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Delphine de Vigan „Nach einer wahren Geschichte“ Dumont

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Karel Capek „Der Krieg mit den Molchen̶...

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Robert Rauschenberg „Photographien 1949 – 1962“ Schirmer ...

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Christoph Ransmayr „Cox oder der Lauf der Zeit“

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Wolf Kampmann „Jazz“ / Sigfried Schmidt-Joos „Die Stasi s...

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Don DeLillo „Null K“ Kiepenheuer & Witsch

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Donnerstag 12.01.2017
Delphine de Vigan „Nach einer wahren Geschichte“ Dumont
Nach einer wahren Geschichte“ hat die Autorin ihr Buch genannt und manipuliert uns damit bereits. Zunächst bekommen wir scheinbar auch was wir erwarten und was uns fesselt: die wahre Geschichte über die Schriftstellerin Delphine de Vigan, die mit einem Buch über die Lebensgeschichte ihrer Mutter, die unter einer bipolaren Störung litt und sich das Leben nahm, einen Bestseller in Frankreich veröffentlicht hatte („Das Lächeln meiner Mutter“, 2011). Darin hat sie viel über ihre Familie offenbart und einen tiefen Einblick in die eigene Psyche gewährt – mehr als ihr dies in seiner Tragweite zunächst bewusst war. Und die faszinierten Leser haben gierig jedes Detail recherchiert und sind ihren Spuren bis in ihr privates Leben gefolgt, auf der Suche nach der „Wahrheit“.
Was kann nach so einem Buch nun folgen? Mitten in dieser Frage begegnet Delphine de Vigan auf einer Veranstaltung einer Frau, die gewandt, elegant, selbstsicher ist und sich für sie und ihre Arbeit interessiert. Sie ist Ghostwriterin für Prominente und das glatte Gegenteil von Delphine, der eher scheuen und unsicheren Autorin, die den überraschenden Ruhm des Buches noch gar nicht verkraftet hat.
Diese Frau L. (das französische „elle“ klingt da an) nimmt nach und nach einen immer größeren Platz in ihrem Leben ein und Delphine genießt den Austausch mit der neuen Freundin, die ihr so nah und vertraut scheint. Sie ist ständig verfügbar, übergriffig hilfsbereit, diskutiert Delphines schriftstellerischen Pläne, stellt diese in Frage und versucht, sie von allen fiktiven Szenarien abzubringen. Sie fordert sie heraus, ein Buch zu schreiben, das noch persönlicher werden soll als das vorherige. Schritt für Schritt  gerät Delphine in eine Schreibblockade, schottet sich immer mehr ab, während gleichzeitig die neue Freundin ihr Leben, ihre persönlichen Kontakte, ihre Arbeit mit dem Verlag, ja sogar ihr äußeres Erscheinungsbild übernimmt, bis hin zu dem Punkt, an dem sie statt ihrer eine Lesung hält, weil sie selbst sich mittlerweile außer Stande sieht, in der Öffentlichkeit aufzutreten.
Aus  einer inspirierenden Freundschaft hat sich ein rasanter Psychothriller entwickelt, der einem Überlebens-Spiel gleicht, in dem ständig die Karten neu gemischt werden und alles in Frage gestellt wird, was vorher noch gewiss war. Und wir sind mitten drin: Was ist Fiktion, was Realität? Ist L. Trugbild oder eine existente Person? Ein zweites Ich der Erzählerin? Oder eine kriminelle Doppelgängerin? Ist der Leser voyeuristisch auf der Suche nach einem realen Hintergrund einer Geschichte? Und schreibt nicht jeder, der Erlebtes in Worte fasst, seine eigene Wahrheit? Und damit Fiktion? Ist die Schriftstellerin Delphine  die Schriftstellerin de Vigan oder heißt sie nur genauso?
Meisterhaft gelingt es der Autorin, sich allen Fragen zu entziehen und unsere Wahrnehmung zum Spielball in ihrem Literatur-Krimi zu machen, einem Krimi, der ohne Leiche auskommt, den Leser vielmehr allein durch seine psychologische Vielschichtigkeit in den Bann zieht.
