Blickpunkt:
Film
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Inhaltsverzeichnis
RED SPARROW

1

ALLES GELD DER WELT

2

SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS

3

DINKY SINKY

4

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

5

DER ANDERE LIEBHABER

6

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Donnerstag 15.02.2018
RED SPARROW
Ab 01. März 2018 im Kino
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Dominika Egorova ist vieles.
Eine hingebungsvolle Tochter, entschlossen ihre Mutter um jeden Preis zu beschützen.
Eine Primaballerina, die ihren Körper und Geist mit eiserner Disziplin bis zum absoluten Limit gepusht hat.
Eine Meisterin des verführerischen und manipulativen Kampfes.

Als eine Verletzung ihrer Karriere ein Ende setzt, sehen Dominika (Jennifer Lawrence) und ihre Mutter einer trostlosen und unsicheren Zukunft entgegen. Daher lässt sie sich schnell dazu überreden, eine der neusten Rekruten der Sparrow School zu werden, einem Geheimdienst, der außergewöhnliche junge Menschen wie sie trainiert, ihren Körper und Verstand als Waffe einzusetzen. Nachdem sie den abartigen und brutalen Trainingsprozess überstanden hat, entwickelt sie sich zum gefährlichsten Sparrow, den das Programm je hervorgebracht hat. Dominika muss ihr Leben auf ihre neue machtvolle Situation abstimmen und das betrifft auch alle ihr nahestehenden Menschen, die sich durch sie in Gefahr befinden -  darunter auch ein amerikanischer CIA Agent (Joel Edgerton), der versucht, sie davon zu überzeugen, dass er die einzige Person ist, der sie trauen kann.

Regie: Frances Lawrence
Drehbuch: Justin Haythe
Basierend auf dem Buch von Jason Mathews
Produzenten: Peter Chernin und Steve Zaillian
Mit: Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenarts, Jeremy Irons, Mary-Louise Parker, Charlotte Rampling
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 08.02.2018
ALLES GELD DER WELT
Ab 15. Februar 2018 im Kino
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Scott Free Productions und Imperative Entertainment bestätigen ihre Entscheidung, Kevin Spacey in der Rolle des „J. Paul Getty“ in ALLES GELD DER WELT durch Christopher Plummer zu ersetzen. Die bereits mit Kevin Spacey gedrehten Szenen werden ab dem 20. November 2017 an Originalschauplätzen in Rom und London nachgedreht. Obwohl es sich dabei um eine ungewöhnliche Herausforderung handelt, wird diese mutige Entscheidung von allen betroffenen Schauspielern und Crew-Mitgliedern vollumfänglich unterstützt. Unter der Anleitung von Regisseur Ridley Scott sowie der Produzenten Dan Friedkin und Bradley Thomas mit ihrer Produktionscrew wird das gesamte Filmteam alles daransetzen, die Produktion und Postproduktion des Films so nahtlos wie möglich fortzusetzen, so dass für die internationalen Investoren kein Schaden entsteht.

Auch Sony Pictures unterstützt voll und ganz die Entscheidung, die entsprechenden Szenen nachzudrehen, zumal die Dreharbeiten rechtzeitig abgeschlossen sein werden, um den US-Starttermin am 25. Dezember 2017 zu halten.

Diese außergewöhnlichen Umstände betreffen einen Film, auf den alle Beteiligten extrem stolz sind. Scott und das Produktionsteam sind davon überzeugt, dass es trotz der offensichtlichen Herausforderungen notwendig ist, Farbe zu bekennen, damit die bedauernswerten Anschuldigungen gegen einen Nebendarsteller nicht einen Film beschädigen, an dem über 800 Schauspieler, Autoren, Künstler, Handwerker und Crewmitglieder mehrere Jahre lang unermüdlich und unbescholten gearbeitet haben.

Ein Film von Ridley Scott

mit MICHELLE WILLIAMS, MARK WAHLBERG, CHRISTOPHER PLUMMER,
ROMAIN DURIS, CHARLIE PLUMMER u.v.a.

Es ist einer der aufsehenerregendsten Fälle der Kriminalgeschichte: 1973 wird der 16-jährige Paul (Charlie Plummer), Enkel des milliardenschweren Öl-Magnaten J. Paul Getty (Christopher Plummer), in Rom entführt. Die Kidnapper verlangen 17 Millionen Dollar Lösegeld, doch der reichste Mann der Welt denkt gar nicht ans Bezahlen. Der alte Griesgram hält das Ganze für eine Inszenierung und fürchtet Nachahmer – schließlich hat er 13 weitere Enkel. Nur Pauls verzweifelte Mutter Gail (Michelle Williams) kämpft weiter um das Leben ihres Sohnes. Unermüdlich versucht sie, den alten Getty umzustimmen und verbündet sich schließlich mit dessen Sicherheitsberater, dem Ex-CIA Mann Fletcher Chase (Mark Wahlberg). Den beiden bleibt nur noch wenig Zeit, bis das Ultimatum abläuft...
 
In ALLES GELD DER WELT rekonstruiert Meisterregisseur Ridley Scott (DER MARSIANER, AMERICAN GANGSTER, BLADE RUNNER) einen der spektakulärsten Entführungsfälle des letzten Jahrhunderts. Für seine packende Inszenierung wurde Scott ebenso für den Golden Globe nominiert wie seine Hauptdarstellerin Michelle Williams (MANCHESTER BY THE SEA), die aufopferungsvoll für die Rettung ihres Sohnes kämpft. Eine weitere Golden-Globe-Nominierung in der Kategorie Bester Nebendarsteller erhielt Schauspiellegende Christopher Plummer (REMEMBER, VERBLENDUNG, BEGINNERS) in der Rolle des mürrischen Milliardärs, der hier kurzfristig Kevin Spacey ersetzte und dessen Szenen in Rekordzeit in den bereits abgedrehten Film eingefügt wurden. Zum weiteren Ensemble des hochkarätig besetzten Thrillers zählen Mark Wahlberg (TRANSFORMERS, BOSTON), Charlie Plummer (THE DINNER) und der französische Schauspielstar Romain Duris (DER WILDE SCHLAG MEINES HERZENS).

PRESSENOTIZ

Er ist eine faszinierende Figur: schillernd, charismatisch, durch und durch ambivalent. Das Blitzen in seinen Augen erzählt von der Lust am Erfolg, von den spektakulären Deals, die ihn zum reichsten Mann der Welt gemacht haben. Die schmalen Lippen mit den nach unten gezogenen Mundwinkeln künden dagegen von seiner dunklen Seite: der eisigen Härte, dem penetranten Geiz, dem pathologischen Streben nach mehr, immer noch mehr. J. Paul Getty, Ölmagnat, Kunstsammler und Begründer eines illustren Familienimperiums, zählt zu jener seltenen Unternehmerspezies, die man zugleich bewundert und bemitleidet, fürchtet und verehrt. Christopher Plummer interpretiert ihn mit der Präzision eines brillanten Hollywood-Haudegens, und schon allein wegen dieser Leistung ist ALLES GELD DER WELT ein sehenswerter Film.

Das wäre, unter normalen Umständen, eine positive, aber nicht weiter überraschende Meldung. Doch für ALLES GELD DER WELT, Ridley Scotts packende Rekonstruktion eines der spektakulärsten Entführungsfälle des 20. Jahrhunderts, galten zumindest bei der Besetzung des hartherzigen Multimilliardärs keine normalen Umstände. Denn Plummer zählte zwar zu den Kandidaten, die von der Produktion ursprünglich für den Part vorgesehen waren. Den Zuschlag aber erhielt zunächst „House of Cards“-Star Kevin Spacey, der die Rolle dann auch im Sommer 2017 spielte. Mitten in die Postproduktion platzten Ende Oktober jedoch die ersten Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den zweifachen Oscar-Preisträger, auf die wie schon im Fall Weinstein zahlreiche weitere folgten. Noch vor seiner Fertigstellung drohte Scotts 25. Regiearbeit zu einem „Skandalfilm“ zu mutieren, den das Publikum wegen Spaceys Beteiligung vermutlich boykottiert hätte. Das wollte der Brite um jeden Preis verhindern. „So ein Verhalten darf nicht toleriert werden“, sagte er dem Branchenblatt Entertainment Weekly. „Wir können nicht zulassen, dass die Handlungen eines Einzelnen die Arbeit eines ganzen Teams zunichtemachen.“

So kam es im November 2017 zum kurzfristig anberaumten Nachdreh, bei dem Spacey komplett durch Plummer ersetzt wurde. Dem fertigen Produkt, so viel darf vorweggenommen werden, hat das nicht geschadet. Ganz im Gegenteil, nicht nur fügen sich die neuen Einstellungen absolut unmerklich in das vorhandene Material. Es spricht auch einiges dafür, dass der knorrige Plummer dem echten J. Paul Getty deutlich näherkommt als der hinter einer Maske kaum noch erkennbare Spacey.

Ridley Scott Scott gelingt es meisterhaft, das Zeitgefühl der 1970er Jahre zu evozieren. ALLES GELD DER WELT ist erwartungsgemäß großes Ausstattungskino, das akribisch die Ära vor Smartphone und Internet abbildet, in der sich die Dinge noch mit erstaunlicher Langsamkeit entwickeln konnten, denn die Entführung dauerte geschlagene fünf Monate. Scott ist für seine Detailversessen- und Designverliebtheit bekannt, die er vor allem in seinen größten Filmen BLADE RUNNER, ALIEN und DER MARSIANER eindrucksvoll unter Beweis stellt. Für seinen packenden Entführungsthriller findet der Regisseur die perfekte Balance zwischen künstlerischer Gestaltung und nervenzerreißendem Realismus. Obwohl der Ausgang des historischen Falls bekannt ist, entwickelt der Film eine ungemeine Spannung und lässt uns bis zum letzten Moment mit der tapfer kämpfenden und leidenden Gail mitfiebern.

Kein Wunder, dass ALLES GELD DER WELT als hochgehandelter Favorit in die Awards-Saison startet. Die drei Nominierungen für den Golden Globe: Beste Regie Ridley Scott Beste Darstellerin in der Kategorie Drama für Michelle Williams (MANCHESTER BY THE SEA),  sowie Christopher Plummer (REMEMBER) als Bester Nebendarsteller dürften da nur der Anfang gewesen sein. Zum weiteren Ensemble des hochkarätig besetzten Thrillers zählen Mark Wahlberg (TRANSFORMERS, BOSTON), Charlie Plummer (THE DINNER) und der französische Schauspielstar Romain Duris (DER WILDE SCHLAG MEINES HERZENS).


INHALT

Rom im Sommer 1973. Ein junger Amerikaner schlendert über die nächtliche Via Veneto. Plötzlich hält ein mit mehreren vermummten Männern besetzter VW-Bus am Straßenrand, zerrt den jungen Mann in den Wagen und braust davon. Der Entführte ist kein geringerer als John Paul Getty III (Charlie Plummer), Lieblingsenkel des legendären Unternehmers J. Paul Getty (Christopher Plummer), der mit Ölgeschäften in Saudi-Arabien nach dem Zweiten Weltkrieg den Grundstein für sein Vermögen gelegt hat und seitdem für seine Milliarden genauso berühmt ist wie für seinen Geiz. Als Chef von Getty Oil gilt er als der reichste Mann der Welt, und auf dieses Geld haben es natürlich viele abgesehen. Als sich die Nachricht von Pauls Verschwinden über die Medien verbreitet, gehen prompt unzählige Forderungen von vermeintlichen Entführern in der Getty Oil Zentrale ein.

Nachdem die Gruppe um Anführer Cinquanta (Romain Duris) den verängstigten Paul im ländlichen Kalabrien in ihr Versteck gebracht hat, klingelt endlich auch bei Pauls Mutter Gail (Michelle Williams) in Rom das Telefon. Als Cinquanta ihr mitteilt, dass sich Paul in seiner Obhut befindet, reagiert sie zunächst erleichtert. Doch ganz ohne Gegenleistung soll sie ihren geliebten Sohn natürlich nicht zurückbekommen. Die Entführer fordern stolze 17 Millionen Dollar Lösegeld für seine Freilassung, schließlich würde Pauls Großvater über alles Geld der Welt verfügen.

Währenddessen gibt J. Paul Getty eine spontane Pressekonferenz vor seinem englischen Landsitz. Der Milliardär bleibt völlig gelassen und analysiert die Situation rein logisch, obwohl er die Summe eigentlich locker aus der Portokasse begleichen könnte: Seiner Ansicht nach sei kein junger Mensch so viel Geld wert, auch nicht sein Enkel, und schließlich gäbe es noch 13 weitere Getty-Enkel, für die er keinen Präzedenzfall schaffen will. Gail, die sein Statement live am Fernseher verfolgt, ist geschockt und entsetzt zugleich. Es geht hier um das Leben ihres Sohnes! Dafür wäre sie bereit, alles zu geben. Nur leider ist sie, der der Reichtum der Getty-Familie nie etwas bedeutete, komplett mittellos und gar nicht in der Lage, die immense Lösegeldsumme allein aufzubringen. Also spricht sie mit der Polizei, telefoniert immer wieder mit Cinquanta und versucht, wenigstens etwas Zeit zu gewinnen. Doch es führt kein Weg daran vorbei: Sie muss nach England fliegen und den alten Geizhals zur Rede stellen. Denn wenn es ihr nicht gelingt, ihn umzustimmen, besteht keine Chance mehr, ihren Sohn lebend wiederzusehen.

