden Jeffrey, macht dieses scheinbar Unmögliche in seinem Reich, der kryonische Unterwelt, möglich. Und Artis, Lockharts zweite Ehefrau und Jeffreys Stiefmutter, unterzieht sich dieser Prozedur.
Ein Handlungsfeld also, das genügend Möglichkeiten bietet, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, zwischenmenschliche Schlachtfelder zu beackern, bewusst oder unbewusst Unerledigtes aufzuarbeiten. Aber es könnte sich auch um eine philosophisch-moralische Entscheidung handeln: Sind wir des Lebens überdrüssig, oder stoßen wir an deren Grenzen, flüchten wir in die Zukunft. Die wird’s schon richten.
DeLillo schafft es mit dieser Thematik geschickt, dass seine Hauptfiguren sich beinahe zwangsläufig mit verschiedenen Zeitebenen auseinandersetzen. Zwar geht es ihm in der Analyse weniger um die Relevanz von Gesellschaftsentwürfen, bzw. deren Kritik. Die spielen in den Existenzproblemen der Lockharts eine scheinbar nur untergeordnete Rolle. DeLillo geht es um das sehr persönliche Miteinander der Menschen, um ihren Verhaltenskodex, ausgehend im familiären Bereich, der kleinsten Zelle der Gesellschaft. Von hier ist es nicht allzuweit zu den großen Problemen dieser Welt.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 08.11.2016
„Geheime Sender – Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler“
Bilder
„Ich halte den Rundfunk für das allermodernste und für das allerwichtigste Massenbeeinflussungsmittel, das es überhaupt gibt.“ Joseph Goebbels, 1933. Das Radio hatten die Nazis schon früh und mit großem Erfolg in ihr Propaganda-Konzept eingeflochten. Der Rundfunk war für Goebbels ein wichtiger Teil in der Verhetzung des deutschen Volkes. Dass das NS-Regime selbst über den Äther bekämpft werden würde, war so von den Nationalsozialisten nicht geplant. Aber es gab sie, die sogenannten Feindsender, wie Schwarze Front oder den Deutschen Freiheitssender 29,8, oder Radio Straßburg. Ihre genauen Sende-Standorte waren oft unbekannt. Aber sie alle leisteten mutigen Widerstand, in dem sie versuchten, den Menschen in Deutschland ein reales Bild der Gegenwart zu vermitteln, die Bevölkerung zu informieren und sie aufzuklären. Welche Gefahr die Nazidiktatur in diesen Sendern sah wird deutlich, dass den Hörern dieser Programme, den sogenannten „Rundfunkverbrechern“, Konzentrationslager und Todesstrafe drohte.
Hans Sarkowicz hat für den Hessischen Rundfunk unter dem Titel „Geheime Sender – Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler“ eine mehrteilige Radiofolge produziert, die mit großem Erfolg ausgestrahlt wurde. Nun liegt diese Arbeit als 8 CD Box, mit einem 140-seitigem Begleitband vor.
Sarkowicz hat sich bei seiner Arbeit im DRA (Deutsches Rundfunkarchiv) bedient. Dieses wurde 1952 als „Lautarchiv des Deutschen Rundfunks“ 1952 in Frankfurt am Main gegründet. In ihm sind  bedeutende historische Tondokumente  archiviert. Sie reichen von den ersten Tonaufzeichnungen überhaupt, bis hin zu Bild-, Ton-, Fernseh- und Filmdokumente der Gegenwart. Eine fast unerschöpfliche Quelle von O-Tönen, welche die audiovisuelle Geschichte Deutschlands auf einzigartige Weise dokumentieren.
Der Äther war damals ein grenzfreies Medium, Störquellen noch nicht erfunden. Insofern bot es sich an, unter dem Oberbegriff „Rundfunk als Waffe“ zumindest mit Worten gegen die menschenverachtende und kriegerische Politik der Nazis mobil zu machen. Von Fischkuttern auf dem Ärmelkanal, aus Paris, aus Palästina, London und Moskau und selbst aus den USA wurden zum Teil direkt über Kurzwelle ganze Programme oder einzelne Aufrufe nach Deutschland gesendet. Für diese Radiostationen, sie reichten von Ein-Mann-Unternehmungen bis hin zum Deutschen Dienst der BBC und Radio Moskau, schrieben Autoren wie Anna Seghers, Heinrich und Thomas Mann, Lotte Lenya oder Arnold Zweig kämpferische Texte, sprachen diese zum Teil selbst ein, wobei die Mitschnitte auf nicht selten abenteuerlichen Wegen in die provisorischen „Redaktionsstuben“ gelangten.
