Blickpunkt:
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Inhaltsverzeichnis
PORTO

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EINE FANTASTISCHE FRAU

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DAVID LYNCH – THE ART LIFE

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EINSTEINS NICHTEN

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EIN SACK VOLL MURMELN

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DALIDA

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Donnerstag 07.09.2017
PORTO
Ab 14. September 2017 im Kino
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Porto, die alte portugiesische Hafenstadt mit ihrer mysteriösen, fast morbiden Atmosphäre ist der Ort, an dem Jake (Anton Yelchin) und Mati (Lucie Lucas) aufeinandertreffen. Beide sind fremd in der Stadt, beide sind Außenseiter, und beide sind auf der Suche. Als sie sich begegnen, ist es Anziehung, ja, Liebe auf den ersten Blick. Fremd, doch zugleich vertraut, stürzen sie sich Hals über Kopf in eine Affäre. Es ist nur eine einzige Nacht, die sie miteinander verbringen. Aber die Zeit scheint still zu stehen. Mit Blicken, Gesten und Worten schaffen sie eine geheimnisvolle und doch unauflösbare Verbindung. Die Vergangenheit lässt sich nicht zurückholen, aber die glücklichen und leidvollen Erinnerungen hinterlassen bei beiden ihre Spuren. Für immer.
PORTO ist der erste Spielfilm des amerikanisch-brasilianischen Regisseurs Gabe Klinger, gleichzeitig einer der letzten von Anton Yelchin (STAR TREK, ONLY LOVERS LEFT ALIVE), der im Juni 2016 auf tragische Weise ums Leben kam. Entstanden ist der Film unter der Mitwirkung von Jim Jarmusch (DEAD MAN, BROKEN FLOWERS) als Ausführender Produzent. Seine Weltpremiere feierte PORTO auf dem Internationalen Filmfestival San Sebastian, weitere Festivaleinladungen u. a. zum 60. BFI London Film Festival, dem Zürich Filmfestival und den 50. Internationalen Hofer Filmtagen folgten.
Bereits 2013 gewann Gabe Klinger bei den 70. Internationalen Filmfestspielen von Venedig den VENEZIA CLASSICI AWARD für den besten Dokumentarfilm (DOUBLE PLAY: JAMES BENNING AND RICHARD LINKLATER).
"The presence of the late Anton Yelchin amplifies the bittersweet melancholy of Gabe Klinger's graceful romantic miniature ... A film that's in love with love, in love with cinema, and concerned that neither is built to last." (Variety)

Ein Film von Gabe Klinger
Mit Anton Yelchin, Lucie Lucas, Françoise Lebrun, Paulo Calatré u.a.

ANTON YELCHIN (JAKE)
Anton Yelchin begann seine Schauspiel-Karriere im Alter von 9 Jahren und hat in über 30 Filmen mitgespielt. Sein Durchbruch gelang ihm durch eine Rolle in der Serie EMERGENCY ROOM und dem Film HEARTS IN ATLANTIS, für den er den Young Artist Award gewann. Zu seiner Filmografie zählt Jim Jarmuschs ONLY LOVERS LEFT ALIVE; J.J. Abrams STAR TREK: INTO DARKNESS und Nick Cassavetes ALPHA DOG. In LIKE CRAZY, der auf dem Sundance Festival den Grand Jury Preis gewann, spielte Anton Yelchin an der Seite von Jennifer Lawrence und Felicity Jones und neben Nicolas Cage spielte er in THE DYING OF THE LIGHT von Paul Schrader, so wie in WEG MIT DER EX von Joe Dante und in Jeremy Sauliers GREEN ROOM. Yelchin starb am 19. Juni 2016 im Alter von 27 Jahren an den Folgen eines schweren Autounfalls.

LUCIE LUCAS (MATI)
Lucie Lucas ist seit Ihrer Kindheit Schauspielerin und hat schon bei mehreren Theaterstücken, Fernsehserien und Filmen mitgespielt. Dazu zählen der Spielfilm 15 ANS ET DEMI mit Daniel Auteuil und LE MISSIONAIRE. Seit 2010 spielt sie den Hauptcharakter in der beliebten Fernsehserie CLEM von TF1. Lucas hatte einige nennenswerte Rollen, z.B. in THE LITTLE MURDERS OF AGATHA CHRISTIE, LE PIGEON oder der französischen Comedy-Serie NON CHERS VOISINS, die immer noch läuft. PORTO ist ihr erster englisch-sprachiger Film und ihre erste große Rolle in einem Spielfilm.

GABE KLINGER (REGISSEUR)
Gabe Klinger ist ein preisgekrönter Filmemacher, Professor und Autor. Seine umjubelte Dokumentation DOUBLE PLAY gewann 2013 auf dem Filmfest Venedig einen Löwen in der Kategorie „Beste Dokumentation“ und wurde auf über 100 Events und Tagungen aufgeführt, darunter das SXSW, dem Rotterdam Filmfestival, dem Internationalen Dokumentationen Filmfest Kopenhagen (CPH:DOX), dem Toronto International Filmfestival und dem IFC Center. Klingers Artikel aus seiner Zeit als Filmkritiker wurden in der Sight & Sound, dem Film Comment und Cinema Scope veröffentlicht. Klinger hat an der Universität Illinois und dem Columbia College den Studiengang Film unterrichtet.

JIM JARMUSCH (EXECUTIVE PRODUCER)
Jim Jarmusch ist Regisseur, Musiker, Filmproduzent und eine der größten Ikonen des Welt- und Independent-Kinos. Seinen Durchbruch hatte er 1984 mit dem Spielfilm STRANGER THAN PARADISE, der auf dem Cannes Filmfestival mit der Camera d´Or ausgezeichnet und zu einem seiner berühmtesten amerikanischen Filme wurde. Zu seinen Werken zählen außerdem Klassiker wie DOWN BY LAW, DEAD MAN, GHOST DOG und BROKEN FLOWERS. Seine letzen beiden Filme ONLY LOVERS LEFT ALIVE und PATERSON wurden auf den Filmfestivals in Cannes, Toronto und New York gezeigt und überall auf der Welt vertrieben.
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Donnerstag 31.08.2017
EINE FANTASTISCHE FRAU
Ab 07. September 2017 im Kino
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Marina und Orlando lieben sich und planen eine gemeinsame Zukunft. Sie arbeitet als Kellnerin und singt leidenschaftlich gern, der 20 Jahre ältere Geliebte hat  ihretwegen seine Familie verlassen. Als die beiden nach Marinas Geburtstagsfeier nach Hause kommen, bricht Orlando plötzlich zusammen und reagiert nicht mehr. Im Krankenhaus können die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen.
Die Ereignisse überschlagen sich: Marina sieht sich mit den unangenehmen Fragen einer Kommissarin konfrontiert, Orlandos Familie begegnet ihr mit Wut und Misstrauen. Seine Noch-Ehefrau schließt sie von der Beerdigung aus, die gemeinsame Wohnung  soll  sie  möglichst rasch verlassen. Für Marina beginnt ein Kampf, den sie längst hinter sich gelassen glaubte, ein Kampf um ihre Liebe und ihr Recht auf Trauer, den sie mit der ihr eigenen Kraft und Energie angehen wird.

Ein Film von Sebastian Lello
Mit: Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco u.a.


Interview mit Sebastian Lelio

Wie würden Sie Ihre Herangehensweise an„Eine fantastische Frau“ beschreiben?
In gewisser Weise sollte mein neuer Film seiner Hauptperson  gleichen. Wie Marina sollte  er keine  Scheu vor dem Vergnügen kennen und wie sie eine mitreißende und leuchtende Oberfläche besitzen. Im besten Fall ein erzählerischer und visueller Genuss, aufgeladen mit grundsätzlichen menschlichen Fragen.

Warum war es Ihnen wichtig, dass Marina, die Hauptfigur Ihres Films, transsexuell ist?
Weil  alles,  was  der  Hauptfigur  passiert,  dadurch  verstärkt wird.  Ihre  Einsamkeit  genauso  wie  ihre  emotionale  Kraft. Die  Tatsache,  dass  Marina  transsexuell  ist,  verändert  die Geschichte, macht sie bewegender, intensiver. Natürlich habe ich mich bereits zu einem frühen Zeitpunkt, noch weit  vor  der  Drehbuchphase,  mit  Transsexuellen getroffen. Schließlich erzählte mir jemand von Daniela Vega, einer jungen Schauspielerin und Sängerin. Zunächst habe ich sie ausschließlich als Beraterin in Erwägung gezogen. Als ich sie dann zum ersten Mal sah, war ich hin- und weg von ihrer Präsenz und ihrer Anmut. Wir haben stundenlang geredet, ich war wirklich überwältigt. Letztendlich war ich mir erst nach dieser Begegnung sicher, dass ich diesen Film  wirklich machen wollte, und zwar mit einem realen Charakter: Ich wusste auch, dass ich den Film nur mit einer transsexuellen Schauspielerin drehen würde oder eben gar nicht. Wahrscheinlich hatte ich Daniela damals bereits im Hinterkopf, aber es war zu früh, um mir das selbst einzugestehen. Also haben wir uns erst einmal weiter per Skype ausgetauscht, monatelang. Ich lebte damals in Berlin, sie in Santiago. Währenddessen schrieb ich am Drehbuch, und wir redeten und redeten, ich habe ihr viele Fragen gestellt.
Daniela Vega hat viel über Diskriminierungen gesprochen, über die Spannungen und Aggressionen in unterschiedlichen Situationen. Sie hat auch darüber gesprochen, wie sich Gewalt zeigt: ganz direkt oder auch subtil und wie sich Menschen dazu verhalten. Das alles ist, neben tausend anderen Dingen, ins Drehbuch eingeflossen.

