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Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Bernhard Schlink „Olga“

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Anita Rée „Retrospektive“

2

Ines Geipel „Tochter des Diktators“

3

Volker Weidermann „Träumer – Als die Dichter die Macht übernah...

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Mia Couto „Imani“ Unionsverlag

5

Tanguy Viel „Selbstjustiz“ Wagenbach

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Montag 15.01.2018
Bernhard Schlink „Olga“
Es ist die Geschichte einer vergangenen Liebe zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen und die Geschichte einer nicht alltäglichen Freundschaft Jahrzehnte später. Im Mittelpunkt beider Beziehungen steht Olga Rink, eine Frau, so ungewöhnlich wie stolz, so hingebungsvoll wie intelligent, so strebsam wie geheimnisvoll.
Sie und Herbert finden in schwierigen Zeiten zueinander und ihr Schicksal wird entscheidend von dieser Zeit geprägt und beeinflusst. „Olga“, eine Waise, die bei der strengen Großmutter in der Kaiserzeit in Pommern aufwächst und melancholisch still ist, genau beobachtet, gedanklich vieles hinterfragt und manchmal gerne einfach anders wäre. Er, Herbert, verwöhnter Sohn des reichen Gutsherren, verliebt sich in jungen Jahren in eben diese Olga. Er ist ein mutiger Draufgänger, dem das Militärisch-Zackige liegt und den zugleich die verlorene Weite der Natur fasziniert. Beide haben drei Jahre umeinander geworben, gegen den Willen Herberts Familie, und sich weit draußen an den Wäldern getroffen, um sich hier heimlich ihrer Liebe hinzugegeben. Doch Herbert zieht, wie viele seiner Freunde, freiwillig in den Krieg, später in die Arktis, aus der er nicht mehr zurückkehren wird.
Olga, die mutige, die emanzipierte, wird Lehrerin, später, nach dem 2. Weltkrieg, geht sie als Näherin in die Familien und lernt hier den weitaus jüngeren Ferdinand kennen. Ihm erzählt sie ihre Lebensgeschichte, ohne in Emotionen zu versinken. Und so wird Ferdinand ein abschließender Teil ihres Lebens, der sie bis zum Tod begleitet. Anschließend lüftet er aufwendig ein Geheimnis, dass Olga in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.
Bernhard Schlink setzt in seinem neuen Roman „Olga“ verschiedene historische wie menschliche Versatzstücke geschickt zusammen. Er ordnet und glättet ein offenes und ausgefranstes Puzzle, das nicht selten ein Ergebnis der erzählenden Hochgeschwindigkeit ist. Über zwei Drittel des Buches gibt Schlink seinen Figuren, allen voran dem tauben Fräulein Rink, nur eine bedingte persönliche Tiefe. Der Leser sieht sie von „außen“, erfährt sie durch ihre meist tragischen Lebensstationen. Doch ihre innere Kraft, ihr seelisches Schicksal und die daraus resultierende individuelle Stärke, wird erst später, durch ergreifende Liebesbriefe deutlich.
Schlink gelingt das Kunststück, Olga als eine Person zu beschreiben, wie wir sie selbst zu kennen glauben. Einen Menschen, der uns seine biographischen Daten vermittelt, dessen Leben an abgesessene Geschichtsstunden erinnert. Doch erst die später beschriebenen Emotionen lässt die Figur in ihrer ganzen Lebendigkeit erblühen.
Gleichzeitig streift dieses Buch fast eineinhalb Jahrhunderte. Es lockt den Leser nach Brasilien und nach Sibirien, in die vereisten Felder der Nordostpassage, bis hin zu den Greueltaten deutscher Soldaten in Südwestafrika. Fast im D-Zug-Tempo beschreibt es das deutsche Wirtschaftswunder, erzählt von Flucht und Vertreibung, von hoffnungsvollem Neuanfang und persönlichen Enttäuschungen. Und es handelt vom vielleicht Furchtbarsten überhaupt, von einer Mutter, die ihren Sohn an die menschenverachtende Ideologie nationalsozialistischer Verführer verliert. Und trotzdem ist „Olga“ ein ungemein lebensbejahendes, ein positives Buch.
Jörg Konrad

