Blickpunkt:
Musik
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Inhaltsverzeichnis
Tarkovsky Quartet „Nuit Blanche“ ECM

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OHRENGLÜCK 29: Kenari Quartet & Duo Ultima

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Tomasz Stanko „December Avenue“ ECM

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Carlos Bica & Azul „More Than This“

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Omer Klein „Sleepwalkers“ Warner

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OHRENGLÜCK 28: Miklós Lukács

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Dienstag 18.04.2017
Tarkovsky Quartet „Nuit Blanche“ ECM
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Dieses Album ist noch ruhiger als seine Vorgänger, wirkt freier, transparenter in seinem Aufbau. „Nuit Blanche“, die dritte Veröffentlichung des Tarkovsky Quartets um den französischen Pianisten Francois Couturier, klingt wie die akustische Umsetzung von Traumbildern, von flüchtigen Imaginationen. Die vier Musiker machen hörbar, was schwerelos, für das Auge unsichtbar durch den Raum zieht. Sie übersetzen fragile Bilder in eine poetische Musiksprache und bringen berührende Klangtexturen zum Ausdruck. Akustische Illustrationen eben, wie sie in den Filmen des großen russischen Regisseurs Andrej Tarkowkij auf bildlicher Ebene sprachlos zu bestaunen sind. In ihrer Wirkung weit entfernt von allen möglichen Alltagsgeräuschen.
Anja Lechner, Jean-Marc Larche, Jean-Louis Matinier und Francois Couturier brechen die Stille nicht nur sensibel auf, sondern sie spielen mit dieser Stille, sie nutzen sie, um zaghafte Konturen in den Äther zu zeichnen. Wie Carolin Emcke in den Liner Notes so passend beschreibt, tauchen klanglich verschiedene Erzählstränge auf, „ .. denen sich folgen lässt, die sich verzweigen oder parallel laufen, die zueinander finden oder sich voneinander entfernen.“ Aber auch dann nie den Kontakt verlierend.
So ist eine Vielfalt an Gedanken und Ideen zu spüren, die aber immer die Balance behält. Und den spürbaren Respekt voreinander. Musik für einen Film? Nicht unbedingt. Die würde wahrscheinlich gegenständlicher klingen. Hier ist es ein Austausch von Assoziationen und Selbstentäußerungen. Frei und wunderschön.
Jörg Konrad
 
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Donnerstag 13.04.2017
OHRENGLÜCK 29: Kenari Quartet & Duo Ultima
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Kenari Quartet
French Saxophone Quartets

Duo Ultima
French Connection

Das Saxofon ist ein Jazz-Symbol. Entstanden aber ist das Saxofon in Frankreich, und zwar Jahrzehnte vor der Geburt des Jazz. Das neuartige Instrument war ein Kind der Romantik und schien wie geschaffen für kleine Opern-Potpourris. Der Komponist Hector Berlioz schwärmte ausgiebig von seinen klanglichen und ausdruckstechnischen Möglichkeiten. Als dann der Jazz und – kein Witz! – die Zirkusmusik das Instrument um 1920 endlich so richtig populär machten, erlebte auch das „klassische“ Saxofon eine neue Blüte. Marcel Mule hieß der Saxofonist, der 1928 in Paris ein festes Quartett von Saxofonisten gründete, das er 40 Jahre lang leiten sollte. Für Mules Ensemble schrieben zahlreiche Komponisten raffinierte und unterhaltsame Saxofonquartette.