Wann haben Sie endgültig beschlossen, Daniela Vega als Marina zu besetzen?
Unmerklich  wurde aus Daniela Marina und  aus Marina Daniela. Als ich die erste Fassung des Drehbuchs fertig hatte, wusste ich, dass ich Daniela in der Rolle der Marina wollte. Ich habe ihr dann das Drehbuch geschickt und sie gefragt, ob sie Marina spielen und den Film tragen wolle - war vollkommen überrascht. Sie las das Script, ging tanzen und danach sagte sie zu.

Daniela Vega war keine sehr erfahrene Schauspielerin, haben Sie das als Risiko gesehen?
Sie hatte ein paar Rollen am Theater gespielt und auch einen kleineren Film gedreht, und sie  ist eine lyrische Sängerin - kurzum: Sie  ist eine Künstlerin. Zugleich sehr jung und unerfahren. Das war natürlich eine Herausforderung, für sie und für mich. Denn sie trägt den Film auf ihren Schultern. Dabei geht es um alles oder nichts!

Sie ist ja in fast jeder Einstellung zu sehen.
Nur  nicht am Anfang, da sieht man erst ihren Geliebten, dann wechselt die Perspektive. Daniela musste Tanzen und Autofahren lernen, sie hatte ein gewaltiges physisches Trainingsprogramm. Sie musste Unterricht für Popgesang nehmen, denn Pop war nicht ihr Metier. Sie ist die Protagonistin, sie tanzt, singt, stemmt sich gegen den Wind, bewältigt einfach alles. Das emotionale Spektrum der Rolle ist enorm – eine große Aufgabe für eine Schauspielerin.

Unter welchen Bedingungen leben Transsexuelle  in Chile?
Im Film wird  Marina von einer Kommissarin wie eine Kriminelle behandelt. Ein Polizist spricht sie mit männlichem Namen an. Das ist brutal, und es entspricht der Realität. Daniela Vega reist  mit einem Pass, in dem ihr männlicher Geburtsname steht. Sie konnte ihren Namen bisher gesetzlich nicht ändern, auch jetzt nicht, wo sie viel in der Welt unterwegs ist und das Land mit diesem Film vertritt.

Sie engagiert sich in vielen Talkshows für die Rechte von Transsexuellen.
Ja, aber ohne einer Organisation anzugehören. Die Zeit war irgendwie reif für diesen Film, er landete in Chile genau in dem Moment, in dem die Gesellschaft sich für etwas Neues zu öffnen schien. „Eine fantastische Frau“ wurde sehr gut aufgenommen,  hatte viel öffentliche Aufmerksamkeit, das hat mich selbst überrascht. Ich hatte viel mehr Ablehnung und Kontroversen erwartet.

Dabei ist „Eine fantastische Frau“ keineswegs ein Debattenfilm.
Diese Ebene wollte ich überwinden. Manchmal sind Thesen-Filme  notwendig, aber  ich selbst möchte sie nicht machen. Die Hauptfigur meines Films ist transsexuell, und das zwingt den Film dazu, selbst in jeder Hinsicht „trans“ zu sein. Man könnte sagen – es ist ein Film mit multipler Identität. Er ist nicht auf irgendetwas reduzierbar, man kann ihm kein Label aufdrücken, ich glaube, er ist ein Film gegen Labels, der Film urteilt nicht über Marina, die Hauptfigur, er hebt sie hervor, er erforscht sie, manchmal feiert er sie.

Lassen Sie uns über die visuelle Sprache Ihres Films reden. Auffällig sind die häufigen Close-Ups, und anders als etwa in „Gloria“ benutzen Sie ganz offensichtlich keine Handkamera.
Richtig, in diesem Film überhaupt nicht. Dieser Film ist anders. Ich betrachte ihn als „trojanisches Pferd“, falls man das als positiven Begriff nutzen kann: Er sieht aus wie ein Film, ist unter ästhetischen Gesichtspunkten attraktiv, vielleicht sogar prachtvoll, mit einer schönen visuellen Handschrift – und  in seinem Zentrum steht eine transsexuelle Frau. Die klassische filmische Anmutung kollidiert mit einer leider immer noch nicht klassischen Film-Figur. Das meine ich mit „trojanischem Pferd“. Einer Stadt wird ein Geschenk gemacht, es sieht schön aus, aber in seinem Inneren befindet sich etwas anderes. Damit müssen die Beschenkten nun klarkommen, sie haben das Geschenk akzeptiert. Aber anders als in der Sage handelt es sich hier nicht um einen Verrat. Das Innere des trojanischen Pferds ist in diesem Fall eine Einladung, tiefer zu gehen. Marina  ist eigentlich eine kubistische Figur. Sie oszilliert die ganze Zeit über, sie sieht in jeder Einstellung anders  aus.  Was  die  Close-Ups betrifft: In dieser Hinsicht stimme ich Ingmar Bergman zu, der sagte, es gibt keine komplexere Landschaft als das menschliche Gesicht. Das ist der Kosmos.

Was sehen Sie in Marinas Gesicht?
Abgesehen von seiner Schönheit sehe ich auch die große, hochwirksame kinematographische Präsenz. Kino ist dann am besten, wenn das, was man sieht,  nicht genau das ist, was man sieht - so paradox es klingt. Man sieht etwas und zugleich etwas anderes, etwas, das man hineinprojiziert. Und Marina hat die perfekte Präsenz dafür, weil sie sich ständig verändert. Die Wahrnehmung, die wir von ihr haben, bleibt in Veränderung, sie  ist sehr feminin, sie ist sehr maskulin, sie ist sehr schön, sie kann sehr herb sein, man möchte sie küssen, man würde sie nie küssen, man denkt, sie ist verrückt, dann wieder hält man sie für vollständig vernünftig. Man kann überall hingelangen mit ihr. Das  ist fantastisch! Ich spreche immer von der Figur, nicht von Daniela Vega. Und ich glaube, diese oszillierende Präsenz ist pures Kino.

Sie haben eine deutsche Co-Produzentin, Maren Ade, wie kam es dazu?
Darauf bin ich sehr stolz, und ich kannte sie vor ihrem Film „Toni Erdmann“! Maren Ade und Janine Jackowski, ihre Partnerin in der gemeinsamen Firma Komplizen Film, hatten  „Gloria“ gesehen. Sie mochten ihn und luden mich zum Lunch ein. Ich war zu dieser Zeit viel in Berlin und die beiden signalisierten mir ihr Interesse an meinem nächsten  Film. Sie liebten das Script, und sie waren die besten Partner, die ich mir hätte wünschen können. Dann kam „Toni Erdmann”! Ich verehre diesen Film, und habe mich sehr gefreut für Maren Ade und Komplizen Film. Toll, dass sie nun Teil meines Films sind. Die gesamte Post-Produktion wurde übrigens auch in Berlin gemacht.

Sie haben einmal gesagt, Sie lieben Frauen, solange sie singen oder Autofahren...
Ja, das war ein Spaß. Aber wahr ist: Ich liebe sie. Und ja, Frauen singen oft in meinen Filmen. Die Musik ist mir sehr wichtig.  Marina singt zu Beginn einen  Salsa, „Periódico de ayer“ von Héctor Lavoe. Die Arie „Ombra mai fu“ am Ende des Films stammt aus Händels Oper „Xerxes“. Es ist eine Arie voller Dankbarkeit für einen Baum, seinen Schatten,- seine Freundlichkeit, es ist eine sehr schöne Arie. Ist die Liebe zu Bäumen nicht etwas sehr Deutsches?


Biographie Sebastian Lelio

Sebastián Lelios erster, gleich vielfach ausgezeichneter Film „La sagrada familia” (2006), erlebte seine Premiere beim San Sebastián Film Festival. „Navidad” wurde mit Unterstützung der Cannes Cinéfondation Residence geschrieben und feierte 2009 seine Premiere bei der Director’s Fortnight. „El año del tigre” wurde beim Locarno Film Festival 2009 präsentiert. Sebastián Lelio erhielt in der Folge ein Guggenheim-Stipendium sowie die Unterstützung des Berliner Künstlerprogramms DAAD. Sein vierter Spielfilm „Gloria” bescherte ihm den internationalen Durchbruch und seiner Hauptdarstellerin Paulina García einen Silbernen Bären als beste Schauspielerin bei der Berlinale 2013.
„Gloria” repräsentierte Chile bei der Oscar-Verleihung  und beim Goya Filmpreis. Das National Board of Review wählte ihn als einen der fünf besten Filme des Jahres aus; zudem wurde er für den Independent Spirit Award for Best International Film nominiert. „Eine fantastische Frau” wurde durch die Berlinale Residency unterstützt. Der Film ist eine Koproduktion von Fabula (Chile), Participant Media (USA), Komplizen Film (Deutschland), Muchas Gracias (Chile) und Setembro Cine (Spanien).
Sein erster englischsprachiger Spielfilm „Disobedience”, mit Rachel Weisz, Rachel McAdams und Alessandro Nivola in den Hauptrollen, befindet sich gerade in der Postproduktion.
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Donnerstag 24.08.2017
DAVID LYNCH – THE ART LIFE
Ab 31. August 2017 im Kino
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DAVID LYNCH: THE ART LIFE ist eine persönliche Reise zu den künstlerischen Wurzeln und prägenden Phasen des jungen David Lynch – eine Reise durch idyllische Kindheitsjahre in einer amerikanischen Kleinstadt und in die düsteren Straßen von Philadelphia. Auf dieser Reise beschreibt Lynch einzelne Stationen seines Lebens, die maßgeblich zu seiner Entwicklung zu einem der rätselhaftesten Regisseure des zeitgenössischen Kinos beigetragen haben.
Hoch oben in den Hollywood Hills gewährt David Lynch einen Einblick in seine Residenz, sein Atelier und die Geschichten der Vergangenheit. Rätselhafte Gestalten tauchen auf, verschwinden und werden Teil seiner künstlerischen Arbeit. David Lynch spricht offen über Ängste, Missverständnisse, Kämpfe, die er durchlebt und überwunden hat, über die Dämonen seiner Kindheit sowie die zahlreichen Menschen, die ihn geprägt haben. Schon sehr früh sieht Lynch die Welt mit anderen Augen, er sucht ihre Schatten und schafft daraus eine traumähnliche Verworrenheit, mit der er den Zuschauer fesselt und in seinen rätselhaften Bann zieht.
Der Film ist David Lynchs jüngster Tochter Lula gewidmet und dient als Erinnerung, die der Künstler seiner Tochter hinterlässt.

