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William Boyd „Die Fotografin“ Berlin Verlag

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Karine Tuil „Die Gierigen“ Aufbau Taschenbuch

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Friedrich Dürrenmatt „Die Stücke“ Diogenes

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Dienstag 05.04.2016
Cees Noteboom „Reisen zu Hieronymus Bosch - Eine düstere Vorahnung“ Schirmer/Mosel
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Dies ist ein Buch der Reflexion. Es erinnert an einen der visionärsten und rätselhaftesten Maler der Menschheit - an Hieronymus Bosch, der vor genau 500 Jahren starb. Es erinnert aber auch an den großen Schriftsteller Cees Nooteboom, der einst „als Verfasser tiefgründiger Reiseliteratur“ (FAZ) bekannt wurde und später mit seinen Romanen die Rolle des intellektuell kommentierenden Gewissens nicht nur in den Niederlanden einnahm. Im Text selbst erinnert sich wiederum der Holländer Nooteboom an den Holländer Bosch und er nennt dieses Besinnen „Eine düstere Vorahnung“.
Nooteboom reist 60 Jahre nach seiner ersten Begegnung mit den Werken Boschs im Auftrag des Prado nach Lissabon, Gent, Rotterdam, Madrid und s´-Hertogenbosch, um in den jeweiligen Museen seine Erinnerungen aufzufrischen, sie abzustimmen, sie einer Art Vergleich zu unterziehen. Der Autor wäre zu Unrecht ein kritischer Geist, wenn er sich nicht zu Beginn seines Unternehmens mit der Erinnerung im allgemeinen und, wie im vorliegenden Fall, im speziellen auseinandergesetzt hätte. Deshalb bezieht er sich auf den französischen Philosophen, Schriftsteller und Literaturkritiker Roland Barthes, der, zusammengefasst, einmal sagte, dass sich eine Erinnerung nie getreu wiedergeben lasse. Zuviel an persönlichen Veränderungen und Entwicklungen, an gesellschaftlichen Extravaganzen, an Moden und anderen Zeitgeistphänomenen sorgen für eine stete Modifizierung des Erinnerns.
Trotzdem kommt Nooteboom aber bei der Betrachtung der heute noch zugänglichen Arbeiten des Malers, es sind nur etwa 45 seiner Werke erhalten, zu einem ähnlichen Schluss, wie vor Jahrzehnten. Es ist ein faszinierendes Schaudern, das Noteboom beim Betrachten ergreift, das in der Feststellung gipfelt: „Boschs Werk gibt mir mehr Rätsel mit, als ich nachts in meinen Träumen bewältigen kann“. Dabei rückt die anfängliche Frage, was ein Schriftsteller aus dem 21. Jahrhundert mit einem Maler aus der Zeit um 1500 gemein habe, in den Hintergrund.
Dieses Buch ist ein Bosch-Reiseführer, der viele Rätsel des Malers detailliert benennt (und abbildet!), sie aber nicht löst. Ja, nicht lösen will. Denn das eigentlich Aufregende im Leben sind doch im Grunde die ungelüfteten Geheimnisse.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 16.03.2016
Shida Bazyar „Nachts ist es leise in Teheran“ Kiepenheuer & Witsch
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Ein Buch zur Stunde? Viel mehr als das ist Shida Bazyars Roman, der mehr als 30 Jahre einer iranischen Familie, ihrer eigenen Familie, umspannt. Dabei erzählen die Eltern und drei Geschwister jeweils einen Abschnitt von 10 Jahren aus ihrem ganz persönlichen Blickwinkel über Iran seit Ende der 1970er Jahre, über Migration und was sie mit den Menschen macht
Den  Anfang macht 1979 Behsad,  ein linksintellektueller Revolutionär. der mit seinen Freunden gegen die Herrschaft des Schahs eintritt. Sie riskieren viel, um so enttäuschender und bedrohlicher ist es für sie zu erleben, wie nach dessen Sturz  Ayatollah Khomeini an die Macht kommt und ihr Land in rückwärtsgewandtem religiösem Fanatismus versinkt. Alles was sie sich für eine freie Gesellschaft erträumt hatten, ist in weite Ferne gerückt. Freundschaften verändern sich, der gemeinsame Kampf gegen den Imperialismus der USA, verkörpert durch den Schah, endet in völlig unterschiedlichen Vorstellungen von der Gesellschaft, für einige im terroristischen Kampf im Namen  Allahs, für Andere im Gefängnis. Eindruckvoll schildert Behsad, wie die Familien und Freunde versuchen, damit umzugehen.
