Blickpunkt:
Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Andreas Ammer & FM Einheit „Sie sprechen mit der Stasi“

1

Nora Gomringer & Günter Baby Sommer „Grimms Wörter“

2

T.C. Boyle „Good Home Stories“

3

Fernando Aramburu „Patria“

4

Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Iwan Turgenjew

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Dienstag 17.04.2018
Andreas Ammer & FM Einheit „Sie sprechen mit der Stasi“
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Es gab in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (kurz BstU) bis vor einiger Zeit einen Raum in dem sich Tausende von Tonbändern befanden. Diese wurden bisher weder archiviert, noch katalogisiert, ja nach über zweieinhalb Jahrzehnten der deutschen Vereinigung noch nicht einmal abgehört. Diese Tonbänder enthalten Original-Mitschnitte von Telefongesprächen, Denunziationen (auch von Familienmitgliedern), die in der Stasi Zentrale in Berlin Magdalenenstraße bis 1989 eingingen, Beschimpfungen und Wichtigtuereien, sowie Aufzeichnungen von Verhören von Menschen, die im Verdacht der Republikflucht, bzw. einer „konspirativen Tätigkeit mit dem Klassenfeind“ standen. Es sind erschütternde Zeugnisse, akustische Peinigungen, Demütigungen, die deutlich machen, mit welch perfiden Mitteln ein Staat sein Volk unterdrückte, einzelne Bewohner drangsalierte, sie psychisch folterte, so dass letztendlich Persönlichkeiten seelisch gebrochen wurden. Doch zugleich gibt es, wie in jedem repressivem Staat, Momente unfreiwilliger Komik, wenn zum Beispiel ein „Telefonterrorist“ (aus dem „Westen“) immer wieder in der Magdalenenstraße anruft, nur um die Leitungen zu belegen, oder ein Anrufer aus Kanada fragt, ob es denn in der Zentrale nicht jemand gäbe, der der englischen oder französischen Sprache mächtig wäre. „Dett wird schwierig“ ist darauf die Antwort eines Mitarbeiters der Staatssicherheit. So, oder so ähnlich, klingt auch die Banalität des Bösen.
Andreas Ammer und FM Einheit hatten Zugang zu den Materialien und entwickelten aus einem winzigen Teil dieses Archivs das Hörspiel „Sie sprechen mit der Stasi“. Doch beiden reicht eine knappe Stunde, um hinter die Fassade der Macht eines autoritären Staates zu blicken resp. zu hören und eine bedrückende Atmosphäre der Kleingeistigkeit und des willkürlichen Machtpotenzials eines Regimes zu entlarven. Eine hochgefährliche Mischung übrigens.
In dieser Collage finden sich zudem all die Belege, die zeigen, dass der Übergang von der Nazizeit zur Diktatur des Proletariats ein fließender war. Es wurde mit Mitteln der Angst und Ungewissheit in hunderttausenden von Fällen gedroht, eingeschüchtert, zum Verrat gezwungen und abgeurteilt. Menschen verschwanden, oder waren für ihr restliches Leben traumatisiert. „Sie sprechen mit der Stasi“ - eine entlarvendes wie ebenso erschütterndes Dokument der Unterdrückung, dem der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, der von 1990 bis 2000 Leiter der BstU war, ein einem Begleitwort der CD folgendes voranstellt: „Die Staatssicherheit verfügte über ein nahezu unbeschränktes Arsenal an Maßnahmen, um jeden beliebigen DDR-Bürger zu observieren und zu „zersetzen“. Sie konnte den beruflichen Aufstieg bremsen, den Ruf von Nicht-Angepassten durch Gerüchte ruinieren, sie konnte das Selbstbewußtsein der Betroffenen so erschüttern, dass sie in ihrem Alltag nur noch schlecht funktionierten, sie konnte Oppositionelle ins Gefängnis bringen.“
Jörg Konrad

