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Elif Shafak „Der Geruch des Paradieses“ Kein & Aber

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Rainer Schmitz / Benno Ure „Tasten, Töne und Tumulte“ Siedler

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Connie Palmen „Du sagst es“ Diogenes

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Gavin Ford Kovite & Christopher Gerald Robinson „Der Krieg der Enzyk...

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Rainer Viertlböck „Oktoberfest“ Schirmer/Mosel

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Ottessa Moshfegh „McGlue“ Liebeskind

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Montag 31.10.2016
Elif Shafak „Der Geruch des Paradieses“ Kein & Aber
„In diesem Buch steht sehr viel über die gegenwärtige türkische Gesellschaft“ sagt Elif Shafak über ihren neuen Roman. „Es  bricht mir das Herz, dass wir in eine komplett andere Richtung hätten gehen können, wir hätten eine gute, einvernehmliche, liberale Demokratie haben können. Wir haben es nicht geschafft, wir sind in die entgegengesetzte Richtung gegangen.“ 
„Der Geruch des Paradieses“, im Oktober 2016 auf Deutsch bei Kein & Aber erschienen, ist ein hochaktuelles, sehr politisches Buch. Er erzählt die berührende Lebensgeschichte von Peri, einer jungen Türkin, ihre Suche nach ihrem Weg zwischen Tradition und Moderne, zwischen der gläubigen Welt des Islam und der säkularen Welt des Westens.
Elif Shafak hat türkische Wurzeln. 1971 wurde sie in Straßburg geboren und ist in Frankreich und der Türkei aufgewachsen. Sie hat in Ankara studiert. Heute lebt sie in London und bezeichnet sich selbst als „Nomadin mit vielen Zugehörigkeiten“. Elif Shafak schreibt auf Türkisch und Englisch und hat zahlreiche Essays und bisher 13 Bücher veröffentlicht. Sie ist eine der meistgelesenen Autorinnen der Türkei und wird von Erdogan-treuen Medien immer wieder wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der Regierung angeprangert.
„Der Geruch des Paradieses“ spielt auf verschiedenen zeitlichen Ebenen. Elif Shafak lässt Peri, eine junge aufgeklärte Türkin, auf einer Dinnerparty zur Beobachterin der heutigen türkischen Upper Class werden. Peri stört sich an der bei geselligen Treffen in Istanbul üblichen Trennung der Geschlechter. Während die Frauen einem Hellseher entgegenfiebern, unterhalten sich die Männer über Politik: “Nach dem Fiasko des Arabischen Frühlings muss doch jeder vernünftige Mensch einsehen, welche Vorteile Stabilität und eine starke Führung mit sich bringen. Die Demokratie ist passe.“ Das Grundgefühl des türkischen Bürgertums ist Angst. Angst vor einer instabilen Zukunft, aber zugleich auch Angst vor den Launen des Staates und vor Gott.
Auch Peri wird durch Fragen der anderen Gäste nach ihrer Vergangenheit von angstvollen Erinnerungen überschwemmt. Sie hat in ihrer eigenen Familie die tiefe Kluft zwischen dem islamischen und dem westlichen Wertesystem erfahren. Ihr geliebter, alkoholkranker Vater verehrt Atatürk, die westliche Zivilisation, Bildung und Wissen, während ihre tiefgläubige Mutter dem traditionellen Islam verhaftet ist. Peri muss erleben, wie ihr älterer Bruder, ein aktiver Kommunist, ins Gefängnis geworfen und nach Jahren als gebrochener Mann entlassen wird. Ihr zweiter Bruder lässt in der Hochzeitsnacht in einer demütigenden Prozedur seine Braut ärztlich untersuchen, ob sie noch Jungfrau ist. Peri flüchtet sich in die Welt der Phantasie und der Bücher.
Ihr Leben nimmt eine entscheidende Wende, als ihr Vater ihr ein Studium in Oxford ermöglicht. Hier freundet sie sich mit zwei Studentinnen an, die beide aus muslimischen Familien stammen, aber unterschiedlicher nicht sein könnten: die extrovertierte Shirin lehnt Konventionen und religiöse Bindungen ab und versucht, ein selbstbestimmtes und lustvolles Leben zu führen. Mona ist eine kopftuchtragende Feministin, gläubig und selbstbewusst. Und Peri ist die Verwirrte, die zwischen den Extremen schwankt und schüchtern ihre eigene Identität sucht. „…die muslimische Welt ist so voller Stimmen und Farben und Konflikte…es gibt nicht nur die eine Stimme“ bemerkt Elif Shafak dazu.
