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OHRENGLÜCK 34: Matt Haimovitz & Uccello

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VOR 40 JAHREN (17): John Abercrombie „Gateway II“ und „Ch...

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Steven Wilson „To The Bone“ Caroline

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Vein „VEIN plays RAVEL“ Double Moon

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Chris Speed „Platinum On Tap“ Intakt

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Mark Kozelek „Night Talks“ Caldo Verde

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Freitag 01.09.2017
OHRENGLÜCK 34: Matt Haimovitz & Uccello
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Fotos Matt Haimowitz: Stephanie Mackinnon
Der Cellist Matt Haimovitz war erst 13 Jahre alt, als er zum ersten Mal mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta auftrat. Mindestens genauso ungewöhnlich ist, was Haimovitz heute macht. Der ehemalige Schüler von Weltstars wie Yo-Yo Ma, Itzhak Perlman und Isaac Stern hat mit seinen Studentinnen und Studenten ein Cellisten-Ensemble gegründet, das dem Instrument über Genregrenzen hinweg neue Klangwelten erschließt. Auf „Meeting Of The Spirits“, einer Wiederveröffentlichung von 2010, wird das Ensemble Uccello quasi zur Jazz-Bigband. Der Komponist David Sanford, der die Stücke für das Album arrangiert hat, wählte als Vorlagen komplex-polyphone Jazzkompositionen von John McLaughlin oder Charles Mingus, aber auch Jazzklassiker mit besonderem Streicher-Bezug. Bei seinen Arrangements ließ er sich in vielfacher Weise von der Jazzgeschichte selbst inspirieren, transkribierte originale Improvisationen, bastelte Partituren aus historischen Jazzsoli zusammen oder imitierte den Stil bestimmter Solisten (u.a. Django Reinhardt, Miles Davis, Johnny Hodges). Das sensationelle Ergebnis ist nicht nur eine großartige und anspruchsvolle Repertoire-Erweiterung für klassische Cellisten. Es ist vor allem eine vollwertig groovende und mitreißende Jazzaufnahme, die unser Bild vom Violoncello gründlich verändern kann. Renommierte Jazzmusiker wie John McLaughlin (E-Gitarre) und Matt Wilson (Schlagzeug) ergänzen als Gäste dieses besondere Hör-Erlebnis.
Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Matt Haimovitz & Uccello
Meeting Of The Spirits
Pentatone / Oxingale Series
Autor: Siehe Artikel
Freitag 25.08.2017
VOR 40 JAHREN (17): John Abercrombie „Gateway II“ und „Characters“ ECM
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Als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull im April 2010 mit seinen dunklen Aschewolken sämtliche Flugpläne dieser Welt durcheinanderwirbelte, saß Gitarrist John Abercrombie, nach einem viel umjubelten Auftritt, für eine knappe Woche im sachsen-anhaltinischen Halberstadt fest. Sämtliche transatlantischen Flüge waren auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Anstatt im Hotel einer unpersönlichen Großstadt auf die nächste Reisemöglichkeit nach New York zu warten, verbrachte der Gitarrist die folgenden Tage in dem kleinen Harzstädtchen. Es wurde mit dem ortsansässigen Musikverein gemeinsam gekocht, der Jazz-Star gab private Konzerte und Workshops für die heimischen Gitarrenfreaks, man diskutierte über Musik und die Welt „da draußen“ – zu der jeder direkte Kontakt abgebrochen schien. Die Zeit stand still, man war entspannt unter Gleichgesinnten, völlig privat. Und mitten drin eben jener Musik-Held, der einst aus der weiten Ferne mit so großartigen Alben wie „Gateway II“ oder „Characters“ auch den Musikgeschmack der Halberstädter Jazzfreunde nachhaltig formte.