Rückblick: Auf menschliche Beziehungen legt der alte Getty immer weniger Wert, zu oft hat man ihn zuvor enttäuscht. Schwach wird er nur noch, wenn es um schöne Dinge geht: Skulpturen, Gemälde und Kunstwerke aller Art, die er bei jeder Gelegenheit seiner beträchtlichen Sammlung hinzufügt. Auch von seinem mittlerweile erwachsenen Sohn John Paul Getty II (Andrew Buchan) hat er sich früh entfremdet, den Kontakt aber wiederaufleben lassen, als der klamme Getty II ihn Mitte der 1960er Jahre auf Drängen seiner Frau Gail Harris brieflich um einen Job bittet. Der knorrige Patriarch lässt die Familie nach Rom kommen und gibt dem Junior die Chance, ins mittlere Management des Konzerns einzusteigen. Gleichzeitig lernt der Senior so auch seinen Enkel, den jungen John Paul Getty III (Charlie Shotwell), kennen und schätzen.

Doch schon wenige Jahre später ist das Familienglück wieder zerbrochen. Anfang der 70er hat John Paul Getty II Gail verlassen und feiert Drogenpartys in Marokko. Im September 1971 führt Gail in San Francisco die Scheidungsverhandlungen mit dem alten J. Paul. Sie verzichtet auf jegliche finanzielle Unterstützung, verlangt aber das Sorgerecht für ihre Kinder. Es ist ein Angebot, das der alte Geizkragen nicht ablehnen kann. Erst nach der Entführung ihres Sohnes sieht sich Gail gezwungen, wieder Kontakt mit der Getty Familie aufzunehmen.

Auf dem Familienanwesen im britischen Sutton Place angekommen, kann Gail trotzdem kaum etwas ausrichten. Ihre Appelle an J. Paul verhallen scheinbar ungehört, doch hinter den Kulissen mischt sich der Ölmagnat durchaus ein. Er schickt Fletcher Chace (Mark Wahlberg), seinen Sicherheitsbeauftragten und Mann für alle Fälle, mit nach Rom, um sich der Sache anzunehmen. Der Ex-CIA-Agent findet dann auch schnell eine heiße Spur zu einer Terrorzelle der Roten Brigaden. Die Terroristen hatten Kontakt zum jungen Paul und berichten von dessen Plan, die eigene Entführung vorzutäuschen. Wo er jetzt steckt, wissen sie aber nicht. Fletcher schließt daraus, dass es gar kein Kidnapping gegeben hat. Für ihn ist der Fall damit erledigt und auch J. Paul ist sofort von dieser Theorie überzeugt und fühlt sich bestätigt.
Gail hingegen hat Chace’ Aktivitäten von Anfang an mit Skepsis betrachtet und denkt gar nicht daran, die Suche aufzugeben. Unermüdlich kämpft sie für das Leben ihres Sohnes. Paul wird währenddessen von den Kidnappern immer noch einigermaßen anständig behandelt, leidet aber unter der monatelangen Gefangenschaft. Dann gibt es endlich eine neue Spur! Die Polizei hat eine stark verkohlte Leiche entdeckt und vermutet, dass es sich dabei um Paul handelt. Gail und Fletcher fahren nach Kalabrien, um den Leichnam zu identifizieren. Doch Gail ist sich sofort sicher, dass dies nicht ihr Sohn sein kann. Und schnell bestätigt sich, dass der Tote ein polizeibekannter Aktivist ist, der zur Gruppe um Cinquanta gehört. Dadurch ist dann auch das Versteck der Entführer schnell ausgemacht. Aber das sofort ausrückende Spezialkommando ist leider zu spät am richtigen Ort: Paul ist längst verschwunden, ebenso wie der größte Teil der Entführergruppe.

Cinquanta ist die Sache allmählich zu heiß geworden, darum „verkauft“ er seine Geisel an die Mafia weiter, die ein Millionengeschäft wittert. Und anders als der geduldige Cinquanta haben die Mafiosi keine Zeit zu verlieren. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, greifen sie zu einem extremen Mittel: Sie schneiden Paul ein Ohr ab und schicken es zusammen mit einem Foto des Entführungsopfers an eine italienische Tageszeitung. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt...



Über die Produktion

„Ein reicher Mann ist nichts anderes als ein armer Mann mit Geld.“
W.C. Fields

Ideenreicher Ansatz

Produzent Quentin Curtis legte den Grundstein zu ALLES GELD DER WELT, als er die Filmrechte für John Pearsons Buch über die Familie Getty erwarb. „Painfully Rich: The Outrageous Fortune and Misfortunes of the Heirs of J. Paul Getty“ thematisiert vor allem den berüchtigten Entführungsfall des Milliardärsenkels John Paul Getty III. Curtis schlug David Scarpa vor, die Geschichte für die Leinwand zu adaptieren. „Ich hatte von der Entführung natürlich schon gehört“, erinnert sich Scarpa. „Mich interessierte vor allem, inwieweit Geld grundsätzlich das Leben eines Menschen kontrolliert und beeinflusst. Viele unserer Entscheidungen basieren zum Teil auch auf finanziellen Erwägungen – die Wahl des Jobs, des Wohnorts, des Ehepartners usw. Je weniger Geld du zur Verfügung hast, desto eingeschränkter sind deine Möglichkeiten. Die Reichen werden sogar emotional von ihrem Vermögen beeinflusst. Das Geld gibt ihnen Freiheit und Macht, doch wie setzen sie das ein? Als Quentin mir von dem Projekt erzählte, war meine spontane Reaktion: ‚Ach, der Junge, dem ein Ohr fehlt?‘ Quentin wies darauf hin, dass Getty damals der reichste Mann der Welt war und das Lösegeld locker hätte aufbringen können. Er besaß eine Milliarde Dollar und sollte den Entführern 17 Millionen zahlen. Doch er weigerte sich. Dieses Detail machte mich neugierig, also sagte ich zu.“

Gettys notorischer Geiz und die emotionale Dimension, die sich dahinter auftat, faszinierten Scarpa. „Er hätte das Geld für die Freilassung leicht auftreiben können, doch psychologisch war er dazu nicht in der Lage, weil er sich nicht von seinem Geld trennen wollte. Die Geschichte beginnt also als klassischer Thriller, der jenseits der Fakten der Frage auf den Grund geht, welche Macht das Geld über diesen Mann hat und welchen Einfluss es auf seine Familie und die Entführer nimmt. Selbst das Leben eines Kindes bringt ihn nicht dazu, sich von seinem Geld zu trennen. Der reiche Mann ist schon längst zur Geisel seines Reichtums geworden“, fasst Scarpa die eigentliche Misere des alten Getty zusammen.

Die Struktur für Scarpas Drehbuch lieferte der Entführungsfall, anhand dessen hier erstmals zwei etablierte Genres miteinander kombiniert werden. „Wir zeigen Szenen aus der Zeit vor der Entführung, um den Jungen und den Milliardär einzuführen. Die größte Herausforderung bestand darin, Elemente des Thrillers mit denen eines klassischen Biopics zu verbinden. Der Film bewegt sich konsequent hin und her zwischen Thriller und Familiendrama à la Shakespeare“, erläutert Scarpa.

Das Drehbuch landete 2015 auf der Black List, der unter Filmschaffenden jährlich stattfindenden Umfrage nach herausragenden bis dato nicht realisierten Stoffen. Die Produzenten Dan Friedkin und Bradley Thomas von Imperative Entertainment lasen es und waren sofort fasziniert von der Geschichte. „Der Stoff handelt von der persönlichen Tragödie einer der weltweit reichsten und mächtigsten Familien. Das Ganze spielt auf drei Kontinenten. Uns war auf Anhieb klar, dass wir hier einen attraktiven Kinostoff vor der Nase hatten. Und es gab nur einen Mann, der diese Geschichte packend auf die große Leinwand bringen könnte.“ Nämlich Ridley Scott, der anfangs überhaupt nicht scharf darauf war, die Getty-Entführung zu verfilmen – bis er das Drehbuch las.

„Mit Getty verband ich ganz bestimmte Erinnerungen. Der Entführungsfall interessierte mich damals nicht sonderlich. Doch das Drehbuch nahm mich von Anfang an gefangen. Und als ich mich mit Dan und Bradley traf, wusste ich, dass ich bei ihnen in guten Händen sein würde. Ich wollte den Film unbedingt machen“, erinnert sich Scott.


„In J. Paul Gettys Brust steckten zwei Seelen“, fand Scott. Für seinen Geiz war er allseits bekannt, aber auch für seinen Geschäftssinn und seine wohltätige Ader. „Er war ein intelligenter Mann, der sich von seinem Instinkt leiten ließ. Wer sich 1948 in den Nahen Osten aufmachte, um Öl und Ländereien zu erwerben, der musste mutig und clever sein. Doch als es darum ging, für seinen Enkel Lösegeld zu zahlen, lehnte er das schlicht ab. Die Leute waren schockiert. Andererseits signalisierte er so den Entführern, dass er nicht bereit war, mit Terroristen zu verhandeln. Regierungen gehen heutzutage genauso vor. Insofern war Getty seiner Zeit voraus. Die Leute vergessen, dass er auch ein großzügiger Wohltäter war. Eine seiner Hinterlassenschaften ist die Getty Villa in Santa Monica, ein Museum, das keinen Eintritt kostet.“

Ursprünglich spielte Kevin Spacey den alten Getty mit Hilfe aufwändigen Make-ups inklusive einer Prothese. Doch die sich häufenden Anschuldigungen von ehemaligen Kollegen Spaceys, von ihm sexuell belästigt worden zu sein, bewogen Scott zusammen mit den Produzenten von Imperative Entertainment dazu, Spaceys Szenen neuzudrehen und ihn durch Oscarpreisträger Christopher Plummer zu ersetzen.

„Die furchtbaren Anschuldigungen wurden sechs Wochen vor dem geplanten Kinostart bekannt. Wir konnten den Film der Öffentlichkeit so nicht präsentieren, das ließ sich nicht mit unserem Gewissen vereinbaren. Als Ridley und ich entschieden, Christopher Plummer für die Rolle zu besetzen, waren das Team und die Schauspieler ganz auf unserer Seite. Wir sind ihnen sehr dankbar, dass sie uns so engagiert unterstützt haben“, kommentiert Dan Friedkin den Nachdreh.

Neben dem an Spacey beanstandeten Verhalten ging es auch darum, die an dem Projekt beteiligten Mitstreiter zu würdigen, die viel Zeit und Kraft in den Film gesteckt hatten. Sony Pictures brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Ein Film ist nicht das Werk eines einzelnen Künstlers. Es sind neben einem hochkarätigen Regisseur über 800 Schauspieler, Autoren, andere Künstler, Handwerker und Mitarbeiter daran beteiligt gewesen, die über mehrere Jahre Zeit und Energie für dieses Projekt aufgewandt haben. Es wäre einfach eine haarsträubende Ungerechtigkeit, ihr Werk wegen der Vergehen eines Nebendarstellers abzustrafen.“

J. Paul Getty führte ein bemerkenswertes und quasi kinoreifes Leben. Mit 24 war er bereits Millionär. Er war Stammgast auf den Partys der Reichen, ging verschwenderisch mit seinem Reichtum um, bis er schließlich wieder in das Familienunternehmen zurückkehrte. Er verwandelte sich fortan in einen disziplinierten, gnadenlosen Kapitalisten. Gleichzeitig war er Mäzen der Kunst- und Architekturszene. Er ermöglichte unter anderem den Nachbau der Hadrians Villa in Malibu, Kalifornien, die heute als „Getty Villa“ bekannt ist. Getty war ein Mann vieler Widersprüche – unfassbar reich und unglaublich knauserig, liebevoll und grausam.

Plummer war von dieser Gegensätzlichkeit in J. Paul Gettys Wesen fasziniert. „Ich war begeistert, als Ridley mir die Rolle anbot. Ich wollte schon immer mit ihm arbeiten. Ich spiele besonders gern reale Persönlichkeiten, weil ich die Recherchen spannend finde, vor allem bei so einem außergewöhnlichen Mann. Außerdem war das Drehbuch so exzellent, dass ich sofort auf die Rolle angesprungen bin.“

Plummer war mit dem Entführungsfall und Gettys überraschender Weigerung vertraut, doch über den Menschen Getty wusste er kaum etwas. „Getty war ein recht in sich gekehrter Mensch. Er verehrte Geld und genoss es, schöne Dinge zu kaufen, weil er von denen nicht enttäuscht wurde. Ihnen wohnte eine Reinheit inne, die er in Menschen nicht zu finden glaubte. Seine Reaktion auf die Lösegeldforderung folgt einer kühlen, unsentimentalen Logik. Er begründete seine Weigerung damit, dass er schließlich viele Enkelkinder hätte und sich dann dutzendweise neue Entführungen ereignen würden. Das sagt auch viel über seine komplexe Beziehung zu seiner Familie“, gibt Plummer zu bedenken.

Michelle Williams spielt Gail, die leidenschaftliche Mutter von John Paul Getty III, die sowohl ihren geizigen Schwiegervater als auch die Entführer unter hohem Risiko austrickst. Sie war sofort Feuer und Flamme für das Projekt – allein weil Ridley Scott Regie führte, brauchte sie nicht lange zu überlegen. „Als sein Name genannt wurde, war meine Entscheidung schon gefallen. Und nach der Lektüre des exzellenten Drehbuchs gab es eh keinen Zweifel mehr.“

Die Zusammenarbeit mit Scott erfüllte dann auch all ihre hohen Erwartungen: „Er arbeitet mit einer ungeheuren Präzision und kommuniziert seine Vorstellungen kurz und knapp, so dass die Drehtage zügig ablaufen und richtig Spaß machen. Das Ganze gleicht einem Spiel, in dem jeder heiß darauf ist, den Ball, der dir zugespielt wird, zu fangen. Er gibt dir viel Raum, um deine Rolle auszuloten. Und wenn du seine Hilfe brauchst, ist er sofort zur Stelle. Er hat sich immer etwas überlegt, um monoton anmutende Szenen über die Handlung oder den Dialog aufzupeppen“, erläutert Williams.