Die drei Freundinnen nehmen an einem Seminar des charismatischen Professors Azur teil. Es trägt den Titel „Gott“. Peri erhofft sich Antworten auf ihre Glaubenszweifel. Aber Azur geht es nicht um Antworten, sondern um Fragen, um einen „Dritten Weg“. Er will die Dualität zwischen Religiosität und Atheismus aufbrechen und seine Studenten Toleranz und Offenheit lehren. „Ich glaube, die faszinierendste Frage über Gott wird von Leuten gestellt, die sowohl Glauben als auch Zweifel in sich tragen“ sagt Elif Shafak.
 Im Zentrum des Romans stehen die Diskussionen zwischen  Professor Azur und seinen Studenten, und die Streitgespräche zwischen den  Freundinnen Peri, Shirin und Mona  über Religion, Politik und die Stellung der Frau. „Shirin ließ nicht locker: ‘…du kannst nicht leugnen, dass Fanatismus und Sexismus derzeit im Nahen Osten gravierender sind als irgendwo sonst. Oder kannst du in Ägypten nach Einbruch der Dunkelheit allein durch die Straßen gehen? Ich kenne mehrere Frauen persönlich, die während der Wallfahrt belästigt wurden‘ … ‘Ich hinterfrage durchaus einiges´, erwiderte Mona, ‘die weltweite Armut, den Kapitalismus…, das entsetzliche Erbe des Kolonialismus… Lassen wir den Islam endlich in Ruhe und sprechen wir über die wirklich wichtigen Themen…“.   Es ist ein intellektuelles Vergnügen, den Diskussionen zu folgen.
Der „Dritte Weg“ des Professors scheitert. Ein Skandal, an dem Peri mitschuldig ist, beendet seine Karriere. Peri bricht ihr Studium ab und kehrt in die Türkei zurück. Sie heiratet, bekommt Kinder und führt ein bürgerliches Leben. Aber sie hat sich ihre Fähigkeit bewahrt, kritische Fragen zu stellen, Fragen an eine Türkei, die immer autoritärer, intoleranter und frauenfeindlicher wird.
Ein packendes Buch, eine mutige Autorin.
Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Siehe Artikel
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Sonntag 23.10.2016
Rainer Schmitz / Benno Ure „Tasten, Töne und Tumulte“ Siedler
„Was ein richtiger Musiker sein will, der muss auch eine Speisekarte komponieren können“ (Richard Strauss), oder „Über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden. Künstler reden ja nur über Geld!“ (Jean Sibelius). All dies (und noch viel mehr) ist unter dem Eintrag „Geistesblitze und Bonmonts“ zu finden. Oder man schlägt unter „Alkohol“ nach. Hier findet sich, welch verheerende Wirkung das geistige Getränk auf Komponisten als auch auf Musiker hatte (und hat). So starben Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms an Leberzirrhose. „Völlig dem Trunk verfallen war Modest Mussorgski. Er musste deshalb den Staatsdienst quittieren.“ Das war ihnen unbekannt? Dann sind sie hier goldrichtig. Denn das gerade bei Siedler erschienene Buch „Tasten, Töne und Tumulte“ trägt den Untertitel: Alles was sie über Musik nicht wissen.
Manches klingt in diesem Wälzer banal, anderes hingegen kurios. Denn wo lässt sich detailliert nachlesen, welche Opernhäuser wann und unter welchen Umständen abgebrannt sind? Wie gelangte Bruckners Brillenglas in Beethovens Sarg? Oder was ist der Ohrwurm denn tatsächlich?
Rainer Schmitz war Kultur- und Literaturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und beim Focus und ist Autor des 2006 erschienenen Literaturlexikons „Was geschah mit Schillers Schädel?“. Benno Ure arbeitet als Direktor des Zentrum Kinderchirurgie in Hannover und trägt als musikbesessener „vergessene Noten“ aus dem 19. und 20. Jahrhundert zusammen, die in einer Konzertreihe auch zur Aufführung gelangen. 1170 Seiten Aufklärung versprechen die beiden Autoren Rainer Schmitz und Benno Ure im vorliegenden Buch. Und sie haben tatsächlich in jahrelanger detektivischer Kleinarbeit quer durch die Jahrhunderte und Kontinente der Musikgeschichte recherchiert. Dabei sind sie Spekulationen nachgegangen, haben neue Mythen aufgespürt und nicht selten völlig Überraschendes entdeckt. So ist eine musiktheoretische Fundgrube entstanden, die auch etwas abseits der Orchestergräben und Musikbühnen zu faszinieren versteht. Eine Sammlung von Verschrobenem und Kapriziösem, von Geistvollem und Trivialem, von Erbaulichem und rein Informativen. Zudem lesen sich die Einträge unterhaltsamer und spannender als mancher Roman, so dass man im vorliegenden Fall von einem Standardwerk der Musikskurilitäten sprechen muss!
