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Inhaltsverzeichnis
Johannes Grützke in Penzberg: Begriffe weg. Neugier her!

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Puchheim: 3. Puchheimer Bluesfestival – Im Grunde alles ganz einfach

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Landsberg: Der Kaukasische Kreidekreis - Das Glanzlose des Menschseins

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Fürstenfeld: Shalosh – Explodierende Spielfreude

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Landsberg: Norma Winstone – Verbindet Gegensätze, bricht Distanzen

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Landsberg: Carlos Cipa & Occupanther – Hörspiel ohne Worte

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Dienstag 13.03.2018
Johannes Grützke in Penzberg: Begriffe weg. Neugier her!
Diese Ausstellung ist ein Schock. Der Maler stürzt sich förmlich auf seine Betrachter: Als grimassierender Alter, als eitler Fatzke, als halbnackter Poser. In grellen Farben, in riesigen Formaten und von einer Fleischlichkeit, die man am ehestens noch mit den Schlachthausbildern von Lovis Corinth vergleichen kann. Und dazu schreit er auch noch: „Werdet wie ich: Johannes Grützke!

Keine Frage, mit dieser ersten Ausstellung im bislang eher beschaulichen Museum Penzberg ist der neuen Interimsleiterin Freia Oliv ein großer Wurf gelungen – und das auch noch in einem atemberaubenden Tempo: Erste Kontaktaufnahme mit dem Galeristen am 6. Januar, Ausstellungseröffnung am 9. März. Der mehr als straffe Zeitplan ist den etwas krausen Entscheidungen des Penzberger Stadtrats hinsichtlich alter und zukünftiger Leitung des Museums geschuldet. Oliv aber verschwendete keinen einzigen Arbeitstag und griff umgehend den Vorschlag ihrer Vorgängerin auf, mit der Galerie Klaus Kiefer in Essen in Kontakt zu treten, die den 2017 verstorbenen Berliner Maler Johannes Grützke vertritt. Eine Woche später saß sie im Zug nach Essen und wählte rund sechzig Arbeiten für eine Ausstellung aus.

Weg mit den erklärenden Texten von der Kunst, die Bilder selbst wirken lassen – das war die Devise der erfahrenen Kunstvermittlerin beim Aufbau der Ausstellung. Jetzt füllt Grützke alle Wände des engen Bergarbeiterhäuschens: Monumental bis an den äußersten Bildrand herangezoomt, nicht einmal die Brille findet Platz auf der mehr als zwei Quadratmeter großen Leinwand, der halbgeöffnete Mund ist ein riesiges rotes Loch. Der Erdgeschossraum ist eine einzige Selbstinszenierungsarena für diesen ebenso widersprüchlichen wie genialischen Maler, der sich mal als sterbenden Christus und mal als Protagonist eines Historienschinkens darstellt. Im ebenso riesigen Format schlachtet er als personifizierte Realität erst die Authentizität ab, wird wiederum von der „Idealität“erstochen und bleibt schließlich als Rückenfigur der Demut übrig, die freilich ebenfalls einen Mord an ihren Idealen begangen hat. Das Ganze ist ein plakativer Farbenrausch – aber zugleich von allergrößter malerischer Virtuosität. Grützke zitiert unverfroren aus der Kunstgeschichte, ahmt Malstile und Darstellungskonventionen nach, verfremdet sie aber im selben Atemzug so sehr, dass nichts als ein einziges großes Rätsel übrig bleibt. Er malt wieder und wieder sein eigenes Gesicht, häßlich, verzerrt, faltig und schrill. Er formt seinen Kopf in Ton, als Vollplastik und als Relief. Und als ob das alles noch nicht genug wäre: Auch auf den Texttafeln in den Gängen kommt er selbst zu Wort und darf dort sein Spiel mit subjektiven Realitäten fortsetzen. Er beschreibt sich in einem frech verbogenen Lebenslauf und behauptet: „Ich habe in meinem Leben noch kein Selbstporträt gemacht.“

