Blickpunkt:
Musik
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Inhaltsverzeichnis
Rosario Giuliani & Luciano Biondini Quartet „Cinema Italia“

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Donauwellenreiter „Euphoria“

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VOR 40 JAHREN (16): Eberhard Weber „The Following Morning“

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OHRENGLÜCK 25: ÜberBach

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Stick Men „Prog Noir“

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OHRENGLÜCK 24: The Voyage

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Samstag 24.12.2016
Rosario Giuliani & Luciano Biondini Quartet „Cinema Italia“
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Es war am 22. Juli dieses Jahres. Da spielte in der Germeringer Stadthalle das Quartett um den Altsaxophonisten Rosario Giuliani und den Akkordeonspieler Luciano Biondini. Auf dem Programm standen italienische Filmmelodien, die zwei Monate später unter dem Titel „Cinema Italia“ auf CD erschienen. Eingespielt in Rom, in der Casa Del Jazz. Was in Germering an eine furiose, Temperament geladene Tour de Force erinnerte, klingt in der italienischen Hauptstadt wohltemperiert und emotional ausbalanciert.
Die Klassiker italienischer Filmmusik, komponiert von Nino Rota und Ennio Morricone, funktionieren in jeder emotionalen Stimmungslage. Kompositionen von einer derart melancholischen Poesie, harmonischen Transparenz, aber auch melodischen Direktheit, sind zum seelenwärmenden Evergreen prädistiniert. Und wenn es die Instrumentalisten dann auch noch verstehen, die unterschiedlichen Atmosphären der Songs gefühlvoll auszureizen, sie zudem mit intelligenten wie lasziven Improvisationen anzureichern, dann haben wir europäische Standards des Jazz, welche die nordamerikanische Konkurrenz nicht zu fürchten brauchen.
Giuliani versteht es, seine Instrumentaltechnik zurückhaltend einzusetzen. Er setzt im Studio mehr auf eine wohldosierte Spielweise zwischen Swing, Hardbop und Blues, als dass er seine expressiv verwegenen Chorusse brodeln lässt. Biondini verkörpert am Akkordeon das Traditionelle, das Volksmusikalische, aber ohne jedwedes Pathos. Seine melancholisch-sprudelnde Poesie ergänzt sich grandios mit dem deutlich intellektuell ausgerichteten Spiel Giulianis.
Die Geschichten, die von diesem Quartett spielerisch erzählt werden, evozieren zum Großteil Bilder. Bekannte Bilder aus Filmen von Federico Fellini, von Giuseppe Tornatore oder von Sergio Leone. In diesen Reigen wehmütig schöner Melodien passen sich auch einige Kompositionen von Rosario Giuliani und Luciano Biondini ein. Ohne jedes Effektgetöse oder spürbare Originalitätssucht. Ebenso zauberhaft und zeitlos.
Jörg Konrad

Rosario Giuliani & Luciano Biondini Quartet
„Cinema Italia“
Jando Music
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Samstag 17.12.2016
Donauwellenreiter „Euphoria“
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Im ersten Teil ihres neuen Albums klingen Donauwellenreiter wie ein im Pop-Waschgang geschleudertes Streichquartett. Es war schon immer die Stärke der vier Wiener, unterschiedlichste musikalische Einflüsse und geographisch ferne Welten miteinander zu verzahnen. Auf „Euphoria“ bekommt diese offene und befreiende Musikalität einen fast klassischen Anstrich. Und genau das macht auch hier wieder den Reiz der Donauwellenreiter aus. Sie sprengen Grenzen, überspringen Gräben, reißen Zäune nieder – ohne dass man es in jeder Sequenz ihrer Musik spüren würde.
Es sind wieder großartige und berührende Melodien, die das Quartett in rhythmisch anspruchsvolle und teilweise in die Beine zielenden Rhythmen verpackt. Das Quartett zeigt auch nach der Umbesetzung, ganz im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen, wie stark eine Kultur davon profitieren kann, wenn sie all die Einflüsse, die sich im Rahmen heutiger Weltbewegungen ergeben, aufnimmt und verarbeitet. Trotzdem ist eine unverwechselbar individuelle musikalische Kommunikation sehr wohl möglich. Wien scheint für diese Art der künstlerischen Auseinandersetzung schon immer ein absolut prädestinierter Ort. Hier treffen seit Jahrhunderten Orient und Okzident aufeinander, kommen Flüchtlinge an, sind Kulturen auf der Durchreise. So kommt es, dass die Melancholie, einem Aushängeschild der Wiener Schule, bei Donauwellenreiter einer gewissen Leichtigkeit Platz macht. Nichts da, von wegen schwerer, lebensmüder Kost, aus einer morbiden Stadt. Auch dann nicht, wenn Maria Craffonara ihre Songtexte in ladinisch, einer heute fast ausgestorbenen Sprache aus Norditalien, vorträgt. Hier gehen Kopf und Bauch Hand in Hand.
helga b

