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Landsberg: Omer Klein Trio – Sprühende Dynamik

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Fürstenfeld: Julia Hülsmann & Mia Knop Jacobsen – Stille Lieder mit g...

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Iffeldorf: Valeriy Sokolov & The Menuhin Academy Soloists – Differenz...

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Fürstenfeld: Michael van Merwyk & Steve Baker – Blues als Inspiration...

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Landsberg: „Alice“ - Ein magischer Theaterabend

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Johannes Grützke in Penzberg: Begriffe weg. Neugier her!

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Freitag 20.04.2018
Landsberg: Omer Klein Trio – Sprühende Dynamik
Landsberg. Dass sich Musiker immer wieder mit dem Schlaf beschäftigen, hat meist einen ganz persönlichen Bezug. Robert Wyatt, einstiger Schlagzeuger der Canterbury-Band Softmachine, nannte eines seiner grandiosen Alben in den 1990er Jahren „Shleep“. Es bezog sich auf die eigene alptraumhafte Schlaflosigkeit, die Wyatt fast den Verstand raubte. John Cale, ein Viertel der legendären Velvet Underground, sang schon 1985 den Song „The Sleeper“ und Nick Cave lockte in seinem „Come into my Sleep“ seine Geliebte ins geheimnisvolle Reich des Unbewussten. Max Richter, der aus Hameln stammende Elektroniker und Filmkomponist, hatte erst im letzten Jahr die achtstündige(!) Einschlafhilfe „Sleep“ veröffentlicht – und großen Erfolg damit. Und Omer Klein, der israelische Jazz-Pianist mit Wohnsitz Düsseldorf? Was hat es mit seinem im letzten Jahr erschienenen Album „Sleepwalkers“ auf sich? Nun, eines kann man an dieser Stelle schon behaupten: Es ist ein ausgeschlafenes, ein ambitioniertes Werk. Und auch dessen Live-Fassung klingt, wie am Donnerstagabend im Landsberger Stadttheater zu hören, kraftvoll, ruhelos, aufgeweckt. Wobei der Pianist den Titel „Sleepwalkers“ als einen Weck- und Warnruf verstanden wissen möchte, sich eben nicht schlafwandelnd durch die Welt zu bewegen, sondern die Realität, speziell ihre technologischen Gefahren, mit wachem Geiste wahrzunehmen.
Das Trio, Klein teilte sich in Landsberg die Bühne mit Haggai Cohen-Milo am Bass und Amir Bresler am Schlagzeug, legte von Beginn an ein enormes Tempo vor. Jazz von seiner temperamentvollen, von seiner eruptiven Seite. Gespielt in technischer Brillanz, in der die Spannung brodelte und die Ideen Purzelbäume schossen.
Aber so, wie einige der jungen Klavier-Virtuosen, setzt auch Klein nicht unbedingt auf die Altvorderen des Jazz. Nicht jede musikalische Faser seines Körpers atmet die großen Solisten der Jazz-Geschichte. In Kleins Spiel sind deutlicher die ethnischen Einflüsse seiner Heimat zu spüren, orientalische Folklore, zeitweise als Pop getarnt, eine Prise Rock`n Roll und natürlich viele Elemente der klassischen Klavier-Literatur. Der rudimentäre Swing des Jazz ist in seinem Trio einem treibenden, einem unwiderstehlichen Groove gewichen. Der hält die ganze Musik zusammen, gibt ihr diese tänzerische Verspieltheit und sprühende Dynamik.
Klein dreht währenddessen am Instrument glanzvolle Pirouetten, wagt pianistisch die höchsten Schwierigkeitsgrade, wirft Motive in den Ring, explodiert förmlich vor Musikalität. Alles andere als ein Virtuose der Bescheidenheit. Er verbindet in seinem Spiel Heiterkeit und Spiritualität, wobei es ihm um Eindringlichkeit, um Intensität geht, vorgetragen in einer beeindruckenden Gelassenheit. Auch dann, wenn er auf dem kleinen Plastikkeyboard Retrosounds aus den 1960er Jahren einwirft (ja, so manieriert klangen damals tatsächlich die Orgeln der Unterhaltungsmusik) bleibt seine Musik frisch und hochsubtil. Immer im Fluss könnte seine (musikalische) Lebensmaxime lauten.
