Musik
Musik
Inhaltsverzeichnis
Panzerballett „X-Mas Death Jazz“

43

OHRENGLÜCK 38: Kammerer OrKöster

44

OHRENGLÜCK 37: Trio Omphalos

45

John Taylor Trio „Decipher“

46

Johanna Borchert „Lover Or Emptiness“

47

OHRENGLÜCK 36: Carsten Lindholm

48

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Samstag 23.12.2017
Panzerballett „X-Mas Death Jazz“
Bilder
Bilder
Bilder
Nun, in den Reigen weihnachtlicher Traditionsmusik passt dieses Werk wohl eher nicht. Oder vielleicht doch? Jan Zehrfeldt und sein Panzerballett sorgen auf ihrem insgesamt sechsten Album jedenfalls für ordentlich Stimmung. Da ist auf das Münchner Quintett wie gewohnt Verlass. Selbst wenn ein „X-Mas“ auf dem Cover steht, dominieren brüllende Gitarrenläufe, provozierende Bassdrums, schneidende Saxophonkaskaden. Diese Band ist mit das Subversivste, was derzeit zu hören ist. Besonders wer das Panzerballett Live erlebt hat, weiß wovon die Rede ist.
Trotz der geballten Kompromisslosigkeit, sind deren Saitengewitter hochkomplex und differenziert, besitzt die Musik (eine dunkle) Seele und jede Menge Querverweise. Jan Zehrfeld war zum Beispiel vor zwei Jahren Musikalischer Leiter der Nibelungenfestspiele Worms, hat in Graz Jazzgitarre studiert und nimmt eine Dozententätigkeit an der Popakademie Mannheim war. Ein inspirierter und inspirierender musikalischer Freidenker, der hier mit Hochdruck seine Musik spielt: Progressiv Metal. Eine überwältigende und mitreißende Klangorgie, die hartnäckig gegen jedes Puristentum anspielt. Funk und Groove spielen neben dem Rock`n Roll und Jazz in diesem Projekt eine ebenso wichtige Rolle wie auch der Humor, bei aller Ernsthaftigkeit, was die Spielkultur der Instrumentalisten betrifft. George Michaels Mega-Hit „Last Christmas“ oder der Gassenhauer „Rudolph, The Red-Nosed Reindeer“ werden hier zu einem von pulsierenden Polyrhthmen vorangetriebenen Metal-Manifest. Dieses kalkulierte Chaos hat trotz seines herausfordernden Potenzials einen gewissen (zugegeben etwas derben) Charme. Weihnachtsmusik eben - der etwas anderen Art.
Jörg Konrad

Panzerballett
„X-Mas Death Jazz“
Gaom / Soulfood
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 19.12.2017
OHRENGLÜCK 38: Kammerer OrKöster
Bilder
Kammerer OrKöster ist kein Kammerorchester, sondern ein Jazzsextett. Benannt ist es nach Jakob Kammerer, dem Schlagzeuger der Band, und Richard Köster, ihrem Trompeter, die auch alle Stücke fürs Debütalbum geschrieben haben. Gefunden haben sich die sechs jungen Musiker 2014 beim Studium in Wien, 2016 gewannen sie den Nachwuchspreis in Burghausen. Bevor sie ihr erstes Album aufnahmen, haben sie sich offenbar gefragt: „Was können vier Bläser plus Bass und Schlagzeug alles auf die Beine stellen?“ Und dazu fiel ihnen dann eine ganze Menge ein. Zum Beispiel: eine fröhliche New-Orleans-Brassband, scharfe Funk-Riffs, nervöser Bebop, eine traditionelle Blaskapelle, schleppender Blues, kontrapunktisch verschränkter Cool Jazz, meditative Klänge, swingende Bigband-Illusionen. Das alles und einiges mehr, das sich weniger leicht definieren lässt, packten sie in ihre zehn Stücke und haben es zum Teil noch kräftig durchmischt. Wunderbar jazzige Improvisationen, humorvolle Stilbrüche, raffinierte Rhythmen und halsbrecherische Basslinien setzen dem Ganzen die Glanzlichter auf. Es braucht schon ein wenig Chuzpe und Furchtlosigkeit, um ohne die Hilfe eines Harmonie-Instruments auf so vielfältige Weise die musikalischen Klischees zu verwirbeln. Das erste Album der überwiegend österreichischen Band macht definitiv gute Laune und weckt die Lebensgeister. Zwischendurch entführt es uns auch in sanftere Kopfkino-Welten. Dieser „Senf“ bringt ordentlich Würze in den Winter.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Kammerer OrKöster
"Senf"
Double Moon Records
Autor: Siehe Artikel
Montag 04.12.2017
OHRENGLÜCK 37: Trio Omphalos
Bilder
Takt, Rhythmus, Temperatur, Skala, Intervall... In Musik steckt viel Mathematik. Aber genügt Mathematik allein oder braucht es auch Gefühl? John Cage (1912-1992) meinte, Klang und Rhythmus sollten sich endlich von der Gefühlsgrammatik des 19. Jahrhunderts befreien und für sich selbst stehen. Wie schön das klingen kann, zeigt das Trio Omphalos. Stefan Hülsermann, Olaf Pyras und Ji-Youn Song spielen in der Besetzung Klarinette, Schlagzeug, Klavier. Für diese Instrumentierung gibt es nur wenige Werke, aber das Trio weiß sich zu helfen. In John Cages „Four Dances“ (1943) wird einfach die (textlose) Gesangsstimme durch die Klarinette ersetzt. In Cages „Chess Pieces“ ist die Besetzung sogar frei wählbar, denn diese Klangepisoden beruhen nicht auf einer Komposition, sondern einem Gemälde (1944). Auch Tom Johnsons „Rational Melodies“ (1993) dürfen laut Komponist „von jedem Instrument, in jeder Oktave und Transposition, auch von Gruppen von Instrumenten“ gespielt werden. Johnsons Miniaturen entwickeln sich dabei gemäß einfachster mathematischer Operationen ( „+1“ oder „–1“) – den Schlüssel dazu liefert das Trio im abschließenden „Counting Duet No. 2“ (1982). Aber wie klingt diese Musik nun? Wir hören elementare Figuren und Tonfolgen, ganz ohne Ausdruck und Zweck – das hat etwas Asiatisches, Zen-Meditatives, Philosophisch-Mathematisches. Und doch werden wir tief bewegt vom schlichten Rhythmus selbst, von der einfachen, bewegten Form, vom ganz nackten Klangerlebnis, das das Trio überaus abwechslungsreich gestaltet. Wie schrieb der große Musikversteher Eduard Hanslick (1854): „Das Organ, womit das Schöne aufgenommen wird, ist nicht das Gefühl, sondern die Fantasie.“

