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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Edi Nulz – Hüter des Feuers

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Geiger und Buchheim: Farbe tanken und Geburtstag feiern

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Gröbenzell: Katona Twins Gitarrenduo – Gegensätze überbrücken

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Germering: Denis Gäbel Quartet – Bestimmt und souverän

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München: Malen ohne Umschweife – Gabriele Münter im Kunstbau

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Germering: Max Hacker – Meister ihres Fachs

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Photos by Antonia Renner
Sonntag 11.02.2018
Landsberg: Edi Nulz – Hüter des Feuers
Landsberg. Wer in der Besetzungsliste des Trios Edi Nulz das Bandmitglied Edi Nulz sucht, wird nicht fündig werden. Der zugegeben etwas verschrobene Name dient allein als Signum, für dieses österreichische Subunternehmen in Sachen Jazz. Eine Band, die das Konventionelle in der Musik auf den Kopf stellt und gerade deshalb glaubwürdig klingt. Gestern Abend gastierten Siegmar Brecher (Bassklarinette), Julian Adam Pajzs (Gitarren) und Valentin Schuster (Schlagzeug), alias Edi Nulz, im Landsberger Stadttheater. Und wer entsprechend der fünften Jahreszeit eine puppenlustige Faschingstruppe erwartete, der wurde ebenfalls enttäuscht (wer den Veranstalter Edmund Epple zumindest ein wenig kennt, hätte einen solchen Programmpunkt auch gar nicht erst erwartet). Normwidriges auf ganzer Linie also.
Edi Nulz, das ist pure Energie aus Rock, Funk, Punk, Blues und jeder Menge Jazz. Auch wenn Vergleiche bekanntlich hinken, aber es gab zu Anfang der 1970er Jahre eine Band, die ähnlich unterwegs war: Back Door, ein Trio aus der britischen Provinz, mit weltweiter Anerkennung. Ob sich die drei Mannen von Edi Nulz bei ihrer Umsetzung an deren musikalischen Gebräu orientieren, ist hier nicht bekannt. Und letztendlich auch herzlich egal. Das Publikum in Landsberg bekam jedenfalls ein grandioses, aber auch herausforderndes Konzert geboten. Frech wie impertiment, archaisch, provozierend, intensiv bis es quietscht. Die ständigen Harmonie- und Rhythmuswechsel, die erfrischenden Ideen im Sekundentakt, die hinreißende Beherrschung des Instrumentariums – Edi Nulz klingen wie die Hüter des Feuers.
Allein die Besetzung des Trios kann als Herausforderung verstanden werden. Die tief-sonore Bassklarinette als Leadinstrument, als Geräuschquelle, als Mittelpunkt dieser Hardcore Kammermusik zu nutzen, ist schon ein kleiner Geniestreich an sich. Siegmar Brecher wirft damit auch unablässig Klangproviant in den musikalischen Ring. Er schraubt die Stimmung so wunderbarer Songs wie „Raumlatain“, „Stehplätze im Stadion“, „Stress“ oder „Kraftlatein“ in schwindelerregende Höhen. Dieses Instrument ist, wie Hans-Jürgen Schaal einmal schrieb, „ … laut wie ein Saxofon, kann jaulen wie eine Schalmai, quäken wie eine Sirene, brummen wie ein Didgeridoo und schnurren wie ein Akkordeon.“ Vorausgesetzt natürlich, man weiß dieses eigenwillig geformte Instrument zu Handhaben. Und Brecher spielt es mit einer oft zornig wirkenden Attitüde, mit vollem Risiko, was der Musik diesen mutig unkonventionellen Charakter gibt.
Julian Adam Pajzs spielt seine Gitarren deutlich gegen den Strom. Er zimmert mit ihr immer wieder am rhythmischen Fundament der Stücke. Er klingt manchmal wie ein inspirierter Arto Lindsay aus der New Yorker Downtown Szene, dann wieder wie einer dieser Gitarreros, die im Schwermetall zu Hause sind. Er wechselt vom Swing, zum Funk, zum Blues, streift dabei die Post-Punk-Ära und erinnert zeitweise an Jimi Hendrix.
Und am Laufen hält die gesamte Musik Schlagzeuger Valentin Schuster. Er ist der verbindende Teil, der, der das Tempo (wie beiläufig, aber hörbar) angibt und für die bemerkenswerte Energie sorgt. Ein Vulkan an den Drums, spannend, prickelnd, überzeugend.
Es ist ein loderndes Vergnügen, dieses Trio Live zu erleben. Und es tut gut, bei aller Ernsthaftigkeit der Musik, zu erleben, wie in einer Welt der Wichtigtuer und Maulhelden manche Menschen noch genügend Humor besitzen, über sich selbst zu lachen – und dabei große Kunst abliefern.
Jörg Konrad
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Samstag 03.02.2018
Geiger und Buchheim: Farbe tanken und Geburtstag feiern
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Lothar-Günther Buchheim im Esszimmer seines Hauses, um 1980 © 2018 Buchheim Stiftung, Bernried am Starnberger See
Im Januar wurde der 110. Geburtstag von Rupprecht Geiger begangen, die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Lothar-Günther Buchheim finden im Februar statt. Der eine steht für den künstlerischen Neuanfang in der jungen Bundesrepublik, dem anderen ist die Wiederentdeckung und Bewahrung der expressionistischen Vorkriegsmoderne zu verdanken. Wie erst jetzt bekannt wurde, gab es eine direkte Verbindung zwischen den beiden so unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten: Geiger, damals noch in seiner ursprünglichen Profession als Architekt tätig, baute in den 1950er Jahren das Feldafinger Wohn- und Verlagsgebäude für Buchheim um und aus. Ob es auch hier zum Streit zwischen Bauherr und Architekt kam, ist nicht überliefert.

„Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft.“ So lautet eins der bekanntesten Zitate von Rupprecht Geiger, der im Dezember 2009 im Alter von fast 102 Jahren verstarb. Einen Großteil seines Lebens hatte er der Farbe Rot und deren Wirkung gewidmet. Man darf wohl glauben, dass er sein hohes Alter auch der Kraft dieser Farbe zu verdanken hatte. Fast bis ganz zuletzt hatte er jeden Tag in seinem Atelier gearbeitet. Sein wichtigstes künstlerisches Anliegen war die bedingungslose Ausbreitung von Farbenergie: Er verwandelte fluoreszierende Pigmente in leuchtendes Farblicht, seine Bilder sind wie kleine Sonnen, Kraftwerke und Lichtorte. „Farbe ist die Nahrung für die Augen“, sagte er. Und weiter: „Seele und Leben ohne Farben sind bedroht.“

Nach dem Krieg hatte sich Geiger intensiv der Malerei zugewandt, die Arbeit als Architekt trat nach und nach in den Hintergrund. Ab 1948 entstanden erste abstrakte Gemälde und eine Reihe irregulärer Bildformate, noch vor den sogenannten „shaped canvases“ des amerikanischen Malers Frank Stella. 1949 war Geiger Mitbegründer der Gruppe ZEN 49. Deren Mitglieder Willi Baumeister, Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Rupprecht Geiger, Willy Hempel, Brigitte Matschinsky-Denninghoff und Fritz Winter hatten es sich zum Ziel gesetzt, die abstrakte Malerei einem breiteren Publikum zugänglich und damit verständlicher zu machen. Gerhard Fietz schrieb rückblickend über ZEN 49: „Jeder von uns Jüngeren stand an einem Nullpunkt. Und wir empfanden dies auch als ernste Aufgabe, ein neues Bild zu entwickeln, das eine Basis und Hoffnung für die Zukunft ist. Denn wir alle waren im Krieg gewesen und wollten ein neues, klares und ethisch eindeutiges Leben verwirklichen, das inhaltlich auch im Bild sich ausdrückt. Aus dieser Haltung heraus haben wir Maler uns auch zusammengefunden.“