Ob die „Geheimen Sender“ tatsächlich viel ausrichteten und „ … das Hitlerreich auch von Innen her gestürzt werden könnte ...“ wie sich Arnold Zweig wünschte, darf angezweifelt werden. Aber es ist ein ungemein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte, das derart umfassend und spannend bisher noch nicht beleuchtet wurde.
Jörg Konrad

Hans Sarkowicz
„Geheime Sender – Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler“
der Hörverlag
Autor: Jörg Konrad
Bilder
Montag 31.10.2016
Elif Shafak „Der Geruch des Paradieses“ Kein & Aber
„In diesem Buch steht sehr viel über die gegenwärtige türkische Gesellschaft“ sagt Elif Shafak über ihren neuen Roman. „Es  bricht mir das Herz, dass wir in eine komplett andere Richtung hätten gehen können, wir hätten eine gute, einvernehmliche, liberale Demokratie haben können. Wir haben es nicht geschafft, wir sind in die entgegengesetzte Richtung gegangen.“ 
„Der Geruch des Paradieses“, im Oktober 2016 auf Deutsch bei Kein & Aber erschienen, ist ein hochaktuelles, sehr politisches Buch. Er erzählt die berührende Lebensgeschichte von Peri, einer jungen Türkin, ihre Suche nach ihrem Weg zwischen Tradition und Moderne, zwischen der gläubigen Welt des Islam und der säkularen Welt des Westens.
Elif Shafak hat türkische Wurzeln. 1971 wurde sie in Straßburg geboren und ist in Frankreich und der Türkei aufgewachsen. Sie hat in Ankara studiert. Heute lebt sie in London und bezeichnet sich selbst als „Nomadin mit vielen Zugehörigkeiten“. Elif Shafak schreibt auf Türkisch und Englisch und hat zahlreiche Essays und bisher 13 Bücher veröffentlicht. Sie ist eine der meistgelesenen Autorinnen der Türkei und wird von Erdogan-treuen Medien immer wieder wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der Regierung angeprangert.
„Der Geruch des Paradieses“ spielt auf verschiedenen zeitlichen Ebenen. Elif Shafak lässt Peri, eine junge aufgeklärte Türkin, auf einer Dinnerparty zur Beobachterin der heutigen türkischen Upper Class werden. Peri stört sich an der bei geselligen Treffen in Istanbul üblichen Trennung der Geschlechter. Während die Frauen einem Hellseher entgegenfiebern, unterhalten sich die Männer über Politik: “Nach dem Fiasko des Arabischen Frühlings muss doch jeder vernünftige Mensch einsehen, welche Vorteile Stabilität und eine starke Führung mit sich bringen. Die Demokratie ist passe.“ Das Grundgefühl des türkischen Bürgertums ist Angst. Angst vor einer instabilen Zukunft, aber zugleich auch Angst vor den Launen des Staates und vor Gott.
Auch Peri wird durch Fragen der anderen Gäste nach ihrer Vergangenheit von angstvollen Erinnerungen überschwemmt. Sie hat in ihrer eigenen Familie die tiefe Kluft zwischen dem islamischen und dem westlichen Wertesystem erfahren. Ihr geliebter, alkoholkranker Vater verehrt Atatürk, die westliche Zivilisation, Bildung und Wissen, während ihre tiefgläubige Mutter dem traditionellen Islam verhaftet ist. Peri muss erleben, wie ihr älterer Bruder, ein aktiver Kommunist, ins Gefängnis geworfen und nach Jahren als gebrochener Mann entlassen wird. Ihr zweiter Bruder lässt in der Hochzeitsnacht in einer demütigenden Prozedur seine Braut ärztlich untersuchen, ob sie noch Jungfrau ist. Peri flüchtet sich in die Welt der Phantasie und der Bücher.
Ihr Leben nimmt eine entscheidende Wende, als ihr Vater ihr ein Studium in Oxford ermöglicht. Hier freundet sie sich mit zwei Studentinnen an, die beide aus muslimischen Familien stammen, aber unterschiedlicher nicht sein könnten: die extrovertierte Shirin lehnt Konventionen und religiöse Bindungen ab und versucht, ein selbstbestimmtes und lustvolles Leben zu führen. Mona ist eine kopftuchtragende Feministin, gläubig und selbstbewusst. Und Peri ist die Verwirrte, die zwischen den Extremen schwankt und schüchtern ihre eigene Identität sucht. „…die muslimische Welt ist so voller Stimmen und Farben und Konflikte…es gibt nicht nur die eine Stimme“ bemerkt Elif Shafak dazu.