Das Album „French Saxophone Quartets“ vereinigt mehrere der bekanntesten dieser französischen Quartettwerke aus den 1930er bis 1960er Jahren. Es sind durchweg leichtfüßige, musikantische, lebensfrohe Stücke, meist in lockeren Suitenformen – die schnellen Sätze heiter und witzig, die langsamen mit anrührender Melodik. Viele stilistische Einflüsse lassen sich in dieser beschwingten Kammermusik entdecken – von Barock bis Strawinsky, von Romantik bis Charleston. Fugato und Synkope sind keine Gegensätze, französischer Esprit und der rhythmische Impuls des Jazz verbinden sich auf sehr charmante Weise – ganz besonders in den Quartetten von Pierre-Max Dubois und Jean Françaix. Auch in den USA, wo das Saxofon seine eigentliche Karriere machte, kennt man die beglückende Schönheit dieser französischen Saxofonquartette. Das junge, bereits vielfach preisgekrönte Kenari Quartet ging aus einer Initiative von Musikstudenten der Indiana University hervor.  

Für Guido Bäumer gab das französische Repertoire überhaupt den Ausschlag, klassisches Saxofon zu studieren. Iwan Roth und Claude Delangle, zwei Schüler von Marcel Mule, waren seine Lehrer. Auf den zwei CDs von „French Connection“ (mehr als zwei Stunden Musik!) präsentiert Bäumer eine reiche Auswahl schwärmerischer, tänzerischer, impressionistischer Werke fürs Saxofon – am Piano wunderbar begleitet von Aladár Rácz. Der historische Bogen der Stücke reicht von Jules Demersseman, einem belgischen Flötisten, der für Adolphe Sax’ Pariser Saxofonklasse 1865/66 die Prüfungsstücke schrieb, bis hin zum argentinischen Tango-Revolutionär Astor Piazzolla, der einst in Paris studierte. Nicht fehlen dürfen Debussys „Rapsodie“ (der Auftrag einer amerikanischen Saxofon-Mäzenin) und Milhauds bezaubernde „Scaramouche“-Suite (von Marcel Mule 1937 uraufgeführt). Aber auch Kenner der französischen Saxofontradition können hier Neues entdecken, etwa die großartigen Werke von Paule Maurice (1960) und Pierre Sancan (1973). – Die beiden Musiker des deutsch-rumänischen Duo Ultima hat es übrigens  ausgerechnet nach Island verschlagen – daher das nordisch anmutende Coverbild.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Kenari Quartet
French Saxophone Quartets
Naxos

Duo Ultima
French Connection
Odradek
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Donnerstag 30.03.2017
Tomasz Stanko „December Avenue“ ECM
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Es sind melodische Bruchstücke, die Tomasz Stanko in den Äther haucht. Fragile Mosaiksteine, meist in tiefen Lagen gespielt. Zusammengesetzt ergeben sie ein Klangbild aus unprätentiösen Emotionen und klug geführten Improvisationen. Knappe poetische Erzählmuster, in denen ein ganzes Universum an Erfahrungswerten steckt und die sich mit Hilfe seiner Band zu sehnsuchtsvollen Melancholien vereinen. Zeit scheint auch auf „December Avenue“ eine unwichtige Rolle zu spielen. Sein New York Quartet tastet sich behutsam ab, wird fündig, setzt Wegmarken, wobei die Unvollständigkeit den Reiz der Musik ausmacht. Der heute 74jährige Trompeter besitzt die Erfahrung, eine Band zu formen und zu fordern und das Können, mit knappen Wendungen und angedeuteten Kürzeln auf seinem Instrument Großes zu entfachen. Wenig schrilles jubilieren. Kein gleißendes Staccato. Erst recht keine Perfektion. Stattdessen raffinierte Spannung. Zum Ende des neuen Albums nimmt die Musik dann doch noch Fahrt auf, wird druckvoller, swingender, fordernder. Hier ist für Momente das Temperament zu spüren, das die erste Hälfte seiner Karriere bestimmte.
Angefangen hat alles zu Beginn der 1960er Jahre. Polen entwickelte sich zu einer Hochburg des Jazz in Osteuropa und Stanko gehörte zur 1. Generation von Musikern, die auch international Beachtung fanden. Der Trompeter studierte mit Adam Makowicz, wurde von Krzysztof Komeda entdeckt. Man spielte Hardbop, musizierte für Regisseur Polanski, fand die langersehnte Freiheit - zumindest im Jazz. Dann war er einige Jahre musikalisch nur schwer zu greifen, tauchte fast völlig unter und drohte der Musikwelt verloren zu gehen.
Doch er ging aus dieser Krise gestärkt hervor. Sein Sound bekam einen schleppenden, dunklen Unterton, der auch heute noch ungemein schmerzen kann. Seine östlichen Wurzeln bestimmen weiter die Harmonien. Seine Improvisationen sind mehr angedeutet als ausgespielt. Immer auf der Suche nach den passenden Mitstreitern, hat er vor Jahren den Kubaner David Virelles gefunden, einen Pianisten, der trotz aller Rhythmik im Blut, die Reduktion beherrscht. Und gemeinsam mit Reuben Rogers (Bass) und Gerald Cleaver (Schlagzeug) entfachen die vier mit ihren Auslassungen und Verschiebungen diesen grandiosen Zauber.
Jörg Konrad

