Blickpunkt:
Musik
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Inhaltsverzeichnis
Steven Wilson „To The Bone“ Caroline

1

Vein „VEIN plays RAVEL“ Double Moon

2

Chris Speed „Platinum On Tap“ Intakt

3

Mark Kozelek „Night Talks“ Caldo Verde

4

OHRENGLÜCK 33: Ernst Toch

5

Nick Cave & Warren Ellis „OST - Hell Or High Water“ Milan

6

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Freitag 18.08.2017
Steven Wilson „To The Bone“ Caroline
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Steven Wilson – Held der Arbeit. So könnte man den heute 49jährigen auch nennen. Denn wollte man aufzählen, an welchen Projekten der in London geborene Wilson in den letzten zwei Jahrzehnten beteiligt war, es würde jeden Rahmen sprengen. Nur soviel: Mit seiner Band Porcupine Tree schrieb er Prog-Rockgeschichte; mit Bass Communion und Continuum hat er die spannendsten Ambient-Projekte der Neuzeit umgesetzt; griffige Popmusik ist das Markenzeichen seiner Zusammenarbeit mit Aviv Geffen in der Band Blackfield. Und als Produzent hat er legendäre Alben seiner einstigen Super-Helden Emerson, Lake & Palmer, Jethro Tull und Yes zu neuen Ehren verholfen. Nun erschien Wilsons achtes Album unter eigenem Namen: „To The Bone“. Elf Titel, die sämtliche musikalischen Facetten des Multiinstrumentalisten miteinander vereinen. Geht das gut? Kann das gut gehen?
„Mein Kindheitstraum ist, eine ähnliche Pop-Ikone zu werden wie Prince oder David Bowie, mit denen ich aufgewachsen bin. Wie viele Kids, wollte ich ein Stück davon. Und ein Teil von mir arbeitet immer noch daran, den Mainstream-Pop zu erreichen. Allerdings ohne blöde Songs zu schreiben oder große Kompromisse einzugehen“, sagte Wilson vor einigen Wochen in einem Interview. Diesen Anspruch hat er auf „To The Bone“ überzeugend eingelöst. Hemdsärmeliger, vitaler, intelligenter Pop-Rock, dessen polarisierende Klanggeflechte beeindrucken und der deutlich in den 1980er Jahren angelegt ist. Manchmal schimmert das konsequent-pulsierende und intensiv-beschwörende des Wilsonschen Klangkosmos durch, manchmal ist es eher eine melancholische eingefärbte Balladenatmosphäre, die für stimmungsvolle Momente sorgt. Wer jedoch diese eklektischen Kaskaden seiner schier uferlosen Ideen, mit all den rhythmischen Hinterhalten und explosiven Improvisationen innerhalb eines nur acht-Minuten-Songs sucht (die bei anderen Musikern für eine ganze Karriere reichen würden), der wird auf „To The Bone“ nicht unbedingt fündig. Vielleicht bis auf den Titel „Detonation“. Das ist einerseits schade. Andererseits gönnt man Steven Wilson den Erfolg von Herzen – den er mit diesem Album auf jeden Fall haben wird.
Jörg Konrad
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Samstag 12.08.2017
Vein „VEIN plays RAVEL“ Double Moon
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Dass es in der Schweiz bezogen auf die Gesamtbevölkerung des Landes soviel Jazzmusiker gibt, wie sonst nirgends auf der Welt, ist schon erstaunlich. Aber es ist nicht nur die Quantität, die in diesem Fall bemerkenswert ist. Hinter den Zahlen stehen Instrumentalisten, die den internationalen Standard des Jazz kreativ mitbestimmen, wobei einige von ihnen noch dazu sehr erfolgreich sind. Zu diesen Ausnahmeerscheinungen muss unbedingt das Trio Vein aus Basel gezählt werden. Die Brüder Michael und Florian Arbenz haben sich im gleichnamigen Kanton vor über zehn Jahren mit Thomas Lähns zusammengetan. Seitdem sorgen die Drei mit grandiosen Alben und packenden Live-Auftritten immer wieder für musikalische Paukenschläge.