Die Kuratorin hat sich voll und ganz auf diesen Künstler eingelassen. Und der Ausstellungsbesucher kann das Museum entweder fluchtartig verlassen – oder sich ebenfalls voll und ganz einlassen. Dann aber wird er im ersten Stock und ganz oben in den Dachstübchen einen  ungemein vielseitigen Künstler entdecken, einen der produktivsten Widerspruchsgeister, die Berlin je hervorgebracht hat, einen Maler und Zeichner, der sein Handwerkszeug meisterhaft beherrscht und es einsetzt, um sich abwechselnd ins Rampenlicht oder ins Abseits zu manövrieren. Die Zeitgeistströmungen des Kunstgeschehens interessierten den 1937 geborenen Maler, der unter anderem Schüler von Oskar Kokoschka war, nur insofern, als er sie mit einem einzigen Handstreich beiseite wischen konnte. Als Antwort auf die abstrakte Malerei gründete er seine „Schule der neuen Prächtigkeit“. Er sagte: „Begriffe weg. Neugier her!“ Und schließlich: „Ich bin jetzt soweit, dass ich es laut sage: Moderne Kunst ist Blödsinn. Ich habe damit nichts zu tun, ich bin kein moderner Künstler, ich bin Klassiker! Kunst ist nicht modern, sondern immer!“

Am Malen interessierte ihn das Prozesshafte, nicht das Ergebnis. „Malen ist Denken“, so sein Diktum. Auch an den Grenzen der Gattungen machte er keinen Halt: Er war ein brillanter Redner, trat als Musiker auf und arbeitete am Theater, wo er vor allem für Peter Zadek Bühnenbilder und Kostüme entwarf. Und wie gesagt, wer es bis ins oberste Stockwerk schafft, der wird ihn in dieser Ausstellung in jeder Etage, ja in jedem Raum neu entdecken – ganz zuletzt dann auch als höchst sensiblen Beobachter mit nur noch ganz leiser Ironie.

Katja Sebald

Museum Penzberg — Sammlung Campendonk
Am Museum 1, 82377 Penzberg

(Ehemalige Karlstraße 61)

Abbildungen:

Grützke Selbst 21.9.2012
© Galerie KK Klaus Kiefer

Grützke Selbst 27.8.1997  
© Galerie KK Klaus Kiefer  

Grützke Selbst 1995 groß
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Samstag 03.03.2018
Puchheim: 3. Puchheimer Bluesfestival – Im Grunde alles ganz einfach
Puchheim. Das Erfolgsrezept scheint im Grunde ganz einfach. Man nehme ein Paar Blues-Enthusiasten (am besten eignen sich hier gestandene Musiker aus der Szene) und einen engagierten wie erfahrenen Veranstalter. Und wenn zwischen ihnen die Chemie stimmt, hat man den Renner der Region. Gestern Abend eröffneten Black Patti den mittlerweile 3. Jahrgang des Puchheimer Bluesfestivals. Und wie auch schon in der Vergangenheit war das Kulturcentrum PUC im Vorfeld fast ausverkauft. An beiden Tagen! Was zeigt, dass der Blues weitaus lebendiger ist, als immer wieder behauptet wird. Wie gesagt, im Grunde alles ganz einfach. Nur: Man muss es tun!!
Aber der Reihe nach: Als Dreh- und Angelpunkt des zweitägigen musikalischen Spektakels zeichnet sich das Duo Black Patti verantwortlich. Peter Crow C. und Ferdinand "Jelly Roll" Kraemer haben das Programm zusammengestellt, sind so etwas wie die Master of Ceremonies und dazu ganz ausgezeichnete Instrumentalisten. Für die Rahmenbedingungen dieses einzigen Musik-Festivals im Landkreis Fürstenfeldbruck sorgt Michael Kaller und sein Team vom Puchheimer Kulturcentrum PUC. Sie haben die organisatorischen Fäden fest in der Hand – so dass es am Freitagabend pünktlich losgehen konnte.

