Blickpunkt:
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Inhaltsverzeichnis
IM ZEICHEN DES ABNEHMENDEN LICHTS

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BERLIN SYNDROM

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JAHRHUNDERTFRAUEN

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DAS ENDE IST DER ANFANG

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EXPEDITION HAPPINESS

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EIN DORF SIEHT SCHWARZ

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Donnerstag 25.05.2017
IM ZEICHEN DES ABNEHMENDEN LICHTS
Ab 01. Juni 2017 im Kino
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Ostberlin, im Frühherbst 1989. Wilhelm Powileit (Bruno Ganz), hochdekoriertes SED-Parteimitglied und Patriarch der Familie, wird heute 90 Jahre alt. Für die DDR, in die er 1952 aus dem mexikanischen Exil zurückkehrte und die er aus Überzeugung mit aufbaute, naht der 40. Geburtstag – es wird der letzte sein.
Wilhelm und seine Frau Charlotte (Hildegard Schmahl), einander in inniger Verbitterung verbunden, rüsten sich für Wilhelms Ehrentag. Nachbarn, Genossen und singende Pioniere treten an, um dem Genossen Powileit zu gratulieren, Blumen zu überreichen und ihm einen weiteren Orden zu verleihen. Charlotte hofft auf die Unterstützung der Familie: ihr Sohn Kurt (Sylvester Groth), der 1956 aus den Arbeitslagern der UdSSR nach Ostberlin gekommen ist und in Ostberlin als Historiker arbeitet, Kurts russische Frau Irina (Evgenia Dodina), die er heimlich betrügt, und auch Charlottes erwachsener Enkel Sascha (Alexander Fehling) haben ihre festen Plätze im parteikonformen Jubiläumsspektakel. Doch Sascha wird heute nicht wie gewohnt den Tisch fürs kalte Buffet aufbauen. Er ist, nur wenige Tage zuvor, in den Westen abgehauen. Die Nachricht platzt in die Festgesellschaft wie eine Bombe.
Während Kurts Schwiegermutter Nadeshda Iwanowna (Nina Antonowa) in Wodka geschwängerter Runde ihre russischen Weisen anstimmt, rechnet die verzweifelte Irina mit ihrer Schwiegertochter Melitta (Natalia Belitski) und der ganzen Gesellschaft ab. Haushaltshilfe Lisbeth (Gabriela Maria Schmeide) fegt die Scherben zusammen und auch Charlottes Freundin Stine (Angela Winkler) versucht zu retten, was zu retten ist. Doch je weiter das Fest dem Ende zugeht, umso mehr brechen sich Geheimnisse ihre Bahn... Die Veränderung ist nicht mehr aufzuhalten. Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts.

Ein Film von MATTI GESCHONNECK
Mit BRUNO GANZ, HILDEGARD SCHMAHL, SYLVESTER GROTH, EVGENIA DODINA

2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, ist IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS Eugen Ruges gefeierter Roman einer Familie in vier Generationen, die in den letzten Tagen der DDR auf eigene Art und Weise zerfällt. Nun liefert das Buch die Vorlage für den gleichnamigen Film, der auf den 67. Internationalen Filmfestspielen Berlin seine Weltpremiere feiert.
Regisseur Matti Geschonneck (BOXHAGENER PLATZ, DAS ZEUGENHAUS) inszenierte Wolfgang Kohlhaases (SOLO SUNNY, SOMMER VORM BALKON) kongeniales Drehbuch mit Freiheit und Präzision, sensibler Komik und anrührender Tragik für die Leinwand. In den Hauptrollen brillieren Bruno Ganz, Hildegard Schmahl, Sylvester Groth, Evgenia Dodina und Alexander Fehling. In weiteren Rollen sind u.a. Angela Winkler, Gabriela Maria Schmeide, Inka Friedrich und Thorsten Merten zu sehen.
IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS ist eine Produktion der MOOVIE (Produzenten: Oliver Berben, Sarah Kirkegaard) in Koproduktion mit dem ZDF (Redaktion: Reinhold Elschot, Stefanie von Heydwolff) und Constantin Film Produktion, gefördert vom Medienboard Berlin-Brandenburg, dem Deutschen Filmförderfonds, der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und dem FilmFernsehFonds Bayern.
X Verleih bringt den Film am 01. Juni 2017 im Vertrieb der Warner Bros. in die deutschen Kinos.


GESPRÄCH ZWISCHEN WOLFGANG KOHLHAASE UND MATTI GESCHONNECK. BERLIN, 17. FEBRUAR 2017

Herr Kohlhaase, was haben Sie beim Lesen von Eugen Ruges Roman IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS für sich entdeckt?
Wolfgang Kohlhaase: Zunächst möchte ich sagen, dass ich gern seinen Vater gelesen habe, den Historiker Wolfgang Ruge. Er schrieb erhellend und unprofessoral über die Weimarer Republik und die Umstände, die zu Hitler führten. Eugen Ruge kannte ich nicht. Ich las IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS und mir fiel der Ton der Geschichte auf, ein leichter Ton für ein schweres Thema. Dann erfuhr ich, dass er über seine Familie geschrieben hatte. Ich hatte Menschen mit ähnlichen deutschen Lebensläufen kennengelernt, wie Ruge sie beschreibt. Ihre Wege waren Fluchtwege und hatten um die Welt geführt, nach Frankreich und Mexiko, nach New York und Moskau. Und manche hatten mit linker Gesinnung in sibirischen Lagern überlebt. Solche Menschen waren damals, bald nach dem Krieg, als ich anfing, zu denken und zu lesen, sehr wichtig für mich.

Was vor allem haben Sie an ihnen bemerkt?
WK: Ihren besonderen Blick auf Geschichte. Ihre Bildung, aber auch ihre Geduld und Bescheidenheit haben mich sehr berührt. Dabei waren es doch Leute, die die Widersprüche des Jahrhunderts ausgetragen und erlitten hatten.

Dachten Sie beim Lesen des Buches sofort an eine Verfilmung?
WK: Es war zunächst eine Art Einmann-Idee. Ich wusste, was nicht ging: Der Roman ließ sich nicht einfach kürzen. Und ich wollte keinen Mehrteiler fürs Fernsehen machen.

Haben Sie sich mit Eugen Ruge getroffen?
WK: Ja. Ich hatte dann eine Art Plan für das Drehbuch, auf ein paar Seiten. Das hatte noch den Charakter eines Versuchs. Wir waren uns einig, dass der Film seine Autonomie suchen muss. Das betraf Text und Untertext, Dramaturgie, die Rangordnung der Personen, die Dialoge. Der Stoff musste Material werden und dann wieder Form.

Welche Entscheidungen grundsätzlicher Art haben Sie für die Struktur des Drehbuchs getroffen?
WK: Das eben Gesagte. Außerdem: Keine Rückblenden.

Herr Geschonneck, wann sind Sie zu IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS als Projekt gestoßen?
Matti Geschonneck: Ich las zunächst über den Roman. Dann beim eigentlichen Lesen des Buches haben mich vor allem die Figuren interessiert. Wie Wolfgang Kohlhaase kannte ich aus meinem privaten Umfeld reale Personen mit ähnlichen Biografien, aus meiner Familie, aus meiner Schulzeit in der DDR, aber auch aus den Jahren meines Studiums in der Sowjetunion. Mir ist Russland, das im Buch eine große Rolle spielt, in seiner Schönheit, aber auch in seiner Zerrissenheit und Gewalt, sehr nahe.

Noch also gab es kein Drehbuch …
MG: Nein, aber ich habe geahnt, dass der Stoff bei Wolfgang Kohlhaase landen würde. Das lag nahe.

Ein erfolgreicher Roman wird zumeist sehr schnell vom Markt gekauft, um ihn irgendwann zu verfilmen.
MG: So war es auch. Mit Produzent Oliver Berben hatte ich zuvor schon gearbeitet, wir fanden für IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS sehr schnell zueinander. Mit Wolfgang kam ich zusammen, da hatte er eine dreiviertel Seite mit seinen Grundideen aufgeschrieben.

War der Film zu diesem frühen Zeitpunkt schon fürs Kino geplant?
MG: Nein, erst im Sommer 2015 ist diese Entscheidung gefallen. Ich habe es immer so gewollt, Wolfgang ebenso, aber der Weg musste erst dorthin führen. Es mag daran gelegen haben, dass sich sehr schnell die Struktur eines Kammerspiels herauskristallisierte. Und wo viele Worte sind, liegt das Fernsehen zunächst nahe. Wir wollten aber unbedingt den Versuch fürs Kino wagen.

Kohlhaase und Geschonneck – man weiß im Land um Ihrer beider Markenzeichen, vor allem um die einzigartige Präzision in der Zeichnung von Figuren und Milieus. Warum hat es für eine erste gemeinsame Arbeit so lange gedauert?
WK: Ich wusste von Matti, dass er viel dreht. Ich hatte meinen eigenen Rhythmus und war anders verabredet. Der Reiz neuer Bekanntschaften in der Arbeit ist mir aber bewusst, das hat ja auch etwas Spielerisches.
MG: Das muss sich ergeben. Ich bin ja mit Kohlhaases Filmen groß geworden, die unter Gerhard Klein, Frank Beyer oder Konrad Wolf entstanden sind. Für mich sehr wichtige Filme. Dass eine Zusammenarbeit gerade bei IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS zustande kam, ist auch mit Blick auf unsere unterschiedlichen Biografien vielleicht ganz interessant.

Ein eher indirekter Schnittpunkt zwischen Ihnen ist Gerhard Kleins „Berlin um die Ecke“ von 1966, in dem der große Erwin Geschonneck die Hauptrolle spielt, Mattis Vater …
WK: Erwin war ja auch so ein Mann mit einer imponierenden Biografie, über die man nur staunen kann. Unglaublich, was einem Menschen geschehen konnte! Obwohl meine Familie kein Modell für Drehbücher abgegeben hat, spielte Erwin Geschonneck in „Berlin um die Ecke“ eine Rolle, die meinem Vater nahe kam. Er war Reparaturschlosser in der Fabrik, in der wir drehten.
MG: Es gibt sehr eigenartige Kreuzungen im Leben und im Beruf. Sie sind manchmal hilfreich, manchmal nur erstaunlich. Ich bin nicht bei meinem Vater aufgewachsen, hatte lange Jahre nicht mal eine Beziehung zu ihm. Nicht einfach für mich, auch mit dem in der DDR berühmten Namen Geschonneck zu leben…
Und als Sohn dieses verdienstvollen Kommunisten bin ich 1978 in den Westen gegangen und 1989 wiedergekommen. Erst danach begann die Annäherung an meinen Vater. Er war schon über 80. Durch die Arbeit an IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS bin ich ihm wieder begegnet, in der Figur des Wilhelm Powileit, mit Respekt vor seinem Leben und Nachdenken darüber, auch über seine leidvolle Zeit im KZ. Das begleitete mich, als Bruno Ganz letztendlich zu Wilhelm Powileit wurde.

Von außen betrachtet, erscheint die Besetzung für IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS ideal. Auch für den Regisseur?
MG: Jede Besetzung ist für mich, nachdem sie entschieden ist, die ideale. Oder muss es sein. Es sei denn, ich habe mich komplett geirrt. Für IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS reicht die Stärke des kraftvollen Ensembles über den großartigen Bruno Ganz hinaus. Da ist Sylvester Groth, der mich durch die Wärme in seinem Spiel sehr berührt hat. Da ist die wunderbare Frauenriege mit Hildegard Schmahl vornweg. Da sind die Russinnen mit dieser außergewöhnlichen Evgenia Dodina als Irina, die mit ihrer Leidenschaft und Energie für mich als Regisseur ein Glücksfall bedeutete. Ihnen allen, bis hin zur kleinsten Nebenrolle, auf der großen Leinwand zuzusehen, ist ein Vergnügen. Ich hatte das Gefühl, die Schauspieler haben ihre Arbeit gerne gemacht. Sie waren mit großer Konzentration dabei. Ich habe sie alle sehr gemocht!

Herr Kohlhaase, wie sehen Sie die Frauen in IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS?
WK: Zunächst sind sie schön! Und es sind die Gesichter von drei Generationen. Film kann etwas, das weder Malerei oder Fotografie können: Er kann das Entstehen eines Gefühls im Gesicht eines Menschen zeigen. Dialog allein kann das oft nicht. Dialog soll nicht Schwierigkeiten bereiten, sondern Möglichkeiten öffnen.

In der Riege der Schauspieler und Schauspielerinnen gibt es Entdeckungen und Wiederentdeckungen.
MG: Mancher Zuschauer wird vielleicht aus Neugier ins Kino gehen, auch um zu sehen, wie der Schweizer Bruno Ganz mit seinem großen Repertoire den Kommunisten Powileit spielt. Er wird es den Skeptikern nicht leicht machen, denke ich.

Was ist für Sie bei einer Inszenierung als Kammerspiel in besonderem Maße nötig?
MG: Die Spannung zu halten, und das auf engstem Raum. Timing, Empathie sowieso. Man kann nicht auf andere Schauplätze ausweichen. Der Blick auf die Schauspieler ist noch fokussierter. Alle haben da Großartiges geleistet, insbesondere Bruno Ganz. Obwohl das Zentrum der Szene, konnte er bei den vielen Figuren nicht permanent im Bild sein. Er musste über einen langen Zeitraum nur anspielen. Letztlich muss ich die der Vorlage adäquate Tonalität finden.

Kam der Ausstattung eine kleinere Rolle zu, weil man als Zuschauer so dicht an die Figuren heranrückt?
MG: Im Gegenteil! Die Ausstattung war enorm wichtig, gerade bei der Empfindlichkeit dieses historischen Stoffes. Kamera, Szenenbild, Kostüm, Maske, zusammen muss das eine selbstverständliche Einheit bilden. Und ich hatte dafür hervorragende Mitarbeiter.

Eine Frage an Sie beide: Trifft der Humor, den Sie in der Romanvorlage gefunden haben, Ihren persönlichen?
WK: Humor ist ja eine sehr subjektive Sache. Der Roman hat ihn auf seine Weise. Ich musste meinen eigenen Tonfall finden.
MG: Humor kann missverständlich sein. Unangenehm auch, wenn man die Anstrengung bemerkt, bemüht lustig sein zu wollen. Kohlhaases Humor kommt trocken unauffällig daher und stellt sich indirekt ein. Er ist bereits in der Konstellation der Figuren begründet. Er ist sehr fein.
WK: Pointen sollten sich nicht in die Hacken treten.
MG: Sie sollten sich nicht vorher anmelden. Man darf in der Umsetzung nicht auf sie hereinfallen.

Am 90. Geburtstag von Wilhelm Powileit ist man als Zuschauer auch beim Verlöschen von Ideen dabei – der eines Landes, eines Systems, einer Ehe und Familie.
MG: Ich habe mich eher an der Ehegeschichte von Wilhelms Stiefsohn Kurt und Irina orientiert. Das war für mich das Gerüst. Eine Ehe stirbt, eine Familie löst sich auf. Ein System stirbt.

Wie wichtig für den Stoff ist der Abstand von über einem Vierteljahrhundert zwischen tatsächlichem Handlungsjahr und Filmstart?
WK: Vielleicht braucht es Abstand, damit man ernste und gewichtige Dinge komisch sehen kann. Die Welt ist bunt, aber ungerecht. Doch sie dreht sich weiter. Man sagt, dass die Sieger die Geschichte schreiben. Wenn es denn so wäre, oder nur so wäre, dann werden dringend intelligente Sieger gesucht. Das untergegangene Land DDR hat schon mal das Scheitern geübt, aber diese Übung steht uns vielleicht ein weiteres Mal bevor.
MG: IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS Allerdings weiß ich nicht, ob man solche Stoffe in dieser schnelllebigen Kinolandschaft noch lange wird unterbringen können. Auch da ist vieles unbestimmt und unvorhersehbar.

Sehen Sie IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS als Film, der gegen das Vergessen anspielt?
WK: Es gibt dieses schöne Wort, wonach erzählt werden kann, was beendet ist. Da sind wir wieder beim Abstand, sowohl dem des Schreibers und Filmemachers als auch dem des Zuschauers. Man schreibt ja nicht, weil man es besser weiß als andere, sondern weil man durch das Schreiben etwas herausfinden will, auch über sich selbst. Einen Film zu machen, das ist eine Reise des Herzens, zu der man ein Publikum hinzubittet.


BRUNO GANZ als Wilhelm Powileit
Der Schweizer Bruno Ganz gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler. Seine erste Rolle spielte er 1960 im Alter von 19 Jahren in der Schweizer Kriminalkomödie DER HERR MIT DER SCHWARZEN MELONE von Karl Suter. Suter gilt als Entdecker und Förderer von Ganz. Er besetzte ihn nicht nur in DER HERR MIT DER SCHWARZEN MELONE, sondern auch als Jazzfan 1961 in WENN MÄNNER SCHLANGE STEHEN. Außerdem arbeitete Ganz für Suter in Stücken im Theater am Hechtplatz in Zürich. Er besuchte das renommierte Züricher Bühnenstudio, die heutige Hochschule der Künste. 1962 erhielt Ganz ein Engagement am Jungen Theater Göttingen und war dann von 1964 bis 1969 Mitglied im Ensemble am Theater am Goetheplatz in Bremen. Bei diesem Engagement arbeitete er auch an Projekten von Peter Zadek mit. Mit Peter Stein realisierte er ab 1967 viele Theaterprojekte bevor er am Zürcher Schauspielhaus verpflichtet wurde. Ab 1970 kehrte er wieder nach Deutschland zurück, um im Ensemble der Berliner Schaubühne unter der Leitung von Peter Stein mitzuwirken. In dieser Zeit arbeitete Ganz mit den berühmtesten deutschsprachigen Theaterregisseuren der Zeit zusammen: Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy und Dieter Dorn. Unter Peymanns Regie spielte er auch erstmalig bei den Salzburger Festspielen mit. Uraufgeführt wurde Thomas Bernhards Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Hierfür wurde Bruno Ganz als „Schauspieler des Jahres“ ausgezeichnet. Mit Thomas Bernhard verband ihn eine Freundschaft. Bernhard widmete ihm sein Stück „Die Jagdgesellschaft“. Obwohl Ganz in den 1970er-Jahren mit zahlreichen Regisseuren zusammenarbeitete, entwickelte sich eine besonders enge Zusammenarbeit zwischen ihm und Klaus Michael Grüber. So trat er 1986 in der Uraufführung von „Prometheus, gefesselt“ von Aischylos unter der Regie von Klaus Michael Grüber bei den Salzburger Festspielen auf. In Peter Steins 21-stündiger Inszenierung von Goethes „Faust I“ und „Faust II“ beeindruckte Bruno Ganz als alter Faust. Im Jahr 2003 trat er zum ersten Mal am renommierten Wiener Burgtheater auf. Die Regie des Stückes „Ödipus auf Kolonos“ führte auch diesmal Klaus Michael Grüber.
Neben seiner Theatertätigkeit glänzte Bruno Ganz auch regelmäßig in anspruchsvollen und von der Kritik gefeierten Filmrollen wie etwa bei den Wim Wenders-Produktionen DER AMERIKANISCHE FREUND (1977) und DER HIMMEL ÜBER BERLIN (1987), die ihn einem großen internationalen Publikum bekannt machten. Ein weiteres Highlight seiner Karriere war Silvio Soldinis romantische Komödie BROT UND TULPEN (2000), in der Ganz den isländischen Kellner Fernando verkörpert. Großes Kritikerlob wurde Ganz auch für die Darstellung von Adolf Hitler in DER UNTERGANG (2004) zuteil. Eine Reihe von großartigen Darbietungen in außergewöhnlichen internationalen und nationalen Produktionen folgten, so zum Beispiel in Stephen Daldrys DER VORLESER an der Seite von Kate Winslet, Uli Edels DER BAADER MEINHOF KOMPLEX, Wolfgang Panzers DER GROSSE KATER, Jo Baiers DAS ENDE IST MEIN ANFANG, Arnaud des Paillieres' MICHAEL KOHLHAAS mit Mads Mikkelsen, REMEMBER von Atom Egoyan, Terrence Malicks RADEGUND, Bille Augusts TRAIN TO LISSABON, Ridley Scotts THE COUNCELOR mit Michael Fassbender, Javier Bardem und Penélope Cruz oder Alain Gsponers HEIDI.
Im Laufe seiner langen Karriere erhielt Bruno Ganz zahlreiche Auszeichnungen. Für seine darstellerische Leistung in DIE MARQUISE VON O. erhielt er 1976 den Deutschen Filmpreis, das Filmband in Gold. 1991 wurde Ganz der Hans-Reinhart-Ring verliehen, die höchste Auszeichnung der Schweizer Theaterlandschaft. Seit 1996 ist er Träger des Iffland-Ringes, der dem bedeutendsten Theaterschauspieler seiner Zeit auf Lebenszeit verliehen wird. 1998 erhielt er in Frankreich den Orden der Künste und Literatur. Im gleichen Jahr bekam er den Prix Walo, die wichtigste Auszeichnung des Schweizer Showbusiness. Für seine Rolle in GEGEN ENDE DER NACHT erhielt er 1999 zusammen mit Oliver Storz, Karoline Eichhorn und Stefan Kurt den bedeutenden Adolf-Grimme-Preis. Jüngst erhielt er zudem den Ehrenpreis des bayerischen Ministerpräsidenten auf der 38. Verleihung des Bayerischen Filmpreises. Bruno Ganz ist seit 2006 Träger des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst. Von 2010 bis 2013 war Ganz zusammen mit Iris Berben Präsident der Deutschen Filmakademie.
Auf der 67. Berlinale ist Bruno Ganz gleich mit zwei Filmen vertreten: Sally Potters THE PARTY sowie in der Hauptrolle des Wilhelm Powileit in Matti Geschonnecks Verfilmung des Eugen Ruge Romans IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS, nach dem Drehbuch von Wolfgang Kolhaase.