Bernhard Schlink
„Olga“
Diogenes
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Freitag 29.12.2017
Anita Rée „Retrospektive“
Es war Max Liebermann, der der 21jährigen Anita Rée 1906 bestätigte, dass sie ein außergewöhnliches Talent besäße. Zwar stand für die Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmannes und der aus Venezuela stammenden Mutter Anna Clara schon zuvor unabdingbar fest, dass sie Malerin werden würde, doch der Widerstand der Eltern gegen eine solche Laufbahn begann erst aufgrund der Einschätzung Liebermanns nachzulassen.
Anita Rée arbeitete in den Jahren bis zu ihrem selbst gewählten Tod 1933 intensiv und schuf ein beeindruckendes Gesamtwerk. In der rückwärtigen Betrachtung nimmt ihr Arbeiten eine Art Schlüsselstellung zwischen Tradition und Moderne in der Malerei ein – ohne dass dies in den letzten Jahrzehnten entsprechend gewürdigt wurde. Anita Rée geriet nach ihrem Tod fast in Vergessenheit.
Zwar haben einzelne Sammler ihre Arbeiten wohl gehütet und es gab auch hin und wieder kleinere Ausstellungen, aber erst jetzt ist in der Hamburger Kunsthalle die erste große Retrospektive der Künstlerin zu sehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 04. Februar des kommenden Jahres.

Anfangs arbeitet Anita Rée noch im „verborgenen“, in einem Atelier, das sie sich unter dem Dach ihres elterlichen Wohnhauses in Hamburg einrichtete. Einerseits zwar klar wissend, dass keine andere Tätigkeit ihr diese Erfüllung bringt, ist sie doch Zeit ihres Lebens ein unsicherer, von Selbstzweifeln und Skepsis getriebener Mensch. Kurzzeitig teilt sie sich ein Atelier mit den beiden Malerfreunden Friedrich Ahlers-Hestermann und Franz Nölken. In letzteren verliebt sie sich, doch ihre Gefühle werden von Nölken nicht erwidert. Daraufhin zerbricht die Ateliergemeinschaft. Anita Rées ist maßlos enttäuscht, die Wunden, die diese Zurückweisung in ihrer Seele hinterlassen haben, sind enorm und sollen nie richtig verheilen.
Später geht Anita Rée nach Paris. Sie studiert die Impressionisten, die Architektur, verarbeitet die Stadt nachweislich und arbeitet nach ihrer Rückkehr wie besessen weiter. Ihr künstlerisches Selbstverständnis wächst, ihre Selbstzweifel bleiben. Weil niemand ihren hohen Ansprüchen gerecht wird, bleibt sie allein und leidet zugleich unter dieser Einsamkeit stark. Ein Mensch, der Zeit seines Lebens zerrissen ist, der sich unausgeglichen verhält, nach außen schwierig wirkt.
1919 gehört Anita Rée zu den Gründern der Hamburgischen Sezession, deren Ziel darin bestand, das Klima für die bildenden Künste in der kaufmännisch geprägten Hansestadt zu verbessern. Aber auch mit dieser Aufgabe beschäftigt, findet sie keinen inneren Frieden.
Impressionismus, Kubismus, Neue Sachlichkeit, Magischer Realismus - all ihre Energien und ihr intellektuelles Vermögen steckt sie in das Ausprobieren und Suchen nach neuen stilistischen Ausdrucksformen und bleibt doch innerlich eine ewig mit sich hadernde, zerrissene Künstlerin.
Für einige Jahre zieht es sie dann nach Italien. Hier verlebt Anita Rée die vielleicht glücklichste Zeit. Ihre Bilder strahlen einen matten Glanz aus. Sie scheinen der Realität weit entrückt und sind doch deutlich sichtbar ein Teil der Wirklichkeit. Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen sind ihre Portraits visuelle Seelenlandschaften. Hier korrespondieren Vertrautes und Fremdes, Sehnsucht und Gewissheit, Flüchtiges und Akkribisches, Glück und Trauer.
Der vorliegende Band ist vom Prestel-Verlag im Rahmen der Hamburger Retrospektive erschienen. Das Buch gibt einen recht umfassenden Einblick in das reichhaltige Schaffen der Malerin. Zugleich bringen die Essays von Karin Schick, Anna Heinze, Gabriele Himmelmann und anderen die Lebens- und Arbeitsbedingungen einer der „faszinierenden Figuren der Kunst der 1920er Jahre“ nahe.
In Anita Rée ist eine Malerin zu entdecken, die in ihrem gesamten künstlerischen Oevre immer ein wenig an Paula Modersohn Becker erinnert. Es ist wie der Aufbruch zu neuen Ufern, die in ihrer Arbeit überdeutlich zu sehen und noch mehr zu spüren sind. Dass sie diese nie ganz erreicht hat, ist einfach nur tragisch.
Jörg Konrad

