Musik
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Inhaltsverzeichnis
Frank Sinatra „Sings For Only The Lonely“

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Ingo Höricht „Minor“

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Donny McCaslin „Blow“

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Carminho „Maria“

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Juan José Mosalini Orchestra „Live Tango“

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OHRENGLÜCK 50: Julian Oliver Mazzariello "Debut"

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Montag 31.12.2018
Frank Sinatra „Sings For Only The Lonely“
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Ein Frank-Sinatra-Album zum Jahreswechsel? Natürlich, gern. Jedoch keinen dieser lieblos und einfallsarm zusammengestellten Sampler. Die gibt es nämlich wie Sand am Meer.
Sollten Sie den swingenden Frankie-Boy bevorzugen, dann wäre „Sinatra at the Sands“ der Tipp des Tages. Dieser vor Lebensfreude und musikalischer Rafinesse explodierende Live-Mitschnitt von 1966 ist sozusagen in Sinatras „Wohnzimmer“ entstanden, im Copa Room im Sands Hotel in Las Vegas. Mit dabei: Count Basie am Klavier und das Orchester Quincy Jones.
Möchten Sie sich vom alten Jahr jedoch mit melancholischen Balladen verabschieden (und 2019 entsprechend begrüßen), dann empfehlen wir „Sings For Only The Lonely“. Erschienen erstmals vor sechzig Jahren, gibt es dieses grandiose Konzeptalbum nun als klangtechnisch überarbeitete Wiederveröffentlichung.
„Sings For Only The Lonely“ hielt sich nach Erscheinen 1958 ganze 120 Wochen in den Charts, infizierte und beeinflusste mit seiner vollendeten Balladenkunst Generationen von Musikern. Sinatra widmet sich auf den Songs inhaltlich dem „emotional fragilen Zustand zwischen Einsamkeit und Alleinsein“. Die Arrangements, von keinem geringeren als Nelson Riddle geschrieben und mit dessen Orchester eingespielt, schaffen eine einmalige Verbindung zwischen profanem Schlager und anspruchsvollem Kunstlied. Sinatras bekannter und gefürchteter Perfektionismus geht hier wie selbstverständlich in intimste Melancholie über.
Die elegische Intensität, die im Miteinander zwischen Orchester und Sänger frei wird, ist in diesem Ausmaß vielleicht auch äußeren Umständen geschuldet. Sinatra hatte sich im Jahr zuvor in zweiter Ehe von Ava Gardner scheiden lassen. Grund für die Trennung dürfte der Schwangerschaftsabbruch eines gemeinsamen Kindes gewesen sein, den Ava Gardner ohne die Zustimmung Sinatras hat vornehmen lassen.
Orchesterchef Nelson Riddle hat nur wenige Monate vor dem Aufnahmeterminen im Mai und Juni 1958 seine Tochter verloren und während der Studioarbeit verstarb auch seine Mutter. So hatten beide, Sinatra und Riddle, Schicksalsschläge zu verarbeiten. Persönlicher Schmerz, der in der eingespielten Musik seinen Ausdruck fand. Insofern könnte man „Sings For Only The Lonely“ als eine Art therapeutische Sitzung bezeichnen, dessen Ergebnis weder rührselig noch emotional aufgeblasen ist. Selbst die pastoralen Streichersätze verströmen etwas majestätisches, etwas authentisch Hingebungsvolles. Und immer ist in der musikalischen Umsetzung der Kompositionen ein Hauch Swing enthalten, dem bekanntlich der Stallgeruch des Blues anhaftet. Auf diese Weise bekommt die Musik auch Originalität und Bodenhaftung.
Dieses Album ist, wie die „Märkische Allgemeine“ schrieb, ein „raffiniert orchestriertes Hochamt der Traurigkeit“, das dem Cover, einem als Clown geschminkten Frank Sinatra, auch visuell entspricht.
Alfred Esser