HILDEGARD SCHMAHL als Charlotte Powileit
Die deutsche Schauspielerin Hildegard Schmahl kann auf eine lange und erfolgreiche Karriere bei Theater, Film und Fernsehen zurückblicken. Ihre Laufbahn begann sie als Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Später arbeitete sie am Theater in Braunschweig und Bern bevor sie 1967 das Gretchen in „Faust I“ am Schauspielhaus in Bochum verkörperte. Im gleichen Jahr erhielt sie den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für den Bereich Bühne. Bekannt ist sie für die Darstellung berühmter Theaterfiguren. So spielte sie 1969/70 Emilia Galotti und Minna von Barnhelm an den Staatlichen Schauspielbühnen in Berlin. Häufig arbeitete sie auch mit ihrem Ehemann zusammen, dem Intendanten und Regisseur Niels-Peter Rudolph, der als freier Regisseur in Berlin, Stuttgart und Hamburg inszenierte. Ab 1987 spielte sie dann unter Leitung von George Tabori im Wiener Theater „Der Kreis“. Besonders gelobt wurde ihre Darstellung des König Lear in Taboris eigenwilliger und außergewöhnlicher Inszenierung „Lears Schatten“ im Jahr 1989. 1990 arbeitete sie an Taboris Hörspiel „Masada – Ein Bericht“ mit. 1990/ 91 stellte sie ihr schauspielerisches Können am Thalia Theater in Hamburg unter Beweis. Hildegard Schmahl ist seit der Spielzeit 2001/2002 Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Im Jahr 2016 wirkte sie als Botin in der Oper „Mauerschau“ der Bayerischen Staatsoper mit.
Sie ist auch regelmäßig in Fernseh- und Filmrollen zu sehen, etwa 2001 an der Seite von Armin Mueller-Stahl, Monica Bleibtreu und Sebastian Koch in Heinrich Breloers Mehrteiler DIE MANNS – EIN JAHRHUNDERTROMAN. Im gleichen Jahr verkörperte sie die Figur Ina in Caroline Links Spielfilm NIRGENDWO IN AFRIKA, der 2003 einen Oscar als Bester fremdsprachiger Film erhielt. In Vivian Naefes Literaturverfilmung DER GESCHMACK VON APFELKERNEN (2013) spielte sie Berta an der Seite von Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Paula Beer und Meret Becker. Seit 2010 ist Hildegard Schmahl Trägerin des Hermine-Körner-Ringes auf Lebenszeit.

SYLVESTER GROTH als Kurt Umnitzer
Sylvester Groth, 1958 in Sachsen-Anhalt geboren, studierte an der Staatlichen Schauspielschule Berlin (später Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“) und spielte seit den frühen 80er Jahren an namhaften Theaterbühnen wie dem Staatsschauspiel Dresden, dem Deutschen Theater, der Schaubühne, dem Residenztheater und den Münchner Kammerspielen, dem Wiener Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen unter prägenden Regisseure wie Zadek, Grüber, Wilson u.a.. Seit 1982 ist er auch in Kino und Fernsehen zu sehen: Für Frank Beyers DER AUFENTHALT wurde ihm 1982 beim Nationalen Spielfilmfestival der DDR der Nachwuchsdarstellerpreis verliehen, Klaus Gendries besetzt ihn 1984 als Hauke Haien in DER SCHIMMELREITER. 1986 spielte er in der Literaturverfilmung MOMO. In Joseph Vilsmaiers aufwändigem Anti-Kriegsfilm STALINGRAD spielte er an der Seite von Dominique Horwitz, Thomas Kretschmann und Jochen Nickel. Im Lauf seiner langen Karriere verkörperte Groth bereits zwei Mal Joseph Goebbels, in Dani Levys Parodie MEIN FÜHRER – DIE WIRKLICH WAHRSTE WAHRHEIT ÜBER ADOLF HITLER (2007), für die er mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet wurde, sowie in Quentin Tarantinos Kriegsfilm INGLOURIOUS BASTERDS (2009). Für seine „Oustanding Performance by a Cast in a Motion Picture” wurde er von der Screen Actors Guild geehrt. An der Seite von Henry Hübchen und Corinna Harfouch spielte er 2009 in Andreas Dresens Tragikomödie WHISKY MIT WODKA. In Kai Wessels Biopic HILDE verkörperte Groth den Regisseur und Theaterintendanten Boleslaw Barlog. In der Verfilmung von Bernhard Schlinks DAS WOCHENENDE, in der er an der Seite nahmhafter Kollegen wie Katja Riemann, Sebastian Koch, Barbara Auer und Tobias Moretti agiert, war er im Frühjahr 2013 in den Kinos zu erleben. Im gleichen Jahr sah man ihn zudem in Denis Dercourts spannender, wie verschlungener Beziehungsgeschichte ZUM GEBURTSTAG.
Auch im Fernsehen ist Groth regelmäßig zu sehen. Nach der erfolgreichen Ausstrahlung des ersten Magdeburger POLIZEIRUF 110: DER VERLORENE SOHN mit Claudia Michaelsen an seiner Seite, stand er für weitere POLIZEIRUF-Episoden vor der Kamera. Weiterhin gehörte Groth zur Hauptbesetzung in der Neuverfilmung von Bruno Apitz' NACKT UNTER WÖLFEN (2014). Die ARD-Produktion unter Regie von Philipp Kadelbach setzt seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Autor Stefan Kolditz fort, die mit dem Publikumserfolg UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER (2011) begann und vielfach ausgezeichnet wurde. In dem mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnetem Dokumentarfilm AGHET – EIN VÖLKERMORD (2010) stellt er Martin Niepage dar, einen Lehrer an der deutschen Schule in Aleppo 1915 – 1917. Für die Kinoadaption der bekannten Sechzigerjahre-US-TV-Serie CODENAME U.N.C.L.E unter der Regie von Guy Richie stand Groth in London und Rom vor der Kamera. Groth gehört zum Hauptcast von DIE ERMITTLER: NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH, dem dritten und abschließenden Teil von MITTEN IN DEUTSCHLAND: NSU.
Im Januar 2017 war er im ZDF-Fernsehfilm EIN KOMMISSAR KEHRT ZURÜCK in einer der Hauptrollen zu erleben, der mit fast 7 Millionen Zuschauern ein großer Erfolg war. Regie führte Matti Geschonneck.
IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS markiert die zweite Zusammenarbeit von Sylvester Groth und Regisseur Matti Geschonneck.

EVGENIA DODINA als Irina Umnitzer
Evgenia Dodina ist eine israelische Schauspielerin, die in der Sowjetunion geboren wurde. In Moskau studierte sie Schauspiel und spielte danach am renommierten Majakowski Theater. Sie wirkte in dieser Zeit auch an sowjetischen Filmen mit, bis sie nach der Perestroika nach Israel auswanderte. Dort wurde sie nach dem Zweiten Golfkrieg Ensemblemitglied des Gesher-Theaters und spielte wieder in Filmproduktionen mit. Bekannt ist sie für ihre Zusammenarbeit mit dem israelischen Regisseur Ari Folman, in dessen Filmen SAINT CLARA (1996) und MADE IN ISRAEL (1999) sie mitwirkte. In Lena und Slava Chaplins romantischem Spielfilm HAYA O LA HAYA (2003) spielte sie die Hauptfigur Hana Rubina und in Eitan Anners berührendem Film LOVE AND DANCE (2006) ist sie als Mutter des Protagonisten zu sehen. Eine große Rolle übernahm sie in Eyal Halfons Spielfilm ZIRKUS PALESTINA (1998), die als ihre bislang bedeutendste gilt. In Paul Schraders amerikanisch-deutsch-israelischem Filmdrama EIN LEBEN FÜR EIN LEBEN – ADAM RESURRECTED (2008) spielte sie an der Seite von Jeff Goldblum, Willem Dafoe, Moritz Bleibtreu und Veronica Ferres. Evenia Dodina ist in Israel auch eine gefragte Fernsehdarstellerin und übernimmt häufig Serienrollen etwa in A TOUCH AWAY (2006) und HA-EMET HA'EROMA (2008), wo sie eine Mutter spielte, deren Tochter verschwunden ist. In Michael Aviads Drama LILY UND NIRA (2011) war sie Nira, die zufällig eine andere Frau kennenlernt, die das Opfer desselben Vergewaltigers ist. 2017 wird sie neben ihrer Rolle als Irina Umnitzer in IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS unter anderem in Veronica Kedars Drama FAMILY zu sehen sein.

NATALIA BELITSKI als Melitta
Natalia Belitski ist eine deutsche Schauspielerin, die 1984 im heutigen Sankt Petersburg in Russland geboren wurde und als Siebenjährige mit ihrer Familie nach Deutschland zog. An der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ studierte sie von 2006 bis 2010 Schauspiel. Nach dem Studium ging sie ans Düsseldorfer Schauspielhaus und steht seit 2011 auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin. Bekannt wurde Natalia Belitski durch die Rolle der Kate Harff in der crossmedialen Fernsehserie ABOUT:KATE von Arte. Regelmäßig ist sie in Krimireihen zu sehen, etwa in BLOCH, TATORT, SCHULD NACH FERDINAND VON SCHIRACH und in Fernsehfilmen wie z.B. der mehrfach preisgekrönten Komödie VORSICHT VOR LEUTEN. 2016 konnte man sie unter anderem in den Filmen UNDERCOVER KÜSST MAN NICHT, LENA FAUCH – DU SOLLST NICHT TÖTEN und FAMILIE! sehen. Für das Kino drehte Natalia Belitski u.a. mit Matthias Schweighöfer VATERFREUDEN (2014), spielte in MANN IM SPAGAT (2017) von Timo Jacobs oder in AUF EINMAL (2016) von Asli Özge, der letztes Jahr auf der Berlinale gezeigt wurde. Sie ist neben ihrer Schauspielarbeit auch eine gefragte Hörspiel- und Hörbuchsprecherin. So wirkte sie 2013 im Hörspiel „Jähnicke schmeckt's“ mit und sprach 2014 das Hörbuch „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf.
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Donnerstag 18.05.2017
BERLIN SYNDROM
Ab 25. Mai 2017 im Kino
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Während ihres Urlaubs in Berlin lernt die junge Australierin Clare (Teresa Palmer) den charmanten Englischlehrer Andi (Max Riemelt) kennen und fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Sie verbringen eine leidenschaftliche Nacht miteinander. Doch was wie eine Romanze beginnt, entwickelt sich plötzlich zu einem bösen Alptraum: Als Clare am nächsten Morgen die Wohnung verlassen will, merkt sie, dass Andi sie eingesperrt hat – und er hat nicht vor, sie jemals wieder gehen zu lassen.
BERLIN SYNDROM ist der neue Film von Cate Shortland (LORE). Besetzt mit internationalen Stars wie Max Riemelt, Teresa Palmer und Matthias Habich wird der hochspannende Thriller seine Premiere auf dem Sundance Film Festival 2017 feiern. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Melanie Joosten.

Ein Film von Cate Shortland
Mit Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich

TERESA PALMER (CLARE)
Teresa Palmer ist momentan dabei, eine der weltweit bekanntesten Schauspielerinnen zu werden. Sie hat bereits in vielen großen Filmen mitgespielt, darunter WARM BODIES zusammen mit Nicholas Hoult und John Malkovich, der auf dem berühmten Roman von Isaac Marion basiert, so wie in Micheal Bay und Steven Spielbergs Film ICH BIN NUMMER VIER an der Seite von Dianna Agron und Alex Pettyfer. Demnächst wird sie in Warner Bros. hoch erwartetem Remake von POINT BREAK neben Edgar Ramirez und Luke Bracey zu sehen sein, doch davor wird Palmer noch in der Lionsgate Produktion THE CHOICE mit Benjamin Walker mitspielen. Der Film basiert auf dem berühmten Buch des gefeierten Autors Nicholas Sparks (WIE EIN EINZIGER TAG).
Kürzlich war Teresa Palmer in dem Thriller TRIPLE NINE zusammen mit Kate Winslet, Casey Afflek, Woody Harrelson uvm. als Teil eines Star-Casts im Kino zu sehen, ebenso in Terence Malicks KNIGHT OF CUPS mit Christian Bale. Einer ihrer größten Kinoerfolge war jedoch der Horrorstreifen LIGHTS OUT, der von James Wan produziert wurde, so wie Mel Gibsons HACKSAW RIDGE mit Andrew Garfield, Vince Vaughn und Luke Bracey. Weitere Filme von ihr sind PARTS PER BILLION mit Josh Hartnett; LOVE AN HONOR mit Liam
Hemsworth; WISH YOU WERE HERE mit Joel Edgerton; TAKE ME HOME TONIGHT mit Topher Grace und Anna Faris; Jon Turtelbaubs Film DAS DUELL DER MAGIER von Walt Disney mit Nicolas Cage; Adam Shankmans Komödie BEDTIME STORIES mit Adam Sandler; DECEMBER BOYS mit Daniel Radcliffe und RESTRAINT mit Stephen Moyer.
2011 wurde Palmer mit dem „Australians in Film: Breakthrough Award“ für Ihren großen Erfolg innerhalb kürzester Zeit ausgezeichnet. Screen International hat sie als einen von Australiens „Stars von morgen“ bezeichnet. Ihren ersten weltweiten Erfolg hatte sie mit dem Film 2.37, einer australischen Independent Produktion, der sowohl auf den Filmfestspielen in Cannes als auch auf dem Toronto International Filmfest gezeigt wurde. Das Australien-Institut nominierte Palmer als „Beste Schauspielerin“ für ihre komplexe Darstellung einer High School Schülerin mit einem dunklen Geheimnis. Neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin hat sie auch schon erste Versuche hinter der Kamera als Regisseurin, Autorin und Produzentin gestartet.

MAX RIEMELT (ANDI)
Max Riemelt wurde in Berlin geboren und entdeckte während seiner Schulzeit seine Liebe für das Schauspiel. Nach seinem V-Debut in Matthias Steuers Mini Serie ZWEI ALLEIN 1998, folgte bereits ein Jahr später der Fernsehfilm EIN WEIHNACHTSMÄRCHEN, so wie Dana Vavrovas Kinder-Abenteuer Film DER BÄR IST LOS.
Seinen Durchbruch hatte er 2000 mit seiner Rolle in Dennis Gansels Teenager Komödie MÄDCHEN MÄDCHEN und seinem Auftritt in Friedemann Fromms Fernsehfilm BRENNENDES SCHWEIGEN. Seitdem ist er regelmäßig in Film und Fernsehen zu sehen. 2004 setze er seine Rolle des Flins in MÄDCHEN MÄDCHEN 2 fort, bei dem Peter Gersina Regie führte. Durch seine Rolle des 17-jährigen Friedrich Weimar in Dennis Gansels NAPOLA – ELITE FÜR DEN FÜHRER erhielt Riemelt neue Aufmerksamkeit der Presse und wurde für seine Darstellung bei dem Karlovy Vary Filmfest als „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet und stellte den Film persönlich als einer der „Rising Stars“ auf den Hamptons International Film Festival vor.
In Dominik Grafs DER ROTE KAKADU spielte Max Riemelt an der Seite von Jessica Schwarz und bekam für diese Rolle den Bavarian Film Award als „Bester Schauspieler“ so wie die Auszeichnung als „Bester junger Schauspieler“ auf dem Marrakesch International Film Festival. 2006 wurde Riemelt von der Euopean Film Promotion als einer der europäischen Shooting Stars der Berlinale bezeichnet. Der Film DIE WELLE vereinte ihn wieder mit dem Regisseur Dennis Gansel, für den sie 2008 zu dem Sundance Film Festival eingeladen wurden. Für seine Rolle in MARKO bekam Max den Austrian Undine Award als „Bester junger Schauspieler in einem Spielfilm“. 2011 übernahm er die Hauptrolle in der deutschen Fernsehserie IM ANGESICHT DES VERBRECHENS, die von der russischen Mafia in Berlin handelte und ihm seinen ersten deutschen Fernsehpreis und seine erste Nominierung als „Bester deutscher Schauspieler“ bei der Goldenen Kamera beschaffte. Mit den Regisseuren Eran Rikilis (PLAYOFF 2011) und Jeannine Meerapfel (UN AMIGO ALEMAN 2011) fing er seine ersten internationalen Projekte an. Erst kürzlich erhielt Riemelt internationales Aufsehen für seine Rolle in dem Kultfilm FREIER FALL, für die er auch den Gunter Rohrbach Preis als „Bester Schauspieler“ erhielt. Sein deutsches Post-Kriegs Drama AUF DAS LEBEN wurde mit dem Vienna Film Award 2015 als „Bester deutscher Spielfilm“ ausgezeichnet. Im Juni 2015 wurde die Netflix Serie SENSE8 veröffentlicht, mit Max als einem der 8 internationalen Hauptdarsteller. Die Serie wurde auf der ganzen Welt gedreht, Regie führten Lana und Andi Wachowski.

MATTHIAS HABICH (ANDIS VATER)
Habich wuchs in Hamburg-Harburg auf und besuchte die Staatliche Hochschule für Musik und Drama. Er studierte 1966 ein Semester lang am Conservatoire de Paris und nahm Schauspielunterricht bei Lee Strasberg in den USA. Danach spielte er an Theatern in Chur, Baden-Baden, Basel, Wuppertal, Zürich und München. Sein erster großer Erfolg ist 1973 die Hauptrolle im Fernseh-Sechsteiler DIE MERKWÜRDIGE LEBENSGESCHICHTE DES FRIEDRICH FREIHERRN VON DER TRENCK unter der Regie von Fritz Umgelter. Danach folgen mit DIE UNFREIWILLIGEN REISEN DES MORITZ AUGUST BENJOWSKI und DES CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN ABENTEURLICHER SIMPLICISSIMUSs gleich zwei Vierteiler unter dem gleichen Regisseur mit ihm (beide ausgestrahlt 1975). Spätestens jetzt ist er einem breiten Fernsehpublikum in Deutschland bekannt. Sein Kinodebüt gibt Habich 1976 als eiskalter preußischer Offizier in DER FANGSCHUSS. Es folgen Rollen in Kinofilmen, mit denen er sich seinen Ruf als eindrucksvoller Charakterdarsteller verdient.
Nach zahlreichen Rollen in Theater und im Fernsehen spielt er sich 1999 mit der Hauptrolle in der TV-Serie KLEMPERER – EIN LEBEN IN DEUTSCHLAND endgültig in die erste Liga der deutschen Charakterdarsteller. 2001 erhält er den Deutschen Filmpreis für seine Leistung in Caroline Links vielfach preisgekröntem Drama NIRGENDWO IN AFRIKA. Im Kino ist er 2009 neben der internationalen Produktion DER VORLESER, an der Seite von Kate Winslet und Ralph Fiennes, auch im Drama WAFFENSTILLSTAND zu sehen. Für seine Rolle im Fernsehfilm EIN HALBES LEBEN erhält Habich gemeinsam mit seinen Schauspielerkollegen Josef Hader und Franziska Walser sowie Regisseur Nikolaus Leytner den Grimme-Preis. Nach zwei Kinofilmen 2010 wirkt Habich vor allem wieder in Fernsehproduktionen mit, u.a. 2012 im Thriller DAS KINDERMÄDCHEN, als Familienpatriarch, der mit der dunklen Vergangenheit seiner Familie konfrontiert wird. Unter der Regie von Margarethe von Trotta spielt Habich 2015 in DIE ABHANDENE WELT schließlich wieder eine Kinohauptrolle, als Witwer, der auf einem Zeitungsfoto seine angeblich tote Frau wiederzuerkennen glaubt. Mittlerweile hat Habich in circa 100 Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt.