Die drei Freundinnen nehmen an einem Seminar des charismatischen Professors Azur teil. Es trägt den Titel „Gott“. Peri erhofft sich Antworten auf ihre Glaubenszweifel. Aber Azur geht es nicht um Antworten, sondern um Fragen, um einen „Dritten Weg“. Er will die Dualität zwischen Religiosität und Atheismus aufbrechen und seine Studenten Toleranz und Offenheit lehren. „Ich glaube, die faszinierendste Frage über Gott wird von Leuten gestellt, die sowohl Glauben als auch Zweifel in sich tragen“ sagt Elif Shafak.
 Im Zentrum des Romans stehen die Diskussionen zwischen  Professor Azur und seinen Studenten, und die Streitgespräche zwischen den  Freundinnen Peri, Shirin und Mona  über Religion, Politik und die Stellung der Frau. „Shirin ließ nicht locker: ‘…du kannst nicht leugnen, dass Fanatismus und Sexismus derzeit im Nahen Osten gravierender sind als irgendwo sonst. Oder kannst du in Ägypten nach Einbruch der Dunkelheit allein durch die Straßen gehen? Ich kenne mehrere Frauen persönlich, die während der Wallfahrt belästigt wurden‘ … ‘Ich hinterfrage durchaus einiges´, erwiderte Mona, ‘die weltweite Armut, den Kapitalismus…, das entsetzliche Erbe des Kolonialismus… Lassen wir den Islam endlich in Ruhe und sprechen wir über die wirklich wichtigen Themen…“.   Es ist ein intellektuelles Vergnügen, den Diskussionen zu folgen.
Der „Dritte Weg“ des Professors scheitert. Ein Skandal, an dem Peri mitschuldig ist, beendet seine Karriere. Peri bricht ihr Studium ab und kehrt in die Türkei zurück. Sie heiratet, bekommt Kinder und führt ein bürgerliches Leben. Aber sie hat sich ihre Fähigkeit bewahrt, kritische Fragen zu stellen, Fragen an eine Türkei, die immer autoritärer, intoleranter und frauenfeindlicher wird.
Ein packendes Buch, eine mutige Autorin.
Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Sonntag 23.10.2016
Rainer Schmitz / Benno Ure „Tasten, Töne und Tumulte“ Siedler
„Was ein richtiger Musiker sein will, der muss auch eine Speisekarte komponieren können“ (Richard Strauss), oder „Über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden. Künstler reden ja nur über Geld!“ (Jean Sibelius). All dies (und noch viel mehr) ist unter dem Eintrag „Geistesblitze und Bonmonts“ zu finden. Oder man schlägt unter „Alkohol“ nach. Hier findet sich, welch verheerende Wirkung das geistige Getränk auf Komponisten als auch auf Musiker hatte (und hat). So starben Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms an Leberzirrhose. „Völlig dem Trunk verfallen war Modest Mussorgski. Er musste deshalb den Staatsdienst quittieren.“ Das war ihnen unbekannt? Dann sind sie hier goldrichtig. Denn das gerade bei Siedler erschienene Buch „Tasten, Töne und Tumulte“ trägt den Untertitel: Alles was sie über Musik nicht wissen.
Manches klingt in diesem Wälzer banal, anderes hingegen kurios. Denn wo lässt sich detailliert nachlesen, welche Opernhäuser wann und unter welchen Umständen abgebrannt sind? Wie gelangte Bruckners Brillenglas in Beethovens Sarg? Oder was ist der Ohrwurm denn tatsächlich?
Rainer Schmitz war Kultur- und Literaturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und beim Focus und ist Autor des 2006 erschienenen Literaturlexikons „Was geschah mit Schillers Schädel?“. Benno Ure arbeitet als Direktor des Zentrum Kinderchirurgie in Hannover und trägt als musikbesessener „vergessene Noten“ aus dem 19. und 20. Jahrhundert zusammen, die in einer Konzertreihe auch zur Aufführung gelangen. 1170 Seiten Aufklärung versprechen die beiden Autoren Rainer Schmitz und Benno Ure im vorliegenden Buch. Und sie haben tatsächlich in jahrelanger detektivischer Kleinarbeit quer durch die Jahrhunderte und Kontinente der Musikgeschichte recherchiert. Dabei sind sie Spekulationen nachgegangen, haben neue Mythen aufgespürt und nicht selten völlig Überraschendes entdeckt. So ist eine musiktheoretische Fundgrube entstanden, die auch etwas abseits der Orchestergräben und Musikbühnen zu faszinieren versteht. Eine Sammlung von Verschrobenem und Kapriziösem, von Geistvollem und Trivialem, von Erbaulichem und rein Informativen. Zudem lesen sich die Einträge unterhaltsamer und spannender als mancher Roman, so dass man im vorliegenden Fall von einem Standardwerk der Musikskurilitäten sprechen muss!
Jörg Konrad 


Rainer Schmitz / Benno Ure
„Tasten, Töne und Tumulte“
Siedler
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.