Blickpunkt:
Musik
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Inhaltsverzeichnis
OHRENGLÜCK 33: Ernst Toch

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Nick Cave & Warren Ellis „OST - Hell Or High Water“ Milan

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Max Merseny „World Traveller“ Enja Records

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OHRENGLÜCK 32: Verneri Pohjola "Pekka"

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Stephan Micus „Inland Sea“ ECM

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Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar „Einfluss“

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Samstag 22.07.2017
OHRENGLÜCK 33: Ernst Toch
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Vor dem I. Weltkrieg ehrte man Ernst Toch (1887-1964) mit einem halben Dutzend großer Klassikpreise. Nach vier Soldatenjahren wurde der Komponist dann aber vom experimentellen, unromantischen Abenteuergeist der 1920er Jahre gepackt. Er begann auch für Rundfunk, mechanisches Klavier oder Sprechchor zu schreiben, wurde ein großer Name in den Neue-Musik-Zirkeln von Berlin und Donaueschingen und half mit, die Tonalität auf spannende Weise zu zerfasern. Zwischen 1923 und 1931 entstanden die sieben Klavierwerke dieser CD. Am Stück gehört, bilden sie eine Abfolge von 48 Miniaturen für Solo-Piano – und eine ist virtuoser und fantastischer als die andere. Nur sieben davon gerieten länger als zwei Minuten – es geht also Schlag auf Schlag. In diesen vitalen, fast grotesken Charakterstückchen verbindet sich große rhythmische Kraft mit freier Polyphonie – sehr verblüffend, immer mitreißend, ansteckend frisch. Die Sätze tragen suggestive Titel wie „Der Jongleur“ oder „Junges Kätzchen“, es überwiegen Spielanweisungen wie „lebhaft“ und „lustig“. Aber auch in den leisen und zarten Momenten berührt Tochs befreite Tonalität auf ganz eigentümliche Weise. Der Komponist emigrierte 1933 und arbeitete später in den Filmmusikstudios von Hollywood. Am Ende seines Lebens nannte er sich „den vergessensten Komponisten des 20. Jahrhunderts“. Einen ersten Schritt, daran etwas zu ändern, macht die junge Wiener Pianistin Anna Magdalena Kokits mit diesem Album. Es sei ihr ein „großes Bedürfnis“, Tochs faszinierende und beeindruckende Musik neu zu beleben. Eine Entdeckung, die begeistert.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Ernst Toch
Solo Piano Pieces
Anna Magdalena Kokits (Klavier)
Capriccio
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 09.07.2017
Nick Cave & Warren Ellis „OST - Hell Or High Water“ Milan
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Nick Cave ist im Mainstream angekommen - ohne sich angepasst oder gar verbogen zu haben. Vielleicht klingt seine Musik heute nicht mehr ganz so sperrig und ruhelos aufgebracht, wie noch zu Zeiten seiner Band Birthday Party. Aber die Düsternis, der melancholische Zorn eines Außenseiters der Gesellschaft ist ihm bis heute geblieben. Hat sich insofern die Gesellschaft vielleicht verändert? Wahrscheinlich. Oder hätte sich irgendjemand Mitte der 1980er Jahre vorstellen können, dass ein gutes Jahrzehnt später Aufnahmen von Johnny Cash die Hitparaden auch außerhalb Nashvilles stürmen würde?
Schmerz spielt jedenfalls in allem, was Nick Cave ins Musikalische überträgt, eine bestimmende Rolle. Das betrifft auch seine Filmmusik, die der Australier seit einigen Jahren regelmäßig produziert. 2016 erschien der Soundtrack zu „Hell Or High Water“, einem beeindruckenden Neo-Western des Briten David Mackenzie. Der Film erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Brüdern (gespielt von Ben Foster und Chris Pine), die in Texas Fillialen einer Bankkette überfallen, bei der sie mit einer Hypothek hoch verschuldet sind. Verfolgt werden sie dabei von zwei Texas Rangern, dem sich kurz vor dem Ruhestand befindlichen Marcus Hamilton (Jeff Bridges) und seinem indianisch-mexikanischer Partner Alberto Parke (Gil Birmingham).
Nick Cave übersetzt diese so wunderbar unmoralische Geschichte, die sich im obsessivem Zwischenreich von Anarchie und Gesetzesnorm bewegt, in emotional berührende und doch stark archaische Songs. Blues und Country bilden die musikalische Grundlage dieses Soundtracks und verstärken die Bilder von weiten, kahlen, stickig heißen Wüstenlandschaften. Hier zu leben, bedeutet immer auch Überleben. In der Prärie gilt eben noch immer das scheinbar zeitlose Gesetz der Stärke. Und Nick Caves Stimme kommt der eines „Unsinkbaren“, wie ihn Jonathan Lethem einmal beschrieben hat, mal wieder sehr nahe.