Andreas Ammer & FM Einheit
„Sie sprechen mit der Stasi“
Der Hörverlag
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 10.04.2018
Nora Gomringer & Günter Baby Sommer „Grimms Wörter“
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Fotos: Judith Kinitz (N. Gomringer) & Tobias Sommer (G.B. Sommer)
Günter Grass - ein Wortakrobat und Mahner. Ein Autor, der das Handwerk der deutschen Sprache vollendet beherrscht. Und der inhaltlich zu erzählen versteht. Mit ordentlich Pathos und großem Ego, mit Haltung und Intellekt. Fünf Jahre vor seinem Tod erschien „Grimms Wörter“. Autobiographie seiner selbst und Biographie der Brüder Grimm zugleich. „Eine Liebeserklärung“, wie Grass das Buch im Untertitel nennt, „an die deutsche Sprache“ und das sich einer chronologischen Erzählweise vollkommen entzieht. Es sind einzelne Begriffe, über die Grass seine Heimat, die Literatur, den Geisteszustand der Welt, die Moral beschreibt. Von „A“ wie „Im Asyl“, „D“ wie „Däumeling und Daumesdick“ bis „Z – Am Ziel“. Manches aus alten (auch Märchen-) Zeiten stammend und doch Bezüge zur Gegenwart knüpfend. Ein auch vom Sprachrhythmus her wunderbar zu lesendes Buch, dem nun der sächsische Schlagzeuger Günter Baby Sommer eine zusätzlich musikalische Note verleiht. Gemeinsam mit der Lyrikerin und Rezitatorin Nora Gomringer setzt er die noch von Günter Grass für diese Einspielung bearbeiteten Texte in eine Klangcollage um.
Eine dreiviertel Stunde, in der ein Kosmos deutscher Befindlichkeiten ensteht - mal lärmend, mal fordernd, mal lustvoll, mal eitel. Es wird getrommelt was das Zeug hält. Auf alles und allem. Ob Töpfe oder Bratpfannen, Gongs und Becken, gespannte Felle oder einheimische Hölzer - die Free-Jazz-Legende aus Dresden hält den Takt, fabuliert und explodiert, irritiert und spielt konzentriert, gibt dem Schlagwerk eine Stimme. Seine Stimme, als gewaltiges Grollen und dürftiges Seufzen. Improvisation pur.
Nora Gomringer deklamiert den Text, fordert deren Inhalt nachdrücklich heraus, rezitiert und formuliert. Mal sehr präzise, dann wieder lasziv. Sie stilisiert die Sprache zum akustischen Abenteuer, so genießerisch wie provokant. Sie wechselt die Tempi, erklimmt die Höhen und die Tiefen der Intonation, federleicht. Und findet den Kontrast, zu Sommers Trommeln und Becken und Küchengeräten. „Grimms Wörter“ - als Hörbuch ein Erlebnis für alle Sinne.
Jörg Konrad