Anita Rée
„Retrospektive“
Herausgegeben von Karin Schick im Auftrag der Hamburger Kunsthalle
Prestel
Autor: Siehe Artikel
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Montag 25.12.2017
Ines Geipel „Tochter des Diktators“
In diesem Buch prallen Biographien aufeinander, die im Rückblick mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als es der erste Eindruck vermuten lässt. Das mag zweifellos am realen Lebensweg zweier Frauen liegen, die diesen tief berührenden Roman bestimmen: Die Autorin Ines Geipel und die Zentralfigur Beate Ulbricht. Jede von ihnen hinterlässt für sich eine erschütternde Sprachlosigkeit.
Ines Geipel sagte einmal, dass all ihre Sportrekorde durchweg kriminell seien. Aufgestellt hat sie diese als Leichtathletin in der ehemaligen DDR. Es gibt kaum einen Betroffenen aus der Riege damaliger Leistungskader, der sich später so schonungslos mit diesem, seinem Thema auseinandergesetzt hat. Mit gerade einmal vierzehn Jahren wurde sie Teil des damaligen staatlichen Dopingprogramms. Ines Geipel bekam, wie viele andere weibliche Sportler, männliche Steroide verabreicht. Niemand klärte sie auf, über die „kleinen blauen Pillen“ und deren mögliche Spätfolgen, wie Krebs, Leberschäden oder verändertes Erbgut. „Es wurden Doktorarbeiten mit unseren Körpern geschrieben“, sagte sie nach dem Studium ihrer Stasiunterlagen.
Während eines Wettkampfes 1984 verliebte sie sich in einen mexikanischen Geher. Sie wollte daraufhin die DDR verlassen und schmiedete Fluchtpläne. Ihre Absichten wurden von „vertrauten“ Menschen an die Staatssicherheit verraten. Ines Geipel fiel in Ungnade. Während einer vorgetäuschten Blinddarmoperation zerschnitt man ihr in nachweisbarem Stasi-Auftrag Bauchmuskulatur und verstümmelte einen Teil ihrer inneren Organe. Damit war auch ihre Karriere als Sportlerin beendet. Zudem wurde sie massiv denunziert und mit sofortiger Wirkung aus allen Kadern gestrichen. Sie durfte nicht abtrainieren und bekam auch keine medizinische Nachbetreuung. Als Folge litt sie unter Nieren- und Herzproblemen. 1989 floh sie, nach einem Germanistik-Studium, aus der DDR. Heute ist Ines Geipel Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und freie Autorin.
Schnitt.
Maria Pestunowa war die Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin. Ihre Mutter starb 1944 bei einem Bombenangriff auf Leipzig. Das Mädchen kam in ein Waisenhaus und wurde 1946 adoptiert. Ihre Pflegeeltern hießen Walter und Lotte Ulbricht. Beate Ulbricht, wie sie seit der Adoption hieß, wurde in der Schulzeit von ihren Klassenkameraden verspottet und ausgegrenzt. Ihre Eltern schickten sie aus diesem Grund zu Beginn der 1950er Jahre nach Leningrad, wo sie ihr Abitur machte und anschließend Geschichte und Russisch studierte. Dort fand sie in dem Italiener Matteoli ihre große Liebe. Beide heirateten heimlich in Berlin und bekamen ein Kind. Den Wunsch, ein gemeinsames Leben im kapitalistischen Italien zu führen, verhinderten der Staatsratsvorsitzende und seine Frau. Das Paar wurde zwangsweise voneinander getrennt, indem man Beate den Reisepass entzog. Nach zwei Jahren der Trennung willigte diese deprimiert in die Scheidung ein.