Haggai Cohen-Milo hält es am Bass nicht auf der Stelle. Er tanzt am Fleck, soliert in paganinihafter Virtuosität, grandios und raffiniert. Und immer in Kontakt zu Amir Bresler, der am Schlagzeug unablässig die Rhythmen splittet, der Wellen getrommelter Ungeheuerlichkeiten erzeugt, der geschickt die Metren verstolpert und dessen Beckenrauschen eine enorme Sogkraft entfaltet.
Etwas Ruhe zog erst mit einer Komposition von Antonio Carlos Jobim in den Saal. Immerhin die zweite Zugabe, die sich ein begeistertes Publikum erklatschte.
Jörg Konrad
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Donnerstag 19.04.2018
Fürstenfeld: Julia Hülsmann & Mia Knop Jacobsen – Stille Lieder mit großer Wirkung
Fürstenfeld. Sie ist eine Art Kraftwerk innerhalb der deutschen Jazzszene. So fein, inspirierend und ausgewogen sie als Pianistin agiert, so fulminant und nachhaltig ist Julia Hülsmanns Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit für das Musik-Phänomen Jazz. Sie war Vorsitzende der Union Deutscher Jazzmusiker, erhielt vor zwei Jahren den Ehrenpreis für kulturpolitische Arbeit des WDR und den SWR Jazzpreis und ist bis heute Gastprofessorin für Arrangement und Komposition an der Berliner Universität der Künste. „Nebenher“ findet sie Zeit, einige (wie kann es anders sein) von der Kritik hochgelobte Alben einzuspielen, mit deren Inhalt sie immer wieder auf Tour geht. Mal im Trio, mal im Quartett, häufig im Duo mit Sängerinnen und Sängern, wobei Literaturvertonungen ihre Spezialität zu sein scheinen.
Gestern war Pianistin Julia Hülsmann in Fürstenfeld zu Gast, gemeinsam mit der Sängerin Mia Knop Jacobsen. Und obwohl beide zwei Tage zuvor erstmals gemeinsam musizierten, die angekündigte und langjährig vertraute Vokalistin Torun Eriksen konnte das Konzert nicht wahrnehmen, wurde der Abend zu einem vollen Erfolg.
Ein Großteil der Kompositionen stammten von Julia Hülsmann, die schon seit geraumer Zeit Texte von Shakespeare, Rilke, E.E. Cummings und Margaret Atwood für ein derartiges Programm vertonte. Es sind auf diese Weise kleine Kunstlieder mit starkem Jazz-Einschlag entstanden, die in ihrer Umsetzung etwas zauberhaft Kammermusikalisches vermittelten. Die Interpretation der Songs wirkte wie eine Art Verführung, weg vom laut tosenden Alltag, hin zur Intimität großer Gefühle. Jedoch ohne jedes Pathos oder manirierte Allüren. Mia Knop Jacobsens klare und ausdrucksstarke Stimme gaben den Songs eine selbstbewußte und doch dabei sehr sensible Aura. Sie machte sich die Texte inhaltlich zu eigen, ohne den Vortrag an sich zu dominieren. Es waren sehr differenzierte Zwiegespräche, wobei Jacobsens Vokalkunst in ihrer leichten Verspieltheit häufig wie die Instrumentierung ihre Stimme wirkte. Auch Julia Hülsmanns Klavierspiel besaß etwas behutsam schwingendes. Selbst in ihren knappen Solopassagen spürte man noch ihre Duopartnerin. Vertrautheit, Respekt und eine gewisse fragile Bescheidenheit bestimmten diese Kompositionen.
Behutsame Erinnerungsarbeit leisteten beide in den wenigen Coverversionen des Abends. Ob nun „Come Together“ und „Yesterday“ von den Beatles, Joni Mitchell-Hymnen oder auch der Brecht/Weill-Dauerbrenner „Mack The Knife“, die Interpretationen wirkten eigenwillig pointiert, verinnerlicht, wie aus einer anderen Welt betrachtend und vermittelnd. Poesie auf eine individuelle, stark berührende Weise. Stille Lieder mit großer Wirkung.
