Blickpunkt:
Musik
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Inhaltsverzeichnis
Carminho „Carminho Canta Tom Jobim“

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Cristina Branco „Menina“

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OHRENGLÜCK 26: Adam O`Farrill „Stranger Days“

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Rosario Giuliani & Luciano Biondini Quartet „Cinema Italia“

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Donauwellenreiter „Euphoria“

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VOR 40 JAHREN (16): Eberhard Weber „The Following Morning“

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Donnerstag 19.01.2017
Carminho „Carminho Canta Tom Jobim“
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Die Beziehung zwischen Portugal und Brasilien ist eine langwährende, auch schmerzliche Verbindung. Im Laufe der Zeit gab es sehr unterschiedlich gelebte bilaterale Kontakte, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem Vereinigten Königreich von Portugal, Brasilien und den Algarven gipfelten. Dass aufgrund dieser wechselvollen Geschichte kulturelle Gemeinsamkeiten bis in die Gegenwart spürbar sind, überrascht nicht. So ist die brasilianische Musik geprägt von europäischen Einflüssen, die durch die einstige Kolonialmacht Portugal ins Land getragen wurden. Ein weiterer historisch wichtiger musikalischer Baustein des südamerikanischen Landes stammt aus Afrika, als Folge der über 350 Jahre anhaltenden gewaltsamen Rekrutierung von Millionen Menschen als billigste Arbeitskräfte.
Carminho, in Portugal zu den wichtigsten und einflussreichsten Sängerinnen zählend, hat nun ein Album aufgenommen, auf dem sie sich tief vor der Musik des bevölkerungsreichsten Landes Südamerikas verbeugt. Speziell vor dem großen Antonio Carlos Jobim, dem sicher populärsten aller brasilianische Sänger und Komponisten. Anlässlich seines 90. Geburtstages, den der 1927 in Rio de Janeiro geborene Jobim in diesem Monat begehen würde, hat Carminho vierzehn seiner Songs auf ihre sehr zurückhaltend emotionale Weise interpretiert. Ihre Stimme ist das perfekte Medium zwischen melodiöser Melancholie und pathetischem Temperament. Mit eleganter Zurückhaltung und leicht laszivem Timbre gibt sie den Songs eine Aura sehnsüchtiger Leidenschaft. Nie vermittelt sie das Gefühl, in einer anderen Sparte Erfolg haben zu wollen. Sie bleibt als Künstlerin vollkommen bei sich, erspürt als portugisische Fadista die Songs mit ihrer Persönlichkeit und erobert sie letztendlich mit innerer Stärke und individueller Überzeugung im Vortrag. Sie schafft Stimmungen, die weniger durch hörbare Intensität und Willenskraft beeindrucken. Still und einfühlsam gibt sie sich (auch inhaltlich) der Musik hin.
„Carminho Canta Tom Jobim“ ist aber auch eine verträumte Reise in die Vergangenheit, als der Bossa Nova die Welt eroberte. Jener Bossa Nova, der die politischen und wirtschaftlichen Krisen in den 1960er Jahren musikalisch so leichtfüßig synkopierend begleitete. Jene Musik, die für viele Menschen weltweit das Einfallstor zum Jazz bedeutete, zu Stan Getz, zu Charlie Byrd und zu Kenny Dorham. Und von dort immer weiter und tiefer in die zeitgenössischen Musenzirkel. All dies schwingt in Caminho Interpretationen auf faszinierende Weise mit.
Begleitet wird sie übrigens von Antonio Carlos Jobims letzter Studioband, zu der auch Jobims  Sohn Paulo (Gitarre) und sein Enkel Daniel (Piano) gehören. Zudem sind die Sängerin Marisa Monte und Sänger Chico Buarque mit von der Partie. Beide selbst in der brasilianischen Musikszene fast schon Legenden ….. .
Jörg Konrad

