Musik
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Inhaltsverzeichnis
Laia Genc „Birds“

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Mickey Hart „RAMU

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Panzerballett „X-Mas Death Jazz“

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OHRENGLÜCK 38: Kammerer OrKöster

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OHRENGLÜCK 37: Trio Omphalos

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John Taylor Trio „Decipher“

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Mittwoch 27.12.2017
Laia Genc „Birds“
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In der musikalischen Welt der Laia Genc geht es um Grenzen. Oder besser: Um das Überwinden von gedanklichen Barrieren und das Überschreiten von scheinbaren Demarkationslinien – ohne dabei die eigene Individualität zu verlieren. Vielleicht, weil dieses Streben nach Freiheit ein Teil ihrer Persönlichkeit ist. Vielleicht aber auch, weil sie die Suche nach der eigenen Identität bewusst zulässt. Ja diese eventuell forciert – ohne sich in Phrasen unwichtiger Allgemeinplätze zu verlieren.
Laia Genc besitzt türkische Wurzeln, ist in Berlin aufgewachsen, hat in Köln Musik studiert, ein Jahr in Paris gelebt. Und alles, was sie in dieser Zeit der Veränderung und des neugierigen Lernens an Eindrücken aufgesaugt hat, ist auch in ihrer Musik zu spüren. Jazzharmonien, Songstrukturen, südöstliche Ornamentik, klassische Verweise, strahlende Melodien, melancholischer Tiefsinn und perlende Improvisationen. Die Musik auf „Birds“ zeichnet sich durch Überzeugung, Können und Fantasie aus. Strukturelle und stilistische Kontraste stehen sich auf den zwölf Kompositionen nicht unversöhnlich gegenüber, sondern werden durch Laia Genc miteinander in Beziehung gebracht. Sie schafft spielerische Übergänge unterschiedlicher Seelenlagen. Unprätentiös, behutsam gestaltend, aber doch eindeutig in der Wirkung. Sie erzählt am Instrument Geschichten, ihre Geschichten und harmoniert dabei mit den beiden Trio-Partnern Markus Braun (Bass) und Jens Düppe (Schlagzeug) aufs prächtigste. Gemeinsam agieren sie wie aus einem Guss, drei unterschiedliche Stimmen, die in einer Sprache sprechen, schwerelos klingen. Musikalisch eine hochkomplexe, differenzierte Zusammenarbeit, die jedoch eine gewisse Schlichtheit vermittelt. Im Grunde große Kunst. Das Schwierige leicht aussehen oder klingen zu lassen. Als Pianistin und Sängerin(!) gehört Laia Genc zu den derzeit interessantesten Erscheinungen. „Birds“ - ein kleines musikalisches Wunder!
Jörg Konrad

Laia Genc
„Birds“
Double Moon
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 26.12.2017
Mickey Hart „RAMU
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Der Schlagzeuger des einstigen Flaggschiff der Hippie-Bewegung Grateful Dead ist seit Jahren als Musikethnologe unterwegs. Mickey Hart erforscht in staubigen Archiven und in der gelebten Realität die Geschichte der Rhythmen – weltweit. Zwischendurch kommt der New Yorker immer wieder an einen Punkt, an dem er die Ergebnisse seiner Arbeit öffentlich macht – mal als Buch, mal in Form eines neuen Albums. Nach vier Jahren hat sich der Meistertrommler Perkussionisten aus allen Himmelsrichtungen ins Studio geholt, um seine Studien akustisch umzusetzen. Er selbst fungiert als rhythmischer Mittler zwischen indischen Tablas, afrikanischen Talking Drums, südamerikanischen Batas, Kalimbas, Dondos und verschiedenen Rahmentrommeln.
Der Sound, der dabei entsteht, ist die Grundlage für eine sehr individuelle Form der Weltmusik. Sie ist (natürlich und vor allem) stark rhythmisch inspiriert, besitzt aber auch Anteile weltumspannender Folklore, kurzer Jazzimprovisationen, Rap-Vocals, elektronischer Soundscapes und treibender Bässe. Hin und wieder stehen bekannte Gäste im Scheinwerferlicht der Aufnahme, wie „Alt-Hippie“ Charles Lloyd am Saxophon, oder der schon 2003 verstorbene „Vater der Weltmusik“ Babatunde Olatunji aus Nigeria oder die seit über zwanzig Jahren nicht mehr unter den lebenden verweilende Ikone der Rock-Gitarristen und Mitbegründer der Grateful Daed: Jerry Garcia. Wie die beiden letzteren auf dieses 2017 aufgenommene Album geraten? Die Technik macht`s möglich.
Musikalisch klingt „RAMU“ (Random Access Musical Universe) nach einem Manifest der Grenzüberschreitung, einem Memorandum der Freiheit und Möglichkeiten. Gleich im ersten Song, „Auctioneers“ verarbeitet Hart die Stimme eines Auktionators einer Tabak-Auktion in Kentucky aus dem Jahr 1948. In einem Interview erklärte der Schlagzeuger: „Das Tempo dieser Versteigerung ist aus Rhythmus-Gesichtspunkten fantastisch, es hat eine eigene Melodie, wie ein Tanz. Man könnte die Sprache des Auktionators als ein Vorgänger von Rapmusik verstehen.“. Die Musik ist eingängig,  und doch meilenweit vom Mainstream-Markt entfernt. Hart spielt mit unterschiedlichsten Versatzstücken, klingt dadurch oft experimentell, ohne dass dies ein Avantgarde-Album wäre. Vielleicht passt am ehesten die Beschreibung rhythmische Spiritualität zu „Ramu“.
Jörg Konrad