Ab den 1970er Jahren beschäftigte sich Rupprecht Geiger zunehmend auch mit der Wirkung der Farbe in den Umraum und mit der körperlichen Erfahrung von Farbe. Die von ihm gestaltete rote U-Bahnstation Machtlfinger Straße, die sogar in einem japanischen Reiseführer als Sehenswürdigkeit erwähnt wird, kann man exemplarisch als solchen „Farbraum“ erleben. 2010 wurde zum ersten Todestag das Archiv Geiger in den ehemaligen Atelierräumen in Solln eröffnet. Es wird von Julia Geiger, der Enkelin des Künstlers, geleitet. Ihr ist es gelungen, eine Mischung aus professioneller Galerie und Museum einzurichten und zugleich das Atelier und seine besondere Atmosphäre so lebendig zu erhalten, als hätte Rupprecht Geiger es gerade erst nach seinem letzten Arbeitstag verlassen. Auch wenn die offiziellen Geburtstagsfeierlichkeiten vorbei sind, so ist das Archiv Geiger mit der neuen Präsentation unbedingt einen Besuch wert. Gerade an grauen Wintertagen kann man dort „Farbe tanken“.

Lothar-Günther Buchheim war ein Mensch, der alles andere als „Mainstream“ war: Er machte nie das, was alle machten, sondern ging immer seinen eigenen, meist widerständigen Weg – und das mit großer Konsequenz. Dieser Unbeirrtheit ist die unvergleichliche Sammlung zu verdanken, die er im Lauf seines Lebens zusammengetragen und zuletzt der Öffentlichkeit vermacht hat. Als in der Nachkriegszeit die gegenstandslose Kunst boomte, setzte er sich als Sammler, Verleger und Kunstbuchautor vehement für die figurative Malerei der deutschen Expressionisten ein. Und als Bauhaus und Funktionalismus angesagt waren, umgab er sich mit der sinnen- und farbenfreudigen Pracht alten Kunsthandwerks und anderen „unmodernen“ Dingen. Neben ihrer quantitativen Fülle zeichnet sich Buchheims Sammlung dadurch aus, dass sie mit dem Blick des Künstlers entstand: Er kaufte was ihm persönlich gefiel und was er für künstlerisch wertvoll hielt.

Im Jahr 2001 wurde Buchheims „Museum der Phantasie“ in Bernried eröffnet. Seine Entstehungsgeschichte reicht jedoch weit in die Siebziger Jahre zurück und ist eng verknüpft mit der ausgesprochen streitbaren Persönlichkeit des Museumsgründers, der 1995 seine Sammlung in eine Stiftung einbrachte und im Stiftungsvertrag genau festlegen ließ, wie sie, auch über seinen Tod hinaus, zu präsentieren sei. Heute ist das Buchheim Museum dennoch ein modernes und für den Leihverkehr offenes Haus, auch der erbittert geführte Zwist zwischen Buchheim und seinem berühmten Architekten Günter Behnisch ist längst Geschichte.

