Musik
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Inhaltsverzeichnis
Eleni Karaindrou „Tous Des Oiseaux“

7

Dewa Budjana „Mahandini“

8

Paolo Fresu Devil Quartet „Carpe Diem“

9

The Necks „Body“

10

Chris Whitley „Rocket House“

11

Frank Sinatra „Sings For Only The Lonely“

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Samstag 26.01.2019
Eleni Karaindrou „Tous Des Oiseaux“
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Sie besitzt die besondere Gabe, mit ihrer Arbeit als Komponistin die Entwürfe anderer Künstler diskret zu verfeinern und dabei gleichzeitig etwas sehr Individuelles und Souveränes zu schaffen. Eleni Karaindrous Werke sind großteils als Auftragsproduktionen für Kino und Theater entstanden. Die bekannteste griechische Film- und Bühnenkomponistin wurde einmal gefragt, ob denn ihre Musik typisch griechisch sei, ob sie die Seele ihrer Landsleute lautmalerisch vertonen und zum Ausdruck bringen würde. Das könne sie nicht sagen, hat sie darauf geantwortet, das müssten letztendlich andere beurteilen.
Auf jeden Fall hat sie für ein gutes Dutzend Arbeiten des unvergleichlichen Filmregisseurs Theo Angelopoulos den Soundtrack geschrieben, auch für Margareta von Trotta und immer wieder für Stücke, die der griechischen Mythologie entspringen.
Mit „Tous des Oiseaux“ ist nun ein Album erschienen, welches sowohl Theater- als auch Filmmusik enthält. „Tous Des Oiseaux“ ist für ein Bühnenwerk des libanesisch-kanadischen Schriftstellers Wajdi Mouawad gedacht. Das zweite Stück ist die Filmmusik zu „Bomb, A Love Story“ des iranischen Schauspielers und Regisseurs Payman Maadi. Beide Aufnahmen leben von einer stillen Eindringlichkeit, von einem melancholischen Sog verführerischer Schönheit. Diese Musik kann eigentlich nur ein uneingeschränkter Menschenfreund geschrieben haben, jemand, der trotz aller Zweifel Hoffnung hat und glaubt - zumindest an die humane Kraft der Poesie.
Eingespielt mit einem Streichorchester und einem Ensemble von Musikern, die zum Teil griechische Originalinstrumente spielen, baut Eleni Karaindrou Stimmungen von Zerbrechlichkeit und Sehnsucht auf. Die elegischen Bögen ihrer Musik, sowohl die Orchestersätze als auch die Solostimmen, sind wie einzelne schicksalhafte Äußerungen einer Gruppe von Menschen. Ein Psychogramm berührender Befindlichkeiten. Intime Bekenntnisse, ergreifend im Inhalt und unprätentiös im Vortrag. Hier gehen Anmut und Reflexion Hand in Hand.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Montag 21.01.2019
Dewa Budjana „Mahandini“
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Mit den Ideen, die Dewa Budjana auf seinem neusten Album „Mahandini“ musikalisch abfeuert, füllen andere Musiker eine ganze Karriere. Der Gitarrist hat sich bei seinen Kollegen in den letzten Jahren einen unglaublich Respekt erspielt. Und so ist es nicht nur so, dass er seine Wunschinstrumentalisten zu den Aufnahmesessions bittet und ins Studio über deren Management einladen muss. Sie selbst stehen symbolisch Schlange und wollen mit dem Indonesier gemeinsam arbeiten. Auf „Mahandini“ sind dies zum Beispiel Jordan Rudess (Dream Theater), die indische Bassistin Mohini Dey, der deutsche Schlagzeuger Marco Minnemann (Steven Wilson), Mike Stern, John Frusciante u.a.. Durchweg erste Wahl. Und so strotzt die Musik vor Kraft und Zuversicht, vor Tempowechseln, Energie-Schüben, rockiger Schwerkraft und jazziger Abenddämmerung. Manches klingt nach dem unvergessenen Frank Zappa, manches erinnert an die momentan nicht mehr existierenden Porcupine Tree, anderes könnte, was die Dynamik und den gigantischen Feuergeist der Aufnahme betrifft, zu Beginn der 1970er Jahre entstanden sein. Nicht immer müssen Zeitreisen in die Vergangenheit kreative Rückschritte bedeuten.
Sicher ist auf „Mahandini“ hin und wieder ein wenig Bombast im Spiel, auch viel Hall und hymnisches coming out, so, wie es in der Prog-Rock-Szene nun mal geläufig ist. Klassik-Adaptionen auf der Grundlage von herausfordernder Polyrhythmik sowieso. Auch etwas aus dem Lot geratene Gesangsnummern (denen aber auf dem Fuße ein außergewöhnliches Instrumental folgt).
Solistisch werden alle Mitglieder der Band enorm gefordert. Ego-Trips sind gewollt, Bescheidenheit und Zurückhaltung gehören nicht zum Konzept. Wie man einer solchen Musik angemessen begegnet? In dem man sie laut hört. Sehr laut!
Jörg Konrad