Ein Dokumentarfilm von Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm

DAVID LYNCH: THE ART LIFE ist ein intimes Portrait der Kindheit und Jugend eines der bedeutendsten und rätselhaftesten Regisseure des gegenwärtigen Kinos. Die Dokumentation beleuchtet David Lynchs frühes Kunstschaffen, seine ersten filmischen Arbeiten und die dunklen Seiten seiner einzigartigen Welt.
Lynch selbst eröffnet einen persönlichen Blick hinter die Kulissen, in dem er den Zuschauer Teil seiner Gedankenwelt und seiner persönlichen Erinnerungen werden lässt. DAVID LYNCH: THE ART LIFE entwirft ein vielschichtiges und sehr sensibles Bild des Künstlers jenseits des gefeierten Independent-Regisseurs.


BIOGRAFIE DAVID LYNCH
David Keith Lynch wurde am 20. Januar 1946 in Massoula, Montana, geboren. Er gilt als Meister des Surrealen und zählt zu den bedeutendsten Regisseuren der Gegenwart. Schon früh kam David Lynch durch die Arbeit seines Vaters als Agrarwissenschaftler mit der organischen Welt in Berührung. Er interessierte sich für den Verfall, für die Anatomie von Kleintieren und Insekten, für Abgründe und Träume. Diese Welt prägte den jungen David Lynch und spiegelt sich auch immer wieder in seiner späteren Arbeit wider. Mit 14 Jahren wurde die Malerei mehr als ein Hobby für ihn, er mietete sein erstes Studio an und entschloss sich 1964 an der privaten Kunsthochschule „School of the Museum of Fine Arts“ in Boston zu studieren, brach jedoch bereits nach dem ersten Studienjahr wieder ab. Nach der Rückkehr von seiner Europareise mit seinem Freund Jack Fisk begann Lynch ein Studium an der „Pennsylvania Academy of Fine Arts“ mit dem Schwerpunkt Malerei, Skulptur und Fotografie. Hier entstanden Lynchs erste düstere Zeichnungen und Gemälde. Als er eines Tages die Figur auf einem seiner Bilder betrachtete, vernahm er plötzlich einen leisen Windzug und sah eine kleine Bewegung darin und in ihm wuchs der Wunsch, dass sich das Bild wirklich bewegen könnte.
So entstanden in den Jahren 1967 und 1968 seine ersten Filmversuche und nach dem Festival-Erfolg seines Kurzfilmes THE GRANDMOTHER erhielt er 1970 ein Stipendium des renommierten American Film Institute (AFI). Lynch zog nach Los Angeles, dort entstand 1977 auch sein erster Spielfilm ERASERHEAD, der zu einem Kultklassiker wurde. Auch sein zweiter Langfilm DER ELEFANTENMENSCH von 1980 wurde ein voller Erfolg.
Besonders erfolgreich waren darüber hinaus seine Filme LOST HIGHWAY, MULHOLLAND DRIVE und BLUE VELVET sowie seine Mystery-Serie TWIN PEAKS. David Lynch erhielt zahlreiche Filmpreise, darunter die Goldene Palme der Filmfestspiele Cannes, den Los Angeles Film Critics Association Award und den Boston Society of Film Critics Award. Darüber hinaus waren Lynchs Filmprojekte viermal für den Oscar nominiert. 2006 erhielt er in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.
Die Rezeption seines Werkes beschränkt sich meist auf die Filme, die seinen Ruf als Kultfigur durch internationale Erfolge gefestigt haben. Doch David Lynch ist mehr als ein Regisseur, er ist ein „Universalkünstler“, dessen Gesamtwerk neben den Filmen auch Gemälde, Lithographien, Fotografien sowie zahlreiche Zeichnungen und Musik umfasst.
Seit der Jahrtausendwende wird auch seine Malerei verstärkt rezipiert. Seine Werke sind vielschichtig, oftmals verstörend und ziehen den Zuschauer und Betrachter in einen besonderen Bann. Seine Originalität und Kreativität entspringen vor allem aus einer ungewöhnlichen Bereitschaft und der Fähigkeit, in die tieferen Schichten der eigenen Psyche vorzudringen.


„Malen ist der schönste Akt der Einsamkeit“ – DER KÜNSTLER DAVID LYNCH
David Lynch, bekannt als Kultregisseur und Meister des Mysteriösen, hat neben zahlreichen Filmarbeiten ein umfassendes OEuvre an Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen und Fotografien angefertigt. Die Malerei bildet dabei den Ursprung seines künstlerischen Schaffens und begleitet sein Werk bis heute.
Ursprünglich war es Lynchs Traum Maler zu werden. Doch noch während seines Kunststudiums in den 1960er Jahren in Philadelphia wächst in ihm der Wunsch, seine Bilder in Bewegung zu versetzen. So entstand gegen Ende seines Studiums Lynchs erster Animationsfilm SIX FIGURES GETTING SICK. Für seinen darauf folgenden 35-minütigen Film THE GRANDMOTHER erhält David Lynch 1970 ein Stipendium des American Film Institute, das den Beginn seiner Filmkarriere markiert.
Seine Kunstwerke sind meist ebenso rätselhaft und skurril wie seine filmischen Arbeiten, seine Gemälde und Zeichnungen oftmals roh, archaisch und beängstigend. Lynchs bildende Kunst ist, ebenso wie seine Filme, geprägt von Dunkelheit, was, wie Werner Spies im Ausstellungskatalog zu Dark Splendor (2009), bemerkt, „träumerische Unwirklichkeit und Zwielichtigkeit hervorbringt“4. Mit mehr Farbe wüsste er, so Lynch, nichts anzufangen: „Farbe ist für mich zu real. Sie lässt wenig Platz für Träume. Je mehr schwarz man zu einer Farbe mischt, umso mehr Traumqualität bekommt sie. [...] Schwarz hat Tiefe. Schwarz ist wie eine kleine Pforte. Man tritt ein, und weil es dahinter immer noch dunkel ist, setzt die Phantasie ein und vieles, was da drinnen vor sich geht, manifestiert sich. Man sieht das, wovor man Angst hat.“
Lynch arbeitet großflächig und vereint verschiedenste Materialien, Texturen und Techniken. Er trägt Farbe direkt mit der Hand auf, bindet Collage-Elemente ein, schreibt manchmal direkt ins Gemälde. Die Flächigkeit seiner Gemälde, die durch die vorherrschende Farblosigkeit zustande kommt, lässt das Auge an der pastosen Oberfläche hängenbleiben, so entsteht eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Fläche und Tiefe.
Immer wieder nimmt Lynch den Betrachter mit auf unheimliche Expeditionen zu den dunklen Seiten der menschlichen Existenz. Dorthin, wo Sehnsucht und Begierde, Angst und Schrecken herrschen und Traum auf Wirklichkeit trifft. Motivisch wiederkehrend in seinem OEuvre sind Insekten, mit Vorliebe Ameisen – wie bereits in der viel zitierten Anfangssequenz von Blue Velvet. Deformierte Figuren, Bäume, Häuser – das Heimisch-Vertraute wird aufgelöst – sie stehen in scheinbar entrückter Umgebung, nichts Einladendes mutet ihnen mehr an. „Grob gezeichnete Figuren in grau-schwarzen Farbtönen mit verzerrten Gesichtern sind zu sehen, übergroße Insekten, verstümmelte Körperteile. Seine düstere Melange aus Realismus und Albtraum, Schrecken und Alltäglichkeit macht Lynch zu einem modernen Surrealisten.“



EINZELAUSTELLUNGEN
1967: Vanderlip Gallery, Philadelphia
1983: Puerto Vallarta, Mexico
1987: James Corcoran Gallery, Los Angeles
1989: Leo Castelli Gallery, New York
1990: Tavelli Gallery, Aspen
1991: Museum of Contemporary Art, Tokio
1992: Sala Parpallo, Valencia
1993: James Corcoran Gallery, Los Angeles
1995: Painting Pavillion, Open Air Museum, Hakone
1996: Park Tower Hall, Tokyo
1997: Galerie Piltzer, Paris
2007: Fondation Cartier, Paris
2008: Epson Kunstbetrieb, Düsseldorf
2009: Max-Ernst-Museum, Brühl
2010: Mönchehaus Museum, Goslar
2012: Galerie Chelsea, Sylt
2012: Galerie Karl Pfefferle, München
2013: Galerie Barbara von Stechow, Frankfurt
2014: Maison Européenne de la Photographie, Paris
2014: The Photographers’ Gallery, London
2014/15: Pennsylvania Academy of the Fine Arts, Philadelphia
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Donnerstag 17.08.2017
EINSTEINS NICHTEN
Ab 24. August 2017 im Kino
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EINSTEINS NICHTEN – EINE GESCHICHTE VON VERLUST UND ÜBERLEBEN ist ein berührender Dokumentarfilm über die tragische Geschichte der Familie Einstein in Italien und zwei starke Schwestern mit einem außergewöhnlichen Schicksal. Ihr charmanter Humor, ihre Stärke und ihr Lebensmut machen den Film zu einem bewegenden Plädoyer für das Leben, Versöhnung und Frieden.