Sie schafft es, ihre eigene Person der beobachtenden Neugier des Publikums wieder ein Stück weit zu entziehen und unseren Blick auf die Fragen nach schriftstellerischer Identität und Wahrheit zu lenken.

Und ein Kompliment an die Cover-Gestalter: Allein schon die typografische Gewichtung des Autorinnennamens und die scheinbare Beiläufigkeit  des Titels suggerieren dem Betrachter, es handele sich um eine autobiografische Geschichte.
Hoffentlich erzählt uns Delphine de Vigan bald wieder eine „wahre“ Geschichte!
Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
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Samstag 07.01.2017
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Karel Capek „Der Krieg mit den Molchen“ Edition Büchergilde
Sie sind gut einen Meter groß, besitzen weder Fell noch Federn - auch keine Schuppen - und ihre Augenlider schließen sich von unten nach oben. Sie leben überwiegend im Wasser, können aber auch an Land aufrecht gehen. Riesenmolche aus der Spezies der Andrias Scheuchzeri Tschudi.
Millionen dieser zugegeben hässlichen aber vernunftbegabten Wesen bevölkern die Erde. Anfangs ist ihre Entdeckung vor Sumatra eine Sensation. Später werden sie wie Rohstoff gehandelt, Unterwassersklaven die Reichtum bringen, aber auch Menschenleben aus Seenot retten. Noch viel später werden sie als Kriegsmolche missbraucht, im Kampf der Nationen aufeinander gehetzt. Der Größenwahn und die Gier der Menschen sind eben grenzenlos.
Bis die intelligenten Tiere als Folge ihrer schonungslosen und Natur verachtenden Ausbeutung revoltieren, einen Chief-Molch ernennen, der eine eigene Armee aufrüstet und einen unvorstellbaren Feldzug gegen die menschliche Zivilisation führt. Heere von Molchen fluten ganze Kontinente (bis die Polkappen schmelzen!), stellen der Menschheit Ultimaten, werden vom reglementierten Untertan zum Beherrscher der Welt. Bis sie sich am Ende selbst bekämpfen.
Karel Capek veröffentlichte „Der Krieg mit den Molchen“ 1936. Dieser bekannteste (fantastische) Roman des gebürtigen Tschechen entstand zu einer Zeit, als in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. Capek, der Zeit seines Lebens überzeugter Gegner jeder diktatorischen Regierungsform war und offensiv gegen den Faschismus kämpfte, hat dieses Buch als Parabel geschrieben. Eine berückende Geschichte, die überspitzt und voller Satire zusammenfasst, wohin die menschliche Gesellschaft unwiderruflich navigiert, wenn sie sich allein von ihrer Gier nach Wohlstand und Herrentum leiten lässt.
Im Laufe seines kurzen Lebens (1890-1938) verfasste Capek eine große Anzahl an Romanen, Erzählungen, Dramen und Reiseberichten. In dieser Ausdrucksvielfalt ist mit Sicherheit auch die unglaublich breit angelegte Erzählweise des vorliegenden Romans begründet. Capek treibt die Geschichte aus den unterschiedlichsten Perspektiven voran. Er schreibt im Ton eines alkoholabhängigen Seebärs in Person des Kapitän van Toch, der einst die Molche entdeckte. Dann ist der Text wieder eine faszinierende wissenschaftliche Abhandlung (mit Literaturverzeichnis), in der die Geschichte der Molche im Allgemeinen und die der Riesenmolche im Besonderen thematisiert wird. Selbst „Über das Geschlechtsleben der Molche“ gibt es einen „Nachtrag“. Capek zitiert Pressemeldungen und schreibt selbst im Ton altgedienter Militaristen, die die kriegerischen Schlachten und Schlachtpläne analysieren. Diese Vielfalt an Stimmen und Stimmungen geben dem Roman Frísche und Lebendigkeit, als handele es sich um eine reale Geschichte, wie sie H.G. Wells im Jahre 1938 in seinem Hörspiel „Der Krieg der Welten“ inszenierte.