Jörg Konrad
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Samstag 14.04.2018
Iffeldorf: Valeriy Sokolov & The Menuhin Academy Soloists – Differenziert und kontrastreich
Iffeldorf. Antonio Lucio Vivaldi hat im Laufe seines Lebens über 1000 Kompositionen geschrieben. Nach Aussage von Zeitzeugen war er in der Lage, „ … ein Concerto mit sämtlichen Stimmen schneller zu komponieren, als ein Kopist es abschreiben könne“. Sein Hauptberuf: Priester. Ihm soll übrigens während eines Gottesdienstes ein Fugen-Thema in den Sinn gekommen sein, worauf er augenblicklich den Altar verließ, in die Sakristei ging, um das Thema aufzuschreiben. Aufgrund dieses Vorfalls brachte man ihn vor die Inquisition, die ihn glücklicherweise als einen Musiker, also als einen „Narren“ behandelte und frei sprach.
Eines dieser über 1000 Werke gehört zu den bekanntesten im gesamten Klassikkanon: „Die vier Jahreszeiten“, ein aus zwölf harmonischen Tongemälden bestehender Zyklus, der am gestrigen Abend von Valeriy Sokolov und den Menuhin Academy Soloists im Rahmen der Iffeldorfer Meisterkonzerte aufgeführt wurde. Doch entgegen dem angekündigten Programm wurden diese jahreszeitlichen Tonfolgen kurzfristig vom Anfang an das Ende des Abends versetzt. Eine kluge Entscheidung.
Begonnen hat das Konzert mit Peter Tschaikowskis „Souvenir de Florence op. 70“. Es ist Tschaikowskis einziges Streichsextett, inspiriert von einem Florenzaufenthalt um das Jahr 1890. Es ist eine energiereiche und temperamentvolle Komposition, die in ihrer Virtuosität von den Menuhin Academy Soloists mit Frische und Hingabe interpretiert wurde. Dieses Stück besitzt etwas rauschhaft Aufwühlendes, zeichnet sich aus durch einen Drang zur Klarheit und zum Licht und vermittelt einen von positiver Lebensfreude gezeichneten Komponisten – was für andere Werke Tschaikowski nicht unbedingt zutrifft.
Der Vorteil des in Iffeldorf auftretenden Ensembles war, dass sich der angesagte Solist des Abends zugunsten seiner Musikerkollegen zurückhalten und ihnen, in wechselnder Reihenfolge, die Führungsstimme überlassen konnte. Dazu gehört mit Sicherheit eine ordentliche Portion uneigennütziges Selbstbewusstsein, das Valeriy Sokolov an diesem Abend immer wieder unter Beweis stellte. So passte er sich in „Souvenir de Florence op. 70“ in das Gruppengefüge mit ein, war eben gleichberechtigter Teil des in diesem Fall sechsstimmigen Orchesters.
In dem anschließenden „Pieta“, einem Kammerkonzert für Violine und Streicher von Vladimir Genin aus dem letzten Jahr, verhielt es sich schon anders. In dieser von Valeriy Sokolov angeregten Komposition hatte er selbst die Führungsstimme inne. In Anwesenheit des Komponisten, der die „Pieta“ auch dirigierte, setzte Sokolov wunderbare solistische Ausrufezeichen. Dieses, von flächigen Gegensätzen und Dissonanzen in dunkler, andächtiger Grundatmosphäre vorgetragene Stück, beeindruckte in der Differenziertheit und den kontrastreichen Instrumentalstimmen. Nicht die spieltechnische Virtuosität stand hier im Vordergrund, sondern eine auf beschwörenden Ton-Gebilden aufgebaute, mahnende Dringlichkeit.
Nach der Pause dann die Zugnummer „Le Quattro Stagioni“ - in deutscher Sprache unverfänglicher „Die vier Jahreszeiten“. Hier agierte das Ensemble vollmundig und schwungvoll. Die Farbigkeit der einzelnen Jahreszeiten ist dem Pulsieren der Melodik zu verdanken, wobei das Ensemble mit einer vitalen Dynamik und großen Gefühlen aufwartete. Auch hier wechselten sich in den einzelnen Sätzen die Solostimmen ab, ohne dass dieses Tonpoem auch nur leicht an Geschlossenheit einbüßte. Überzeugende Tempovariationen, brillante Technik und ein perfektes Zusammenspiel machten den Abend zu einem Musikgenuss, dem das Publikum begeisterten Applaus zollte.