Donauwellenreiter
„Euphoria“
Alive
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 11.12.2016
VOR 40 JAHREN (16): Eberhard Weber „The Following Morning“
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Um ihn herum explodierte zu jener Zeit die Musik. John McLaughlin stellte gerade seine erste indische Band Shakti mit drei Handtrommlern vor, Joachim Kühn veröffentlichte „Hip Elegy“ mit Meisterdrummer Alphonse Mouzon und Perkussionist Nana Vasconcelos, das Thad Jones / Mel Lewis Orchestra besaß einen teuflisch guten Schlagzeuger als Leader und die Trommler der alten Saxophon-Recken, wie Jackie McLean oder Phil Woods, waren rhythmisch sowieso unschlagbar. Und in diese rhythmuslastige Periode platzte die dritte Veröffentlichung des deutschen Bassisten Eberhard Weber – ohne jedes Schlagwerk. Stattdessen mit Cellis, Waldhörnern, Oboen und dem (elektronischen) Pianisten Rainer Brüninghaus. Das Album trägt den Titel „The Following Morning“ und ist eine Sammlung von vier Kompositionen, in denen der Bass die Solostimme übernimmt. Es war kein Free-Jazz, wie ihn Barre Phillips zelebrierte und es war kein Jazz-Rock, in der Manier eines Jaco Pastorious. Eberhard Weber bestellte hier ein musikalisches Feld, das sich zwischen moderner klassischer Musik und Jazz bewegte. Melodische Bass-Improvisationen, mit sich tief einprägenden Melodielinien, die manchmal eine kindhafte Schwerelosigkeit, manchmal eine gravitätisch intellektuelle Note beinhalteten. Immer sanft, meditativ und trotzdem durchdringend. Getragen wird dieser befreite Bass-Ton von elegischen Streicherparts, die in ihrer ergreifenden Melancholie bis heute tief berühren und als Seelen-Soundtrack wie geschaffen scheinen. Insgesamt ein impressionistisches Klanggemälde, immer ein wenig an die Adagios eines Gustav Mahler erinnernd.
Weber, der im Alter von sechs Jahren selbst begann Cello zu spielen, hat sich sein musikalisches Rüstzeug später in ungezählten Gigs als Sideman namhafter Jazzgrößen angeeignet. Er war eine Art Hausbassist beim legendären, 1968 in Villingen gegründeten MPS-Label. Seinen eigenwilligen, sirenischen Sound verdankt der Schwabe im Grunde der Sperrigkeit seines Instruments. Aus einem alten italienischen Instrument ließ er einen zerlegbaren „Reisebaß“ fertigen, über den Michael Naura einmal sagte: „Ein häßliches Ding zwar, aus der Not geboren, aber handlich wie ein Kamm, wie einer aus Gold.“ Er hat diesen Bass ohne Resonanzkörper bis zu seinem unfreiwilligen Karriereende 2007 gespielt. Während einer Tournee mit der Jan Garbarek Group erlitt er einen Schlaganfall mit Folgen. Nie wieder erlangte er die für das Spielen seines Basses notwendige Feinmotorik zurück.
Seine Diskographie ist trotz fünf Jahrzehnten im Jazzgeschäft überschaubar geblieben. Vierzehn Alben unter eigenem Namen sind es in dieser Zeit geworden, die, alle bei ECM München erschienen, durchgehend von beeindruckender Musikalität zeugen. Dafür erhielt Eberhard Weber im letzten Jahr den Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg in der neu geschaffenen Kategorie „Sonderpreis“ für sein Lebenswerk. Im gleichen Jahr wurde ihm auch der  ECHO Jazz für sein Lebenswerk überreicht.
Jörg Konrad

Eberhard Weber
„The Following Morning“
ECM Records
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 30.11.2016
OHRENGLÜCK 25: ÜberBach
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Johann Sebastian Bach war ein religiöser Mensch, aber auch ein aufgeklärter Musiker. Seine harmonische Kontrapunktik wurde nicht umsonst mit mathematischen und physikalischen Weltmodellen verglichen. Viele Musiker, die sich mit dieser polyphonen Klangarchitektur eingehend beschäftigen, fühlen sich inspiriert, sie weiterzudenken – auf komplexe oder auch vereinfachende Weise. Daher werden Bachs Kompositionen mit Abstand am häufigsten bearbeitet – bis hinein in Jazz, Rock und Pop. Der deutsch-iranische Komponist Arash Safaian hat in Bachs Werken eine allgemeine „Grammatik der Musik“ erkannt – „universelle Strukturen“, die er „fortspinnen“ und „in Unschuld neu entdecken“ möchte. Dabei greift er auf 14 Kompositionen von Bach zurück, darunter Orgelwerke, Stücke aus dem Wohltemperierten Clavier und Arien aus Kantaten, auf deren Basis er seine eigenen 15 Stücke komponiert hat, in denen „man Bach hört, ohne Bach zu hören“ (so Safaian). Im Mittelpunkt stehen virtuose Klavierpartien (großartig: Sebastian Knauer), getragen von den Streichern des Zürcher Kammerorchesters und kontrapunktiert von erfrischenden Vibrafonklängen. Anfangs überwiegen noch romantische und populäre Deutungen, doch im Fortgang der CD kommen auch düstere und dissonante Töne zum Zug. Zu den Höhepunkten gehört „Little G“ (nach der Kleinen Orgelfuge BWV 578), das nach einer Minute fast an den Drone-Sound einer Avantgarde-Rocknummer erinnert. Dramatische Steigerungen, jubelnde Harmonien und mitreißende Motorik prägen das gesamte Album. Aus Bachs universellem „Flow“ entspinnen sich hier ganz neue Gefühlswelten.