Er lernt in dieser Zeit Nahid kennen, eine ernsthafte, junge Frau, literaturbegeistert und wach - seine große Liebe. Mit ihrem Bericht geht es 1989 weiter - sie haben eine Familie gegründet, ihre Tochter Laleh und der Sohn Morad werden geboren. Unter dem massiven politischen Druck müssen sie jedoch ihr Land verlassen. Sie landen im Deutschland der Wendezeit. Nahid schildert die Menschen um sie herum, die politisch engagiert sind, die sich Mühe geben, zu helfen. Sie beobachtet sie mit liebevollem, genauen Blick - aber in ihren Eindrücken, die sie mit  ihren Erinnerungen an die Menschen, an die politischen Fragen in Iran vergleicht, ist zu spüren, wie fremd vieles für sie bleibt. Ihre Gedanken kreisen um das Schicksal der Freunde, die sie zurückgelassen haben, um ihre Wünsche und Vorstellungen einer Zukunft in Iran nach Khomeini. Wie aus ihrem eigenen Leben gefallen, erlebt sie gleichzeitig, wie ihre kleinen Kinder völlig unvoreingenommen in diesem fremden Leben ihrem Platz finden.
Ihre Tochter Laleh  ist die Stimme der 2000er Jahre, die als Schülerin ab 1999 erzählt. Sie ist die Person der Familie, die vom Leben in Deutschland geprägt ist, deutsche Freundinnen hat, aber die Verwandten und Freunde der Familie als kleines Kind noch bewusst erlebt hat. Ihre erste Reise zusammen mit ihrer Mutter nach Iran beschreibt sie als völlig neues Bild, das sich nicht mit ihren Kindheitserinnerungen deckt. Eine unterdrückte Gesellschaft hat sich dort ein geheimes Leben mit Schönheitsfragen, Konsum und Familienleben mit allen traditionellen Riten zurechtgelegt, in dem die politischen Fragen keinen Platz einnehmen durften. Zwischen ausgedehnten Verwandtentreffen, Wiedersehensfreude, Zuneigung und Irritation zeigt dieser Teil des Buches besonders eindrücklich Lalehs Wanderung zwischen den Welten. Ihr wird dabei vor allem bewusst, wie die einst so stolzen und engagierten Eltern gebrochen sind, obwohl sie, im Gegensatz zu vielen Freunden, dank ihrer Flucht überlebt haben.
Lalehs Bruder Morad, der ab 2009 erzählt, lebt mit seinem Bewusstsein in Deutschland, ist eher unpolitisch, führt mit seinen Freunden ein lockeres Studentenleben und wundert sich, für welche belanglosen Themen demonstriert wird - bis ihn die Berichte über die Grüne Revolution in Iran einholen, die mit den Bildern der sterbenden Studentin Neda als Symbol für die neue Zeit und ihre Bilder steht. Iran und seine Menschen sind für ihn weit weg, er kennt dieses Land nur aus Erzählungen und wenigen kurzen Begegnungen. Seine Wahrnehmung der politischen Verhältnisse ist geprägt durch die Bilder, die in den Medien zu Videos und Bildstrecken tausendfach zusammengefügt werden, teils mit Musik unterlegt und konsumiert wie ein Produkt der Popkultur. Wie durch einen Filter erlebt er nun die großen Veränderungen in der arabischen Welt.
Das letzte Wort im Epilog hat Tara, die jüngste der Geschwister, in Deutschland geboren, für die Iran weit weg ist, aber die lebenslange Sehnsucht der Eltern immer präsent.