Jörg Konrad 


Rainer Schmitz / Benno Ure
„Tasten, Töne und Tumulte“
Siedler
Autor: Siehe Artikel
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Mittwoch 12.10.2016
Connie Palmen „Du sagst es“ Diogenes
Wer nicht mehr genau vor Augen hat, was es mit der Liebes- und Lebensgeschichte  des Schriftstellerpaars Sylvia Plath und Ted Hughes auf sich hat, dem sei hier geraten, der Versuchung zu widerstehen erst einmal zu „googeln“. Denn das hieße vielleicht, sich eines großen Leseerlebnisses zu berauben und auf der Suche nach den Fakten die feinen Verästelungen einer großen, tragischen Liebesgeschichte zu überlesen, die die Faszination dieses Buches ausmachen.
Soweit nur zur Historie: Sylvia Plath wurde nach ihrem Freitod 1963 zur Ikone der Frauenbewegung. Ted Hughes galt als Verräter und Betrüger, dem von der Öffentlichkeit und den Freunden die Schuld an ihrem Tod angelastet wurde. Er selbst wollte sich Zeit seines Lebens dazu nicht äußern. Aber er hinterließ kurz vor seinem Tod 1998 die „Birthday Letters“, einen Gedichtband, in dem er sich intensiv mit ihrer Liebe auseinandersetzt.
Connie Palmen hat sich von diesen Gedichten inspirieren lassen und verleiht nun in ihrem fiktiven Roman „Du sagst es“ Hughes zum ersten Mal eine Stimme. Eine sehr eindringliche Stimme, denn sie lässt ihn über diese fast symbiotische Liebe erzählen, als spräche er mit einem Freund, dem er sein Innerstes anvertraut.
Dabei entsteht das Bild eines Paares, von dem jeder um sein Leben und seine Bedeutung als Schriftsteller ringt. Die beiden bestärken sich gegenseitig, fördern und fordern den anderen bis zur Selbstaufgabe; jeder versucht tief in die Gedankenwelt des anderen einzutauchen. Dabei leidet Plath unter Hughes’ immer größer werdendem Erfolg, sie spürt, dass er es schafft, sich in seinen Texten auf seine tiefsten Empfindungen einzulassen, während ihre flach und zu sehr auf die Außenwirkung bedacht bleiben, wie die Kritik ihr vorwirft.
Ihre gegenseitige Liebe ist verzehrend, fast gewalttätig. Plath ist misstrauisch, exaltiert und von depressiver Veranlagung. Voller unheilvoller Ahnungen, magisch vom Tod angezogen, wird sie in ihren Träumen von Dämonen verfolgt.
Als sie Hughes kennenlernt, hat sie schon einen Selbstmordversuch hinter sich. Ihre Beziehung zu ihrem verstorbenen Vater ist ungelöst, ihrer Mutter spielt sie in ihren Briefen die glückliche Tochter vor, die in Ehefrau- und Mutter-Dasein aufzugehen scheint. Hughes liebt sie, er erlebt ihre Seelennot, verteidigt sie gegenüber Familie und Freunden und versucht seine schützende Hand über sie zu halten, aber er erkennt dabei sein eigenes Drama nicht. Als er sich Hals über Kopf in Assia Wevill verliebt, scheint das den Ausschlag für Plaths Selbstmord zu geben. Er bleibt mit den Kindern Frieda und Nicholas zurück; auch Wevill wird sich das Leben und die gemeinsame Tochter Shura mit in den Tod nehmen , als sie erkennen muss, dass seine einzige Liebe Sylvia Plath bleibt.
Connie Palmen ist wie wohl wenige prädestiniert, so mutig demjenigen eine fiktive Stimme zu geben, der nie sprechen wollte, außer durch seine Texte. Sie selbst hat versucht, den Verlust ihrer eigenen Lebensgefährten in früheren Büchern zu verarbeiten („IM Ischa Meijer“ über Ischa Meijer und „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ über Hans van Mierlo). Wo sie ein Drama sähe, fühle sie sich magisch angezogen, bekennt sie bei einer Lesung im Münchner Literaturhaus und der Zuhörer spürt, dass es ihr ein Anliegen ist, diesen Lebensgeschichten nachzugehen und sie feinsinnig, mit großem Respekt sichtbar zu machen. Erst in den Gedichten von Hughes habe sie Plath kennen und schätzen gelernt, fernab des Mythos um dieses Paar.