„Gateway“ war Abercrombies vielleicht bekanntestes Trio. Jene Formation, mit der der Gitarrist seinen künstlerischen Durchbruch endgültig realisierte. Im seelenverwandten Verbund mit Bassist Dave Holland und Jack DeJohnette am Schlagzeug brachte er diese raffinierte wie virtuose Mischung aus Rock`n Roll, Kammermusik und freier Improvisation zum schwingen. Mit der zweiten Gateway-Veröffentlichung aus dem Jahr 1977, um die es hier geht, kamen stilistische Metaphern zum Ausdruck, wie sie für den Jazz damaliger Prägung nicht alltäglich waren. Die Intensität der Musik richtete sich nach innen. Sie implodierte regelrecht, ließ lyrische Spannungsbögen entstehen und Abercrombie verfeinerte die Single-Note-Stilistik auf eine ganz individuelle Art. Er hielt sich spielerisch zurück, entwickelte an seinem Instrument eine spröde und leicht flirrende Tonsprache, die nichts mit der protzigen Art zu tun hatte, wie sie die meisten Gitarristen an den Tag legten. Natürlich konnte auch Abercrombie kräftig in die Saiten greifen, konnte spielen bis die Funken sprühen, wie zuvor in den Bands von Billy Cobham oder der Fusion-Formation Dream. Aber hier war vieles anders. Es gab ein vorsichtiges Abtasten der drei Instrumentalisten, ein Erforschen von Stimmungslagen und Befindlichkeiten, bis die Musik langsam aber sicher an Fahrt aufnahm. Hier spielten Ideen und Handwerk mutig ineinander. Es gab keine Furcht vor trotzigen Behauptungen oder provozierenden Querschlägern, vor impressionistischen Träumereien und konzentrierter Entschlossenheit – bis am Horizont sich ganz leise ein Thema herausschälte. Oder diese radikale Bass-Linie in „Nexus“. Keiner konnte so etwas knapper und eindringlicher formulieren als Dave Holland. Und Jack DeJohnette? Der war schon zuvor an einigen Aufnahmen mit John Abercrombie beteiligt. Beide verstanden sich beinahe blind. DeJohnette gab den freien Improvisationen einen rhythmischen Fluss, der auch gehörige Untiefen und Stromschnellen aufwies. Schon damals ein brodelnder Feingeist unter den Schlagzeugern.
Kurz nach „Gateway II“ erschien „Characters“, das erste Solo-Album John Abercrombies. Auf verschiedenen akustischen und elektrischen Gitarren und Mandolinen schuf er sinnliche Atmosphären. Mal wirkten diese sentimental, mal distanziert, mal waren sie näher am Folk, mal näher am Jazz. Ein freies Spiel der Fantasie, vertonte Novellen in angedunkelten Räumen. Unprätentiös, behutsam, berührend. Das Ergebnis rauschhaft schön. Was er sich einmal wünschte? „Ich wäre gern perfekter“, sagte Abercrombie in einem Interview. Zum Glück ist er es nie geworden. John Abercrombie starb am  letzten Dienstag, 72jährig in New York. Seine Musik wird bleiben.
Jörg Konrad
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Freitag 18.08.2017
Steven Wilson „To The Bone“ Caroline
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Steven Wilson – Held der Arbeit. So könnte man den heute 49jährigen auch nennen. Denn wollte man aufzählen, an welchen Projekten der in London geborene Wilson in den letzten zwei Jahrzehnten beteiligt war, es würde jeden Rahmen sprengen. Nur soviel: Mit seiner Band Porcupine Tree schrieb er Prog-Rockgeschichte; mit Bass Communion und Continuum hat er die spannendsten Ambient-Projekte der Neuzeit umgesetzt; griffige Popmusik ist das Markenzeichen seiner Zusammenarbeit mit Aviv Geffen in der Band Blackfield. Und als Produzent hat er legendäre Alben seiner einstigen Super-Helden Emerson, Lake & Palmer, Jethro Tull und Yes zu neuen Ehren verholfen. Nun erschien Wilsons achtes Album unter eigenem Namen: „To The Bone“. Elf Titel, die sämtliche musikalischen Facetten des Multiinstrumentalisten miteinander vereinen. Geht das gut? Kann das gut gehen?
