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Musik
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Inhaltsverzeichnis
OHRENGLÜCK 37: Trio Omphalos

1

John Taylor Trio „Decipher“

2

Johanna Borchert „Lover Or Emptiness“

3

OHRENGLÜCK 36: Carsten Lindholm

4

Robert Plant „Carry Fire“ Warner

5

Valentin Silvestrov „Hieroglyphen der Nacht“

6

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Montag 04.12.2017
OHRENGLÜCK 37: Trio Omphalos
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Takt, Rhythmus, Temperatur, Skala, Intervall... In Musik steckt viel Mathematik. Aber genügt Mathematik allein oder braucht es auch Gefühl? John Cage (1912-1992) meinte, Klang und Rhythmus sollten sich endlich von der Gefühlsgrammatik des 19. Jahrhunderts befreien und für sich selbst stehen. Wie schön das klingen kann, zeigt das Trio Omphalos. Stefan Hülsermann, Olaf Pyras und Ji-Youn Song spielen in der Besetzung Klarinette, Schlagzeug, Klavier. Für diese Instrumentierung gibt es nur wenige Werke, aber das Trio weiß sich zu helfen. In John Cages „Four Dances“ (1943) wird einfach die (textlose) Gesangsstimme durch die Klarinette ersetzt. In Cages „Chess Pieces“ ist die Besetzung sogar frei wählbar, denn diese Klangepisoden beruhen nicht auf einer Komposition, sondern einem Gemälde (1944). Auch Tom Johnsons „Rational Melodies“ (1993) dürfen laut Komponist „von jedem Instrument, in jeder Oktave und Transposition, auch von Gruppen von Instrumenten“ gespielt werden. Johnsons Miniaturen entwickeln sich dabei gemäß einfachster mathematischer Operationen ( „+1“ oder „–1“) – den Schlüssel dazu liefert das Trio im abschließenden „Counting Duet No. 2“ (1982). Aber wie klingt diese Musik nun? Wir hören elementare Figuren und Tonfolgen, ganz ohne Ausdruck und Zweck – das hat etwas Asiatisches, Zen-Meditatives, Philosophisch-Mathematisches. Und doch werden wir tief bewegt vom schlichten Rhythmus selbst, von der einfachen, bewegten Form, vom ganz nackten Klangerlebnis, das das Trio überaus abwechslungsreich gestaltet. Wie schrieb der große Musikversteher Eduard Hanslick (1854): „Das Organ, womit das Schöne aufgenommen wird, ist nicht das Gefühl, sondern die Fantasie.“

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

John Cage / Tom Johnson
Trio Omphalos
WERGO
Autor: Siehe Artikel
Samstag 25.11.2017
John Taylor Trio „Decipher“
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Dieses Album ist eine musikalische Novität. Denn es enthält eine der ganz frühen Einspielungen des englischen Pianisten John Taylor, aufgenommen im Sommer 1971. Taylor gehörte damals zu einem kleinen Kreis hartgesottener britischer Musiker, die vom Virus des Jazz infiziert waren.  Kommerziellen Erfolg hatten sie kaum und Auftrittsmöglichkeiten waren zu jener Zeit eher rar.
Taylor hatte Glück und bekam im legendären Ronni Scott Jazzclub in London die Stelle des Hauspianisten. Es waren Lehrjahre, in denen er mit den großen, vor allem amerikanischen Solisten spielte, die auf der Durchreise waren.
Dort, bei Ronnie Scott, hörte ihn eines Tages auch Hans Georg Brunner-Schwer, der, aus Villingen in Süddeutschland kommend, auf der Suche nach Musikern für sein 1968 gegründetes (erstes deutsches) Jazz-Label MPS (Musik-Produktion-Schwarzwald) war. Der Unternehmer war begeistert und lud den Pianisten in die Fabrikantenvilla in der Richthofenstraße in Villingen ein. So entstand vor über 46 Jahren die vorliegende Aufnahme, auf der Taylor noch stark an seinem damaligen Favoriten Oscar Peterson erinnert, aber auch den zu jener Zeit in Europa vehement vertretenden Anspruch der freien Improvisation mit einbringt. Mit seinen Begleitern Chris Lawrence am Bass und Tony Levin am Schlagzeug spielt er eine vitale, manchmal bis an die Grenze des Überschäumens reichende Musik. Seine späteren melodiösen Sehnsüchte sind noch wenig zu spüren. Hier ist jemand dabei, seinen Weg, seinen persönlichen Ausdruck zu finden, einer, der mutig nach vorn schreitet, Risiken in Kauf nimmt, auch Erfahrungen sammelt. Man merkt dieser Aufnahme, trotz aller Freiheiten denen sich die Musiker bedienen, die Konzentration an, mit der sie bei der Sache sind, aber auch die Freude, mit der sie sich auf experimentellem Gebiet bewegen. Man spürt das musikalische Selbstbewusstsein und die Unbedingtheit, mit der das Trio den Kompositionen, auch im Spontanvorgang, zu Leibe rückt. Virtuos und sinnlich.
So ist „Decipher“, zu deutsch „dechiffrieren“ oder „entziffern“, ein Album, das am Anfang der Karriere eines Pianisten steht, der zu einem der wichtigsten der europäischen Szene werden sollte. All seine späteren Aufnahmen, das legendäre Projekt Azimuth, die Lyrizismen seiner Trio- und Soloeinspielungen, ja auch seine Professur an der Hochschule für Musik Köln zwischen 1993 und 2007 sind von dieser Ausgangszeit geprägt.
John Taylor starb 72jährig während eines Auftritts beim Saveurs Jazz Festival in Frankreich im Sommer 2015.
Jörg Konrad

