Musik
Musik
Inhaltsverzeichnis
Bobo Stenson „Contra La Indecisión“

37

Ernst Ludwig Petrowsky: „Radau!“, „Rabatz!“, „...

38

Oliver Nelson „The Blues And The Abstract Truth“

39

V.A. „Classic Delta And Deep South Blues“

40

Laia Genc „Birds“

41

Mickey Hart „RAMU

42

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Freitag 19.01.2018
Bobo Stenson „Contra La Indecisión“
Bilder
Eine seiner ersten Aufnahmen spielte Bobo Stenson im November 1965 im Studio Grunewald in Berlin ein. Er begleitete die deutsche Sängerin Inge Brandenburg auf ihrem grandiosen Album „ It's Alright With Me“. Stenson gehörte damals zum international besetzten Gunter Hampel Quartett und es ist noch heute deutlich hörbar, mit welchem Einfühlungsvermögen und welcher Intention er sich pianistisch in diese Musik einfühlt.
Das haben im Laufe der folgende Jahrzehnte auch andere große Musiker zu schätzen gelernt: Jan Garbarek, Charles Lloyd, George Russell. Sie alle liebten dieses sympathische Understatement des Schweden, der es immer verstand, das Schwierige leicht und poetisch klingen zu lassen, dem Unbeschwerten eine melancholische Note zu geben, das Provozierende überzeugend zu platzieren.
Diese einzigartige Kunst kommt natürlich in den eigenen Formationen Stensons besonders zum Ausdruck. Erst recht im Trio, das einem gruppendynamischen Katalysator ähnlich,  jedem unkonventionelle Spannungsbogen eine ganz persönliche Note verleiht.
Schon die breite Auswahl des Repertoires auf seiner neuen Veröffentlichung „Contra La Indecisión“  zeigt die Sicherheit, die das gemeinsame Spiel Stensons mit Bassist Anders Jormin und Schlagzeuger Jon Fält in den zurückliegenden Jahren erlangt hat. Eine verspielte Melodie des Kubaners Silvio Rodrigue, Bela Bartóks Adaption eines slowakischen Volkslieds, ein Stück aus Frederic Mompous „Canción y Danza“, „Elégie“ von Erik Satie, dazu noch einige Titel aus der Feder Anders Jormins und „Alice“ von Bobo Stenson. Dieses Trio gibt den Kompositionen eine identitätsstiftende Gemeinsamkeit und bereichert jedes Stück mit einer eigenen, musikalisch lyrisch angehauchten Magie. Fantasiereiche, minimalistische Tonpoeme, die Intimität atmen, aber dabei nie ihren ganzen Zauber preisgeben. Die Musik berührt tief und in ihrer langsam fließenden Ausgereiftheit lässt sie Stimmungen von flüchtiger Vollkommenheit entstehen. Hier steckt die Reibung im Detail, das Hymnische in der kleinen Form, die Leidenschaft in der Poesie. Ein Trio gleichwertiger Partner, denen man ihre gegenseitige Vertrautheit anhört und die ihren ureigenen Weg ganz einfach gehen. Ja, ganz einfach gehen!
Jörg Konrad