Nora Gomringer & Günter Baby Sommer
„Grimms Wörter“ von Günter Grass
Steidl Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 27.03.2018
T.C. Boyle „Good Home Stories“
Ein Kurierfahrer, hart gesotten und vertraut mit sämtlichen Spielarten des rauen Straßenverkehrs, hat die verantwortungsvolle Aufgabe, eine Spenderleber vom Los Angeles International Airport an ihren Bestimmungsort, dem Krankenhaus von Santa Barbara, in kürzester Zeit zu befördern. Aber was tun, wenn kurz vor dem kleinen Ort La Conchita die Straße von Geröllmassen und Schlammlawinen verschluckt wird und es für den cholerischen Transporteur kein Durchkommen gibt? Plötzlich soll er noch aus einem der nahe verschütteten Häuser einen Vater und seine kleine Tochter vor dem sicheren Tod retten …. .
Wie sieht die Gefühls- und Gedankenwelt eines kleinen Mädchens aus, das vor Gericht gegen ihren alkoholkranken Vater aussagen soll. Was passiert, wenn die Mutter eines berühmten Baseballstars von Guerillas entführt wird und diese, als Beweis der Ernsthaftigkeit ihres Tuns, einen abgeschnittenen Finger der innig geliebten Mama im Briefumschlag an den Sohn schicken? Oder warum kommt ein vom Schmerz über den Tod seiner Frau gezeichneter Mann auf die Idee, erst eine Python als Haustier zu halten und letztendlich in seinem Haus mit dreizehnhundert Ratten jämmerlich zu sterben?
T. Coraghessan Boyle bombardiert in seinem neuen Erzählungsband „Good Home Stories“ den Leser  mit den absonderlichsten Charakteren und eigenartigsten menschlichen Verhaltensweisen. Manchmal befinden sich seine Figuren auf der Gewinner-, manchmal auf der Verliererseite des Lebens. Fast immer scheinen sie sich aber eingerichtet zu haben, in ihr nach außen befremdliches, oder zumindest eigenbrötlerisch erscheinendes Leben. Von hier aus versuchen sie, möglichst unauffällig, ihre Geschicke zu lenken. Was so einfach natürlich nicht möglich ist.
Boyles Stories sind bevölkert mit den Außenseitern der Gesellschaft, mit denen, die in keine Schablone passen, mit den Verlierern und den Hilflosen des täglichen Überlebenskampfes. Er beschreibt sie mit Verständnis und Empathie, macht sie zu Helden – auch wenn ihr Handeln fast nie dem gesellschaftlichen Konsens entspricht. Und er beschreibt sie immer aus einer tiefen Menschlichkeit heraus, sofern sie nicht als Despoten, Vergewaltiger oder sonst wie Barbaren daherkommen. Zugleich besitzt Boyle Humor. Er weiß um die Absurdität seiner Protagonisten und ihrer Situationen – in die sie sich oft selbst erst bringen. Er hat ein sicheres Gespür für Situationskomik, die er manchmal bis auf die Spitze treibt, um urplötzlich wieder der Melancholie den Vorrang zu geben.
Erzählungen, das sind das Beste was der aus New York stammende und heute in Kalifornien lebende Autor schreibt. Seine Romane, immer aktuell und den Nerv der Zeit treffend, sind gut und erfolgreich. Fast zwei Dutzend hat er bisher veröffentlicht. Seine Erzählungen aber sind ausgereifter, schlagfertiger, geistvoller. Hier kann er seine Sucht am präzisen Schreiben komprimiert befriedigen und seine griffigen, manchmal skurrilen Ideen als ein sprachliches Feuerwerk abbrennen. Seine Vergleiche und Metaphern kommen mindestens im Seiten-Takt und klingen so frisch und unverbraucht, dass man sich immer wieder fragt: Woher nimmt der heute 69jährige diese scheinbar nie versiegende Originalität. „Diese klare, im Umfang begrenzte Vorgabe fasziniert mich, und ich stürze mich in jede Erzählung mit genauso viel Energie wie in meine Romane. Auf Kurzgeschichten habe ich schließlich auch meine Karriere aufgebaut“, sagt er vor einigen Wochen in einem Interview.
Er selbst versteht sich als ein Außenseiter, oder sagen wir besser, als ein außenstehender Beobachter, der sich der Arbeiterklasse zugehörig fühlt. Aber auch nichts dagegen hat, als Punk oder Hippie bezeichnet zu werden. Trotzdem geht seine Hinwendung zur unterprevilegierten Schicht nie so weit, dass er diese nicht auch hart kritisieren würde, wie seine aktuellen Kommentare gegenüber Trump-Wählern immer wieder deutlich machen.
Wer Tom Coraghessan Boyle tatsächlich bisher noch nicht gelesen haben sollte - „Good Home Stories“ ist der ideale Einstieg, einen der engagiertesten und eloquentesten Autoren der Gegenwart kennenzulernen. Wem er vertraut ist, der wird die neuen Short Stories von ihm wahrscheinlich schon längst gelesen haben!
Jörg Konrad