CATE SHORTLAND (REGIE)
Cate Shortland hat einen Bachelor auf Arts von der Universität Sydney und ein Abschluss Diplom von der australischen Schule für Film und Radio. Für die preisgekrönten Kurzfilme PENTUPHOUSE (1998), FLOWER GIRL (2000) und JOY (2000) schrieb sie das Drehbuch und führte Regie – genauso wie bei ihrem Spielfilm-Debut SOMERSAULT. Der Film feierte seine Premiere 2004 auf dem Filmfest Cannes und bekam zahlreiche Preise.
Ihr zweiter Spielfilm LORE, bei dem sie Co-Autorin und Regisseurin war, basierte auf dem Roman THE DARK ROOM von Rachel Seiffert und hatte seine Premiere auf dem Sydney Film Festival 2012, lief auf zahlreichen weiteren Festivals. Cates dritter Spielfilm BERLIN SYNDROM basiert auf dem gleichnamigen Buch von Melanie Joosten und wird 2017 veröffentlicht werden. Shortland hat bereits bei einigen Fernsehserien Regie geführt, z.B. THE SECRET LIFE OF US und THE
SILENCE. Sie verfilmte Chris Tsiolkas Roman THE SLAP für ABC TV und wurde dafür mit dem BAFTA AWARD und den Emmy nominiert und erhielt 2012 einen AWGIE für die “Beste adaptierte Mini- Serie“. Zu Ihren weiteren Produktionen gehören THE DEVILS PLAYGROUND; DEADLINE GALLIPOLI und THE KETTERING INCIDENT.
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Donnerstag 11.05.2017
JAHRHUNDERTFRAUEN
Ab 18. Mai 2017 im Kino
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Kalifornien, Ende der 70er Jahre: eine wilde, inspirierende Zeit der kulturellen Umbrüche, Freiheit liegt in der Luft. Dorothea Fields (Annette Bening), eine energische und selbst-bewusste Frau Mitte 50, erzieht ihren Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) ohne den Vater, holt sich aber Unterstützung von zwei jungen Frauen: Abbie (Greta Gerwig), die freigeistige und kreative Mitbewohnerin, und Jamies beste Freundin Julie (Elle Fanning), ein gleichermaßen intelligentes wie provokatives Mädchen. So verschieden sie sind, alle vier stehen füreinander ein – und es gelingt ihnen eine Bindung für das ganze Leben zu schaffen.

Win Film von Mike Mills
Mit Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup, Lucas Jade Zumann u.v.m.

JAHRHUNDERTFRAUEN ist eine filmische Liebeserklärung an drei sehr unterschiedliche Frauengenerationen. Das neue filmische Meisterwerk von Mike Mills (BEGINNERS) war bei den Golden Globes 2017 in den Kategorien Bester Film und Beste Schauspielerin nominiert und erhielt eine Oscar-Nominierung für das Beste Originaldrehbuch. Der Regisseur ließ sich von seiner Mutter und weiteren Frauen, die sein Leben nachhaltig prägten, zu diesem gefühlvollen Drama voller Witz und Wärme inspirieren. Hauptdarstellerin Annette Bening, die bereits viermal für den Oscar nominiert war, spielt in JAHRHUNDERTFRAUEN die bislang stärkste und authentischste Rolle ihrer Karriere. Unterstützt wird sie durch Greta Gerwig (TO ROME WITH LOVE, FRANCES HA) und Elle Fanning (MALEFICENT, SOMEWHERE), außerdem durch Billy Crudup (EAT PRAY LOVE, ALMOST FAMOUS) und Newcomer Lucas Jade Zumann.

Santa Barbara im Jahr 1979. Auf dem Parkplatz eines Supermarkts steht ein alter Ford Galaxy in Flammen. Mit diesem Wagen wurde Jamie Fields (Lucas Jade Zumann) vor 15 Jahren als Neugeborener vom Krankenhaus nach Hause gefahren. Seine Mutter Dorothea (Annette Bening) war damals 40 Jahre alt. Viele meinten, sie sei zu alt für ein Baby. Der Vater verließ die Familie 1974. Seither versucht Dorothea, einen Vaterersatz für Jamie zu finden. Dorothea arbeitet als Zeichnerin in einem Architekturbüro. Alle ihre Kollegen sind Männer, doch sie will mit keinem ausgehen. Sie raucht Salem-Zigaretten, weil die gesünder sein sollen, trägt Birkenstock-Schuhe, weil sie bequem sind, sie liebt Hollywood-Klassiker mit Humphrey Bogart und studiert mit Jamie die Börsenkurse in der Zeitung. Dorothea wurde 1924 geboren. Als sie ein Teenager war, brach der Zweite Weltkrieg aus. Sie musste die Schule verlassen und wollte Pilotin werden. Doch der Krieg war zu Ende, bevor sie die Ausbildung abschloss.
Dorothea vermietet einzelne Zimmer in ihrem großen Haus in Santa Barbara. Die Punk-Fotografin Abbie (Greta Gerwig) wohnt dort, seit sie nach einer Krebsdiagnose aus New York geflohen ist. Auch William (Billy Crudup) nutzt ein Zimmer. Der Ex-Hippie renoviert das alte Holzhaus und kann Autos reparieren. Auch die 17-jährige Nachbarin Julie (Elle Fanning) verbringt viel Zeit im Haus der Fields. Die Tochter einer Psychologin stiehlt sich gern in Jamies Zimmer und in sein Bett. Beide verbindet eine platonische Freundschaft. Bei einem gefährlichen Spiel mit seinen Skater-Freunden kommt Jamie fast ums Leben. Dorothea merkt, dass sie ihren Sohn und die Welt, in der er lebt, nicht mehr versteht. Sie bittet Abbie und Julie, Jamie zu helfen, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Abbie meint, nur ein Mann könne diese Aufgabe leisten, und schlägt William als bessere Option vor. Julie will lieber Jamies Freundin sein, aber nicht seine Ersatzmutter. Doch Dorothea duldet keinen Widerspruch. Sie bittet die beiden jungen Frauen, Jamie vorerst an ihrem Leben teilhaben lassen. Jamie ist entsetzt, dass seine Mutter einmal mehr über seinen Kopf hinweg Entscheidungen für sein Leben trifft. Mit den Skater-Freunden bricht er für einen Tag nach Los Angeles aus und stürzt sich in die Punk-Clubs der Millionenstadt. Ausgelassen und angetrunken kehrt er am Ende einer langen Nacht in sein Zimmer zurück, wo Julie in seinem Bett liegt. Er will sie küssen und anfassen, doch Julie weicht zurück. Sie will ihre Freundschaft nicht durch beliebigen Sex gefährden, wie sie ihn mit anderen Jungs hat. In derselben Nacht kommen sich Abbie und William näher. Abbie ist gehemmt, weil sie keinen Mann mehr hatte, seit sie sich von den Folgen ihres Gebärmutterhalskrebses erholt. Sie will die angespannte Atmosphäre durch ein Rollenspiel als Fotograf und Model lockern. Doch der wortkarge William ist mit der Situation überfordert. Er küsst Abbie und bittet sie um Verzeihung. Jamie begleitet Abbie zum Arzt. Dieser hat eine gute und eine schlechte Nachricht: Abbie hat den Krebs besiegt, doch sie wird vermutlich niemals Kinder bekommen können. Derweil sorgt sich Julie, dass sie von einem ihrer wechselnden Liebhaber schwanger sein könnte. Jamie beschafft ihr im Drogeriemarkt einen Schwangerschaftstest, der in den USA gerade neu auf den Markt gekommen ist. Als er negativ ausfällt, ist Julie mehr als erleichtert.
Dorothea beschließt, die moderne Welt der jungen Leute kennenzulernen. Vielleicht gelingt es ihr ja dann, auch Jamie besser zu verstehen. Mit Abbie und William besucht sie einen Club und ist irritiert: Nicht nur, weil William sie unverhofft küsst, sondern auch, weil sie die Musik, den Tanz und die Mode der jungen Generation nicht begreifen kann. Während die Bilder, Farben und Rhythmen an ihr vorbeirauschen, sinniert Dorothea über die Zukunft: dass sie 1999 an Krebs sterben wird, dass der Punk bald enden und Präsident Ronald Reagan, Aids und HIV, das Internet und der Klimawandel kommen werden. Abbie kommt betrunken nach Hause. Sie geht direkt in Jamies Zimmer und empfiehlt ihm, Santa Barbara zu verlassen, wenn er etwas aus seinem Leben machen möchte. Am nächsten Morgen versorgt sie ihn mit feministischer Literatur, die der Schüler mit großem Interesse aufsaugt. Sie nimmt Jamie auch mit in die Clubszene, kauft ihm Bier und bringt ihm bei, wie er auf intelligent-charmante Art Frauen verführen kann. Dorothea geht Abbies Engagement zu weit. Denn Jamie nutzt seine Erkenntnisse aus den feministischen Büchern auch, um das Leben seiner Mutter zu hinterfragen. Und abendliche Tischgespräche drehen sich plötzlich um Tabuthemen wie Menstruation, vaginalen Orgasmus oder Julies frühe Entjungferung. Jamie erklärt Julie, dass sie nicht mehr in seinem Bett schlafen darf. Sie ist traurig und schlägt vor, dass sie beide heimlich Dorotheas Wagen nehmen und zur Küste fahren könnten. Sie kaufen Wein und mieten ein Motelzimmer. Dort gesteht Jamie Julie endgültig seine Liebe. Doch sie bleibt dabei: Sie kann und will keinen Sex mit Jamie haben. Sie hat Angst, dass er nach der körperlichen Liebe nur noch einer von vielen Jungs in ihrem Leben sein wird und das Besondere an ihrer Beziehung verschwindet. Jamie flieht aus dem Motel und macht sich mitten in der Nacht mit dem Skateboard auf den langen Weg nach Hause. Julie hat Angst um ihn und informiert Dorothea, die sich sofort mit William auf die Suche begibt. Es kommt zu einer längst überfälligen Aussprache zwischen Mutter und Sohn. Jamie respektiert zwar, dass Dorothea ihn glücklich sehen möchte, doch er bittet sie, sich fortan nicht mehr in sein Leben einzumischen. Erstmals öffnet sich nun auch Dorothea gegenüber ihrem Sohn: Manchmal sei sie einsam, sagt sie, aber in ihrem nächsten Leben werde sie vielleicht Humphrey Bogart heiraten. Den Einwand, dass Bogart tot ist, lässt sie nicht gelten. Es gehe ja um ihr nächstes Leben. Und da sei alles möglich…


ÜBER DIE PRODUKTION „Die Zukunft kommt immer zu schnell und in der falschen Reihenfolge.“ (Alvin Toffler, Autor von „Future Shock“)
1979 war ein Jahr grundlegender Veränderungen in den USA. Es war Jimmy Carters letztes Jahr im Weißen Haus. Die Islamische Revolution im Iran hatte begonnen und mit ihr das Geiseldrama in der US-amerikanischen Botschaft in Teheran. Zum ersten Mal bekam Amerika die Abhängigkeit vom Mittleren Osten und dessen Ölquellen zu spüren. An den Tankstellen bildeten sich lange Warteschlangen, das Wort „Energiekrise“ war in aller Munde, die Zukunft von Spritfressern und der mächtigen Autoindustrie in Detroit wurde erstmals in Frage gestellt. Das Land steckte mitten in der Rezession. US-Präsident Jimmy Carter kritisierte in einer landesweit ausgestrahlten Fernsehansprache den wachsenden Materialismus und ungebremsten Konsum der amerikanischen Bevölkerung. Brendan Ann Spencer beging als erster Teenager einen Amoklauf an einer amerikanischen Schule. Im Kernkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania ereignete sich der erste Atomunfall auf amerikanischem Boden. Psychotherapien wurden auch in den Vororten salonfähig, die ersten Apple-Computer kamen in den Handel, Margaret Thatcher wurde zur britischen Premierministerin gewählt, und die Gegenkultur büßte an Bedeutung ein.
1979 war wie ein Startschuss für viele politische und gesellschaftliche Probleme, für bestimmte Technologien und kulturelle Umwälzungen, die das US-amerikanische Volk bis heute beschäftigen. „Die späten 70er Jahre waren der Anfang unserer Gegenwart“, sagt Regisseur Mike Mills, „und doch lebten die Menschen damals in einer völlig anderen Welt, in der sie nichts von den bevorstehenden Veränderungen ahnten: Ronald Reagan, die Gier nach Reichtum, HIV und Aids, das Internet und seine Folgen, die Anschläge vom 11. September 2001 und die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. So gesehen, ist JAHRHUNDERTFRAUEN wie ein Trauergesang auf eine Zeit und deren Unschuld, zu der wir nie zurückkehren können.“
Auf diesem Nährboden gedeiht Mike Mills komödiantisches und zugleich betörend episches Drama JAHRHUNDERTFRAUEN. Der Film erzählt ein Märchen von Liebe, Reue, Kummer und Beziehungen in einer ungewöhnlichen Familie. Der Film ist zugleich eine Ode an die Stärke der Frauen verschiedener Generationen und zeigt auf anrührende Weise, wie die Summe von Momenten, die das Leben in einem bestimmten Zeitraum ausmachen, zu einer ganz eigenen Epoche werden, auf die wir jetzt nostalgisch zurückschauen. Das Ensemble aus erstklassigen Schauspielerinnen und Schauspielern wird angeführt von Annette Bening in ihrer bislang emotionalsten und authentischsten Rolle. Sie spielt eine zurückhaltende Frau, die allen Menschen, die ihr am Herzen liegen, einen sicheren Hafen bieten möchte. Dorothea wurde in den 1920er Jahren geboren, sie gehört zu der Generation, die in die wirtschaftliche Depression hineingeboren wurde. In den 60er und 70er Jahren wurden sie selbst Eltern und ihre Kinder erschufen später eine völlig neue Gesellschaft, in der wir heute leben. Der Film ist zugleich ein Liebesbrief an Mike Mills Mutter und die anderen Frauen, die ihn großzogen. Der Autor und Regisseur erklärt: „Gewissermaßen erzählen wir, wie die „Greatest Generation“ (benannt nach Tom Brokaws gleichnamigem Buch von 1998) auf die „Generation X“ trifft. Meine Mutter wurde in den 20er Jahren geboren, ich in den späten 60ern. So ist es auch bei Dorothea und Jamie. Beide lieben sich, aber sie sind Kinder völlig unterschiedlicher Generationen und können sich gegenseitig nicht den Halt geben, nach dem sie sich sehnen.“


BEGINNERS UND DIE FOLGEN „Ich habe ihm gesagt, wie großartig das Leben ist: Es gibt Tiere und Bäume und den Himmel und Städte, es gibt Musik, Filme, Stars und Farben – dort draußen, außerhalb des Tellerrands. Eines Tages würde er küssen, Freunde haben, sich verlieben und eigene Kinder haben.“ Mike Mills’ vorheriger Film, BEGINNERS (für den Christopher Plummer einen Oscar und einen Golden Globe als bester Nebendarsteller erhielt), war inspiriert von Mills’ Vater. Der outete sich im Alter von 75 Jahren als homosexuell. JAHRHUNDERTFRAUEN wurde dagegen von Mills‘ viel engerer Beziehung zu seiner Mutter inspiriert. Neben diesem autobiographischen Moment teilen beide Filme auch den Humor und die collagenhafte Struktur. Doch wie der Titel erahnen lässt, erzählt JAHRHUNDERTFRAUEN von der weiblichen Sicht auf die späten 70er Jahre, in denen die USA in den Krisenmodus schalteten. Mike Mills hat sich schon immer darauf verstanden, persönliche Geschichten mit globalen Themen zu verknüpfen. Er gehört der vielzitierten „Generation X“ an, die zwischen den „Baby Boomern“ und den „Millennials“ geboren wurde. Er blickt auf eine multidisziplinäre Karriere als Künstler, Grafikdesigner und Filmemacher zurück. Er schuf die Cover für Alben der Beastie Boys und Sonic Youth, drehte Musikvideos für Air, Pulp und Yoko Ono. Mike Mills stellte seine Kunstwerke in internationalen Museen aus, darunter im Museum of Contemporary Art, Los Angeles und im San Francisco Museum of Modern Art. So unterschiedlich die Ausprägungen seiner Kunst auch sind: In allen verarbeitet Mike Mills persönliche und privater Dinge, um damit Aussagen über unsere Gesellschaft treffen zu können. Letztlich folgt er dem Leitspruch bekannter Feministinnen: „Das Persönliche ist politisch.“ Schon seine frühen Kurzfilme zeigten das Zusammenspiel alltäglicher Begebenheiten mit dem rasanten Wandel in Kultur und Gesellschaft: „Deformer“ (2000) zeigte das Los Angeles des Künstlers und Skateboarders Ed Templeton; „Paperboys“ (2001) zeigte den aussterbenden Berufsstand heranwachsender Zeitungsausträger. In seinem ersten Kinofilm THUMBSUCKER (2005) schilderte Mike Mills die Ängste und die Unzulänglichkeiten, die sich durch das Leben eines Menschen ziehen. Es folgte die Dokumentation DOES YOUR SOUL HAVE A COLD? (2007) über das Aufkommen von Antidepressiva in Japan. 2010 kam schließlich BEGINNERS in die Kinos und machte Mike Mills zu einer unüberhörbaren Stimme des modernen Kinos.
Mit JAHRHUNDERTFRAUEN stellt sich Mills der bislang größten Herausforderung seiner Karriere. Wenn ein Mann eine Geschichte über Frauen schreibt, geschieht das nicht immer mit der angemessenen Tiefe. Doch bei Mills ist das anders. Als er das Drehbuch schrieb, griff er auf die Erinnerungen an jene Frauen zurück, die ihn als Kind und Teenager nachhaltig prägten. Er führte aber auch viele Interviews und betrieb umfassende Recherchen. Das Ergebnis sind drei Frauenfiguren, die in JAHRHUNDERTFRAUEN für sehr unterschiedliche Generationen stehen: die alleinerziehende und in den Jahren der Depression aufgewachsene Mutter Dorothea, die freigeistige Punk-Künstlerin und Baby-Boomerin Abbie, sowie die 17-jährige Julie, die ein typisches Kind der Generation X ist.
„Ich wurde von einer sehr starken Frau großgezogen“, sagt Mike Mills. „Mein Vater war zwar da, aber irgendwie doch abwesend“, erklärt Mills. „Den größten Teil meiner Kindheit in Santa Barbara habe ich mit meiner Mutter und meinen zwei Schwestern verbracht. Seither versuche ich, das Seelenleben der Frauen zu erforschen. Ich habe sie immer studiert, wollte stets von ihnen lernen, auch wenn sie von Natur aus unergründlich und undurchschaubar sind.“
Auch dem Teenager Jamie fällt es schwer, seine Mutter Dorothea zu verstehen. Zugleich empfindet er große Liebe für sie und großen Respekt, wie sie ihr Leben meistert. „Mit der Stimme von Frauen zu schreiben, fühlt sich für mich sehr natürlich an“, sagt Mike Mills. „Aber aus Dorotheas Sicht zu schreiben, war nicht ganz einfach, weil meine Mutter für mich immer ein großes Mysterium war und bleiben wird. Ich wollte verstehen, was eine 55 Jahre alte Frau denkt, die mit 40 Jahren ihr erstes und einziges Kind bekam, aber auch, wie es war, in den 20er Jahren geboren und mit den großen gesellschaftlichen Veränderungen der 70er Jahre konfrontiert worden zu sein. Dafür musste ich recherchieren, aber auch viele persönliche Mutmaßungen anstellen.“ Einige Details übernahm Mike Mills direkt aus dem Leben seiner Mutter. „Sie wollte Pilotin werden, sie arbeitete in einem typischen Männerberuf und sie liebte alte Filme, besonders die mit Humphrey Bogart“, sagt der Regisseur. Als sich die junge Generation in den 70er Jahren durch den Punk emanzipierte, büßten auch klassische Heldentypen wie Bogart an Bedeutung ein. Mit seiner spitzbübischen und leicht sarkastischen Art hatte er gut in die Zeit nach der Depression und nach dem Zweiten Weltkrieg gepasst.
„Ich habe viele Bogart-Filme und andere Filme aus dieser Zeit gesehen“, sagt Mike Mills. „Die Dialoge zwischen Männern und Frauen haben mich stark beeinflusst. Sie haben diesen subversiven Humor, was mir auch dabei half, Dorothea besser zu verstehen. Mir wurde klar, dass sie sich gar nicht mal so sehr in Humphrey Bogart verlieben wollte, sondern selbst so sein wollte wie er. Deshalb habe ich mich beim Schreiben von Dorotheas Rolle auch immer wieder gefragt: Was hätte Bogart in dieser Situation gemacht?“ Die Mittzwanzigerin und Punk-Künstlerin Abbie, die ihre kreativen Träume aufgab und New York verließ, als bei ihr Krebs diagnostiziert wurde, entstand ebenfalls als Mischung aus Mike Mills‘ persönlichen Erfahrungen mit Künstlerfreunden und Recherchen über das Leben junger Krebsüberlebender.
Die jüngste, aber gewiss nicht minder komplexe Frauenfigur in JAHRHUNDERTFRAUEN ist Julie. In ihr vereinen sich Eigenschaften vieler Mädchen, die Mills aus seiner eigenen Zeit an der High School kennt. Einige von ihnen hat er interviewt: „Ich arbeitete journalistisch, um das Denken und Handeln dieser Figuren besser verstehen zu können.“ Dieser journalistische Ansatz verschmolz auch mit Erinnerungen an Kinofilme, die Mills beruflich und privat geprägt haben. So etwa DER KRIEG IST VORBEI („La guerre est finie“, 1966), HIROSHIMA, MON AMOUR (1959) und MURIEL ODER DIE ZEIT DER WIEDERKEHR („Muriel“, 1963) des französischen Nouvelle-Vague-Regisseurs Alain Resnais, aber auch István Szabós LOVEFILM (1970), der die Liebesgeschichte von Heranwachsenden zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Fall des Eisernen Vorhangs erzählt, wie auch viele Filme von Federico Fellini. „Fellini ist ein Meister darin, persönliche Erfahrungen in große Kinobilder umzuwandeln“, erklärt Mills. Die kulturellen Einflüsse, die Mike Mills in JAHRHUNDERTFRAUEN aufgreift, gehen weit über das Kino hinaus: Schallplatten, Bücher, politische Ängste, geteilte Fernsehmomente und eine Vielzahl von Utensilien verleihen dem Film ein ganz besonderes Zeitgefühl. Sie stammen nicht nur aus dem Jahr 1979, sondern decken Dorotheas gesamtes Leben ab.
„Unsere Kindheit ist das Fundament, auf dem wir unser ganzes Leben aufbauen“, sagt Schauspieler Billy Crudup, der in JAHRHUNDERTFRAUEN die Rolle des William spielt.
„Doch Mike Mills erzählt im Film nicht nur von seiner Kindheit und Jugend. Er zeigt auch deutlich, wie aus dem damaligen Jungen der spätere Filmemacher wurde, und wie sich frühe Einflüsse aus den Bereichen Musik, Literatur, Fotografie und Film auf die Ästhetik seiner Filme ausgewirkt haben. Das ist auch der Grund, warum jeder von uns sein eigenes Leben auf die Geschichte von JAHRHUNDERTFRAUEN projizieren kann. Der Film ist allgemeingültig.“