Bobo Stenson
„Contra La Indecisión“
ECM
Autor: Siehe Artikel
Freitag 12.01.2018
Ernst Ludwig Petrowsky: „Radau!“, „Rabatz!“, „Remmidemmi!“
Bilder
Bilder
Der Abend im Leipziger Kult-Club nato gehörte am 13. Dezember 2015 ganz Ernst Ludwig Petrowsky. Der Saxophonist präsentierte wenige Tage nach seinem 82. Geburtstag drei Besetzungen und machte, selbst in Bestform, deutlich, wie tiefgründig die „flüchtige“ Kunst des Improvisierens sein kann. Petrowsky pur, das bedeutet: Unberechenbarkeit, Hingabe, Intellekt, musikalische Kompetenz auf höchstem Energielevel umgesetzt. Urs Leimgruber, der Schweizer Holzbläser, urteilte über den Abend, dass die Musik ihn an die Strahlkraft des legendären John Coltrane Quintets mit Pharoah Sanders erinnerte.
Petrowsky hat mit diesen Einspielungen seine ohnehin schon legendäre Lebensleistung zusätzlich gekrönt - im Trio (mit Elan Pauer und Christian Lillinger), im Quintett (Trio plus John Edwards und Robert Landfermann am Bass!), im Septett (Quintett plus Urs Leimgruber und Axel Dörner). Es ist ungezähmte Musik, die er mit seinen Mannen bändigt, ständig sich verändernde Musik, mal klar strukturiert, mal frei von allen Konventionen. Aber immer spannend, risikoreich und radikal. In allem, was Petrowsky spielt, ist eine immense Dynamik spürbar, ist ein stetiger musikalischer Veränderungsprozess akustisch nachvollziehbar. Hier gehen Sozialisation und Weltsicht, Konzentration und kreative Unruhe Hand in Hand. In seinen Formationen ist, wie im vorliegenden Fall, stets ein konsequent umgesetztes Gruppengeflecht von Einzelstimmen zu erleben. Ebenso spontan wie kompositorisch durchdacht.
Zu allen Besetzungen in Leipzig gehörten Pianist Elan Pauer alias Oliver Schwerdt und Schlagzeuger Christian Lillinger, der erst im letzten Jahr den SWR-Jazzpreis erhielt. Allein dieses eineinhalb Generationen jüngere Duo strotzt nur so vor Ideenreichtum und rhythmischer Finesse. Beide geben der Musik ständige Impulse, nehmen die Motive Petrowskys auf, entwickeln sie weiter, lenken sie in andere Richtungen – bis Neues entsteht. Sie sind ebenso hervorragende Solisten, wie empathische Sideman. Und sie tragen Petrowskys Gedanken auch in die Quintett- und Septett-Besetzungen, halten die Musik zusammen, oder lassen einfach los und schaffen so Raum für beispielhafte Improvisationen. Ganz dem Ausspruch des britischen Gitarristen Derek Bailey verpflichtend: „Wenn eine Spezies nicht improvisieren kann, stirbt sie aus.“
Der aus Güstrow in Mecklenburg Vorpommern stammende Saxophonist ist einer der Stimmführer im Reigen der europäischen Avantgarde. Ein Berserker am Instrument. Vital und unermüdlich hat er jede Form von Musik spielerisch hinterfragt, ist oft zu neuen, individuellen Ergebnissen gekommen, die er ebenfalls weiterentwickelte. Es gibt wohl keine Musik, die Ernst Ludwig Petrowsky in seinem Leben nicht gespielt hat. Seine ersten musikalischen Gehversuche unternahm er 12jährig noch schüchtern an der Geige. Mit 16 wurde er Mitglied des Domchores seiner Heimatstadt Güstrow. Er spielte Tanzmusik im Orchester Max Reichelt, war Mitglied des legendären Manfred-Ludwig-Sextetts und der Grenzen sprengenden Klaus Lenz Big Band. Dabei hat er alle Höhen und Tiefen eines Jazzmusiker durchlebt. Als Star einer kleinen, überschaubaren Szene in der DDR wurde er staatlich geehrt und spielte für Honorare, die nicht einmal fürs Essen reichten. Doch kreativ und besessen ist Luten, wie man ihn seit Kindheit nennt, trotzdem geblieben. Sein Spiel wurde immer druckvoller, ironisch überspitzt, frei. Ob im Free-Jazz-Quartett Synopsis, das später in Zentralquartett umgetauft wurde, im international besetzten All-Star-Ensemble des stilistischen Tausendsassas George Gruntz und selsbt im Duo mit seiner Partnerin, der Sängerin Uschi Brüning.
Der Jazz-Publizist Bert Noglik sagte einmal über ihn: „Petrowskys Stärke besteht auch darin, Risiken zu suchen und zu bewältigen“. Er selbst drückte dies einmal so aus: „Ich bin ein Feind jeder musikalischen Schmalspurphilosophie und ich möchte dies auch bewusst hören lassen.“ Dies kann man auch als Haltung bezeichnen. Eine Haltung die, wie Noglik weiter ausführt, sich und die eigenen Fähigkeiten immer wieder in Frage zu stellt und jede Möglichkeit ausschließt, sich in einem stilistischen Bereich „einzurichten“.
Allein die Titel der auf dem Leipziger Euphonium Label veröffentlichten Aufnahmen aus der nato machen diese Kompromisslosigkeit deutlich: „Radau!“, „Rabatz!“ und „Remmidemmi“. Einmalig, unwiederholbar und immer mittendrin, im Auge des Jazztaifuns: New Old Luten eben.
Jörg Konrad

