Musik
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Inhaltsverzeichnis
Mark Turner & Ethan Iverson „Temporary Kings“

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Ohrenglück 46: Günter Baby Sommer & Till Brönner: Baby’s Party

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Erland Dahlen „Clocks“

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Salomea „Salomea“

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Ohrenglück 45: Fernando Perdomo "Out To Sea"

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Wynton Marsalis „United We Swing: Best Of The Jazz At Lincoln Center...

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Donnerstag 06.09.2018
Mark Turner & Ethan Iverson „Temporary Kings“
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Das Duo ist, zumindest was die Besetzung betrifft, das kleinste anzutreffende Orchester schlechthin. Und wie kaum eine andere Formation lebt dieses klangliche Gebilde sowohl von der Individualität der Beteiligten, als auch von deren Möglichkeit und Bereitschaft zum musikalischen Austausch. Man könnte fragen, je größer die Amplitude, desto spannender das Ergebnis? Jein, möchte man antworten. Denn neben Gegensätzlichem und Andersartigkeit sollte es schon einiges an Verbindendem geben. Mark Turner und Ethan Iverson, die mit „Temporary Kings“ ihr Debüt als Duo abgeben, kennen sich schon einige Jahre. Und der Grund, ein Album miteinander aufzunehmen, entspringt häufigem gemeinsamen Spiel.
Im Schweizerischen Lugano haben sich im Sommer des letzten Jahres der Saxophonist Turner und der Pianist Iverson nun getroffen, um das vorliegende kammermusikalische Kleinod einzuspielen. Beide zelebrieren auf allen neun Kompositionen einen wunderbar eleganten Dialog. Mit souveräner Gelassenheit bewegen sie sich zwischen den notierten Texturen, finden Übergänge und Abgrenzungen, spielen süffisant und unendlich cool. Ihre Musik hat Tiefe, leuchtet in suggestiver Schönheit und geistiger Innigkeit. Auch in den stillen, den lyrischen Momenten spürt man eine große Intensität und eine Vollkommenheit, die aber auch gar nichts mit Perfektion zu tun hat. Das Album lebt von der hohen Kunst der Konversation und einem Gespür für berührende Intelligenz.
Jörg Konrad

Mark Turner & Ethan Iverson
„Temporary Kings“
ECM
Autor: Siehe Artikel
Samstag 25.08.2018
Ohrenglück 46: Günter Baby Sommer & Till Brönner: Baby’s Party
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Der eine: ein großer Individualist unter den Schlagzeugern, Überlebender der DDR-Szene, Freejazzer der ersten Generation, trommelte auf mehr als 100 Alben, spielte mit Ost-Formationen wie Synopsis und Zentralquartett, trat mit Peter Brötzmann und Evan Parker auf, machte das Schlagzeug zum freien Solo-Instrument auch bei Hörspielen und Literatur-Lesungen. 

Der andere: ein eleganter Mainstream-Trompeter, fast 30 Jahre jünger als sein Partner, im Rheinland aufgewachsen, ein Popstar unter den Jazzern, kam mit zehn seiner Alben in die deutschen Charts, ist daneben Pop-Produzent und TV-Juror, einer der wenigen international bekannten Jazzmusiker aus Deutschland, häufig als „Jazz-Yuppie“ verdächtigt.

Zwei verschiedene Generationen, zwei verschiedene Sozialisationen, zwei verschiedene Jazzwelten – wie sollen diese beiden Musiker denn zusammenpassen? – Interessanterweise spielen Günter Baby Sommer und Till Brönner seit fast einem Jahrzehnt schon im Duo. Längst haben sie eine Ebene der musikalischen Verständigung gefunden, auf der biografische Unterschiede gegenstandslos werden. Die beiden spielen frei, sie spielen rhythmisch, sie spielen Themen, sie spielen hymnisch oder groovig, balladenhaft oder tänzerisch, sie provozieren einander, sie gehen spontan aufeinander ein.

Sommer mobilisiert dabei nicht nur seine Trommeln und Becken, er kapriziert sich mal auf die Jazzbesen, dann wieder auf Gongs oder Schlitztrommeln, zaubert sogar Küchengerät oder eine Maultrommel aus der Tasche. Ungebunden fantasiert er auf dem Schlagzeug – oder er legt großartige Rhythmen vor, die aus allen Gegenden der Welt zu kommen scheinen. Und Brönner spielt, wie man ihn selten gehört hat: ohne harmonische Zwänge, rhythmusbetont und aus dem Augenblick heraus, setzt auch Dämpfer und Flügelhorn ein, ein deutscher Lester Bowie oder Tomasz Stanko, dabei aber mit einer technischen Sicherheit, die freien Trompetern sonst selten zur Verfügung steht.