DOROTHEA
„Lass uns heute Abend ausgehen. Ich will diese moderne Welt sehen.“ „Dorothea ist 55 und sieht aus wie die Flugpionierin Amelia Earhart“, schrieb Mike Mills in seinem Drehbuch über die Hauptfigur des Films. Ihr Sohn Jamie beschreibt die Mutter auch über starke Widersprüche: Dorothea notiert jeden Morgen die Börsenkurse, raucht die Marke Salem, weil sie gesünder sein soll, trägt Birkenstock, weil sie bequem sind, liest „Unten am Fluss“ („Watership Down“), schnitzt dann Hasen aus Holz und hat sich schon lange mit keinem Mann mehr verabredet. Jedes dieser Details band Annette Bening in ihre sehr persönliche Auslegung der Hauptfigur ein. Doch was die Schauspielerin, die bislang viermal für den Oscar nominiert wurde, daraus machte, war mehr als die Summe der einzelnen Elemente. „Genau wie meine Mutter ist auch Annette Bening sehr geheimnisvoll“, sagt Mike Mills. „Sie beherrscht ihr Handwerk und versteht den Aufbau jeder Szene. Darüber hinaus ordnet sie aber das Handwerkliche der Schauspielerei unter und wirkt dadurch auf der Leinwand sehr lebendig. Das sind immer meine Lieblingsmomente, in denen die Schauspieler jedes vorbereitete Konzept verlassen und die Dinge einfach laufen lassen. Annette liebt es, genau das zu tun. Wir waren beide oft überrascht, was sie da vor der Kamera machte.“ Mike Mills ergänzt: „Wir haben viel über meine Mutter geredet, aber Annette kopiert sie nicht einfach, sondern erschafft sie aus der Summe vieler Details neu. Die Dorothea, die man im Film sieht, besteht aus Annettes Timing, Intuition, Intelligenz und Humor.“ Bening griff die Vorlagen, die ihr die Rolle bot, begeistert auf: „Ich mag Frauen voller Widersprüche – denn jeder von uns hat sie“, sagt sie und lacht herzhaft. „Oft sind Frauenfiguren in Filmen stereotyp und eindimensional geschrieben, aber Mike gelingt es, Frauen sehr natürlich als komplizierte Menschen zu zeigen.“ Weil JAHRHUNDERTFRAUEN auch als Liebesbrief an alle Mütter gedacht ist, die von ihren Kindern geliebt, aber niemals richtig verstanden werden, wusste Bening, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte: „Es war nicht einfach, Dorothea so kratzbürstig, hochnäsig und abweisend zu spielen, wie es die Rolle verlangte, sie aber andererseits auch liebenswert wirken zu lassen. Ich musste die Balance finden zwischen ihrer Offenheit gegenüber anderen Menschen und der Verschlossenheit gegenüber ihrem eigenen Sohn. Bis zu einem gewissen Grad überließ ich es Mike, diese Gegensätze unter einen Hut zu bringen, während es mein Job war, jeden Moment so wahrheitsgetreu wie möglich zu spielen.“ Weitere Inspirationen erhielt Bening von Dorotheas Idol, der Flugpionierin Amelia Earhart, die in den 20er und 30er Jahren allen konventionellen Vorstellungen von Frauen die Stirn bot. Earhart stand auch Pate für Dorotheas Aussehen. „Schaut man sich Fotos von Amelia an, denkt man ganz anders über Frauen und Schönheit“, sagt Bening. „Ihr Aussehen unterschied sich komplett von unserem heutigen Ideal, dem übertriebenen Make-up und der Sehnsucht nach ewiger Jugend. Auch Dorothea kümmert sich nicht um Äußerlichkeiten. In ihrer Welt sind sie nicht wichtig. Sie lebt im Jahr 1979 und ist eine unabhängige Frau, aber sie scheint einer anderen Zeit mit anderen Sitten und Konventionen entsprungen zu sein.“ Dank ihrer Wertvorstellungen ist Dorothea sehr geerdet. Sie wundert sich über die jungen Frauen, die ein Leben führen, wie sie es sich in ihren jungen Jahren niemals hätte vorstellen können. „Dorothea sieht die Freiheit, die Abbie und Julie haben, und denkt sich: ‚Wow, wie wäre es gewesen, wenn ich so hätte aufwachsen können?‘“, sagt Annette Bening. „Zugleich hat sie lang genug gelebt, um zu wissen, dass jede Freiheit auch ihren Preis hat und es nicht automatisch einfacher ist, eine junge Frau im Jahr 1979 zu sein. Es ist nur anders.“


ABBIE
„Ich werde eine Story brauchen.“ Abbie mietet einen Raum in Dorotheas großem Haus an und wird unverhofft gebeten, ihr bei Jamies Erziehung zu helfen. Abbie ist rebellisch, kreativ und versucht, ihren Weg zu finden, nachdem der Krebs ihr Verständnis von Zukunft radikal verändert hat. Die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Greta Gerwig, bekannt für ihre Leistungen in Noah Baumbachs GREENBERG, FRANCES HA, MAGGIES PLAN und MISTRESS AMERICA, übernahm die Rolle und drückte ihr ihren ganz persönlichen Stempel auf. „Ich habe intensiv darüber nachgedacht, wer die nötige Größe mitbringt, um diese Rolle zu spielen“, sagt Mike Mills. „Dann fiel mir Greta ein und plötzlich ging alles ganz schnell. Sie ist in der Welt der Kunst zu Hause und hat diese Reise von Sacramento nach New York hinter sich, um beim experimentellen Theater zu arbeiten. Aber sie hat auch eine Verbindung zu den traurigen, versteckten Seiten von Abbie. Sie konnte sich so gut in die Rolle von Abbie hineinversetzen, dass sie sogar weinte, wenn wir nur über Abbie sprachen. Sie ist witzig und lebhaft wie Abbie, aber auch sehr gefühlvoll.“ Greta Gerwig fühlte sich sofort zur Rolle hingezogen, als sie das Drehbuch las. „Ich spürte eine magische Verbindung zu Abbie“, erinnert sie sich. „Ich weiß, wie es ist, wenn man aus Kalifornien kommt, aber zur New Yorker Künstlerwelt gehören will. Abbies Temperament und Mut, ihre dunkle Seite und ihre Nervosität passen so gar nicht zu Kalifornien, deshalb hat sie die Flucht angetreten. Aber dann musste sie zurückkehren, und das ist gar nicht so einfach.“ Da Gerwig einst selbst von New Yorks Theaterszene angelockt wurde, schätzte sie die Möglichkeit, in Abbies Welt einzutauchen: die ikonisch draufgängerische, wirklichkeitsnahe, düstere Kunstszene im New York der 70er Jahre. Die Ära war der Schwanengesang auf ein anderes New York – die Mieten für Lofts waren noch niedrig, die Verbrechensrate hoch und es gab diese rohe Heftigkeit von körperorientierter Aktionskunst, Fotorealismus, Feminismus, Graffiti und Outsider-Galerien. „Die Gelegenheit, all das aus Abbies Sicht zu erleben, war aufregend“, sagt Gerwig. „Tanz, Kunst, Musik, Fotografie und Straßenkultur kollidierten in dieser Zeit in Soho. Das muss für jemanden wie Abbie beeindruckend gewesen sein.“ Mike Mills und Greta Gerwig diskutierten viel über die Vorbilder für Abbies Rolle – darunter die verführerisch androgyne Bassistin der Talking Heads, Tina Weymouth, und Blondie-Sängerin Debbie Harry, die zu einer Art Gegenentwurf des Pin-up-Girls wurde. Gerwig sagt dazu: „Ich denke, die Punkgirls wirkten so sexy, weil sie sagten: Ich bin heiß, aber nicht für dich! Sie kokettierten nicht mit ihren Reizen. Und ich glaube, dass diese Punk-Ästhetik, bei der Gefühle mehr zählten als Talente, auf Abbie sehr anziehend wirkte.“ Gerwig machte sich mit ihrer Rolle vertraut, indem sie über Monate mit einer alten Kamera herumlief und keine Musik hörte, die später als 1978 aufgenommen worden war. Sie färbte ihre Haare mit der gleichen „Manic Panic“-Farbe rot, die 1977 auf den Markt kam und von den ersten weiblichen Punks genutzt wurde.
So wild und verführerisch Abbie wirken mag, so verletzlich ist sie auch. Sie erholt sich von ihrer Krebserkrankung, was zugleich ihre Vorstellung von Sex und Mutterschaft ändert. „Mir fiel auf, dass 1979 eine ganz andere Zeit war, um Krebs zu haben. Es gab keine Bewegungen wie ‚Live Strong‘, keinen Stolz der Überlebenden. Krebs zu haben und damit umzugehen, war eine sehr private Sache, düster und schmutzig. Diesbezüglich hat sich unsere Gesellschaft zum Glück geändert.“

JULIE
„Es geht nicht mal darum, glücklich zu sein. Es geht um Stärke und die Beständigkeit gegenüber anderen Gefühlen.“ Obwohl Julie nicht in Dorotheas Haus wohnt, ist sie ein Mitglied der familienähnlichen Gemeinschaft. Sie klettert heimlich durchs Fenster, um nachts bei ihrem besten Freund Jamie zu schlafen. Für Jamie verkörpert Julie alles, was er sich unter einer Seelenverwandten vorstellen kann… wenn sie nur endlich erlauben würde, dass er sich komplett in sie verlieben darf. Sie ist ein Kind der ausgelebten sexuellen Freiheit – mit allen Belastungen, die sich daraus ergeben. Als Tochter einer Therapeutin ist sie es gewohnt, über ihre Gefühle reden zu müssen, während sie sich im Grunde nur danach sehnt, ihrem aktuellen Leben zu entkommen.
„Im Gegensatz zu Julie, die mit den Gruppentherapien ihrer Mutter aufwächst, stammt Dorothea aus einer Zeit, in der man seine Gefühle und Ängste verbergen musste“, sagt Mike Mills. „Es dauert aber nicht lange, bis der Zuschauer merkt, dass sich hinter Julies vermeintlich cooler Maske ein Teenager verbirgt, der eine sehr ungewöhnliche Persönlichkeit ist.“ Die Rolle besetzte Mike Mills mit Elle Fanning, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 17 Jahre alt war. Der Regisseur hatte das Gefühl, dass die Schauspielerin ihrer Filmfigur in vielfacher Hinsicht ähnelte. „Elle ist ein kluger und geerdeter Mensch. Sie legt eine Emotionalität in ihre Rollen, die weit über das Normalmaß für ihr Alter hinausgeht. Ihr Ansatz, sich der Rolle zu nähern, ähnelt dem von Annette Bening. Sie ist perfekt vorbereitet und kennt die Szene, aber gleichzeitig bringt sie ihre Persönlichkeit in die Rolle ein und vergisst die Kamera. Sie spielt nur für diesen einen Moment. Außerdem hat sie verstanden, dass Julie, so ausgebufft sie auch wirken mag, doch noch ein Kind ist.“ Fanning fühlte sich schnell zu Julies Rolle hingezogen. „Sie hat viele verschiedene Seiten – sie will eine Frau sein, aber sie weiß nicht genau, wie sie das anstellen soll. Deshalb tut sie alles, um den Schein zu wahren“, sagt Fanning. „Sie will als frühreife Intellektuelle gesehen werden – eine Art junge Jodie Foster – und bringt einige Qualitäten dafür mit, doch sie ist auch unsicher und eine heimliche Kettenraucherin. Mike und ich redeten viel über die Mädchen, die als Vorbild für Julie dienten. Wir wollten hinter die Fassade dieser Mädchen blicken und herausfinden, aus welchem Grund sie sich so verführerisch geben.“ Julies Selbstbewusstsein ist ein schwacher Trost, wenn es um ihre Sexualität geht. Sie wächst in einer Zeit auf, die viel liberaler ist als die Jahrzehnte zuvor und in der Aids und HIV noch nicht entdeckt wurden. Doch Julie weiß nicht so richtig, wie sie mit dieser Freiheit klar kommen soll. Deshalb trennt sie scharf zwischen körperlicher und emotionaler Liebe. „Für sie ist Sex nicht gleich Liebe“, sagt Fanning. „Sie weiß zwar nicht, was Liebe ist – aber sie hat zumindest ihre Vorstellung davon. So gern sie Jamie auch hat, will sie die Freundschaft zu ihm nicht durch Sex zerstören. Sie hat Angst, ihn sonst als Freund zu verlieren.“ Julie verwendet auch ein Novum, das in den 70er Jahren das Leben der Frauen nachhaltig veränderte: den brandneuen Schwangerschaftstest für zu Hause. Obwohl er schon in den 1960er Jahren entwickelt worden war, kam er in den USA erst ab 1977 in den Handel. Die erste Werbeanzeige versprach damals „eine kleine private Revolution, die sich jede Frau leisten kann“. Mike Mills sagt dazu: „Der Schwangerschaftstest für zu Hause ist ein wichtiges Stück Geschichte. Eines der zentralen Themen im Film ist die Mutterschaft und wie schwierig sie sein kann. Abbie kann nach Aussage ihres Arztes keine Kinder bekommen. Julies Schwester wurde mit Zerebralparese geboren, und Julie hat Angst, ungewollt schwanger zu sein. Schwangerschaft ist ein großes Thema in der Lebensgeschichte vieler Frauen, unabhängig davon, ob man sie aus dem historischen, politischen oder persönlichen Blickwinkel erzählt.“
Bening sagt: „Elle Fanning ist eine einzigartige Person. Aber mir gefällt besonders, dass die Figur, die sie im Film spielt, ganz anders ist als die wahre Elle. Julie ist ein hartes Mädchen, aber zugleich bricht sie einem das Herz, weil sie auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens ist. Sie ist schockierend, lustig und berührend. Ich wüsste nicht, dass ich in einem anderen Film jemals eine Beziehung wie die zwischen Julie und Dorothea gesehen habe. Sie sind beide kratzbürstig, aber sie bewundern sich gegenseitig und beobachten sich misstrauisch.“ Fanning gefällt die Art, wie Regisseur Mike Mills im Film die Beziehungen aufgebaut hat. „Er organisierte Proben zwischen Lucas und mir, Greta und mir, Annette und mir. Alles war sehr psychologisch und es gab viele Übungen, bei denen wir Erinnerungen an unsere Kindheit austauschten. Ich fühlte mich bei Mike sicher, wenn es darum ging, persönliche Dinge zu erzählen – vielleicht auch deshalb, weil Mike seine Erinnerungen ebenfalls mit uns teilte. Es war so, als wären wir einfach nur gute Freunde, die sich etwas erzählen. Außerdem hat sich Mike eine gewisse Kindlichkeit bewahrt. Er kann sich aus tiefstem Herzen über kleine Dinge freuen. Er drehte diesen Film mit großer Leidenschaft, als eine Art Liebesbrief an seine Mutter. Sein Herzschlag ist in jeder Sekunde des Films zu spüren.“

WILLIAM
„Ich glaube immer, dass es mir mehr bedeutet. Aber dann kommt es anders. Ich denke, die nächste Frau wird mir mehr bedeuten. Oder vielleicht die nächste.“ Die einzige größere erwachsene Männerrolle in JAHRHUNDERTFRAUEN ist William, der Handwerker, der Dorotheas Haus renoviert und schon bald selbst zum Inventar gehört. Anfangs sieht Dorothea ihn als möglichen Ersatzvater für Jamie, aber ihr Sohn baut keinerlei Beziehung zu William auf. Stattdessen projizieren dann die verschiedenen Frauen im Haus ihre unterschiedlichen Sehnsüchte auf William. Für Mike Mills verkörpert William einen ganz speziellen Typ Mann: den Spät-Hippie, der sich schwertut, seinen Platz in der Gesellschaft der nahenden 80er zu finden. „Es war eine Zeit des Wandels“, sagt Mike Mills. „1979 gab es keine Humphrey Bogarts mehr. Sogar Präsident Jimmy Carter war der inwendigste und verletzlichste Präsident, den die USA jemals hatten.“ Die Rolle des William, die zugleich komisch und liebevoll angelegt sein sollte, übernahm Tony-Preisträger Billy Crudup, der zuletzt im Oscar-prämierten SPOTLIGHT (2015) zu sehen war und durch seine Rolle als Rockgitarrist in Cameron Crowes ALMOST FAMOUS – FAST BERÜHMT („Almost Famous“, 2000) bekannt wurde. Mills sagt über Crudup: „Nicht jeder Schauspieler hätte William so glaubwürdig spielen können, aber Billy ist bereit, alles auszuprobieren. Er spielt William als höflichen, netten Mann, der ein bisschen verloren scheint und sich nicht richtig ausdrücken kann. Billy hat viele Stotterer und Pausen in seinen Text gelegt, was die Idee eines stillen Mannes unterstreicht, auf den jede Frau Sehnsüchte projiziert. Er bewegt sich auch langsam, als würde er durch Nebel gehen. Er verhält sich passiv, aber dadurch beschleunigt er letztlich das Handeln aller anderen Personen im Haus.“ Gemeinsam mit Mike Mills entwickelte Crudup die vielen Nuancen, die William definieren sollten. „Mike brachte schon viele Ideen mit, aber letztlich haben wir William gemeinsam entwickelt“, sagt Crudup. „Er sagte mir, dass es im Haus seiner Mutter immer einen Handwerker gab. Im Film ist William derjenige, mit dem sich Dorothea besonders identifiziert. Denn er soll das männliche Vorbild für Jamie sein. Sie kennt nur ein Ziel: ihrem Sohn zu helfen, in einer schwierigen Phase seines jungen Lebens, die in eine schwierige Zeit für ganz Amerika fällt, den richtigen Pfad aufzuzeigen.“