Lothar-Günther Buchheim wurde am 6. Februar 1918 in Weimar geboren und wuchs in Chemnitz auf. Er galt, wie er selbst stets betonte, als „malendes Wunderkind“ und arbeitete bereits als Schüler als Illustrator und Autor für Chemnitzer Zeitungen. 1939 begann er ein Studium der Malerei an der Dresdner Kunstakademie, das er ab 1940 zunächst bei Hermann Kaspar in München fortsetzte. Noch im selben Jahr wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Vorwürfe, er habe als Marinekriegsberichterstatter der nationalsozialistischen Propaganda gedient, wies Buchheim stets weit von sich. In den Kriegsjahren entstanden Hunderte von Zeichnungen, Aquarellen und Fotografien sowie Buchmanuskripte, die Buchheims eigenes Oeuvre als Künstler und Autor begründeten. Bereits 1943 erschien sein Buch „Jäger im Weltmeer“, ein Bericht aus dem U-Boot-Krieg mit Fotodokumentation. Ab 1940 hatte Buchheim ein Domizil in Feldafing am Starnberger See, wohin er auch 1945 zurückkehrte, und wo er sich Anfang der 50er Jahre endgültig niederließ. Zwischen 1949 und 1951 unterhielt er eine Kunstgalerie in Frankfurt, wo er als einer der ersten im Nachkriegsdeutschland Ausstellungen von Künstlern wie Klee, Braque und Picasso zeigte. Die Bücher, die Buchheim über die „Brücke“-Maler, den „Blauen Reiter“, über Max Beckmann und Otto Mueller in den 50er Jahren schrieb, galten als Pioniertaten. In dieser Zeit sei es einfacher und billiger gewesen, Originale zu erwerben, als sich um Abbildungen und Bildrechte zu bemühen, sagte er über den Beginn seiner Sammlertätigkeit. Eine Beckmann-Radierung, so erinnerte sich Buchheim, war in der Anfangszeit „für 30 Mark zu ergattern“.

Nach Erfolgen als Kunsthändler und Verleger erwarb er mit seiner zweiten Ehefrau Diethild das Haus in Feldafing, dass er sich zur „Villa Buchheim“ umbauen ließ. Nach und nach füllte er es mit seiner opulenten Sammlung und machte es selbst zum Gesamtkunstwerk. 2007 verstarb der Hausherr. 2014 folgte die Witwe. Das marode Gebäude musste 2017 abgerissen werden, weite Teile seines überbordenden Innenlebens, darunter ganze Räume, sind ins Buchheim Museum umgezogen. Zu Buchheims 100. Geburtstag werden sie erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Katja Sebald


Ein Besuch im Archiv Geiger ist ohne Anmeldung immer montags von 10 bis 14 Uhr zum „Morgen Rot“ und dienstags von 17 bis 20 Uhr zum „Abend Rot“ möglich, individuelle Termine für Besichtigungen und Führungen kann man unter 089-72 77 96 53 oder info@archiv-geiger.de vereinbaren.

Die Geburtstagsfeier für Lothar-Günther Buchheim findet am 6.2.2018 statt: Ab 15 Uhr ist der Eintritt  ins Museum frei. Um 16 Uhr findet ein Rundgang durch die ins Museum übertragenen, originalen Räume des Feldafinger Wohn- und Verlagsgebäudes mit Museumsdirektor Daniel J. Schreiber statt. Um 17 Uhr berichtet der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber von seinen Abenteuern mit dem Museumsgründer und ab 17.30 Uhr gibt es eine Podiumsdiskussion mit Buchheim-Kennern.
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Sonntag 21.01.2018
Gröbenzell: Katona Twins Gitarrenduo – Gegensätze überbrücken
Gröbenzell. Was haben der Barockkomponist Georg Friedrich Händel, die Tango-Legende Astor Piazzolla, der Spanier Isaac Albéniz oder die Rockband Queen gemeinsam? Stilistisch gesehen eher wenig. Aus der Sicht des Gitarrenduos Katona Twins gibt es zwischen all diesen Größen ihrer jeweiligen Epoche aber mehr Gemeinsamkeiten, als Unterschiede. Denn Peter und Zoltán Katona denken in Musik – und nicht in Stilen, wie sie am gestrigen Samstag in Gröbenzell unter Beweis stellten. Und so kommt es, dass all die ganz persönlichen Favoriten der ungarischen Zwillingsbrüder in die engere Repertoire-Auswahl eines Konzertabends gelangen.

