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Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Joachim Kalka „Der Mond“ Berenberg

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Emma Cline „The Girls“ Hanser

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Irene Nemirovsky „Pariser Symphony“ Manesse

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R.W. Fassbinder „Die Filme“ 1966 – 1982 Schirmer/Mosel Ve...

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Miriam Toews „Das gläserne Klavier“ Berlin Verlag

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Guy Andrews „MAGNUM - Grosse Radrennen“ Sieveking Verlag

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Montag 15.08.2016
Joachim Kalka „Der Mond“ Berenberg
Seit ca. 4,5 Milliarden Jahren umkreist er die Erde. Ein verlässlicher Begleiter, der uns getreulich, aber nicht fortwährend, seine Vorderseite zeigt.

Dinge gehen vor im Mond
Die das Kalb selbst nicht gewohnt  
                 Christian Morgenstern   

Das Leben auf der Erde ist eng mit dem Mond verknüpft. Einst war er alleiniger Zeitmesser, Ebbe und Flut sind von seinem Umlauf abhängig, Zugvögel und Insekten nutzen ihn zum Navigieren, und nach wie vor steht die Frage ihm Raum, ob nicht noch weit mehr unserer mentalen Befindlichkeiten ihm geschuldet sind.
Wer dermaßen stark das Leben beeinflusst und von dem wir über viele Jahrtausende sowenig wussten, in den projezieren wir fast zwangsläufig unsere Träume, Hoffnungen und natürlich unser Schicksal. Joachim Kalka hat sich in seinem Essay „Der Mond“ mit unserem einzigen Trabanten und seiner Darstellung in der Kunst, vornehmlich der Literatur, intensiv beschäftigt.
Herausgekommen ist eine Kulturgeschichte des Mondes, die ebenso fasziniert wie auch überrascht, die staunend macht, aber auch auch fürchten lässt.

Ich möchte reiten an`s Ende der Welt
Wo der Mond und die Sonne hinunterfällt.
                                                   Eichendorff