T.C. Boyle
„Good Home Stories“
Hanser Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 20.03.2018
Fernando Aramburu „Patria“
ETA, Euskadi ta Askatasuna, Baskenland und Freiheit, steht für über 50 Jahre Unabhängigkeitsbestreben der Basken. Vor allem auch für unzählige Attentate, Entführungen und Morde, für eine nationale, separatistische, marxistisch-leninistische  Bewegung gegen das Spanien Francos. ETA steht ebenfalls für eine Spaltung der baskischen Gesellschaft bis tief hinein in freundschaftliche und familiäre Beziehungen.
Der seit 30 Jahren in Deutschland lebende Autor Fernando Aramburu, selbst Baske, erzählt die Geschichte dieser blutigen Bewegung anhand der Mitglieder zweier ehemals eng befreundeter Familien in einem kleinen Dorf in der Nähe von San Sebastián.
Der Vater der einen Familie, Txato, Fuhrunternehmer und in den Augen der ETA Kapitalist, lässt sich nicht erpressen zu Unterstützungszahlungen und wird ermordet. Sein mutmaßlicher Mörder, Joxe Mari, ist der Sohn seines besten Freundes, der sich mit jugendlicher Begeisterung der ETA angeschlossen hat und in den Untergrund gegangen ist. Bittori, die Frau des Fuhrunternehmers, die nach dem Mord das Dorf verlassen hatte und in San Sebastián lebt, kehrt zurück. Sie weiß, dass sie nicht mehr lange leben wird und will herausfinden, wer damals ihren Mann ermordet hat. Deshalb sucht sie den Kontakt zu den ehemaligen Freunden. Im Dorf stößt sie auf eisiges Schweigen und Ablehnung, die Bewohner wollen nicht an Terror und Auseinandersetzungen erinnert werden, sondern verdrängen ihr eigenes Verhalten und wollen mit den Opfern nicht konfrontiert werden. Besonders Miren, einst Bittoris engste Freundin und Mutter des mutmaßlichen Mörders, der nun schon über 20 Jahre im Gefängnis sitzt, geht ihr aus dem Weg und fühlt sich durch ihre bloße Präsenz bedroht und angeklagt. Selbst der Priester des Dorfes scheut sich, ihre Rückkehr ins eigene Heimatdorf zu akzeptieren und ihr Beistand zu leisten. Nur sehr langsam scheint eine Begegnung wieder möglich zu werden.
Aramburu lässt die verschiedenen Mitglieder beider Familien erzählen, wie sie mit den Geschehnissen umgegangen sind und welche persönlichen Verletzungen und Unsicherheiten zurückbleiben. Wir begegnen starken, spröden Persönlichkeiten wie den beiden ehemaligen Freundinnen Bittori und Miren, die beide ihre Familien dominieren und mit ihrer Einstellung die Entfremdung der Freunde sowie die Fanatisierung vorangetrieben haben, aber gleichzeitig massiv darunter leiden. Bei ihren Kindern haben die Jahre des Terrors und die Polizeigewalt der Guardia Civil andere Spuren hinterlassen. Verunsicherung, Bindungsunfähigkeit, Flucht aus der heimatlichen Umgebung und den politischen Verquickungen spiegeln sich in ihren Berichten. Nur Arantxa, die Schwester des mutmaßlichen Mörders, die durch einen Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt ist und ihr Leben bei ihren Eltern im Dorf verbringen muss, stellt sich den Fragen nach der Vergangenheit, nach  Menschlichkeit und Abkehr von Gewalt. Sie zeigt Empathie und schafft es, die Fronten langsam aufzuweichen.
Von den unterschiedlichen Charakteren der Familienmitglieder und in zahlreichen Zeitsprüngen erfahren wir viel über die ETA, ihre militärische Struktur und Gewaltbereitschaft, die Fanatisierung einer Gesellschaft und die Geschehnisse in den 1960ern bis in die 2000er Jahre, die uns aus den Nachrichten dieser Zeit als Schreckensmeldungen noch präsent sind. Sie bekommen in diesem fesselnden Roman Gesichter, Stimmen und menschliche Dimension.
Man spürt, dass der Autor in dieser Atmosphäre aufgewachsen ist, die Geschichte des Baskenlands und der ETA haben seine Kindheit geprägt. Seine Erinnerungen daran geben dem Buch eine Intensität und Dynamik, der man sich nicht entziehen kann.
Wie er dabei immer wieder um das richtige Bild oder den richtigen Vergleich ringt, stilistisch quasi beides anbietet durch Aneinanderreihung  ist sein besonderer Schreibstil, der zuerst etwas irritieren kann, dann aber eher zu Authentizität und Glaubwürdigkeit beiträgt.
Patria - Heimat - hat er sein Buch genannt. Nicht mehr und nicht weniger.