KultKomplott
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Freitag 06.04.2018
Fürstenfeld: Michael van Merwyk & Steve Baker – Blues als Inspirationsquelle
Fürstenfeld. Den Blues könnte man auch als den Geburtshelfer der zeitgenössischen Pop-Musik und darüber hinaus bezeichnen. Denn ohne diese archaischen 12-Takte und drei Akkorde wären Jazz, Rock and Roll und Soul kaum vorstellbar. Zumindest würden all die genannten Stile ohne diese Form der „schwarzen nordamerikanischen Folklore“ völlig anders klingen. Wenn überhaupt.
Der Blues also als Grundlage, als Fundament dessen, was wir heute tagtäglich, manchmal auch unfreiwillig, konsumieren. Dabei hat sich der Blues im Laufe seiner weit über 100-jährigen Geschichte immer wieder geändert, ja, er hat sich assimiliert. Natürlich in seinen vorgegebenen Grenzen. So war er nicht nur Inspirationsquelle. Er hat sich auch von außen anregen lassen, hat geographische Besonderheiten in seine Stilistiken mit aufgenommen, hat moderne Strömungen verarbeitet, wurde mal mehr archaisch, mal mehr virtuos gespielt, besaß zeitweise eine enorme politische Funktion, neben all den persönlichen Kümmernissen, die er bis in die Gegenwart thematisiert.
All diese Unterschiedlichkeiten vereint Gitarrist Michael van Merwyk in seiner Auffassung vom Blues. „Kommunikation und Kreativität sind Schlüsselworte in meinem Leben“, sagte er vor einiger Zeit in einem Interview. Wie das konzertant klingt, das war gestern Abend in Fürstenfeld zu erleben. Van Merwyk gastierte gemeinsam mit dem Mundharmonika-Spieler Steve Baker in der Reihe BluesFirst. Ihre Art, den Blues zu spielen, reichte vom Country, über den Chicago bis hin zum Memphis und Rhythm and Blues. Man glaubt zu gern, dass van Merwyk einst Gitarre spielen erlernte, um Mädchen zu beeindrucken, mit Coverversionen von The Clash, den Sex Pistols, Motörhead oder Slayer.
Nun benutzt er sein Instrument und seine Stimme, um auf der Grundlage des Blues seine Musik zu spielen. Die klingt im Duo mit Steve Baker eher nach einer Singer-Songwriter-Version, in der die akustische Hochachtung selbst vor psychedelischen Einflüssen zu spüren ist. Mächtig van Merwyks Gesang, der, bei aller Sensibilität, den Songs etwas Raues und Verbindliches vermittelt. Sein diskretes Slidespiel dazu gibt seinem Auftritt etwas liebevoll Kratzbürstiges. Ein Hüne mit Herz.
Der Engländer Steve Baker gehört zu den gesuchtesten Bluesharp-Virtuosen. Auf dutzenden Alben ist er als Gast zu hören. Doch erst jetzt hat er seine erste Platte unter eigenem Namen herausgebracht. Das hält den heute in der Lüneburger Heide lebenden Baker aber icht davon ab, weiterhin mit seinem treuen Gefährten und Musikerkollegen Michael van Merwyk durch die Clubs und Konzerthallen zu ziehen. Beide vereint immense Neugier und gewaltige Erfahrung, aus denen heraus sie ihre Songs entwickeln. Lässige, manchmal sentimentale, manchmal vom Rock an Roll, aber immer im Fahrwasser des Blues entwickelte Kompositionen. Ihre Musik hat einen starken melancholischen Zug, kann aber in der Einfachheit und Leidenschaft der Interpretationen auch schwungvoll begeistern. Die unterschiedlichsten Stimmungen musikalisch unter einen Hut zu bekommen und dabei noch authentisch zu wirken, ist eine schwierige Kunst, die nicht vielen gelingt. Für Michael van Merwyk und Steve Baker scheinbar kein Problem. Das Fürstenfelder Publikum schien begeistert und beseelt. Viel mehr geht nicht!
Jörg Konrad
 