Carminho
„Carminho Canta Tom Jobim“
Warner Music
Autor: Siehe Artikel
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Freitag 06.01.2017
Cristina Branco „Menina“
Seit Jahren ist Cristina Branco die personifizierte Stimme des Fado. Eine der bekanntesten und faszinierendsten Fadista überhaupt. Sie hat sich seit frühester Jugend der musikalischen Schwermut ihrer Heimat Portugal verschrieben. Letztendlich ein Erfolg der verpflichtet. Natürlich. Aber Cristina Branco ist zu sehr Künstlerin, als dass sie ihre bewegende Stimme allein der Interpretation des portugiesischen Weltschmerz und der latenten Sehnsucht widmet. Was macht also jemand, der den Gipfel des Erreichbaren erstiegen hat und sich hier schon eine Weile aufhält? Mit Mut und Selbstvertrauen sucht er nach neuen Herausforderungen, ohne dabei die bisherige Technik, oder gar seine Persönlichkeit leichtfertig über Bord zu werfen.
Für Cristina Branco heißt diese neue Herausforderung „Menina“. Zwölf berührende Songs, voller Brüchigkeit, Stolz und Melancholie. Aber auch voller Freude und Zuversicht.
Das unterscheidet dieses Album von vielen ihrer Vorgänger. Denn „ … Melancholie ist nur eine Verfassung und nicht der Sinn des Lebens. Sie hält nicht für immer an ...“, sagte sie vor einiger Zeit in einem Interview. Es ist auf die Dauer auch schwierig, fast ausschließlich die Geschichten von Seefahrern, Prostituierten und Landstreichern zu singen. Hier erleben wir die 1972 in Almeirim geborene Cristina als eine Sängerin zwischen Klassik, Jazz und Folk. Im Zentrum dieser Aufnahme steht allein Cristinas Stimme, deren klare Linien und feine Verzierungen allein schon das Leben in seinen vielfältigen emotionalen Schattierungen widerspiegelt. Sie vertont gesanglich eine ganze Palette gelebter Gefühle. Festlich im Ausdruck, doch sehr sehr persönlich in der Reflexion. Es sind keine Begleittexte, sondern inspirierende Intimkunst. Bekenntnisse verinnerlichter Distanzierungen.
Die instrumentalen Stimmen von Bernardo Moreira (Bass), Bernardo Couto (Gitarre) und Luis Figueiredo (Klavier) wirken in ihrer vornehmen Zurückhaltung ungemein elegant. Sie versprühen hin und wieder kleine solistische Glanzpunkte. Brückenschlagend, zwischen entspannt dahingleitenden amerikanischen Jazzstandards, portugiesischer Musiktradition und klassischer Stringenz.
Jörg Konrad