Die letzte Auflage dieses Romans in deutscher Sprache ist 1984 im Ostberliner Aufbau-Verlag erschienen. Hans Ticha illustrierte dieses packende und entlarvende Werk mit seinen skurrilen und eigenwilligen Farblithographien. Sie illustrieren die Geschichte auf einzigartig passende Weise und werten diesen an sich schon bemerkenswerten Text künstlerisch noch einmal auf. Glückwunsch und Respekt der Edition Büchergilde, die dieses Meisterwerk in der Übersetzung von Eliska Glaserova neu veröffentlichte.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Montag 26.12.2016
Robert Rauschenberg „Photographien 1949 – 1962“ Schirmer / Mosel
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© 2011 Robert Rauschenberg Foundation, New York/ courtesy Schirmer/Mosel
Bekannt geworden ist Robert Rauschenberg (1925 - 2008), als er ein Bild seines Idols William de Kooning 1953 (mit dessen Einverständnis) ausradierte und dann zum Kunstwerk erklärte. Er habe sich vier Wochen an dem Bild „geschafft“ und fünfzehn Radiergummis verbraucht. „So lange habe ich wohl nie wieder an einem Bild gearbeitet“, sagte er später in einem Interview.
Rauschenberg war Maler, Grafiker und Objektkünstler und beeinflusste mit seinem Gesamtwerk die Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig. In den Motiven, Installationen und Kombinationen, die der Texaner schuf, widerspiegeln sich sehr deutlich Realität und künstlerische Vision. Er bearbeitete die (nach außen scheinbar) triviale Welt von Werbetafeln und Massenprodukten einer Überflussgesellschaft, holte sie ins Zentrum seiner Kunst und wurde so zum Wegbereiter der Pop-Art.
Rauschenberg konnte sich am Anfang seiner Karriere nur schwer entscheiden, ob er sich stärker der Malerei oder der Fotografie widmen sollte. Die Fotografie ist im Laufe seines Schaffens dann weniger stark in den öffentlichen Fokus des Künstlers getreten. Hingegen waren seine Fotos häufig Grundlage, Beiwerk oder auch Inspiration seiner Kunstwerke, ohne die Photographie dabei als eigenständiges Medium in Frage zu stellen.
2011 veröffentlichte der Verlag Schirmer/Mosel einen Bildband, der allein das fotografische Werk Robert Rauschenbergs präsentierte. Ein Großteil der Arbeiten in „Photographien 1949 – 1962“ ist hier erstmals überhaupt veröffentlicht worden. Nun hat der Verlag diese beeindruckende Zusammenstellung des „Allround-Modernisten“ als Sonderedition herausgebracht.
„Die hier vorliegenden 132 Photographien wurden aus mehr als 200 in diesem Zeitraum entstandenen Bildern ausgewählt, die von ihm selbst für Ausstellungen gekennzeichnet oder zur Veröffentlichung als eigenständige Photokunstwerke freigegeben worden waren“, schreiben Susan Davidson und David White im Vorwort. Es sind die ersten von Rauschenberg bekannten Fotos, seine an Röntgenaufnahmen erinnernden Blaupausen, die Selbstinszenierungen, Portraits (von John Cage oder Jasper Johns), die Bilder von seinen Reisen nach Rom, Tanger, Madrid, die Aufnahmen aus seinem Atelier. Es sind skizzenhafte Momentaufnahmen, an Dokumentation erinnernde Fotos, technisch überarbeitete oder entfremdete Arbeiten. Es ist der individuelle Blickwinkel eines Radikalen, der in der Photographie eine Art intuitiven Ruhepol findet.