New Old Luten Trio
„Letzter Radau!“

New Old Luten Quintet
„Letzter Rabatz!“

New Old Luten Septet
„Letztes Remmidemmi!“
Alle erschienen auf Euphorium Records
(www.euphorium.de)
Autor: Siehe Artikel
Freitag 05.01.2018
Oliver Nelson „The Blues And The Abstract Truth“
Bilder
Bilder
Bilder
Diese Aufnahme gehört aus mehreren Gründen zu den bemerkenswerten Veröffentlichungen in der langen Historie des Jazz. Aufgenommen im Februar 1961 steht „The Blues And The Abstract Truth“ wie kaum eine andere Produktion für den Sound einer Ära. Wer zum Beispiel das unsterblich schöne Thema der Blues-Ballade „Stolen Moments“ als Einleitung hört, ist mit Sicherheit verzaubert und befindet sich umgehend auf einer melancholischen Zeitreise in die 1960er Jahre.
Die sechs Kompositionen (durchgehend von O.Nelson geschrieben) sind transparent, kraftvoll, raffiniert mit einem deutlichen Bezug zum Blues. Die Balance zwischen (ausgeklügeltem) Satzspiel und Stein erweichenden Solis überzeugen durchweg.
Dann wäre neben dem Komponisten der Arrangeur Oliver Nelson zu nennen, der hier die vielleicht beste Band seiner gesamten Karriere präsentiert. Ein Sextett, das perfekt vom Blatt spielt, miteinander harmoniert und doch vor Individualismus strotzt. Alle Instrumentalisten befanden sich zur Zeit der Einspielung auf dem Gipfel ihrer jeweiligen Karriere: Freddie Hubbard (Trompete), Eric Dolphy (Altsaxophon und Flöte), George Barrow (Baritonsaxophon), Bill Evans (Klavier), Paul Chambers (Bass), Roy Haynes (Schlagzeug) und natürlich Oliver Nelson (Alt- und Tenorsaxophon).
Nelson gelingt es, durch seine wahrhaftige Kunst des Arrangierens wunderbare Stimmungen entstehen zu lassen. Freddie Hubbard erinnerte sich später: „Er hatte ein paar Voicings, die waren völlig abgefahren! Zum Beispiel bei „Stolen Moments“, da lag die Baritonstimme über der des Tenors. Das Bariton so hoch zu notieren ist ungewöhnlich. Und das Altsaxophon lag unter dem Tenor, und er ließ mich die Hauptstimme spielen.“
Nelson liebte den Blues, der im damaligen Jazz noch eine existenzielle Rolle einnahm. Selbst die swingenden Hardbop-Einspielungen waren in ihrem strukturellem Aufbau bluesverwandt.
„The Blues And The Abstract Truth“ erschien auf dem im gleichen Jahr neu gegründeten Plattenlabel Impulse!, das, wie ein Buchtitel lautet, „Coltrane erschuf“. Produziert hatte die Aufnahme der junge Creed Taylor, über den Playboy-Gründer Hugh Hefner schon vier Jahre zuvor schrieb „Er mag Jazz, ausländische Filme, Collegemoden, Gin and Tonic und hübsche Mädchen – die gleichen Sachen, die Playboy-Leser mögen“. Entsprechend kürte Hefner den damals 28jährigen Taylor zum Trendsetter des Jahres.
Für die Klangqualität war Rudy van Geldern zuständig, der legendäre Tonmeister, der schon zuvor bei Prestige, Blue Note und Riverside außergewöhnliches leistete und der bis heute zu den einflussreichsten Toningenieuren des Jazz gehört.
All dies trug dazu bei, dass „The Blues And The Abstract Truth“ nicht nur künstlerisch überzeugte. Die Musik wurde in allen Jazz- und in vielen Pop-Radiosendern gespielt.
Nun legt das Label Green Corner diese Aufnahmen noch einmal vor. Sowohl die Stereo-Version (CD 1) als auch die Mono-Version (CD 2). Zudem befinden sich noch zwei weitere Einspielungen auf dieser Veröffentlichung: Eddie „Lockjaw“ Davis „Trane Whistle“ (mit den Arrangements von Oliver Nelson) und Oliver Nelsons „Straight Ahead“ - jeweils mit dem einzigartigen Eric Dolphy eingespielt
Übrigens versuchte Oliver Nelson, der 1975 nur 43jährig an einem Herzinfarkt starb, drei Jahre später an diesen Erfolg anzuknüpfen und veröffentlichten, wiederum bei Impulse!, das Album „More Blues And The Abstract Truth“. Trotz großartiger Musik – an den Vorgänger reichte diese Aufnahme nicht heran.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Samstag 30.12.2017
V.A. „Classic Delta And Deep South Blues“
Bilder
Von den 21 Geschwistern, die Big Bill Broonzy besaß, blieben nach der Geburt nur sechzehn am Leben. Zwei von ihnen konnten von den Eltern auf die Schule geschickt werden. Der Rest musste schon im Kindesalter hart arbeiten: In der Landwirtschaft, beim Gleisbau, als Holzfäller. So lernte Big Bill Broonzy zwar weder lesen noch schreiben, doch dank seines musikalischen Gespürs entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Bluesmusiker. „Wenn ihr über mich schreibt“, soll er sich einmal geäußert haben, „dann schreibt einfach, Big Bill war ein bekannter Bluessänger und -spieler und nahm von 1925 bis 1952 260 Bluessongs auf.“
Zwei dieser Bluessongs befinden sich auf dem gerade erschienen Sampler „Classic Delta And Deep South Blues“ des Labels Smithsonian Folkways. Sowohl die Hymne „C.C. Rider“, als auch das abschließende „Diggin`My Potatos“ zeigen ein völliges musikalisches Selbstverständnis, das Lee Conly Bradley (so der Geburtsname des Sängers und Gitarristen) während seiner gesamten musikalischen Karriere an den Tag legte. Broonzy war ein Vertreter des Delta Blues, einem Ableger des Country Blues, wie auch Big Joe Williams, Memphis Slim, Bukka White oder Mississippi Fred McDowell, die allesamt auf diesem Album vertreten sind.
Es ist die Musik aus dem Mississippidelta, gespielt von jenen 70% der schwarzen Bevölkerung, die auf den Baumwollplantagen arbeiteten, in völliger Armut, eingeschränkt durch Rassentrennung, die bevormundet und abwertend behandelt durch die Weißen ihr Dasein fristeten. Blues wurde bei allen sich nur bietenden Gelegenheiten gespielt. Bei der Arbeit, bei Hauspartys, auf den Straßen, in den Kneipen. Das Kennzeichen des Delta Blues war eine intensive rhythmische Spannung, ein gepresster Gesang, und begleitet haben sich die Musiker meist selbst auf der Gitarre. Sie spielten nicht virtuos, dafür bodenständig. Einige von ihnen, wie zum Beispiel „Bukka“ White, dessen „Columbus, Mississippi Blues“ mit zu den eindringlichsten Songs dieser Zusammenstellung gehört, waren in Gefängnissen – meist wegen kleinlichen Vergehen. Insofern spielen in ihren Texten neben der täglich harten Arbeit, der Hoffnung auf ein besseres Leben, auch die schwierigen Lebensbedingungen in den Gefängnislagern und der Hass auf die staatlichen Obrigkeiten ein wichtige Rolle. Blues als ein Therapeutikum? John Lee Hooker drückt es so aus: „Tja, Blues ist der Heiler. Wenn man down und fix und fertig ist, wenn dich die Freunde, die Geliebte, die Frau nicht mehr so recht mögen, dann leg einen guten Blues auf und vergiss das alles. Hör zu. Er heilt. Blues heilt die ganze Welt. Musik heilt die Welt und sorgt dafür, dass es weitergeht.“ Das vorliegende „Classic Delta And Deep South Blues“-Album macht dieses Gefühl überdeutlich.
Jörg Konrad