Beide besitzen sowohl eine künstlerische Identität als auch eine starke Persönlichkeit, um mit ihrem Spiel Gegensätze zu überbrücken, ja auszugleichen, bzw. der Musik, egal welchen Ursprungs, einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. So wird ihr Spiel zu einer wunderbaren in sich geschlossenen Reise durch die Welt der Musik. Sie erkunden die unterschiedlichsten auch ethnischen Klang-Landschaften, bewegen sich gekonnt und sicher zwischen den Jahrhunderten, ohne dass es bei ihrem Auftritt zu irgendeinem musikalischen Bruch kommen würde.

Und auch der bei allen nicht unbedingt geliebte Crossover kommt nicht zum gitarristischen Zug. Nichts bewegt sich bei ihnen in musikalisch flachen Gewässern. Jedem Stück geben sie eine respektvolle, individuelle Tiefe, einen ganz eigenen, warmen Charakter, der aber letztendlich auch eine hörbare Visitenkarte, ein Teil ihres persönlichen Ausdrucks ist.

Und sie erschlagen, bei aller spieltechnischen Versiertheit, das Publikum nie mit ausufernder Virtuosität. Sie spielen sich zwar fulminant die kompositorischen Vorlagen und improvisatorischen Ideen zu, und ihr Spiel greift, besonders bei den Spaniern Enrique Granados und Manuel de Falla, teilweise explosionsartig, auch perkussiv, ineinander. Nie kommt es aber zu langen solistischen Kraftakten. Ihr Erkennungszeichen ist das harmonische wie temperamentvolle Miteinander, eine atmende Dynamik, wobei sie die Tiefe der eigenen Erfahrungen und Emotionen ausloten. Und das die beiden, mit Wohnsitz Liverpool, als eine der beiden Zugaben die Beatles-Nummer „Eleanor Rigby“ anstimmen, macht ihren Ansatz deutlich, dass auch die Moderne Klassiker hervorbringt und ein Klassiker modern interpretiert werden kann. Es ist alles nur eine Frage der Sicht- und Herangehensweise.