Williams bereitete sich auf Gail mit Hilfe von Videoclips auf YouTube vor und las Artikel und Bücher über sie. Die Kostümbildnerin und die Maskenbildner erleichterten ihr den Einstieg in die Rolle. „Als ich mit Ridleys fantastischer Kostümbildnerin Janty Yates anfing zu arbeiten und mit Ferdinando Merolla und Tina Earnshaw zwei tolle Maskenbildner an meiner Seite wusste, fügten sich alle Puzzleteile aus meiner Recherche zu einem großen Ganzen. Es ist kein Zufall, dass alle zum wiederholten Male mit Ridley arbeiten. Seine charmante und kluge Art wirkt anziehend auf hochqualifizierte Leute. So viel geballte Kompetenz ist schon einschüchternd. Jedenfalls hat es mir enorm geholfen, über die Kleidung und äußere Erscheinung Zugang zum Innern dieser Person zu finden“, erläutert Williams.

Scott gibt zu bedenken, dass Williams abgesehen von den Informationen aus dem Internet nicht sonderlich viel Material zu Gail zur Verfügung stand. Nach der Scheidung zog Gail sich entschlossen aus der ersten Reihe der berühmten Getty-Familie zurück und lebte ein ganz normales Leben. Erst die Entführung ihres Sohnes katapultierte sie zurück ins Licht der Öffentlichkeit. „Michelle ist eine vielschichtige Künstlerin mit Seltenheitswert. Sie nimmt ihre Rollen sehr ernst. Ihr stand nur wenig Material über Gail zur Verfügung, vor allem Kameraaufnahmen von ihren öffentlichen Ansprachen. Michelle hat ihre physische Erscheinung sehr gut eingefangen. Gail war athletisch, sie spielte Polo. Und sie war sehr intelligent. Sie war der Inbegriff einer modernen Mutter und ebenso entschlossen wie diszipliniert.“

Obwohl sie im Film Gegenspieler sind, hat Christopher Plummer die Zusammenarbeit mit Michelle Williams sehr genossen. „Ich bin ein großer Fan von ihr“, gesteht Plummer. „Sie ist eine extrem vielseitige Schauspielerin.“

Mark Wahlberg spielt Fletcher Chace, Gettys pragmatischen, rätselhaften und oft moralisch widersprüchlichen Berater und Sicherheitsmann. Auch er folgte dem Lockruf der Produzenten vor allem wegen Ridley Scott: „Die Geschichte hat mich zwar auch sehr fasziniert, aber die Chance, endlich mal unter seiner Regie arbeiten zu können, war ausschlaggebend. Wir kennen uns bereits seit circa 20 Jahren, und ich war auch davor schon ein großer Fan seiner Arbeit. Ich steckte gerade mitten in Dreharbeiten und hätte bis zu ALLES GELD DER WELT nur fünf Tage frei gehabt. Doch ich wollte mir diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen, zumal ich beim Lesen des Drehbuchs feststellte, dass ich so eine Rolle bisher noch nie gespielt hatte. Zur Abwechslung musste ich mich nicht mit Teddybären, Waffen oder miesen Typen herumschlagen, sondern konnte einen gebildeten Mann verkörpern, der für Getty interessante Dinge erledigte“, erinnert sich Wahlberg.

Zu Ridley Scotts Lieblingsfilmen gehört sogar der mit Wahlberg und dem Teddy. Besonders Wahlbergs natürlicher Stil hat den Regisseur angesprochen: „TED und BOOGIE NIGHTS zählen tatsächlich zu meinen Lieblingsfilmen. Mark ist sehr einfühlsam und hat Sinn für Humor. Er wirkt sehr natürlich in seinem Spiel, und der Zuschauer kann sich mit ihm leicht identifizieren, selbst wenn seine Figur in extreme Situationen gerät. Genau das ist bei Fletcher Chace der Fall, als er von der Spezialeinheit in die CIA und schließlich zu Getty wechselt. Er ist gleichzeitig klug und verfügt über eine beeindruckende körperliche Präsenz, die er nur einsetzt, wenn es unbedingt nötig ist“, erläutert Scott.

Wahlberg konnte bei seinen Recherchen nicht viel über Chace herausfinden – nicht weiter verwunderlich bei einem Mann, der so ein geheimnisvolles Leben führte. „Er führte die Rudermannschaft in Harvard an, war Kampfschwimmer, arbeitete für die Marineeinheit der SEALs, dann für die CIA und hatte eine Ölfirma. Als er Getty kennenlernte, beriet Chace andere Ölfirmen. Getty schätzte seinen Rat und heuerte ihn für Getty Oil an“, fasst Wahlberg seine Kenntnisse über den Mann zusammen. „Dann legst du Hosenträger und Weste an und schlüpfst dank des tollen Drehbuchs geschmeidig in die Rolle.“

Das Drehbuch diente Wahlberg tatsächlich hauptsächlich als Quelle seiner Vorbereitung auf einen Mann, dessen Loyalität und Moralvorstellungen während des Entführungsfalls wiederholt auf die Probe gestellt werden. „Ich habe das Drehbuch vier Mal täglich laut gelesen, sodass ich es während des nicht chronologisch ablaufenden Drehs in- und auswendig konnte. Das hat mir geholfen, die Zwischentöne herauszuarbeiten, besonders in den Szenen, in denen sich bei Fletcher Chace langsam ein Sinneswandel ankündigt“, erläutert Wahlberg seine Arbeitsweise. Christopher Plummer war sehr erfreut, dass Wahlberg in fast all seinen Szenen an seiner Seite war. „Ich war auf die Zusammenarbeit mit ihm sehr gespannt“, verrät er.

Charlie Plummer, mit Christopher weder verwandt noch verschwägert, spielt den entführten Getty-Enkel John Paul Getty III. Er versteht ALLES GELD DER WELT als ein für unsere Gegenwart abschreckendes Beispiel, trotz der sehr speziellen Umstände der Entführung, die eine eher exklusive Milliardärsfamilie wie die der Gettys trifft: „Darüber haben Ridley und ich anfangs viel diskutiert: Was machst du mit deinem Leben, wenn du scheinbar alles hast? Meine Figur wächst in recht bescheidenen Verhältnissen auf und landet dann bei seinem Großvater in einem Leben voller Macht und Überfluss. Dem wird er je entrissen und muss während der Entführung viele Entbehrungen und Misshandlungen erdulden, bis er schließlich wieder freikommt. Wie reagierst du auf so etwas, wenn du reich bist und dir jeglicher moralische Kompass fehlt? Für ihn endete das Ganze tragisch. Meine Generation befindet sich in einer ähnlichen Situation, wo es vielen an nichts fehlt und alle danach streben, noch mehr anzuhäufen. Der Film macht deutlich, dass Geld nicht der entscheidende Faktor ist, der einen glücklich macht. Die Quelle für dein Glück liegt in dir selbst.“

Scott fand Plummers „schlaksigen Charme“ besonders ansprechend. Für den Regisseur war er die Idealbesetzung, denn er versteht es, den jähen Wandel vom unbekümmerten und selbstbewussten Jugendlichen hin zu einem brutal verunsicherten, fürs Leben gezeichneten jungen Mann überzeugend zu verkörpern. „Er sieht aus wie ein Erwachsener, strahlt aber auch diese jugendliche Frische aus. Deshalb sollte die Eingangsszene des Films unbedingt an der Via Veneto spielen, so wie in Fellinis DAS SÜSSE LEBEN, einem meiner Lieblingsfilme. Dort tummelten sich damals neben mondänen Filmstars und Paparazzi allerlei Eurotrash, Prostituierte sowie Wohlstandswaisen. Wir führen den 17-Jährigen ein, wie er allein die Straße entlanggeht und den attraktiven Strichmädchen selbstbewusst entgegentritt. Der Zuschauer weiß ihn sofort einzuordnen. Erst als er durch die Entführer dieser Welt brutal entrissen wird, tritt der kleine Junge in ihm wieder in den Vordergrund. Charlie spielt diesen inneren Bruch perfekt“, schwärmt Scott.

Gail ist die Einzige, die sich von Gettys Vermögen nicht korrumpieren lässt. Ihr liegt lediglich daran, dass ihr Sohn heil zu ihr zurückkommt. Das Geld von Getty ist für sie nur das Mittel zum Zweck. Die Liebe zu ihrem Sohn verleiht ihr den nötigen Schneid und selbstlosen Starrsinn und macht sie zum moralischen Vorbild. Williams weist darauf hin, dass Gail immer wieder aufs Neue beweisen muss, wie ernst sie ihre Mutterliebe nimmt: „Insofern ist der Film nicht nur ein spannender Thriller, er bricht auch eine Lanze für den Feminismus, indem er deutlich macht, was es für eine Frau bedeutet, sich in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen. Es gibt viele Szenen, in denen gezeigt wird, wie sie an den Rand gedrängt oder außen vor gehalten wird. Sie wusste intuitiv, dass sie ihre ganze Kraft aufbringen musste, um in diesem Kampf die Kontrolle zu erlangen und am Verhandlungstisch Platz nehmen zu dürfen. Sie muss sich zusammenreißen, weil sie sich immer wieder auf eine veränderte Situation neu einstellen muss, um das Ziel am Ende zu erreichen. Ich liebe solche Figuren, die sich nicht unterkriegen lassen und kämpferisch daherkommen“, schwärmt Williams.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 01.02.2018
SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS
Ab 15. Februar 2018 im Kino
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Der meisterhafte Geschichtenerzähler Guillermo del Toro inszeniert mit SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS eine poetische Liebesgeschichte, die circa 1963 vor dem Hintergrund des Kalten Krieges in Amerika spielt. In einem versteckten Hochsicherheitslabor der Regierung arbeitet die einsame Elisa (Sally Hawkins), gefangen in einem Leben der Stille und Isolation. Doch Elisas Leben ändert sich für immer, als sie und ihre Kollegin Zelda (Octavia Spencer) ein als geheim eingestuftes Experiment entdecken. Abgerundet wird die Besetzung durch Michael Shannon, Richard Jenkins, Doug Jones und Michael Stuhlbarg.

Fox Searchlight Pictures präsentiert in Zusammenarbeit mit TSG Entertainment eine Double Dare You Produktion, SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS, inszeniert von Guillermo del Toro nach einem Drehbuch von del Toro & Vanessa Taylor und nach einer Originalgeschichte von Guillermo del Toro. Als Produzenten fungieren Guillermo del Toro, p.g.a. und J. Miles Dale, p.g.a. Zum Drehteam gehören außerdem Kameramann Dan Laustsen, DFF, Produktionsdesigner Paul Denham Austerberry, Cutter Sidney Wolinsky, ACE, Ko-Produzent Daniel Kraus, Visual Effects-Supervisor Dennis Berardi, Kostümdesigner Luis Sequeira; für die Musik zeichnet Alexandre Desplat verantwortlich und für das Casting Robin D. Cook, CSA.

Ein Film von GUILLERMO DEL TORO
Mit SALLY HAWKINS, MICHAEL SHANNON, RICHARD JENKINS, DOUG JONES u.a.


In einem geheimen Regierungslaboratorium erblüht, mitten im Kalten Krieg, ein visuell berauschendes und emotional ergreifendes Wunderwerk der Fantasie. Meistererzähler Guillermo del Toro zaubert mit SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS ein betörendes Filmkunstwerk auf die Leinwand, in dem sich das Pathos und die Spannung eines traditionellen Monsterfilms mit einem verwunschenen film noir vereinen – und sich eine unvergleichliche Liebesgeschichte entwickelt, in der wir mit unseren geheimsten Fantasien, verdrängten Begierden und auch Ungeheuerlichkeiten konfrontiert werden.

Del Toro lässt seine Geschichte tief unter Wasser beginnen. Von dort entwickelt sie sich zu einem atemberaubenden Tauchgang in die Welt der sechziger Jahre: voller Dinge, die wir wieder erkennen – Macht, Wut, Intoleranz, und auch Einsamkeit, Entschlossenheit und plötzliche ansteckende Gemeinsamkeiten –, aber auch mit einer so außergewöhnlichen Kreatur, wie wir sie noch nie gesehen haben. Ein unerklärliches biologisches „Asset“ der US-Regierung, eine stumme Putzfrau, die sich in diese Kreatur verliebt, ihre beiden besten Freunde, Sowjetspione und ein wagemutiger Raub – all das verbindet sich zu einer einzigartigen, alle Grenzen überwindenden Liebesgeschichte.