Ein Dokumentarfilm von Friedemann Fromm


Im August 1944 sucht die Wehrmacht in der Toskana nach Robert Einstein, einem Cousin und engen Freund von Albert Einstein. Die Deutschen ermorden Roberts Frau Nina und seine beiden Töchter Luce und Cici. Albert Einsteins Großnichten, Lorenza und Paola, sind die einzigen überlebenden Zeugen dieses schrecklichen Verbrechens. Nach über 70 Jahren kehren sie zum ersten Mal an den Ort des Geschehens zurück und erzählen ihre bewegende Geschichte.


Italien 1944: Nur wenige Stunden bevor sich die deutschen Besatzer aus Florenz zurückziehen und die in Italien lebende Familie Einstein die Freiheit zurückgewinnen kann, wird sie von einem deutschen Sonderkommando der Spionage und der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt. Die Soldaten finden in ihrem Haus nur Robert Einsteins Frau und die beiden Töchter vor und erschießen sie. Robert Einstein, ein Cousin und enger Freund von Albert Einstein, kann sich im Wald verstecken und überlebt das Massaker. Auch die beiden Adoptivkinder, die Zwillingsschwestern Lorenza und Paola Mazzetti, überleben, weil sie nicht den Namen Einstein tragen, dennoch werden sie Zeugen des Massakers an ihrer „Mutter“ und ihren „Schwestern“.
Ein einziges Blatt unterschrieben mit dem Namen „Der Kommandant“ bedeutet das Todesurteil und damit das Ende der Familie Einstein in Italien. Robert Einstein nimmt sich nur ein Jahr später, an seinem Hochzeitstag, das Leben. Das Verbrechen an seiner Familie wird nie aufgeklärt. EINSTEINS NICHTEN – EINE GESCHICHTE VON VERLUST UND ÜBERLEBEN folgt dokumentarisch und an Hand von Archivmaterial und Originalaufnahmen der Geschichte von Lorenza und Paola Mazzetti. Sie kehren nach 70 Jahren zum ersten Mal in die Villa „Il Focardo“ zurück, den Ort des grausamen Verbrechens, welches sie damals als Kinder miterleben mussten.

HINTERGRUND – VORGESCHICHTE
Max Planck gelingt es, Albert Einstein 1913 für die Preußische Akademie der Wissenschaften zu gewinnen. Im April 1914 wird er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Sein Cousin Robert Einstein lebt und arbeitet in Italien. 1929 bittet Albert Einstein seinen Freund, den Nobelpreisträger Luigi Pirandello, für Robert eine Villa in Rom zu kaufen. Es ist das Nachbarhaus von Pirandello, in dem Robert Einstein 10 Jahre lang lebt. Albert Einstein forscht und arbeitet in dieser Zeit in Berlin, ist aber oft zu Gast in Rom bei seinem Vetter Robert. Dieser vertreibt in Italien die Radios der Jüdischen Firma Aron aus Berlin. Der Eigentümer Prof. Aron ist ein wissenschaftlicher Kollege und Freund von Albert Einstein in Berlin.
Nach 1933 dreht die Firma die Buchstaben ihres Namens um und aus „Aron“ werden die „Nora-Radios“. Doch 1935 zwingen die Nazis Prof. Aron seine Firma an Siemens zu verkaufen. Auch in Italien verschlechtert sich die Situation der Juden dramatisch. Siemens beendet die Zusammenarbeit mit dem Juden Robert Einstein und ersetzt ihn durch einen Handelspartner der Faschisten, der dann die Aron- bzw. Nora-Radios unter dem Label „Siemens Schuckert“ vertreibt.
Robert Einstein verlässt Rom und kauft in Umbrien für seine Familie und sich das Landgut „Villa Monte Malbe“ – heute ein Ort für Ferien auf dem Bauernhof.
Die Schwägerin von Robert Einstein stirbt bei der Geburt ihrer Zwillinge Lorenza „Lori“ und Paola Mazzetti. Robert Einstein und seine Frau Nina nehmen die beiden Mädchen in ihre Familie auf. Das Landgut „Monte Malbe“ ist durch seine Größe schwer zu bewirtschaften und wirft zu wenig für die Familie ab. So kauft Robert Einstein das Landgut „Il Focardo“ in der Nähe von Rignano sull‘Arno in der Toskana und eine Wohnung in Florenz. Seine Tochter Luce studiert in Florenz Medizin, und Cici, die zweite Tochter, geht dort zur Schule. Die Nichten Lori und Paola leben mit ihren Adoptiveltern in der Villa „Il Focardo“ und verbringen fröhliche und unbeschwerte Jugendjahre auf dem Landgut. Sie treffen die Verwandten und Freunde der Eltern, spielen Klavier mit Erika Mann oder verbringen Zeit mit Maya Einstein, der Schwester von Albert.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 kehrt Albert Einstein nicht von einer Vortrags- und Lehrreise nach Deutschland zurück, sondern beginnt an der Universität in Princeton in New Jersey zu lehren. Er unterhält zu Robert regelmäßigen Briefkontakt und sorgt sich aufgrund der politischen und antisemitischen Verhältnisse um seine Familie in Italien. Durch den zunehmenden Antisemitismus beschließt Maya Einstein 1939, zu ihrem Bruder Albert nach New Jersey zu emigrieren. Sie versucht auch Robert zu überreden, mit seiner Familie in die USA auszureisen. Doch Robert fühlt sich mit seiner Frau, den Kindern und Adoptivkindern auf dem Landgut sicher und weit genug entfernt von dem nationalsozialistischen Terror. Ein entsetzlicher und tödlicher Irrtum, wie sich am 3. August 1944 herausstellen wird.


HINTERGRUND – DIE TAT UND DER ORT
Im Sommer 1944 flieht die Wehrmacht aus Italien. Auf ihrem Rückzug verwandeln die deutschen Truppen die Toskana in einen Alptraum. Im Juli 1944 beschlagnahmen die Soldaten der Wehrmacht die Villa „Il Focardo“: Deutsche Offiziere spielen mit dem Juden Robert Einstein Schach, lassen sich von seiner Frau Pasta kochen und genießen als Besatzer das italienische Landleben. Sie spielen am Flügel der Familie deutsches Liedgut, Robert Einstein singt dazu. Unweit der Villa toben bereits erbitterte Kämpfe. Die britischen Soldaten rücken unaufhaltsam vor. Die Einsteins fühlen sich in der Schein-Idylle sicher, sie spielen auf Zeit und warten auf ihre Befreiung durch die näher rückenden Alliierten.
Der Plan scheint zu funktionieren. Die Soldaten der Wehrmacht ziehen ab. Der Krieg und der Rassenwahn scheinen für Robert Einstein und seine Familie in Italien überstanden. Doch die aus der Villa abziehenden Soldaten geben Einstein wohl noch einen merkwürdigen Hinweis. Er verlässt die Villa und versteckt sich im nahe gelegenen Wald des Landguts. Seine Frau Nina lässt sich vom örtlichen Priester für sich und die Töchter Luce und Cici ihre christliche Abstammung bestätigen. Sie bleibt mit ihren Kindern sowie mit Lori und Paola, den Töchtern ihres Bruders, in der Villa „Il Focardo“. Sie fühlt sich durch ihre nicht-jüdische Abstammung sicher.
Die Gefechtsfeuer der heranrückenden britischen Armee mit der Wehrmacht sind bereits von der Villa aus zu hören. Die Freiheit scheint eine Frage von Stunden, maximal wenigen Tagen zu sein. Doch gegen die abziehenden deutschen Truppen und praktisch hinter der alliierten Linie rückt am 3. August in den Nachmittagsstunden ein Sonderkommando der deutschen Wehrmacht zur Villa „Il Focardo“ vor.
Die Soldaten suchen Robert Einstein, finden ihn aber nicht vor. Sie randalieren in der Villa und veranstalten Schießspiele auf dem Landgut. Der Kommandant der Einheit verhört Robert Einsteins Frau Nina und die Töchter Luce und Cici. Er hält ein Standgericht ab, verurteilt alle Drei zum Tode und lässt sie erschießen. Blutüberströmt liegen Nina, Luce und Cici am Boden – die Mutter noch schützend ihre Kinder in den Armen haltend. Die Nichten Lori und Paola werden im Nebenraum von einem jungen deutschen Soldaten bewacht und Zeugen der abscheulichen Morde. Der junge deutsche Soldat zittert nach der Hinrichtung am ganzen Körper und bricht in einen Weinkrampf aus. Lori und Paola stehen Todesängste aus. Doch sie kommen mit dem Leben davon, weil sie nicht den Namen Einstein tragen.
Vor ihrem Abzug verwüsten die deutschen Soldaten die Villa und hinterlassen das gefällte Todesurteil und seine kurze Begründung auf einem Stück Papier an einem Holzpfosten der Villa. Die Familie Einstein wurde der Spionage und der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt. Unterschrieben ohne Namen, nur mit „Der Kommandant“.
Den Angehörigen, Freunden und Angestellten bietet sich ein Bild des Schreckens in der Villa. Robert Einstein beerdigt seine Frau und seine Töchter auf dem Friedhof des Landguts. Ein Jahr später, an seinem Hochzeitstag im August 1945, begeht Robert Einstein Selbstmord in der Villa „Il Focardo“.
Die beiden Großnichten Albert Einsteins, Lori und Paola Mazzetti, überleben als einzige der Familie Einstein die Tragödie, die sich auf dem Landgut in Rignano sull`Arno abgespielt hat. Beide leben heute in Rom und sind die einzigen Zeugen der Geschehnisse vom August 1944.