lutz e

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Robert Rauschenberg: Jasper—N.Y.C. (I), 1954 (© 2011 Robert Rauschenberg Foundation, New York/ courtesy Schirmer/Mosel)
Robert Rauschenberg: Norman’s Place, 1955 (© 2011 Robert Rauschenberg Foundation, New York/ courtesy Schirmer/Mosel)
Robert Rauschenberg: Cy + Relics, Rome, 1952 (© 2011 Robert Rauschenberg Foundation, New York/ courtesy Schirmer/Mosel)
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Dienstag 13.12.2016
Christoph Ransmayr „Cox oder der Lauf der Zeit“
Christoph Ransmayr ist ein Reisender. In seinen Büchern – „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ oder „Die letzte Welt“, um nur zwei seiner bekanntesten zu nennen – verarbeitet er Erlebnisse, die er auf seinen zahlreichen Reisen gemacht hat. Er lässt sich durch andere Länder anregen und inspirieren, aber er bildet seine Erfahrungen nicht einfach ab, sondern verwandelt sie in seine eigene Welt, die aus seiner ganz besonderen Sprache gebaut ist. Der Erzähler muss „a l l e Welt noch einmal erfinden, noch einmal und immer wieder erschaffen…“ sagt Ransmayr.
Sein neuestes Buch „Cox oder der Lauf der Zeit“, das 2016 bei S. Fischer erschienen ist, führt uns in das China des 18.Jahrhunderts. Es ist ein Buch über die Zeit, über die Macht und über die Liebe. Die beiden Protagonisten des Romans, der chinesische Kaiser und der englische Uhrmacher, lehnen sich an historische Figuren an, die sich aber in der Realität nie begegnet sind.
In Ransmayrs Geschichte lädt Qianlong, der Kaiser von China, ein Liebhaber von Uhren und mechanischem Spielzeug, den berühmten Uhrmacher Alister Cox mit drei Gefährten an den Kaiserhof von Beijing ein. Cox nimmt die Einladung an in der Hoffnung, über seinen schweren Kummer hinwegzukommen: die Trauer über den Tod seiner geliebten fünfjährigen Tochter Abigail und das Verstummen seiner Frau, die sich nach Abigails Tod ganz in sich selbst zurückgezogen hat.
Kaum in China gelandet, werden die vier Uhrmacher Zeugen einer Massenexekution im Hafen. Qianlong, der “Allerhöchste“, ist ein Gottkaiser mit unendlicher Machtfülle „dessen Gesetze jede Regung des Lebens, den Lauf eines Flusses, Küstenlinien, selbst das Augenspiel und die geheimsten Gedanken“ bestimmen. Ihn umgibt eine Atmosphäre von Ehrfurcht und Angst.
Ein Ausdruck seiner Macht ist auch die Entfaltung von Luxus und berückender Schönheit in seinen Palästen. Christoph Ransmayr ist ein Sprachmagier. Er lässt vor dem inneren Auge Bilder von größter Ästhetik entstehen, Bilder, die in ihrer Eleganz oft an chinesische Tuschzeichnungen erinnern. Man sollte beim Lesen immer wieder innehalten und einzelne Abschnitte ein zweites oder drittes Mal genießen.
Das Hauptthema des Buches ist die Zeit, ihr unerbittliches Verrinnen und die Endlichkeit allen Lebens. Und es geht um den großen Unterschied zwischen der mechanisch gemessenen Zeit und dem subjektiven Zeitempfinden. Qianlong verlangt von den Uhrmachern den Bau von Uhren, die es noch nie gab: sie sollen das unterschiedliche Tempo der Zeit in verschiedenen Lebensphasen messen. So konstruiert Cox eine Uhr, die das Zeitempfinden eines Kindes spürbar machen kann mit all seinen Sprüngen und Verzögerungen. Und er baut eine Uhr, die das gnadenlose Fortschreiten der Zeit eines zum Tode Verurteilten anschaulich macht. Ransmayr entwirft hier mit minutiöser Genauigkeit mechanische Wunderwerke, die in ihrer verzauberten Schönheit und Symbolkraft nur in der Welt der Phantasie existieren können.
Die Aufträge des Kaisers gipfeln in dem Befehl, eine Uhr für die Ewigkeit zu bauen, eine Uhr, die die Vergänglichkeit überwindet. Cox und seine Mitarbeiter erfinden eine barometrische Uhr, die ihre Antriebsenergie ausschließlich aus dem Luftdruck bezieht. Sie kommt dem großen Menschheitstraum, dem perpetuum mobile, sehr nahe. Der historische Uhrmacher James Cox, auf den sich Ransmayr bezieht, hat im 18. Jahrhundert tatsächlich eine barometrische Uhr gebaut.