Wie diese beiden, Sommer und Brönner, aufeinander reagieren, wie sie sich zusammenfinden, sich auch wieder trennen – wie sie sich hinreißen lassen zu neuen Tönen, sich aneinander steigern und reiben, wie sie einander anspornen oder einzeln vorpreschen – das ist es, worum es im Jazz geht.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Günter Baby Sommer
"Baby’s Party"
Guest: Till Brönner
Intakt Records

Foto Sommer/Brönner von Tobias Sommer
Autor: Siehe Artikel
Freitag 17.08.2018
Erland Dahlen „Clocks“
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Erland Dahlen ist kein Schlagzeuger, der in kurzen Taktpausen mit virtuosen Breaks zu glänzen versucht, oder der ein Solo wie ein gewaltiges Donnerwetter klingen läßt. Dem Norweger ist es immer ein hörbares Anliegen, die Musik, die er spielt, in einem ständig pulsierenden Fluss zu halten, rhythmisch bereichernd die Grundidee eines Stückes zu tragen oder zu ergänzen, auf jeden Fall mitzugestalten. Egal ob als Sideman (Eivind Aarset, Mathias Eick, Arve Henriksen, Jon Balke uva.), oder als Solist. Im Oktober des letzten Jahres ist sein bisher drittes eigenes Album bei dem kleinen aber feinen norwegischen Label Hubro erschienen. „Clocks“ ist dabei weitaus mehr, als ein reines Schlagzeugalbum. Dahlen ist zugleich Gitarrist, Keyboarder, Elektroniker und natürlich auch Komponist aller sechs Songs.
Es sind dichte, dunkel eingefärbte Soundsymphonien, die hier akustisch in Szene gesetzt sind. Weit ausholende Geschichten, eingebettet in beschwörende Landschafts- und Stimmungsbilder, die erzählt werden. Dahlen gelingt es, akustische und elektronische Instrumente in ein berauschendes Verhältnis zu setzen. Die rhythmischen Verstrebungen halten den Spirit auf „Clocks“ zusammen, packende (oft sparsame) Trommelrituale bilden das Grundmuster, Schiffsglocken und Gongs zeichnen einen hellen Rahmen des Lichts und die „singende Säge“ ist wie eine tiefe Verbeugung vor der großen kulturellen Tradition Skandinaviens. Eine rhythmische Karawane, die auf „Clocks“ geschlossen durch tönendes Terrain zieht, wobei die sechs Songs nicht durch eine filigrane Umsetzung, sondern durch eine Art subversiven Schub und inspirierter Komplexität berühren. Überwältigend kraftvoll und wunderbar lyrisch.
Jörg Konrad


Erland Dahlen
„Clocks“
Hubro

Autor: Siehe Artikel
Dienstag 07.08.2018
Salomea „Salomea“
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Musik als Kompensation und Fluchtproviant – so ähnlich begann vor einigen Jahren die Rezension von Peter Rüedi über das gerade erschienene Album eines Schweizer Trios in der „Zürcher Weltwoche“. Der Text gipfelt in der Behauptung „Diese CD ist eine Zumutung. Sie erspart uns nichts, und eben das macht sie glaubwürdig.“
So könnte man auch das Debüt des Kölner Quartetts Salomea einleiten. Ansteckende Frische und begeisterndes Risiko legt diese Band um die deutsche-amerikanische Sängerin, Komponistin und Texterin Rebekka Salomea an den Tag. Musik, die einfach nur schwindelnd machen. Ideen und deren Umsetzung wie aus einem anderen Universum. Im Grunde handelt es sich … ja, um was genau: Es ist Pop und doch kein Pop, es ist Jazz und doch kein Jazz, es ist Electro und doch kein Electro. Die Wirkung ist hypnotisch und strahlt trotzdem eine erschlagende Bodenständigkeit aus. Hochintelligent und emotional berührend. Die Formation bewegt sich zwischen Extremen und schafft eine bemerkenswerte Balance. Treibende Grooves und gebrochene Rhythmen, Popharmonien und expressive Saxophon-Soli (Niels Klein), sorglos wirkende Melodien und hochkomplexe Kompositionsstrukturen. Dem stilistischen Reinheitsgebot wird man so (zum Glück) nicht gerecht. Es ist einerseits Tanzmusik und gleichzeitig war die Formation beim legendären Avantgarde-Festival zu Pfingsten in Moers erfolgreich. Traditionalismus in einem völlig neuen, exotischen Kontext. Konfrontation als Klanginhalt, Ruhelosigkeit als Grundprinzip. Und berührende Poesie hat Salomea auch noch zu bieten.
Jörg Konrad