Auch mit ihrer neuen Veröffentlichung „Plays Ravel“ sprengen Vein sämtliche eingefahrenen Regeln der Jazz-Kunst. Denn das Klaviertrio spielt mit herzhafter Frische und energischer Fertigkeit durchweg Stücke des 1937 in Paris verstorbenen Kompositionsgenie Maurice Ravel. Seine Musik wird unter der Bearbeitung von Vein noch ungestümer, noch vielschichtiger. Treibende Grooves und innige Improvisationen lassen die Vorgaben in einer beinahe spektakulären Gegenwärtigkeit erstrahlen, wobei die Dramaturgie bekannter Kompositionen neue Dimensionen bekommt. Mal franst die Musik regelrecht aus, dann wieder begeistert eine kammermusikalische Melancholie. Drei Stücke aus der Suite „Le Tombeau de Couperin“, Adaptionen aus der Violinsonate oder der Oper „L`enfant et les sortièges“ verbinden expressive Improvisationen und eine blühende Harmonik. Gastmusiker Andy Shephard (Saxophone) und ein Bläsersatz geben der Aufnahme zusätzliche Klangfarben. So wird aus Ravels wohl bekanntestem Stück, dem „Bolero“, eine Art Phrasenfetzen aus federnden Big Band Arrangement und introvertierter Balladenkunst. Hier korrespondieren Jazz und Klassik, Pop und Blues, Ambient und Traditional aufs wildeste miteinander. Diese Musik ist schweißtreibend und klingt dabei so ästhetisch ausgereift. Sollte Vein also demnächst in ihrer Stadt spielen – lassen sie sich das Konzert nicht entgehen! Jazz der ersten Garnitur.
Jörg Konrad
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Samstag 05.08.2017
Chris Speed „Platinum On Tap“ Intakt
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Chris Speed ist, was seinen Umgang mit Traditionen und eigenen künstlerischen Ambitionen betrifft, ein inspirierender Freigeist. Eine Persönlichkeit, die die permanente Herausforderung sucht, dabei solistisch brilliert, aber auch innerhalb einer Band musikalisch Großes vollbringt. Man muss nicht die gesamte instrumentale Entwicklung des 1967 in Seattle geborenen Saxophonisten kennen, um seine vorliegende Veröffentlichung „Platinum On Tap“ in ihrer Einmaligkeit zu würdigen. Doch es hilft auf jeden Fall, den gewaltigen Klangkosmos Speeds zu erkennen, von dem aus er so lyrisch reduziert sein kontrolliertes Feuer abbrennt. Diese Musik ist strukturiert, raffiniert, intelligent, sie hat Biss und berührt in einer reizvollen coolness.
Anfangs von der Klassik und später vom klassischen Jazz  inspiriert, hat er sich seit den 1990er Jahren in die verschiedensten Musikströmungen eingebracht. Rock`n Roll und osteuropäische Folklore spielten in seinen Aufnahmen, und denen, die er als Sideman stets aufwertete, eine ebenso richtungsweisende Rolle, wie die Moderne und die elektronische Musik. Hier hat Speed in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten immer wieder mit außergewöhnlichen Projekten und Auftritten Publikum als auch Kritiker überzeugt.
Mit seinem Trio bezieht er sich nun wieder verstärkt auf den Jazz, wie er ihn einst prägte, und der für ihn eine Art verlässliche Grundlage all seines musikalischen Tuns bedeutet. So stehen auch Lester Young und Coleman Hawkins als schillernde Silhouetten Triumphbögen gleich am hinteren Bühnenrand. Aber Chris Speed imitiert sie nicht und er versucht auch keinen der alten Haudegen zu reanimieren. Sein Spiel vereint die Tradition und die Moderne, beeindruckt in ihrer innigen Freiheit und der melodischen Abgeklärtheit. Trotz der Authenzität und dunkel grundierten Spannung, besticht diese Aufnahme durch einen beinahe meditativen Charakter. Als eine furiose Melancholie könnte man seine Spielweise auch interpretieren. Anspruchsvoll und eingängig in einem.