Dewa Budjana
„Mahandini“
Moonjune Records

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Donnerstag 03.01.2019
Paolo Fresu Devil Quartet „Carpe Diem“
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„Mich fasziniert das Geheimnis, das es in sich trägt. Es ist wie ein lebloses Werkzeug, das viele als Einrichtungsgegenstand nach Hause bringen. Wenn man es an die Lippe heranträgt und hinein bläst, öffnet sich jedoch eine außergewöhnliche Welt, die zur Stimme, Poesie und Emotion wird.“ So sprach vor einiger Zeit Paolo Fresu über sein Instrument – die Trompete. Stimme, Poesie und Emotion, das sind genau jene Attribute, die die Faszination des Albums „Carpe Diem“ ausmachen. Für die Umsetzung dieses melancholischen Juwels hat Fresu schon vor Jahren das Teufels-Quartett gegründet. Vier Musiker, die mit großer Sorgfalt ihre Töne formen und sich in einem weiten Feld von Jazz, europäischer Kammermusik und mediterraner Tradition bewegen.
Es fasziniert die asketische Verknappung der musikalischen Mittel, ohne dass die Aufnahmen dadurch dürftig wirken. Im Gegenteil. Die instrumentale Zurückhaltung schafft neue Räume, verstärkt die Transparenz und gibt der Musik eine spirituelle Tiefe. Fresus weicher, wärmender Ton auf dem Flügelhorn ist ebenso klar wie auch sentimental verhangen. Behutsam formt er die Melodien und macht manche Komposition zu einem Choral der Achtsamkeit.
In Bebo Ferra hat Fresu einen Gitarristen gefunden, dessen lyrisches Spiel so etwas wie eine innere Seelenverwandtschaft im Miteinander an den Tag legt. Mit ihm umspielt er impressionistisch die Themen, findet wunderbar stimmige, intime Momente und steht, was die Improvisationen betrifft, mit Fresu auf einer Stufe.
Das Rhythmusduo mit Paolino Dalla Porta (Bass) und Stefano Bagnoli (Schlagzeug) hält sich stark zurück, unterstützt dezent die Songstrukturen der Kompositionen, ja hält die Balance der Gesamtstruktur von „Carpe Diem“. So wird dieses Album dank der gelassenen Hingabe, des Aufeinander-Hörens seiner Instrumentalisten zu einem fragilen, mit Wehmut angehauchten Meisterwerk.
Jörg Konrad