Salomea
„Salomea“
KLAENGrecords
Autor: Siehe Artikel
Montag 30.07.2018
Ohrenglück 45: Fernando Perdomo "Out To Sea"
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Schon mit acht Jahren verliebte sich der kleine Fernando in die abwechslungsreichen Klänge der progressiven Rockmusik aus Europa. Bald begann er, auf den Flohmärkten seiner Heimatstadt in Florida nach den einschlägigen Platten zu suchen. Außerdem erlernte er als Jugendlicher möglichst viele Musikinstrumente und bewarb sich um Gelegenheiten zum Mitspielen. Heute ist Fernando Perdomo 38 Jahre alt und leitet sein eigenes Tonstudio in Los Angeles. Als Sessionmusiker hat er bei unzähligen Aufnahmen mitgewirkt, als Produzent hat er noch mehr Aufnahmen verantwortet. Aber seine erste Liebe vergaß er dabei nie: den progressiven Rock der Siebzigerjahre. „Heute teile ich mit den gleichen Musikern die Bühne, deren Alben ich in meiner Jugend verschlungen habe“, sagt er glücklich.

Das Album „Out To Sea“ ist seine etwa 20. Veröffentlichung unter eigenem Namen und natürlich eine Hommage an die Prog-Rocker von einst. Perdomo spielt praktisch alle Instrumente selbst, darunter zehn verschiedene Gitarrenmodelle. Seine Stücke, alle instrumental, knüpfen bei bekannten Sounds der frühen 70er Jahre an, bei Bands wie Yes, Focus oder Genesis. Typische Motivbildungen des klassischen Progrock werden hier aneinandergehängt, typische Klangmischungen und Rhythmen von anno dazumal imitiert, vieles ist da einfach nur Nostalgie, manches grenzt schon an Plagiat. Besonders gerne zitiert Perdomo die Spielweisen einzelner Gitarristen wie Peter Banks, Jan Akkerman, Roye Albrighton oder Carlos Santana. Es ist eine liebevolle Verbeugung vor der Rock-Vergangenheit.

Wer die Musik von damals im Ohr hat, erlebt mit Fernando Perdomo so manches Déja-vu und fühlt sich dabei bestens unterhalten. Selbst der Stil des Albumcovers kommt einem bekannt vor – und tatsächlich: Der Künstler, Paul Whitehead, gestaltete einst auch Plattenhüllen für die Band Genesis („Trespass“, „Nursery Cryme“, „Foxtrot“). Perdomo hat sein Album übrigens einigen der jüngst verstorbenen Progrock-Helden gewidmet, darunter Peter Banks, Chris Squire, Roye Albrighton, Greg Lake und John Wetton. Ihr musikalisches Vermächtnis – da darf man sicher sein – liegt bei ihm in besten Händen.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Fernando Perdomo
"Out To Sea"
Forward Motion Records
Autor: Siehe Artikel
Montag 23.07.2018
Wynton Marsalis „United We Swing: Best Of The Jazz At Lincoln Center Galas“
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Wynton Marsalis verkörpert nach eigenen Aussagen die amerikanische Kultur schlechthin. Kein Wunder also, dass er sich einige Gleichgesinnte auf die Bühne holt, um mit ihnen Musik zu predigen. In großem Rahmen versteht sich und mit seinem hochkarätig besetzten Septett. „United We Swing“ enthält Mitschnitte der Reihe JAZZ AT THE LINCOLN CENTER und einer illustren Gästeschar, die von Bob Dylan über Eric Clapton und Lenny Kravitz bis zu den Blind Boys Of Alabama, Willie Nelson oder James Taylor reicht. Die Musik ist mal traditioneller, mal moderner, sie swingt und groovt tüchtig, ist mal reiner Blues und mal sentimentaler Pop. Die (überwiegend Jazz-) Arrangements sind ohne Fehl und Tadel ausgearbeitet, der Band und den Solisten perfekt auf den Leib geschrieben. Das musikalische Risiko ist gering, oder sagen wir besser: überschaubar. Wer die Avantgarde sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch ein Herz für New Orleans, für Nashville oder Louisianna besitzt, kommt voll auf seine Kosten. Vielleicht wird diese Art der Zusammenstellung von Themen und Solisten einem Archäologie-Prinzip innerhalb der Musik gerecht, wobei deutlich zu spüren ist, das Begrifflichkeiten wie Jazz spielen und konservativ denken nicht unbedingt Gegensätze sein müssen. Wer wäre hier als Brückenbauer wohl besser geeignet als Wynton Marsalis?
Jörg Konrad

Wynton Marsalis
„United We Swing: Best Of The Jazz At Lincoln Center Galas“
Blue Engine
Autor: Siehe Artikel
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