Cristina Branco
„Menina“
Universal / Edel
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Dienstag 27.12.2016
OHRENGLÜCK 26: Adam O`Farrill „Stranger Days“
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Großvater Chico komponierte schon für Benny Goodman und Dizzy Gillespie. Vater Arturo leitet das Afro-Cuban Jazz Orchestra im New Yorker Lincoln Center. Bruder Zack ist Schlagzeuger und mit dabei auf dieser CD, dem Debütalbum des jungen Adam O’Farrill. Eine Trompete im Jazz – man glaubt zu wissen, wie das klingt. Doch „Stranger Days“ passt nicht leicht in eine der bekannten Schubladen. Diese Musik ist weder fröhlicher Swing noch melancholische Romanze, auch nicht virtuoser Bop oder atonales Experiment. Adam O’Farrill spielt zwar Jazztrompete, aber sein Jazz ist kein typischer Trompetenjazz. „Hier geht es nicht darum, Soli zu blasen“, sagt sein Bruder Zack, „sondern darum, Geschichten zu erzählen, Bühnen und Szenen zu schaffen, Figuren zu entwickeln.“ Ohne Harmonie-Instrument geht hier ein Quartett zu Werke, das betont nüchtern klingt: nur Trompete, Saxofon, Kontrabass, Schlagzeug. Ruhige und tiefe Töne überwiegen, doch sie bewegen sich nicht im Ungefähren, sondern haben eine klare, sachliche Ordnung. Adam O’Farrill kann auf der Trompete auch völlig ohne Begleitung zwei Minuten lang spannend improvisieren, ohne laut werden zu müssen. Aus der Relaxtheit entspringt dabei die Tiefe der Emotionalität – es ist die Emotionalität hintergründiger Filmszenen, raffinierter Handlungsstränge und ungelöster Geheimnisse. Dass große Teile der Jazzgeschichte in dieser Musik wie nebenbei miterzählt werden, macht ihre Größe aus. „Stranger Days“ ist das wahrscheinlich bedeutendste Trompeter-Album des Jahres 2016.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Adam O’Farrill
Stranger Days
Sunnyside
Autor: Siehe Artikel
Samstag 24.12.2016
Rosario Giuliani & Luciano Biondini Quartet „Cinema Italia“
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Es war am 22. Juli dieses Jahres. Da spielte in der Germeringer Stadthalle das Quartett um den Altsaxophonisten Rosario Giuliani und den Akkordeonspieler Luciano Biondini. Auf dem Programm standen italienische Filmmelodien, die zwei Monate später unter dem Titel „Cinema Italia“ auf CD erschienen. Eingespielt in Rom, in der Casa Del Jazz. Was in Germering an eine furiose, Temperament geladene Tour de Force erinnerte, klingt in der italienischen Hauptstadt wohltemperiert und emotional ausbalanciert.
Die Klassiker italienischer Filmmusik, komponiert von Nino Rota und Ennio Morricone, funktionieren in jeder emotionalen Stimmungslage. Kompositionen von einer derart melancholischen Poesie, harmonischen Transparenz, aber auch melodischen Direktheit, sind zum seelenwärmenden Evergreen prädistiniert. Und wenn es die Instrumentalisten dann auch noch verstehen, die unterschiedlichen Atmosphären der Songs gefühlvoll auszureizen, sie zudem mit intelligenten wie lasziven Improvisationen anzureichern, dann haben wir europäische Standards des Jazz, welche die nordamerikanische Konkurrenz nicht zu fürchten brauchen.
Giuliani versteht es, seine Instrumentaltechnik zurückhaltend einzusetzen. Er setzt im Studio mehr auf eine wohldosierte Spielweise zwischen Swing, Hardbop und Blues, als dass er seine expressiv verwegenen Chorusse brodeln lässt. Biondini verkörpert am Akkordeon das Traditionelle, das Volksmusikalische, aber ohne jedwedes Pathos. Seine melancholisch-sprudelnde Poesie ergänzt sich grandios mit dem deutlich intellektuell ausgerichteten Spiel Giulianis.
Die Geschichten, die von diesem Quartett spielerisch erzählt werden, evozieren zum Großteil Bilder. Bekannte Bilder aus Filmen von Federico Fellini, von Giuseppe Tornatore oder von Sergio Leone. In diesen Reigen wehmütig schöner Melodien passen sich auch einige Kompositionen von Rosario Giuliani und Luciano Biondini ein. Ohne jedes Effektgetöse oder spürbare Originalitätssucht. Ebenso zauberhaft und zeitlos.
Jörg Konrad

Rosario Giuliani & Luciano Biondini Quartet
„Cinema Italia“
Jando Music
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Samstag 17.12.2016
Donauwellenreiter „Euphoria“
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Im ersten Teil ihres neuen Albums klingen Donauwellenreiter wie ein im Pop-Waschgang geschleudertes Streichquartett. Es war schon immer die Stärke der vier Wiener, unterschiedlichste musikalische Einflüsse und geographisch ferne Welten miteinander zu verzahnen. Auf „Euphoria“ bekommt diese offene und befreiende Musikalität einen fast klassischen Anstrich. Und genau das macht auch hier wieder den Reiz der Donauwellenreiter aus. Sie sprengen Grenzen, überspringen Gräben, reißen Zäune nieder – ohne dass man es in jeder Sequenz ihrer Musik spüren würde.
Es sind wieder großartige und berührende Melodien, die das Quartett in rhythmisch anspruchsvolle und teilweise in die Beine zielenden Rhythmen verpackt. Das Quartett zeigt auch nach der Umbesetzung, ganz im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen, wie stark eine Kultur davon profitieren kann, wenn sie all die Einflüsse, die sich im Rahmen heutiger Weltbewegungen ergeben, aufnimmt und verarbeitet. Trotzdem ist eine unverwechselbar individuelle musikalische Kommunikation sehr wohl möglich. Wien scheint für diese Art der künstlerischen Auseinandersetzung schon immer ein absolut prädestinierter Ort. Hier treffen seit Jahrhunderten Orient und Okzident aufeinander, kommen Flüchtlinge an, sind Kulturen auf der Durchreise. So kommt es, dass die Melancholie, einem Aushängeschild der Wiener Schule, bei Donauwellenreiter einer gewissen Leichtigkeit Platz macht. Nichts da, von wegen schwerer, lebensmüder Kost, aus einer morbiden Stadt. Auch dann nicht, wenn Maria Craffonara ihre Songtexte in ladinisch, einer heute fast ausgestorbenen Sprache aus Norditalien, vorträgt. Hier gehen Kopf und Bauch Hand in Hand.
helga b