Das ist in diesem berührenden Buch zu lesen.
Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 04.10.2016
Gavin Ford Kovite & Christopher Gerald Robinson „Der Krieg der Enzyklopädisten” Berlin Verlag
Friedliche Zeiten sind es nicht, in denen wir Mickey Montauk und Halifax Corderoy begegnen. Dafür liegt Seattle nicht weit genug von Bagdad entfernt. In der Hauptstadt des Grunge und der Heimstatt der Boeing Werke, beginnt die Geschichte der beiden Enzyklopädisten. Sie sind gelangweilte Zeitgeist-Surfer, die mit ihrem Leben nichts Wirkliches anzufangen wissen. Ihre Idee, als Kunstkollektiv „Die Enzyklopädisten“, die Szene zu beleben, Aufsehen zu erregen und Mädchen zu beeindrucken, funktioniert nur bedingt. Im Grunde sind sie auf der Suche nach dem Weg zu einer Identität, die ihrem Naturell entspricht.
Dann wird Mickey eingezogen, nach Bagdad, wo er das Leben im Krieg erlernt. Hal studiert in Seattle, beschäftigt sich mit existenzialistischen Fragen der Literatur. Mani, die Künstlerin, ist erst Hals Freundin. Dann heiratet sie Mickey, um sich finanziell abzusichern. Dann wäre da noch die ehemalige Mitbewohnerin von Hal, Tricia, die später in Bagdad als Korrespondentin agiert.
Die Geschichte lebt von den gegensätzlichen (Gedanken-)Welten, in denen sich die vier Protagonisten bewegen. Stark oder gar reißfest sind die emotionalen Bande untereinander nicht. Ihre Beziehungen sind ein Spiegel beziehungsarmer Zeiten. Und ihr jeweiliges Tun nicht unbedingt das Ergebnis innerer Überzeugung. So verändern sich die Charaktere der jungen Menschen in den Stürmen der Handlung zum Teil dramatisch. Eine Welt, geprägt von barbarischer Gewalt und sinnloser Zerstörung, darauf ist niemand vorbereitet. Und während Mickey am Rande Bagdads Grüner Zone die westlichen Werte verteidigt, schlängelt sich Hal passiv und lustlos durchs eigene Leben. Diese Gegensätze sind es, die aus „Der Krieg der Enzyklopädisten” einen berührenden und aufwühlenden Antikriegsroman machen. Hier die erschreckende Kriegsrealität – dort die mediale Berichterstattung, die nur erahnen lässt, wie sinnlos Krieg tatsächlich ist und was er mit den Menschen anrichtet.
gerhard von k

Gavin Ford Kovite & Christopher Gerald Robinson
„Der Krieg der Enzyklopädisten”
Berlin Verlag
Autor: Siehe Artikel
Montag 19.09.2016
Rainer Viertlböck „Oktoberfest“ Schirmer/Mosel
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„Da waren  Dutzende von Buden und Hütten voll billiger Puppen, Teddybären, Bonbontüten, Schießscheiben etc., samt dem ganzen Brimborium von doppelköpfigen Ungeheuern, Spukhäusern, fetten Damen, Zwergen Handlesern, Hypnotiseuren und der ganzen ausgeklügelten Maschinerie zur Erzeugung von Schwindelzuständen …... .“ Dieser Bericht stammt von Thomas Wolfe, dem amerikanischen Schriftsteller, aus dem Jahr 1927. Er hatte das damals schon weltgrößte Volksfest besucht und er war beeindruckt. Sein faszinierender Essay „Oktoberfest. A Story“ ist dem opulenten Bildband „Oktoberfest“ des Architekturphotographen Rainer Viertlböck vorangestellt.