Beate Ulbricht ging später, wieder in Leningrad lebend, eine Beziehung mit einem Russen ein. Von ihm bekam sie einen Sohn. Doch die Ehe hielt nicht. Die junge Frau wurde gedemütigt und auch misshandelt. Verzweifelt kam wieder zurück nach Berlin, wo sie schwer alkoholabhängig verwahrloste. Die Behörden entzogen ihr das Sorgerecht für ihre Kinder, von ihren Pflegeeltern wurde sie gemieden, später auch enterbt. 47jährig fand man sie 1991 erschlagen in ihrer Wohnung. Die Tat wurde bis heute nicht aufgeklärt.
Ines Geipel erzählt in ihrem Roman „Tochter des Diktators“ die Lebensgeschichte eben dieser Beate Ulbricht - aus einem möglichst distanzierten Blickwinkel.
Erzählen lässt Ines Geipel die Geschichte von einer gewissen Anni Paoli, einer Vertrauten eben jenes Ivano Matteoli, aus dem toskanischen Dorf Cigoli. Allein seine Familiengeschichte wäre Stoff für einen eigenen Roman. Ines Geipel erzählt über die Unmöglichkeit freier Selbstbestimmung und gleichzeitig über verschiedene Abhängigkeitsbeziehungen und dem daraus resultierenden Untergang menschlicher Existenz. Sie taucht zusätzlich in die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts ein – ohne sich in deren Wirrnissen und sonstigen Katastrophen zu verlieren, trotzdem alles immer irgendwie zusammenhängt. Der Ost-West-Konflikt, der Traum einer klassenlosen Gesellschaft und die Realität der kommunistischen Diktatur, das Dritte Reich und die 68-Bewegung in Paris und Deutschland spielen in der „Tochter des Diktators“ eine Nebenrolle, die jedoch die Grundlage für die eigentliche Geschichte bilden. Denn alles dreht sich um die großen (gesellschaftlichen) Hoffnungen und die daraus resultierenden (persönlichen) Enttäuschungen. Es geht es um das Schicksal von Menschen in politisch angespannten Zeiten. Den Kampf um Identität und Verwurzelung, um gelebtes Selbstverständnis und zu ertragende indoktrinierende Entmündigungen. Welche Möglichkeit der Entfaltung der individuellen Persönlichkeit bleiben am Ende? Geht es nur um den Grad der individuellen Leidensfähigkeit?
Ines Geipel findet für diese sehr komplexen Themen eine wunderbare, eine eigenwillige Sprache, die Poesie und Realität miteinander verschmilzt und in der beschriebenen Melancholie nicht selten an den großen italienischen Dichter Cesare Pavese erinnert. Dieser Roman ist ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte.
Jörg Konrad