In Ransmayrs Roman ist diese „Ewigkeitsuhr“  für den Kaiser, der den Beinamen „ Herr der Zehntausend Jahre“ trägt, ein Abbild seiner eigenen Existenz, sie ist wie er erhaben über die Zeit der Sterblichen. Kaiser Qianlong wird zum Symbol des Allmachtsanspruchs, der Maßlosigeit und Selbstüberschätzung aller autoritären Herrschaft.
Cox fühlt sich durch den Bau der Uhr seiner Frau und vor allem seiner verstorbenen Tochter nahe, die er in einer zeitlosen Sphäre weiß. Er erfährt ein mystisches Erlebnis tiefen Glücks, einen Moment, in dem die Zeit für ihn tatsächlich aufgehoben ist. Es ist ein Augenblick „um vieles kürzer als das Aufleuchten eines Meteoriten und doch von der Überfülle der Ewigkeit…Aber war nicht jeder, der für einen zauberischen Augenblick von einem solchen Funken beschienen wurde, für einen Pulsschlag der Ewigkeit mit einem anderen Menschen verbunden? Verbunden und erfüllt von der Gewissheit, dass alles, was in einem menschlichen Leben den Namen der Liebe verdient, in Erfüllung gegangen war. Alles, dachte Cox, alles.“ Nur so, in der Liebe, ist das Überwinden der Zeit für einen kurzen Moment möglich.
Lilly Munzinger, Gauting

Christoph Ransmayr
„Cox oder der Lauf der Zeit“
S. Fischer Verlag
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Montag 28.11.2016
Wolf Kampmann „Jazz“ / Sigfried Schmidt-Joos „Die Stasi swingt nicht“
Dieser Tage sind zwei Bücher über Jazz erschienen, die sich inhaltlich stark voneinander unterschieden, aber zugleich deutlich werden lassen, was diese Musik intellektuell als auch emotional auslöst und welche Stellung sie gesamtgesellschaftlich in Vergangenheit und Gegenwart innehat.
Da wäre zum einen die Abhandlung „Jazz“ von Wolf Kampmann. Der 1962 in Zwickau geborene Journalist und Autor rollt die Geschichte dieser Musik von ihren Anfängen ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in unsere Gegenwart auf und blickt, entsprechend dem Untertitel „Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen“, fachmännisch in die Zukunft. Kampmann gelingt es in dem überschaubaren Umfang von 390 Seiten, die zeitgenössischste, vielseitigste und experimentellste aller Musikkünste der Moderne kenntnisreich und unterhaltsam darzustellen. Natürlich ist es nicht die erste derartige Zusammenfassung des Klangphänomens Jazz in deutscher Sprache. Doch anders als bisherige Texte konzentriert sich Kampmann neben der allgemeinen Geschichte des Jazz auf spezielle Entwicklungen und Geschehnisse, analysiert deren Folgen und bettet diese geschickt wie spannend in die Gesamthistorie ein.
So beleuchtet er in dem Kapitel „Post Nine Eleven“ mit Sachverstand und Empathie die Geschehnisse der Terroranschläge auf das New Yorker World Trade Center und deren direkte, als auch indirekte Folge auf die Entwicklung des Jazz speziell in New York, immerhin über viele Jahrzehnte die Hauptstadt des Jazz. „Gitarrist Jim Hall, der in einer österreichischen Zeitung offene Worte gegen die Bush-Politik gefunden hatte,wurde als unpatriotisch abgestempelt und konnte in den USA vorerst kaum noch auftreten. Jazzmusiker standen per se nicht in dem Ruf, besonders patriotisch zu sein, und mussten um so mehr aufpassen, was sie sagten.“ Hinzu kamen Entwicklungen wie das Internet, die „Yuppiefizierung“ der New Yorker Gesellschaft und die schwindelerregende finanzielle Aufwertung der Grundstückspreise.