JAMIE
„Bitte entschuldigen Sie Jamies Fernbleiben von der Schule. Er hat am Morgen ehrenamtlich für die Sandinisten gearbeitet.“ Die Zuschauer erleben Dorotheas Haus durch die Augen und Ohren ihres Sohnes Jamie – der mit der Beobachtungsgabe, den Zweifeln und der Liebe eines Heranwachsenden ausgestattet ist, wie man sie vielleicht in keiner anderen Phase seines Lebens hat. Wie so viele andere jungen Männer, sucht auch Jamie nach seinem Platz in der Gesellschaft. Doch im Gegensatz zu vielen anderen jungen Männern hat Jamie dafür keinerlei männliche Vorbilder. Ihm stehen Frauen verschiedenen Alters und mit stark abweichenden Lebensperspektiven zur Seite, darunter seine Mutter, die er bewundert, aber nicht mal ansatzweise verstehen kann. Mike Mills besetzte Jamies Rolle mit dem Teenager Lucas Jade Zumann. Obwohl Mills viele Aspekte seiner eigenen Jugend in die Rolle einfließen ließ, wählte er einen Schauspieler, der nicht eins zu eins seinem jüngeren Ich entsprach. „Es ging mir bei diesem Film nie um mich selbst“, sagt Mills. „Deshalb gefällt mir, dass Lucas mir nicht ähnlich sieht. Für einen 14-Jährigen ist er ungewöhnlich intellektuell, deshalb kauft man ihm ohne weiteres ab, dass er sehr genau beobachtet und das innere Bedürfnis hat, die Frauen, mit denen er aufwächst, besser kennenzulernen. Lucas spielt Jamie nicht als Macho und nicht als Nerd.“ Zumann ließ sich nicht nur von Mike Mills‘ Erzählungen aus dessen Kindheit und Jugend inspirieren, um Jamies Rolle besser verstehen zu können. „Wenn er zu uns Schauspielern sprach, habe ich auch seine Gesten und seine Mimik studiert“, sagt Zumann. „So floss ein bisschen was von Mike in die Figur des Jamie ein. Er soll zwar keine Kopie sein, aber mir war wichtig, diesen wunderbaren, kreativen Menschen glaubwürdig als jungen Mann darzustellen.“ Die vielleicht größte Parallele zwischen Jamie und dem Schauspieler Lucas Jade Zumann ist die Leidenschaft fürs Skateboarden. Er konnte leicht nachempfinden, dass Jamie am liebsten auf vier kleinen Rollen die Flucht von zu Hause und vor seinen Problemen ergreift. „Bei den Proben bat Mike Greta darum, mich in ihrer Rolle als Abbie zu fragen, warum ich das Skateboard so mag. Ich antwortete ihr, dass ich mich darauf wie der Wind fühle, der an allen anderen Menschen vorbeizieht. Ich denke, Jamie sieht das genauso.“
Doch die größte Herausforderung stand Zumann noch bevor. Der Newcomer musste eine enge Beziehung zu seiner Filmmutter Annette Bening aufbauen, die zu gleichen Teilen liebevoll und problematisch sein sollte. Das war leichter, als Zumann zunächst erwartet hatte. „Ich weiß noch, wie ich diese prominente Besetzungsliste studierte und sofort dachte: Wie soll ich da bloß mithalten können? Aber zwischen Annette und mir hat es sofort Klick gemacht und wir hatten schnell ein Verhältnis wie zwischen einer Mutter und ihrem Sohn“, sagt Zumann. Interessanterweise war das Verhältnis zwischen Annette und mir viel besser als das zwischen Jamie und seiner Mutter im Film – aber umso leichter fiel es uns dann, die sehr persönlichen Momente zu spielen.“ Einige von Zumanns wichtigsten Szenen kommen ohne Worte aus. Dann tanzt er mit Abbie wild und ausgelassen. Für den jungen Schauspieler war das eine faszinierende Erfahrung.
Für Zumann war die Arbeit an JAHRHUNDERTFRAUEN auch eine Reise zu sich selbst. „Ich denke, die Dreharbeiten und meine Auseinandersetzung mit der Rolle haben stark dazu beigetragen, dass ich viel über das Leben und über mich gelernt habe – und ich hoffe, dass der Film viele junge Leute in meinem Alter dazu bringt, sich nicht mehr so allein zu fühlen und gewisse Dinge an sich zu akzeptieren.“

(Quelle: Verleih)
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Donnerstag 04.05.2017
DAS ENDE IST DER ANFANG
Ab 11. Mai 2017 im Kino
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Gilou (Bouli Lanners) und Cochise (Albert Dupontel) fahren mit ihrem Pick-Up durch endlose Weiten. Sie sollen ein verlorenes Handy mit sensiblen Informationen orten und ihrem Auftraggeber aushändigen. Eine Nadel in einem verdammten Heuhaufen. Was die beiden an diesem gottverlassenen Ende der Welt machen ist klar, was aber suchen Esther (Aurore Broutin) und Willy (David Murgia) hier, ein Paar, das nicht nur verliebt ist, sondern auch auf der Flucht? Was will der Mann (Philippe Rebbot), der sich Jesus nennt und seltsame Wundmale an den Händen trägt? Und woher kommt die Mumie im Schlafsack?

Regie und Drehbuch; Bouli Lanners
Mit Albert Dupontel, Bouli Lanners, Suzanne Clément, Michael Lonsdale, David Murgia, Aurore Broutin, Philippe Rebbot und mit der außergewöhnlichen Beteiligung von Max von Sydow.


So karg die Landschaften, so skurril sind die Leute und so lakonisch die Dialoge. Harte Kerle zeigen hier auch mal eine andere Seite, die Liebe versteckt sich hinter rauen Fassaden, Mord begegnet Moral, Zweifel trifft auf Hoffnung und Gewalt auf Glaube.
Regisseur Bouli Lanners überrascht dabei immer wieder mit einem unerwarteten Blick auf seine Charaktere, die sich allesamt am Rande der Gesellschaft bewegen. Er ist an der Seite von Albert Dupontel auch in einer der der Hauptrollen zu sehen, mit ihren Auftritten begeistern zudem Michael Lonsdale als Blumen züchtender Pensionsbesitzer und Max von Sydow, der als Priester ein eindrucksvolles Abschiedslied für eine unbekannte Leiche singt.


INTERVIEW MIT BOULI LANNERS

Woher kam die Idee zu diesem Film?
Am Anfang war es lediglich ein Bild, das mir ins Auge sprang, als ich im Nachtzug von Toulouse nach Paris unterwegs war und nicht schlafen konnte. Ich sah etwas, das aussah wie eine Startrampe aus Beton, die sich über Kilometer durch die Landschaft zog. Ich wusste nicht, was es war, dachte es sei ein Aquädukt. Ich notierte mir die Namen der Bahnhöfe, an denen wir hielten, kehrte zurück an den Ort, und das war es dann.
(Anmerkung: Es handelte sich um die Gleise einer Einschienenbahn, die 1968 als Verbindung zwischen Orléans und Paris gebaut und 1977 außer Betrieb genommen wurde.)

Wie ging es weiter?
Dieses Bild hat mich inspiriert, eine Geschichte über zwei Menschen zu schreiben, die am Rande der Gesellschaft leben, beide extrem fragil, und beide sollten auf einer geraden Linie laufen und damit jede klassische Form der Geografie außer Kraft setzen. All die anderen Elemente des Films kamen dann zur Idee dieser beiden Charaktere auf der Flucht hinzu: Cochise und Gilou, die Suche nach einem gestohlenen Handy, die verwaiste Stadt, die Mumie etc.

Wie haben Sie das Drehbuch geschrieben?
Ich habe eineinhalb Jahre vergeblich damit verbracht. Dann bekam ich zufällig eine Unterhaltung mit und mir wurde klar, dass viele Menschen daran glauben, dass das Ende der Welt kurz bevor stehen könnte - und nicht nur ich! Plötzlich machten diese Einschienenbahn, das Pärchen auf der Flucht, all die Bruchstücke Sinn, und innerhalb von fünf Wochen stand das Drehbuch. Für die Entwicklung der Charaktere habe ich auf persönliche Erfahrungen zurückgegriffen, insbesondere bei Gilou, der mir sehr nah ist.

War Albert Dupontel als Cochise gesetzt?
Es gab nur einen, der dieses Duo Cochise und Gilou vollkommen machen konnte, und das war er. Ich kenne ihn gut, bewundere ihn, und wir haben schon oft zusammen gearbeitet. Er ist ein sehr rationaler Mensch, sehr fürsorglich, sehr warm und dennoch sehr zurückhaltend. Im echten Leben haben wir die gleiche Beziehung wie Cochise und Gilou im Film. Unabhängig davon ist er ein außergewöhnlicher Schauspieler, der dieses Besondere ausstrahlt, das Cochise zu einem kaltblütigen Tier macht, zu einem echten Killer.

Ein paar Worte zu Esther und Willy bitte, dem jungen Paar auf der Flucht.
Esther und Willy bewegen sich am Rande der Gesellschaft. Ich mag fragile Charaktere, die jeden Moment hinfallen können. Da ist so etwas wie eine absolute Reinheit in ihnen, die zu dem Bild passt, das ich von den ersten Menschen habe. Das heißt, sie verkörpern das Beste im Menschen.

Warum DAS ENDE IST ERST DER ANFANG?
Es gibt ein immer wiederkehrendes Thema in all meinen Filmen: Die kaputte Familie, die wir mit allen Mitteln wieder zusammenbringen möchten. Was uns — die wir vielleicht die letzten sind — mit den ersten Menschen verbindet, ist dieses absolute Bedürfnis nach einem Leben in Gemeinschaft. Ich mag den Gedanken, dass es da noch eine Verbindung zu ihnen gibt, das beruhigt mich. Die ersten Menschen hatten, anders als Tiere, ein Bewusstsein, und sie suchten nach dem Göttlichen. Auch wenn mein Glaube etwas angeschlagen ist, tue auch ich das noch. Wir mögen vielleicht die letzten Menschen sein, aber so sehr unterscheiden wir uns nicht von den ersten.

Bitte auch ein paar Worte zu Max von Sydow und Michael Lonsdale.
Unabhängig vom Privileg, mit ihnen arbeiten zu dürfen, war es das Bild des Vaters, das ich mit ihren Rollen und ihnen schaffen wollte. Es bedurfte zweier Charaktere, die älter sind als Gilou, körperlich zerbrechlicher aber moralisch wesentlich stärker. Was Gilou braucht, um wieder auf den rechten Weg zu kommen, ist ein Vater, der ihm helfen und klar machen kann, dass seine eigene Zerbrechlichkeit relativ ist.

Und dann gibt es da Jesus, gespielt von Philippe Rebbot.
Philippe ist ein Jesus wie von El Greco erdacht. Wir haben uns bei Dreharbeiten kennengelernt und
wurden zu Brüdern. Ich habe zu ihm gesagt: „Du wirst Jesus sein. Du nimmst deine Brille ab, und du wirst Jesus‘ Güte in deinen Augen haben.“ Für mich ist Rebbot in diesem Film ein echter Jesus, ein Mann mit Zweifeln, ein Mann, der weiß, dass ihn ein vorbestimmtes Schicksal erwartet, der aber nicht weiß wo. Ein Mann, der keine Angst davor hat, sein Gewehr zu benutzen. Ein Revolverheld-Jesus! Er ist mein Jesus, vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack, aber das stört mich nicht.

Die Beauce (Anm.: eine dünn besiedelte Gegend in Frankreich) mitten im Winter bietet ein prachtvolles und wildes Setting, fast so wie das eines Westerns…
Ja, diese unendlichen Weiten sind wirklich wunderschön, sehr malerisch, wie in einigen Western. Aber es war die Hölle, mit diesem unbarmherzigen eisigen Wind. In Cinemascope sieht diese Wildnis großartig aus, aber es war hart.

Wie sind Sie die Kamera und den Look des Films angegangen?
Im heutigen Denken ist eine Art von existentiellem Pessimismus offensichtlich. Das kann ich nachvollziehen. Ich bin durch eine schwere Zeit gegangen, in der mich der Gedanke an den Tod nicht losgelassen hat. Dies musste ich durch eine Geschichte, einen Film austreiben. Das heutige Denken in Richtung „Unterhaltung und Lachen über alles“ macht mich krank, eine Komödie kam daher für mich nicht in Frage. Die Zeit war reif, einen dunkleren Film zu machen. Und es ist ok, einen dunklen Film zu machen.

Aber es ist kein Film ohne Hoffnung.
Nein, überhaupt nicht. Paradoxerweise ist es der einzige Film, den ich jemals gemacht habe, der gut endet. Selbst wenn dies das Ende der Welt ist, selbst wenn Krankheiten unser Leben verkürzen: Die Zeit, die uns bleibt, muss voll ausgekostet werden. Für mich ist dieser Film eine echte Botschaft der Hoffnung.



BOULI LANNERS
BOULI LANNERS, geboren 1965 im belgischen Moresnet-Chapelle, wechselte nach einem Studium der Malerei an der Académie Royale des Beaux Arts in Liège ins Schauspielfach, seit 1995 führt er auch selbst Regie. Mit seinem Kurzfilm Muno war er 2002 für den Europäischen Filmpreis nominiert, sein Spielfilmdebüt gab er 2005 mit Ultranova. Mit Kleine Riesen (2011) wurde er in die Quinzaine des Réalisateurs in Cannes eingeladen. Filme, in denen er als Schauspieler zu sehen war, sind u.a. 25 Grad im Winter (2004), Louise Hires a Contract Killer (2008), Mammuth (2010), Der Geschmack von Rost und Knochen (2012) und Ich bin tot, macht was draus! (2015).



INTERVIEW MIT ALBERT DUPONTEL

Wie haben Sie Bouli Lanners kennengelernt?
Am Set von Dead Man’s Hand, einem ungewöhnlichen belgischen Film. Die Verbindung zu ihm hat sich gut angefühlt, ich konnte es gar nicht erwarten, wieder mit ihm zu arbeiten.

Wie erklären Sie sich, dass Sie — nicht zum ersten Mal — zwei sehr ähnliche Charaktere spielen?
Wir sind eine Generation, haben einen sehr ähnlichen Geschmack, lachen über die gleichen Dinge und haben die gleichen Ängste.

Wie haben Sie reagiert, als Bouli Sie auf DAS ENDE IST ERST DER ANFANG angesprochen hat?
Überrascht, dass er an mich dachte. Erfreut, dass er mich fragte. Und dann begann die Angst, an mir zu nagen, ihn zu enttäuschen.

Wie hat er Ihnen den Film präsentiert?
Als Geschichte einer starken und soliden Freundschaft, in deren Rollen er sich uns beide vorstellen würde.

Bitte ein paar Worte zur Figur Cochise und dem Duo, das er mit Gilou bildet.
Cochise ist das stille Gewissen der beiden: Weniger ängstlich, ruhiger, wahrscheinlich verzweifelter.
Während sich Gilou Sorgen macht, hat Cochise damit aufgehört, sich zu sorgen und akzeptiert fatalistisch, was die Zukunft bringt. Er beruhigt ihn, bemuttert ihn und hilft ihm zurück auf die Füße, weil er Gilou genauso sehr braucht wie Gilou ihn.

Wie liefen die Dreharbeiten?
Ich bewundere Boulis Bestimmtheit sehr, seine Präzision, seine feinsinnige und intelligente Art, die
Schauspieler zu führen. Ich hatte eine tolle Zeit, er schaffte es, seine Angst unter Kontrolle zu halten und konnte sogar hin und wieder mit mir lachen.

Hat das Wetter Ihre Arbeit und den Film generell beeinflusst?
Kälte motiviert einen und schärft die Konzentration, man hängt einfach nicht so gern rum. Die Beauce hat einem überhaupt keine Chance zur Flucht gelassen und hat mein Konzentrationslevel sogar noch weiter erhöht.

Wie stehen Sie zu den Themen des Films: Freundschaft, das Ende der Welt, Freiheit und Liebe.
Es gibt Themen, die liegen Bouli sehr am Herzen, und die teile ich auch. Ich habe genau verstanden, worum es ihm ging, meine einzige Sorge war tatsächlich nur, dass ich das nicht schaffen würde.

Und die spirituelle Dimension des Films?
Das ist eine sehr persönliche, deutliche und kompromisslose Reflexion über die Unwahrscheinlichkeit der Existenz und die merkwürdigen Mysterien, die uns umgeben. Bouli beantwortet diese Fragen mit großer Sensibilität und tiefsinniger Menschlichkeit.

Sie arbeiten selbst als Regisseur. Welchen Eindruck haben Sie von Bouli in dieser Rolle?
Präzise, sorgfältig, er fängt seine Umgebung so ein, dass er sie optimal für das Kino umsetzt. Eine
Hymne an das Leben genauso wie er auch seine Nase in den Tod steckt.

Ein paar Worte über Gibus?
Gibus ist für Bouli das, was Struppi für Tim ist. Das sagt alles.

Eine Anekdote?
Alles lief gut. Und das, glauben Sie mir, ist wirklich eine verdammt gute Anekdote.

(Quelle: Verleih)
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Donnerstag 27.04.2017
EXPEDITION HAPPINESS
Ab 04. Mai 2017 im Kino
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Der neue Kinofilm des PEDAL THE WORLD-Teams FELIX STARCK UND SELIMA TAIBI UNTERWEGS VON ALASKA BIS MEXIKO

„Routine ist der Feind des Fortschritts“ – finden Felix Starck, Filmemacher (PEDAL THE WORLD) und seine Freundin Selima Taibi, Sängerin, besser bekannt als Mogli. Sie haben sich kennengelernt, als er den Globus mit seinem Fahrrad umrundete und sie ihn einige Wochen in Neuseeland begleitete.
Entstanden ist daraus mit PEDAL THE WORLD der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm der letzten Jahre. Die beiden leben im kreativen Berlin, als sie die Idee zu ihrem neuesten Projekt EXPEDITION HAPPINESS haben.
Vom Weltreisen zurück fällt ihnen in der lauten, dreckigen Stadt die Decke auf den Kopf. War es das? Liegt das Lebensglück in einem Loft in Wedding? Wieso Berlin? Wieso Deutschland? Und wieso eigentlich ein fester Wohnsitz? Als sie im Internet einen alten Schulbus entdecken, ist sofort klar – das ist es.
Nur 4 Wochen später sitzen sie im Flieger nach Amerika. Mit im Gepäck jede Menge Kameraausrüstung, um das Erlebte zu dokumentieren.

EXPEDITION HAPPINESS – ein Filmemacher, eine Sängerin, ein Berner Sennenhund und ein Schulbus, den die beiden zu einem „Loft on Wheels“ umgebaut haben, das sind die Zutaten einer Reise quer über den amerikanischen Kontinent, von Alaska bis Mexiko. Sie sehen wilde Wölfe, Elche und einen Grizzly. Sie reisen zu Gletschern und durchqueren Wüsten und Dschungel. Hund Rudi wird operiert und die mexikanische Armee kreist sie nachts ein. Sie stehen vor dem höchsten Gipfel und am tiefsten Punkt Nordamerika- Sinnbild für die Achterbahnfahrt ihrer Gefühle, an denen sie den Zuschauer teilhaben lassen.