Shida Bazyar ist ein bewegendes Porträt einer Familie zwischen zwei Kulturkreisen gelungen, in dem die Gesichter und ihre Lebenslinien gut zu erkennen sind, feinsinnig und klug gezeichnet. Wer vom großen Medien-Polit-Tamtam zum Flüchtlingsthema genug hat, kann hier ein wunderbares Debüt einer jungen Autorin lesen, die weiß, worüber sie spricht und wie, denn es ist zudem auch literarisch ein Genuss.
Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 06.03.2016
Mike Evans „Vinyl - Die Magie der schwarzen Scheibe“ Edition Olms
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„Das Vinyl-Geschäft boomt“, „Vinyl als Kapitalanlage“, „Schwarzes Gold“, „Vinyl im Aufwind“. Ja, die gute alte Schallplatte ist wieder da und sorgt für glückliche Hörer und Sammler. Wer sich also zu Beginn der 1990er Jahre mit dem Aufkommen der CD nicht von seiner Plattensammlung trennte, der kann seit ein paar Jahren wieder an deren Erweiterung arbeiten. Jedes größere Musikgeschäft lockt heute mit einer eigenen Vinylabteilung. Die Branche spricht von Steigerungsraten, wie es sie in kaum einem anderen Wirtschaftszweig gibt. Zwar nach wie vor auf niedrigem Niveau - aber immerhin. Und selbst einen eigenen Zeitschriftenmarkt bietet die Analogkultur mittlerweile mit „lp“ oder „MINT“.
Gerade erschienen ist „Vinyl - Die Magie der schwarzen Scheibe“, ein Buch über die Geschichte und über das Comeback der Schallplatte. Mike Evans, in den 1960er Jahren selbst Musiker, ehe er begann als DJ für die BBC zu arbeiten und später mehr als 60 Bücher über Musik, Film und Mode herausgab, ist natürlich ein leidenschaftlicher Plattensammler (geblieben). Auf den vorliegenden 250 Seiten lässt er an seiner Obsession teilhaben. Doch es geht dem Engländer nicht nur um die Emotionalität, mit der die Sammler das Objekt ihrer Begierde betrachten. Evans beschäftigt sich eingehend mit der Geschichte des Vinyls. Dazu gehören ebenso der Phongraph von Thomas Edison, oder das Graphophon und natürlich die Schellackplatte, bis in die 1950er Jahre aus einer speziellen Rezeptur hergestellt. Das klassische Vinyl konnte anschließend erstmalig aufgelegt werden. Ein Siegeszug, der bis heute anhält. Evans gewährt Einblicke in Presswerke (die zu Beginn der 1990er Jahre abgerissen wurden - bis auf wenig Ausnahmen).
Evans schreibt aber auch über die Geschichte der Cover, beleuchtet einzelne Label wie Decca, Blue Note oder Folkways, erinnert an die fast vergessene Jukebox, erläutert das Scratching und empfiehlt Plattenspieler. Und natürlich werden ungezählte Klassiker der Musikgeschichte benannt und gezeigt. Jazz, Rock`n Roll, Klassik, Easy Listening, Blues - jeder, der sich in irgendeiner Form für Musik interessiert, wird auf mindestens einer Seite des Buches auf „alte Bekannte“ stoßen und einen Moment nostalgisch verweilen. Und wer am Ende auf den Geschmack gekommen ist, der kann nachschlagen, wo in seiner Nähe ein Plattengeschäft mit ausgesuchtem Sortiment zu finden ist …..
Jörg Konrad
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Samstag 27.02.2016
William Boyd „Die Fotografin“ Berlin Verlag
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In einem Interview sprach William Boyd vor einigen Jahren von der Unmöglichkeit, Menschen zu kennen und zu verstehen. Außer, sie teilen uns ihr Wesen und ihr Denken offen mit. Aber selbst dann bleibt immer noch ein Hauch von Zweifel, ob denn das, was sie mitteilen, auch der Wahrheit entspricht. Vielleicht ist dieser Gedanke ja auch das Grundmotiv Schriftsteller zu werden: Figuren zu erfinden, diesen eine Biographie zu geben und sozusagen aus erster Hand vertraut mit ihnen zu sein.