Von Anton Tschechow bis „Dick und Doof“, von Goethe bis Popeye, von Arno Schmidt bis „Peterchens Mondfahrt“ und der Bibel betrachtet Kalka das Auf- und Untergehen, Mal des Voll-, Mal des zunehmenden-, Mal des abnehmenden-, Mal des Neumondes. „Der Mond ist voller emotionaler Energien“ schreibt der Autor und findet zig Beispiele für das Grauenhafte und für das Mütterliche des Erdbegleiters. Er gibt das Bühnenbild für manch poetische Szenerie, ist aber immer wieder auch Kulisse für schaurige Taten. Mit Geschick und Einfühlungsvermögen und vor allem mit Klugheit und Humor bewältigt Kalka diese Mammutarbeit auf knapp einhundert Seiten. Dieses Büchlein ist ebenso geistig anregend wie unterhaltsam und es macht immer wieder Lust darauf, einige der Zitate im Original zu lesen. Pflichtlektüre für Astronomen? Nicht nur für sie!
Autor: Jörg Konrad
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Montag 08.08.2016
Emma Cline „The Girls“ Hanser
Gleich zu Anfang tauchen sie auf, die „Girls“, eine geheimnisvolle Gruppe Mädchen, denen Evie Boyd in einem Park in Kalifornien im Sommer 1969 begegnet.
Und das ändert alles.
„Sie bewegten sich in einem unbehaglichen Grenzbereich zwischen Schönheit und Hässlichkeit, und ein Schauer gesteigerter Aufmerksamkeit folgte ihnen durch den Park. Mütter schauten sich nach ihren Kindern um, bewogen von einem Gefühl, das sie nicht benennen konnten. Frauen griffen nach der Hand ihres Freundes...“
Aber die unsichere 14jährige, gestrandet im Scheidungskrieg der Eltern, wohlstandsverwahrlost, unglücklich und voller Hass auf ihre Umgebung, ein Mädchen, das sich nach Bestätigung sehnt, die versucht erwachsen zu sein, ohne eine genaue Vorstellung von sich selbst zu haben – sie ist magisch angezogen von den Hippie-Mädchen in verlotterten Kleidern und mit ungepflegten Haaren, die alle Souveränität der Welt zu haben scheinen.
Besonders die Beachtung durch die etwas ältere Suzanne gibt Evie das Gefühl zum ersten Mal gesehen zu werden. Von ihr ist sie fasziniert und versucht ihre Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erreichen. Ihre Zuwendung wird zur Triebkraft für alles, was Evie tut.
Bald folgt sie den Mädchen in die Kommune auf einer Ranch in den kalifornischen Hügeln, taucht ein in das träumerische Leben und lernt den charismatischen, manipulativen Anführer Russell kennen, um den sich Geschichten von Musik, Sex, Partys und Drogen ranken. Er verspricht ihr ein Leben ohne ihre diffuse Traurigkeit und ihre nagenden Selbstzweifel. Evie ist berauscht von dem Leben in der neuen Gemeinschaft. Um in der Kommune Anerkennung zu finden, ist sie bereit ihre Mutter zu bestehlen, klaut im Supermarkt. Wochen verbringt sie bei ihren neuen Freundinnen, mit denen sie eine seltsame Unverbindlichkeit, gepaart mit magischer Anziehungskraft, verbindet. Ein paar wenige Männer spielen dort eine Rolle, zentrale Gestalt ist Russell. Zuhause wird sie nicht vermisst, die Eltern haben eigene Probleme, die einzige Schulfreundin ist ihr fremd geworden.
Von dieser Zeit erzählt nun Evie Boyd Jahre später, als Frau mittleren Alters, deren weiteres Leben bestimmt wurde von all dem, was dann passieren sollte. Sie will herauszufinden, was für ein Mensch dieses junge Mädchen damals war und was sie letztendlich davor bewahrt hat in einen fürchterlichen Mord hineinzugeraten, der trotzdem untrennbar und zerstörerisch mit ihrem Leben verbunden bleibt.
Während sie versucht, ihrer eigenen Person von damals nahe zu kommen, bewegt sich ihre Erzählung auf die Katastrophe zu, die an die Morde der Manson Family erinnert.
Der Gedanke, was gewesen wäre wenn sie bei dem verhängnisvollen Abend dabeigewesen wäre, wozu sie selbst fähig wäre oder nicht, wird dabei zu einer zentralen Frage, die für sie offen geblieben ist und die sie nicht loslässt.
Und was ging in den anderen Mädchen vor, die zu Mörderinnen wurden? Was bringt Menschen dazu, einem Sektenführer zu folgen bis zu Selbstaufgabe und Mord?
Diese Fragen und die Ereignisse damals geraten zu einem unheimlichen Geflecht, in dem der Leser zwar bald den Lauf der Geschichte ahnt, aber von der ungeheuren Spannung gefangen genommen wird.