Black Patti haben sich dem Blues der 1920er und 1930er Jahre verschrieben, dem Country- und Delta-Blues, der durch Legenden wie Mississippi John Hurt oder Big Billy Broonzy bekannt wurde. Aber die beiden greifen eben nicht auf die bekannten oder weniger bekannten Originale zurück, sondern schreiben eigene Stücke, die sie entsprechend ihrer Favoriten interpretieren. Black Patti klingen rau und ungeschliffen, schwer und kantig. Aber auch sensibel und hin und wieder ist ihre Musik wohl temperiert. Der Satzgesang ist auf herausfordernd unprätentiöse Weise immer wieder ein Genuss. Und ihr Gitarrenspiel ist wirkungsvolle Ökonomie in Reinkultur.
In Stefano Ronchi wurde ein Solisten nach Puchheim eingeladen, der musikalisch ein weites Blues-Spektrum abdeckt. Stimmlich setzt er beeindruckende Ausrufezeichen und an der Gitarre ist er sowohl im Fingerpicking-Stil als auch in der Bottlenecktechnik ein wahrer Meister. Auf einen speziellen Blues-Stil hat sich der Italiener nicht spezialisiert. Sein Repertoire reicht von den frühen Anfängen im Mississippi-Delta bis hin zu Gospel und Rhythm & Blues, wobei Ronchi in den Interpretationen seiner Balladen deutliche Popzitate verarbeitet. Auf jeden Fall ist er eine Entdeckung, von der man mit Sichherheit in Zukunft noch hören und lesen wird.
Nach der Pause dann der süddeutsche Altmeister des Boogie Woogie und New Orleans-Stils Christian Willisohn. Seit fast vier Jahrzehnten hält der Sänger und Pianist die Flamme des Blues am brennen. Man spürt seine Erfahrung, aber auch seine Hingabe, wenn er mit kräftigen Akkorden das Klavier bearbeitet und mit seiner sehnsuchtsvoll und leidenschaftlichen Stimme die Botschaft des Blues vermittelt. Er scheint sich um die Welt „da draußen“ nicht zu kümmern – wenn, ja wenn nicht im Blues schon die ganze Welt in ihrer ganzen Emotionalität stecken würde. Natürlich geistern bei seinem Auftritt Namen wie Dr. John durch den Raum. Aber Willisohn ist weniger der Voodoo-Meister, als vielmehr der Vollblutmusiker, der in mancher Boogie-Pirouette glückseelig aufgeht.  
Ein musikalisch beeindruckender erster Festivaltag, dem heute ein Konzert mit Erik Trauner (Solo) und der Al Jones Bluesband folgt. Und nächstes Jahr? Da findet die Erfolgsgeschichte des Puchheimer Bluesfestivals mit Sicherheit eine Fortsetzung. Denn die Chemie, die stimmt.
Jörg Konrad
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Mittwoch 28.02.2018
Landsberg: Der Kaukasische Kreidekreis - Das Glanzlose des Menschseins
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Foto: Matthias Horn
Landsberg. Die Geschichte ist einfach erzählt: Die leibliche Mutter, eine vermögende wie hysterische Gouverneurin flieht während des Bürgerkrieges und lässt selbstsüchtig ihren Sohn zurück. Die Magd Grusche Vachnadze, selbst arm, unbemittelt und gerade erst verlobt mit Simon Chachawa, der in den Krieg zieht, nimmt das schutzlose Kind auf, umsorgt es, gibt ihm in abträglichen Zeiten die Zuwendung und später auch Liebe, die ein Säugling braucht, um zu überleben und vielleicht auch eine Chance im Leben zu haben.