Frank Sinatra
„Sings For Only The Lonely“
Capitol Records
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Sonntag 30.12.2018
Ingo Höricht „Minor“
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Ingo Höricht – der Name dürfte nur wenigen vertraut sein. Das ist schade, denn der in Bremen lebende Geiger, Komponist, Produzent und Bandleader bringt musikalisch einiges zum Ausdruck, das sich lohnt einem breiteren Publikum vorgestellt zu werden. Seine Arbeiten veröffentlicht der 63jährige seit Jahren akribisch in Eigenregie. Nun ist mit „Minor“ wieder so eine kleine aber feine  Sammlung seiner Kompositionen erschienen, eingespielt in unterschiedlichsten Besetzungen. Mit dabei sind natürlich Hörichts eigene Formationen Mellow Melange und das Schné Ensemble. Zudem kommen so großartige Solisten wie die kubanische Pianistin Marialy Pacheco, der Saxophonist und Klarinettist Bernd Schlott oder der australische Komponist, Dirigent und Pianist Gordon Hamilton musikalisch zum zug. Das stilistische Spektrum der insgesamt achtzehn Stücke reicht von chansonartigen Liedern, über stille Balladen, bis hin zu klassischen Versatzstücken und wunderbar stimmigen Instrumentals. All diesen Titeln ist eines gemeinsam: Sie bestechen durch ihre harmonische Balance und ihren impressionistischen Charakter. Die Musik ist transparent, leicht, manchmal sogar schlicht, zeichnet sich aber durch die Abwesenheit jeglicher Banalität aus. Die Melodielinien sind klug organisiert, die harmonischen Konzepte unterstützen den Eindruck eines in sich geschlossenen musikalischen Systems. Wer also temperamentvolle Aufreger sucht, der wird hier nicht unbedingt fündig. Wer jedoch nach dem Trubel der Festtage nach etwas Ausgleichendem, die Seele streichelndem sucht, sollte hier zugreifen.
Jörg Konrad

Zu beziehen über www.ingo-hoericht.de
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Samstag 29.12.2018
Donny McCaslin „Blow“
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David Bowies „Blackstar“ von 2016 war ein ebensolches musikalisch hybrides Gewächs, wie auch die Veröffentlichung „Blow“ von Donny McCaslin. Der 52jährige Saxophonist aus Santa Cruz gehörte zum Rumpf-Quintett von Bowies letztem Album. Dieses fiel durch einen starken Jazz-Flow auf, der, so erzählen Insider, vor allem dem Einfluss McCaslins geschuldet ist. McCaslin geht nun seinerseits auf „Blow“ ein gewagtes Stück in Richtung Rock/Pop. Es ist, als habe er durch die Zusammenarbeit mit der Popikone ein neues stilistisches Betätigungsfeld entdeckt. So wirklich gelungen ist ihm dieser Sprung über den Tellerrand hingegen nicht. Denn so sehr diese Herangehensweise von kreativer Neugier zeugt - das Ergebnis erreicht dieses Ziel mit Sicherheit nicht. Denn „Blow“ steht weder in der Tradition der rückblickend zum Teil außergewöhnlichen Jazz-Produktionen McCaslins, noch schafft er mit dieser überproduzierten Veröffentlichung einen Prog-Rock-Husarenstreich. Und schon gar nicht in der Qualität von King Crimson, Softmachine oder gar Radiohaed. Besonders letztere befinden sich gestalterisch aber auch schon wieder drei Querstraßen weiter. 
Donny McCaslin bewegt sich auf „Blow“ in einem unausgegorenen Zwischenreich, das nichts und niemandem gerecht wird. Viel Pathos, wenig überraschendes und schon gar keine überzeugende Konsequenz. Wäre da nicht, ja, wäre da nicht diese eine wunderbare Aufnahme: „The Opener“. Hier übernimmt Mark Kozelek, der Sänger der Red House Painters und Sun Kil Moon, den Vocal-Part. Er hat diese wunderbar nörgelnde, leicht resignierende, aber immer berührend aufwühlende Stimme, die jeder Aufnahme eine völlig eigene Atmosphäre gibt.
Gerhard von Keußler