Anstoß für Viertlböcks photographische Auseinandersetzung mit dem Oktoberfest, war ein Artikel von Professor Florian Hufnagel in der Münchner tz, in dem der Chef der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne sich mit dem Design aller 14 Wiesn´-Zelte beschäftigte. Hufnagl selbst schrieb über sich und die Wiesn: „Jedes Jahr geh ich hin, aber nur mittags.“ Sein Favorit wäre die Ochsenbraterei, früher der Schottenhamel. Mit wenigen Sätzen beschreibt er präzise die Innengestaltung der einzelnen Zelte, bringt das Wesentliche zum Ausdruck. „Zuerst wunderte mich eine derart intellektuelle Sicht auf diese riesigen und mir damals sehr profan erscheinenden Gebäude“, erzählt Viertlböck in einem kurzen Interview, das am Ende seines Buches zu lesen ist „dann begann mich das Thema zu faszinieren und ich beschloss, die Bierzelte zu photographieren.“
Doch es ist nicht allein bei den beeindruckenden Ablichtungen der Bierzelte in den Jahren 2014 und 2015 geblieben. Viertlböck hat ebenso die traditionellen Schausteller der Wiesn, wie den Floh-Circus, das Motodrom und natürlich den Schichtl photographiert. Aus der Distanz und immer etwas unterkühlt wirkend. Gleichzeitig findet man in diesem Prachtband die Hightech-Fahrgeschäfte („Maschinerie zur Erzeugung von Schwindelzuständen“) Geisterbahnen und Riesenräder. Manche der Szenen wirken wie knallbunte Installationen aus fernen Welten, andere wie gemalte Irrgärten, aus Verstrebungen, Lichtern und Menschen. Was nicht zu sehen ist: Ausgelassene Leidenschaft, die temperamentvollen Trinker – eben all jene Klischees, die man von sonstigen Wiesn-Bildern kennt. Selbst dann, wenn der Photograph einen Blick hinter die Kulissen des weltweit größten Volksfests wagt, wenn die Fahrgeschäfte geschlossen sind und die Bierzelte längst leergefegt, bleibt die Stimmung reserviert, wie nach der Schlacht. Gerade diese entrückte Ästhetik macht die Bilder so einzigartig, weil sie das Wesentliche erfassen, das sich zwischen hemmungslosem Temperament, kunterbunter Vergnügungswelt und verkaterter Reststimmung bewegt.
„Oktoberfest“ ist eine Liebeserklärung an das Münchner Volksfest, aus völlig neuer Perspektive. Ein auch für Wiesn-Muffel geeigneter Prachtband, die anschließend vielleicht doch einmal mit dem Gedanken spielen ….. .
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
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Dienstag 06.09.2016
Ottessa Moshfegh „McGlue“ Liebeskind
„McGlue“ ist die finale Geschichte eines schweren Alkoholikers und die Beschreibung eines existenziellen Dramas. Ein sprachlich gewaltiger Monolog, dessen naturalistische Schilderungen nicht nur tief in menschlichen Abgründen wühlen, sondern zugleich das Scheitern des Menschen an sich selbst zum Thema hat.
Auf der Suche nach Vergleichen fallen am ehesten Falladas „Der Trinker“ und William Goldings „Pincher Martin“ ein. Natürlich hinken Analogien und natürlich auch in diesem Fall. Denn Moshfegh gibt ihrer Hauptfigur, dem Seemann McGlue, eine völlig eigene Identität und vor allem eine gnadenlose Sprache. Hier ist ein Wesen, dem alles Menschliche abhanden gekommen ist, der mit seiner Abhängigkeit und einer quälenden Kopfwunde, als Folge eines Sprungs aus einem fahrenden Zug, des Mordes angeklagt ist. Er selbst kann sich nicht erinnern. Will sich an nichts erinnern. Sein Denken ist allein aufs Trinken konzentriert. Für eine Flasche Rum ist ihm keine Demütigung fremd.
Johnson, jener Mensch, den er in Sansibar mit einem rostigen Messer erstochen haben soll, rettete ihm einst im nachtkalten New Haven das Leben. Mit ihm war er als Seemann auf den Weltmeeren unterwegs, hat er ferne Länder und exotische Städte besucht. Doch im Grunde war der Alkohol der Steuermann seines Lebens, das einzig kontinuierliche während all dieser Zeit. Selbsthass und eine alles negierende Wut der Motor. Wir wissen nicht woher sie kommt.
Die Zeit der erzwungenen Abstinenz im Gefängnis ist ein Martyrium. Bruchstückhaft blitzen die Erinnerungen auf, sekundenkurz verglühen die Sinnfragen. Nie scheinen sie Teil einer Realität. Die Persönlichkeit ist gespalten - wie sein Schädel.
Ottessa Moshfegh legte dieses erschütternde Debüt 2014 vor, geschrieben in einer aufwühlender Sprache, die sich wie ein Leck geschlagener Frachter unrettbar durch schwere See kämpft. Es ist eine deprimierende Dramaturgie der Hoffnungslosigkeit und des Exzesses.
Die in Boston geborene Moshfegh, Tochter eines iranischen Violinisten und einer kroatischen Bratschistin, veröffentlichte zuvor einige Kurzgeschichten und erhielt für „McGlue“ auf  Anhieb den Fence Modern Prize in Prose und den Believer Book Award. Der Münchner Liebeskind Verlag sicherte sich die Übersetzungsrechte für diesen zwar nur 140 Seiten kurzen, dafür aber außerordentlich intensiven Text. Die Übersetzung stammt von Anke Caroline Burger.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
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