Das geheimnisumwitterte amphibische Wesen wurde nicht nur aus den dunkelsten Tiefen des Wassers emporgezerrt, sondern scheint auch die grundlegenden adaptiven Fähigkeiten von Wasser zu besitzen, indem es die psychischen Konturen jedes Menschen annimmt, dem es begegnet - und sowohl Aggression wie grenzenlose Liebe widerspiegeln kann 

Del Toro verwebt in seiner Erzählung Gut und Böse, Unschuld und Bedrohung, Historie und Ewigkeit, Schönheit und Monstrosität. Und er zeigt letztendlich, dass auch die dunkelste Finsternis das Licht nicht ganz besiegen kann.  Del Toros Resümee: „Ich mache gerne Filme, die befreiende Wirkung haben, die aussagen, dass man o.k. ist genau so wie man ist. Und das, scheint mir, ist gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig“. Von größter Wichtigkeit war auch das exzellente Schauspielerensemble.
Die Anfänge von del Toros Leidenschaft, das Publikum gleichermaßen zu ängstigen und zu verzaubern, finden sich schon in früher Kindheit. Geboren in Guadalajara in Mexiko entwickelte er bereits als kleine Junge ein Faible für jene unzähligen Spukgeschichten, Monsterfilme und Märchen, die seine eigene wild wuchernde Fantasie beflügelten. Als er begann, Drehbücher zu schreiben und zu Regie zu führen, verbanden sich all diese Einflüsse zu jenem einzigartig expressiven Stil, der zu seinem Markenzeichen geworden ist, und der instinktiv mitten in die menschliche Psyche zu treffen scheint. 



Del Toro wurde bekannt durch seine drei bahnbrechenden spanischsprachigen Werke, in denen er das jeweilige Genre aufwertete, gar neu erfand: das mehrfach mit dem Oscar® ausgezeichnete Drama PAN’S LABYRINTH („Pans Labyrinth“, 2006), CRONOS („Cronos“, 1993) und THE DEVIL’S BACKBONE („The Devil’s Backbone“, 2001).  Jeder dieser Filme ist eine lebhafte Phantasmagorie, eine Erforschung der moralischen und physischen Fährnisse in einer von Korruption, autoritären Systemen und Krieg geprägten Welt. Seine übernatürlichen Actionepen - BLADE II („Blade 2”, 2002), die HELLBOY-Reihe („Hellboy“, 2004, „Hellboy – Die goldene Armee“, 2008), PACIFIC RIM („Pacific Rim“, 2013) - sind ebenso einfallsreich wie seine Gothic-Romanze CRIMSON PEAK („Crimson Peak“, 2015).

Auch SHAPE OF WATER -– DAS FLÜSTERN DES WASSERS folgt dieser Tradition - nun jedoch im Amerika der sechziger Jahre und in einer Zeit der sozialen Spaltung, am Rande eines Nuklearkriegs und kurz vor einem tiefgreifenden kulturellen Wandel. Del Toro verwebt dies mit einer atemberaubenden Liebesgeschichte, in der eine einsame Frau mit traumatischer Vergangenheit eine überwältigende Liebe entdeckt – eine Liebe, so mächtig, dass sie Misstrauen, Angst und sogar der Biologie trotzt. 

Für diesen Film versammelte del Toro eine Schar exquisiter Darsteller. Das talentierte Ensemble umfasst Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Doug Jones, Michael Stuhlbarg und Octavia Spencer.

Für del Toro war es von herausragender Bedeutung, die Frage der Liebe und ihrer Grenzen, sowohl innerlich wie äußerlich, zu erforschen. „Ich wollte eine wunderschöne, elegante Geschichte über Hoffnung und Erlösung erzählen, als Gegengift zum Zynismus unserer Zeit”. Diese Geschichte sollte die Form eines Märchens haben, in dem ein einfaches menschliches Wesen etwas ungeheuer Gewaltiges erfährt, etwas, dass alles überstrahlt, was es bisher erlebt hat. Und dann hatte ich den Einfall, diese Liebe mit etwas so Banalem und Bösem wie dem Hass zwischen Nationen, dem Kalten Krieg, zu kontrastieren, und dem Hass zwischen Menschen, ausgelöst von Rasse, Hautfarbe, Können und Geschlecht“.

Dass die beiden Hauptdarsteller des Films nicht sprechen, jedenfalls nicht auf konventionelle Art, verstärkt nur die Liebesgeschichte, denn damit fallen die verbalen Missverständnisse, die oft zwischen zwei Menschen stehen, weg. „Das Tolle an der Liebe ist ja, dass sie so mächtig ist, dass sie keine Worte braucht”, sagt del Toro. 



Die Verlockungungen von Monsterfilmen

Der Genremix in SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS reicht von opulenten Musicals bis hin zu spannenden Noir-Krimis. Doch am stärksten ausgeprägt ist die Beschäftigung mit Monsterfilmen, jenem Genre, das mit seiner Auslotung unserer grundlegenden Emotionen, von Angst, Verlassenheit und Gefahr, aber auch von Neugier, Ehrfurcht und Begehren, eine immerwährende Faszination ausübt. 

Wie so viele wuchs auch del Toro im düster faszinierenden Bann der klassischen Monster der Universal Studios auf: dem Wolfmann, der gegen seinen Willen zum wilden Tier mutierte, dem unschuldigen Frankenstein, der von wütenden Dorfbewohnern gejagt wird, dem verführerischen, von unheiligem Appetit getriebenen Dracula, und auch im Bann der Kreatur aus der schwarzen Lagune, eines prähistorischen amphibischen Wesens, das, in seiner Sehnsucht nach einer Gefährtin, aus der Lagune hervorstieg. 
Diese Monster hatten etwas seltsam Wiedererkennbares und unmittelbar Eingängiges an sich. Weil sie anders waren, wurden sie von Mistgabeln schwingenden Meuten verfolgt und dazu gezwungen, am Rande der Gesellschaft, in abgeschiedenen Schlössern, Wäldern und in Flüssen zu leben. Alle waren gefangen in einem Übergangsstadium – teils Mensch, teils etwas anderes – mit dem sich jeder, der je verfemt wurde, identifizieren kann. Das Spannendeste war vielleicht, dass sie sinnliche Wesen waren, machtlos gegenüber den endlosen Begierden von Körper und Seele.

Das Herzzerreißendste unter diesen ikonischen Monstern war der fischähnliche amphibische Humanoide aus CREATURE FROM THE BLACK LAGOON („Der Schrecken vom Amazonas“, 1954). Unter der Regie von Jack Arnold verkörperten Ben Chapman (an Land) und Ricou Browning (unter Wasser) den unnachahmlich tragischen Kiemenmann, das letzte Exemplar seiner prähistorischen Spezies. Die Kreatur, gleichermaßen gefährlich und einsam, geschmäht und schmachtend, verängstigte das Publikum - und bewegte es zutiefst.

SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS wurde 2011 konzipiert, als sich del Toro und Daniel Kraus, der Ko-Autor von del Toros Kinderbuchserie Trollhunters, eines morgens zum Frühstück trafen. Kraus erwähnte eine Idee aus seiner Teenagerzeit, über eine Putzfrau, die in einer Regierungsbehörde angestellt ist, sich heimlich mit einem Amphibienmann anfreundet, der dort als Untersuchungsexemplar gefangen gehalten wird, und ihn befreien will. Del Toro war von dieser Geschichte so begeistert, dass er sie sofort zu seinem nächsten Film machen wollte – es war genau jene Art von Märchenstoff, nach der er gesucht hatte. Von diesem Treffen an verabredeten die beiden ihre Zusammenarbeit für einen Roman, während del Toro das Drehbuch und die Regie für den Film übernehmen sollte. Zu diesem Zeitpunkt steckte del Toro noch in der Endphase der Produktion seines Riesenroboter-Monster-Blockbusters PACIFIC RIM („Pacific Rim“, 2013), doch in seltenen ruhigen Augenblicken schrieb er bereits am Drehbuch für denpersönlicheren Film, der schließlich den Titel SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS bekommen sollte.

2014 bezahlte del Toro aus eigener Tasche eine Gruppe von Künstlern und Bildhauern und präsentiere Fox Searchlight mittels Zeichnungen und Tonmodellen das  detaillierte Filmkonzept. Ohne jedes Zögern kam das Studio mit an Bord.

Im darauf folgenden Frühjahr begannen Guillermo und Fox Searchlight gemeinsam mit der Suche nach potentiellen Co-Autoren, die mit ihm am Drehbuch arbeiten sollten. Schließlich heuerten sie Vanessa Taylor an, die sowohl an der Plot-Struktur als auch den Charakteren eng mit Guillermo zusammenarbeitete (besonders bei der vielschichtigen Hauptfigur Eliza).

Del Toro wollte den Begriff der Monstrosität mit Hilfe einer Liebesgeschichte auf den Kopf stellen. Sie sollte aus der Kreatur die heldenhafte Hauptfigur machen und die Menschen, die sich gegen sie verbünden, als die eigentlichen Kräfte des Bösen entlarven: „In den Monsterfilmen der Fünfziger ist Strickland, jener gutaussehnende Regierungsagent mit dem kantigen Kinn, der Held und die Kreatur der Schurke. Ich wollte diese Sichtweise umkehren.“ 

Del Toro beschloss außerdem, seinem Monsterfilm eine weitere Ebene zu verleihen: Sinnlichkeit. Eine handfeste Erdigkeit sollte das Gegengewicht zur Märchenhaftigkeit bilden und in die wiedererkennbare Realität eines Erwachsenenlebens überführen. 

Produzent J. Miles Dale, der seit Jahren mit del Toro zusammenarbeitet, hält del Toro für einen der wenigen Regisseure, der dazu in der Lage ist, Kreaturen zu erschaffen, die leben und atmen und soviel Menschliches verkörpern, dass wir uns alle darin wiedererkennen. „Guillermo erschafft Kreaturen, die nicht von weltlichem Verhalten verdorben sind. Wir blicken auf sie wie in einen Spiegel, wie auf ein Idealbild von dem, was wir sein könnten”, sagt Dale. „Dieser Film ist anders als alles, was man je zuvor gesehen hat – doch er ist unverkennbar ein Del Toro Film. Es ist eindeutig sein Tonfall, aber es ist auch neu und ganz besonders”.

Als filmischen Zeitraum wählte del Toro mit Bedacht eine Ära der amerikanischen Geschichte, in der riesige Ängste herrschten: das Jahre 1962, in dem die Angst vor einem Nuklearkrieg mit der Sowjetunion ihren Gipfel erreichte – und  kurz bevor der idealistische, zukunftsgläubige Präsident Kennedy und sein „Camelot”-Mythos von Desillusionierung, Paranoia und sozialen Unruhen abgelöst werden würde. „In dieser Epoche geschieht sehr viel“, sagt Dale. „Der Kalte Krieg, der Wettlauf im Weltall, und die Bürgerrechtsbewegung. All das bildet den Hintergrund für eine Liebesgeschichte, wie man sie nie zuvor gesehen hat”.

Diese Epoche wird manchmal glorifiziert, doch dabei, meint del Toro, geraten die Ungerechtigkeiten und das lähmende Entsetzen angesichts der gesellschaftlichen Unterschiede leicht in Vergessenheit. „Für mich ist dies eine Epoche, in der die amerikanische Verheißung ins Stocken geriet – eine Zeit des Rassismus, der Ungleichheit, in der die Menschen sich am Rande eines Nuklearkriegs befinden. Und in wenigen Monaten wird Kennedy ermordet werden. Eigentlich ist es eine schreckliche Zeit zum Verlieben“, kommentiert er. „Doch die Liebe erblüht trotzdem“. 

Die futuristischen Impulse dieser amerikanischen Sechziger werden von der archaischen Kreatur kontrastiert, im Sinne von Rilkes Worten „Vergangenes steht noch bevor“. So del Toro: „Ich fand es spannend, dass 1962 eine Epoche voller Glauben an die Zukunft ist, während die Kreatur eine urtümliches Wesen aus der tiefsten Vorzeit ist. Die Menschen sind besessen von allem, was neu ist, von Werbesprüchen, dem Mond, neuer Mode, Fernsehen. Und dann gibt es, mitten unter ihnen, jene urzeitliche Macht, eine verliebte Kreatur.“
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Donnerstag 25.01.2018
DINKY SINKY
Ab 08. Februar 2018 im Kino
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Frida (Katrin Röver) wünscht sich ein Kind. Doch ihre Sehnsucht erfüllt sich nicht, und dann läuft auch noch der Mann davon. Während um sie herum ein regelrechter Babyboom ausbricht, verläuft ihr eigenes Leben vermeintlich rückwärts. Für Kummer bleibt keine Zeit. Sie ist 36 Jahre alt und der festen Überzeugung: jetzt oder nie. Es muss schnell ein neuer Lebenspartner her. Erst spät merkt Frida, dass die Jagd nach einem perfekten Leben nicht der Weg zum großen Glück ist.

Ein Film von MAREILLE KLEIN

Mit KATRIN RÖVER, TILL FIRIT, ULRIKE WILLENBACHER, MICHAEL WITTENBORN u.a.

Frida (Katrin Röver) wünscht sich ein Kind. Seit zwei Jahren unterliegt die Beziehung zu ihrem Freund Tobias (Till Firit) einem strikten Zeugungsprogramm. In ihrer Familie, dem Freundeskreis und unter Kollegen ist ein regelrechter Babyboom ausgebrochen. Frida ist mit ihren 36 Jahren bereits dreifache Tante und vierfache Patin. Aber was sie auch versucht, ihr eigener Kinderwunsch erfüllt sich nicht. Gerade als sie den nächsten Schritt gehen will und eine künstliche Befruchtung in Erwägung zieht, beendet Tobias die Beziehung. Fridas ganzer Lebensentwurf gerät aus den Fugen. Sie sehnt sich nach Heim und Familie, und nun soll sie mit Mitte dreißig von vorne beginnen? Das war nicht der Plan. Während ihre Freunde in die nächste Lebensphase übertreten, verläuft ihr eigenes Leben vermeintlich rückwärts.