William Boyd erzählt in seinem neusten Roman die Lebensgeschichte Amory Clays. Es ist eine Art fiktive Autobiographie, in welcher der Autor in die weibliche Erzählrolle schlüpft und das 20. Jahrhundert als Kulisse nutzt. Ein Kunstgriff, der es Boyd erlaubt, Abstand zu gewinnen, zur eigenen Person und zu seinen bisherigen Themen. Zudem liegt das Vertrauensverhältnis vom Autor zur Protagonistin bei einhundert Prozent.
Boyd löst diesen „Geschlechtertausch“ verblüffend gut. Er beschreibt, ähnlich einem Entwicklungsroman, die Sozialisierung seiner Hauptfigur, den Beginn ihrer Karriere mit Erotikbildern in Berlin der 1920er Jahre, ihre Abhängigkeiten, ihre Liebschaften und ihre Verzweiflungen in den Metropolen London, Paris und New York. „Die Fotografin“ erlebt direkt und indirekt die Schrecknisse des letzten Jahrhunderts in Europa und Indochina. Unterbrochen werden die chronologisch erzählten Ereignisse durch Amorys kurze Aufenthalte in ihrem schottischen Landhaus, dem Ort des Schreibens und des Erinnerns.
Amory ist eine unabhängige, nach außen stark wirkende weibliche Person, die sich über die Fotografie, ihrer inneren Leidenschaft, eine eigene Realität schafft. Unbeirrt schlägt sie sich durchs Leben, trifft selbstständig weitreichende Entscheidungen, die oft entgegen dem jeweiligen Zeitgeist ausfallen und ihr Leben mit Sicherheit nicht erleichtern.
Dieses Buch ist eine Mischung aus anregend erzählter Zeitgeschichte und dem individuellen Überlebenskampf einer Frau, in Zeiten, in denen das weibliche Geschlecht die eigenen Geschicke nur gegen große äußere wie auch innere Widerstände umzusetzen in der Lage war. So entsteht das literarische Bild einer Persönlichkeit, die in manchen Situationen ihres Lebens von Zweifeln gequält ist und ihre Ohnmacht thematisiert. Auch diese Form des Ertragens und Aushaltens von Widrigkeiten kann als innere Stärke begriffen werden.
gerhard von k
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Freitag 05.02.2016
Karine Tuil „Die Gierigen“ Aufbau Taschenbuch
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Als Karine Tuils  Roman 2013 in Frankreich erschien, wurde er  von Kritikern und Lesern begeistert aufgenommen. Bereits damals besaßen die von ihr angepackten gesellschaftlichen Themen dort große Aktualität, da die Unruhen in den Pariser Banlieues ein großes soziales Problem darstellten. Seit Ende des vergangenen Jahres ist Tuils Gesellschaftsroman auch in Deutschland als Taschenbuch auf dem Buchmarkt. Gerade nachdem wir in den letzten Monaten erkennen mussten, dass die gesellschaftlichen Spannungen nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa betreffen, bekommt der Roman eine globale Bedeutung.
Im Mittelpunkt stehen Samuel, Nadia und Samir, alle drei Anfang zwanzig. Sie  studieren Jura in Paris und sind eng befreundet.
Samuel, der jüdischer Herkunft ist und die schöne Nadia sind ein Paar. Der algerisch-stämmige Samir lebt mit seiner Mutter und seinem Halbbruder in einer winzigen Wohnung in der Pariser Vorort.
Sein Vater ist bereits gestorben und die Mutter arbeitet als Putzfrau bei einem Pariser Politiker, der mit ihr ein Liebesverhältnis beginnt, sie dann aber verläßt als sie schwanger ist.
Samir selbst schafft es mit  unglaublichem Ehrgeiz, sich aus seinem sozialen Umfeld zu lösen. Erschließt sein Jurastudium mit Auszeichnung ab und bewirbt sich in den großen Pariser Anwaltskanzleien.