Paolo Fresu Devil Quartet
„Carpe Diem“
Tuk Musik
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 02.01.2019
The Necks „Body“
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Die „New York Times“ schrieb einmal, sie seien „eine der besten Bands der Welt“. Warum? Weil Chris Abrahams, Tony Buck und Lloyd Swantonsie den eigenwilligsten, den komplettesten, den herausforderndsten Klavier-Trio-Sound spielen. Seit über drei Jahrzehnten scheren sie sich als The Necks keinen Deut um Moden oder angesagte Trends. Ob diese Einstellung auch eine Kehrseite hat? Ja, hat sie: Kaum jemand kennt die Australier. Sie sind der bestgehütete Geheimtipp. Wahrscheinlich weil sie Jazz spielen und doch keine Jazzcombo sind; weil sie Stilmittel aus Minimal und Ambient nutzen, ohne in diesen Szenen verankert zu sein; weil sie deftigsten Rock`n Roll können, ihn aber nie spielen; weil sie psychedelisch sind, ohne high zu sein. The Necks sind ein Phänomen - und eine musikalische Urgewalt.
Auch mit „Body“ ist ihnen dieses Kunststück gelungen. Ein sensationeller Mikrokosmos der Moderne. Mit nur wenig Klangmaterial entwickeln sie innerhalb nur eines Songs von einer knappen Stunde ein Instrumentalgebräu, das an Entschiedenheit und Konsequenz nichts zu wünschen übrig lässt. Sparsam gesetzte Bassfiguren - wie düsteres Donnergrollen, ein stotterndes Piano – das nicht in Schwung zu kommen scheint, Schlagzeugbecken - die wie ein fernes Glocken läuten klingen und  dann der sphärische Sound jenseitiger Hammondorgeln.
Nach knapp 25 Minuten bricht dann wie aus dem Nichts die Hölle los, mit einem einfachen aber unnachgiebigen Piano-Riff, wie es keine Post-Punk-Band markiger spielen könnte und einem treibendem monotonen Schlagzeugbeat. Beides angereichert mit schleifenden Gitarren und martialischen Clusterwolken. Und auch hier sind es wieder diese rituell anmutenden Wiederholungen, diese ekstatischen, nicht enden wollenden Energieschübe, die letztendlich Raum und Zeit vereinnahmen und eine überwältigende Wirkung entfalten.
Nach 40 Minuten wird die Musik wieder sanft und leitet langsam aber bestimmt das (noch immer ferne) Ende ein. Wer The Necks genießen will, braucht auch im vorliegenden Fall Zeit, manchmal auch ein wenig Geduld. Doch wer diesem hypnotischen Wechsel eklatanter Stimmungslagen folgt, der findet den so oft beschriebenen, aber in dieser Qualität selten gehörten Verbindungsgang zwischen Jazz, Postrock, Ambient, Minimal, Drone und Electronic. Sollten wir ein Album des Jahres 2018 küren - „Body“ wäre mit Sicherheit ganz ganz vorn mit dabei.
Jörg Konrad

The Necks
„Body“
Recommended Records

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Montag 31.12.2018
Chris Whitley „Rocket House“
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Manchmal möchte man das Besondere einer Musik mit anderen teilen. Egal wann sie erschienen ist. „Rocket House“ von Chris Whitley ist so ein besonderes Album. Erschienen 2001, vier Jahre bevor Chris Whitley starb. John Lee Hooker sagte einmal über den Blues „Tja, Blues ist der Heiler. Wenn man down und fix und fertig ist, wenn dich die Freunde, die Geliebte, die Frau nicht mehr so recht mögen, dann leg einen guten Blues auf und vergiss das alles. Hör zu. Er heilt. Blues heilt die ganze Welt. Musik heilt die Welt und sorgt dafür, dass es weitergeht.“
Chris Whitley war Songwriter, aber immer auch Bluesmusiker. Sicher nicht in der Art, wie John Lee Hooker Bluesmusiker war. Whitley war weiß, 1960 in Texas in einer gut situierten Familie geboren. Als er Mitte der 1980er Jahre nach New York kam, wurde er Teil der Downtown-Szene, bevor er Daniel Lanois und Dave Matthews kennenlernte, die seinen Vorstellungen von Musik am nächsten kamen. Er hatte neben dem Blues einen starken Bezug zum Jazz, er liebte Bob Dylan, Duke Ellington und Sonic Youth, spielte mit Chris Wood und Billy Martin, zwei Drittel des legendären und bis heute bestehenden Kult-Trios Medeski Martin  Wood. Whitley war offen, die unterschiedlichsten musikalischen Ansätze eben auch für eigene Produktionen zu nutzen.
Einige Jahre vor seinem Tod zog ihn die Liebe dann nach Deutschland. Er lebte in dieser Zeit in New York und Dresden und spielte (auch auf Tourneen) mit Musikern aus der sächsischen Metropole.
„Rocket House“ entstand als eine Art Gemeinschaftsarbeit der beteiligten Musiker, wobei die Idee zu einigen Songs erst im Studio entstanden. „Der Titel kommt von einer Zeichnung, die meine Tochter Trixie machte“, erzählte er später in einem Interview. Trixie Whitley, die durch ihre Arbeit mit Daniel Lanois bekannte Sängerinnen, war ebenfalls an den Aufnahmen beteiligt, wie auch Bruce Hornsby und DJ Logic. Die einzelnen Songs sind, trotz ihrer Intensität und Energie, zart und zerbrechlich. Man spürt Whitleys Poesie und seine Musikalität. Immer auch seinen Ideenreichtum. Er arbeitete mit Maultrommel und Drumcomputer, mit Banjo und Tablas und Turntable-Scratching. Zudem sind viele der auf „Rocket House“ genutzten Instrumente technisch verfremdet, schaffen eine psychedelische Aura, die ganz entfernt an das Ende der 1960er Jahre erinnern. Whitleys harte, knarzige, blues- und soulgetränkte Stimme kippt immer wieder in Falsetttonlagen, was die Songs zusätzlich verletzlich und brüchig erscheinen lässt. Seine oft verzerrt klingende Dobro nutzt er in ihrer Sperrigkeit wie eine zweite Stimme, gegen die er ansingt und dadurch die Spannung in den Songs steigert. DJ Logic unterlegt die Rhythmen mit zusätzlichen Schleifen eines Drum-Computer und lässt knochige Sounds durch die Stücke geistern, die eine abseitige Stimmung provozieren.
„Rocket House“ ist bis heute eines der besten Alben seiner Karriere. Musik, die nur wenig Optimismus ausstrahlt, dafür seiner inneren Zerrissenheit und Ambivalenz am nächsten kommt.
Viktor Brauer