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Fotos: © Jean-Marc Turmes
Sonntag 18.03.2018
Landsberg: „Alice“ - Ein magischer Theaterabend
Landsberg. „Ich bin ein Rätsel“, sagte Tom Waits in einem Interview anlässlich der Uraufführung von „Alice“ am Hamburger Thalia Theater 1992. Und was läge für einen schattengleichen Raunzer, Komponisten und Schauspieler vom Schlage eines Tom Waits wohl näher, mit seinem rätselhaften wie auch kauzigem Profil nicht nur Konzertsäle, sondern auch die Ränge der Theater zu füllen? Zumal er Robert Wilson, einen der wichtigsten Bühnen-Allrounder überhaupt, als engen Freund bezeichnen kann. Rückblickend scheint es nur logisch, das beide mit „Alice“ einem Musiktheater-Ereignis der besonderen Art zur Geburt verhalfen. Ein Stück, das auf den Kinderbuchklassikern „Alice im Wunderland“, „Alice in den Spiegeln“ und deren Schöpfer, dem geistlichen Dekan Lewis Carroll, der mit bürgerlichem Namen Charles L. Dodgson hieß, aufbaut.
Ein Vierteljahrhundert liegt die Weltpremiere nun zurück. Und noch heute hat dieses sensible wie auch herausfordernde Theaterspektakel seinen poetischen Reiz nicht verloren. Auch der Inszenierung von Philipp Moschitz vom Metropoltheater München, kann man sich, trotz manch dunklem Hintergedanken, nur schwer entziehen. Am Samstagabend gastierte das Ensemble des Metropoltheaters mit eben jener „Alice“ im Landsberger Stadttheater. Ein magischer Theaterabend, zwischen Fiktion und Realität, zwischen lyrischer Melancholie und rauem Überlebenskampf, zwischen zarten Symbolwelten und ergreifender Existenzangst. Ganz dem Motto verpflichtend: Kunst ist der kompromißarme Austausch von Extremen. Und je größer die Amplitude, desto stärker die Wirkung.
Nein, zu einem massentauglichen Musical-Hit taugt „Alice“ wahrlich nicht. Auch wenn Tom Waits den Soundtrack zehn Jahre nach der Uraufführung recht erfolgreich als Album veröffentlichte. Dafür ist das Stück zu individuell fordernd, folgt die Handlung zu sehr einem verstörend märchenhaften Prinzip - voller poetischer Anspielungen und der Wirklichkeit geschuldeten Provokationen. Das Mythische und das Surreale gehen auf doppelbödige Weise im Untergrund der Fantasie Hand in Hand. Hier, im Dickicht von (alp-) traumhaften Emotionen, sucht Alice, in einer feenhaften Freundlichkeit wunderbar gespielt von Vanessa Eckart und dargestellt als eine von ihr geführte kindgroße Puppe, nach der eigenen Identität. Im Grunde nach dem Ausweg einer inneren Gefangenschaft in die Realität „da draußen“, von der sie letztlich aber nicht weiß, was sie ihr bringt. Die Figur des Charles L. Dodgson, von Thomas Schrimm als väterliche Figur mit dunklen, manchmal beunruhigenden Obsessionen angelegt, ist Beschützer, Mahner und Führer zugleich. Ein singender Erzähler, ein abgründiger Spieler. Beide durchstreifen die Unterwelt, folgen dem Märzhasen, treffen auf ihrer Reise blöckende Schafe und sprechende Gänseblümchen, werden Zeuge frivol tanzender Messdiener und eine der politischen Realität sehr nahe stehenden und permanent nach der Höchststrafe lechzenden Königin samt Hofstadt. Metaphern und Anspielungen auf ganzer Linie und am laufenden Band. Manchmal auch nahe am Mummenschanz, manchmal mit schwarzhumorigen Slapstickeinlagen.
Das Bühnenbild beherrscht als einziges Utensil ein riesiger Koloß, halb Mühlstein, halb Hamsterrad, der die realen Ebenen des Spiels, mal horizontal mal vertikal, lustvoll durcheinander wirbelt und damit die Verrücktheit von der Norm eindrucksvoll darstellt..
Und die Musik? Eine bunte Mischung aus Walzer und Jazzharmonien, operettenartigen Arien, düsteren Balladen und schlichten Kindermelodien. Gespielt von einer Band im Hintergrund, unter der Leitung von Andreas Lenz von Ungern-Sternberg, die Lust macht auf mehr. Auf das Original zum Beispiel.
„Alice“ - ein feingewobenes Märchen für Erwachsene, das vom Landsberger Publikum mit begeistertem Applaus bedacht wurde.
Jörg Konrad
(Text auch in der Augsburger Allgemeinen)
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Dienstag 13.03.2018
Johannes Grützke in Penzberg: Begriffe weg. Neugier her!
Diese Ausstellung ist ein Schock. Der Maler stürzt sich förmlich auf seine Betrachter: Als grimassierender Alter, als eitler Fatzke, als halbnackter Poser. In grellen Farben, in riesigen Formaten und von einer Fleischlichkeit, die man am ehestens noch mit den Schlachthausbildern von Lovis Corinth vergleichen kann. Und dazu schreit er auch noch: „Werdet wie ich: Johannes Grützke!