Die 27jährige Autorin Emma Cline hat dieses erstaunliche Debut vorgelegt. Sie erzählt überzeugend aus der Perspektive einer mittelalterlichen Frau, versetzt sich aber ebenso überzeugend in eine 14jährige, als wäre sie selbst in diesem Alter.
Brilliant erzählt, super spannend!
Autor: Thyra Kraemer
Dienstag 26.07.2016
Irene Nemirovsky „Pariser Symphony“ Manesse
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Ihre eigene Biographie ist ebenso von Tragik und Schicksal gezeichnet, dass man meinen könnte, sie entstamme einem ihrer Romane. Irene Nemirovsky wurde nur 39 Jahre alt, schrieb aber in dieser kurzen Zeit fünfzehn Romane, wobei gleich ihr erster ein Bestseller wurde, und etliche Erzählungen. Die Stationen ihres kurzen Lebens: Kiew, Sankt Petersburg, Mustamäki (Finnland), Stockholm, Paris, Issy-l"Eveque (Département Saône-et-Loire). Hier schrieb sie am 12. Juli 1942 in ihr Tagebuch: „Ich sitze auf meinem blauen Sweater inmitten eines Meeres verfaulter, vom Gewitter der letzten Nacht durchweichter Blätter wie auf einem Floß, die Beine unter mir angewinkelt.“ Einen Tag darauf wurde sie nach Ausschwitz deportiert, wo sie vier Wochen später starb.
Zuvor versuchte Irene Nemirowskys Ehemann sich für seine Frau einzusetzen, schrieb ein Gnadengesuch an die Behörden und wurde daraufhin ebenfalls deportiert und in Ausschwitz-Birkenau ermordet.
Ihre beiden Töchter hatte Irene Nemirowsky zuvor samt einem ledernen Koffer wohlweislich bei Julie Dumot, der als Vormund der beiden Mädchen eingesetzt war, abgeliefert. Dieser versteckte die dreizehnjährige Denise und die fünfjährige Elisabeth während der Naziherrschaft in Klöstern und Höhlen. Sie überlebten!
In dem Koffer befand sich unter anderem ein Manuskript, an dem Irene Nemirowsky während des Krieges intensiv arbeitete. Erst 1996 beschließt ihre Tochter Denise dieses Manuskript einem Verlag zu übergeben. So erblickte der Roman „Suite Francaise“ über sechzig Jahre später im Herbst 2005 doch noch das Licht dieser Welt und leitete „die spektakulärste literarische Entdeckung der vergangenen Jahre“ (FAZ) ein.
Im Manesse Verlag ist nun erstmals in deutscher Übersetzung der Erzählungsband „Pariser Symphony“ erschienen. Elf literarische Skizzen im Erzählformat, die jeweils eine Fülle an Details und vor allem Charakterstudien enthalten, wie man sie im Grunde nur in Romanform antrifft. „Die Zeit macht uns hart; sie lässt uns in einer Haltung erstarren, die zunächst vielleicht nur die Folge eines Zufalls war und keinesfalls einer Wahl oder einer zwingenden inneren Notwendigkeit entsprang“, beginnt der erste Text, „Die Geister“, unter Pseudonym erstmals 1941 in einer französischen Zeitschrift veröffentlicht.
Irene Nemirowsky kann Menschen mit einem ungeheuren psychologischen Feingefühl beschreiben und stellt diese wiederum in eine von Leidenschaft und Elend gezeichnete Handlung, die tief berührt. Dabei fasziniert die Klarheit ihrer Sätze, ihr Intellekt, mit dem sie schreibend beschreibt und die Handlung vorwärtstreibt. Bei ihr passen die Abläufe zu den Protagonisten, auch dann, wenn die Geschehnisse nur angedeutet sind, um in kleiner Form große Geschichten zu erzählen. Und sie ist offen für Experimente. So ist „Ein Film“ eine Art Drehbuch, in der nur der Handlungsablauf beschrieben wird, ganz ohne zu psychologisieren. „Ich sehe Bilder, meine Figuren bewegen sich vor meinem inneren Auge. Ich erfinde nur Gefühle.“ So berührend und oft auch hart ihre Geschichten sind, so sehr spürt man die Menschlichkeit, die ihnen innewohnen. Hier ist eine Autorin, die mit Hoffnungen und Illusionen umzugehen versteht, die die Welt so betrachtet wie sie ist und sie zugleich mit einem großen Herzen beschreibt.
Autor: Jörg Konrad
Dienstag 19.07.2016
R.W. Fassbinder „Die Filme“ 1966 – 1982 Schirmer/Mosel Verlag
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Ein illustriertes Werkverzeichnis aller 44 Kino- und Fernsehfilme von 1966 bis 1982 mit 1368 Filmbildern und 46 Photographien.
Mit Texten von Laurence Kardish, Juliane Lorenz und Lothar Schirmer,