Tomasz Stanko
„December Avenue“
ECM
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Donnerstag 16.03.2017
Carlos Bica & Azul „More Than This“
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Fotos: Nuno Filipe Oliveira und Claudina Pereira
Es ist über zwanzig Jahre her, da erschien das erste Album dieses Trios. Und bis heute haben Carlos Bica, Frank Möbus und Jim Black nichts von ihrer Neugier und ihrer Frische verloren. Bei ihnen paaren sich nach wie vor impressionsistische Momentaufnahmen und klare Strukturen zu einer grenzüberschreitenden Musikalität. Die drei sind stilistisch nach allen Seiten offen, tragen zugleich einen unglaublichen Erfahrungsschatz in sich. Sie musizieren mit Hingabe und visionärer Kraft, so dass jedes ihrer Alben ein Klangabenteuer für sich ist.
Man stelle sich nur einmal vor: Ein portugiesischer Bassist (Bica), ein Gitarrist aus Mittelfranken (Möbus) und ein Schlagwerker aus der Hochburg des Grunge, aus Seattle (Black). Man könnte auch zusammenfassen: Die Melancholie des Fado, die abstrakte Radikalität des Jazz, der treibende Groove des Rock`n Roll. Und zwischendurch verlassen die einzelnen Instrumentalisten ihr musikalisches Idiom, spielen dunkel grundierten Blues und sphärische Balladen, fordern mit glühenden Glissandi heraus und berühren mit destillierter Sehnsucht. Sie lassen sich Zeit, und verbauen auf ihren waghalsigen Wanderungen die Ebene zum Horizont niemals virtuos. Der (hörbare) Spaß spielt eine Rolle und auch ein Quentchen Humor. „Um etwas ernstes auszudrücken muss man nicht immer ernst sein“, sagte Carlos Bica vor einigen Jahren in einem Interview.
More Than This“ klingt ebenso perfekt arrangiert, wie durchgehend improvisiert. Diese Musik besitzt Leuchtkraft, wie einer dieser uralten, aber wunderschönen Leuchttürme an der Küste Portugals, die den Schiffen auf stürmischer See verlässlich Heim leuchten. In den Hafen der sehnsuchtsvollen Geborgenheit.
Jörg Konrad