Ines Geipel
„Tochter des Diktators“
Klett Cotta
Autor: Siehe Artikel
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Mittwoch 20.12.2017
Volker Weidermann „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ Kiepenheuer & Witsch
Der Literaturchef des „Spiegel“, Leiter des „Literarischen Quartetts“ und Autor Volker Weidermann ist ein Spezialist dafür, Geschichte in authentischen Lebensschicksalen und Zeitzeugnissen lebendig werden zu lassen. Wie in seinem wunderbaren Buch „Ostende“ gilt auch in seiner neuesten Veröffentlichung „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ sein Hauptinteresse den Literaten, den Schriftstellern und Dichtern. Das Buch ist im November 2017 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
Ausgerechnet Bayern wurde nach dem Ende des 1. Weltkriegs zu einem Zentrum sozialistischer und kommunistischer Ideen und Aktivitäten. Nach vier Jahren Krieg mit Tausenden von Toten, Not und Hunger waren die Menschen in Deutschland kriegsmüde. Die alte Welt war zusammengebrochen, man hatte das Vertrauen in die Herrschenden verloren. Überall in Deutschland gärte es. Am 7. November 1918, kurz vor dem offiziellen Kriegsende, kam es zu einer spontanen Massendemonstration auf der Theresienwiese in München. Kurt Eisner, jüdischer Pazifist, Theaterkritiker und Mitglied der USPD, nutzte die explosive Stimmung in der Bevölkerung. Er rief die Revolution aus, erklärte Bayern zur Republik und zum Freistaat und sich selbst zum provisorischen Ministerpräsidenten. Der letzte Wittelsbacher, König Ludwig III., floh mit seiner Familie heimlich aus der Stadt. Nach Eisners Ermordung durch einen rechtsradikalen Adligen im Februar 1919 wurde von einer Gruppe um den Dichter Ernst Toller die Räterepublik ausgerufen. Das bayerische Experiment sollte nur wenige Monate dauern. Am 1. Mai 1919 eroberten preußische und württembergische Truppen, unterstützt durch Freikorps, München zurück. Grausame Säuberungen machten dem Traum ein Ende.
Volker Weidermann hat dieses turbulente Kapitel der bayerischen Geschichte in seinem Buch „Träumer“ in eine packende Erzählung verwandelt, die sich spannend wie ein Krimi liest. Er hat großartig recherchiert und zahllose Details zusammengetragen, die die Geschichte anschaulich machen. In Briefen, Tagebucheintragungen, Buchzitaten lässt er die Protagonisten der Revolution selbst zu Wort kommen. Das sind jüdische Schriftsteller und Dichter wie Kurt Eisner, Ernst Toller, Erich Mühsam, Gustav Landauer, die ihre Utopie vom Frieden, von sozialer Gerechtigkeit und direkter Demokratie in Bayern verwirklichen wollten. Mit großer Sympathie, aber auch mit ironischer Distanz schildert Weidermann den Beginn der Revolution in Bayern. In der anfänglichen Euphorie schien alles möglich: die Schaffung einer neuen, gerechteren, menschlicheren Welt. Die neuen Dichterpolitiker beriefen sich weniger auf politische Programme als auf Literatur und Musik, auf Goethe, Schiller und Beethoven. Wie Kurt Eisner es formulierte, waren sie alle „beseelt… vom unerschütterlichen Glauben an die Kraft geistiger Entwicklung.“ Kunst als Medium der Agitation, als Erziehungsmittel der Menschen, das war ihr Programm.
Begleitet, beobachtet und kommentiert werden die politischen Ereignisse in „Träumer“ durch Schriftsteller wie den revolutionsbegeisterten Oskar Maria Graf, den zwischen ängstlicher Ablehnung und Faszination schwankenden Thomas Mann, den anfänglich hoffnungsvollen und schließlich enttäuschten Rainer Maria Rilke. So erhält man auch einen spannenden Einblick in die Kultur- und Geistesgeschichte dieser Zeit in München. Und immer wieder geistert ein bleicher junger Mann durch die Szenerie: der Gefreite Adolf Hitler.
Die Revolution der Dichter war zum Scheitern verurteilt. Sie waren idealistische Traumtänzer ohne Menschenkenntnis und ohne jede politische Erfahrung. Die Räterepublik versank immer mehr in Chaos und Gewalt, der Traum wurde zum Albtraum.
Nach Bürgerkrieg und dem Sieg der Konterrevolution notierte Erich Mühsam in seiner Gefängniszelle: „Das ist die Revolution, der ich entgegengejauchzt habe. Nach einem halben Jahr ein Bluttümpel: mir graut.“
Doch Ernst Toller, der glühende Idealist und Menschenfreund, für den Max Weber und Thomas Mann nach dem Ende der Räterepublik gebürgt hatten, blieb seinem Traum auch  noch nach seiner Entlassung aus der Haft im Jahr 1924 treu: „Die Sonne hat mich getröstet… Der Glaube an eine Welt der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Menschlichkeit, an eine Welt ohne Hass und Hunger.“