Keine Frage, mit dieser ersten Ausstellung im bislang eher beschaulichen Museum Penzberg ist der neuen Interimsleiterin Freia Oliv ein großer Wurf gelungen – und das auch noch in einem atemberaubenden Tempo: Erste Kontaktaufnahme mit dem Galeristen am 6. Januar, Ausstellungseröffnung am 9. März. Der mehr als straffe Zeitplan ist den etwas krausen Entscheidungen des Penzberger Stadtrats hinsichtlich alter und zukünftiger Leitung des Museums geschuldet. Oliv aber verschwendete keinen einzigen Arbeitstag und griff umgehend den Vorschlag ihrer Vorgängerin auf, mit der Galerie Klaus Kiefer in Essen in Kontakt zu treten, die den 2017 verstorbenen Berliner Maler Johannes Grützke vertritt. Eine Woche später saß sie im Zug nach Essen und wählte rund sechzig Arbeiten für eine Ausstellung aus.

Weg mit den erklärenden Texten von der Kunst, die Bilder selbst wirken lassen – das war die Devise der erfahrenen Kunstvermittlerin beim Aufbau der Ausstellung. Jetzt füllt Grützke alle Wände des engen Bergarbeiterhäuschens: Monumental bis an den äußersten Bildrand herangezoomt, nicht einmal die Brille findet Platz auf der mehr als zwei Quadratmeter großen Leinwand, der halbgeöffnete Mund ist ein riesiges rotes Loch. Der Erdgeschossraum ist eine einzige Selbstinszenierungsarena für diesen ebenso widersprüchlichen wie genialischen Maler, der sich mal als sterbenden Christus und mal als Protagonist eines Historienschinkens darstellt. Im ebenso riesigen Format schlachtet er als personifizierte Realität erst die Authentizität ab, wird wiederum von der „Idealität“erstochen und bleibt schließlich als Rückenfigur der Demut übrig, die freilich ebenfalls einen Mord an ihren Idealen begangen hat. Das Ganze ist ein plakativer Farbenrausch – aber zugleich von allergrößter malerischer Virtuosität. Grützke zitiert unverfroren aus der Kunstgeschichte, ahmt Malstile und Darstellungskonventionen nach, verfremdet sie aber im selben Atemzug so sehr, dass nichts als ein einziges großes Rätsel übrig bleibt. Er malt wieder und wieder sein eigenes Gesicht, häßlich, verzerrt, faltig und schrill. Er formt seinen Kopf in Ton, als Vollplastik und als Relief. Und als ob das alles noch nicht genug wäre: Auch auf den Texttafeln in den Gängen kommt er selbst zu Wort und darf dort sein Spiel mit subjektiven Realitäten fortsetzen. Er beschreibt sich in einem frech verbogenen Lebenslauf und behauptet: „Ich habe in meinem Leben noch kein Selbstporträt gemacht.“