HINTERGRUND – NACH DER TRAGÖDIE
Robert Einstein hofft zunächst auf die schnelle Ergreifung der Mörder. Auch Albert Einstein bringt sich in die Ermittlungen ein und versucht, diese durch seine Beziehungen voranzutreiben. Doch Einstein ist in den USA zunehmend politisch isoliert, da er als dem Kommunismus nahestehend eingestuft wird.
In Italien führt der amerikanische Major Milton R. Wexler die Untersuchungen im Fall Einstein. Er dokumentiert alle Zeugenaussagen und führt die Verhöre. Trotz der Augenzeugenberichte, die Dienstabzeichen und Uniformen der Mörder benennen konnten, verlaufen die Ermittlungen im Sande. Wexler schreibt Einstein einen merkwürdigen Brief, der heute in der Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt wird. Darin schreibt er, dass er Einstein zwar die Hintergründe der Tat erklären könne, ihm dies aber durch die militärische Zensur nicht möglich sei.
Trotz eindeutiger Hinweise, Spuren und Indizien, die zur Überführung der Täter hätten führen können, hat sich die deutsche Justiz lange nicht für die Morde von 1944 interessiert. Nach fast 70 Jahren haben die Staatsanwaltschaft von Landau in der Pfalz sowie das LKA in Stuttgart die Ermittlungen wieder aufgenommen, in der spärlichen Hoffnung, die noch lebenden Mörder von damals anzuklagen. Mord verjährt nicht! Man wendet sich dafür sogar an die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Die Kriminalbeamten suchen auch den jungen deutschen Soldaten, der Lori und Paola Mazzetti bewacht hat und der keine Bestrafung zu befürchten hätte. Bisher ohne Erfolg.

STATEMENT DES REGISSEURS
Zwei Schwestern, deren Schicksal es ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, Zeuginnen eines ungeheuren Verbrechens an ihrer Familie zu werden und nur durch Zufall und Glück zu überleben. Und weil sie nicht den Namen ihrer berühmten Familie tragen: Einstein.
Sommer 1944: Nazideutschland hat den Krieg längst verloren, zieht sich aus Norditalien zurück. Aber eine kleine SS-Einheit kehrt, wider aller militärischer Logik, um und verübt einen Racheakt an der Familie von Albert Einstein, der die Italiener aus dem Exil zum Widerstand gegen die Nazis aufgerufen hat. Was folgt, ist ein brutales, sinnloses Verbrechen, das nie gesühnt wird und dessen Folgen die beiden Schwestern ihr Leben lang begleiten werden.
Wie lebt man als Überlebende? Wie geht man mit der Gnade des Überlebens um, mit der Frage, wieso ich? Wie lebt man mit lebenslangem Verlust? Mit dem Schatten des Schreckens? Verdrängung? Verarbeitung? Vergessen? Vergebung? Aber wie vergeben, wenn man den Täter nicht kennt? Wie leben mit der Vorstellung, dass die Mörder der eigenen Familie vielleicht ein glückliches Leben führen?
Die Schrecken des Faschismus sind in weite Ferne gerückt, das kollektive Gedächtnis scheint mit den nachwachsenden Generationen langsam zu verblassen; aber das individuelle Gedächtnis verblasst nicht. Es schlummert vielleicht, ist aber jederzeit bereit aufzuwachen, wenn der Schrecken nicht verarbeitet werden kann. Und das ist schwer, wenn ein Gegenüber fehlt, wenn es keine Sühne gibt auf Seiten der Täter. Wir tragen als Gesellschaft Verantwortung für die individuellen Schrecken kollektiver Verbrechen.
Davon handelt dieser Film: dass wir nicht vergessen dürfen und dass Verdrängung nicht gleichbedeutend ist mit Aufarbeitung. Vor allem aber handelt er von der ungeheuren Kraft zweier Frauen aus der Familie Einstein, deren Leben von Verlust und Tod geprägt wurde, die sich aber nie aufgegeben haben, die sich mit Mut und Kraft ihrem Schicksal gestellt haben, bzw. dabei sind, sich ihm zu stellen. Wir begleiten sie auf dem Weg zurück in die dunkelsten Ecken ihrer Erinnerung, gehen mit ihnen zum ersten Mal zurück in das Haus, wo ihre Familie ums Leben kam und wo die Trauer endlich ihren Platz finden kann.
Lori und Paola sind zwei ungeheuer mutige Frauen, die sich im hohen Alter noch einmal ihrer Vergangenheit stellen. Dieser Film ist Zeugnis ihres Mutes und ihrer Kraft, und über die Auseinandersetzung mit dem Tod ist er ein Appell an das Leben. Wir können unserem Schicksal nicht entrinnen, aber wir können es meistern.
Formal kreist der Film um die Begehung der Villa Focardo, die die Erinnerung der beiden Protagonistinnen lebendig werden lässt. Ihre Erzählung mischt sich mit realen Bildern der Jetztzeit und inszenierten Bildern der Vergangenheit. Der Name Einstein ist das Schicksal dieser beiden Frauen, auch wenn er nicht ihr eigener ist.
Friedemann Fromm

Friedemann Fromm – Autor & Regisseur
Nach dem Abitur studiert der gebürtige Stuttgarter an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film sowie bei Krzysztof Kieslowski an der Europäischen Filmakademie in Amsterdam. In New York besucht Friedemann Fromm das Actor’s Studio und absolviert eine Schauspielausbildung bei John Costopoulos.
Als freier Regisseur und Autor lehrt er nach dem Studium als Dozent für Regie an der Kunsthochschule für Medien in Köln, bis er sich 1994 mit dem viel beachteten bayerischen Tatort KLASSENKAMPF, für den er auch das Drehbuch schreibt, endgültig als Regisseur etabliert. Es folgen weitere Tatort-Produktionen, u.a. PERFECT MIND – IM LABYRINTH, zu dem Friedemann Fromms Bruder Christoph Fromm das Drehbuch schreibt.
Fünf Jahre später kommt Fromms Spielfilm SCHLARAFFENLAND in die Kinos. Ab 2002 konzipiert und inszeniert er weitere TV-Filme wie die preisgekrönte ZDF-Reihe UNTER VERDACHT mit Senta Berger in der Hauptrolle; die Reihe K3 – KRIPO HAMBURG gestaltet er seit 2003 neu.
Für den Fernsehfilm VOM ENDE DER EISZEIT (2006) und den Tatort AUSSER GEFECHT (2007) wird er 2007 mit dem Bayerischen Fernsehpreis in der Kategorie Regie ausgezeichnet. Ein weiterer großer Erfolg gelingt ihm 2009 mit dem Dreiteiler DIE WÖLFE, zu dem er – diesmal gemeinsam mit Christoph Fromm – das Drehbuch verfasst: Das Doku-Drama um den Alltag einer Berliner Clique von der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall wird mit dem Grimme-Preis, dem internationalen Emmy Award und der Goldenen Nymphe honoriert.
Mit dem wiederum für den Grimme-Preis nominierten Fernsehformat WEISSENSEE mit Florian Lukas in einer Hauptrolle inszeniert Friedemann Fromm seit 2010 erneut ein Stück deutsch-deutsche Geschichte. Ab der zweiten Staffel, die 2013 in der ARD ausgestrahlt wird, wirkt er selbst als Drehbuchautor mit. Auch diese Miniserie um zwei Familien in Ost-Berlin wird mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Deutschen Schauspielerpreis.
Seit 2006 widmet sich Friedemann Fromm dem künstlerischen Nachwuchs. Gemeinsam mit Stefan Krohmer leitet er den Bereich Regie an der Hamburg Media School und unterstützt seine Studenten bei der Erarbeitung neuer Stoffe und der Buchentwicklung. Zuletzt werden seine Filme SILVIA S. (ZDF) über eine Amokläuferin, sein Drama UNTER DER HAUT (ARD) und die Polit-Serie DIE STADT UND DIE MACHT (ARD) gezeigt. Das psychologisch ausgefeilte Drama MÖRDERISCHE STILLE mit Sylvie Testud, Peter Lohmeyer und Jan Josef Liefers strahlt
das ZDF im Januar 2017 aus. Für die dritte Staffel WEISSENSEE wird Friedemann Fromm als Autor und Regisseur im März 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
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Donnerstag 10.08.2017
EIN SACK VOLL MURMELN
Ab 17. August 2017 im Kino
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PARIS, 1941 . Weil es in der besetzten Hauptstadt zu gefährlich geworden ist, plant die jüdische Familie Joffo die Flucht nach Südfrankreich, das noch nicht in deutscher Hand ist. Eine gemeinsame Reise wäre zu auffällig, daher schicken die Eltern den zehnjährigen Joseph und seinen älteren Bruder Maurice allein auf den Weg. Ein gefährliches Abenteuer erwartet die Jungen, denn niemand darf erfahren, dass sie Juden sind. Doch dank ihres Mutes und Einfallsreichtums schaffen sie es immer wieder, den Besatzern zu entkommen. Wird es ihnen gelingen, ihre Familie in Freiheit wiederzusehen?


Ein Film von CHRISTIAN DUGUAY
Nach dem Roman UN SAC DE BILLES von JOSEPH JOFFO

Die berührende Verfilmung des auf der Lebensgeschichte von Joseph Joffo basierenden Bestsellers erzählt in großen Bildern von zwei Brüdern, die auf ihrem Weg in die Freiheit allen Widerständen trotzen. Der Film besticht vor allem durch die herausragende Leistung der Schauspieler, allen voran der beiden jungen Hauptdarsteller Dorian Le Clech und Batyste Fleurial Palmieri, die sich neben renommierten Kollegen wie Patrick Bruel („Der Vorname“) und Christian Clavier („Monsieur Claude und seine Töchter“) nicht verstecken brauchen.