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

John Cage / Tom Johnson
Trio Omphalos
WERGO
Autor: Siehe Artikel
Samstag 25.11.2017
John Taylor Trio „Decipher“
Bilder
Dieses Album ist eine musikalische Novität. Denn es enthält eine der ganz frühen Einspielungen des englischen Pianisten John Taylor, aufgenommen im Sommer 1971. Taylor gehörte damals zu einem kleinen Kreis hartgesottener britischer Musiker, die vom Virus des Jazz infiziert waren.  Kommerziellen Erfolg hatten sie kaum und Auftrittsmöglichkeiten waren zu jener Zeit eher rar.
Taylor hatte Glück und bekam im legendären Ronni Scott Jazzclub in London die Stelle des Hauspianisten. Es waren Lehrjahre, in denen er mit den großen, vor allem amerikanischen Solisten spielte, die auf der Durchreise waren.
Dort, bei Ronnie Scott, hörte ihn eines Tages auch Hans Georg Brunner-Schwer, der, aus Villingen in Süddeutschland kommend, auf der Suche nach Musikern für sein 1968 gegründetes (erstes deutsches) Jazz-Label MPS (Musik-Produktion-Schwarzwald) war. Der Unternehmer war begeistert und lud den Pianisten in die Fabrikantenvilla in der Richthofenstraße in Villingen ein. So entstand vor über 46 Jahren die vorliegende Aufnahme, auf der Taylor noch stark an seinem damaligen Favoriten Oscar Peterson erinnert, aber auch den zu jener Zeit in Europa vehement vertretenden Anspruch der freien Improvisation mit einbringt. Mit seinen Begleitern Chris Lawrence am Bass und Tony Levin am Schlagzeug spielt er eine vitale, manchmal bis an die Grenze des Überschäumens reichende Musik. Seine späteren melodiösen Sehnsüchte sind noch wenig zu spüren. Hier ist jemand dabei, seinen Weg, seinen persönlichen Ausdruck zu finden, einer, der mutig nach vorn schreitet, Risiken in Kauf nimmt, auch Erfahrungen sammelt. Man merkt dieser Aufnahme, trotz aller Freiheiten denen sich die Musiker bedienen, die Konzentration an, mit der sie bei der Sache sind, aber auch die Freude, mit der sie sich auf experimentellem Gebiet bewegen. Man spürt das musikalische Selbstbewusstsein und die Unbedingtheit, mit der das Trio den Kompositionen, auch im Spontanvorgang, zu Leibe rückt. Virtuos und sinnlich.
So ist „Decipher“, zu deutsch „dechiffrieren“ oder „entziffern“, ein Album, das am Anfang der Karriere eines Pianisten steht, der zu einem der wichtigsten der europäischen Szene werden sollte. All seine späteren Aufnahmen, das legendäre Projekt Azimuth, die Lyrizismen seiner Trio- und Soloeinspielungen, ja auch seine Professur an der Hochschule für Musik Köln zwischen 1993 und 2007 sind von dieser Ausgangszeit geprägt.
John Taylor starb 72jährig während eines Auftritts beim Saveurs Jazz Festival in Frankreich im Sommer 2015.
Jörg Konrad