Wenn Rainer Werner Fassbinder auch vieles war, eines jedoch mit Sicherheit nicht: Ein angepasster, dem Zeitgeist dienender und ein sich der Ästhetik des vordergründigen Scheins verpflichtet fühlender Filmemacher.
Hanna Schygulla erzählte einmal, dass die Franzosen anlässlich einer Fassbinder Retrospektive 2005 über ihn gesagt hätten, er sei so gesellschaftsumfassend wie Balzac, er habe denselben schmerzhaften Bezug zur Existenz wie van Gogh und die Fähigkeit, aus Geschichten Fabeln zu machen wie Kafka. Und auf die Frage, warum man ihn überhaupt im Ausland wohl mehr geliebt habe als hier in Deutschland, sagte die Schauspielerin: „Manchmal reagieren Familien am allergischsten auf die, die den Familienfrieden stören. Fassbinder war eben ein Tabubrecher, der alles in die Sichtbarkeit gezerrt hat, einen Röntgenblick hatte.“
Welches Genie, neben allem Wahnsinn, in ihm tatsächlich steckte, wurde in Deutschland vielen erst nach seinem Tod 1982 bewusst. Zu Lebzeiten stellten besonders die Medien seine Persönlichkeit sehr vereinfacht und reduziert dar. „Er quälte seine Schauspieler und erneuerte den deutschen Film“, war eine jener typisch skandalträchtigen Überschriften, die seinem Nachruf vorangestellt wurden. Besser trifft es da wohl der Schauspieler Harry Baer, der wie Hanna Schygulla, Kameramenn Michael Ballhaus, Ruth Drexel u.a. schon früh zum engen Zirkel um den Münchner Exzentriker gehörte: „Seine Brüche und Widersprüche waren Bestandteil seiner Persönlichkeit, wahrscheinlich auch die Quelle seiner unglaublichen Vitalität und kreativen Energie“.
In den nur 13 Schaffensjahren, die ihm vergönnt waren, verlangte er seinen jeweiligen Film-Crews alles ab. Er arbeitete wie ein Berserker, hielt sich mit Drogen munter, pöbelte am Set und liebte doch vor allem seine Schauspieler – ohne ihnen das immer und überall zu zeigen. Seine Ambition? „Ich möchte für das Kino sein, was Shakespeare fürs Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psychologie war: Jemand, nach dem nichts mehr ist wie zuvor.“ So sprechen nur Revolutionäre – und lösen ihre Versprechen natürlich auch ein: „Katzelmacher“, Acht Stunden sind kein Tag“, „Angst essen Seele auf“, „Händler der vier Jahreszeiten“, „Berlin Alexanderplatz“, „Deutschland im Herbst“.
Bei Schirmer/Mosel ist nun eine fotografische Werkschau der insgesamt 44 Kino- und Fernsehfilme R.W. Fassbinders erschienen. Auf über 1400 Fotos sind einzelne Bild-Sequenzen, angefangen bei seinem ersten (Kurz-) Film „This Night“, der 1966 von Fassbinder gedreht wurde und als verschollen gilt, bis zu seinem letzten Film „Querelle“ von 1982, abgebildet. Es ist eine aufwühlende Reise durch die Filmgeschichte, eine manchmal auch ein wenig wehmütig machende Hommage an diesen wuchtigen Arbeiter, diesen Aufklärer und Provokateur. Ein beeindruckende Filmschau zum 70. Geburtstag.
Autor: Jörg Konrad
Dienstag 12.07.2016
Miriam Toews „Das gläserne Klavier“ Berlin Verlag
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Dieses Buch handelt von Bedingungslosigkeiten. Auf der einen Seite die Bedingungslosigkeit der Destruktion und demgegenüber die Bedingungslosigkeit großer Gefühle, auch Liebe genannt. Aber es ist eben nicht die Destruktion in Form der Bereitschaft zu lustvoller Zerstörung fremden Eigentums oder fremden Glücks. Und es ist auf der anderen Seite eben nicht die Liebe zweier Menschen, die einander finden, um ihr Leben gemeinsam zu gestalten.
Elfrieda, genannt Elf, ist Pianistin, eine fantasie-, wie humorvolle und intelligente Künstlerin, die nur von einem Wunsch beseelt ist: Sich umzubringen. Yolandi, genannt Yoli, ihre Schwester, kann ihr eigenes Leben, das in allen Belangen immer wieder außer Kontrolle gerät, nicht wirklich ordnen. Sie trinkt, hat wechselnde Beziehungen und daraus resultierend vorwurfsvolle Kinder, mit deren auf Selbstverwirklichung getrimmten Vätern. Doch trotz großer eigener Not ist Yolandi aufopfernd damit beschäftigt, ihre Schwester von deren suicidalen Vorhaben abzubringen. Sollte die Ursache für ihre Todessehnsucht in der eigenen Familie ihren Ursprung haben? Elf besitzt doch im Grunde vieles von dem, was glücklich macht: Sie ist reich, sie ist berühmt, ihr Publikum liegt ihr zu Füßen und die ihr am nächsten stehenden Menschen lieben sie innig.