Chris Whitley
„Rocket House“
UlfTone Records
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Montag 31.12.2018
Frank Sinatra „Sings For Only The Lonely“
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Ein Frank-Sinatra-Album zum Jahreswechsel? Natürlich, gern. Jedoch keinen dieser lieblos und einfallsarm zusammengestellten Sampler. Die gibt es nämlich wie Sand am Meer.
Sollten Sie den swingenden Frankie-Boy bevorzugen, dann wäre „Sinatra at the Sands“ der Tipp des Tages. Dieser vor Lebensfreude und musikalischer Rafinesse explodierende Live-Mitschnitt von 1966 ist sozusagen in Sinatras „Wohnzimmer“ entstanden, im Copa Room im Sands Hotel in Las Vegas. Mit dabei: Count Basie am Klavier und das Orchester Quincy Jones.
Möchten Sie sich vom alten Jahr jedoch mit melancholischen Balladen verabschieden (und 2019 entsprechend begrüßen), dann empfehlen wir „Sings For Only The Lonely“. Erschienen erstmals vor sechzig Jahren, gibt es dieses grandiose Konzeptalbum nun als klangtechnisch überarbeitete Wiederveröffentlichung.
„Sings For Only The Lonely“ hielt sich nach Erscheinen 1958 ganze 120 Wochen in den Charts, infizierte und beeinflusste mit seiner vollendeten Balladenkunst Generationen von Musikern. Sinatra widmet sich auf den Songs inhaltlich dem „emotional fragilen Zustand zwischen Einsamkeit und Alleinsein“. Die Arrangements, von keinem geringeren als Nelson Riddle geschrieben und mit dessen Orchester eingespielt, schaffen eine einmalige Verbindung zwischen profanem Schlager und anspruchsvollem Kunstlied. Sinatras bekannter und gefürchteter Perfektionismus geht hier wie selbstverständlich in intimste Melancholie über.
Die elegische Intensität, die im Miteinander zwischen Orchester und Sänger frei wird, ist in diesem Ausmaß vielleicht auch äußeren Umständen geschuldet. Sinatra hatte sich im Jahr zuvor in zweiter Ehe von Ava Gardner scheiden lassen. Grund für die Trennung dürfte der Schwangerschaftsabbruch eines gemeinsamen Kindes gewesen sein, den Ava Gardner ohne die Zustimmung Sinatras hat vornehmen lassen.
Orchesterchef Nelson Riddle hat nur wenige Monate vor dem Aufnahmeterminen im Mai und Juni 1958 seine Tochter verloren und während der Studioarbeit verstarb auch seine Mutter. So hatten beide, Sinatra und Riddle, Schicksalsschläge zu verarbeiten. Persönlicher Schmerz, der in der eingespielten Musik seinen Ausdruck fand. Insofern könnte man „Sings For Only The Lonely“ als eine Art therapeutische Sitzung bezeichnen, dessen Ergebnis weder rührselig noch emotional aufgeblasen ist. Selbst die pastoralen Streichersätze verströmen etwas majestätisches, etwas authentisch Hingebungsvolles. Und immer ist in der musikalischen Umsetzung der Kompositionen ein Hauch Swing enthalten, dem bekanntlich der Stallgeruch des Blues anhaftet. Auf diese Weise bekommt die Musik auch Originalität und Bodenhaftung.
Dieses Album ist, wie die „Märkische Allgemeine“ schrieb, ein „raffiniert orchestriertes Hochamt der Traurigkeit“, das dem Cover, einem als Clown geschminkten Frank Sinatra, auch visuell entspricht.
Alfred Esser

Frank Sinatra
„Sings For Only The Lonely“
Capitol Records
Autor: Siehe Artikel
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