Regisseur Christian Duguay
Der 1957 in Montréal, Québec geborene Christian Duguay studierte an der Concordia University und machte sich zu Beginn seiner Karriere vor allem mit TV-Produktionen einen Namen. Für die TV-Serie „Der Mutter entrissen“ gewann er 1996 einen Gemini Award, 1999 und 2003 wurde er für „Jeanne D’Arc — Die Frau des Jahrtausends“ und „Hitler — Aufstieg des Bösen“ jeweils für einen Emmy nominiert. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen „Screamers — Tödliche Schreie“ mit Peter Weller, „The Art of War — Kennst du deine Feinde?“ mit Wesley Snipes in der Hauptrolle und der Spionagethriller „The Assignment — Der Auftrag“ mit Aidan Quinn und Donald Sutherland. 201 3 erzielte er mit dem Sportdrama „Jappeloup — Eine Legende“ einen Publikumserfolg in Frankreich, 201 5 drehte er „Sebastian und die Feuerretter“, die Fortsetzung von Nicolas Vaniers berühmten Kinderfilm.

Dorian Le Clech als JOSEPH JOFFO
Der inzwischen elfjährige Dorian Le Clech ist eine der vielversprechendsten Neuentdeckungen des französischen Films. Zuvor war der talentierte Junge aus der Bretagne nur in Kurzfilmen oder kleinen Rollen wie in „Lili Rose“ zu sehen. Regisseur Christian Duguay zeigte sich begeistert von dem jungen Naturtalent und prognostiziert ihm eine erfolgreiche Schauspielkarriere.

Patrick Bruel als ROMAN JOFFO
Der 1959 in Tlemcen, Algerien geborene Patrick Bruel ist nicht nur erfolgreicher Schauspieler, sondern vor allem in Frankreich auch als Sänger bekannt, der zahlreiche Alben veröffentlicht und unzählige Charterfolge gefeiert hat. Darüber hinaus hat er sich als professioneller Pokerspieler einen Namen gemacht. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören „Ein Geheimnis“ aus dem Jahre 2007 und die Tragikomödie „Der Vorname“ von 2012.

Christian Clavier als DR. ROSEN
Der französische Schauspieler Christian Clavier wurde 1952 in Paris geboren. Neben seiner darstellerischen Tätigkeit arbeitet er auch als Drehbuchautor und Regisseur. Seine Karriere begann er als Mitbegründer der Komiker-Gruppe Le Splendid. Zu Christian Claviers bekanntesten Filmen zählen „Die Besucher“, die beiden Realverfilmungen des Comics „Asterix“, in denen er die Titelrolle verkörperte, und Phillippe de Chauverons Komödienhit „Monsieur Claude und seine Töchter“.



REGISSEUR CHRISTIAN DUGUAY IM INTERVIEW

WIE BEGANN DAS ABENTEUER FÜR SIE ?
Zu Beginn hatte ich ein sehr angenehmes Treffen mit Nicolas Duval, Laurent Zeitoun und Yann Zenou von QUAD Productions. Sie wollten mich kennenlernen, weil ihnen mein Film „Jappeloup — Eine Legende“ sehr gut gefallen hatte. Alle drei sind große Filmliebhaber und mit den komplexen Vorgängen in dieser Branche sehr vertraut. Es macht mich immer sehr froh, wenn ich auf Menschen treffe, die alles im Blick haben, vom Drehbuchschreiben bis zum Dreh selbst. Als sie mich fragten, ob ich den Roman „Ein Sack voll Murmeln“ von Joseph Joffo kenne, musste ich das verneinen. Das Buch ist im französischsprachigen Teil Kanadas kaum bekannt.
Als ich es dann las, war ich vom Durchhaltevermögen, der Überzeugung und der Kraft der Brüder in diesem hoffnungsvollen Roman sehr berührt. Man erlebt eine inspirierende Geschichte aus der Sicht von Kindern und ihre Art, die Welt wahrzunehmen, bis die Realität sie einholt. Die Erzählung ist sehr stark und leider so allgemeingültig, dass man darin einfach auch die aktuelle Situation sehen muss: das Leid der Menschen, die heute auf der Flucht sind, aber auch ihre Glücksmomente.

WIE VERLIEF IHR ZUSAMMENTREFFEN MIT JOSEPH JOFFO ?
Joseph und ich haben uns vor allem über seinen Vater unterhalten. Seine Erläuterungen haben mir ein besseres Verständnis dafür gegeben, was dem Buch zugrunde liegt. Durch den Roman, der meine Bettlektüre wurde, und die mündlichen Erzählungen von Joseph Joffo erkannte ich einen Zusammenhang zwischen Joseph und einem für mich wichtigen Thema, das in jedem meiner Filme erscheint: Die Vaterfigur ist mir heilig und verkörpert tiefes Vertrauen. Im Buch hingegen wird der Vater zwar oft erwähnt, ist jedoch keine tragende Säule der Erzählung.

WIE HABEN SIE SICH DIE VERFILMUNG VORGESTELLT ?
Das Buch wurde in der ersten Person, aber 30 Jahre nach den Geschehnissen geschrieben. Im Gegensatz dazu nimmt der Film fortwährend den emotionalen Blickpunkt des kleinen Jungen ein und verzichtet auf die Distanz des Erzählers im Buch. Durch die Reise, bei der sie unglaubliche Herausforderungen meistern, werden die beiden kleinen Jungen erwachsen. Jo ist bei seiner Rückkehr nach Paris nicht mehr derselbe wie zwei Jahre zuvor.

WIE IST DAS DREHBUCH ZUSTANDEGEKOMMEN ?
Ich hatte das Buch gelesen und wollte mit dem Drehbuch ganz von vorn anfangen. Ich wusste sofort, welchen Blickwinkel ich dabei einnehmen wollte. Ich kontaktierte Benoît Guichard, einen französischen Drehbuchautor, der in Québec lebt und mit dem ich schon einige Drehbücher für meine Filme gemeinsam geschrieben habe. Ganz schnell und wie von selbst entstanden die Sequenzen des Filmes als Grundgerüst. Danach musste ein Team zusammengestellt werden.
Der Produktionsleiter Laurent Sivot stellte mir den Produktionsdesigner Franck Schwartz und die erste Regieassistentin Laure Prévost vor. Dass es den Film heute gibt, habe ich dem Zusammentreffen mit all diesen Menschen zu verdanken, die mit mir gearbeitet und auch unter Druck nie aufgegeben haben. Wir hatten das Grundgerüst des Films, Benoît war an meiner Seite, wir schrieben das Drehbuch und gleichzeitig suchten wir nach Drehorten, führten Castings durch und trafen andere Vorbereitungen. Es war ein mühsames Unterfangen. Wir mussten die wichtigsten Orte finden, die in den historischen Kontext passen und der Filmerzählung dabei treu bleiben. So ist beispielsweise die Promenade des Anglais in Nizza der Schlusspunkt der ersten Reise der beiden jungen Hauptdarsteller. Das Ende des Filmes will ich zwar nicht verraten, aber ich habe es während des Drehs geschrieben. Das war nur möglich, weil ich mitbekam, wie sich die beiden Kinder immer näherkamen. Dorian, hat aber hart daran gearbeitet, in seine Rolle zu schlüpfen. Ich schätze seine Wärme und seine aufmerksame Art sehr. Ich habe ihm gezeigt, wie eine Figur aufgebaut ist und was ein Spannungsbogen ist, ohne zu theoretisch zu werden. Ich habe ihm die Gesamtperspektive der jeweiligen Szene erklärt, um zu erreichen, dass er sich in seinen Text und in die Feinheiten des Schauspiels einfühlt.

WIE HABEN SIE BEI DEN KINDERN REGIE GEFÜHRT ?
Jeden Abend bereitete ich die Szenen des nächsten Tages vor, um die Entwicklung der Figuren herauszuarbeiten. Die Kinder mussten mir sehr viel Vertrauen schenken. Amour, die sie coachte, hat mich dabei wirklich unterstützt und immer auf meine Wünsche reagiert. Sie wollte, dass der Text nicht gespielt wirkt, sondern natürlich. Deshalb ließ sie die Kinder über ihre Rolle sprechen und den Text in jeder möglichen Richtung aufsagen, sodass er irgendwann wie von selbst kam und sie ein Gefühl dafür bekamen. Und dann sagte sie zu ihnen: „Vergesst den Text und lasst euch von eurem Gegenüber inspirieren.“ Professionelle Schauspieler konzentrieren sich oft zu sehr auf den Dialog und schenken dem anderen Schauspieler keine Beachtung. Das war bei Dorian und Batyste ganz anders.

HABEN SIE SOFORT AN PATRICK BRUEL UND ELSA ZYLBERSTEIN FÜR DIE ROLLEN DER ELTERN GEDACHT ?
Während wir das Drehbuch schrieben, wurde es offensichtlich, dass Patrick den Vater spielen sollte. Ich wartete auf den richtigen Moment, um ihm das Projekt vorzuschlagen. Er las einen ersten Entwurf des Drehbuchs und war überzeugt. Sehr schnell hatten wir ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Er war außergewöhnlich großzügig. Ich zeigte ihm die Szenen mit Dorian. Sie haben ihn sehr erschüttert. Ich glaube, er stellte sie sich mit seinem eigenen Sohn vor. Wir unterhielten uns über unsere Kinder, über das Buch, über Claude Millers Film „Ein Geheimnis“ und darüber, wie ich mir seine Rolle vorstellte. Sein Zusammentreffen mit Dorian war wunderbar. Anfangs befürchtete ich, Elsa sei zu jung für die Rolle. Als ich jedoch weiter darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass die Frauen damals sehr jung Kinder bekamen. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass sie schon ungefähr zwanzigjährige Söhne hat. Mir war wichtig, dass sie als Mutter überzeugt, und sie hat die Rolle wunderbar verkörpert.