EXPEDITION HAPPINESS ist nah, tief, ungefiltert und sehr persönlich. Ein Abenteuer und eine Suche nach dem Glück, jenseits aller ausgetretenen Pfade.
Felix Starck und Selima Taibi („Mogli“) haben den neuen Film genau wie den Kinoerfolg PEDAL THE WORLD komplett alleine produziert und bringen ihn auch selbst in die Kinos. Untermalt ist der Film mit dem wundervolle Soundtrack von Mogli, die ihre einfühlsamen Songs auf dieser Reise geschrieben hat.
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Freitag 21.04.2017
EIN DORF SIEHT SCHWARZ
Ab 20. April 2017 im Kino
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Ein unwiderstehliches Feel-Good-Movie der anderen Art aus dem Land der Sch'tis. Ein Plädoyer für Toleranz und dem nicht immer ganz einfachen Weg zum friedlichen Miteinander. Ein kleines Wunder zu einem Thema von brisanter Aktualität.


Frankreich 1975: Seyolo Zantoko ist Arzt und stammt aus dem Kongo. Als er einen Job in einem kleinen Kaff nördlich von Paris angeboten bekommt, beschließt er, mit seiner Familie umzuziehen. Sie erwarten Pariser Stadtleben, treffen aber auf Dorfbewohner, die zum ersten Mal in ihrem Leben einem afrikanischen Arzt begegnen und alles tun, um den „Exoten“ das Leben schwer zu machen. Aber wer mutig seine Heimat verlassen hat und einen Neuanfang in einem fremden Land wagt, lässt sich so leicht nicht unterkriegen...


Ein Film von Julien Rambaldi

mit Marc Zinga, Aïssa Maïga,
Bayron Lebli, Médina Diarra, Rufus, Jonathan Lambert u.a.


Lachen und Weinen, Humor und Gefühl, ein Clash der Kulturen, wie er heftiger nicht sein könnte: Regisseur Julien Rambaldi verbindet in seinem zweiten Film EIN DORF SIEHT SCHWARZ all diese Zutaten zu einem fulminanten Mix aus bewegender und leichtfüßiger Komödie, zielt gekonnt auf Herz und Hirn. Augenzwinkernd nimmt er die muffigen 1970er Jahre auf dem Land unter die Lupe. Paris und die Studentenrevolte von 1968 sind fern, im idyllischen Marly-Gomont erstickt man lieber in Gemütlichkeit.

Toleranz, Durchhaltevermögen und die Hoffnung auf Wandel, gegenseitiges Verständnis und friedliches Miteinander dominieren in dieser feinsinnigen Geschichte. Das Wunderbare: dieses Miteinander ist kein Märchen, sondern Wirklichkeit und Wahrheit. Kamini, bekannter Rapper und Sohn von Seyolo Zantako, landete 2006 einen Hit mit seinem witzigen Song „Marly-Gomont“ und entwickelte die Filmidee vom Ankommen und Bleiben, erzählt im Drehbuch vom Schicksal seiner Eltern – emotional, zärtlich, berührend.

Marc Zinga („Dheepan“, „Das unbekannte Mädchen“) und Aïssa Maïga („Caché“, „Bamako“) spielen das liebenswerte Paar zwischen Anpassung und Stolz auf die eigenen Wurzeln. Klein gestartet, ließen sich im Sommer 2016, durch gute Mundpropaganda, schlussendlich 600.000 Zuschauer von diesem Feel-Good-Movie verzaubern. Im November wurde der Film bei den 33. Französischen Filmtagen Tübingen / Stuttgart mit dem Publikumspreis Stuttgart ausgezeichnet.


LANGINHALT
Eine feucht-fröhliche Studienabschlussfeier an der Medizinischen Fakultät von Lille zu Mitte der 70er Jahre: Seyolo Zantako (Marc Zinga) ist der einzige Afrikaner in der lockeren Runde. Trotz des verlockenden Angebots, Leibarzt des kongolesischen Präsidenten Mobutu zu werden, will er nicht nach Kinshasa zurück, sondern in Frankreich bleiben. Da kommt ihm der Bürgermeister von Marly-Gomont gerade Recht, der verzweifelt einen Arzt für sein Dorf im Norden des Landes sucht, um bei den Neuwahlen wiedergewählt zu werden. Seyolo sagt zu, in der Hoffnung auf die französische Staatsbürgerschaft. Monsieur Ramollu (Jean-Benoït Ugeux) warnt ihn zwar, dass die Dorfbewohner noch nie einen Schwarzen gesehen hätten. Das hindert den jungen Mediziner aber nicht, mutig die Chance auf einen Job zu ergreifen: „Wenn sie noch keinen Schwarzen gesehen haben, wird es Zeit“.

Seyolo holt seine Familie nach, die glaubt, nach Paris zu ziehen und sich riesig auf die glitzernde Seine-Metropole freut. Umso größer ist die Enttäuschung bei seiner Frau Anne, Töchterchen Sivi und Söhnchen Kamini (Aïssa Maïga, Medina Diarra, Bayron Lebli), als sie bei der Ankunft im strömendem Regen in der Pampa stehen. Alles ist grau, kein Eifelturm weit und breit, nur Felder, Matsch und Kühe. Die Wohnung entpuppt sich als feuchte Bruchbude, das Auto als Rostlaube und hinter den Gardinen versteckt, linsen die braven Bürger geschockt auf die neuen Bewohner. Ein herzliches Willkommen sieht anders aus.

Seyolo beschwichtigt die frustrierte Anne und macht ihr Hoffnung, nach Erhalt der Staatsbürgerschaft nach Paris zu ziehen. Den beiden Kindern malt er eine goldene Zukunft aus, wenn sie bereit sind, mehr zu lernen als alle anderen. Auf die neugierige Frage des kleinen Kamini, warum es für Schwarze schwieriger sei, nach oben zu kommen als für Weiße, hüllt er sich in Schweigen. Der Weg zur Schule mit den Kindern gleicht für Anne einem Spießrutenlauf, die Schüler hänseln die Neuen (die „Dunklen“) und auf dem Markt redet der Gemüsehändler mit Anne wie mit einer Idiotin, was die sich aber so gar nicht bieten lässt und ihm heftig Contra gibt. In Seyolos neuer Arztpraxis verirrt sich lediglich eine Schwangere, die beim Anblick des Arztes entsetzt davon läuft und auch der Hausbesuch bei einem Bauern endet mit Schüssen auf den Fremden. Doch unverdrossen glaubt Seyolo weiterhin an Integration nach der Devise: „Wir müssen uns anstrengen, damit sie uns mögen lernen.“ Deshalb soll zu Hause von nun an auch nur noch Französisch gesprochen werden und nicht mehr die kongolesische Landessprache Lingala.

In wenigen Monaten steht die örtliche Gemeinderatswahl an. Dem konservativen Kandidaten Lavigne (Jonathan Lambert) ist Seyolo ein Dorn im Auge. Er warnt ihn, in diesem Teil Frankreichs heiße es „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“.

Als Seyolos Auto auf der Landstraße den Geist aufgibt, hilft ihm der sympathische Bauer Jean (Rufus) und rät ihm zu versuchen, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, am besten in der Dorfkneipe. Ein Rat, den Seyolo noch am selben Abend befolgt. Nach dem ersten Erstaunen bricht bei den vergnügten Zechern das Eis. Beim gemeinsamen Dartspielen, Schnaps und Bier nimmt man den Fremden in die Runde auf. Die Ermunterung lautet: „zackhaurin“. 

Nach einer Charme-Offensive und Händeschütteln auf der Dorfstraße rechnet Seyolo mit mehr Akzeptanz und Patienten. Aber erst einmal kommen Heimatgefühle auf, als mit Lärm und Karacho Freunde und Verwandte aus Brüssel heran düsen und gute Laune verbreiten. Ihr „Kongo-Dresscode“, farbgewaltige Markenkleidung und dicke Sonnenbrillen, sorgen für kritische Blicke bei den Nachbarn, aber bei gutem Essen und Getränken sieht die Zukunft der Familie nicht mehr ganz so düster aus.

Tatsächlich scheint es aufwärts zu gehen, das Blatt sich zu wenden: In der Kneipe gibt Seyolo Ratschläge für die verschiedenen Wehwehchen und siehe da, zwei schlichte Gesellen kommen in die Praxis und lassen sich ohne Hemmungen gemeinsam untersuchen. Hämorrhoiden und Filzläuse? Das kann sie nicht erschüttern. Die Rechnung zahlen sie allerdings nicht, schließlich sei Seyolo kein „richtiger Arzt“.
Trotz Geldsorgen und Kerzenlicht mangels Strom halten die Zantokos zusammen und machen aus ihrer Situation das Beste. Nur woher kommt es, dass Seyolo plötzlich ständig nach Stall riecht? Erst einmal schickt ihn Anne ins Bad. Doch dann findet sie heraus, dass ihn sein Arbeitsweg frühmorgens nicht etwa in die Praxis führt. Seyolo schuftet bei Bauer Jean auf dem Hof, um Geld zu verdienen. Das schweißt das Paar noch mehr zusammen, denn es ist ihre Liebe, die über alle Hindernisse hinwegtröstet. Anne hält zu ihrem Mann, auch wenn Lavigne im Dorf böse Gerüchte streut.

Inzwischen hat der Winter Einzug gehalten, Seyolo und die Kinder erleben begeistert den ersten Schnee und ihre erste Schneeballschlacht. Zu Weihnachten kommt die Brüsseler Mischpoke erneut zu Besuch. Nach dem Auspacken der Geschenke wird  opulent getafelt und ganz nebenbei erfährt Anne, dass ihr Liebster aus politischen Gründen den lukrativen Leibarztposten bei Präsident Mobutu ausgeschlagen hat. Vor versammelter Sippe muss er ihr versprechen, Marly-Gomont sobald wie möglich mit ihr zu verlassen. Dann geht es unter Glockengeläut in die Mitternachtsmesse, wo die Gemeinde andächtig „Stille Nacht, Heilige Nacht“ singt. Stimmgewaltig stimmt die afrikanische Truppe gospelartig in den Gesang ein, klatscht, singt und tanzt zum Rhythmus des Weihnachtsliedes, während die Dorfbewohner ungläubig das Spektakel in ihrer Kirche verfolgen. Seyolo befürchtet, dass seine Bemühungen, alles zu tun, damit die Dörfler ihn für „normal“ halten, nun endgültig gescheitert sind. Doch was ist schon normal? Und was bringt es, die eigenen Wurzeln zu verleugnen?

Die Nacht birgt noch weitere Überraschungen. Die aus seiner Praxis geflohene schwangere Bäuerin liegt in den Wehen und ihrem Mann bleibt nichts anderes übrig als Seyolo um Hilfe zu bitten. Unter wüsten Beschimpfungen der Gebärenden, kommt das Baby wohlbehalten zur Welt und mit dem ersten Schrei des Neugeborenen ist alles vergessen. Alle zusammen, die Dorfbewohner, die Zankotos und ihr Anhang, feiern den Neuankömmling. Und die Afrikaner zeigen den Dorfbewohnern, was Feste feiern heißt...

Am nächsten Tag klingelt in der Praxis das Telefon ohne Unterlass. Endlich! Seyolo hat es geschafft, die Leute akzeptieren ihn als Arzt. Anne versucht sich in der Fahrschule und macht alles falsch, was ein Fahrschüler nur falsch machen kann.
Diese Harmonie passt dem hinterhältigen Politiker Lavigne überhaupt nicht in den Kram, will er doch die Wahl gewinnen. Er denkt sich eine neue Intrige aus, um seinem Gegner, dem amtierenden Bürgermeister Ramollu, zu schaden. Denn kein Arzt, keine Stimmen – so sein Kalkül. Ganz überraschend holt die Polizei Seyolo also ab: Seine Sondergenehmigung vom Gesundheitsministerium wurde aufgehoben, bis seine ursprüngliche Nationalität beglaubigt wurde. Seyolos Lebenstraum scheint geplatzt, die zum Greifen nahe französische Staatsangehörigkeit in weite Ferne gerückt. Als wäre das noch nicht genug, will Anne ihn verlassen, weil Bauer Jean und seine Frau ausplaudern, dass Seyolo entgegen seinem Versprechen vorhat, Marly-Gomont treu zu bleiben. Sie packt ihre Koffer und lässt ihren Mann mit den Kindern allein zurück. Seyolo versteht die Welt nicht mehr, er wollte doch nur eines: Anerkennung.

Tage später geht der kleine Kamini mit seinem Vater zum Fußballspiel. Was der Papa nicht ahnt – seine Tochter Sivi, der er das Fußballspielen strikt untersagt hatte, hat es hinter seinem Rücken gegen die hämischen Jungs beim Fußballspiel auf dem Schulhof durchgesetzt und tritt nun ganz offiziell in der Dorfmannschaft an. Ihre Fans befeuern die „schwarze Pantherin“, die mit vier Toren den Sieg ihrer Mannschaft klar macht und diese damit in die Ehrenliga katapultiert. Das Dorf feiert Sivi und der stolze Seyolo weint fast vor Rührung.

Als der Wahltag, der Tag der Entscheidung naht, ruht Seyolos einzige Hoffnung auf der Wiederwahl des Bürgermeisters. In der Kneipe redet er den Männern deshalb ins Gewissen, sie sollen Ramollu wählen und hat nebenbei zusammen mit Sivi einen trickreichen Plan ausgeheckt: Dem entsetzten Fußballtrainer eröffnen die beiden ganz cool, dass er sich keine Hoffnungen mehr machen kann. Sivi wird in einem anderen Team spielen, weil die Familie Marly-Gomont verlassen muss. Diese kleine „Drohung“ zeigt Wirkung.

Der Tag endet im Glück. Die Schulkinder präsentieren ein selbst entworfenes Theaterstück und spielen nach, was die Zantokos in ihrem Ort erlebt haben. Eine herzliche Sympathiebekundung, die nicht nur die Leute von Marly-Gomont zueinander bringt, auch Seyolo und Anne liegen sich wieder in den Armen. Sie wissen, sie haben eine Zukunft, in einem Dorf, das jetzt herzlich gerne „schwarz sieht“.

Epilog:
Die Geschichte beruht auf wahren Ereignissen aus den 1970er Jahren. Nachdem Seyolo wieder seinen Beruf ausüben konnte, kämpften die Bürger von Marly-Gomont mit einer Petition für seine französische Staatsbürgerschaft. Der Mann aus Kinshasa blieb bis zu einem tödlichen Autounfall am 30. August 2009 ein geachteter und beliebter Arzt und diente seinen Patienten mit ganzer Kraft. Ein Jahr vor seinem Tod wurde er mit der Verdienstmedaille der Picardie ausgezeichnet. Zu seiner Beerdigung versammelte sich das ganze Dorf, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Einem, der zu ihnen gehörte, Heimat und Freunde in der Fremde fand. 


INTERVIEW MIT JULIEN RAMBALDI
Regisseur

„Für mich erzählt EIN DORF SIEHT SCHWARZ vom Zusammentreffen zweier Welten, die sich nicht kennen“

EIN DORF SIEHT SCHWARZ ist ihr zweiter Langfilm, sieben Jahre nach „Les meilleurs amis du monde“. Wie kam diese Geschichte zu Ihnen?
Durch das Zusammentreffen verschiedener Umstände. Ich war mit Produzentin Pauline Duhault für ein anderes Projekt verabredet, das letztendlich nicht klappte. Sie steckte mit Kamini in der Entwicklung von EIN DORF SIEHT SCHWARZ und drückte mir das erste Drehbuch in die Hand, an dem noch Benoît Graffin beteiligt war. Ich bekam große Lust, in die Geschichte um Kaminis Vater einzutauchen. Für mich war Seyolo das Rückgrat des Films und ich setzte mich ein Jahr lang noch einmal an das Drehbuch, wobei ich die guten Ideen von Kamini und Benoît natürlich einbezogen habe.

Wie reagierte Kamini auf diese Herangehensweise?
Zwischen uns ist alles sehr gut gelaufen. Natürlich hing er sehr an dem Projekt, wollte es sogar mal selbst verfilmen. Ich war nach unserem Gespräch sehr entspannt. Gemeinsam an dem Buch zu schreiben, wäre für uns beide sehr schwierig gewesen. Er stand vor einer sicherlich nicht einfachen Wahl, aber entschied sich, mir zu vertrauen.

Welche Erinnerung haben Sie an das Chanson „Marly-Gomont“ von 2006 und den darauf folgenden Hype?
Ich erinnere mich sehr gut an den Hit und den humorvollen Aspekt. Dieser Geist fand sich übrigens im Treatment von Kamini wieder. Mich berührte seine Idee, dem Vater ein Denkmal zu setzen. Natürlich enthält der fertige Film viel Humor, aber auch andere Dinge, andere Gefühle. EIN DORF SIEHT SCHWARZ ist eine universelle Geschichte und geht weit über den Rahmen einer Komödie hinaus.

Man mag es kaum glauben: EIN DORF SIEHT SCHWARZ ist im Jahr 1975 angesiedelt, wirkt aber sehr aktuell und modern…
Besonders heute. Dieser aktuelle Aspekt war Bestandteil unserer Arbeit. Natürlich sehen wir auf der Leinwand die 1970er Jahre, vor allem anhand der Kleidung, aber ich wollte keine zu starke Zeitgebundenheit. Die Handlung spielt auf dem Land, aber zwischen Gestern und Heute hat sich nicht so viel geändert im ländlichen Milieu. Dies erlaubt eine moderne Erzählweise, in der die Krise der Migration mitschwingt. Vor zwei oder drei Jahren habe ich mich noch gefragt, ob man die Geschichte wirklich erzählen soll. Die Antwort ist heute eindeutig… EIN DORF SIEHT SCHWARZ erzählt vom Zusammentreffen zweier Welten, die sich nicht kennen, ein bisschen wie am Anfang einer Liebesbeziehung, wenn man sich noch aneinander herantasten muss. Man spürt Angst vor dem anderen, aber nach und nach gewinnt das Vertrauen die Oberhand. Das ist der Motor des Films: Seyolo muss das Vertrauen der Dorfbewohner gewinnen. Er gehört zu den außergewöhnlichen Menschen, die schon bei der ersten Begegnung einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ein Typ, der den Kongo verlässt und sich mit seiner Familie ausgerechnet in Marly-Gomont niederlässt, wo er sich auch durch größte Schwierigkeiten nicht entmutigen lässt. Einer, der nicht aufgibt. Allein sein Glaube ist doch schon bewundernswert. Eine tolle Kinofigur.

Empfanden Sie diese Verbindung von Humor und gesellschaftlichem Anliegen nicht etwas riskant? Jedenfalls so auf dem Papier?
Durchaus. Und es macht mich sehr stolz, dass der Film die Unterschiede zwischen den Dorfbewohnern und der Familie Zantoko zeigt, ohne in den Bereich der Karikatur abzurutschen. Keine leichte Angelegenheit, aber ich konnte mich auf eine tolle Besetzung verlassen: Aïssa und Marc sind zwei Super-Schauspieler. Uns verbindet das Faible zu mehr angelsächsischem Humor. Es geht nicht um eine Posse mit einer Aneinanderreihung von Sticheleien und Witzen, sondern im Gegenteil, um eine sehr englische Komödie. Für so etwas brenne ich.

Lassen Sie uns über Marc Zinga sprechen, den Darsteller von Seyolo.
Ich habe eine Reihe seiner Filme gesehen und viel von ihm gehört. Bei unserem ersten Treffen war ich so beeindruckt, dass ich schon an seiner Zusage zweifelte. Marc wollte nämlich erst einmal „Les meilleurs amis du monde“ sehen, den er dann sehr gern mochte. Ich wusste, wir lagen auf der gleichen Wellenlinie. Am Set habe ich ihn als einen harten Arbeiter schätzen gelernt. Er war einfach unermüdlich und überlegte sich immer etwas Neues. Irgendwann fragte er mich, ob er mir Vorschläge machen darf und als ich zustimmte, begannen wir, viel über die Organisation der Dreharbeiten zu diskutieren, die mal gut, mal weniger gut liefen. Das alles hat uns sehr genutzt, von ihm kam letztendlich viel Input.