In dem Kapitel „Europa bis 1990“ beschäftigt sich Kampmann mit der Entwicklung des Jazz in Osteuropa, hier besonders innerhalb der ehemaligen DDR und die Auswirkungen des Mauerfalls 1989. Damit rückt der Autor den politische Bezug des Jazz, egal ob als Auslöser oder als Begleiter gesellschaftlicher Entwicklungen, deutlicher in den Mittelpunkt.
Siegfried Schmidt-Joos, der in den zurückliegenden Jahren einige Bücher gemeinsam mit Wolf Kampmann herausgab, beschränkt sich in seiner Veröffentlichung „Die Stasi swingt nicht“ auf einen Blick in die Vergangenheit. Doch dieser Blick hat es in sich. Denn der im thüringischen Gotha 1936 geborene Musik- und Kulturjournalist, sowie Verfasser so wichtiger Standardwerke wie das „Rock-Lexikon“, „Das Buch der Spiritual und Gospel Songs“ oder „Das Musical“ beschäftigt sich mit dem Jazz der Jahre 1954 bis 1961 speziell in der DDR.
Es handelt sich um jene Zeit kurz vor dem Mauerbau, in dem sich die Kalten Krieger in ganz Europa in Stellung brachten. Schmidt-Joos,  hat jahrelang in den Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde recherchiert, hat Zeitzeugen interviewt, seine eigenen Erinnerungen und Unterlagen durchforstet und eine hochinteressante, wenn auch manchmal recht ausführliche Zeithistorie des Jazz verfasst.
Auch in Ostdeutschland war nach dem Ende des Nationalsozialismus der Jazz, besonders für die junge Generationen, die versinnbildlichte Freiheit in Form von Musik. Doch da diese Musik aus den USA kam, war sie für die SED-Herrschenden ein Produkt des „Klassenfeindes“ und konnte laut Propaganda die Menschen an der Ausformung sozialistischer Persönlichkeit nur hindern. Wer Jazz hörte und sich öffentlich sich dazu bekannte, konnte mit Zuchthaus bestraft werden.
Nach einer kurzen Phase der Duldung, zwischen 1948 und 1953 wurden auf dem ostdeutschen Plattenlabel Amiga hunderte Jazz (-ähnliche) Aufnahmen veröffentlicht, zogen die DDR-Oberen die Reißleine. Schmidt-Joss, um diese Zeit in Halle an der Saale lebend, war Gründungsmitglied des dortigen Jazz-Clubs. Ausreichend, um gegen ihn und viele andere über ein eng geknüpftes Netz an Informanten zu ermitteln. Vorwurf: Sie alle stünden im Dienst des Imperialismus.
In der Zeitschrift „Musik und Gesellschaft“ einem halbamtlichen Organ der SED, war 1955 zu lesen: „Es gibt eine gewisse Aristokratie jazzbesessener Musiker, die mit den Scheuklappen der Fanatiker auf die alleinseligmachende amerikanische Direktive eingeschworen und untereinander fest verschworen sind ...“, oder „ … unter geschickter, aber skrupelloser Verwendung von Elementen, die ursprünglich der Volksmusik der Neger angehörten, wird so eine Rauschmusik im Interesse des amerikanischen Imperialismus erzeugt ...“ .Walter Ulbricht nannte den Jazz öffentlich eine „Affenkultur“.
Schmidt-Joos erzählt auf 600 Seiten über die Leidenschaft seiner Generation zum Jazz, über die staatlichen Repressalien, über Spitzeldienste und menschliche Schicksale aus eigenem Erleben. Dieser Blickwinkel, sein fundiertes Wissen und seine erfrischende Art der Vermittlung machen dieses Buch eines „Jazzfan im Kalten Krieg“ so lebendig wie auch erschütternd. Trotzdem ist es ein optimistisches Buch, das deutlich macht, das Unfreiheit und Unrecht auf Dauer keine Chance haben.
Zwei Bücher – ein Thema. Beide sehr zu empfehlen.