ES GIBT EINE GANZE REIHE WUNDERBARER NEBENROLLEN: DR. ROSEN, DEN KOLLABORIERENDEN BUCHHÄNDLER, DEN WIDERSTANDSKÄMPFER ETC.
Ich handhabe das ein bisschen so wie Claude Berri in seinen Marcel-Pagnol- Verfilmungen. Ich komme aus derselben Tradition und habe viele literarische Bilder in mir. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass mich das Buch zu den Besetzungen der Nebenrollen inspiriert. Das kommt selten vor. Bernard Campan spielt den kollaborierenden Buchhändler, eine etwas farblose Figur, die jedoch eine eiskalte Rede hält, ohne dabei theatralisch zu werden. Ihn überzeugten vor allem der Roman und die Gründe, aus denen ich ihn verfilmen wollte. Christian Clavier merkte, dass er seine Rolle als Arzt auf seine eigene Art interpretieren konnte, auch wenn es nur eine kleine Rolle war und er nur zwei Tage lang bei den Dreharbeiten dabei war. Während des Drehs habe ich ihn ein wenig vor den Kopf gestoßen, damit er verstand, wie ich mit Dorian arbeiten wollte. Ich bat ihn oft darum, dem Jungen zurück in seine Rolle zu helfen. Christian Clavier spielte jedes Mal mit der gleichen Intensität und Genauigkeit. Mit Kev Adams, der den Widerstandskämpfer spielt, verbrachten wir bei den Dreharbeiten drei unvergessliche Tage. Seine lodernde Energie und sein intelligenter Humor sind bekannt. Die Szene, in der er in die Enge getrieben wird und sich opfert, ist sehr beeindruckend. Kev begriff sofort, dass ich in meinem Film einen außergewöhnlichen Ton anschlagen wollte und eine bestimmte Energie ohne zu viel Theorie suchte. Ich wollte, dass die Sequenz zum Leben erwacht. Er folgte mir und spielte auf ganz natürliche Art. So hinterlässt er eine wichtige Spur in der Geschichte.

FÜR WELCHE ART VON INSZENIERUNG ENTSCHIEDEN SIE SICH ?
Ich entschied mich für die Steadicam, um mich von den Bewegungen der Schauspieler führen zu lassen. Denn ihr Spiel entscheidet über die Bewegungen der Kamera. Sie müssen sich nicht an vorher festgelegte Bewegungen halten. Ich wollte jedoch verhindern, dass sie sich der Kamera bewusst werden. Deshalb schufen wir ein Universum, das eine sehr große Flexibilität beim Schauspiel zuließ. Die Zuständigen für Requisiten, Script und Continuity und ich mussten zuerst ohne die Schauspieler ein Gefühl für das Umfeld der Szene bekommen, ohne alles zu verraten.
Dann gaben Requisiten und kleine Details den Schauspielern die Möglichkeit, ihre Spannung auszudrücken: ein Wasserglas wird bis zum Rand befüllt, eine Hand zittert, und der deutsche Offizier tunkt sein Brot auf eine gewisse Art in sein Ei. Diese Dinge wurden nicht aus ästhetischen Gründen gewählt, sondern um die Schauspieler in die emotionale Atmosphäre der Szene eintauchen zu lassen.

UND WAS IST MIT DEM KAMERAMANN ?
Mit dem exzellenten Kameramann Christophe Graillot hatte ich schon an „Sebastian und die Feuerretter“ gearbeitet und auch wieder an diesem Film. Er weiß, dass ich intuitiv an die Kameraaufnahmen herangehe, und ihm ist bewusst, dass er schöne und kontrastreiche Bilder produzieren soll. Da meine Kamera besonders beweglich ist, muss er die Technik an die Bewegungen der Schauspieler und der Apparate anpassen, wie bei unvorhergesehenen Momenten, die direkt gefilmt werden.

MANCHMAL SIND SIE MIT IHRER KAMERA IN NÄCHSTER NÄHE DER SCHAUSPIELER.
Ja, die schlimmsten Momente des Films wollte ich im Detail zeigen. So habe ich beispielsweise die Zugszene mit einem Makro-Objektiv gefilmt, damit die Stimmung möglichst bedrückend wird und ich mich auf zwei oder drei kleine Details konzentrieren kann. Dieses Objektiv ist sehr nahe bei den Schauspielern und sorgt für eine erdrückende Perspektive.

DIE MUSIK STAMMT VON ARMAND AMAR.
Das ist mein zweiter Film mit ihm nach „Sebastian und die Feuerretter“. Er sorgte dafür, dass die Musik die Dramaturgie begleitet und dem Film neue Emotionen verleiht. Er war sehr großzügig und offen. Wir führten einen intensiven Austausch, um die musikalischen Themen zu erschaffen. Insbesondere mussten wir im Vorfeld ein Thema für Elsa Zylberstein kreieren, damit sie glaubhaft wirkt, wenn sie die Geige hält und stimmt. Sobald sie das Instrument an sich nimmt und die Kinder sie ansehen, versteht man die gesamte Vergangenheit der Familie. In dem Roman ist die Familie sehr wichtig. Jedes Mal, wenn sich die Eltern und ihre Söhne wiedertreffen, musste man fühlen, wie gut es ihnen miteinander geht. Die Musik vermittelt das. Die Szene dauert nur zehn Sekunden, aber man versteht sofort alles.
(QUelle: Verleih)
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Donnerstag 03.08.2017
DALIDA
Ab 10.August 2017 im Kino
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1933 wurde sie in Kairo geboren, 1987 starb sie einen tragischen Tod. Dazwischen lebte Dalida ein filmreifes Leben, das ihr erstes Konzert im legendären Olympia in Paris 1953 ebenso umfasste wie die Ehe mit Lucien Morisse, dem Leiter des damals neu gegründeten Privatradiosenders Europe 1, den Beginn der Disco-Ära, ihre spirituelle Entdeckungsreise nach Indien oder den weltweiten Erfolg von „Gigi l’amoroso“ 1974. Dalida war eine unkonventionelle, moderne Frau in konventionellen Zeiten, deren einzigartiges Talent und unvergleichliche Ausstrahlung bis heute nichts von ihrer Wirkung eingebüßt haben.
DALIDA, inszeniert von Lisa Azuelos („LOL – Laughing Out Loud“), zeichnet das berührende, mitreißende und tragische Porträt einer emotional komplexen und vielschichtigen Frau, die dazu geboren wurde, ein Star zu sein. Sie zählt mit über 150 Millionen verkauften Tonträgern nach wie vor zu den erfolgreichsten Sängerinnen der Welt, und als erste Sängerin überhaupt erhielt sie eine diamantene Schallplatte. Ihre größten Erfolge – „Ciao, Ciao, Bambina“, „Am Tag, als der Regen kam“, „Besame Mucho“, „Laissez-moi danser“, „Paroles, Paroles“ oder „Gigi L‘Amoroso“ – haben bis heute einen einzigartigen Wiedererkennungswert und machen sie unsterblich.
Der Film entstand nach der einzigen offiziellen Biographie „Dalida. Mon Frère, tu écriras mes mémoires“ von Catherine Rihoit und Dalidas Bruder Bruno Gigliotti, der auch unter seinem Pseudonym ORLANDO an der Drehbuchadaption mitwirkte. Dalidas Todestag, der 3. Mai 1987, jährte sich in diesem Jahr zum 30. Mal.


Regie: Lisa Azuelos
Darsteller: Sveva Alviti, Riccardo Scamarcio, Jean-Paul Rouve, Nicolas Duvauchelle, Alessandro Borghi, Valentina Carli, Brenno Placido, Niels Schneider, Vittorio Hamarz Vasfi , Davide Lorino, Haydee Borelli


INTERVIEW MIT LISA AZUELOS

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, einen Film über Dalida zu drehen?
Um ganz ehrlich zu sein war ich eigentlich gar kein Fan von Dalida, bevor ich mit der Arbeit an dem Film begann. Vielmehr wurde sie mir von außen ein wenig aufgedrängt. Doch sobald ich anfing, ein wenig zu ihrem Leben zu recherchieren, empfand ich eine große Empathie für sie. Und je mehr Zeit verging, desto stärker wurde das Band zwischen mir und ihr. Dalida war viel mehr als eine Frau, die viele Rekorde brach, auch wenn sie mehr Preise gewann als jede andere französische Künstlerin, über 150 Millionen Tonträger verkaufte, über 2000 Songs aufnahm und mehr als 70 Goldene Schallplatten für sich verbuchen konnte. Sie war vor allem auch ein wirklich außergewöhnlicher Mensch. Nicht jeder Star hat eine Bestimmung. Aber sie hatte es.

Was meinen Sie damit?
Ihr Leben war gleichermaßen spektakulär wie tragisch. Wie ein Roman und mit allem, was normalerweise zu einem guten Fernsehdrama gehört. Ihr Ruhm war genauso groß wie ihre Einsamkeit. Mir wurde sehr schnell klar, dass ich nicht nur die Geschichte irgendeiner Frau erzählen würde, sondern die einer Frau, die nie ihr Glück gefunden hat. Ich wollte Dalida und ihrem Andenken gerecht werden. Mir war es wichtig, dass die Zuschauer verstehen, wer sie wirklich war und ihr ihren verzweifelten letzten Akt verzeihen. Sie war ein Opfer des Pechs, denn sie war eine unglaublich moderne Frau in einer alles andere als modernen Zeit. Hätte sie 25 Jahre später gelebt, hätte sie ihr Baby unehelich zur Welt bringen können. Oder unter Bedingungen abtreiben können, die nicht zu ihrer Unfruchtbarkeit geführt hätten. Sie hätte bedenkenlos jüngere Liebhaber haben können. Und vielleicht wäre sie dann nicht so verzweifelt und unglücklich gewesen, sich das Leben zu nehmen.