Daran haben mit Sicherheit auch Bassist Chris Tordini und Schlagzeuger Dave King einen enormen Anteil. Sie halten die Musik im Fluss, geben ihr einen still treibenden, aber unablässig federnden Unterbau. Sie schaffen rhythmische Untiefen und Stromschnellen, begleiten unberechenbar und grooven wie die Teufel. Manchmal unverschämt und provozierend. Und diese Gegensätze geben der Musik eine innere und letztendlich hörbare Lebendigkeit. Im Hier und Jetzt. Und mit Sicherheit auch morgen.
Jörg Konrad
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Freitag 28.07.2017
Mark Kozelek „Night Talks“ Caldo Verde
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Es gibt sie noch, diese ungeschliffenen Diamanten und unbehauenen Edelhölzer in der Musik. Nicht selten hat bei deren Entdeckung der Zufall die Hände mit im Spiel. Denn urplötzlich klingen sie durch Raum und Zeit und es steht die Frage: Wie nur war dieser Klang im Alltagschor zu überhören?
Eine dieser seltenen Ausnahmen ist Mark Kozelek. Ein Magier der Langsamkeit, ein Meister des Understatement – weitab jeder Gefälligkeit. Man muss nicht unbedingt ein Freund von Leonard Cohen sein, um Kozeleks neues Album „Night Talk“ zu lieben. Eine EP, mit nur 5 Songs, die jedoch über Tage, Wochen, vielleicht Monate begleiten kann, deren Traurigkeit stärkt, deren Eigensinn berührt. Musikalisch hat der in San Francisco lebende Sänger und Gitarrist seine eigene Stellung gefunden. Unvergleichbar. Wie die Spannungsbögen seiner Songs. Mit Leichtigkeit dröhnen verzerrte Gitarren in Zeitraffer durch seinen Kosmos. Oder umspielen grazile Mandolinen die sehnsüchtigen Themen. In der Popgeschichte hat er mit seinen Bands Red House Painters und Sun Kil Moon breite und tiefe Spuren hinterlassen. Aber eben abseits der gängigen Wanderwege des Mainstream. Selbst dann, wenn er die ungewöhnlichsten Coverversionen spielt: Von den Beatles (Strawberry Fields), von Yes (Fragile) oder gleich ein ganzes Album mit Songs von AC/DC (What's Next to the Moon). Kozelek betritt auch hier jedesmal Neuland, in seinen besten Momenten klingt er wie eine Mischung aus Nick Drake und Mark Hollis. Dieses verwilderte Areal beackert er seit Jahren, hat es kultiviert, aber immer genügend Freiraum gelassen, damit die schönsten Knospen hörbar blühen.
Nun also „Night Talks“. Ein unbeschreibliches Juwel. Ohne jede Attitüde. Dramaturgie und Anmut liegen in der Einfachheit. Erbarmungslos nüchtern. Noch ist es schwer zu bekommen …..
Jörg Konrad
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Samstag 22.07.2017
OHRENGLÜCK 33: Ernst Toch
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Vor dem I. Weltkrieg ehrte man Ernst Toch (1887-1964) mit einem halben Dutzend großer Klassikpreise. Nach vier Soldatenjahren wurde der Komponist dann aber vom experimentellen, unromantischen Abenteuergeist der 1920er Jahre gepackt. Er begann auch für Rundfunk, mechanisches Klavier oder Sprechchor zu schreiben, wurde ein großer Name in den Neue-Musik-Zirkeln von Berlin und Donaueschingen und half mit, die Tonalität auf spannende Weise zu zerfasern. Zwischen 1923 und 1931 entstanden die sieben Klavierwerke dieser CD. Am Stück gehört, bilden sie eine Abfolge von 48 Miniaturen für Solo-Piano – und eine ist virtuoser und fantastischer als die andere. Nur sieben davon gerieten länger als zwei Minuten – es geht also Schlag auf Schlag. In diesen vitalen, fast grotesken Charakterstückchen verbindet sich große rhythmische Kraft mit freier Polyphonie – sehr verblüffend, immer mitreißend, ansteckend frisch. Die Sätze tragen suggestive