„Mein Kindheitstraum ist, eine ähnliche Pop-Ikone zu werden wie Prince oder David Bowie, mit denen ich aufgewachsen bin. Wie viele Kids, wollte ich ein Stück davon. Und ein Teil von mir arbeitet immer noch daran, den Mainstream-Pop zu erreichen. Allerdings ohne blöde Songs zu schreiben oder große Kompromisse einzugehen“, sagte Wilson vor einigen Wochen in einem Interview. Diesen Anspruch hat er auf „To The Bone“ überzeugend eingelöst. Hemdsärmeliger, vitaler, intelligenter Pop-Rock, dessen polarisierende Klanggeflechte beeindrucken und der deutlich in den 1980er Jahren angelegt ist. Manchmal schimmert das konsequent-pulsierende und intensiv-beschwörende des Wilsonschen Klangkosmos durch, manchmal ist es eher eine melancholische eingefärbte Balladenatmosphäre, die für stimmungsvolle Momente sorgt. Wer jedoch diese eklektischen Kaskaden seiner schier uferlosen Ideen, mit all den rhythmischen Hinterhalten und explosiven Improvisationen innerhalb eines nur acht-Minuten-Songs sucht (die bei anderen Musikern für eine ganze Karriere reichen würden), der wird auf „To The Bone“ nicht unbedingt fündig. Vielleicht bis auf den Titel „Detonation“. Das ist einerseits schade. Andererseits gönnt man Steven Wilson den Erfolg von Herzen – den er mit diesem Album auf jeden Fall haben wird.
Jörg Konrad
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Samstag 12.08.2017
Vein „VEIN plays RAVEL“ Double Moon
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Dass es in der Schweiz bezogen auf die Gesamtbevölkerung des Landes soviel Jazzmusiker gibt, wie sonst nirgends auf der Welt, ist schon erstaunlich. Aber es ist nicht nur die Quantität, die in diesem Fall bemerkenswert ist. Hinter den Zahlen stehen Instrumentalisten, die den internationalen Standard des Jazz kreativ mitbestimmen, wobei einige von ihnen noch dazu sehr erfolgreich sind. Zu diesen Ausnahmeerscheinungen muss unbedingt das Trio Vein aus Basel gezählt werden. Die Brüder Michael und Florian Arbenz haben sich im gleichnamigen Kanton vor über zehn Jahren mit Thomas Lähns zusammengetan. Seitdem sorgen die Drei mit grandiosen Alben und packenden Live-Auftritten immer wieder für musikalische Paukenschläge.
Auch mit ihrer neuen Veröffentlichung „Plays Ravel“ sprengen Vein sämtliche eingefahrenen Regeln der Jazz-Kunst. Denn das Klaviertrio spielt mit herzhafter Frische und energischer Fertigkeit durchweg Stücke des 1937 in Paris verstorbenen Kompositionsgenie Maurice Ravel. Seine Musik wird unter der Bearbeitung von Vein noch ungestümer, noch vielschichtiger. Treibende Grooves und innige Improvisationen lassen die Vorgaben in einer beinahe spektakulären Gegenwärtigkeit erstrahlen, wobei die Dramaturgie bekannter Kompositionen neue Dimensionen bekommt. Mal franst die Musik regelrecht aus, dann wieder begeistert eine kammermusikalische Melancholie. Drei Stücke aus der Suite „Le Tombeau de Couperin“, Adaptionen aus der Violinsonate oder der Oper „L`enfant et les sortièges“ verbinden expressive Improvisationen und eine blühende Harmonik. Gastmusiker Andy Shephard (Saxophone) und ein Bläsersatz geben der Aufnahme zusätzliche Klangfarben. So wird aus Ravels wohl bekanntestem Stück, dem „Bolero“, eine Art Phrasenfetzen aus federnden Big Band Arrangement und introvertierter Balladenkunst. Hier korrespondieren Jazz und Klassik, Pop und Blues, Ambient und Traditional aufs wildeste miteinander. Diese Musik ist schweißtreibend und klingt dabei so ästhetisch ausgereift. Sollte Vein also demnächst in ihrer Stadt spielen – lassen sie sich das Konzert nicht entgehen! Jazz der ersten Garnitur.
Jörg Konrad
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Samstag 05.08.2017
Chris Speed „Platinum On Tap“ Intakt
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Chris Speed ist, was seinen Umgang mit Traditionen und eigenen künstlerischen Ambitionen betrifft, ein inspirierender Freigeist. Eine Persönlichkeit, die die permanente Herausforderung sucht, dabei solistisch brilliert, aber auch innerhalb einer Band musikalisch Großes vollbringt. Man muss nicht die gesamte instrumentale Entwicklung des 1967 in Seattle geborenen Saxophonisten kennen, um seine vorliegende Veröffentlichung „Platinum On Tap“ in ihrer Einmaligkeit zu würdigen. Doch es hilft auf jeden Fall, den gewaltigen Klangkosmos Speeds zu erkennen, von dem aus er so lyrisch reduziert sein kontrolliertes Feuer abbrennt. Diese Musik ist strukturiert, raffiniert, intelligent, sie hat Biss und berührt in einer reizvollen coolness.