Jörg Konrad

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Samstag 13.01.2018
Germering: Denis Gäbel Quartet – Bestimmt und souverän
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Germering. Das alte Jazzjahr endete in Germering mit dem grandiosen Auftritt des Max Hacker Trios. Das neue Jahr beginnt ebenfalls mit einem deutschen Saxophonisten. Denis Gäbel eröffnete mit seinem Quartett gestern Abend die neue Saison der Reihe Jazz It. Was sagt uns das? Einerseits, dass vor den Toren der bayrischen Landesmetropole weiterhin außergewöhnliche Konzerte mit zeitgenössischem Jazz präsentiert werden (und das übrigens nicht nur in Germering!). Andererseits, dass der Jazz in Deutschland ausgezeichnet aufgestellt ist. Vielleicht war er sogar nie in dieser qualitativen Fülle mit jungen Instrumentalisten bestückt, wie es momentan der Fall ist. Musiker, die sich intensiv der Suche nach einer eigenen, individuellen Stimme im Chor des Jazz widmen und sich zudem immer wieder als hochinteressante Komponisten outen.
Auch das Repertoire des Denis Gäbel Quartet setzte sich überwiegend aus Eigenkompositionen zusammen. Swingender Mainstream, der, exzellent gespielt, nun wirklich nichts von einem „alten Hut“ hatte. Unglaublich frisch setzten Sebastian Sternal (Piano), Martin Gjakonovski (Bass), Silvio Morger (Schlagzeug) und Saxophonist Gäbel ihr geschriebenes Material um. Dringende Rhythmen, tragende Harmonien und packende Themen zeichneten das Konzert aus.
Gäbel phrasierte erfahren und temperamentvoll. Er wirkte sicher am Instrument, manchmal unbekümmert, manchmal leidenschaftlich, aber immer hochkonzentriert. Nichts klang routiniert bei ihm, nichts launenhaft. Sein Sound war kräftig und in den wunderbaren Balladen blieb sein Ton bestimmt und souverän – trotz aller Melancholie. Die Solostrecken waren geschickt aufgebaut, intelligent umgesetzt und kamen so seiner kultivierten Spieltechnik sehr entgegen.
Und trotzdem widerstand er den möglichen Gefahren, seine instrumentalen Muskeln spielen zu lassen, kraftmeierisch den Rest der Band zu dirigieren. Das Zeug dazu hätte er allemal. Gäbel ließ genügend Raum, vor allem für seinen Pianisten, den grandiosen Sebastian Sternal. Dessen Ideen und Wendungen, sein gruppendynamisches Feingefühl gaben der Musik einen zusätzlichen ästhetischen Schub. Sternal, der im letzten Jahr den Jazz-Echo erhielt, bewegt sich in einer faszinierenden Klarheit zwischen moderner Klassik und Jazz. In einer kommunikativen Lockerheit ging er unvorhersehbare Wege, improvisierte zwischen den Eckpfeilern eines lyrischen Selbstgesprächs und extrovertierter Interaktion. Ein Schöngeist mit Sinn für riskante Manöver.
Und dann dieses Rhythmus-Duo. Bassist Martin Gjakonovski setzte pausenlos strapazierfähige Fundamente, rhythmische Fundamente. Bodenständig, filigran, tieftönend. In sich geschlossen, aber mit Möglichkeiten für die forcierende swingenden Grooves des Schlagzeugers Silvio Morger. Er trommelte ebenso gruppendienlich, wie herausfordernd und antreibend. Die beiden animierten die andere Hälfte des Quartetts zu ständigen Höhenflügen, vermittelten dabei eine brillante Sicherheit. Musik aus einem Guss, die einen der vielleicht interessantesten Jahrgänge im Germeringer Jazzgeschehen einläutete – in einer ansonsten schon hervorragend kuratierten Reihe – unter dem Titel Jazz It.
Jörg Konrad
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Montag 08.01.2018
München: Malen ohne Umschweife – Gabriele Münter im Kunstbau
München. „Was an der Wirklichkeit ausdrucksvoll ist, hole ich heraus, stelle ich einfach dar, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran. So bleibt die Vollständigkeit der Naturerscheinung außer acht, die Formen sammeln sich in Umrissen, die Farben zu Flächen, es entstehen Abrisse der Welt, Bilder.“ Gabriele Münter hat mit diesem Zitat nicht nur den Titel „Malen ohne Umschweife“ für die Ausstellung im Kunstbau des Lenbachhauses selbst geliefert, sie hat wohl damit auch dazu beigetragen, dass sie Zeit ihres Lebens und weit darüber hinaus als „einfache“ Malerin wahrgenommen wurde, als der Volkskunst und dem Naiven verbundene Künstlerin, die ihrem ehemaligen Lehrer und Lebensgefährten Wassily Kandinsky nicht das Wasser reichen konnte.

Tatsache ist jedoch, dass Gabriele Münter bislang eine der meist unterschätzten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts war. Die große Bilderschau im Kunstbau anlässlich ihres 140. Geburtstags und des 60. Jubiläums ihrer Schenkung 1957 von Werken des Blauen Reiters, die das Lenbachhaus mit einem Schlag zum Museum von Weltrang machte, räumt endlich mit diesem fatalen Irrtum auf: Münters Werk ist komplexer und „geistiger“, eigenständiger  und experimentierfreudiger, facettenreicher und stilistisch breiter gefächert, dabei aber auch deutlich stringenter als bisher bekannt. Sie wechselt die Sujets, die Perspektive, die Stile, aber eben nicht auf bloß intuitive oder gar naive Weise, sondern als Folge konzeptioneller Überlegungen und einer künstlerischen Entwicklung, in der sie sich selbst immer wieder neu erfindet und sich, trotz einigem Straucheln, am Ende doch treu bleibt.