Donauwellenreiter
„Euphoria“
Alive
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 11.12.2016
VOR 40 JAHREN (16): Eberhard Weber „The Following Morning“
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Um ihn herum explodierte zu jener Zeit die Musik. John McLaughlin stellte gerade seine erste indische Band Shakti mit drei Handtrommlern vor, Joachim Kühn veröffentlichte „Hip Elegy“ mit Meisterdrummer Alphonse Mouzon und Perkussionist Nana Vasconcelos, das Thad Jones / Mel Lewis Orchestra besaß einen teuflisch guten Schlagzeuger als Leader und die Trommler der alten Saxophon-Recken, wie Jackie McLean oder Phil Woods, waren rhythmisch sowieso unschlagbar. Und in diese rhythmuslastige Periode platzte die dritte Veröffentlichung des deutschen Bassisten Eberhard Weber – ohne jedes Schlagwerk. Stattdessen mit Cellis, Waldhörnern, Oboen und dem (elektronischen) Pianisten Rainer Brüninghaus. Das Album trägt den Titel „The Following Morning“ und ist eine Sammlung von vier Kompositionen, in denen der Bass die Solostimme übernimmt. Es war kein Free-Jazz, wie ihn Barre Phillips zelebrierte und es war kein Jazz-Rock, in der Manier eines Jaco Pastorious. Eberhard Weber bestellte hier ein musikalisches Feld, das sich zwischen moderner klassischer Musik und Jazz bewegte. Melodische Bass-Improvisationen, mit sich tief einprägenden Melodielinien, die manchmal eine kindhafte Schwerelosigkeit, manchmal eine gravitätisch intellektuelle Note beinhalteten. Immer sanft, meditativ und trotzdem durchdringend. Getragen wird dieser befreite Bass-Ton von elegischen Streicherparts, die in ihrer ergreifenden Melancholie bis heute tief berühren und als Seelen-Soundtrack wie geschaffen scheinen. Insgesamt ein impressionistisches Klanggemälde, immer ein wenig an die Adagios eines Gustav Mahler erinnernd.
Weber, der im Alter von sechs Jahren selbst begann Cello zu spielen, hat sich sein musikalisches Rüstzeug später in ungezählten Gigs als Sideman namhafter Jazzgrößen angeeignet. Er war eine Art Hausbassist beim legendären, 1968 in Villingen gegründeten MPS-Label. Seinen eigenwilligen, sirenischen Sound verdankt der Schwabe im Grunde der Sperrigkeit seines Instruments. Aus einem alten italienischen Instrument ließ er einen zerlegbaren „Reisebaß“ fertigen, über den Michael Naura einmal sagte: „Ein häßliches Ding zwar, aus der Not geboren, aber handlich wie ein Kamm, wie einer aus Gold.“ Er hat diesen Bass ohne Resonanzkörper bis zu seinem unfreiwilligen Karriereende 2007 gespielt. Während einer Tournee mit der Jan Garbarek Group erlitt er einen Schlaganfall mit Folgen. Nie wieder erlangte er die für das Spielen seines Basses notwendige Feinmotorik zurück.
Seine Diskographie ist trotz fünf Jahrzehnten im Jazzgeschäft überschaubar geblieben. Vierzehn Alben unter eigenem Namen sind es in dieser Zeit geworden, die, alle bei ECM München erschienen, durchgehend von beeindruckender Musikalität zeugen. Dafür erhielt Eberhard Weber im letzten Jahr den Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg in der neu geschaffenen Kategorie „Sonderpreis“ für sein Lebenswerk. Im gleichen Jahr wurde ihm auch der  ECHO Jazz für sein Lebenswerk überreicht.
Jörg Konrad

Eberhard Weber
„The Following Morning“
ECM Records
Autor: Siehe Artikel
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