Anfangs von der Klassik und später vom klassischen Jazz  inspiriert, hat er sich seit den 1990er Jahren in die verschiedensten Musikströmungen eingebracht. Rock`n Roll und osteuropäische Folklore spielten in seinen Aufnahmen, und denen, die er als Sideman stets aufwertete, eine ebenso richtungsweisende Rolle, wie die Moderne und die elektronische Musik. Hier hat Speed in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten immer wieder mit außergewöhnlichen Projekten und Auftritten Publikum als auch Kritiker überzeugt.
Mit seinem Trio bezieht er sich nun wieder verstärkt auf den Jazz, wie er ihn einst prägte, und der für ihn eine Art verlässliche Grundlage all seines musikalischen Tuns bedeutet. So stehen auch Lester Young und Coleman Hawkins als schillernde Silhouetten Triumphbögen gleich am hinteren Bühnenrand. Aber Chris Speed imitiert sie nicht und er versucht auch keinen der alten Haudegen zu reanimieren. Sein Spiel vereint die Tradition und die Moderne, beeindruckt in ihrer innigen Freiheit und der melodischen Abgeklärtheit. Trotz der Authenzität und dunkel grundierten Spannung, besticht diese Aufnahme durch einen beinahe meditativen Charakter. Als eine furiose Melancholie könnte man seine Spielweise auch interpretieren. Anspruchsvoll und eingängig in einem.
Daran haben mit Sicherheit auch Bassist Chris Tordini und Schlagzeuger Dave King einen enormen Anteil. Sie halten die Musik im Fluss, geben ihr einen still treibenden, aber unablässig federnden Unterbau. Sie schaffen rhythmische Untiefen und Stromschnellen, begleiten unberechenbar und grooven wie die Teufel. Manchmal unverschämt und provozierend. Und diese Gegensätze geben der Musik eine innere und letztendlich hörbare Lebendigkeit. Im Hier und Jetzt. Und mit Sicherheit auch morgen.
Jörg Konrad
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Freitag 28.07.2017
Mark Kozelek „Night Talks“ Caldo Verde
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Es gibt sie noch, diese ungeschliffenen Diamanten und unbehauenen Edelhölzer in der Musik. Nicht selten hat bei deren Entdeckung der Zufall die Hände mit im Spiel. Denn urplötzlich klingen sie durch Raum und Zeit und es steht die Frage: Wie nur war dieser Klang im Alltagschor zu überhören?
Eine dieser seltenen Ausnahmen ist Mark Kozelek. Ein Magier der Langsamkeit, ein Meister des Understatement – weitab jeder Gefälligkeit. Man muss nicht unbedingt ein Freund von Leonard Cohen sein, um Kozeleks neues Album „Night Talk“ zu lieben. Eine EP, mit nur 5 Songs, die jedoch über Tage, Wochen, vielleicht Monate begleiten kann, deren Traurigkeit stärkt, deren Eigensinn berührt. Musikalisch hat der in San Francisco lebende Sänger und Gitarrist seine eigene Stellung gefunden. Unvergleichbar. Wie die Spannungsbögen seiner Songs. Mit Leichtigkeit dröhnen verzerrte Gitarren in Zeitraffer durch seinen Kosmos. Oder umspielen grazile Mandolinen die sehnsüchtigen Themen. In der Popgeschichte hat er mit seinen Bands Red House Painters und Sun Kil Moon breite und tiefe Spuren hinterlassen. Aber eben abseits der gängigen Wanderwege des Mainstream. Selbst dann, wenn er die ungewöhnlichsten Coverversionen spielt: Von den Beatles (Strawberry Fields), von Yes (Fragile) oder gleich ein ganzes Album mit Songs von AC/DC (What's Next to the Moon). Kozelek betritt auch hier jedesmal Neuland, in seinen besten Momenten klingt er wie eine Mischung aus Nick Drake und Mark Hollis. Dieses verwilderte Areal beackert er seit Jahren, hat es kultiviert, aber immer genügend Freiraum gelassen, damit die schönsten Knospen hörbar blühen.
Nun also „Night Talks“. Ein unbeschreibliches Juwel. Ohne jede Attitüde. Dramaturgie und Anmut liegen in der Einfachheit. Erbarmungslos nüchtern. Noch ist es schwer zu bekommen …..
Jörg Konrad
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KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.