Jörg Konrad


Wolf Kampmann
„Jazz – Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen“
Reclam
Siegfried Schmidt-Joos
„Die Stasi schwingt nicht – Ein Jazzfan im Kalten Krieg“
Mitteldeutscher Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Montag 21.11.2016
Don DeLillo „Null K“ Kiepenheuer & Witsch
Ein Autor schreibt über sich. So verschlungen die Story klingt, so futuristisch der Plot sich darstellt, so maniriert die Hauptpersonen auch agieren. Zu aller erst erfahren wir in einem Buch etwas über seinen Autor. Auch bei Don DeLillo, der am 20. November seinen achtzigsten Geburtstag beging, ist das nicht anders. Und so wundert es nur wenig, dass der Amerikaner über das Altern schreibt, über den nahenden Tod, über das erstarkende Sichtum, letztendlich über die Unsterblichkeit. Das könnte natürlich im Rahmen eines autobiographisches Textes geschehen. Aber nicht bei Don DeLillo. Der streicht diese Themen in Romanform zusammen. „Null K“ heißt sein neustes Buch. Eine Art vorausblickende, wenn nicht wünschenswerte Science Fiction – Thematik. Das mag ungewöhnlich klingen – zumindest bei Don DeLillo.
In einem Interview, das er anlässlich des Erscheinens dieses Buches einer deutschen Tageszeitung gab, sprach er wieder einmal davon, dass er seine Romane ohne jeden Entwurf schreibe. „Ich kümmere mich um eine Erzählung, im Wesentlichen sogar nur um einzelne Sätze und Absätze, denn ich arbeite ohne irgendwelche Entwürfe. Ich verlasse mich gänzlich auf meine Intuition und reagiere auf die jeweiligen Szenen und Figuren, während sie sich entwickeln.“. Vielleicht geht es ihm auch um Sätze, wie diesen: „ .. ein ganzes Leben in einem Sessel neben dem Bett versammelt ...“, „Wie menschlich ist man ohne Zeitgefühl?“ oder „Die eine Hälfte der Welt renoviert die Küche, die andere Hälfte verhungert.“ Sätze, die im Grunde Fragen, manchmal auch existenzielle Fragen sein können.
Bei „Null K“ handelt es sich um die Temperatur von minus zweihundertdreiundsiebzig Komma eins fünf Grad Celsius, oder auch kurz null Kelvin, dem absoluten Nullpunkt. Eine Temperatur, die im vorliegenden Fall für das Einfrieren von Menschen von einiger Bedeutung ist. Irgendwann können sie wieder aufgetaut werden, um sich einer medizinischen Behandlung zu unterziehen, die in der Gegenwart noch unmöglich ist. Ross Lockhart, Milliardär und Vater des erzählenden Jeffrey, macht dieses scheinbar Unmögliche in seinem Reich, der kryonische Unterwelt, möglich. Und Artis, Lockharts zweite Ehefrau und Jeffreys Stiefmutter, unterzieht sich dieser Prozedur.
Ein Handlungsfeld also, das genügend Möglichkeiten bietet, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, zwischenmenschliche Schlachtfelder zu beackern, bewusst oder unbewusst Unerledigtes aufzuarbeiten. Aber es könnte sich auch um eine philosophisch-moralische Entscheidung handeln: Sind wir des Lebens überdrüssig, oder stoßen wir an deren Grenzen, flüchten wir in die Zukunft. Die wird’s schon richten.
DeLillo schafft es mit dieser Thematik geschickt, dass seine Hauptfiguren sich beinahe zwangsläufig mit verschiedenen Zeitebenen auseinandersetzen. Zwar geht es ihm in der Analyse weniger um die Relevanz von Gesellschaftsentwürfen, bzw. deren Kritik. Die spielen in den Existenzproblemen der Lockharts eine scheinbar nur untergeordnete Rolle. DeLillo geht es um das sehr persönliche Miteinander der Menschen, um ihren Verhaltenskodex, ausgehend im familiären Bereich, der kleinsten Zelle der Gesellschaft. Von hier ist es nicht allzuweit zu den großen Problemen dieser Welt.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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