Lilly Munzinger, Gauting
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Dienstag 12.12.2017
Mia Couto „Imani“ Unionsverlag
„Brüder, dies sind die letzten Vögel… Lasst uns diese Vögel grüßen, die dem Himmel Höhe schenken. Wir wollen sie grüßen, denn morgen werden in Nkokolani nur noch die Kugeln fliegen.“
Der Roman „Imani“ von Mia Couto, der 2017 im Unionsverlag erschienen ist, führt tief hinein in die afrikanische Geschichte, in eine Geschichte von Krieg, Gewalt und Unterdrückung, die bis heute den Kontinent prägt.
Mia Couto wurde 1955 als Sohn portugiesischer Einwanderer in Mosambik geboren. Er war lange Jahre Chefredakteur verschiedener Zeitungen in Mosambik. Als Student sympathisierte er mit der marxistisch-leninistischen Befreiungsfront FRELIMO, die für die Unabhängigkeit Mosambiks von der Kolonialmacht Portugal kämpfte. Heute ist Couto Professor für Biologie und einer der angesehensten Schriftsteller des Landes.
Sein Buch „Imani“ ist der erste Band einer Trilogie über das Ende des Gaza-Reiches, das der afrikanische Herrscher Ngungunyane im 19. Jahrhundert im Süden Mosambiks errichtet hatte. Er war von der portugiesischen Kolonialmacht zum Stammesfürsten von Gaza gemacht worden und zog mit seinen Truppen mordend und brandschatzend durch das Land.
Mia Couto erzählt die Geschichte von Imani, einer 15-jährigen jungen Frau aus dem Volk der VaChopi, das von Ngungunyane mehrmals überfallen wurde und das schwer traumatisiert ist. „Niemand ist stärker als die Angst“ sagt Imanis Vater, ein Träumer, Musiker und Säufer, und er malt die Namen aller seiner Ahnen in den Sand, die im Krieg gestorben sind. Die portugiesische Kolonialmacht schickt den jungen Sargento Germano de Melo in das Dorf Nkokolani, um die Bevölkerung vor den Kriegern der VaNguni zu schützen.
Imani ist in einer Missionsschule aufgewachsen und spricht als einzige in ihrem Dorf fließend Portugiesisch. Deshalb muss sie, die als Frau selbst nichts zu entscheiden hat, dem Sargento als Dolmetscherin und Mittlerin dienen. Imani steht zwischen den Fronten – geprägt durch ihre afrikanische Kultur ebenso wie durch ihre portugiesische Erziehung, gilt sie ihrem Stamm als verdächtige Außenseiterin.
Die zwei Erzählstränge des Romans entsprechen den beiden Welten, die hier aufeinander treffen. Couto lässt abwechselnd den Sargento in Briefen an seinen portugiesischen Vorgesetzten von seinen Erfahrungen berichten, und Imani aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte schildern. Häufig überschneiden sich die Erzählungen, und dieselben Ereignisse werden aus den unterschiedlichen Perspektiven dargestellt. Der junge Sargento Germano nimmt zunächst seinen militärischen Auftrag ernst, den „Kaffern“, wie er sie nennt, zu helfen und sie zu zivilisieren, „durch Gott und unsere natürliche Überlegenheit ermächtigt“. Wenn Imani ihn zum Beispiel davon abhalten will, die Spinnen in seinem Hause zu töten, weil Spinnennetze die Wundmale der Welt und seiner Seele verschließen können, so tut er das als lächerlichen Aberglauben ab. Doch die rationale, selbstgewisse Fassade des Portugiesen fängt an zu bröckeln.
Mia Couto hat auf zahlreichen Reisen durch Mosambik Erinnerungen, Geschichten und Mythen der indigenen Völker gesammelt, und sie werden zur Inspirationsquelle seiner Bücher. In seinem Roman „Imani“ gibt es eine Fülle von Erzählungen der schwarzen Bevölkerung, farbige Beispiele für ihre magisch-poetische Deutung der Welt.
Zwischen den beiden Außenseitern Imani und Germano entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Couto entwirft das psychologisch einfühlsame Porträt eines zunehmend entwurzelten und verzweifelten Europäers, der erkennen muss, dass die Einheimischen ihm näher sind als seine eigenen Landsleute in ihrer Überheblichkeit und Ignoranz. Imani kann mit dem Heilwissen ihres Volkes Germanos Panikattacken und Wahnvorstellungen besänftigen und wird ihm unentbehrlich, bis ihre Liebe in Hass umschlägt.
Mia Coutos Sprache ist durch den südamerikanischen magischen Realismus und die reiche afrikanische Bilderwelt geprägt, die er zu einem vielstimmigen Akkord verdichtet. In seinem faszinierenden Roman  schlägt er eine Brücke zwischen den so unterschiedlichen Kulturen der westlichen und der afrikanischen Welt.