Mit dem Engländer Warren Ellis hat Cave einen vertrauten Soundtüftler zur Seite, der es ausgezeichnet versteht, karge Atmosphären hörbar werden zu lassen, ja, gebrochenen Charakteren einen ganz spezifischen Klang zu geben. Es ist eine individuelle, sehr karge Ästhetik, die hier zum Ausdruck kommt. Die von Anti-Helden und überzeugten Outlaws. Und dass Cave und Ellis zusätzlich einige Songs ihrer Favoriten (Townes Van Zandt und Chris Stapleton) mit einbezogen haben, gibt ihrer Arbeit ein zusätzlich positives, uneitles Gewicht.
(Wer auf die Musik zugreift, sollte den Film nicht verpassen)
Jörg Konrad
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Freitag 30.06.2017
Max Merseny „World Traveller“ Enja Records
Fünf Abende hintereinander wird Max Merseny Anfang September im Münchner Jazzclub Unterfahrt auftreten. Das allein macht deutlich, welchen Stellenwert der Saxophonist mit ungarischen Wurzeln derzeit innehat. Ein Altist, der sich mit seiner seelenvollen, scharf strukturierten Powermusik im Dunstkreis von David Sanborn und Grover Washington bewegt. Was sich schon auf seinem letzten Album andeutete, bringt Merseny auf seinem heute erscheinenden Werk „World Traveller“ zur vollendeten Perfektion. Er lässt in bester R&B- und Hip Hop-Manier die (elektronischen) Bässe wuchtig dröhnen, hat in Federico G. Pena einen Mitmusiker an der Seite, dessen Keyboardharmonien dem Album  eine emotionale Weite geben. Hinzu kommen noch einige exzellente, auch legendäre Gastsolisten, wie zum Beispiel Mr. Wah Wah Watson, ein Monolith unter den Funk- und Soulgitarristen seit den 1960er Jahren, der schon mit den Temptations, Marvin Gaye und Michael Jackson gespielt hat, Schlagzeuger Gene Lake, Sohn des Saxophonisten Oliver Lake und Rapper Phonte.
Merseny hat von seiner Plattenfirma Enja München musikalisch jedenfalls freie Hand bekommen und setzt den rhythmischen grollenden Unterbau dieser Aufnahme gleich selbst. Darüber bläst er seine martialisch-hymnischen Themen, die er ständig variiert und damit die groovende, tanzbare Atmosphäre der Aufnahmen unterstützt. Mag sein, dass die boppenden und swingenden Altfans des Jazz hier nicht so ganz zum Zuge kommen. Merseny ist eben nicht auf der Suche nach dem klassischen Erbe. Er schlägt lieber Brücken, von und zur Tradition, macht auf sie neugierig, erzählt mit seinem vulkanischen Sound eher Kurzgeschichten und zeigt, wie vielseitig der Jazz sein musikalisches Umfeld gestalten kann. Ein gärendes, ein vitales Gebräu, das besonders für eine laue Sommernacht geeignet ist.
Jörg Konrad
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Mittwoch 28.06.2017
OHRENGLÜCK 32: Verneri Pohjola "Pekka"
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Der E-Bassist Pekka Pohjola (1952-2008) war ein Star der finnischen Rockjazz-Szene und ist in seinem Heimatland noch immer Legende. Der Trompeter Verneri Pohjola (geb. 1977) gehört heute zu Finnlands bekanntesten Jazzmusikern und ist Pekkas Sohn – aber er sieht in Pekka nicht unbedingt seinen Vater. Die Eltern wurden geschieden, als Verneri zwei Jahre alt war, und der Sohn hegt noch immer einen stillen Groll gegen den Mann, den er so selten sah. Fast zehn Jahre mussten nach Pekka Pohjolas Tod vergehen, ehe Verneri bereit war, das zu tun, was die finnische Musikszene längst von ihm erwartete: nämlich die Musik seines Vaters zu spielen. Das Album „Pekka“ ist eine hochspannende Angelegenheit und speziell in Finnland ein Ereignis. Der Trompeter nähert sich den Stücken Pekka Pohjolas wie aus weiter Ferne, denn er hat seine eigene, ganz andere musikalische Vision. Man hört zwar elektronische und Fusion-Klänge, Fender Rhodes und E-Gitarre, aber es gibt auch jazzorientierte Improvisationen und experimentellen Raum. Verneri Pohjola sucht nach musikalischen Brückenschlägen, aber ebenso nach Abgrenzungen zu dem Mann, der sein Vater war. Dieser Weg ist, man glaubt es ihm sofort, eine hochemotionale und therapeutische Übung. Manchmal klingt es beinahe, als wolle der Jazztrompeter Miles Davis den Progrocker Frank Zappa in seine Band integrieren. Verneri Pohjola feiert seinen Vater nicht, er korrigiert ihn. Das Album widmete er seiner Mutter, die ihn großgezogen hat.