Eine Zeit später, es herrscht Friede im Land, kommt die Gouverneurin und fordert ihren Sohn zurück, der aufgrund der neuen/alten Verhältnisse Erbe eines beachtlichen Vermögens ist. Doch diese widersetzt sich der Forderung, so dass ein Richter entscheiden muss, wer die wahre Mutter des Kindes ist. Der Sohn wird über einen aus Blut gezeichneten Kreis gehalten und beide Frauen sollen um ihn kämpfen. Die biologische Mutter zerrt an ihm ohne Rücksicht auf das Kind. Grusche aber hat Angst, ihn bei diesem Händel zu verletzen. Sie gibt nach, verzichtet zum Wohlergehen des Kindes auf jegliche Gewalt. Der Richter entscheidet letztendlich aber für Grusche, da er in ihrem Rückzug die wahre Liebe einer Mutter zu ihrem Kind erkennt. So bestimmt das „Soziale“ das „Biologische“. Und genau um diese Form der Dialektik ging es Bertold Brecht nicht nur in diesem1954 erstmals in Deutschland aufgeführten Drama. „Der Kaukasische Kreidekreis“ war das Eröffnungsstück am jungen Ostberliner „Theater am Schiffbauerdamm“, das Brecht gerade als Anreiz, um im Land zu bleiben, vom damaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl übertragen bekam und das von nun an „Berliner Ensemble“ hieß und für große, auch streitbare Theaterkunst bis heute sorgt.