Frida sucht Hilfe bei ihrer Mutter (Ulrike Willenbacher). Doch auch die Mutter erkundet neue Lebensphasen. Ihr einsames Witwendasein erlebt eine unverhoffte Wendung als sie im Internet einen Mann (Michael Wittenborn) kennenlernt. Frida ist nicht bereit aufzugeben. Sie will Kind und Familie und das möglichst schnell, denn der biologische Zeitdruck nimmt zu. Ohne die Trennung zu verarbeiten, macht sie sich auf die Suche nach einem neuen potentiellen Kindervater. Plötzlich ist jeder Mann eine Option, die in Betracht gezogen werden muss, ebenso wie andere Wege zum Kind - ohne Mann. Während sie verbissen ihrem Wunsch hinterherjagt, muss Frida schließlich lernen loszulassen, ohne zu wissen, was passiert...

PRESSENOTIZ

Im Rahmen des Münchner Filmfests 2016 feierte DINKY SINKY seine Premiere und gewann sowohl den Förderpreis Neues Deutsches Kino in der Kategorie BESTES DREHBUCH wie auch den FIPRESCI-Preis, den Preis der internationalen Filmkritik.

DINKY SINKY beobachtet sehr genau und mit viel Sinn für Komik eine Situation, in der sich immer mehr Frauen wiederfinden. Mitte bis Ende 30, das Leben und die Karriere gut im Griff, stellt sich aufgrund der tickenden biologischen Uhr die Frage: Wie sieht mein zukünftiges Leben mit oder ohne Kinder aus?

Man geht davon aus, dass in Deutschland ca. 1,4 Millionen Menschen ungewollt kinderlos sind. Was dieser Kinderwunsch und die Möglichkeit, dass er sich nicht erfüllen wird, aus den Betroffenen macht, lotet dieser Film aus.

DINKY SINKY überzeugt dabei mit sorgfältigen Beobachtungen und großem Einfühlungsvermögen. Schauspielerin Katrin Röver spielt die Hauptfigur Frida mit ungemein viel Wärme und Authentizität. Eine unterhaltsame Gesellschaftsstudie der heutigen Mittdreißiger-Generation mit und ohne Kinder. “Das Wunderbare an Kleins Film ist, wie genau beobachtet die Situationen sind – mit viel Sinn für die Komik (...)”

- Abendzeitung

„Mit trügerischer Leichtigkeit und warmem Sinn für Humor zeichnet Regisseurin Mareille Klein die inneren und äußeren Kämpfe einer Frau nach, die Mutter werden will. (...) „Durch das präzise und flüssige Drehbuch und das außerordentliche Talent der Darstellerin Katrin Röver wird die Komplexität der Hauptfigur wunderschön angedeutet.“

- aus der Begründung der Jury FIPRESCI-Preis/ Filmfest München

“Der Gewinnerfilm für das Beste Drehbuch und des FIPRESCI-Preises beeindruckt mit seiner Menschlichkeit und seiner Leichtigkeit, während er die heiklen und komplexen Lebensumstände einer jungen Frau mit Kinderwunsch heute im 21. Jahrhundert erkundet.”

- The Hollywood Reporter

“This Bavarian Bridget Jones is a winner.”

- The Hollywood Reporter


DIRECTOR’S NOTE

Ein Kinderwunsch ist intim, ein unerfüllter Kinderwunsch erst recht. Und trotzdem meint jeder, hier mitreden zu dürfen, im Privaten wie in der Öffentlichkeit. In den letzten Jahren wurde der KiWu, wie er unter Insidern genannt wird, sogar zu einem Politikum. Frauen und Männer ohne Kinder sind schuld, dass in 30 Jahren nicht genügend Arbeitskräfte da sind, um in die Rentenkasse einzuzahlen. Und Papst Franziskus sagt: „Wer keine Kinder bekommt, ist egoistisch.“ Ideal seien drei pro Paar.

Mir begegnete das Thema KiWu das erste Mal mit voller Wucht als ich 26 Jahre alt war. Auf der Suche nach einer Gesprächstherapie nutzte ich die üblichen fünf Probestunden und besuchte einen freundlichen, jüngeren Therapeuten. Stunde für Stunde erzählte ich ihm von meinen Beziehungsproblemen. In der fünften Stunde sagte er: „Es wird Zeit, dass Sie sich trennen. Je früher desto besser. Sie werden nicht jünger. Die Zeit rennt Ihnen davon.“ Es verschlug mir die Sprache. Ohne noch etwas zu sagen, verließ ich nach einigen Minuten die Praxis und kehrte nicht zurück.

Der Rat des Therapeuten hatte mich verunsichert und Angst ausgelöst, vor der Zukunft und vor meinen Entscheidungen. Verbaute ich mir mit Mitte zwanzig den Rest meines Lebens? Und was heißt ,verbauen‘, gibt es denn ein richtiges Modell? Inzwischen habe ich mich an solche Ratschläge gewöhnt. Dieses Gespräch begegnet mir ständig, auch wenn ich die Zeitung aufschlage. Vor ein paar Jahren berichteten die Medien ausgiebig von unglücklichen, kinderlosen Frauen Mitte vierzig, heute von schlaueren Mitte zwanzig, die ihre Eizellen einfrieren, um sich nach Karriere und anderen Freiheiten noch den Traum vom Kind zu erfüllen.

Ich bin jetzt zehn Jahre älter und habe kein Kind. Ich kenne beide Gefühle, die Zufriedenheit darüber, wie es jetzt ist, und den Traum von einem Leben mit Kind. Nicht nur von mir selbst. Ich bin Frauen begegnet, die keinen Kinderwunsch haben, und das ganz klar für sich formulieren können, und Frauen, deren Kinderwunsch brennt, aber nicht in Erfüllung geht. Für sie ist der Verzicht auf ein Kind leidvoll. Es fühlt sich an, als hätten sie etwas verloren, obwohl sie es nie hatten. Dinky Sinky nimmt diese Trauer ernst. Gleichzeitig stellt der Film die Angst vor einer unerfüllten Zukunft vehement in Frage. Frida, die Hauptfigur, ist in erster Linie nicht deshalb unglücklich, weil sie kein Kind hat, sondern weil sie sich auf die Idee eines Kindes fixiert. Alles andere in ihrem Leben wird diesem Wunsch angepasst und geht verloren. Fridas Problem ist ihre Vision eines Lebens mit Leerstelle. Die Frage, die sich im Film schließlich stellt, ist nicht, ob sich der Traum vom Kind erfüllt, sondern ob Frida loslassen kann, ohne zu wissen, was dann passiert.

DINKY SINKY | REGIE

Mareille Klein wurde 1979 in Köln geboren. Sie verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in Südamerika und arbeitete von 2001 bis 2004 in dem Berliner Journalistenbüro polyeides medienkontor. Sie studierte seit 2004 Dokumentarfilmregie an der HFF München. In dieser Zeit entstanden verschiedene Dokumentarfilme, unter anderem “Der Cousin”, der 2008 seine Premiere im Deutschen Wettbewerb des DOK Fest Leipzig feierte. Von 2009 bis 2011 unterbrach sie ihr Studium, um den abendfüllenden Dokumentarfilm “Auf Teufel komm raus” zu realisieren. Nach seiner Premiere auf den Hofer Filmtagen wurde er auf zahlreichen Festivals gezeigt und gewann mehrere Preise. 2012 startete “Auf Teufel komm raus” in den deutschen Kinos. Im Jahr 2012 kehrte Mareille Klein an die Filmhochschule zurück, um mit dem Kurzfilm “Gruppenfoto” ihren ersten Spielfilm zu drehen. “Gruppenfoto” gewann 2013 den Preis für den besten Kurzfilm beim Filmfestival Max Ophüls Preis. “Dinky Sinky” ist ihr erster langer Spielfilm.

Filmografie (Regie)

2016 DINKY SINKY - Spielfilm, HFF, BR, 94 Min.

2012 GRUPPENFOTO - Spielfilm, HFF, BR, 20 Min.

2010 AUF TEUFEL KOMM RAUS - Dokumentarfilm, WDR, BR, 83 Min.

2008 DER COUSIN - Dokumentarfilm, HFF, 45 Min.


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Donnerstag 18.01.2018
THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI
Ab 25. Januar 2018 im Kino
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THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI ist ein schwarzhumoriges Drama von Regisseur und Oscar®-Gewinner Martin McDonagh (IN BRUGES („Brügge sehen... und sterben?“, 2008)).

Nachdem Monate vergangen sind, ohne dass der Mörder ihrer Tochter ermittelt wurde, greift Mildred Hayes (Oscar®-Gewinnerin Frances McDormand) zu einer aufsehenerregenden Maßnahme. Sie lässt drei Reklametafeln an der Stadteinfahrt von Ebbing mit provozierenden Sprüchen bedrucken, die an den städtischen Polizeichef, den ehrenwerten William Willoughby (der Oscar®-Nominierte Woody Harrelson), gerichtet sind, um ihn zu zwingen, sich um den Fall zu kümmern. Als sich dessen rechte Hand, Polizist Dixon (Sam Rockwell), ein Muttersöhnchen mit Hang zur Gewalt, einmischt, nimmt der Konflikt zwischen Mildred und den Ordnungshütern des Städtchens schockierende Ausmaße an.

Fox Searchlight Pictures und Film4 präsentieren eine Blueprint Pictures Produktion und einen Martin McDonagh Film unter der Regie und nach einem Drehbuch von Martin McDonagh. Zum Ensemble gehören Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell, Abbie Cornish, Lucas Hedges, ´eljki Ivanek, Caleb Landry Jones, Clarke Peters, Samara Weaving und außerdem John Hawkes und Peter Dinklage. Als Produzenten fungieren Graham Broadbent, Pete Czernin und Martin McDonagh, als Ausführende Produzenten Bergen Swanson, Diarmuid McKeown, Rose Garnett, David Kosse und Daniel Battsek und als Ko-Produzent Ben Knight.
Zum Kreativteam gehören Kameramann Ben Davis, BSC, Produktionsdesignerin Inbal Weinberg, Cutter Jon Gregory, ACE, und Kostümdesignerin Melissa Toth; für die Musik zeichnet Carter Burwell verantwortlich und für das Casting Sarah Halley Finn, CSA. 

Ein Film von MARTIN MCDONAGH
Mit FRANCES McDORMAND, WOODY HARRELSON, SAM ROCKWELL, PETER DINKLAGE, ABBIE CORNISH u.a.

In THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI, Martin McDonaghs Trip in die Welt amerikanischer Kleinstädte, kommt es zu einem letzten Gefecht, als eine Mutter durch den unaufgeklärten Mord an ihrer Tochter zum Äußersten getrieben wird. Es ist der dritte Film von Martin McDonagh, einem irischen Bühnenautor, Drehbuchautor und Regisseur, der durch das Oscar®-nominierte und mit dem BAFTA ausgezeichnete Drehbuch für den kassenträchtigen Thriller IN BRUGES („Brügge sehen… und sterben?“, 2008) und die Krimikomödie SEVEN PSYCHOPATHS („7 Psychos“, 2012) bekannt wurde. 

Die Geschichte beginnt mit Mildred Hayes und den drei Reklametafeln, die sie an der Drinkwater Road mietet. „Nachdem ich mich dazu entschieden hatte, eine trauernde Mutter als Käuferin der drei Reklametafeln zu wählen, hat sich meine Geschichte quasi von selbst geschrieben“, sagt McDonagh. „Mildred ist eine starke, entschlossene und wütende, aber auch innerlich gebrochene Figur. Das war der Ursprung der Geschichte.“

Und diese Geschichte brachte Oscar ®-Gewinnerin Frances McDormand dazu, die moderne weibliche Variante eines klassischen Westernhelden, bis hin zum Showdown, zu verkörpern.  

„Ich lehnte mich bei der körperlichen Präsenz sehr stark an John Wayne an, weil ich mich als Mildred nicht an entsprechenden weiblichen Westernikonen orientieren konnte”, erklärt sie. „Sie steht eher in der Tradition jenes mysteriösen Mannes in Spaghetti-Western, der mit gezogenem Gewehr die Straße entlangläuft und alle abknallt – obwohl ich es wichtig finde, dass die einzige Waffe, die Mildred je benutzt, ihr Grips ist.“

„Ich konnte es in ihrem Gang und ihrer Haltung erkennen“, sagt McDonagh. „Ich glaube, dass John Wayne tatsächlich in gewisser Weise Frances’ Maßstab war. Aber ich sehe in ihr auch Brando und Montgomery Clift.“
Mit Mildred schrieb McDonagh zum ersten Mal ein Drehbuch mit einer weiblichen Hauptdarstellerin. Zugleich aber ist sie vielleicht auch sein erbarmungslosester Charakter - eine trauernde Mutter ohne jegliche Rücksicht, die schließlich eine ganze Stadt herausfordert. Zu McDormand gesellen sich die hochkarätigen Darsteller Woody Harrelson, Sam Rockwell, Abbie Cornish, John Hawkes, Lucas Hedges und Peter Dinklage.



DAS DREHBUCH

Der Kern von THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI ist Mildreds Konflikt mit dem Polizeichef von Ebbing. „Die Geschichte handelt von einem Krieg zwischen zwei Menschen, von denen jeder in gewisser Weise im Recht ist”, erklärt McDonagh, „und aus diesem Grundkonflikt entwickeln sich Drama und Spannung.“

Und von diesem Zorn, der nicht besänftigt werden kann, wird die Handlung angetrieben. Mit steigernder Spannung kommen auch alte Zerwürfnisse, tiefsitzender Groll und moralische Abrechnung ins Spiel.