Die Kuratorin hat sich voll und ganz auf diesen Künstler eingelassen. Und der Ausstellungsbesucher kann das Museum entweder fluchtartig verlassen – oder sich ebenfalls voll und ganz einlassen. Dann aber wird er im ersten Stock und ganz oben in den Dachstübchen einen  ungemein vielseitigen Künstler entdecken, einen der produktivsten Widerspruchsgeister, die Berlin je hervorgebracht hat, einen Maler und Zeichner, der sein Handwerkszeug meisterhaft beherrscht und es einsetzt, um sich abwechselnd ins Rampenlicht oder ins Abseits zu manövrieren. Die Zeitgeistströmungen des Kunstgeschehens interessierten den 1937 geborenen Maler, der unter anderem Schüler von Oskar Kokoschka war, nur insofern, als er sie mit einem einzigen Handstreich beiseite wischen konnte. Als Antwort auf die abstrakte Malerei gründete er seine „Schule der neuen Prächtigkeit“. Er sagte: „Begriffe weg. Neugier her!“ Und schließlich: „Ich bin jetzt soweit, dass ich es laut sage: Moderne Kunst ist Blödsinn. Ich habe damit nichts zu tun, ich bin kein moderner Künstler, ich bin Klassiker! Kunst ist nicht modern, sondern immer!“

Am Malen interessierte ihn das Prozesshafte, nicht das Ergebnis. „Malen ist Denken“, so sein Diktum. Auch an den Grenzen der Gattungen machte er keinen Halt: Er war ein brillanter Redner, trat als Musiker auf und arbeitete am Theater, wo er vor allem für Peter Zadek Bühnenbilder und Kostüme entwarf. Und wie gesagt, wer es bis ins oberste Stockwerk schafft, der wird ihn in dieser Ausstellung in jeder Etage, ja in jedem Raum neu entdecken – ganz zuletzt dann auch als höchst sensiblen Beobachter mit nur noch ganz leiser Ironie.

Katja Sebald

Museum Penzberg — Sammlung Campendonk
Am Museum 1, 82377 Penzberg

(Ehemalige Karlstraße 61)

Abbildungen:

Grützke Selbst 21.9.2012
© Galerie KK Klaus Kiefer

Grützke Selbst 27.8.1997  
© Galerie KK Klaus Kiefer  

Grützke Selbst 1995 groß
Autor: Siehe Artikel
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