Vor einem knappen Jahr nun nahm sich Michael Thalheimer dieser Parabel noch einmal an und schuf eine völlig reduzierte Inszenierung des Stoffes, mit der das Berliner Ensemble am Dienstagabend im Landsberger Stadttheater brillierte. Mit bescheidenem Bühnenbild treibt Thalheimer die Handlung in bester Brecht`scher Manier bis an die Barriere des Erträglichen, ja in manchen Momenten bis über die Schmerzgrenze hinaus. Er lässt die Figuren sich im Blute suhlen, macht die Kriegsgreuel in ihrer psychologischen und leibhaftigen Wirkung spürbar, was für das Publikum nur schwer auszuhalten ist. Aber auf diese Art entlarvt Brecht, zwischen Expressionismus und Naturalismus changierend, die Gesellschaft, zeigt den Menschen ungeschminkt in einem fast animalischen Aktionismus. In seinem Verständnis von Klassenkampf zeigt er das Glanzlose des Menschseins, vermittelt Scham und Grauen. Eine schöne, heile Welt gibt es nicht. Sie ist erbarmungsloser Kampf.
Das Schauspielerensemble bringt diese Beklemmung provozierend und bedrückend über den Bühnenrand. Allen voran Stefanie Reinsperger, die die Grusche als einen etwas einfachen, bäuerlichen Charakter mit physischen Körpereinsatz darstellt. Sie dringt in ihrer fesselnden Präsenz tief ins Innere der Figur, lässt ihr kaum ein Geheimniss, zeigt Angst und Verzweiflung beängstigend real. Ingo Hülsmann als Sänger ist der Erzähler der Geschichte. Kein Moralapostel, sondern eher ein Dandy, der die Handlung emotionslos, fast nonchalant mit einem Hauch Coolness kommentiert. Nico Holonics, der den verlobten Simon gibt, und als gebrochene Persönlichkeit aus dem Krieg zurückkehrt, oder Tilo Nest, dessen Spiel des Richters an eine zynische Farce zwischen Karneval und blutiger Realität erinnert – das Ensemble besticht durchweg in seiner bestimmten und beunruhigenden Darstellung.
Doch im Grunde gehört das Stück allein der Grusche, die mit Blut, Schweiß und Tränen kämpft und mit letzter Kraft versucht, so etwas wie ein Stück Menschlichkeit zu retten und deren aufopfernder Widerstand dabei durchweg von den schneidenden wie aufwühlenden Gitarrenmetamorphosen Kai Brückners kommentiert wird. Ein aufrüttelnder Theaterabend – der mit Sicherheit noch lange nachwirkt.
Jörg Konrad
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Donnerstag 22.02.2018
Fürstenfeld: Shalosh – Explodierende Spielfreude
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Fürstenfeld. Israel ist ein im Grunde überschaubares, nicht sehr großes Land. Dafür eines der dicht besiedelsten Asiens. Aber Israel gleich ein Mekka des Jazz? Genau so ist es: Avishai Cohen (der eine ist Bassist, der andere spielt Trompete), Omer Klein, Yaron Herman, Gilad Atzmon, Shai Maestro – sie alle sind auf ihrem jeweiligen Instrument international tonangebend. Auch Gadi Stern. Ein Pianist, ein Tastenzauberer, dem mit seinem Trio Shalosh das Ernste in der Musik ebenso wichtig ist, wie das fröhlich Beschwingte. Beeinflusst von Nirvana, The Bad Plus und Johannes Brahms widerspiegelt seine Musik die Vielseitigkeit des zeitgenössischen Jazz heutiger Prägung. Und wie dieses Konglomerat aus verschiedenen Stilen, ja Kulturen musikalisch in seinem Trio klingt, das war gestern Abend in Fürstenfeld zu erleben. Jazz First macht`s möglich.
Gadi Stern hat bei seinem Auftritt mit David Michaeli am Bass und Schlagzeuger Matan Assayag deutlich unterstrichen, was den Jazz in Israel auszeichnet: Intelligenz, Spielwitz, Fantasie, Individualität und natürlich das Beherrschen des instrumentalen Handwerks. Im Prinzip also die Grundausstattung jedes erfolgreichen Jazzmusikers schlechthin. Shalosh bringt zusätzlich eine Frische und Unbekümmertheit ins Spiel, wie man sie nur selten erlebt. Die drei Musiker explodieren fast vor Spielfreude. Ihre extrovertierte Umsetzung des kompositorischen Materials überwältigt. Ihre melodischen Wechsel, ihr Variieren der Zeit (mehrmals innerhalb eines Stückes), ihr improvisatorischer Funkenflug lotet die Grenzen des Jazz gewaltig aus. Rockige Querverweise, östliche und afrikanische Ideen, ja selbst elektronische Erweiterungen paaren sich mit klassischer Virtuosität und energiegeladenem Jazz. Rastlos und vorurteilsfrei durchstöbern sie die Musiklandschaft, fordern heraus, provozieren ein wenig – und lassen dabei schon einmal den Gedanken zu: Bei aller gebotenen Qualität - weniger wäre manchmal vielleicht auch mehr. Trotzdem ist dieser gemeinschaftliche Energieschub des Trios Shalosh interaktionsreich und nicht zuletzt deshalb stark beeindruckend.