Mickey Hart
„RAMU“
Verve
Autor: Siehe Artikel
Samstag 23.12.2017
Panzerballett „X-Mas Death Jazz“
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Nun, in den Reigen weihnachtlicher Traditionsmusik passt dieses Werk wohl eher nicht. Oder vielleicht doch? Jan Zehrfeldt und sein Panzerballett sorgen auf ihrem insgesamt sechsten Album jedenfalls für ordentlich Stimmung. Da ist auf das Münchner Quintett wie gewohnt Verlass. Selbst wenn ein „X-Mas“ auf dem Cover steht, dominieren brüllende Gitarrenläufe, provozierende Bassdrums, schneidende Saxophonkaskaden. Diese Band ist mit das Subversivste, was derzeit zu hören ist. Besonders wer das Panzerballett Live erlebt hat, weiß wovon die Rede ist.
Trotz der geballten Kompromisslosigkeit, sind deren Saitengewitter hochkomplex und differenziert, besitzt die Musik (eine dunkle) Seele und jede Menge Querverweise. Jan Zehrfeld war zum Beispiel vor zwei Jahren Musikalischer Leiter der Nibelungenfestspiele Worms, hat in Graz Jazzgitarre studiert und nimmt eine Dozententätigkeit an der Popakademie Mannheim war. Ein inspirierter und inspirierender musikalischer Freidenker, der hier mit Hochdruck seine Musik spielt: Progressiv Metal. Eine überwältigende und mitreißende Klangorgie, die hartnäckig gegen jedes Puristentum anspielt. Funk und Groove spielen neben dem Rock`n Roll und Jazz in diesem Projekt eine ebenso wichtige Rolle wie auch der Humor, bei aller Ernsthaftigkeit, was die Spielkultur der Instrumentalisten betrifft. George Michaels Mega-Hit „Last Christmas“ oder der Gassenhauer „Rudolph, The Red-Nosed Reindeer“ werden hier zu einem von pulsierenden Polyrhthmen vorangetriebenen Metal-Manifest. Dieses kalkulierte Chaos hat trotz seines herausfordernden Potenzials einen gewissen (zugegeben etwas derben) Charme. Weihnachtsmusik eben - der etwas anderen Art.
Jörg Konrad

Panzerballett
„X-Mas Death Jazz“
Gaom / Soulfood
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 19.12.2017
OHRENGLÜCK 38: Kammerer OrKöster
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Kammerer OrKöster ist kein Kammerorchester, sondern ein Jazzsextett. Benannt ist es nach Jakob Kammerer, dem Schlagzeuger der Band, und Richard Köster, ihrem Trompeter, die auch alle Stücke fürs Debütalbum geschrieben haben. Gefunden haben sich die sechs jungen Musiker 2014 beim Studium in Wien, 2016 gewannen sie den Nachwuchspreis in Burghausen. Bevor sie ihr erstes Album aufnahmen, haben sie sich offenbar gefragt: „Was können vier Bläser plus Bass und Schlagzeug alles auf die Beine stellen?“ Und dazu fiel ihnen dann eine ganze Menge ein. Zum Beispiel: eine fröhliche New-Orleans-Brassband, scharfe Funk-Riffs, nervöser Bebop, eine traditionelle Blaskapelle, schleppender Blues, kontrapunktisch verschränkter Cool Jazz, meditative Klänge, swingende Bigband-Illusionen. Das alles und einiges mehr, das sich weniger leicht definieren lässt, packten sie in ihre zehn Stücke und haben es zum Teil noch kräftig durchmischt. Wunderbar jazzige Improvisationen, humorvolle Stilbrüche, raffinierte Rhythmen und halsbrecherische Basslinien setzen dem Ganzen die Glanzlichter auf. Es braucht schon ein wenig Chuzpe und Furchtlosigkeit, um ohne die Hilfe eines Harmonie-Instruments auf so vielfältige Weise die musikalischen Klischees zu verwirbeln. Das erste Album der überwiegend österreichischen Band macht definitiv gute Laune und weckt die Lebensgeister. Zwischendurch entführt es uns auch in sanftere Kopfkino-Welten. Dieser „Senf“ bringt ordentlich Würze in den Winter.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Kammerer OrKöster
"Senf"
Double Moon Records
Autor: Siehe Artikel
Montag 04.12.2017
OHRENGLÜCK 37: Trio Omphalos
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Takt, Rhythmus, Temperatur, Skala, Intervall... In Musik steckt viel Mathematik. Aber genügt Mathematik allein oder braucht es auch Gefühl? John Cage (1912-1992) meinte, Klang und Rhythmus sollten sich endlich von der Gefühlsgrammatik des 19. Jahrhunderts befreien und für sich selbst stehen. Wie schön das klingen kann, zeigt das Trio Omphalos. Stefan Hülsermann, Olaf Pyras und Ji-Youn Song spielen in der Besetzung Klarinette, Schlagzeug, Klavier. Für diese Instrumentierung gibt es nur wenige Werke, aber das Trio weiß sich zu helfen. In John Cages „Four Dances“ (1943) wird einfach die (textlose) Gesangsstimme durch die Klarinette ersetzt. In Cages „Chess Pieces“ ist die Besetzung sogar frei wählbar, denn diese Klangepisoden beruhen nicht auf einer Komposition, sondern einem Gemälde (1944). Auch Tom Johnsons „Rational Melodies“ (1993) dürfen laut Komponist „von jedem Instrument, in jeder Oktave und Transposition, auch von Gruppen von Instrumenten“ gespielt werden. Johnsons Miniaturen entwickeln sich dabei gemäß einfachster mathematischer Operationen ( „+1“ oder „–1“) – den Schlüssel dazu liefert das Trio im abschließenden „Counting Duet No. 2“ (1982). Aber wie klingt diese Musik nun? Wir hören elementare Figuren und Tonfolgen, ganz ohne Ausdruck und Zweck – das hat etwas Asiatisches, Zen-Meditatives, Philosophisch-Mathematisches. Und doch werden wir tief bewegt vom schlichten Rhythmus selbst, von der einfachen, bewegten Form, vom ganz nackten Klangerlebnis, das das Trio überaus abwechslungsreich gestaltet. Wie schrieb der große Musikversteher Eduard Hanslick (1854): „Das Organ, womit das Schöne aufgenommen wird, ist nicht das Gefühl, sondern die Fantasie.“