John Taylor Trio
„Decipher“
MPS / Edel
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Dienstag 07.11.2017
Johanna Borchert „Lover Or Emptiness“
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Johanna Borchert gehört zu jenen Sängerinnen, die nicht aufgrund ihrer stimmlichen Fähigkeiten beeindrucken, sondern durch die Art, wie sie diese in ihr musikalisches Gesamtkonzept einbetten. Im Mittelpunkt auch ihres neuen Albums stehen außergewöhnlich berührende Interpretationen, die komplexe Ästhetik brillanter Kompositionen, sorgfältig gearbeitetete Arrangements und der experimentelle Charakter einer originellen Instrumentierung. Man würde der aus Berlin stammenden Künstlerin Unrecht antun, sie in eine der gängigen Stilsparten einzuordnen. Denn für eine Singer-Songwriterin ist sie zu musikalisch, für eine Popmusikerin ist ihr neues Album zu anspruchsvoll, für eine Jazz-Vokalistin ist ein Bezug zur Tradition kaum spürbar. Was also ist das Besondere an Johanna Borchert?
„Ich war ja Pianistin und wusste, ich kann gar nicht singen“, erzählte sie in einem Interview vor einiger Zeit. Grund genug, trotzdem eine Karriere als Sängerin anzustreben. Auch während des Jazz-Studium in Berlin fühlte sie sich völlig fehl am Platz. Wahrscheinlich liegt ja genau in dieser Annahme von Gegensätzlichem, in der Bereitwilligkeit, Brüche in ihre Arbeit mit einzubeziehen das ganze Geheimnis und damit auch der Erfolg begründet.
Johanna Borchert entwickelte so eine völlig eigene Musiksprache, die nur ganz oberflächlich betrachtet an Björk oder Laurie Anderson oder Joanna Newsome erinnert. Natürlich klingt Johanna Borchert dabei nicht wie jemand anderes. Schon in ihrem vor Jahren gegründeten Duo „Schneeweiss und Rosenrot“ war dieses poetisch Pulsierende zu spüren. Dieses anders sein – aber aus einer völligen Selbstverständlichkeit heraus.
Seitdem sind fünf Jahre und zwei Solo-Alben vergangen. „Love Of Emptiness“ ist also der Nachweis, dass es sich hier nicht um einen launigen Glücksfall handelt. Johanna Borchert stellt ihre enormen Fähigkeiten als Pianistin nicht in den Vordergrund. Die Songs wirken dadurch offener und freier und textbezogener. Sie kann ihre Experimentierlust ausleben, mit unterstützenden oder regulierenden Sounds arbeiten. Die Stimme wirkt in ihrer Natürlichkeit fast exotisch. Und ihre Band folgt den Ideen, klingt Mal wie ein Rockungeheuer, Mal wie ein sensibles Ambient-Unternehmen. Dieser musikalische Balanceakt ist ein hinreißendes Statement, zu dem man nur beglückwünschen kann.
Jörg Konrad