Jörg Konrad
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Foto: Michael Putland / ECM Records
Montag 19.02.2018
Landsberg: Norma Winstone – Verbindet Gegensätze, bricht Distanzen
Landsberg. Kann man über Norma Winstone schreiben, ohne Azimuth zu erwähnen? Dieses Jahrhundert-Trio mit dem unvergleichlichen Pianisten John Taylor, dem vollendeten Trompeter Kenny Wheeler und eben dieser beinahe göttlichen Stimme Norma Winstones? Die wenigen Alben, die sie gemeinsam einspielten, sind ganz nahe dem Olymp des Jazz geraten. Auf eine subtile, stille, auf eine poetische Art. Keine gezierten Manirismen, ohne jede hemdsärmelige Attitüde. Fein gesponnene Ideen, die mit zartem Flügelschlag zeitlos durch den Äther geistern, aber den Kontakt zum Hier und Jetzt nie ganz verlieren.
Aber, um auf die anfängliche Frage zurückzukommen: Ja, man kann über Norma Winstone schreiben, ohne Azimuth zu erwähnen. Aber es fällt verdammt schwer, wie man sieht.
Azimuth ist seit über drei Jahrzehnten Geschichte. Die englische Sängerin aber besitzt schon eine geraume Weile ein neues Trio – mit dem italienischen Pianisten Glauco Venier und dem deutschen Holzbläser Klaus Giesing. Und ein neues Album, das dieser Tage bei ECM München erschienen ist. Der einzige Tour-Termin in Deutschland anlässlich dieser Veröffentlichung war gestern, im Landsberger Stadttheater! Glückwunsch den Veranstaltern!
„Descansado - Songs For Films“ heißt die CD und das Programm. Beides gefüllt mit Kompositionen aus überwiegend bekannten Filmen. Doch dieses Trio, plus Helge Andreas Norbakken am Schlagwerk als Gast, setzt eben nicht auf die eingängigen Melodien von Michel Legrand, Ennio Moricone oder Nino Rota, bei denen das Publikum schon nach zwei Takten weiß, wohin die Reise geht. Das wahre Wunder der besten Songs, war einmal zu lesen, liegt im Zusammentreffen eines großartigen Textes mit einer großartigen Melodie. Die Melodien waren vorhanden, einige der Texte schrieb Norma Winston selbst und so entstanden zusätzliche großartige Songs.
Für die englische Norma Winstone ist Gesang immer auch eine eigenständige Kunst. Sie hat sich schon in der Vergangenheit in den unterschiedlichsten stilistischen Bereichen ausprobiert und immer Zeichen gesetzt. Ohne dabei die großen amerikanischen Jazzeusen zu kopieren. Sie fühlte sich schon immer im Umfeld der europäischen Tradition wohler, stand hier der Avantgarde und der klassischen Moderne näher, als den üblichen Traditionalisten. Ihre melancholische Vitalität, ihr gefühlvolles und doch freimütiges Ausloten der Songinhalte machte sie zu einer der sensibelsten Interpretinnen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch in Landsberg war diese völlig eigene Herangehensweise, Songs zu formen, deutlich zu spüren. Winstone übersteigt immer wieder die Demarkationslinie von Jazz und abendländischer Kunstmusik. In beide Richtungen. Mit ihrer klaren Intonation, die nie die Intimität verliert und die immer leicht und schwerelos den Raum ausfüllt, verbindet sie Gegensätze und bricht Distanzen. Es ist egal, ob sie das folkloristische, die kindhafte Melodie oder die reichen instrumentalen Möglichkeiten ihrer Interpretationskunst herausstellt, sie ist authentisch spürbar, individuell und selbstbewusst und damit Ausdrucksstark.
Klaus Giesing ist an Sopransaxophon und Bassklarinette eine zweite Stimme, eine Art Duopartner, der mit erfrischend schroffen Konturen und tief nasaler Klangflächen für einen herausfordernden Gegenpart sorgt. Venier gehört am Klavier wohl zu den sensibelsten und zurückhaltendsten Begleitern. Er entfaltet eine Zartheit, die nichts mit Klavierromantik zu tun hat. Er dient subtil der Musik leise aber hingebungsvoll. Und Helge Andreas Norbakken? Der Norweger unterlegt den Set mit Rhythmen und Geräuschen, sucht ständig nach neuen Klangmöglichkeiten, treibt mit fiebriger Präzision die Musik an und geht lustvoll und mit kindlicher Neugier in den rhythmischen Miniaturen auf.