Hans-Jürgen Schaal
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Verneri Pohjola
Pekka
Edition Records
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Freitag 23.06.2017
Stephan Micus „Inland Sea“ ECM
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Vor vierzig Jahren erschien das erste Album des Ausnahmemusikers Stephan Micus – als Ergebnis eines längeren Indienaufenthaltes. Der Multiinstrumentalist und Komponist ist bis heute einer der am deutlichsten hörbaren musikalischen Globetrotter. Als Autodidakt studierte er im Laufe seines Lebens auf ungezählten Reisen, die ihn bis in die entlegensten Gebiete dieser Welt führten, die ausgefallensten Instrumente vor Ort und tauchte zugleich tief und entschlossen in die jeweilige Kultur ein. So ist aus ihm ein „vollendeter Weltmusiker“ geworden, der sich immer wieder, weitab aller kurzlebigen Moden und fragwürdigen Zugeständnisse, seinen eigenen, beeindruckenden Klangkosmos erschuf. Ein Individualist, dem es nie darum ging, seine musikalischen Ideen allein konventionell umzusetzen. Er ließ sich immer von seiner beinahe obsessiven Suche nach dem passenden Soundvokabular leiten und zeigte sich als ein im Bereich der Töne forschender Abenteurer, der auch schnell etwas zusammenbrachte, was man in dieser Konstellation zuvor nie gehört hatte.
Inland Sea“ ist Stephan Micus 22. Veröffentlichung und sie steht in ihrer stillen Erhabenheit seinen vorherigen Arbeiten in nichts nach. Auch hier entwickelt sich die Musik aus einer inneren Harmonie heraus. Die Töne scheinen aus der unbewussten Unendlichkeit eines Weltenverstehers in das Hier und Jetzt herüberzuwehen. Der urbanen Reizüberflutung setzt Micus transzendentale Entschleunigungsmotive entgegen.
Auf „Inland Sea“  hat er sich, neben der japanischen Shakuhachi-Flöte, riesigen Basszithern, dem aus dem Wakhan-Tal stammenden Balanzikom oder der marokkanischen Genbri, erstmals intensiv der Nyckelharpa zugewandt, einer schwedischen Tastengeige, die in ihrer Heimat als Nationalinstrument gilt. Natürlich spielt der aus Stuttgart stammende Kosmopolit auch dieses Instrument nicht, wie es seit Jahrhunderten im hohen Norden Europas gehandhabt wird. Micus nutzt zum Beispiel einen überdimensionierten Bogen, um die Noten länger halten zu können, und baut die Tastengeräusche des Instruments als eigenwilligen Perkussionsteppich hörbar in den Gesamtsound mit ein. So finden auch auf „Inland Sea“ die unterschiedlichsten Einflüsse Eingang. Ethnische Traditionen also, die aber aufgebrochen werden und durch diese individuellen Perspektiven etwas weltgültiges erhalten.
Die emotionalsten Momente in dieser ansonsten zerbrechlich schönen und sensibel schwingenden Musik sind jedoch jene Stellen, in denen Stephan Micus seine in Georgien und Bulgarien studierten polyphonen Gesangstraditionen einbringt. Dann wird dieser menschliche Atem spürbar, der die musikalisch erzählten Geschichten mit tiefgründigem Leben speist. So rätselhaft und magisch das alles klingt, so poetisch aufwühlend wirkt das Album.