Johanna Borchert
„Lover Or Emptiness“
Enja / Yellowbirds
Autor: Siehe Artikel
Montag 30.10.2017
OHRENGLÜCK 36: Carsten Lindholm
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Stücktitel wie „Ganges“ und „Punjab Boogie“ verraten es: Der dänische Schlagzeuger Carsten Lindholm ist von der Rhythmuskunst der indischen Musik inspiriert. Doch abgesehen von gelegentlichen Sitar- und Tampuraklängen bleibt der indische Einfluss hier ganz im Hintergrund – er verschmilzt mit minimalistischen, elektronischen und nordischen Jazz-Elementen. Die 14 Stücke dieses Albums pulsieren überwiegend sanft und meditativ, ohne jemals zu langweilen. Dafür sorgt schon die kunstvolle Kombination der Instrumente, die mit jedem Stück wechselt: Vibraphon trifft auf Harmonium, Kalimba auf Fender Rhodes. Wie ein roter Faden zieht sich zudem der sehnsuchtsvolle Klang der Trompete durch das Album, weckt Erinnerungen an Miles und Molvaer. Fünf verschiedene Trompeter und insgesamt 16 verschiedene Musiker machen „Indispiration“ zu einem kleinen Gipfeltreffen ästhetischen Feingeists. Der Franzose Erik Truffaz ist beteiligt, ein Pionier in der Verbindung von Trompete und Elektronik, aber ebenso John Beasley, der amerikanische Jazzpianist und Monk-Fachmann, dazu Klavs Hovman, langjähriger Bassbegleiter von Marilyn Mazur, oder Christopher Dell, der deutsche Ausnahme-Vibraphonist und Improvisations-Theoretiker. Dieses Album bringt viele Gegensätze zur kreativen Synthese. Carsten Lindholm ist dabei etwas ganz Seltenes gelungen: ein aufmerksames, sensibles, unaufdringliches Meisterwerk.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Carsten Lindholm
Indispiration
Jazznarts Records
Autor: Siehe Artikel
Montag 16.10.2017
Robert Plant „Carry Fire“ Warner
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Als im Herbst 1969 Whole Lotta Love aus den Kofferradios krächzte (nein, Ghettoblaster kamen erst weit später!), war dies der endgültige Durchbruch für Led Zeppelin. Eine Supergroup war  geboren, die mit ihren Alben und vor allem Konzerten im folgenden Jahrzehnt die Szene erbeben ließ und neue musikalische Maßstäbe setzte. Diese Band konnte einfach alles, von Rock`n Roll bis Reggea, von Folk bis Funk, von Country bis Blues. Aber alles kam so mächtig und martialisch daher, dass man die musikalischen Feinheiten der Songs nicht immer sofort erkannte.
Nachdem die britische Formation aufgrund des Todes ihres Schlagzeugers John Bonham auseinanderfiel, schien der musikalische Vulkan 1980 erloschen. Zwar veröffentlichten die einzelnen Bandmitglieder hin und wieder neue Aufnahmen. Aber zu sehr erinnerte vieles von dem an die „alten Zeiten“ - ohne deren Qualität tatsächlich zu erreichen.
Außer Sänger Robert Plant, der sich in den letzten Jahren weitaus stärker als seine beiden Kollegen von der physischen Kraft und der Attitüde Led Zeppelins befreite und neue musikalische Bereiche erschloss. Er zeigte sich als ein Suchender, der schon immer eine Schwäche für Folk und Weltmusik an den Tag legte. Besonders bei seinen letzten Alben war zu spüren: Hier ist ein Überzeugungstäter am Werk, bei dem das Feuer noch enorm brennt. Vielleicht nicht mehr ganz so lichterloh und elitär wie einst. Stattdessen hat er seine Ansprüche auf wesentliches reduziert.
Orientalisch-fernöstliche Klänge gehören heute zum allgemeinen Stimmungsbild eines Robert Plant Albums. Er experimentiert mit Sounds und Rhythmen, mit fernen Kulturen und archaischen Rückblenden. Und immer wieder fällt die Sensibilität und das Maß auf, mit denen er seine musikalischen Ideen umsetzt. Hier hat sich einer im Laufe der Jahrzehnte ausgetobt, der nun seine ganze Erfahrung und sein Wissen für reduzierte Rocksongs nutzt.