V.A.
„Classic Delta And Deep South Blues“
Smithsonian Folkways / Galileo
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 27.12.2017
Laia Genc „Birds“
Bilder
In der musikalischen Welt der Laia Genc geht es um Grenzen. Oder besser: Um das Überwinden von gedanklichen Barrieren und das Überschreiten von scheinbaren Demarkationslinien – ohne dabei die eigene Individualität zu verlieren. Vielleicht, weil dieses Streben nach Freiheit ein Teil ihrer Persönlichkeit ist. Vielleicht aber auch, weil sie die Suche nach der eigenen Identität bewusst zulässt. Ja diese eventuell forciert – ohne sich in Phrasen unwichtiger Allgemeinplätze zu verlieren.
Laia Genc besitzt türkische Wurzeln, ist in Berlin aufgewachsen, hat in Köln Musik studiert, ein Jahr in Paris gelebt. Und alles, was sie in dieser Zeit der Veränderung und des neugierigen Lernens an Eindrücken aufgesaugt hat, ist auch in ihrer Musik zu spüren. Jazzharmonien, Songstrukturen, südöstliche Ornamentik, klassische Verweise, strahlende Melodien, melancholischer Tiefsinn und perlende Improvisationen. Die Musik auf „Birds“ zeichnet sich durch Überzeugung, Können und Fantasie aus. Strukturelle und stilistische Kontraste stehen sich auf den zwölf Kompositionen nicht unversöhnlich gegenüber, sondern werden durch Laia Genc miteinander in Beziehung gebracht. Sie schafft spielerische Übergänge unterschiedlicher Seelenlagen. Unprätentiös, behutsam gestaltend, aber doch eindeutig in der Wirkung. Sie erzählt am Instrument Geschichten, ihre Geschichten und harmoniert dabei mit den beiden Trio-Partnern Markus Braun (Bass) und Jens Düppe (Schlagzeug) aufs prächtigste. Gemeinsam agieren sie wie aus einem Guss, drei unterschiedliche Stimmen, die in einer Sprache sprechen, schwerelos klingen. Musikalisch eine hochkomplexe, differenzierte Zusammenarbeit, die jedoch eine gewisse Schlichtheit vermittelt. Im Grunde große Kunst. Das Schwierige leicht aussehen oder klingen zu lassen. Als Pianistin und Sängerin(!) gehört Laia Genc zu den derzeit interessantesten Erscheinungen. „Birds“ - ein kleines musikalisches Wunder!
Jörg Konrad