Hans-Jürgen Schaal
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John Cage / Tom Johnson
Trio Omphalos
WERGO
Autor: Siehe Artikel
Samstag 25.11.2017
John Taylor Trio „Decipher“
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Dieses Album ist eine musikalische Novität. Denn es enthält eine der ganz frühen Einspielungen des englischen Pianisten John Taylor, aufgenommen im Sommer 1971. Taylor gehörte damals zu einem kleinen Kreis hartgesottener britischer Musiker, die vom Virus des Jazz infiziert waren.  Kommerziellen Erfolg hatten sie kaum und Auftrittsmöglichkeiten waren zu jener Zeit eher rar.
Taylor hatte Glück und bekam im legendären Ronni Scott Jazzclub in London die Stelle des Hauspianisten. Es waren Lehrjahre, in denen er mit den großen, vor allem amerikanischen Solisten spielte, die auf der Durchreise waren.
Dort, bei Ronnie Scott, hörte ihn eines Tages auch Hans Georg Brunner-Schwer, der, aus Villingen in Süddeutschland kommend, auf der Suche nach Musikern für sein 1968 gegründetes (erstes deutsches) Jazz-Label MPS (Musik-Produktion-Schwarzwald) war. Der Unternehmer war begeistert und lud den Pianisten in die Fabrikantenvilla in der Richthofenstraße in Villingen ein. So entstand vor über 46 Jahren die vorliegende Aufnahme, auf der Taylor noch stark an seinem damaligen Favoriten Oscar Peterson erinnert, aber auch den zu jener Zeit in Europa vehement vertretenden Anspruch der freien Improvisation mit einbringt. Mit seinen Begleitern Chris Lawrence am Bass und Tony Levin am Schlagzeug spielt er eine vitale, manchmal bis an die Grenze des Überschäumens reichende Musik. Seine späteren melodiösen Sehnsüchte sind noch wenig zu spüren. Hier ist jemand dabei, seinen Weg, seinen persönlichen Ausdruck zu finden, einer, der mutig nach vorn schreitet, Risiken in Kauf nimmt, auch Erfahrungen sammelt. Man merkt dieser Aufnahme, trotz aller Freiheiten denen sich die Musiker bedienen, die Konzentration an, mit der sie bei der Sache sind, aber auch die Freude, mit der sie sich auf experimentellem Gebiet bewegen. Man spürt das musikalische Selbstbewusstsein und die Unbedingtheit, mit der das Trio den Kompositionen, auch im Spontanvorgang, zu Leibe rückt. Virtuos und sinnlich.
So ist „Decipher“, zu deutsch „dechiffrieren“ oder „entziffern“, ein Album, das am Anfang der Karriere eines Pianisten steht, der zu einem der wichtigsten der europäischen Szene werden sollte. All seine späteren Aufnahmen, das legendäre Projekt Azimuth, die Lyrizismen seiner Trio- und Soloeinspielungen, ja auch seine Professur an der Hochschule für Musik Köln zwischen 1993 und 2007 sind von dieser Ausgangszeit geprägt.
John Taylor starb 72jährig während eines Auftritts beim Saveurs Jazz Festival in Frankreich im Sommer 2015.
Jörg Konrad

John Taylor Trio
„Decipher“
MPS / Edel
Autor: Siehe Artikel
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