Jörg Konrad
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Donnerstag 22.06.2017
Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar „Einfluss“
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Hans-Joachim Roedelius Biographie liest sich wie die moderne Abenteuergeschichte eines Menschen auf der Suche nach der eigenen Bestimmung. Zwar hat der heute in Österreich lebende, mittlerweile 82jährige Musiker diese innere Erfüllung schon vor Jahrzehnten gefunden. Trotzdem ist sein Leben als Musiker eine ständige Herausforderung gewesen. Er war Kinderdarsteller in Ufa-Filmen, Arbeiter im Steinkohlenbergbau, Masseur im Elyseepalast, Sterbebegleiter, Eisverkäufer und noch in der DDR inhaftiert, weil er dort den Wehrdienst verweigerte. Erst spät konnte er allein von seiner Kunst leben.
Über zweihundert(!) Alben hat „der kosmische Kurier“ (Die Zeit) im Laufe seiner Karriere auf den verschiedensten Labeln bisher veröffentlicht. Ohne je auch nur eine Note gelernt zu haben. Nicht immer wurden seine Arbeiten von allen geschätzt. Zu eigenwillig und weitab des Mainstream bewegten sich die musikalischen Projekte. Doch seine Obsession für elektronische Musik hat sich über die Jahre gelohnt. Nun endlich fährt er auch offiziell die Ernte des eigenen Tuns ein. Sein neustes Album „Einfluss“ ist bei der renommierten Deutschen Grammophon Gesellschaft (DGG) erschienen, was einem künstlerischen Ritterschlag gleichkommt. Nicht dass Hans-Joachim Roedelius diese Ehrung irgendwann gebraucht hätte. Es ist aber die Anerkennung für sein einzigartiges Wirken, das nun mit Sicherheit deutlicher in den Fokus der musikalischer Betrachtungsweisen gerät.
„Einfluss“ beinhaltet neunzehn Songs, die von ihrem ruhigen, klug ausbalancierten Dahingleiten leben. Roedelius hat sich für diese Aufnahme mit dem drei Jahrzehnte jüngeren Arnold Kasar zusammengetan. Kaser bewegt sich musikalisch zwischen elektronischer Tanzmusik und Jazz und erweitert mit seinen Erfahrungen Roedelius eigenes Klangspektrum, dass sich stärker an Ambient- und Minimalsounds orientiert. Es sind spielerische Impressionen, überwiegend an Synthesizer und Klavier eingespielt, deren stille Höhepunkte im Grunde der Fluss sind, mit der sich die Musik voranbewegt. Statt solistischer Ausrufezeichen füllen Roedelius und Kasers Sounds die Räume, bieten die Klänge stilistische Unschärfen, kommen die melodischen Ansätze fragmentarischen Fundstücken gleich. Das Rudimentäre an dieser Musik schafft neue Horizonte. Das Ziel eines Songs ist dessen Reise selbst. Hier werden keine Höhepunkte angestrebt, sondern eine Balance zwischen Raum und Zeit geschaffen. Und ein Großteil dieses übrigens auch als Vinyl veröffentlichten Albums ist zudem noch wunderschön.
Jörg Konrad

Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar
„Einfluss“
Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG)
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