Warum dauerte es so lange, bis der Film Wirklichkeit wurde?
Wahrscheinlich weil nichts wirklich einfach sein kann, wenn man es mit einer so wichtigen und komplexen Person zu tun hat. Das Projekt änderte immer wieder seine Richtung, es gab immer neue Hauptdarstellerinnen und Erzählansätze. Aber trotz allem war ich mir stets sicher, dass ich am Ende zum Ziel kommen würde. Denn 2012 sagte ein Medium zu mir: „Dalida ist glücklich darüber, dass du ihre Geschichte erzählst.“ Ich war mir da nicht so sicher, denn obwohl ich das Drehbuch geschrieben hatte, lag das Projekt damals brach. Doch sie sagte: „Du liegst falsch. In vier Jahren wird es den Film geben und du wirst ihn inszenieren.“ Ganz egal ob man an solche Dinge glaubt oder nicht: sie hatte Recht!

Anders als viele andere Biopics der letzten Zeit konzentrieren Sie sich nicht auf einen Ausschnitt, sondern erzählen Dalidas gesamtes Leben. Warum?
Weil ich glaube, dass Dalidas Kindheit und vor allem die Beziehung zu ihrem Vater vieles erklärt was ihr Verhältnis zu Männern als Erwachsene angeht. Ihr Leben und ihr Tod waren zwei Seiten der gleichen Medaille. Wenn man sie verstehen möchte, ist es unmöglich irgendwelche Abkürzungen zu nehmen. Abgesehen davon sind einfach all die unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere und ihres Liebeslebens höchst faszinierend, von den San Remo-Jahren bis zur Disco-Ära. Ich hätte mich gar nicht entscheiden können, was ich da weglasse. Selbst so bin ich eigentlich ganz schön frustriert, dass ich nicht alle Details unterbringen konnte. Denn die ursprünglich drei Stunden lange Fassung musste ich natürlich leider schneiden.

Wie war die Zusammenarbeit mit Dalidas Bruder und Produzent Orlando, der am Drehbuch mitschrieb?
Sehr, sehr gut. Seine Beteiligung war eine Art Absicherung, denn so war gewährleistet, dass wir wirklich Dalidas wahre Geschichte erzählen. Er verstand schnell, dass wir beide das gleiche Ziel hatten: nämlich Dalida weiterleben zu lassen bis in alle Ewigkeit. Orlando hatte lediglich drei Bedingungen. Er wollte das Drehbuch absegnen, die Hauptdarstellerin mitaussuchen und natürlich auch den Schauspieler, der ihn selbst verkörpern würde. Im Gegenzug garantierte er mir komplette künstlerische Freiheit. Hin und wieder hatte er Einwände, etwa wenn er fand, dass ich ein bestimmtes Detail auf keinen Fall weglassen könne. Aber er ließ mich auch immer den Boden der Realität verlassen. Vieles schrieb ich sehr intuitiv und ließ mich einfach davon leiten was ich glaubte, was Dalida womöglich empfunden haben könnte. Ich kann Orlando gar nicht genug danken für das Vertrauen, das er mir entgegen brachte.

DALIDA ist Ihr erstes Biopic. Wie machten Sie sich die Geschichte ihrer Protagonistin zu Eigen?
Zunächst begann ich damit alles zu lesen, zu hören und zu sichten, was es von ihr und über sie gibt. Mir half natürlich auch, dass ich mit ihrem Lebensstil einigermaßen vertraut war. Meine Mutter ist die Sängerin Marie Laforêt, daher habe ich eine Ahnung davon, was es hieß, eine Sängerin in den Siebziger und Achtziger Jahren zu sein. Von dem Glamour und der Etikette, dem allgegenwärtigen Konservatismus, der dauerhaften Beobachtung (allen voran von Männern, die alles für einen regelten und bestimmten). Aber eben auch von kleinen Details, wie dem, dass es eine Frau gab, deren Aufgabe es war, die Unterschrift auf Autogrammkarten zu stempeln. All diese Dinge kannte ich, deswegen bestand keine Gefahr, dass ich in dieser Hinsicht etwas falsch machen würde. Was Dalida selbst angeht, fand ich es einigermaßen seltsam, so tief in jemand anderes Leben einzutauchen. Nicht zuletzt als mir klar wurde, dass ich durch sie auch vieles von mir selbst entblößen würde. Das erste Jahr des Schreibens fiel mir richtig schwer, weil ich so viele Ähnlichkeiten zwischen uns entdeckte, gerade was das Interesse an Spiritualität oder die Beziehungen zu Männern angeht. Genau wie sie hatte ich nie Zweifel was meine Karriere angeht, aber sehr regelmäßig, was mein Privatleben angeht. Allerdings hatte ich das Glück, Kinder zu bekommen, und das ändert alles. Durch Dalida habe ich viel über mich selbst gelernt, allem voran, dass ich kein Leben ohne Kinder führen wollen würde. Das habe ich mir erst durch die Arbeit an diesem Film wirklich eingestanden.

Hatten Sie angesichts Dalidas tragischen Schicksals je die Befürchtung, der Film könne zu düster geraten?
Mir war immer klar, dass DALIDA kein Feelgood-Movie werden würde. Allerdings wusste ich natürlich auch, dass Dalidas Persönlichkeit zwei Seiten hatte. Natürlich war sie eine sehr unglückliche Person, doch wenn sie sang, dann strahlte sie. Deswegen war es mir so wichtig, ihre Geschichte anhand sowohl ihrer Männer als auch ihrer Songs zu erzählen. Aber auch jenseits ihrer Karriere hatte sie natürlich Momente großen Glücks in ihrem Leben. Ihre leidenschaftliche Aff äre mit Richard Chanfray ist im Film zum Beispiel eine sehr positive, fröhliche Passage.

Erzählen Sie ein wenig über die Suche nach der passenden Hauptdarstellerin. Stimmt es, dass Sie sich über 200 Schauspielerinnen ansahen, bevor Sie sich für Sveva Alviti entschieden?
Das stimmt. Wir begannen in Frankreich, doch dort rollten alle Schauspielerinnen das R viel zu sehr. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir bei uns kaum unterschiedliche Dialekte haben, aber es klang bei allen irgendwie zu künstlich. Deswegen entschlossen wir uns, die Suche auf Italien und den Nahen Osten auszuweiten. Als ich Svevas Video sah, hatte ich gleich ein gutes Gefühl. Als sie nach Paris kam, waren immer noch 20 Schauspielerinnen im Rennen um die Rolle. Dann sang sie „Je suis malade“ – und mich überkamen die Emotionen. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Sie war als Schauspielerin noch unerfahren und sprach kein Französisch. Aber als sie sagte: „Ich bin Dalida“, wusste ich dass sie Recht hatte.

Und die männlichen Schauspieler?
Dieser Teil der Arbeit machte natürlich besonders viel Spaß, weil Dalida nur richtig gut aussehende Männer mochte. Ich hatte das große Glück, dass ich alle meine Wunschschauspieler bekam. Und sie begeisterten mich durch die Bank. Nicht nur Nicolas Duvauchelle (Richard Chanfray) und Jean-Paul Rouve (Lucien Morisse), sondern auch die Nebendarsteller wie Niels Schneider (Jean Sobieski), Alessandro Borghi (Luigi Tenco) und Brenno Placido (Lucio). Patrick Timsit (Bruno Coquatrix) und Vincent Perez (Eddie Barclay) waren beide unglaublich lebensnah und wahrhaftig. Als dann auch noch Riccardo Scamarcio, den ich in Apulien traf, zusagte Orlando zu spielen, wusste ich, dass ich den besten männlichen Cast hatte, den ich mir vorstellen konnte.

Welche Intentionen hatten Sie mit dem Look des Films und der Farbpalette, was Kostüme, Kulissen und Beleuchtung angeht?
Visuell wollte ich nicht, dass der Film zu sehr nach dem echten Leben aussieht. Stattdessen ging es mir eher darum, ihn so gut wie möglich aussehen zu lassen. Ein bisschen so wie in der Serie „Mad Men“. Da sahen die Büros auch ein wenig eleganter aus als es in Wirklichkeit in den Sechzigern der Fall war. Aber das spielte keine Rolle, so lange es trotzdem glaubwürdig wirkt und den Zuschauern gleichzeitig die Möglichkeit zum Träumen gibt. Meine Kostümdesignerin Emmanuelle Youchnovski wusste genau, was ich im Sinn hatte und schlug vor, Dalida nicht zwingend in Kostüme jener Zeit zu stecken, sondern mit Bezug zu den jeweiligen Männern in ihrem Leben. Wenn sie zum Beispiel mit Lucien Morisse zusammen ist, sind ihre Kleider sehr elegant und ladylike. In den Szenen mit Chanfray ist ihr Look dagegen sanfter und sinnlicher.

Welchen Platz nimmt Dalida nun in ihrem Leben ein, jetzt wo der Film vollendet ist?
Einen großen, und das wird auch immer so bleiben. Seit ich mit der Arbeit an DALIDA begonnen habe, fühlte ich eine Nähe zwischen ihr und mir, daran hat sich nichts geändert. Ich verstehe ihre Suche nach dem Absoluten, ihren Hunger nach Liebe. Wahrhaftiger Liebe, nicht dem, was das Leben uns normalerweise zu bieten hat und mit dem wir uns zufrieden geben. Durch sie habe ich gelernt, mich nicht länger einfach nur von einer Beziehung mitschleifen zu lassen. Dank Dalida bin ich mir selbst die beste Freundin geworden. Ich bin überzeugt davon, dass sie und ich uns gut verstanden hätten, denn jenseits ihrer Schönheit und ihres Talents war sie auch ein liebenswerter Mensch. Dessen bin ich mir sicher. Ich bin stolz und glücklich, dass ich sie zurück ins Scheinwerferlicht holen durfte.
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