Carlos Bica & Azul
„More Than This“
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Freitag 03.03.2017
Omer Klein „Sleepwalkers“ Warner
Als Pianist ist Omer Klein eine unerschöpfliche Schatztruhe. Er öffnet geheime Fächer, holt zauberhafte Ideen hervor und entfacht im Handumdrehen ein musikalisches Feuerwerk. Er formt Ideensplitter zu Songs und füllt sie mit klingendem Leben. Trotzdem besitzt alles, was er entstehen lässt, einen klaren, realistischen Bezug. Im Fall von „Sleepwalkers“ handelt es sich um drei ihm wichtige, persönliche Anliegen: Um seine Sicht auf die Gesellschaft, um das allgemein Mystische und um sein Leben als tourender Musiker. „Diese Zentren werden nicht einzeln präsentiert, sondern immer wieder verwoben, um die einheitliche Tapisserie des Albums zu schaffen“, erläutert er seine Herangehensweise an „Sleepwalkers“, was soviel wie „schlafwandeln“ bedeutet.
Das Album ist die insgesamt siebte Veröffentlichung des in Israel geborenen und heute in Düsseldorf lebenden Pianisten, aber erst die zweite Produktion in vorliegender Besetzung. Auch wenn er es versteht, sehr eindringlich über die heutige Zeit und die uns umgebenden technologischen Herausforderungen zu referieren oder seine Suche nach einer höheren Instanz zu thematisieren, ist es letztendlich die Musik dieses Trios, die so ungemein fasziniert. Klein schafft mit dem Bassisten Haggai Cohen-Milo und dem Schlagzeuger Amir Bresler einen wunderbaren instrumentalen Tanz auf dem Hochseil des Jazz. Als ein brillanter Magier versteht er es ausgezeichnet, seine romantische Ader, sein Gefühl für sinnfällige Grooves und seine einstigen klassischen Lehrstunden mit diesem Trio zu verbinden. „Bei allem, was wir spielen, spürt man eine enorme Verbundenheit zwischen uns. Unsere lange Freundschaft hat ihren ganz eigenen Sound“, schwärmt der Pianist.
Die Musik fließt dahin, wie ein erfrischender Gebirgsbach im Frühjahr. Mal schäumend wild, mal beruhigend sanft. Mal scharf attackierend, mal sensibel ausleuchtend. Es ist Musik des Übergangs, des ständigen Wechsels. Grenzen werden aufgehoben, um neu abgezirkelte Areale zu erforschen. Und das alles in einer abgeklärten Frische und sprudelnden Unvoreingenommenheit, die Freude vermittelt und die Stimmung hebt – bis sich die Schatztruhe nach einer knappen Stunde verzaubernder Musikalität wieder schließt.
KultKomplott
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Montag 27.02.2017
OHRENGLÜCK 28: Miklós Lukács
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Das Cimbalom ist ein Hackbrett in einem Holzkasten auf Tischbeinen – man spielt es im Sitzen mit zwei Schlägeln und einem Pedal. In Rumänien und Ungarn gehört das Cimbalom zu den beliebtesten Folklore-Instrumenten. Auch seriöse Komponisten (Liszt, Kodály, Kurtág u.a.) haben dafür geschrieben, in Budapest wird das Cimbalom sogar an Konservatorium und Akademie unterrichtet. Dort hat Miklós Lukács das Instrument studiert, das er schon als Kind zu spielen begann, weil nur dieser Klang seine Migräne milderte. Neben der Konzertmusik ist Lukács seit 20 Jahren auch im Jazz aktiv und konzertierte bereits mit Größen wie Charles Lloyd und Archie Shepp. Auf „Cimbalom Unlimited“ stellt er neun eigene Stücke vor, begleitet von zwei absoluten Cracks der US-Jazzszene: Larry Grenadier (Bass) und Eric Harland (Schlagzeug). Die spannenden Kompositionen sind von ungarischen, persischen oder indischen Traditionen angeregt, natürlich auch von Bartók und amerikanischem Jazz. Rhythmen, Stimmungen und dynamische Levels wechseln häufig auch innerhalb eines Stücks. Ob Lukács lichtschnell improvisiert wie ein Oscar Peterson, balladenhaft über exotische Skalen fantasiert oder nur seine Mitspieler sanft begleitet: Der klare, trockene Klang der geschlagenen Cimbalom-Saiten wirkt im Jazzkontext erfrischend ungewohnt und verblüffend munter. Miklós Lukács ist sich sicher: Das Cimbalom ist ein Instrument des 21. Jahrhunderts. Auf diese Weise gespielt: eine große Entdeckung.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Miklós Lukács
Cimbalom Unlimited
BMC (Budapest Music Center Records)
Autor: Siehe Artikel
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