John Taylor Trio
„Decipher“
MPS / Edel
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 07.11.2017
Johanna Borchert „Lover Or Emptiness“
Bilder
Bilder
Bilder
Johanna Borchert gehört zu jenen Sängerinnen, die nicht aufgrund ihrer stimmlichen Fähigkeiten beeindrucken, sondern durch die Art, wie sie diese in ihr musikalisches Gesamtkonzept einbetten. Im Mittelpunkt auch ihres neuen Albums stehen außergewöhnlich berührende Interpretationen, die komplexe Ästhetik brillanter Kompositionen, sorgfältig gearbeitetete Arrangements und der experimentelle Charakter einer originellen Instrumentierung. Man würde der aus Berlin stammenden Künstlerin Unrecht antun, sie in eine der gängigen Stilsparten einzuordnen. Denn für eine Singer-Songwriterin ist sie zu musikalisch, für eine Popmusikerin ist ihr neues Album zu anspruchsvoll, für eine Jazz-Vokalistin ist ein Bezug zur Tradition kaum spürbar. Was also ist das Besondere an Johanna Borchert?
„Ich war ja Pianistin und wusste, ich kann gar nicht singen“, erzählte sie in einem Interview vor einiger Zeit. Grund genug, trotzdem eine Karriere als Sängerin anzustreben. Auch während des Jazz-Studium in Berlin fühlte sie sich völlig fehl am Platz. Wahrscheinlich liegt ja genau in dieser Annahme von Gegensätzlichem, in der Bereitwilligkeit, Brüche in ihre Arbeit mit einzubeziehen das ganze Geheimnis und damit auch der Erfolg begründet.
Johanna Borchert entwickelte so eine völlig eigene Musiksprache, die nur ganz oberflächlich betrachtet an Björk oder Laurie Anderson oder Joanna Newsome erinnert. Natürlich klingt Johanna Borchert dabei nicht wie jemand anderes. Schon in ihrem vor Jahren gegründeten Duo „Schneeweiss und Rosenrot“ war dieses poetisch Pulsierende zu spüren. Dieses anders sein – aber aus einer völligen Selbstverständlichkeit heraus.
Seitdem sind fünf Jahre und zwei Solo-Alben vergangen. „Love Of Emptiness“ ist also der Nachweis, dass es sich hier nicht um einen launigen Glücksfall handelt. Johanna Borchert stellt ihre enormen Fähigkeiten als Pianistin nicht in den Vordergrund. Die Songs wirken dadurch offener und freier und textbezogener. Sie kann ihre Experimentierlust ausleben, mit unterstützenden oder regulierenden Sounds arbeiten. Die Stimme wirkt in ihrer Natürlichkeit fast exotisch. Und ihre Band folgt den Ideen, klingt Mal wie ein Rockungeheuer, Mal wie ein sensibles Ambient-Unternehmen. Dieser musikalische Balanceakt ist ein hinreißendes Statement, zu dem man nur beglückwünschen kann.
Jörg Konrad

Johanna Borchert
„Lover Or Emptiness“
Enja / Yellowbirds
Autor: Siehe Artikel
Montag 30.10.2017
OHRENGLÜCK 36: Carsten Lindholm
Bilder
Stücktitel wie „Ganges“ und „Punjab Boogie“ verraten es: Der dänische Schlagzeuger Carsten Lindholm ist von der Rhythmuskunst der indischen Musik inspiriert. Doch abgesehen von gelegentlichen Sitar- und Tampuraklängen bleibt der indische Einfluss hier ganz im Hintergrund – er verschmilzt mit minimalistischen, elektronischen und nordischen Jazz-Elementen. Die 14 Stücke dieses Albums pulsieren überwiegend sanft und meditativ, ohne jemals zu langweilen. Dafür sorgt schon die kunstvolle Kombination der Instrumente, die mit jedem Stück wechselt: Vibraphon trifft auf Harmonium, Kalimba auf Fender Rhodes. Wie ein roter Faden zieht sich zudem der sehnsuchtsvolle Klang der Trompete durch das Album, weckt Erinnerungen an Miles und Molvaer. Fünf verschiedene Trompeter und insgesamt 16 verschiedene Musiker machen „Indispiration“ zu einem kleinen Gipfeltreffen ästhetischen Feingeists. Der Franzose Erik Truffaz ist beteiligt, ein Pionier in der Verbindung von Trompete und Elektronik, aber ebenso John Beasley, der amerikanische Jazzpianist und Monk-Fachmann, dazu Klavs Hovman, langjähriger Bassbegleiter von Marilyn Mazur, oder Christopher Dell, der deutsche Ausnahme-Vibraphonist und Improvisations-Theoretiker. Dieses Album bringt viele Gegensätze zur kreativen Synthese. Carsten Lindholm ist dabei etwas ganz Seltenes gelungen: ein aufmerksames, sensibles, unaufdringliches Meisterwerk.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Carsten Lindholm
Indispiration
Jazznarts Records
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.