Tag und Nacht sitzen Yolandi, die Mutter, die Tante und hin und wieder der Rest der Familie an Elfs Krankenbett, um sie zu stärken, um sie ins Leben zurückzuholen. Sie sprechen Mut zu, wärmen Erinnerungen auf, malen eine rosige Zukunft. Nebenher kämpfen sie sich mit ihren eigenen Sorgen durch einen harten Alltag und stehen selbst, von Krankheit und Schicksal, an der Schwelle des Todes.
Diese Geschichte ist eine Reise in die abseitigen, unergründeten Katakomben der menschlichen Seele, in jene Bereiche, die für Logik und Pragmatismus nicht zugänglich scheinen. Was muss man tun, was kann man überhaupt tun, um den Lebenswillen wieder neu anzukurbeln?
Miriam Toews, die kannadische Autorin, hat ein aufwühlendes, ein hochintelligentes, ein eindrucksvolles Buch geschrieben, das in seiner Sprache und in seiner Atmosphäre eben keine allein von Traurigkeit und Weltschmerz gekennzeichnete Geschichte erzählt. Dieses Buch ist frisch und witzig geschrieben, lebt von einer, ja, trotz des Themas, funkelnden Lebendigkeit und Zuversicht. Es ist ein Plädoyer für Selbstbestimmtheit und erzählt mitreißend von den Gefühlen, zu den Menschen fähig sind. Und von Akzeptanz. Von bedingungsloser Akzeptanz.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
Montag 27.06.2016
Guy Andrews „MAGNUM - Grosse Radrennen“ Sieveking Verlag
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© 2016 Robert Capa/Magnum Photos Aus: Magnum. Große Radrennen im Visier berühmter Magnum-Fotografen, Sieveking Verlag 2016
Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David „Chim“ Seymour und George Rodger gründeten kurz nach dem 2. Weltkrieg in Paris die unabhängige Agentur Magnum. Die Fotografen wollten die Rechte an ihren Bildern nicht an Zeitschriften und Illustrierte abtreten, sondern unabhängig tätig sein und ihre Arbeiten selbst vermarkten. Bis auf George Rodger waren alle Gründungsmitglieder zugleich begeisterte Radsportanhänger und haben, wie auch viele zukünftige Magnum-Fotografen, die Faszination des Radrennens in ihrer ganzen Emotionalität und manchmal auch in dem recht nüchternen, von jedwedem Glamour meilenweit entfernten Umfeld, in großartigen Bildern festgehalten. Guy Andrews, gelernter Fahrradmechaniker(!) und seit über zwanzig Jahren als Journalist, Autor und Redakteur dem Radsport aufs engste verbunden, hat in den Magnum-Archiven eine Vielzahl an Arbeiten zu Tage gefördert, die mindestens ebenso begeistern, wie manche der Rennen selbst.
Der erste Teil des vorliegenden Buches gehört dem großen Robert Capa, über den der Autor John Steinbeck schrieb „Er konnte Bewegung, Heiterkeit und Leid fotografieren. Er konnte Gedanken fotografieren“. Capa begleitete die Tour de France unter anderem 1939 und seine hierbei entstandenen Bilder sind unvergessliche, historische Momentaufnahmen. Die Fotos erzählen Geschichten, wie zum Beispiel das einer Gruppe junger Radfans, die vor dem Fahrradladen des Rennfahrers Pierre-Marie Cloarec, genannt Clo-Clo, sich die Zeit vertreibt, kurz bevor das Feld mit eben jenem Clo-Clo durch die engen, mit Kopfstein gepflasterten Straßen Quimpers in Nordfrankreich an gleicher Stelle vorrüberrauschte. Das zweite Bild zeigt Clo-Clos Sohn Pierrot, wie er am Straßenrand gespannt auf das Feld mit seinem Vater voller Ungeduld und Sehnsucht wartet. Überhaupt hält Capa immer wieder das Umfeld fest. Das Publikum, die Fahrer bei ihren Pausen, in Hinterhöfen beim Waschen, die Radiosprecher.
Was machen Radfahrer im Winter? Ebenfalls trainieren, bei Eis und Schnee. Von Guy Le Querrec stammt eine Serie von Bildern, die er während seiner Begleitung des Renault-Elf-Team im Winter 1985 machte. Von ihm stammt eine Serie des wohl interessantesten Fahrers jener Jahre, von Laurent Fignon. Der galt als  intellektueller Außenseiter im Fahrerlager, verhielt sich sehr exaltiert, war von Journalisten gefürchtet. Querrec zeigt ihn von einer ganz anderen Seite, nachdenklich, in sich ruhend.
Von Henri Cartier-Bresson, dem Wegbereiter des modernen Fotojournalismus, stammt eine Reihe von Aufnahmen, die er beim Sechstagerennen in Paris 1957 schoss. Eine Sportart, die heute fast ausgestorben ist, dabei einst groß in Mode und zum Chic mancher europäischen Metropolen gehörte.
Ob Querfeldeinrennen, quälende Bergetappen, oder das immer anfeuernde, enthusiastische Publikum - dieses Buch ist reine Magie und zeigt eine faszinierende Parallelwelt, die aufgrund ihrer Vermarktung und dem damit in enger Verbindung stehenden Doping in den letzten Jahren mehr Zweifel und Enttäuschung hinterlassen hat. Schade drum.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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