So fragt sich McDonagh: „Wo soll man noch hin, wenn man durch einen tragischen Verlust und durch Groll in eine Sackgasse getrieben wurde? Was kann man tun, ob konstruktiv oder destruktiv, um die Dinge aufzurühren und etwas zu erreichen? Das ist doch ein interessanter Ausgangspunkt: Was passiert, wenn es eigentlich keine Hoffnung mehr gibt und man sich dazu entscheidet, solange auf den Putz zu hauen, bis es irgendwie doch wieder Hoffnung gibt. Ich glaube, dass diese Situation den Film von anderen Krimifilmen unterscheidet, diese unterschwellige Frage, was denn geschieht, wenn dieses Verbrechen nicht aufgeklärt wird?“

McDonaghs größte Herausforderung bestand vielleicht darin, die schwarzhumorigen Momente dieser Geschichte und Mildreds gefühlsbeladene Mission auszubalancieren. Er vertraute darauf, dass ein schwarzer, sogar beißender Humor sich von selbst einstellen würde, wenn er seinen Charakteren erlaubte, sowohl Angst und Trauer herauszulassen, aber auch ungerecht und dickköpfig sein dürften.

„Was Mildreds Tochter widerfuhr, ist so traurig und entsetzlich, dass ich das Gefühl hatte, die komischen Momente, und auch den schwarzen Humor, im Zaum halten zu müssen - dass Mildreds Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation für sich selbst stehen musste, ohne falsche Töne“, sagt McDonagh.

Mc Donaghs instinktives Geschick für sich überlagernde Stimmungen spornte die Schauspieler erst recht an. Ein Mitglied des Ensembles, Lucas Hedges. meint: „Die Dialoge, die Martin schreibt, sind gleichzeitig realistisch und poetisch, und das ist für einen Schauspieler traumhaft. Seine Texte sind emotional wahrhaftig, weisen aber, auf eine geradezu shakespearehafte Weise, über sich hinaus.“ Und Abbie Cornish ergänzt: „In Martins Dialogen ist etwas sehr Ursprüngliches, ohne Netz und doppelten Boden. Im Gegenteil: es atmet pure Wahrheit.“
Dieses Drehbuch, sagt McDonagh, ist das tragischste, was er bisher geschrieben hat, und doch geht es darin auch um die Suche nach Hoffnung. „Der Ausgangspunkt ist sehr traurig, doch es steckt auch viel Komisches darin - und ich hoffe, dass es stellenweise auch sehr bewegend ist“, überlegt er. „Ich nehme an, dass dies auch meine Art ist, das Leben zu sehen. Ich finde in gewissen Aspekten Traurigkeit, aber ich neige stets dazu, dies mit fröhlichen Dingen auszugleichen und mit Humor, wie schwarz er auch sein mag, der Hoffnungslosigkeit Paroli zu bieten.“ 

Für Produzent Graham Broadbent, der mit McDonagh bei IN BRUGES („Brügge sehen... und sterben?”, 2008) und SEVEN PSYCHOPATHS („7 Psychos”, 2012) zusammenarbeitete und diesen Film mit Pet Czernin produzierte, ist dieser Film letztlich „eine Gratwanderung zwischen Komik und Traurigkeit - und äußerst geistreich erzählt.“

Broadbent sagt außerdem, dass es McDonaghs Instinkte sind, die ihn dazu bringen, diese Balance zu halten. „Ich glaube, dass dies von Martins Theaterzeit herrührt“, sagt der Produzent. „Auf dem Filmset hat es den Anschein, als ob er schon im Voraus wüsste, wie die Menschen reagieren werden. Martin weiß einfach, wie die Worte, die er schreibt, und die Darstellungen, die er haben will, auf das Publikum wirken werden.“



MILDRED

Mildred, die in THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI die Ereignisse in Bewegung setzt, wird von Frances McDormand verkörpert. McDormand feierte ihr Leinwanddebüt in der klassischen schwarzen Komödie BLOOD SIMPLE („Blood Simple – Eine mörderische Nacht“, 1984) unter der Regie der Coen-Brüder und hat von da an eine Karriere vollzogen, die ihr unter anderem die großen Drei bescherte: einen Tony, einen Golden Globe und einen Oscar®.

„Ich habe die Mildred-Figur für Frances geschrieben“, sagt McDonagh. „Sie war die einzige Schauspielerin, von der ich wusste, dass sie alle Facetten von Mildred zeigen könnte. Sie musste in der Lage sein, sowohl eine Nähe zum Arbeitermilieu wie auch die Nähe zu Menschen aus einer eher ländlich geprägten Umgebung verkörpern zu können. Es musste außerdem jemand sein, der diesen Charakter nicht verkitschen würde. Alles in Frances Arbeit ist durch und durch wahrhaftig. Ich wusste, dass sie Mildreds Düsterkeit ausdrücken könnte und gleichzeitig dazu fähig wäre, Humor einzubringen - und dabei Mildreds Charakter treu bleiben würde.“

Mit dieser Filmfigur knüpfte McDormand an eine Tradition an, die lange für Männer reserviert war: die Rolle des einsamen Helden, der einer ganzen Stadt die Stirn bietet.

„Wir haben nie auch nur über eine andere Besetzung gesprochen“, merkt Graham Broadbent an. „Sobald Martins Skript vorzeigbar war, hat Frances es bekommen, sie hat ja gesagt, und das war es dann. Martin hat mit Mildred einen sehr ausgefallenen Charakter erdacht, und dann kam Frances dazu und hat sich dieser Figur auf ihre einzigartige Weise bemächtigt. Es gibt nur sehr wenige Leute, die die ganze Bandbreite zwischen Kummer und Humor bespielen können.
Mildred ist zeitweise ganz schön abgebrüht, doch Frances hat sich so sehr in ihre Menschlichkeit eingefühlt, dass, nach nur ein paar komischen Momenten, ihr das Publikum aus der Hand frisst.“

McDormand war McDonagh schon 15 Jahre zuvor, anlässlich einer Vorstellung seines preisgekrönten Stücks „The Pillowman“, begegnet. Kurz nachdem sie mit ihm über seine gerade beginnende Filmkarriere geplaudert hatte, schlug sie ihm vor, eine Rolle für sie zu schreiben. „Und sobald diese Worte meinen Mund verlassen hatten, wünschte ich, dass ich sie hätte zurücknehmen können - denn so etwas macht man nicht. Doch 15 Jahre später schickte er mir sein Drehbuch“, sagt sie. „Ich las das Skript, liebte das Skript und konnte kaum fassen, dass ich das Glück haben würde, diese Mildred zu spielen.“

„Ich finde, dass Martin wirklich gut darin ist, die menschliche Existenz in einer geradezu griechisch-antiken Weise zu beschreiben; in seiner Geschichte behandelt er so viele epische, tiefgreifende Themen“, sagt McDormand. „Und auch wenn er als Hauptfigur eine Frau statt eines Mannes nimmt, bewegt er sich im Reich der antiken Tragödie. Er spielt zugleich mit dem Genre des modernen Rache-Thrillers, aber es handelt sich nicht um einen Film über weibliche Rache. Wenn er erzählt, wie ein weiblicher Charakter Gerechtigkeit verlangt, weist die Geschichte über die Geschlechterfrage hinaus und sagt etwas über das Menschsein an sich aus.“

McDonaghs intensive Dialoge fanden ihren Widerhall in ihren eigenen schauspielerischen Instinkten. McDonaghs Stil ist für McDormand „eine Art magischer Realismus, hier unterfüttert mit einer sehr amerikanischen Subkultur, und basierend auf der Überzeugung, dass die Menschen in kleinen Städten nicht prosaisch, sondern poetisch sind.“

„Martin und ich hatten nie Probleme damit, uns die Wahrheit zu sagen – ich würde ihm alles mitten ins Gesicht sagen”, meint sie. „Ein Teil des Filmdrehs bestand also aus unseren Auseinandersetzungen. Wir haben nie eine Szene angefangen, ohne dass ich nicht zuvor einen Dialogsatz oder die Motive des Charakters hinterfragt hätte. Wir stritten besonders über die Szenen, in denen Mildred ein Bandana trägt. Für mich ist das ein Zeichen, dass sie in Aktion tritt – ich wollte das Tuch viel öfter tragen als er es vorsah.“

McDormand entdeckte in McDonaghs Arbeit also magischen Realismus und Elemente einer antiken griechischen Tragödie; daneben sah sie in THREE BILLBOARDS auch eine Art subversiven Western. Sie ließ sich in ihrer Darstellung von den Ikonen dieses männerdominierten Genres inspirieren – auch weil sie in diesem Genre kaum weibliche Vorbilder fand. „Im Nachhinein fällt mir auch Pam Greer in den siebziger Jahren ein – aber das stimmt eigentlich nicht, denn anders als Greer setzt Mildred nicht ihre Sexualität ein”, erklärt sie.

Und dennoch ist Mildred keine Revolverheldin. Sie ist eine Mutter, die Gerechtigkeit für ihre Tochter fordert. „Als Mutter lebt man stets am Rande des Abgrunds, das ist einfach so“, meint sie. „Ich habe meinen Sohn nicht geboren, ich habe ihn bekommen, als er sechs Monate alt war. Doch von dem Moment, in dem ich ihn hielt und ihn roch, wusste ich, dass ab jetzt meine Aufgabe darin besteht, ihn am Leben zu erhalten. Die ständige Angst und Sorge, die mit diesem Beschützergefühl einhergeht, ist etwas, das einen als Elternteil völlig beherrscht und in Anspruch nimmt - und das kann auch eine ziemlich zerstörerische Wirkung haben.“

Für McDormand war Mildreds überwältigender Kummer der Motor ihrer Darstellung. „Mildred ist nicht wirklich eine Heldin“, betont McDormand. „Dazu ist sie ein viel zu komplizierter Mensch.
Ihr Kummer hat sie in ein Niemandsland verschlagen, an einen Ort ohne Wiederkehr. Eins der Dinge, an die ich andocken konnte, als ich über Mildred nachdachte, war, dass es in den meisten Sprachen kein Wort für ihre Situation gibt. Wenn man seinen Ehemann verliert, ist man Witwe; wenn man seine Eltern verliert, ist man Waise. Aber es gibt keine Bezeichnung dafür, wenn Eltern ein Kind verlieren, weil das biologisch nicht vorgesehen ist. Es ist etwas, das sich jenseits der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit befindet, und genau darin steckt Mildred fest - und deshalb setzt sie alles auf eine Karte.“

Doch eines war McDormand auch klar. „Es war Joel (Coen, ihr Ehemann), der mal zu mir sagte: ‘ein Mensch entwickelt sich nicht zu einem Sturkopf - Mildred war schon immer ein Sturkopf’. Und unter diesen Umständen entwickelt sie sich von stur zu knallhart – aber sie besaß diesen Charakterzug schon immer. Und das erklärt, glaube ich, auch ihre häusliche Situation mit ihrem Ehemann Charlie.“

Mildred wird außerdem von jenen unüberlegten Sätzen gequält, die sie ihrer Tochter an den Kopf warf – dass sie ihr, just am Tag ihrer Ermordung, das Schlimmste wünschte. „Wie kann man mit so etwas leben?“ fragt McDormand. „Man kann es nicht, und sie kann es offensichtlich nicht.“

In McDormands Sichtweise hat Mildred bis zu diesem Zeitpunkt keine Tränen geweint – und das erklärt das Ausmaß der Gnadenlosigkeit gegenüber jedem, der sich ihr in den Weg stellt. „Ich denke, dass ist der Grund, warum sie das tut, was sie tut: sie hat keinen Zugang zu ihrer Verletzlichkeit, sie kann sich auf diese Gefühle nicht einlassen. Es ist für sie viel leichter einen Molotow-Cocktail zu werfen als zu weinen“, stellt sie fest. „Mich erinnerte Mildred immer an dieses Bild eines holländischen Jungen mit dem Finger in einem Loch im Deich – wenn Mildred ihren Finger wegzieht und alle Gefühle herauslässt, wäre sie vollkommen außer Gefecht gesetzt. Und deshalb bleibt ihr Finger drin.“ 

„Ich glaube, dass man Mildreds Verhalten nicht immer versteht, aber man hasst sie auch nie, man verunglimpft sie nicht”, sagt McDormand.