Die Freundschaft der Drei bricht auseinander, als Samir, während Samuel zur Beerdigung seines Vaters fährt,  eine leidenschaftliche Affäre mit Nadia beginnt.  Diese Affäre ist zwar wieder rasch beendet, doch lastet der „Verrat“  auf  Nadias und Samuels Beziehung. Sie arrangieren sich mit einem mittelmäßigen Leben. Samuel , der eigentlich ein Buch schreiben möchte, schlägt sich als Sozialarbeiter in einem Pariser Problemviertel durch und Nadia hält sich mit Model-Jobs für Hausfrauen-Kataloge durch. Die beiden sind mit ihrer Lebenssituation latent unzufrieden, aber auch nicht Willens genug, etwas an ihrer Situation zu ändern.
Samir dagegen will sich mit der Mittelmäßigkeit nicht zufrieden geben. Als er merkt, dass er aufgrund seines Migrationshintergrunds und seiner Wohnungsadresse keine Chance auf eine adäquate Stelle hat, kommt er auf die Idee, seinen Namen und seine Identität zu ändern. Er nimmt kurzerhand Namen und Identität seines ehemaligen jüdischen Freundes an.  Aus Samir wird  Samuel.  Und tatsächlich bekommt er daraufhin eine Anstellung in einer der besten Pariser Kanzleien, die von dem jüdischen Anwalt Piere Levy geleitet wird. Dort macht er schnell Karriere , wechselt in eine Societät nach New York und heiratet Ruth, die Tochter einer sehr einflussreichen und wohlhabenden jüdischen Familie. Die beiden führen gemeinsam mit ihren  Kindern ein Luxusleben in der New Yorker High Society. Samir hat es scheinbar geschafft, seine Herkunft komplett auszulöschen, weder seine Frau, noch irgendjemand anders ahnt etwas von seiner wahren Identität. Nur sehr selten besucht er seine Mutter in Paris, beruhigt sein schlechtes Gewissen, indem er ihr Geld zusteckt. Als  sie ihn um Hilfe bzgl. der Probleme seines Halbbruders Francois bittet, flüchtet er zurück nach New York.
Francois hat nicht das Selbstbewußtsein und die Durchsetzungskraft von Samir. Er hat keine Ausbildung beendet und verbringt seine Tage mit brutalen Computerspielen , Drogen-oder Waffenschiebereien und lebt ohne jede Perspektive so wie die meisten Jugendlichen in seinem Umfeld.
Für diesen ihm so wesensfremden Halbbruder bringt Samir kein Verständnis auf. Dessen Labilität und die Hilflosigkeit der Mutter, die Hoffnungslosigkeit dieser tristen Pariser Vorstadt lassen Samir überstürzt nach New York zurückfliehen. Doch eines Tages sitzt Francois vor Samir in dessen New Yorker Anwaltsbüro. Und er möchte teilhaben an dessen Wohlstand, droht damit Samirs Geheimnis zu lüften…
Was dann  passiert, ist an Dramatik kaum zu überbieten. Doch trotz aller Spannung bleibt jedes Detail realistisch. Neben Francois, dessen „Weg“ in die Radikalität die Autorin erschreckend nachvollziehbar beschreibt, gewinnen auch Nadia und Samuel wieder Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse.
Karine Tuil , selbst Tochter tunesischer Juden, spielt meisterhaft mit Rollen und Identitäten, hinterfragt gesellschaftliche Zusammenhänge und lotet die Grenzen zwischen Selbst-und Fremdbestimmtheit aus.
Dabei verzichtet sie komplett auf typisierende Milieustudien und bemühte theoretische Analysen gesellschaftlicher Zusammenhänge. Mit großer Leichtigkeit gelingt ihr der Spagat zwischen Spannung und Tiefe. So taucht man als Leser ein in diese unterschiedlichen Figuren und Lebensmöglichkeiten und versteht plötzlich sehr viel von dem was gerade passiert in unserer Welt, sei es in Paris, Brüssel oder anderswo.