Und was ist mit Aïssa Maïga, Seyolos Frau Anne?
Aïssa ist einfach umwerfend. Marc und Aïssa ergänzen sich zu einem sehr glaubwürdigen Paar. Anne ist eine gut situierte Frau aus der afrikanischen Mittelschicht, die in diesem Dorf landet. Aïsa strahlt diese Eleganz aus und verfügt über eine bemerkenswerte Schönheit, außerdem kann sie sehr komisch sein. Sie ist Seele und Säule dieser Familie aus dem Kongo. Mit Aïssa, Marc und den beiden Kinderdarstellern habe ich einen riesigen Glücksgriff gemacht.

Und das, obwohl schwarze Schauspieler nicht besonders zahlreich sind in Frankreich. Oder man kennt sie nicht, was noch schlimmer ist.
Genau. Es gibt sie, aber man kennt sie nicht. Marc hat glücklicherweise einen Namen wie auch Aïssa, die bekannteste schwarze Schauspielerin Frankreichs. Ich habe auch noch einige andere gefunden wie Tatiana Rojo, aber man sieht sie kaum auf der Leinwand. EIN DORF SIEHT SCHWARZ ist wohl der erste publikumswirksame französische Film mit einem schwarzen Paar in der Hauptrolle. Und das im Jahr 2016! Verrückt, oder?

Wie steht es mit den Nebenrollen?
Ich wollte ein paar bekannte Gesichter, deshalb fiel die Wahl auf Jonathan Lambert als Fiesling. Ich besetze gerne Komödienschauspieler gegen ihr Image. Das bringt  einen neuen Ton, vor allem wenn der Schauspieler gut ist. Und seine Figur ist mies, aber keine Karikatur. Wenn ich auf Nummer sicher hätte gehen wollen, wäre auch Daniel Prévost eine Option gewesen. Für Lavigne brauchte ich einen Sympathieträger, dessen Hinterhältigkeit man nicht sofort erkennt.

Und Rufus, als Jean, ist einer der wenigen Bauern, die der Familie helfen?
Ihn hatte ich von Anfang an im Kopf. Es gab allerdings eine kleine Diskussion mit den Produzenten, die sich nicht jemanden in dem Alter vorstellen konnten. Aber für mich gab es keinen Zweifel an ihm, Jean ist der Schutzengel der Hauptfigur. Und ist es nicht herzzerreißend schön, dass der Waise Seyolo in ihm eine Art Ersatzvater findet, einen Verbündeten, der über ihn wacht und ihn lenkt?
Vielleicht noch ein Wort zu Medina Diarra und Bayron Lebli, die perfekten Filmkinder von Anne und Seyolo…
Eine falsche Wahl hätte den Film kaputt gemacht. Medina trat schon mal in einem Fernsehfilm auf und ist wirklich eine Granate. Beim Casting nahm sie mich sofort gefangen. Bei Kindern mit dieser Begabung muss ich als Regisseur wenig tun, außer auf die Konzentration zu achten. Aus Scherz haben wir die beiden Kids am Ende der Dreharbeiten Simone Signoret und Jean Gabin getauft. Wir hatten einen Coach für die Kinder, was sich vor allem bei Bayron lohnte, der noch nie vor einer Kamera gestanden hatte. Es war wie ein Wunder mit den beiden.

In „Les meilleurs amis du monde“ ging es um Freundschaft, EIN DORF SIEHT SCHWARZ handelt von Familie. Ihre Vorlieben scheinen menschlichen Beziehungen zu gelten…
Eben, weil jede Komödie auch einen dramatischen Kern in sich birgt. In beiden Filmen geht es um den Zusammenstoß von Gefühlen, um Konflikte. Das wurde mir erst nach Ende der Dreharbeiten klar. Aufgrund meiner Herkunft entwickelte ich ein besonderes Interesse an EIN DORF SIEHT SCHWARZ. Als Sohn eines Italieners und einer Schwedin bin ich Franzose und habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Aber dann brachte mich der Film doch zum Nachdenken...


INTERVIEW MIT KAMINI ZANTOKO
Idee und Originaldrehbuch

„Mir lag es am Herzen, mit dem Film meinen Vater zu würdigen. Er ist mein Held.“

In welchem Moment haben Sie sich gesagt, meine persönliche Geschichte und der daraus entstandene Hit „Marly-Gomont“ von 2006 könnten die Grundlage für ein Drehbuch und für einen Film sein?
Auslöser war der Clip „Marly-Gomont“. Dann, nach meinem zweiten Album, als ich  das Gefühl hatte, der Haussegen mit meiner Plattenfirma hängt schief, sagte ich mir: „Kam, jetzt musst du dich auf andere Projekte konzentrieren“. Erst schwebte mir die Idee für eine Serie wie „Der Prinz von Bel-Air“ vor, statt einer schwarzen Familie in Los Angeles, eine schwarze Familie in der Picardie! Beim Schreiben fand ich, die Story verfügt über das Potenzial für einen Langfilm. Produzenten und Agenten zeigten zwar Interesse für meine Idee, rieten mir aber, das Thema neu zu bearbeiten. Im Jahr 2012 habe ich mich beim Festival de Cannes mit Produzentin Pauline Duhault zusammengesetzt, die Chemie stimmte, und wir entschlossen uns,  gemeinsam dieses Filmprojekt anzugehen.

Mit der Idee, den Film selbst zu realisieren?
Am Anfang schon. Aber wir merkten bald, dass es für die Produzenten doch ein großes Risiko bedeutete, in „Kamini, den Sänger“ Geld zu investieren. Außer ein paar Clips hatte ich nichts gedreht und mir war klar, das würde nicht reichen. Da ich nicht auf dem Egotrip bin, habe ich nach Rücksprache mit Pauline entschieden, mich auf meine Rolle als Autor zu beschränken und die Realisation einem erfahrenen Regisseur anzuvertrauen. Der Umgang mit Julien Rambaldi war unkompliziert: Er hat meine Geschichte und was ich erzählen wollte, genau verstanden und wenn ich den fertigen Film sehe, muss ich sagen, wir haben uns sehr gut ergänzt. Julien hat bestimmte Aspekte in das Drehbuch eingebracht, die ich so nicht ausdrücken konnte, vor allem die starke Emotion die man bei EIN DORF SIEHT SCHWARZ empfindet, genau an den Stellen, wo ich eher auf Komödie gesetzt hätte. Letztendlich passen  seine Sensibilität, seine Handschrift und seine Persönlichkeit perfekt zum Thema.
 
Fiel es Ihnen schwer, dass ein anderer Ihre eigene Geschichte in Bilder umsetzt?
Es gab keine andere Wahl: Entweder die Regie wird delegiert oder der Film nicht realisiert. Mir lag es am Herzen, durch den Film meinen Vater zu würdigen… Er ist mein Held, ich bin sein größter Fan! Und diese Hommage hat er wirklich verdient, er hat sein ganzes Leben lang hart gearbeitet und ich konnte es nicht riskieren, dass das Projekt ins Wasser fällt. Als ich dann Julien getroffen und seinen Film „Les meilleurs amis du monde“ gesehen habe, wusste ich sofort, er ist der Richtige. Ich möchte noch hinzufügen, dass ich auch die Jugend ansprechen will, eine neue Generation von Einwanderern. Ihnen sagen, dass man alles im Leben erreichen kann dank einer guten Ausbildung. Das hat mein Vater immer wiederholt. Er war ein Waisenkind, aufgewachsen auf der Straße des belgischen Kongo. Niemals hat er seine Bücher aus der Hand gelegt. Dieses Thema verarbeitete ich übrigens in einem Kurzfilm unter dem Titel „L`orphélin de Biongo“.

Ihr Vater weilt nicht mehr unter uns. Wusste er vor seinem Tod von Ihren Plänen?
Er wusste, dass ich eine Serie vorbereiten wollte und einen Film über ihn und die Familie. Ich bin glücklich, dass ich dieses Abenteuer zu Ende gebracht habe und hoffe, dass er stolz darauf ist, egal wo er jetzt ist… Selbst als wir einige Reibereien hatten (weil ich mein Medizinstudium in Lille nicht mit dem nötigen Eifer betrieb), weiß ich, dass er stolz auf meinen künstlerischen Werdegang war. Er hat miterlebt, was mir mit meinem Lied „Marly-Gomont“ passiert ist, die Sendungen in TF1 und Canal+, den Presserummel, das Fernsehen…

Zwischen ihrem Song und dem Film liegen zwölf Jahre: Sie haben weitere Alben veröffentlicht, Fernsehen gemacht, eine One-Man-Show… Wie sehen Sie im Rückblick dieses Jahrzehnt?
Für mich hängt alles an der Frage der Erziehung. Als diese Erfolgswelle über mich rollte, war ich zwar total von den Socken, bin aber bescheiden geblieben, wie es mir mein Vater gelehrt hat. Ich wusste sehr genau, Ruhm kann sehr zerbrechlich sein, gerade, wenn man schnell nach oben kommt: Nehmen Sie einen Unbekannten von der Straße, lassen Sie ihn im Fernsehen auftreten, ob talentiert oder nicht, er wird plötzlich berühmt! Für mich zählt heute, dass ich meine Projekte durchführen und davon leben kann. Der Rest ist nicht mein Problem. Für viele geht es zuerst um Ruhm und Promistatus, in zweiter Linie um die Kunst. Nicht bei mir… Ich habe meine Karriere umgekehrt gestartet: Ich bin durch die Medien nach oben katapultiert worden, bevor ich mit der grundsätzlichen Arbeit begonnen habe. Heute ist es das Gegenteil: Für die One-Man-Show bin ich in der Schweiz und in Belgien in Sälen vor 150 Zuschauern aufgetreten, erst dann folgte Paris. Kurz gesagt: Ich mache Fortschritte und wenn ich wieder im Rampenlicht stehe, bin ich bereit.


INTERVIEW MIT MARC ZINGA
Darsteller Seyolo Zantoko

„1975 liegt weit zurück, aber es ist wie gestern. Auch heute findet man noch diese Reaktionen gegenüber dem Unbekannten, gegenüber dem Anderen… Das ist vor allem ein menschlicher Reflex.“

Warum haben Sie die Rolle des Seyolo Zantoko angenommen? Was hat Sie an seiner Person interessiert?
Auf Anhieb beeindruckend war für mich die Qualität des Drehbuches. Begeistert hat mich auch die Kombination von authentischer Geschichte und publikumswirksamer Komödie über eine Familie für Jung und Alt, nicht zu vergessen den humanistischen Aspekt. An der ziemlich klassischen Vorlage konnte man die Entwicklung ablesen, die die Figuren aufgrund der Konfrontation mit sehr komplexen Situationen durchmachten. Eine Herausforderung, da ich bis dahin noch nie die Gelegenheit hatte, diese Art von Kino anzugehen und gleichzeitig bei der Arbeit Spaß zu haben. Der Film setzt mehr auf Sensibilität als auf Komik, behält aber dennoch eine sehr komische Seite.

Wie sehen Sie Seyolo, diesen Familienvater und afrikanischen Arzt, den es in dieses kleine Dorf der Picardie verschlagen hat?
Ich sehe ihn als einen, der freiwillig viel auf sich nimmt, einen Arbeiter mit einer Schwäche: Es fehlt ihm an Abstand. Seine Aufrichtigkeit, sein guter Wille und seine Strenge machen ihn angreifbar. Manchmal wirkt er fast richtig stur. Seyolo will um jeden Preis ein besseres Leben.

Gerade das macht ihn zu einem sehr komplexen Charakter, hin- und hergerissen zwischen seiner Rolle als Ehemann, Vater, Arzt. Er möchte sich integrieren, ohne seine Wurzeln zu verleugnen…
Das ist genau das ständige Dilemma: Wie das Beste aus seiner Herkunft bewahren und damit auch seine Würde, gleichzeitig aber auch seinen Platz in diesem Dorf  finden? Eine sehr schwierige Frage für ihn, da seine Vorstellung von Integration von der seiner Familie teilweise abweicht, aber auch nicht mit der Vorstellung der Dorfbewohner übereinstimmt. Das spitzt die komödiantische Seite des Films zu. Was uns zum Lachen bringt, fusst oft auf einem Drama. Wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutscht, ist das für Außenstehende vielleicht lustig, aber für den Betroffenen oft schmerzhaft. Für Seyolo geht es darum, akzeptiert zu werden, ungeachtet dessen, was die Bauern von ihm halten, die noch nie einen Schwarzen gesehen haben. So lacht man über das Pech dieses afrikanischen Arztes, nicht mit Häme, sondern mit großer Zärtlichkeit, da er etwas sehr Menschliches und Universelles ausstrahlt.

Die fassungslosen Reaktionen der Einheimischen sind an sich schon verblüffend: Die Geschichte spielt 1975 und man hat den Eindruck, dass allein das Auftauchen dieser afrikanischen Familie in Marly-Gomont zu einem unerwarteten Umbruch führt.
Ja, 1975 liegt weit zurück, aber es ist wie gestern. Wir dürfen nicht vergessen, auch heute findet man noch diese Reaktionen gegenüber dem Unbekannten, gegenüber dem Anderen. Das ist vor allem ein menschlicher Reflex. Wir sind wie von Angst geleitete Tiere und bleiben auf Distanz zu dem, was uns in Schrecken versetzt. Es liegt im Verantwortungsbereich der Regierenden und der politischen Institutionen für Offenheit zu sorgen. Das geschieht durch Kultur und Erziehung mit dem Ziel, dem Bürger diese Angst zu nehmen. Man kann diese Dinge negativ sehen und beklagen, dass wir immer noch nicht aus der Spirale sozialer Ausgrenzung heraus gekommen sind (in der Zeit, in der die Filmhandlung spielt, wie auch heute), aber das ist die Crux der menschlichen Gemeinschaft: Die Furcht vor dem Unbekannten… Und sei es nur die Hautfarbe.

Sie verkörpern eine sehr stark von Kaminis Vater inspirierte männliche Figur, einen Mann, der nicht mehr unter uns weilt. Empfanden Sie eine bestimmte Art von Verantwortung, diesen Mann zu verkörpern und haben Sie darüber mit seinem Sohn und Drehbuchautor gesprochen?
Ich habe Kamini erst während der Dreharbeiten kennen gelernt und nicht das Gefühl gehabt, mit ihm vorher über die Figur sprechen zu müssen. Das Drehbuch war sehr gut geschrieben und sehr präzise. Der Seyolo im Film erinnert mich an meine Umgebung, an Dinge und Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich habe Leute aus dem Kongo der damaligen Zeit getroffen, Intellektuelle oder Angehörige  einer bestimmten Schicht, die mit meinen Eltern bekannt oder befreundet waren und die ähnelten meiner Vorstellung von Seyolo. Ich habe mich von meiner Intuition leiten lassen und von den Anweisungen des Regisseurs Julien Rambaldi.

Die Tatsache, dass Sie aus dem Kongo stammen, verleiht diese ihrer Rolle noch eine zusätzliche Dimension?
Es war mir jedenfalls eine besondere Freude, eine mit meinen Wurzeln verbundene Geschichte zu erzählen, Und an einem Projekt mitzuwirken, bei dem die Vielfalt an erster Stelle steht, ist auch einen tolle Sache. Wenn ich zwei schwarze Schauspieler auf dem Plakat eines beliebten französischen Films sehe, bin ich bewegt. Gerade heute halte ich das für sehr wichtig. In den Szenen, in denen die afrikanische Familie aus Belgien fröhlich in das Dorf einfällt, spürten wir Schauspieler einen richtigen Stolz, damit auch ein wenig über unsere Wurzeln zu erzählen.

Sprechen wir von ihren Partnern und beginnen wir mit Aïssa Maïga, die Ihre Frau Anne spielt…
Ich kannte Aïssa nicht, wir sind uns vor einigen Jahren nur mal kurz auf einem Festival begegnet. Ich wusste vor diesem Film wenig über Ihre Arbeit, aber was ich gesehen hatte, überzeugte mich von ihren tollen Qualitäten als Schauspielerin und die Dreharbeiten haben mir das bestätigt. Ich bin froh, dass ich mit Aïssa arbeiten konnte, mit ihrer Spiel-Intelligenz hat sie mich angespornt. Auch menschlich, selbst wenn das nebensächlich sein sollte, haben wir uns sehr gut verstanden. Sie ist wie ein Sonnenstrahl und verfügt nicht nur über eine atemberaubende Schönheit, sondern auch über eine Wahnsinnsenergie.

Sie spielen einen Vater. Was halten Sie von Ihren Filmkindern Medina und Bayron?
Zwischen uns herrschte eine wirkliche Kameradschaft. Das Ziel eines Schauspielers ist es oft, die Gefühle der Kindheit neu zu entdecken, dem Zuschauer zu zeigen, dass hinter dem Spaß auch einen Sensibilität steckt. Mit Kindern zu arbeiten bringt einem sehr viel, wir lernen von ihnen. Sie vermitteln uns ihre Leichtigkeit, ihre Unbekümmertheit. Bei Medina und Bayer gibt es nicht den Hauch von Berechnung und das spürt man auch auf der Leinwand. Außerdem sind beide Super-Schauspieler.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Regisseur Julien Rambaldi?
Es mag nicht sehr originell klingen, aber alles lief wie am Schnürchen. Selbst wenn – und ich sage es noch einmal – der menschliche Aspekt nicht das Wichtigste bei den Dreharbeiten ist (nur der Film zählt), Julien ist ein sehr ruhiger Typ, was ich für sehr wichtig halte. Beim Blick auf die Geschichten gelingt ihm eine wunderbare Mischung aus Menschlichkeit und Humor, er kommt mir vor wie eine Art Erbe von Frank Capra. Bei ihm finde ich diese mitreißende Begeisterung dem Leben gegenüber, die aber nie in Naivität umschlägt. Julien hat außerdem ein unglaubliches Talent, dem anderen zu zuhören, einfach unverzichtbar für jemanden, der sich an so ein Projekt traut. Sich gegenseitig auszutauschen, Dinge erörtern, dem Regisseur Vertrauen entgegen bringen - das ist fundamental für die Arbeit, auch wenn natürlich der Regisseur die finale Entscheidung trifft.

Sprechen wir nun von Ihnen. Ihre Schauspielkarriere ist noch jung, aber bereits geprägt von sehr unterschiedlichen wie auch interessanten Projekten: Von „Rayures du Zèbre“ an der Seite von Benoït Poelvoorde bis hin zu „Spectre“, von „Dheepan – Dämonen und Wunder“ bis zur Serie „Péplum“…
Ich schätze mich glücklich über die bisherige vielseitige Auswahl, das war immer mein Wunsch. Ich hatte die Gelegenheit, sehr effektiv mit sehr guten Leuten zu arbeiten wie Jacques Audiard, Sam Mendes oder auch Thomas Vincent, der mich für mein erstes wichtiges Projekt engagierte („Mister Bob“ für Canal+) oder die Dardenne-Brüder, aber auch Abd Al Malik für „Qu`Allah bénisse la France“, Benoït  Mariage und jetzt Julien Rambaldi. Jedes Mal haben mir die Leute, deren Arbeit ich sehr bewunderte, viel beigebracht. Alle diese Chancen kommen von einer ungewöhnlichen Ausgangsposition: Schon sehr früh haben mir meine Eltern Vertrauen geschenkt, somit konnte ich mich meiner Schauspielleidenschaft widmen. Als Kind habe ich mich entschieden, Schauspieler zu sein und als meine Lehrer mir die Fähigkeit bestätigten, ermutigten mich meine Eltern, meinen Weg zu gehen, was nicht oft der Fall ist bei den Schauspielanwärtern, die man in den Schauspielschulen trifft. Von frühem Alter an, anfänglich außerhalb der Schule, konnte ich mich der Schauspielerei hingeben im Wissen, das ist mein Leben.  