Titel wie „Der Jongleur“ oder „Junges Kätzchen“, es überwiegen Spielanweisungen wie „lebhaft“ und „lustig“. Aber auch in den leisen und zarten Momenten berührt Tochs befreite Tonalität auf ganz eigentümliche Weise. Der Komponist emigrierte 1933 und arbeitete später in den Filmmusikstudios von Hollywood. Am Ende seines Lebens nannte er sich „den vergessensten Komponisten des 20. Jahrhunderts“. Einen ersten Schritt, daran etwas zu ändern, macht die junge Wiener Pianistin Anna Magdalena Kokits mit diesem Album. Es sei ihr ein „großes Bedürfnis“, Tochs faszinierende und beeindruckende Musik neu zu beleben. Eine Entdeckung, die begeistert.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Ernst Toch
Solo Piano Pieces
Anna Magdalena Kokits (Klavier)
Capriccio
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Sonntag 09.07.2017
Nick Cave & Warren Ellis „OST - Hell Or High Water“ Milan
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Nick Cave ist im Mainstream angekommen - ohne sich angepasst oder gar verbogen zu haben. Vielleicht klingt seine Musik heute nicht mehr ganz so sperrig und ruhelos aufgebracht, wie noch zu Zeiten seiner Band Birthday Party. Aber die Düsternis, der melancholische Zorn eines Außenseiters der Gesellschaft ist ihm bis heute geblieben. Hat sich insofern die Gesellschaft vielleicht verändert? Wahrscheinlich. Oder hätte sich irgendjemand Mitte der 1980er Jahre vorstellen können, dass ein gutes Jahrzehnt später Aufnahmen von Johnny Cash die Hitparaden auch außerhalb Nashvilles stürmen würde?
Schmerz spielt jedenfalls in allem, was Nick Cave ins Musikalische überträgt, eine bestimmende Rolle. Das betrifft auch seine Filmmusik, die der Australier seit einigen Jahren regelmäßig produziert. 2016 erschien der Soundtrack zu „Hell Or High Water“, einem beeindruckenden Neo-Western des Briten David Mackenzie. Der Film erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Brüdern (gespielt von Ben Foster und Chris Pine), die in Texas Fillialen einer Bankkette überfallen, bei der sie mit einer Hypothek hoch verschuldet sind. Verfolgt werden sie dabei von zwei Texas Rangern, dem sich kurz vor dem Ruhestand befindlichen Marcus Hamilton (Jeff Bridges) und seinem indianisch-mexikanischer Partner Alberto Parke (Gil Birmingham).
Nick Cave übersetzt diese so wunderbar unmoralische Geschichte, die sich im obsessivem Zwischenreich von Anarchie und Gesetzesnorm bewegt, in emotional berührende und doch stark archaische Songs. Blues und Country bilden die musikalische Grundlage dieses Soundtracks und verstärken die Bilder von weiten, kahlen, stickig heißen Wüstenlandschaften. Hier zu leben, bedeutet immer auch Überleben. In der Prärie gilt eben noch immer das scheinbar zeitlose Gesetz der Stärke. Und Nick Caves Stimme kommt der eines „Unsinkbaren“, wie ihn Jonathan Lethem einmal beschrieben hat, mal wieder sehr nahe.
Mit dem Engländer Warren Ellis hat Cave einen vertrauten Soundtüftler zur Seite, der es ausgezeichnet versteht, karge Atmosphären hörbar werden zu lassen, ja, gebrochenen Charakteren einen ganz spezifischen Klang zu geben. Es ist eine individuelle, sehr karge Ästhetik, die hier zum Ausdruck kommt. Die von Anti-Helden und überzeugten Outlaws. Und dass Cave und Ellis zusätzlich einige Songs ihrer Favoriten (Townes Van Zandt und Chris Stapleton) mit einbezogen haben, gibt ihrer Arbeit ein zusätzlich positives, uneitles Gewicht.
(Wer auf die Musik zugreift, sollte den Film nicht verpassen)
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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