Hans-Jürgen Schaal
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Arash Safaian
ÜberBach
Sebastian Knauer (Piano), Pascal Schumacher (Vibrafon), Arash Safaian (Synthesizer), Zürcher Kammerorchester
Berlin Classics
Autor: Siehe Artikel
Freitag 11.11.2016
Stick Men „Prog Noir“
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Zwei Drittel dieser Band waren im Sommer auf Tour in Deutschland. Als Teil der legendären King Crimson. Kurz zuvor trafen sich Bassist Tony Levin und Schlagzeuger Pat Mastelotto in Berlin Kreuzberg, um gemeinsam mit dem Bielefelder Markus Reuter einige Songs für „Prog Noir“, dem neuen Album des Stick Men-Trio einzuspielen. Und wie schon in der Vergangenheit jonglieren die drei nicht mehr ganz so jungen Herren auch 2016 noch schwindelerregend präzis mit ungeraden Rhythmen und explosiven Harmonien. Ihre Melodien bohren sich wie widerborstige Haken fast schmerzhaft in die Gehörgänge, die Themen wechseln die Befindlichkeiten und sind doch fast asketisch angelegt. Das hindert Stick Men jedoch nicht daran, Carl Orff, Yes und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu zitieren, oder Restspuren romantischer Balladenkunst aufblitzen zu lassen. Doch letztlich fasziniert die Konsequenz in der Umsetzung dieser Ideen. Keine Kompromisse. Nirgends. Alles wird der Musikalität und dem Handwerk untergeordnet.
Jeder dieser zehn Songs beginnt auf einem musikalisch hohen Niveau und schafft es, sich im Verlauf noch zu steigern, mit wahnwitzigen Gitarrenläufen, überraschenden Brüchen, raffinierten Verschattungen oder kakaphonen Überlagerungen. Wie ein Uhrwerk greifen die einzelnen Instrumente ineinander. Die Songs nehmen unaufhaltsam Fahrt auf, hängen jeden Mainstreamvergleich zwanglos ab. Musik aus dem Stahlwerk, bleischwer und doch bedenkenlos verspielt.
Jörg Konrad

Stick Men
„Prog Noir“
Iapetus / Galileo
Autor: Jörg Konrad
Donnerstag 03.11.2016
OHRENGLÜCK 24: The Voyage
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Ist es Jazz? Ist es Salonmusik? Ist es Folklore? – Der Pianist Thomas Clausen meistert einmal mehr die Gratwanderung zwischen den Genres. Konventionelle Jazzverdienste erwarb sich der Däne schon in den 1970er Jahren als Begleiter amerikanischer Solisten wie Eddie „Lockjaw“ Davis, Dexter Gordon und Jackie McLean. Seitdem hat er aber auch manches andere Feld erwandert, seien es brasilianische Klänge oder feingliedrige Duo-Aufnahmen. Diesmal hat er sich den sizilianischen Akkordeonisten Francesco Calì zum Duo-Partner gewählt, einen Musiker von ebenfalls reicher Erfahrung – der Italiener hat schon auf mehr als 60 Tonträgern mitgewirkt. Clausen und Calì präsentieren hier ein Programm von 23 Stücken – es sind Miniaturen, nur sechs davon überschreiten die Drei-Minuten-Grenze, für Langeweile ist hier also keine Zeit. Alle Kompositionen stammen von Clausen, der am Flügel jeweils den emotionalen und harmonischen Rahmen vorgibt, fein ausgehörte Stimmungen zwischen Romantik und Tango, Volkstanz und Kammerjazz. Da reiht sich Perle an Perle. Calìs Akkordeon übernimmt dabei die Rolle des Bläsers oder Sängers, modelliert die Melodien, bringt die Stücke zum Atmen – kaum zu glauben, dass man im 19. Jahrhundert den Klang des Akkordeons noch als „eisig“ und „maschinell“ empfand. Nur selten wird die Musik ein wenig dramatisch oder grotesk – es überwiegt die balladenhafte Melodie. Herzöffnend, bescheiden, wunderschön.

Hans-Jürgen Schaal
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Thomas Clausen & Francesco Calì
The Voyage
Stunt Records
Autor: Siehe Artikel
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