Laia Genc
„Birds“
Double Moon
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 26.12.2017
Mickey Hart „RAMU
Bilder
Bilder
Der Schlagzeuger des einstigen Flaggschiff der Hippie-Bewegung Grateful Dead ist seit Jahren als Musikethnologe unterwegs. Mickey Hart erforscht in staubigen Archiven und in der gelebten Realität die Geschichte der Rhythmen – weltweit. Zwischendurch kommt der New Yorker immer wieder an einen Punkt, an dem er die Ergebnisse seiner Arbeit öffentlich macht – mal als Buch, mal in Form eines neuen Albums. Nach vier Jahren hat sich der Meistertrommler Perkussionisten aus allen Himmelsrichtungen ins Studio geholt, um seine Studien akustisch umzusetzen. Er selbst fungiert als rhythmischer Mittler zwischen indischen Tablas, afrikanischen Talking Drums, südamerikanischen Batas, Kalimbas, Dondos und verschiedenen Rahmentrommeln.
Der Sound, der dabei entsteht, ist die Grundlage für eine sehr individuelle Form der Weltmusik. Sie ist (natürlich und vor allem) stark rhythmisch inspiriert, besitzt aber auch Anteile weltumspannender Folklore, kurzer Jazzimprovisationen, Rap-Vocals, elektronischer Soundscapes und treibender Bässe. Hin und wieder stehen bekannte Gäste im Scheinwerferlicht der Aufnahme, wie „Alt-Hippie“ Charles Lloyd am Saxophon, oder der schon 2003 verstorbene „Vater der Weltmusik“ Babatunde Olatunji aus Nigeria oder die seit über zwanzig Jahren nicht mehr unter den lebenden verweilende Ikone der Rock-Gitarristen und Mitbegründer der Grateful Daed: Jerry Garcia. Wie die beiden letzteren auf dieses 2017 aufgenommene Album geraten? Die Technik macht`s möglich.
Musikalisch klingt „RAMU“ (Random Access Musical Universe) nach einem Manifest der Grenzüberschreitung, einem Memorandum der Freiheit und Möglichkeiten. Gleich im ersten Song, „Auctioneers“ verarbeitet Hart die Stimme eines Auktionators einer Tabak-Auktion in Kentucky aus dem Jahr 1948. In einem Interview erklärte der Schlagzeuger: „Das Tempo dieser Versteigerung ist aus Rhythmus-Gesichtspunkten fantastisch, es hat eine eigene Melodie, wie ein Tanz. Man könnte die Sprache des Auktionators als ein Vorgänger von Rapmusik verstehen.“. Die Musik ist eingängig,  und doch meilenweit vom Mainstream-Markt entfernt. Hart spielt mit unterschiedlichsten Versatzstücken, klingt dadurch oft experimentell, ohne dass dies ein Avantgarde-Album wäre. Vielleicht passt am ehesten die Beschreibung rhythmische Spiritualität zu „Ramu“.
Jörg Konrad

Mickey Hart
„RAMU“
Verve
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.