Donny McCaslin
„Blow“
Motema
Autor: Siehe Artikel
Freitag 28.12.2018
Carminho „Maria“
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Warum Carminho als eine der überzeugensten Fado-Sängerinnen gilt, wird spätestens jetzt auf ihrem Album „Maria“ deutlich. Mit 34 ist die Portugiesin eigentlich in einem noch recht jungen Alter, um all den Schmerz, die Verzweiflung, aber auch die Hoffnung dieses melancholischen Lebensgefühls stimmlich zum Ausdruck zu bringen. Trotzdem beherrscht sie die große Kunst des gesungenen Seelenleids wie kaum eine andere und gibt gleichzeitig dem Fado ein neues, ein etwas modereneres Gesicht.
Schon ihre Mutter war eine gefeierte Sängerin und auch ihr Vater bereicherte als Musiker die portugisische Szene, so dass Carminho mit dem Fado in engster Gemeinschaft aufwuchs. „Meine Eltern veranstalteten regelrechte Fado-Sessions bei uns zuhause. Mit sechs, sieben Jahren, habe ich dann die CDs von meiner Mutter, von Amalia Rodrigues und von anderen Fadista gehört“, erzählte sie in einem Interview. Zu ihren Favoriten gehörten außerdem Maria Callas, Queen und R.E.M., was es Carminho ermöglichte, erfrischende Nuancen in ihre Musik einzubauen. So gilt sie heute als eine Erneuerin dieser aufrichtigen und leidenschaftlichen Liedform.
Auf „Maria“ kommt ihre breit angelegte Stimmgewalt zum Ausdruck. Sie erschüttert förmlich die Seele, gibt dem Schmerz einen verbindlichen Klang, lässt Sehnsucht und Wehmut erblühen, rührt mit ihrer Stimme zu Tränen. Doch trotz all der Hingabe vermitteln die schwermütigen Lieder immer ein unausgesprochenes Geheimnis, das der Musik eine gewisse Magie verleiht – die heilend wirkt. „Maria“ ist eines der schönsten Fado-Alben der letzten Jahre.
Jörg Konrad

Carminho
„Maria“
Warner Records
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 26.12.2018
Juan José Mosalini Orchestra „Live Tango“
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Tango ist seit Jahren en vogue. In den unterschiedlichsten Varianten hat er Clubs, Tanzsäle, Philharmonien und Plattenlabel weltweit erobert. Dabei ist seine Authentizität jedoch ein wenig verloren gegangen. Die westliche Hochkultur hat sich seiner angenommen und ihn stilistisch assimiliert. Wer die Ursprünglichkeit dieser Musikform sucht, hat es somit heute nicht leicht. Außer, er greift auf den mittlerweile 75jährigen Juan José Mosalini zurück. Der zelebriert seit über vier Jahrzehnten unverändert und leidenschaftlich den Tango Argentino. In seiner Karriere hat der Bandoneon-Derwisch (und studierte Wirtschaftswissenschaftler!) einige modische Entwicklungen des Tango erfolgreich negiert. Geblieben ist bei ihm eine Musik, wie sie schon vor etlichen Jahrzehnten in den Kaschemmen am Stadtrand von Buenos Aires gespielt wurde, wo die europäischen Einwanderer, die einheimischen Criollos, Kubaner und Afrikaner lebten.
Doch damit hatte Mosalini nicht nur Erfolg. Besonders in den 1960er und 1970er Jahren wurde er aufgrund der aufkommenden populären Rockmusik belächelt und verhöhnt. „Ich spielte Bandoneon und meine Freunde sahen mich wie einen Weltraumfahrer an, wie eine Gestalt vom anderen Planeten“, erzählte er in einem Interview. Kurz nach dem Putsch des argentinischen Armeegenerals Videla ging Mosilini nach Paris und setzte seine künstlerische Arbeit fort.
Grundlage für Mosalinis reiches musikalisches Schaffen sind Stücke großer Tango-Komponisten. So auch während seiner Welttournee mit dem L`orchestre aujourd`hui in den Jahren 2006 und 2007. Das Material der vorliegenden zwei CDs entstammt dieser Konzertreise und beinhaltet 100 Minuten wunderbar temperamentvoller Musik. In raffinierten Arrangements sind die ganzen Einflüsse zu spüren, die dem Tango seine eigentliche Bedeutung geben. Der ganze Schwermut und die schrille Ekstase finden in den grandiosen Improvisationen Mosalinis ihren Ausdruck. Die unvermittelten Tempowechsel, die zerpflückten Synkopen, die ins unendlich gedehnten Töne und deren gezielte Kollisionen sind ebenso schmerzvoll, wie sie auch wieder vollkommen glücklich stimmen. Es ist wie ein Wechselbad der Gefühle, wenn das Juan José Mosalini Orchestra die Zeit anhält und auf der Stelle tanzt. Denn dieser Tango ist ein Phänomen.
Jörg Konrad