Woody Harrelson in der Rolle von Mildreds auserwähltem Gegner Chief Willoughby, meint, dass McDormand sich besonders sorgfältig auf ihre Rolle vorbereitete. „Frances hat sich wirklich gründlich mit Mildred auseinandergesetzt, bis hin zur Vorgeschichte ihrer Familie und ihrer Beziehung zu ihrer Tochter - die wir nie zu sehen bekommen, weil sie zu Beginn der Geschichte schon tot ist.“ „Als Schauspielerin ist sie wie ein Privatdetektiv. Sie kommt an und versucht so viel wie möglich über ihre Filmfigur herauszufinden, und das macht sich in ihrer Darstellung wirklich bemerkbar. Frances hat außerdem einen ziemlich schrägen Humor, und deshalb konnte sie die Dinge, die schon auf der Drehbuchseite lustig sind, noch ein wenig lustiger gestalten.“

Auch Rockwell schwärmt von McDormand: „Frances ist eine so kraftvolle Schauspielerin, und ihre Mischung aus Hartnäckigkeit und Mitgefühl passt genau zu Mildred. Für sie heißt es ‚kämpf oder stirb’. Sie ist selbst ein ziemlich willensstarker Mensch, und wie Mildred kann sie Mätzchen nicht ausstehen - und das kommt auch sehr stark ’rüber.“

Obwohl McDormand ständig das Drehbuch hinterfragte, war sie sich mit McDonagh über die permanente Gratwanderung im Tonfall der Geschichte einig. McDonagh dazu: „Uns war beiden klar, dass wir ein Auge darauf haben mussten, dass die Komödie nie die Oberhand gewinnen durfte über Mildreds emotionale Situation.
Wir fanden beide, dass Mildred alle Freiheiten haben sollte, um ihren Zorn, ihre Wut herauszulassen, alle ihre Gefühle auszudrücken. Frances hatte viele Bälle in der Luft, mit denen sie dann auch hervorragend jonglierte.“ 

Schon früh in ihrer Vorbereitung hatte McDormand eine Idee, die sie dann in ihrer Darstellung verwirklichte: Mildred sollte den ganzen Film hindurch dasselbe Äußere aufweisen – schmucklose Arbeitsklamotten, die sie konstant jeden Tag trägt. „Frances hatte die Idee, dass Mildred jeden Tag denselben Overall tragen könnte, eine Art ‚Kriegsuniform’, und ich fand das in filmischer Hinsicht auch sehr gut“, erinnert sich McDonagh. „Mit Kostümdesignerin Melissa Toth entwarfen wie den Overall, der aber nicht zu stereotyp sein sollte; deshalb haben wir hie und da Details angefügt. Die Idee, dass Mildred keine Zeit hat, um über ihre Kleidung nachzudenken, gefiel mit; sie befindet sich im Krieg.“

Und Toth ergänzt: „Frances verleiht Mildred einen sehr radikalen Charakter, und für sie war es wichtig zu zeigen, dass Mildred täglich, und von dem Moment an, an dem sie sich morgens anzieht, von einer Mission angetrieben wird. Mal trägt sie ein Bandana, mal nicht, und einmal trägt sie sogar den Arbeitskittel aus ihrem Souvenirladen über ihrem Overall – doch für Frances Darstellung war der Overall ein ausschlaggebendes Detail. Manchmal hat ein Kostüm befreiende Wirkung auf einen Schauspieler - es erlaubt ihm, sich vollständig in einen Charakter einzubringen.“

Toth fand es besonders großartig, wie in dieser Rolle die Uniform mit McDormands Wildheit verschmolz. „Ich mochte es sehr, dass Frances als Mildred auch hinterfragt, wie Frauen in der Gesellschaft auftreten können und sollten“, überlegt sie. „Mildred jedenfalls verbiegt sich nicht die Spur.“<



WILLOUGHBY

Die Reklametafeln, die am Stadtrand von Ebbing, Missouri, aufgestellt werden, scheinen direkt auf einen Mann zu zielen: Polizeichef Bill Willoughby, dem es bis dahin nicht gelang, den Mord an Mildreds Tochter aufzuklären und der sie ohne Trost zurücklässt Doch je mehr wir Chief Willoughby kennenlernen, umso mehr wird klar, dass dieser Mann, gegen den Mildred Krieg führt, bereits seinen eigenen Privatkrieg ausfechtet.

„Bill ist ein anständiger Mann, der dazu neigt, stets das Beste im Menschen zu sehen“, kommentiert McDonagh. „Er ist eigentlich der archetypisch gütige Kleinstadt-Polizist. Doch wir entdecken bald, dass seine Gesundheit angeschlagen ist, und dass er ein paar sehr düsteren Aussichten und Entscheidungen ins Gesicht sehen muss. Mildred hat die besten Gründe für ihre Attacke auf ihn - doch auch er hat sehr gute Gründe, so zu handeln wie er es tut.“

Die Rolle jenes Mannes, der Mildreds auserwählter Feind und zugleich ihre einzige Hoffnung ist, übernahm der zweimal für den Oscar® nominierte Woody Harrelson. Er war in den letzten Monaten auch in WAR OF THE PLANET OF THE APES („Planet der Affen: Survival”, 2017) als Colonel, der für das Überleben der Menschheit kämpft, und in THE GLASS CASTLE („Schloss aus Glas”, 2017) als exzentrischer Alkoholiker-Vater zu sehen.
McDonagh ist mit Harrelson seit Jahren befreundet und besetzte ihn auch als durchgeknallten Gangster Charlie Costello in SEVEN PSYCHOPATHS („7 Psychos“, 2012).

„In diesem Film sehen wir eine neue Seite von Woody - und eine ganz andere als in seinem Auftritt in SEVEN PSYCHOPATHS“, erklärt McDonagh: „einen ehrlicheren, traurigeren und realistischeren Charakter. Woody verleiht ihm nicht nur seinen großen Humor, sondern auch sehr viel Integrität und Anstand. Woodys eigene Anständigkeit überträgt sich auf Willoughby, und deshalb, glaube ich, kommt er so gut an.“

Broadbent ergänzt: „Sonst spielt Woody meist den Outlaw oder den Außenseiter, von NATURAL BORN KILLERS („Natural Born Killers”, 1994) bis RAMPART („Rampart – Cop außer Kontrolle”, 2011); er befindet sich gewöhnlich auf der falschen Seite des Gesetzes oder an finsteren Orten. Und deshalb ist es so spannend, ihn in Willoughby in der Rolle eines Polizeichefs zu sehen, der ein wirklich gutes Herz hat, als einen Mann, der in seiner Gemeinde geehrt und hochgeachtet ist.“

Harrelson wollte sich die Chance einer erneuten Zusammenarbeit mit McDonagh nicht entgehen lassen. „Für mich gehört Martin zu den größten Talenten“, sagt er. „Seine Schreibe ist so frisch, lebendig und witzig und hat zugleich soviel Tiefe - man findet nicht viele Drehbuchautoren, die das können. Er ist dazu fähig, menschliche Beziehungen und das menschliche Dasein in ihrer Tiefe zu erfassen und das Maximum an Humor, Spannung und Emotionen auszuloten.“ 

Vor allem anderem konnte sich Harrelson in Willoughbys Fähigkeit hineindenken, Druck von allen Seiten auszuhalten, ohne nachzugeben. „Mildred macht ihm ziemlich Dampf, und außerdem geht es ihm nicht gut, er muss also eine Menge aushalten”, erklärt Harrelson. „Das Interessante an ihm ist, dass er wirklich kein Hitzkopf ist. Er steht mitten im Zentrum dieser Attacken, hält aber trotzdem den Ball flach.”

Sobald die Reklametafeln aufgestellt sind, stehen sich Mildred und Willoughby in einer Pattsituation gegenüber - doch irgendwie haben sie auch gegenseitiges Verständnis füreinander. „Woody und ich haben uns nicht viel über die Charaktere unterhalten, das war gar nicht nötig“, sagt McDormand. „Woody und ich sind uns irgendwo ziemlich ähnlich. Tatsächlich hätte meiner Meinung nach ebenso gut er die Mildred und ich Willoughby darstellen können. Wenn irgendetwas im Film in die Nähe sexueller Spannung kommen sollte, dann befände es sich zwischen diesen beiden – aber es gibt etwas viel Spannenderes zwischen ihnen. Sie hätten Freunde sein können, sie hätte Partner sein können und unter besseren Umständen hätten sie auch gemeinsam eine Lösung finden können.“

Harrelson identifizierte sich auch mit Willoughbys unerschütterlicher Zuneigung zu seiner Familie, komme was wolle. „Ich identifizierte mich sehr mit seinem Bedürfnis, seine Kinder und seine Frau zu schützen. Und ich mochte es auch, dass Willoughby sich nicht lange mit seinen Gesundheitsproblemen aufhält“, sagt er. „Er gehört zu den Kerlen, die sich dafür entscheiden, ihr gewohntes Leben weiterzuleben. Er weigert sich, sich unterkriegen zu lassen.“

Der Ärger in Willoughbys Leben wächst sich zu einer Krise aus - und McDonagh ließ Harrelson viel Freiheit bei der Darstellung der emotionalen Wendepunkte. „Martin ist kein umständlicher Regisseur“, so beschreibt es Harrelson. „Er kommt an mit ein paar Stichworten, doch er hat einen scharfen Blick und kann mit ganz leichten Korrekturen unglaublich viel bewirken. Außerdem hat er einen echten Sinn für Humor. Er bringt es fertig, mich aufzuziehen, wenn ich übertreibe, und mich damit zum Lachen zu bringen, anstatt mich zurecht zu stutzen.“
Am Allerwichtigsten, sagt Harrelson, ist McDonaghs Talent, Charaktere zu entwerfen, deren Potential sich erst im zweiten Blick offenbart. „Das Großartige an Martins Büchern ist, dass er einen dazu bringt, zu entdecken, wie viel mehr in vermeintlich banalen Charakteren steckt. Und dann beginnt man, sich um sie zu sorgen und in ihnen etwas anderes zu sehen als das, was man anfangs dachte. Und genau das ist es, so schafft er es, etwas zu zeigen, was wirklich hängen bleibt“, resümiert Harrelson.

Der Schlüssel für die Ausgeglichenheit von Polizeichef Willoughby ist Willoughbys Ehefrau Anne. Diese Rolle wird von Abbie Cornish übernommen, die bereits zuvor mit McDonagh und Harrelson in SEVEN PSYCHOPATHS („7 Psychos“, 2012) gearbeitet hatte. Dies war der Grund, weshalb die Beziehung zwischen Ehemann und –frau von Anfang an stimmig wirkte. „Woody und ich sind Freunde, und das erleichterte den Schritt in dieses vertraute Eheleben“, meint Cornish. „Ich konnte mich ziemlich zwanglos in Anne verwandeln. Anne und Willoughby haben eine ziemlich reiches Eheleben, voller Liebe und Bewunderung, aber sie können sich auch gegenseitig hochnehmen, sich zum Lachen bringen und verführen. So als ob ihre Liebe noch ganz jung wäre - und gleichzeitig hat ihre Verbundenheit etwas Zeitloses.” 

Cornish war bewegt davon, wie tief Harrelson in Willoughbys Charakter eintauchte. Dies machte es für sie noch einfacher, sich als Anne mit dem Verfall ihres Ehemanns auseinander zu setzen. „Als Schauspieler ist Woody sehr direkt”, meint sie. „Es war wunderschön mitzuerleben, wie er seiner Rolle als Willoughby in einem Stadium, in dem die Aussichten dieser Figur trostlos sind, soviel Ausstrahlung mitgab. Das Schicksal hat Willoughby am Wickel, doch Woody bringt diesen Charakter zum Leuchten. Dieses Erlebnis war für mich eine große Freude, auch weil ich nie wusste, was Woody als nächstes tun würde – und das ist, besonders wenn man ein Ehepaar spielt, auch ziemlich anregend.“
(Quelle: Verleih)
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 11.01.2018
DER ANDERE LIEBHABER
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Als sich die attraktive Chloé in ihren Psychotherapeuten Paul verliebt, scheinen all ihre Probleme gelöst. Sie zieht mit ihm zusammen, doch schon bald merkt sie, dass er ihr etwas verheimlicht. Durch Zufall entdeckt Chloé, dass Paul einen Zwillingsbruder hat, der ebenfalls Therapeut ist. Von Neugier getrieben begibt sie sich bei ihm in Behandlung und ist geschockt: Obwohl er ihm äußerlich aufs Haar gleicht, ist Louis das völlige Gegenteil seines Bruders – arrogant, zynisch und besitzergreifend. Trotzdem fühlt sich Chloé von ihm angezogen und gerät in ein gefährliches Geflecht aus Begierde und Täuschung.


PRESSENOTIZ
Mit großer Lust variiert François Ozon das Motiv des Doppelgängers auf allen denkbaren filmischen Ebenen und schlägt dabei genüsslich über die Stränge. Gewohnt stilvoll führt er seine Zuschauer hinters Licht. DER ANDERE LIEBHABER basiert lose auf einem Roman von Joyce Carol Oates und feierte seine Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2017.

Ein Film von François Ozon
Mit Marine Vacth (Chloé Fortin), Jérémie Renier (Paul Meyer/Louis Delord), Jacqueline Bisset (Madame Schenker/Chloés Mutter), Myriam Boyer (Rose, die Nachbarin) u.a.

DER ANDERE LIEBHABER basiert lose auf dem Roman „Lives of the Twins“ (dt.: „Der Andere“) von Joyce Carol Oates, den diese 1987 unter dem Psyeudonym „Rosamond Smith“ veröffentlichte. Der Roman diente bereits dem TV-Film MAN LIEBT NUR ZWEIMAL (Originaltitel: LIES OF THE TWINS, 1991) mit Isabella Rossellini als Vorlage.

Chloé (Marine Vacth) leidet unter rätselhaften Bauchschmerzen. Da alle ärztlichen Untersuchungen ohne Ergebnis bleiben, sucht sie Rat bei dem Psychologen Paul (Jérémie Renier). Bereits nach wenigen Sitzungen geht es der jungen Frau besser, zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich verstanden. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesbeziehung und Chloé ist glücklich – bis sie bemerkt, dass Paul etwas vor ihr verheimlicht.
Sie findet heraus, dass er einen Zwillingsbruder hat, der ebenfalls als Psychotherapeut arbeitet. Hinter Pauls Rücken beginnt sie, sich mit Louis zu treffen, der ganz anders ist, als sein Bruder. Mit seiner arroganten Dominanz, seiner animalischen Hemmungslosigkeit und besitzergreifenden Brutalität übt er eine starke Faszination auf Chloé aus. Mit ihm kann sie die Bedürfnisse ausleben, die sie vor Paul verbirgt. Doch auch Louis hat Geheimnisse vor Chloé und schon bald gerät sie in ein Geflecht aus Täuschung und Verlangen. Nach und nach kann sie Phantasmagorien und Wirklichkeit nicht mehr auseinander halten.