INTERVIEW MIT AïSSA MAïGA
Darstellerin Anne Zantoko

„Anne weicht keiner Auseinandersetzung aus, auch auf die Gefahr hin, dass es mit den Dorfbewohnern, die sie und ihre Familie zurückweisen, zum Zusammenstoß kommt.“

Was hat Sie an der Geschichte besonders berührt?
Dass aus dieser kleinen Geschichte eine große wächst. Die einer afrikanischen Familie, deren kongolesischer Vater die Entscheidung trifft, sich in Frankreich niederzulassen, weil er sich nicht vorstellen kann, für das Mobutu-Regime in seinem Land zu arbeiten. Wir schreiben das Jahr 1975 und die Ankunft dieser Familie in dem kleinen Dorf in der Picardie trifft auf rückwärtsgewandte Ideen, auf den Rassismus der damaligen Gesellschaft. Das hat mich übrigens an meine eigene Geschichte erinnert. Auch wenn meine Familie ganz anders ist, habe ich mich bei einigen Situationen an die Erfahrungen meiner Eltern oder vielmehr unserer Eltern erinnert gefühlt. Das Drehbuch schien mir ernsthaft, fesselnd, sehr witzig und bewegend. Ich sehe auch eine Aktualität in dieser Geschichte: Denken Sie an die Migranten, die aus schrecklichen Verhältnissen fliehen und dann in Europa landen.

Der Film spielt im Jahr 1975 und man hat den Eindruck, die Einwohner von Marly-Gomont erleben die Invasion von Marsmenschen.
Man muss den Kontext relativieren: Wir sind in Marly-Gomont und nicht in Paris.  Und es stimmt, dass die Leute in diesem Kaff noch nie mit dem Begriff Diversität konfrontiert waren. Trotzdem scheint es fast unglaublich: 1975 scheint  Vergangenheit, aber es kommt einem vor wie Gestern. Die Geschichte Frankreichs mit den afrikanischen Ländern entstand ja nicht erst in den 1970er Jahren. Die Reaktionen im Film stützen sich auf Tatsachen und in der Realität hat Kamini solche Ereignisse auch noch später erlebt, zu Anfang der 1980er Jahre. Man darf nicht vergessen, Seyolo ist Arzt und die Vorstellung, den eigenen Körper und Intimität einem Afrikaner anzuvertrauen, verstärkt die Angst noch zusätzlich. Davon handelt der Film und das macht ihn auch sehr modern: Der Mangel an Glaubwürdigkeit, unter dem dieser Arzt leidet, weil er schwarz ist, weil er eine andere Hautfarbe hat. Allein deshalb wird an seinen Fähigkeiten gezweifelt. Dabei hat Seyolo in Frankreich sein Medizinstudium absolviert, sein Familien- und Eheleben geopfert und ist sicherlich ein guter Arzt. Für seine Frau ist dieses Misstrauen am Schwersten zu ertragen.

Bleiben wir bei der Figur der Anne…
Mir gefällt ihre Stärke. Sie ist eine Persönlichkeit, die mich an einige Tanten oder meine Mutter erinnert: Diese auf dem Kontinent geborenen afrikanischen Frauen haben sich eines Tages entschlossen, ihre Heimat zu verlassen. Manchmal, weil sie wieder mit ihrem Ehemann zusammen sein wollten, aber auch, weil sie von einer anderen Welt träumten. Und oft sind diese Frauen auf eine Realität gestoßen, die nichts mit der in ihren Vorstellungen zu tun hatte. Die Arbeitswelt, der Blick der anderen und das alltägliche Eheleben: All das kann sehr anders sein als erwartet. Ich liebe Anne dafür, dass sie sich nie diesen Situationen unterwirft und empfinde eine große Zärtlichkeit für sie. Sie ist eine sehr liebevolle Mutter und will ihre zwei Kinder beschützen, obwohl sie selbst quasi im Exil unter der Einsamkeit des Alltags leidet. Wenn sie nicht mit Seyolo einer Meinung ist, sagt sie das sehr deutlich. Anne weicht keiner Auseinandersetzung aus, auch auf die Gefahr hin, dass es mit den Dorfbewohnern, die sie und ihre Familie zurückweisen, zum Zusammenstoß kommt.  Seyolo dagegen glättet lieber die Wogen, um sich zu integrieren. Sie dagegen will ihre Kultur und ihre afrikanische Identität bewahren. Mit ihrer Kleidung, ihrer Körperlichkeit und Bewegung, der Musik und ihrer Familie, die in die Weihnachtsmesse platzt, steht sie für eine Modernität in einer Zeit, wo die Franzosen in Marly-Gomont noch der Kirchturm-Kultur verhaftet sind.

Durch Anne und ihre im Kongo verbliebene Familie realisiert man, welche Faszination Paris damals auf die Bevölkerung der einstigen Kolonien ausübte.
Stimmt. Die Fantasievorstellung über den Westen lief damals auf Hochtouren. Wenn Seyolo im Film telefonisch mitteilt, er arbeite in der Nähe von Paris, kann er nicht einmal seinen Satz beenden, weil Anne vor Freude ausrastet inmitten der laut jubelnden Familie, sie ist davon überzeugt, dass sie in der Metropole wohnen wird. Meine Erinnerungen als Kind sind zwar anders, aber ich weiß noch, dass es üblich war, Geld nach Hause zu schicken, auch wenn man ziemlich blank war. Aber das hätte man nie zugegeben. Eine ganze Generation von Einwanderern hat nach außen so getan, als würde das Geld auf den Straßen von Paris liegen. Jetzt wissen die Leute Bescheid, aber es ist immer noch besser, hier arm zu sein als in Afrika.

Und wie war es, mit Regisseur Julien Rambaldi zusammen zu arbeiten?
Sehr gut. Julien kam ins Theater, um mich zu sehen, dann haben wir uns getroffen und ich erinnere mich an seine Freude, als er mit eigenen Augen meine Begeisterung sah. Es gab nie eine Spur von Ärger in der ganzen Zeit. Keine Spannung, kein Missverständnis, keine Distanz. Ich liebe seine Bescheidenheit bei diesem Projekt: Julien war nie im Kongo, er ist nicht der Sohn einer afrikanischen Migrantenfamilie und nicht in Marly-Gomont aufgewachsen. Da ihm diese Wirklichkeit fehlte, hat er sich auf das Zuhören unserer Erzählungen und Anekdoten konzentriert und eine große Achtsamkeit bewiesen. Er wollte nicht irgendwas machen oder eine afrikanische Familie karikieren, nur um Lacher zu kassieren. Wir haben sehr viel miteinander gesprochen. Julien ist ein Regisseur, der zuhören und Vorschläge akzeptieren kann. Ich habe mich immer sehr beschützt und umsorgt gefühlt, obgleich er mit Kindern arbeitete und einen engen Drehplan hatte, oft viele Einstellungen an einem Tag drehte und mit Wetterrisiken rechnen musste.

Sprechen wir von Ihrem Filmgatten Marc Zinga alias Seyolo Zantoko…
Seine Konzentrationsfähigkeit hat mich sehr beeindruckt. So etwas habe ich noch bei keinem Schauspieler erlebt. Marc ist jemand, der den ganzen Tag in seiner Figur bleibt, während ich zwischendurch immer frische Luft tanken muss, hin- und her wechsele. Jeder von uns hat seine spezielle Methode, sich eine Rolle anzueignen. Marc ist ein sehr genauer Schauspieler mit präziser Schauspieltechnik, es ist sehr angenehm mit ihm zu arbeiten. Obgleich sich unsere Arbeitsweisen unterscheiden, glaube ich, dass wir uns sehr gut ergänzt haben. Ich hoffe, das hat dem Film genutzt, entsprach dieser Unterschied doch auch dem Naturell von Anne und Seyolo und ihrem Antagonismus.



DARSTELLER

MARC ZINGA (Seyolo Zantoko) - geboren 21. Oktober 1984 in Likasi, Kongo
Als Fünfjähriger zog Marc Zinga mit seiner Familie aus der Demokratischen Republik Kongo nach Belgien. Seine Künstler-Karriere begann er als Sänger der Gruppe „The Peas Project (von 2003 bis 2011). Dann wandte er sich der Schauspielerei zu.
An der Seite von Gérard Depardieu stand er in einer Nebenrolle in Gilles Béhats „Diamant 13“ (2009) erstmals vor der Kamera. Im gleichen Jahr spielte er unter der Regie von Jaco Van Dormael in „Mr. Nobody“ einen homosexuellen jungen Mann. Auf Begeisterung stieß sein Auftritt in „Qu`Allah bénisse la France“ (2014) als französischer Rapper und Slampoet, Abd Al Maliks Verfilmung seiner eigenen Biografie. Diese herausragende Performance weckte auch das Interesse von Regisseur Sam Mendes, unter dessen Regie er in „James Bond 007: Spectre“ spielte. Es folgten im Jahr 2015 Filme wie Jacques Audiards „Dheepan – Dämonen und Wunder“ (Dheepan) und im Jahr 2016 „Das unbekannte Mädchen“ (La fille inconnue) der Dardenne-Brüder. Marc Zinga inszenierte und produzierte 2013 den Kurzfilm „Grand Garçon“ und schrieb auch das Drehbuch. Auch auf der Bühne reüssierte er 2016 in „Une saison au Congo“ und „La Tragédie du roi Christophe“, beide von Aimé Césaire in der Inszenierung von Christian Schiaretti. Nebenbei drehte er Fernsehfilme wie „Mister Bob“, in dem er den General Mobutu verkörperte (2011) oder die Serie „Peplum“ von Philippe Lefebvre. Für seine Figur des Seyolo in EIN DORF SIEHT SCHWARZ erhielt er beste Kritiken.

Filmografie (Auswahl)
2009    DIAMANT 13
                Regie: Gilles Béhat
2009     MR. NOBODY
            Regie: Jaco Van Dormael
2013     JE SUIS SUPPORTER DU STANDARD
                Regie: Riton Liebman
2014     LES RAYURES DU ZEBRE
            Regie: Benoït Mariage
2014     QU`ALLAH BÉNISSE LA FRANCE
            Regie: Abd Al Malik
2015    JAMES BOND 007: SPECTRE
            Regie: Sam Mendes
2015     DHEEPAN – DÄMONEN UND WUNDER (Dheepan)
            Regie: Jacques Audiard
2016     DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN (La fille inconnue)
            Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
2016     EIN DORF SIEHT SCHWARZ (Bienvenue à Marly-Gomont)
Regie: Julien Rambaldi



AÏSSA MAÏGA (Anne Zantoko) - geboren 25. Mai 1975 in Dakar
Aïssa Maïga, Tochter des bekannten Journalisten Mohamed Maïga aus Mali, verbracht ihre ersten vier Lebensjahre in Dakar, bevor sich die Familie in Frankreich niederließ, zuerst in Fresnes, dann in Paris, wo das Mädchen das Lycée Voltaire besuchte. Schon in jungen Jahren träumte sie davon, Schauspielerin zu werden.
Ihre ersten Schritte führten sie an das Theater Mogador und das Folies Bergère in Paris. Nach drei Jahren Theaterunterricht beteiligte sie sich mit 19 Jahren an einem künstlerischen Projekt in Zimbabwe, „Le Royaume du passage“ von Eric Clué (1986). Im Jahr 1996 drehte sie ihren ersten Spielfilm mit Yvan Attal und Richard Bohringer in Denis Amars „Saraka Bo“, ein Krimi in der afrikanischen Community. 2000 folgten kleinere Rollen in Michael Hanekes „Code:unbekannt“ (Code inconnu) an der Seite von Juliette Binoche, 2005 arbeitete sie erneut mit dem österreichischen Regisseur in „Caché“ zusammen. Den Durchbruch beim Publikum brachte ihr 2004 die Rolle einer jungen Frau, die in Cédric Klapischs „L`auberge espagnole – Wiedersehen in Petersburg“ (Les poupées russes) Romain Duris verführt. Anschließend ging es mit ihrer Karriere steil nach oben mit Filmen wie „Keine Sorge mir geht's gut“ (Je vais bien, ne t`en fais pas) mit Mélanie Laurent und Kad Mérad oder dem Episodenfilm „Paris, je t`aime“, hier in Oliver Schmitz` Beitrag „Place des fȇtes“. Für ihre Hauptrolle in Abderrahmane Sissakos „Das Weltgericht von Bamako“ (Bamako) wurde sie als Beste Nachwuchsschauspielerin für den César 2007 nominiert. Parallel war Aïssa Maïga auch im Theater aktiv, unter anderem in der Comédie des Champs Elysées, dem  Nationaltheater de la Colline in Genf und dem Theater Hébertot. Seit 2000 dreht sie zudem kontinuierlich Fernsehfilme. Im Jahr 2016 kamen allein drei Filme mit Aïssa Maïga ins französische Kino: Nach dem Erfolg von EIN DORF SIEHT SCHWARZ (Bienvenue à Marly-Gomont), Dominique Cabreras „Corniche Kennedy“ und „Rupture pour tous“ von Eric Capitaine. verzauberte Aïssa Maïga das Publikum in der Adoptions-Komödie „ll a déjà tes yeux“.

Filmografie (Auswahl)
1996    SARAKA BO
            Regie: Denis Amar
1999     JONAS UND LILA (Jonas et Lila, à demain)
            Regie: Alain Tanner
2003     MES ENFANTS NE SONT PAS COMME LES AUTRES
            Regie: Denis Dercourt
2005     L`UN RESTE, L`AUTRE PART
            Regie: Claude Berri
2005     CACHÉ (Caché)
            Regie: Michael Haneke
2005       L`AUBERGE ESPAGNOLE – WIEDERSEHEN IN PETERSBURG (Les     poupées russes)
            Regie: Cédric Klapisch
2006     DAS WELTGERICHT VON BAMAKO (Bamako)
            Regie: Abderrahmane Sissako
2006     KEINE SORGE MIR GEHT'S GUT (Je vais bien, ne t`en fais pas)
            Regie: Philippe Lioret
2010    ENSEMBLE, C`EST TROP
            Regie: Léa Fazer
2013    DER SCHAUM DER TAGE (L`Ecume des jours)
            Regie: Michel Gondry
2016    EIN DORF SIEHT SCHWARZ (Bienvenue à Marly-Gomont)
            Regie: Julien Rambaldi
2016    CORNICHE KENNEDY
            Regie: Dominique Cabrera
2016     RUPTURE POUR TOUS
            Regie: Eric Capitaine
2017     IL A DÉJÀ TES YEUX
            Regie: Lucien  Jean-Baptiste



RUFUS (Bauer Jean) – geboren am 19. Dezember 1942 in Riom
Rufus, eigentlich Jacques Narcy, gehört zu den Urgesteinen des französischen Kinos. Nach dreijährigem Medizinstudium entschied er sich für die Kunst und kann heute auf eine über 30jährige Karriere zurückblicken - als Regisseur und Schauspieler auf der Bühne sowie auch auf der Leinwand.
Er begann als Comedian im Pariser Kabarett La Vieille Grille und trat auch in Coluches Café de la Gar auf, 1967 startete er im Kino mit „Les encerclés“ von Christian Gion durch, anschließend folgten 1969 und 1970 zwei Filme unter der Regie von Yves Boissset: „Cran d`arrȇt“ und „Ein Bulle sieht rot“ (Un condé). 1974 spielte er an der Seite von Bulle Ogier in Claude Lelouchs „Le Mariage“. Seinen Durchbruch hatte er 1975 mit „Lily hab mich lieb“ (Lily, aime-moi) von Maurice Dugowson. Rufus zeigte keine Scheu vor publikumswirksamen Komödien wie „Die Filzlaus kehrt zurück“ (Fantasia chez les ploucs) von Gérard Pirès, überzeugte aber auch in Dramen wie Roman Polanskis „Der Mieter“ (Le Locataire) von 1976 oder im gleichen Jahr in Alain Tanners „Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird“ (Jonas qui aura 25 ans en l`an 2000) oder auch 1987 in Jean-Luc Godards „Schütze deine Rechte“ (Soigne ta droite). In den 1990er Jahre drehte er mit Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro „Delicatessen“ (Delicatessen) und „Die Stadt der verlorenen Kinder“ (La Cité des enfants perdus). Mit Jeunet 2001 drehte er außerdem „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (Le fabuleux destin d`Amélie Poulain) und 2004 „Mathilde – Eine große Liebe“ (Un  long dimanche de fiançailles). Rufus, der als Workaholic gilt, begeisterte in Deutschland 1998 in Radu Mihaileanus Kriegsdrama „Zug des Lebens“. Die Rolle des hilfsbereiten und sympathischen Bauern in EIN DORF SIEHT SCHWARZ, der Seyolo und seiner Familie zur Seite steht, ist ihm wie auf den Leib geschrieben. Rufus wirkte an ungefähr 50 Fernsehfilmen- und –serien mit, war am Theater Dramaturg und Schauspieler und machte sich zudem einen Namen als Buchautor.

Filmografie (Auswahl)
1967    LES ENCERCLÉS
            Regie: Christian Gion
1969     CRAN D`ARRÊT
            Regie: Yves Boisset
1970     EIN BULLE SIEHT ROT (Un condé)
            Regie: Yves Boisset
1970     VERSPRECHEN IN DER DÄMMERUNG (La Promesse de l`aube)
            Regie: Jules Dassin
1975     LILY, HAB MICH LIEB (Lily, aime-moi)
            Regie: Maurice Dugowson
1996     DER MIETER (Le locataire)
            Regie: Roman Polanski
1991     DELICATESSEN (Delicatessen)
            Regie: Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro
1994     DIE STADT DER VERLORENEN KINDER (La cité des enfants perdus)
            Regie: Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro
1995     LES MISÉRABLES
            Regie: Claude Lelouch  
1998    ZUG DES LEBEN (Train de Vie)
            Regie: Radu Mihaileanu
2001     DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE (Le fabuleux destin d`Amélie Poulain)
            Regie: Jean-Pierre Jeunet
2004     MATHILDE – EINE GROßE LIEBE (Un long dimanche de fiançailles)
            Regie: Jean-Pierre Jeunet
2013     MARIUS
            (Regie: Daniel Auteuil)
2016     EIN DORF SIEHT SCHWARZ (Bienvenue à Marly-Gomont)
            Regie: Julien Rambaldi



JONATHAN LAMBERT (Lavigne) – geboren am 24. Juni 1973 in Paris
Jonathan Lambert ist ein in Frankreich berühmter Humorist, Rundfunk- und Fernsehmoderator sowie Schauspieler, der seine Ausbildung u.a. an der Schauspielschule im 10. Pariser Bezirk abschloss.
Seinen ersten Auftritt hatte er 1994 in der Sendung „C`est tout Coffe“ mit Jean-Pierre Coffe auf France 2. Anschließend wechselte er hinter die Kamera und jobbte bei einer Produktionsfirma. Erst im Jahr 2000 begann er als Journalist bei dem TF1-Magazin „Exclusif“ und in vielen Shows wie „La Grosse Èmission“ mitzuwirken. 2004 schrieb er seine One-Man-Show „L`Homme qui ne dort jamais“, die später auch im Bataclan aufgeführt wurde. In den folgenden Jahren wurde er berühmt durch seine Sketche im Fernsehen und Radio und spielte auch in Fernseh- und Kinofilmen mit. Weitere, sehr beachtete Shows mit ihm waren „L`Homme que ne dort jamais“ (2007), „Perruques“ (2012) und „Looking for Kim“ (2016). Auf der Leinwand startete er 2001 als junger Polizist in Jean-Michel Verners „Jeu de cons“, 2004 stand er in „Zwei ungleiche Freunde“ (Je préfère qu`on reste amis…) von Éric Toledano und Oliver Nakache vor der Kamera. In Deutschland  wurde er 2012 durch Frédéric Beigbeders „Das verflixte 3. Jahr“ (L`amour dure trois ans) bekannt, mit dem er 2016 auch „L`Idéal“ drehte. In EIN DORF SIEHT SCHWARZ ist er bewusst gegen sein Image als Humorist besetzt und überzeugt als fieser Intrigant.

Filmografie (Auswahl)
2001    JEU DE CONS
Regie: Jean-Michel Verner
2004    ZWEI UNGLEICHE FREUNDE (Je préfère qu`on reste amis…)
            Regie: Éric Toledano und Olivier Nakache
2005     PALAIS ROYAL! (Palais Royal!)
            Regie: Valérie Lemercier
2012     DAS VERFLIXTE 3. JAHR (L`amour dure trois ans)
            Regie: Frédéric Beigbeder
2012     DÉPRESSION & DES POTES
            Regie: Arnaud Lemort
2015     MONSIEUR CAUCHEMAR
            Regie: Jean-Pierre Mocky
2016     EIN DORF SIEHT SCHWARZ (Bienvenue à Marly-Gomont)
            Regie: Julien Rambaldi
2016     L`IDÉAL
            Regie: Frédéric Beigbeder
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