Die 1877 in Berlin geborene Gabriele Münter kam 1901 nach München und trat 1902 in die von Kandinsky geleitete Malklasse der Gruppe „Phalanx“ ein. Zuvor war sie mit ihrer Schwester zwei Jahre lang durch die USA gereist und hatte auf dieser Reise zu fotografieren begonnen. Die aktuelle Ausstellung, von Isabelle Jansen und Matthias Mühling kuratiert, will auch zeigen, dass dieser Beginn mit der Fotografie nachhaltige Spuren in Münters Malerei hinterlassen hat. Auch später reiste Münter viel, ab 1904 auch zusammen mit Kandinsky. Sie war unter anderem in Holland, Tunesien, Italien und Frankreich. Über die Zeit mit dem bewunderten Lebensgefährten schrieb sie einmal: „Bei ihm ist Vornehmheit, Güte, Reinheit, Liebesfähigkeit, Genialität. Bei mir Unbewußtheit, kindliches Gemüt, Treue, Anspruchslosigkeit.“ Nach der Trennung lebte sie von 1915 bis 1920 in Skandinavien, ab 1929 verbrachte sie noch einmal ein Jahr in Frankreich und erst 1931 kehrte sie in das Murnauer Haus zurück, das sie mit Kandinsky bewohnt hatte. Im Keller dieses Hauses rettete sie den großen Schatz an Bildern der befreundeten Künstler des Blauen Reiters über die NS-Zeit. Mit der Schenkung von über achtzig Bildern, darunter Schlüsselwerke Kandinskys, untermauerte sie dessen großen Ruhm und stellte sich selbst gleichzeitig in seinen Schatten. Fortan wurde sie nur noch im Fokus dieser biografischen Verknüpfung wahrgenommen. Jetzt steht erstmals allein ihr eigenes malerisches Gesamtwerk im Zentrum einer Ausstellung. Es wird in verschiedenen thematischen Sektionen präsentiert und fasst einerseits die klassischen Gattungen wie Porträt, Landschaft und Interieur zusammen, zeigt aber anderseits auch Einflüsse, etwa durch den sogenannten „Primitivismus“ oder aber durch den Film auf. Viele der insgesamt 140 Gemälde, die in einer langen Schaffenszeit von 1903 bis 1953 entstanden, wurden noch nie oder zuletzt vor Jahrzehnten der Öffentlichkeit präsentiert. Die Bilder stammen aus dem Nachlass der Künstlerin, den sie noch zu Lebzeiten in eine Stiftung einbrachte, und werden durch internationale und selten gezeigte Leihgaben ergänzt.

Landschaften und Interieurs nehmen auch über die Zeit mit Kandinsky hinaus einen großen Raum in Münters Werk ein. Ihre Fähigkeit, Stil und Duktus zu wechseln, um den jeweils größtmöglichen Ausdruck zu erzielen, kommt ihr aber vor allem bei den Portraits zugute. Sie selbst befindet:  „Bildnismalen ist die kühnste und schwerste, die geistigste, die äußerste Aufgabe für den Künstler.“ Diese „äußerste Aufgabe“ löste sie bereits 1909 mit jenem berühmten Bildnis der Werefkin unter dem großen Hut. Sie löste sie mit den Bildern, die Kandinsky sitzend am Tisch zeigen und ihn, ohne Gesichtszüge im Detail darzustellen, greifbar und begreifbar machen. Und sie löste sie, nun noch einmal auf ganz andere Weise reduziert, feingliedrig und die Eleganz der Portraitierten schon im Malstil vorwegnehmend, bei der „Dame im Sessel schreibend“, ganz dem Zeitgeist und den Kunstströmungen der Zwanziger Jahre verpflichtet, aber doch auch ganz Münter, ganz einfach und ganz ohne Umschweife.