Lilly Munzinger, Gauting
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Sonntag 19.11.2017
Tanguy Viel „Selbstjustiz“ Wagenbach
Der Richter und der Mörder sitzen sich gegenüber – der Fall ist klar: Der Facharbeiter Martial Kermeur aus einem Dorf an der Küste vor der nordfranzösischen Stadt Brest hat den Immobilieninvestor Antoine Lazenec bei einem gemeinsamen Bootsausflug über Bord gestoßen und ertrinken lassen. Das bestreitet er nicht.
Aber der junge Richter, der sich mit dem Fall zu befassen hat, möchte herausfinden, was Kermeur zum Mörder gemacht hat, und lässt ihn erzählen, unterbricht ihn nur manchmal, um nachzuhaken und noch genauer in diese Schicksalsgeschichte vorzudringen: wie hat es der Immobilienhai geschafft, die Bewohner des kleinen, nebeligen Dorfes „eine Gegend, über die schon zwanzig Jahre nichts mehr im Fernsehen gekommen ist“,  einzuwickeln und ihnen über Jahre eine goldene Zukunft des Ortes als Tourismus-Magnet vorzugaukeln? Wie ist es ihm gelungen, dass sie ihre Ersparnisse aus den Abfindungen ihrer letzten Arbeitsplätze in ein Luftschloss investiert haben? Und was hatte den sozialistischen Bürgermeister dazu gebracht,  Gelder der Gemeinde im großen Stil in einem aussichtslosen Projekt zu verspielen, ein Handeln, das ihn schließlich in den persönlichen Abgrund führt.
Während Kermeur dem Richter, allein mit ihm im Raum, erzählt, was in den vergangenen sechs Jahren passiert ist, erkennt er selbst viel über sich und die Menschen, die sein Leben ausmachen. Seine Frau hat sich einem anderen zugewandt, sie hält ihn für einen Versager. Sein Sohn geriet in die Fänge von Lazenac und auf die schiefe Bahn, aus der Begeisterung des Buben wurde zerstörerische Kraft, die den jungen Mann ins Gefängnis brachte. Er selbst wollte seinem Sohn immer ein Vorbild sein. Hat Kermeur sich aber nicht in den Porsche von Lazenac gesetzt, sich von ihm blenden lassen, alle Zweifel in den Wind geschlagen und seine Freunde belogen – und wann und warum ist das umgeschlagen? Er fragt sich, „wie man es schafft, ein anständiger Mensch zu bleiben“.
Es ist ein Kammerspiel von großer Intensität zwischen dem Angeklagten und dem Richter. Der stellt nur ab und zu eine Frage, die meiste Zeit folgt er konzentriert Kermeur auf seinen Gedankenwegen und -umwegen.
Tanguy Viel ist ein Könner, wenn es um kleine, elegante, intensive Geschichten geht und, selbst aus Brest stammend, ein Kenner der Region. Mit „Selbstjustiz“ wirft er auch einen Blick auf das Frankreich, das hier nicht das Land des savoir vivre und der romantischen alten Schlösser ist, sondern sich mit dem Leben und den Chancen der Menschen und mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den weniger wohlständigen Regionen auseinanderzusetzen hat.
Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel, der nicht nur dieses, sondern auch die früher erschienenen Bücher Viels übersetzt hat, ist ebenfalls im Thema zuhause und damit prädestiniert, die angemessene Sprache zu finden, denn er ist auch der Übersetzer der viel diskutierten Bücher von Edouard Louis (siehe vorhergehende Buchbesprechung von Lilly Munzinger zu „Im Herzen der Gewalt“).
„Selbstjustiz“ ist ein sprachliches und dramaturgisches Meisterwerk, gesellschaftskritisch und aktuell – und mit überraschendem Ende!
Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
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