Zusammen sind die drei Begleiter ein musikalisch verlässlicher Verbund von Farben und Nuancen und Synergien. Und Norma Winstone ein über Jahrzehnte strahlender Leuchtturm, im weiten Rund der täglich wie aus dem Nichts erscheinenden und nach kurzer Zeit wieder entschwindenden Jazzsängerinnen.
Jörg Konrad
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Samstag 17.02.2018
Landsberg: Carlos Cipa & Occupanther – Hörspiel ohne Worte
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Landsberg. Die erste kompromisslose Reduktion im Pop ist dem Punk geschuldet. Nicht unbedingt was seine Intensität betrifft. Aber seine musikalische Komplexheit und auch seine Virtuosität sind hörbar eingeschränkt. Bewusst versteht sich! Und damit stilbildend. Die Bands wollten einfach klingen, nach all dem Bombast zuvor sollte es innerhalb eines Songs archaisch und überschaubar zugehen. Das musikalische Handwerk war zweitrangig. Und der nonkonforme Regelbruch gehörte sowieso zum Programm.
Einige Jahrzehnte später entstand eine ähnliche Bewegung. Und entsprechend den Interpreten, die in diesem Fall allemal Meister ihres Instruments waren und sind, hört sich das Ergebnis völlig anders an. Trotzdem gehören aber Reduktion und Regelbruch auch in der Neo-Klassik zu den herausragenden Merkmalen. Es wundert (theoretisch) also nicht, dass sich Pianisten wie Hauschka, Francesco Tristano, Max Richter oder eben Carlos Cipa in der Frühzeit ihrer Karrieren stark mit Punk und Techno (ebenfalls ein Ergebnis aus Reduktion und Regelbruch) beschäftigten. Musikalisch ist heute davon natürlich nichts mehr zu spüren.  
So auch gestern Abend nicht, als Carlos Cipa und sein Duopartner Martin Brugger alias Occupanther plus Schlagzeuger Simon Popp das Landsberger Stadttheater und sein Publikum mit ihren mäandernden Klängen verzauberten. Dabei erweiterte das Trio den an sich schon weit gefassten Begriff der Neo-Klassik noch um einige Nuancen. Melancholisch schön, zwischen Klassik und Pop, klingt anders. Hier fanden sich klare Bezüge zur elektronischen Musik im Konzept, Soundscapes in bester Soundtrack-Manier eroberten den Raum und Simon Popp unterlegte einen Teil des Sets mit fiebrigen Grooves, die der Musik eine völlig neue, fast experimentelle Richtung gaben. Das Zusammenspiel erinnerte in manchen Momenten an ein Klanglaboratorium, eine Sound-Schmiede auf der Suche nach neuen musikalischen Möglichkeiten.
Ob das Trio fündig geworden ist? Allemal. Auch wenn manches vielleicht nicht ganz so leicht ins Ohr ging, ja regelrecht ein wenig sperrig klang. Aber das hat jeder Art von Musik schon immer gut getan. Zu rütteln an dem Bestehenden, das Bewahrende aufzubrechen, sich selbst auszuprobieren. Und das im öffentlichen Raum. Das Publikum ist immer auch ein Teil dieses kreativen Prozesses, kann daran teilhaben und sich positionieren.
So durchwehte nicht nur ein Hauch von Romantik die alten Gemäuer an der Schlossgasse. Sondern eher der Mut, andere, wenig berührte Wege zu gehen. Die klangen manchmal wie ein Hörspiel ohne Worte, ein Soundtrack ohne Bilder. Aber: Jede Musik entfesselt Bilder. Nicht nur beim Synästhetiker. Von verlassenen, kargen Landschaften, bis zur urbanen Betriebsamkeit, vom scharf geschnittenen Schwarz-Weiß, bis zu kunterbunten Illusionen, von der berauschenden Unendlichkeit kosmischer Dimensionen, bis hin zum Zauber des Mikrokosmos. Vielleicht ja auch völlig entgegen dem, was die Grundidee für Carlos Cipa war.
Bei ihm hat man das Gefühl, er würde den Flügel neu erfinden. Er brilliert nicht am Möbel, er sucht die Töne, die passenden Töne. Und was weit wichtiger ist: Er findet sie. Auch mit Hilfe von elektronischen Hilfsmitteln. Occupanther schafft flächige Sounds, schichtet elektronische Akkorde, verändert Höhen und Tiefen, verändert die Balance. Im Grunde ist das nicht viel  – aber in seiner Wirkung enorm.
Und das Publikum? Es hat sich positioniert und wollte am Ende die Musiker nicht von der Bühne lassen.
Jörg Konrad
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