Plant weiß heute besser denn je, worauf es in der Musik ankommt: Auf eine Balance zwischen Idee und Ausführung, auf die Faszination für das, was man generell tut und auf eine gewisse Arroganz, sich in seine Visionen nicht hinein reden zu lassen.
Heute ist Plant 69 Jahre und er muss nichts und niemandem mehr etwas beweisen. Aber er produziert weiter Alben, die aus den ewigen Jagdgründen des Rock`n Roll stammen und die in die Zukunft des Pop weisen. In Würde altern, könnte man so etwas auch nennen. Auf „Carry Fire“ stöhnt und zischt und jammert er, er flüstert, schreit, beschwört und knurrt wie kein zweiter. Auf die Frage, ob er seine Stimme jemals trainiert habe, antwortete er vor ein paar Jahren: „Ich habe nur Fußball trainiert. Und Tennis. Mein einziger Gesangsunterricht besteht darin, dass ich ein Paar sehr große Ohren habe.“ Plant zieht wieder einmal alle vokalen Register und bleibt bei allem doch ziemlich gelassen. Auch ein Duett mit der Pretenders-Sängerin Chrissie Hynde interpretiert er überzeugend – wie einst ein ganzes Album mit der Country-Ikone Alison Krauss. Das alles klingt frisch und unverbraucht, manchmal regelrecht dezent und noch immer überzeugend. Eben anders als früher. „Ich schulde mir selbst den Gefallen, kein Museumsstück zu sein“, ist so eine typische Robert Plant Aussage von 2014. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Jörg Konrad
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Dienstag 10.10.2017
Valentin Silvestrov „Hieroglyphen der Nacht“
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Foto: Ricardo Rossini
Diese Musik ist wie ein flüchtiger Hauch von Wärme und Melancholie. Nicht alle Kompositionen des Ukrainers Valentin Silvestrov leben von dieser poetischen Vergänglichkeit, pulsieren in dieser berührenden Stille. Doch im vorliegenden Fall handelt es sich um Stücke, die für ein bzw. zwei Cellos geschrieben sind, gewidmet dem Freund Silvestrovs, Tigran Mansurian, dem russischen Cellisten Ivan Monighetti und den Interpreten Anja Lechner und Agnès Vesterman. Es sind atmosphärisch sehr offene Stimmen, die voll suggestiver, fast meditativer Schönheit ineinander greifen oder als Monolog eine innige Seelenlandschaft gedämpft beschreiben. Dabei immer eine Leichtigkeit und eine Schwere in sich vereinend. Überhaupt verbinden sich in dieser Musik die Gegensätze auf eine harmonische und leicht herausfordernde Weise, ohne dass etwas lichterloh brennt, oder Grenzen gesprengt werden. Es ist ein steter Blick unter die Oberfläche der Seele. Uneitel, dafür einfühlsam.
Anja Lechner spielt die Musik Silvestrovs schon seit Jahren. „Zuerst hörte ich eine Aufnahme der Fünften Symphonie. Die Musik berührte mich zutiefst ….. Ich war so bewegt von seinen zarten, atmenden Klängen und melodischen Fragmenten“ äußerte sich die Cellestin einmal über ihn. Von dem, was sie dem Komponisten verdankt, kann sie hier einiges zurückgeben. Besonders in den Solostücken, wie „Augenblicke der Stille und Traurigkeit“ oder „Walzer für Alpenglöckchen“, findet sie voller Konzentration den Zugang zum Innenleben der Komposition, macht sie spür- und erlebbar. Vollkommen – bis zum letzten Ton.
Jörg Konrad

Valentin Silvestrov
„Hieroglyphen der Nacht“
Anja Lechner & Agnès Vesterman
ECM New Series
Autor: Siehe Artikel
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