Katja Sebald


Bild-Nachweis:
1. Sinnende II, 1928
Textiler Bildträger, 95 × 65 cm
Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, Inv.-Nr. P 6
Foto Lenbachhaus
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

2. Gabriele Münter
Murnauer Hauptstraße mit Pferdegespann, 1933
Öl auf Holz, 35,5 × 27,5 cm
Privatsammlung Süddeutschland
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

3. Gabriele Münter
Dame im Sessel schreibend, 1929
Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

4. Gabriele Münter
Bildnis Marianne von Werefkin, 1909
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Autor: Siehe Artikel
Samstag 16.12.2017
Germering: Max Hacker – Meister ihres Fachs
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Germering. Vor sechzig Jahren erschien eines der großen Trio-Alben im Jazz. Im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens: Das Tenorsaxophon, gespielt von Sonny Rollins. „Way Out West“ hat Generationen von jungen Tenoristen beeinflusst. Und selbst heute noch ist Rollins auf Tour und spielt und spielt und spielt – seine Musik.
Mit Sicherheit dürfte auch Max Hacker aus Berlin dieses Album kennen. Denn ähnlich wie Rollins spielt auch der Berliner das Tenorsaxophon. Zudem arbeitet er mit Bass und Schlagzeug, zumindest momentan, im eigenen Trio. Ohne Klavier! Wie Rollins damals. Doch kompositorisch zieht es Hacker eher in Richtung John Coltranes, wie gestern zum Abschluss der diesjährigen Reihe „Jazz It“ in Germering, und zu Thelonius Monk, dem genialen Pianisten und einstigen Begleiter sowohl Sonny Rollins als auch John Coltranes. Von beiden hatte Max Hacker einige Kompositionen im Repertoire-Gepäck und beide interpretierte er mit Bassist Lars Gühlcke und Schlagzeuger Roland Schneider auf eine eigene, ganz individuelle Weise.
Sicher, etwas Mut gehört prinzipiell dazu, sich an diesen Giganten zu probieren. Doch gleichzeitig bietet diese Art der Besetzung eine enorme Freiheit, den Stücken seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken. Ökonomisch, fantasievoll, frei. Max Hacker greift neben dem Tenor zwischenzeitlich auch zur Bassklarinette und zur Alt-Flöte und erweitert dadurch das Klangspektrum seines Trios deutlich.
Auffällig ist, bei aller spieltechnischen Versiertheit, die Zurückhaltung, mit der sich der Instrumentalist den Vorgaben widmet. Hacker formt aus den Themen wunderbar flüssige, verspielte, dabei aber konsequent aufgebaute Solos. Er findet die Balance zwischen einer elegisch süffisanten und einer übermütig aufschäumenden Spielhaltung. Seine Phrasierung wirkt eher nachdenklich, gelassen und bemerkenswert strukturiert. Selbst ein Stück, das er inhaltlich als Free-Jazz anmoderiert, verströmt etwas sinnlich spannungsgeladenes, eine gewisse Coolness – statt reizüberflutendem Muskelspiel. Er besitzt zudem einen bodenständigen Ton, der dem mittleren Tempo ein an der Realität ausgerichtetes Lebensgefühl vermittelt.
Unterstützt und angetrieben wird Max Hacker von seinen beiden Partnern am Bass und Schlagzeug. Sie arbeiten hart, wirbeln rhythmischen Staub auf, swingen ungebunden, inspirieren und provozieren. Sie füllen Lücken und wechseln die Tempi und ein Schlagzeug als Solostimme einer Ballade, wer hat so etwas schon gehört?
Das Trio löst gemeinsam die Konturen auf, spielt an den ausgefransten Rändern der Kompositionen, da hier die größtmögliche Freiheit herrscht. In diesem Areal sind sie die Meister ihres Fachs.
Ein wunderbarer, beflügelnder Abschluss der diesjährigen Reihe, der zugleich schon neugierig auf das Kommende macht. Übrigens war es das insgesamt 90. Konzert, das in Germering unter der Überschrift „Jazz It“ stattfand. Gratulation!
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.