Martina Hirsch (Buchhandlung Kirchheim, Marc Schürhoff, Gauting)
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 26.01.2016
Friedrich Dürrenmatt „Die Stücke“ Diogenes
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Als 1947 am Zürcher Schauspielhaus Friedrich Dürrenmatts erstes Stück „Es steht geschrieben“ uraufgeführt wurde, gab es einen derartigen Eklat, dass man in den nächsten Jahren am Hause nichts mehr von dem noch jungen, aufstrebenden Autor aufführen wollte. Dreiundvierzig Jahre später stand dann der mittlerweile an allen Theatern der Welt gefeierte Dürrenmatt kurz vor seinem Tod als Festredner anlässlich einer Preis-Verleihung an Vaclav Havel das letzte Mal selbst auf einer Bühne und beschimpfte die anwesenden Schweizer Politiker aufs gröbste als Heuchler und Duckmäuser. Der Skandal war programmiert. Dürrenmatt saß Zeit seines Lebens „als politischer Denker zwischen allen Stühlen und Glaubensgewissheiten“, wie ihm die Weltwoche bescheinigte. Er liebte den Widerspruch und er liebte die Ironie.
Bis heute gilt der Schweizer neben Bertold Brecht als einer der wichtigsten deutschsprachigen Bühnenautoren - behauptet zumindest der österreichische Journalist und Schriftsteller Andre Müller. Sicher, Vergleiche hinken. Aber immerhin hat Müller dem Schweizer Dürrenmatt in einem Interview 1980 folgendes Bekenntnis abgerungen: „Den `Besuch der alten Dame` habe ich in einer finanziellen Zwangslage geschrieben. Die Urfassung war völlig anders, aber die wäre für das Theater nicht brauchbar gewesen. Deshalb habe ich es dann umgeschrieben.“ Ob auch Brecht eines seiner Stücke des Erfolges wegen umgeschrieben und dies anschließend öffentlich kundgetan hätte, mag man zu recht bezweifeln. Auf jeden Fall ist diese „umgeschriebene Fassung“ der Tragikomödie, also das, was die Welt als Original hält, dieser Tage in dem Band „Die Stücke“ neu aufgelegt worden. Anlässlich Dürrenmatts 25. Todestag im letzten Dezember hat Diogenes sämtliche Dramen (außer die Hörspiele und Theaterbearbeitungen), in einem Band zusammengefasst. Über 1500 Seiten plus Anhang, plus Chronik - im Schuber. Ein Fest für all jene, die den Dramatiker (und großartigen Krimiautoren) bisher noch nicht in dieser Gesamtheit im Regal stehen haben. Und natürlich auch eine einmalige Möglichkeit für all jene, die sich schon immer mit Dürrenmatts Dramen beschäftigen wollten und dies, aus welchen Gründen auch immer, bisher nicht bewerkstelligen konnten.
Beim Lesen tauchen dann, wie aus einem Nebel, all die verschrobenen wie genialen, vor allem aber vertrauten Figuren wieder auf. Wie die exzentrische Milliardärin Claire Zachanassian, aus „Der Besuch der alten Dame“, die sich an ihrem Dorf, das sie einst in Schande davon jagte, nun lustvoll rächt. Oder die missgestaltete Irrenärztin und Anstaltsleiterin Mathilde von Zahnd, die sich in „Die Physiker“ ohne Skrupel der Formel für die Weltherrschaft bemächtigt. Oder der vom Tode auferstandene Literaturnobelpreisträger Wolfgang Schwitter in „Der Meteor“, der nach seiner „Wiedergeburt“ sterben will und so sehr er sich auch bemüht, einfach am Leben bleibt.
Dürrenmatt hat diese skurrilen, an sozialer Kompetenz oft verarmten Charaktere mit viel Liebe und Sarkasmus in Handlungen eingebettet, die von Moral und Verantwortung, von Schuld und Verrat erzählen und von ihrer Aktualität bis heute nicht das mindeste eingebüßt haben.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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