FRANÇOIS OZON
François Ozon wurde am 15. November 1967 in Paris als Sohn einer Französischlehrerin und eines Biologen geboren. Schon früh begeisterte er sich für das Kino und drehte in seiner Jugend Super-8-Filme, in denen seine Familie vor der Kamera stand. Nach einem filmwissenschaftlichen Studium an der Université Paris I wurde er an der renommierten Filmhochschule La Fémis angenommen. 1994 schloss er sein Regiestudium ab. Nach mehreren preisgekrönten Kurzfilmen erlangte er 1997 mit dem knapp einstündigen Film BLICKE AUFS MEER größere Bekanntheit. Ein Jahr später drehte er mit der Farce SITCOM seinen ersten Langfilm. Mit UNTER DEM SAND, in dem Charlotte Rampling den Tod ihres Mannes nicht überwinden kann, gelang ihm im Jahr 2000 der große Durchbruch. In seinem nächsten Film, der Musicalkomödie 8 FRAUEN, konnte er mit Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Emmanuelle Béart, Fanny Ardant, Virginie Ledoyen und Ludivine Sagnier die Crème de la Crème des französischen Kinos vereinen. Das Ensemble wurde für seine herausragende Leistung auf der Berlinale 2002 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Mit SWIMMING POOL wurde er 2003 erstmals in den Wettbewerb von Cannes eingeladen. Nach JUNG & SCHÖN ist DER ANDERE LIEBHABER der dritte Film, mit dem Ozon im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes vertreten war.
Mit einem verlässlichen Output von einem Film pro Jahr ist François Ozon derzeit einer der produktivsten Regisseure Frankreichs. Dabei versucht er sich stets in anderen Genres, sei es intimes Drama, Melodrama, Komödie, Krimi, Musical, Film Noir, Thriller oder Kostümfilm. Oft basieren seine Filme lose auf literarischen Vorlagen und immer wieder finden sich darin Reminiszenzen an Vorbilder wie Douglas Sirk, Luchino Visconti, Joseph L. Mankiewicz, Billy Wilder, Pedro Almodóvar und vor allem Rainer Werner Fassbinder.

FILMOGRAPHIE (AUSWAHL)
2017 DER ANDERE LIEBHABER
2016 FRANTZ
2014 EINE NEUE FREUNDIN
2013 JUNG & SCHÖN
2012 IN IHREM HAUS
2010 DAS SCHMUCKSTÜCK
2009 RÜCKKEHR ANS MEER
2009 RICKY – WUNDER GESCHEHEN
2007 ANGEL – EIN LEBEN WIE IM TRAUM
2005 DIE ZEIT DIE BLEIBT
2004 5X2 – FÜNF MAL ZWEI
2003 SWIMMING POOL
2002 8 FRAUEN
2000 UNTER DEM SAND



INTERVIEW MIT FRANÇOIS OZON

Joyce Carol Oates:
Schon lange bewundere ich Joyce Carol Oates für ihren präzisen Schreibstil, ihre scharfen psychologischen Beobachtungen, komplexen Figuren und intelligente Erzählweise. Als ich herausfand, dass sie unter dem Pseudonym „Rosamond Smith“ auch Psychothriller und Krimis – eine Gattung, die oft als minderwertig angesehen wird – geschrieben hat, habe ich mich sofort auf diese Romane gestürzt, wohlwissend, dass ihre grenzenlose Vorstellungskraft tollen Stoff für einen Film liefern würde. Dabei stieß ich auf „Lives of the Twins“ (dt.: „Der Andere“). Für DER ANDERE LIEBHABER habe ich die Prämisse der Geschichte übernommen: Eine Frau findet heraus, dass ihr Psychotherapeut und späterer Liebhaber einen Bruder hat, der auch Therapeut ist. Joyce Carol Oates erzählt die Geschichte auf sehr realistische Art und Weise. Ich konzentrierte mich hingegen mehr auf die psychischen Aspekte der Geschichte, verlegte die Geschichte nach Frankreich und fügte am Ende eine medizinische Erklärung hinzu. Oates Lieblingsthemen bleiben aber im Kern erhalten: Neurosen, Sex und die dunklen Seiten gespaltener Persönlichkeiten.

Zwillinge:
Ich wollte das Thema „Zwillinge“ als etwas Faszinierendes, Monströses wie auch Kunstvolles
behandeln. So hatte ich die Idee, Chloé in einem Museum arbeiten zu lassen. Chloé absorbiert und reflektiert die Kunstwerke um sich herum. Zu Beginn des Films sind die Kunstwerke im Museum noch ästhetisch gefällig. Im weiteren Verlauf des Films werden die Kunstwerke mehr und mehr organisch und unheimlich – sie reflektieren Chloés inneres Unbehagen. Natürlich habe ich gleich an Cronenbergs DIE UNZERTRENNLICHEN gedacht. Ich glaube, dass Joyce Carol Oates ihr Buch geschrieben hat, nachdem sie diesen Film gesehen hat. Denn auch er ist sehr organisch und impliziert den Aspekt der Gynäkologie. Doch hier wird die Geschichte aus der Perspektive der Zwillinge erzählt, während Oates sich mehr auf die junge Frau konzentriert, die zwischen zwei Brüdern gefangen ist. Für mich war es wichtig, Chloé im Zentrum der Geschichte zu platzieren, ihren Bauch zu zeigen, wie er anschwillt und schmerzt, und ihr Verkennen eines parasitären Fötus als eine Schwangerschaft.

Psychoanalyse:
Ich wollte schon immer mal die Erfahrung einer psychoanalytischen Sitzung in einem Film darstellen. Anfangs sitzt Chloé vor ihrem Therapeuten und monologisiert über ihre Träume, Gefühle, ihre Kindheit. Das Publikum wird sofort mit ihrem intimsten Innersten konfrontiert und wird vielleicht nervös: Wird das jetzt anderthalb Stunden so weiter gehen? Ich wollte mich nicht festlegen auf ein klassisches, analytisches Setup mit neutralem, statischem Aufbau und vorgegebenen Codes. Ich wollte etwas Dynamischeres. Ich wollte, dass das Publikum Chloé auf die gleiche Weise folgt wie ein Therapeut seinem Patienten – wie in einem Fluss.
Die visuellen Effekte und unterschiedlichen Einstellungen wirken dem Dialog fast schon
entgegen. Wenn man genau zuhört oder den Film ein zweites Mal sieht, stellt man fest, dass
die gesamte Geschichte bereits in den ersten 10 Minuten des Films erklärt wird.

Doppelleben:
Louis‘ Figur bietet Chloé die Möglichkeit, die Sehnsüchte und Fantasien auszuleben, die sie vor Paul versteckt. Denn ihre Liebe zu Paul hindert sie daran, eine intensivere und hemmungslosere Seite ihrer Sexualität auszuleben. Meine Filme handeln oft davon, dass wir das Imaginäre brauchen, um die Realität zu bewältigen. In jeder Liebesbeziehung, auch in einer glücklichen, gibt es Momente der Frustration und ein natürliches Bedürfnis nach einem gedanklichen Freiraum, in dem Fantasien stattfinden können. Unser Partner kann niemals all unsere Bedürfnisse befriedigen. Oft brauchen wir zusätzlich etwas mehr oder etwas anderes.

Regie:
Nach einem strikten, klassischen Film wie FRANTZ hatte ich bei DER ANDERE LIEBHABER
durch das Eintauchen in Chloés imaginäre Welt mehr Raum für stilistische Entscheidungen. Im Kern wird eine psychische Geschichte erzählt und meine Idee war es, auf eine architektonische Art und Weise Regie zu führen, mit Symmetrien, Reflektionen und Geometrie zu arbeiten. Meine letzten drei Filme habe ich auf 35 mm gedreht. Für DER ANDERE LIEBHABER bin ich aber zum Digitalen und zu Cinemascope zurückgekehrt, um ein schärferes, moderneres Bild zu bekommen, das manchmal vielleicht klinisch wirkt, aber immer ästhetisch.

Psychothriller:
Die intensive Subjektivität der ersten 10 Minuten bestimmt den Rest des Films. Die Idee war, Chloé Schritt für Schritt zu folgen und eine narrative Spannung zu erzeugen, indem man mit Suspense-Elementen spielt und gleichzeitig den Fluss der Realität in psychotische und fantastische Momente abdriften lässt. Dadurch konnte ich rein realistischen Registern entkommen und in die Imagination der Figur eintauchen. Mit gefiel die Idee, wie die äußerlichen Gefahren und Bedrohungen Chloés innere Dämonen zu Tage fördern.

Marine Vacth:
Als mir vor vier Jahren die Idee zu dem Film kam, wollte ich Marine eigentlich nicht für die Rolle, da ich sie für zu jung hielt. Aber als ich dann später auf den Film zurückkam, nachdem ich FRANTZ gedreht hatte, war Marine reifer geworden. Sie hatte ein Kind bekommen, war eine richtige Frau geworden. Und wir hatten beide große Lust, wieder zusammen zu arbeiten. In gewissem Sinne kann man JUNG & SCHÖN als dokumentarisches Porträt einer aufstrebenden jungen Schauspielerin sehen. Dort verkörperte Marine einen schweigsamen, undurchsichtigen und rätselhaften Teenager, auf den das Publikum seine eigenen Interpretationen projiziert. In diesem Film nun tritt Marine als erfahrene Schauspielerin auf und kreiert einen Charakter. Das Geheimnis liegt in ihr verborgen, sie sucht den Schlüssel, um es zu lüften, und wir begleiten sie dabei. So gelangen wir in ihren Kopf und ihren Bauch.

Jérémie Renier:
Nach EIN KRIMINELLES PAAR und DAS SCHMUCKSTÜCK ist dies nun meine dritte Zusammenarbeit mit Jérémie. In meinem Kopf war er immer noch der Junge, den ich 1998
kennengelernt hatte, deshalb wollte ich erst einmal einen Screen Test machen. Ich befürchtete, er könnte nicht die nötige Reife für die Rollen mitbringen. Dann war ich aber positiv überrascht, wie viel Stärke und Männlichkeit er sich über die Jahre angeeignet hatte.
Und als er ein paar Szenen mit Marine probte, zeigte sich eine echte erotische Spannung zwischen den beiden. Der Ausgangspunkt der Rollen Paul und Louis ist simpel: Guter Junge, böser Junge. Aber Jérémie hat den Figuren eine Vielschichtigkeit verliehen. Es stellte sich schnell heraus, dass Paul der schwierigere der beiden Charaktere war. Er ist der Mysteriöse, denn er hat am Meisten zu verbergen. Das regt die Fantasie des Zuschauers an, er kann mehr in ihn hinein projizieren. Mithilfe der Kostüme und Frisuren versuchten wir, Unterschiede hervorzuheben, aber auch in der Art, wie sie sich bewegen, wie sie reden. Für Louis hatten wir uns erst eine tiefere, herrischere Stimme vorgestellt. Dann aber erkannten wir, dass es viel verstörender ist, wenn beide in der gleichen Tonlage sprechen. Dann geht es uns wie Chloé und wir kommen an den Punkt, an dem wir nicht mehr wissen, ob wir es gerade mit Paul oder mit Louis zu tun haben.

Paul/Louis:
Paul sollte ein gewissenhafter Psychotherapeut sein, der sich ernsthaft auf Chloé einlässt. Louis hingegen missachtet alle Regeln und Mechanismen der Psychoanalyse. Er macht unangemessene Bemerkungen und gibt abscheuliche Auslegungen. In der ersten Sitzung mit Chloé tut er so, als würde er sie kennen. Das führt das Publikum zu der Annahme, er sei Paul. Es ist, als ob Louis alles laut ausspricht, was sich Paul nicht zu sagen traut – und zwar auf eine brutale Art, ohne Tabus, ohne Über-Ich. Alles, was mit den beiden Brüdern zusammenhängt, ist in Spiegelbildern konzipiert, vor allem in der Ausstattung. Pauls Sprechzimmer ist gemütlich und einladend, mit Ledercouch, flauschigem Teppich und warmen Farben. Louis Sprechzimmer ist gläsern, mit Marmorakzenten, kalten Farben und künstlichen Blumen. Was die Spiegel an sich betrifft, sind die bei Paul horizontal und die bei Louis vertikal.

Mütter:
Alle drei Frauen in Chloés Leben können als Mutterfiguren gesehen werden. Miriam Boyer, die Chloés Nachbarin spielt, ist die aufdringliche, etwas groteske und vereinnahmende Mutter – mit ihren ausgestopften Katzen wirkt sie ein bisschen wie eine Hexe. Jacqueline Bisset ist die echte Mutter, die abwesende Mutter, die Chloé zu Beginn des Films während ihrer Sitzung mit Paul erwähnt. In ihrer Fantasie wird diese Mutterfigur zu Madame Schenker, einer Mischung aus Krankenschwester und Gefängniswärterin, die sich zu Hause um ihre schwer geschädigte
Tochter kümmert. Jacqueline Bisset war mit ihrem angelsächsischen Charme, ihrer katzenhaften Schönheit und ihrer äußerlichen Ähnlichkeit zu Marine eine naheliegende Wahl. Dominique Reymond ist die klinische Mutter, die Ärztin, die Chloé über ihre Diagnose informiert – freundlich, aber ohne emotionale Verbindung. Ich liebe die Kombination aus Coolness und Empathie, die Dominique in die Rolle bringt.
Autor: Siehe Artikel
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