Juan José Mosalini Orchestra
„Live Tango“
Double Moon Records
Autor: Siehe Artikel
Montag 24.12.2018
OHRENGLÜCK 50: Julian Oliver Mazzariello "Debut"
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Es gibt die lebenslustig swingenden Klaviertrios und die romantisch betörenden. Es gibt minimalistische Klaviertrios, soulige Klaviertrios, freie Klaviertrios. Das Trio von Julian Oliver Mazzariello ist vor allem eines: vielseitig. Und kurzweilig und verblüffend. Jedes Stück auf diesem Album scheint den Ehrgeiz zu haben, zum Inbegriff einer Jazz-Spielart zu werden. Da gibt es die Funk-Nummer, die Samba-Ballade, die Tango-Miniatur, die Walzerballade, den Blues, das 5/4-Takt-Stück und die Soul-Ballade. Jeder dieser Tracks kommt rasch auf den Punkt, mit Witz und Fantasie. Jeder Track ist ein Charakterstück an der Grenze zur Übertreibung. Es ist, als hätte Julian Oliver Mazzariello zu einem übermütigen Rundumschlag ausgeholt – quer durch die historische Formenkunde des Jazz.

Bisher kannte man den 40-Jährigen nur als Begleiter. Der in England geborene Pianist, der schon mit acht Jahren in London ein Konzert von Miles Davis besuchen durfte, hat mit einigen der größten Solisten der italienischen Jazzszene gespielt. Darunter waren der Trompeter Enrico Rava, der Saxofonist Stefano Di Battista, der Trompeter Fabrizio Bosso. „Debut“ ist, wie der Titel sagt, Mazzariellos erstes Album unter eigenem Namen. Dass er kein Newcomer mehr ist, spürt man allerdings in jedem Takt. Saftig perlen seine Tastenläufe, jede Phrase hat Gefühl und Geist. Dieser Pianist geht entschlossene Schritte vorwärts – und dann wieder hält er sich elegant zurück oder schlägt einen sensiblen Umweg ein. Es ist pausenlos spannend, ihm zuzuhören. Auch seinen namhaften und erfahrenen Mitspielern bereiten diese Manöver hörbaren Spaß.

Übrigens: Die kuriosesten Zierkirschen auf diesem Album heißen „Accarezzame“ und „Que Reste-t-il De Nos Amours“. Es sind zwei europäische Chansons von 1954 bzw. 1942. Sie werden bei diesem Trio endgültig zu Jazz-Standards.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Julian Oliver Mazzariello
Debut
Julian Oliver Mazzariello (Piano), Rémi Vignolo (Bass), André Ceccarelli (Schlagzeug)
Jando Music / Galileo MC
Autor: Siehe Artikel
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