Thyra Kraemer

Fernando Aramburu
„Patria“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 06.03.2018
Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“
Es klingt wie das prächtige Fantasieprodukt eines Autors. Dabei ist das, was Jakob Hein in seinem neuen Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ beschreibt, eine historisch verbürgte Geschichte. Und Hein ist es wichtig, dies auch immer wieder zu betonen: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs sollte Leutnant Edgar Stern im Namen des deutschen Kaisers Wilhelm II. den Dschihad, den „Kampf der Muslime zur Verteidigung und Verbreitung des Islams“, kurz den „Heiligen Krieg“ von der Türkei aus anschieben. Grund hierfür war, dass Deutschland glaubte, wenn sich die gesamte islamische Welt gegen die Kolonialmächte Frankreich und England erheben, wären diese Länder zugleich in der kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland arg geschwächt. Die Idee hierzu hatte eben jener jüdische Leutnant Stern und der Gedanke fiel deshalb auf fruchtbaren Boden, da Kaiser Wilhelm II. eine enge Beziehung zu Sultan Abdul Hamid II., dem damaligen Herrscher des Osmanischen Reiches und Kalif der Muslime, unterhielt.
Jakob Hein erzählt in seinem Roman eine verwegene Geschichte. Aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf bei Potsdam, das ausschließlich muslimischen Soldaten vorbehalten war(!),  wurden vierzehn Gefangene ausgesucht. Diese reisten mit Stern von Deutschland aus in die Türkei, um hier, möglichst öffentlichkeitswirksam, frei gelassen zu werden. Aber wie kam eine solche „Reisegruppe“ damals quer durch Europa? Österreich-Ungarn, vor allem aber Rumänien standen Deutschland kritisch bis feindlich gegenüber. So kam Stern auf die Idee, die muslimischen Ex-Soldaten als Zirkustruppe getarnt an den Bosporus zu schleusen. Stern selbst wurde kurzerhand zum Zirkusdirektor.
Hein versteht es meisterlich, diese kaum zu glaubende Geschichte sehr kurzweilig und flott zu erzählen. Er nimmt hierfür verschiedene Sichtweisen ein, schreibt aus dem Blickwinkel der muslimischen Gefangenen, aus der Sichtweise von Sterns Vorgesetztem, dem Legationssekretär Schabinger von Schowingen, eines deutschen Funkers, eines Diplomaten und natürlich aus der Perspektive des Leutnants selbst. Die Schilderung besitzt, bei aller historischen Ernsthaftigkeit, natürlich einen Hauch von Abenteuer und irgendwie klingt das exotische Unternehmen immer wieder nach einem intelligenten Schelmenroman – für die Jakob Hein schon in der Vergangenheit bekannt war.
Hein vermittelt diese Geschehnisse auf eine mitreißende und anregende Art, macht neugierig auf Geschichte, leuchtet völlig neue Facetten im Blick auf die Vergangenheit aus und bindet diese in die Gegenwart ein. Ähnlich wie schon in dem wunderbaren Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky, taucht, zumindest am Rande, auch jener Max von Oppenheim auf, der als deutscher Diplomat, Orientalist und Archäologe so etwas wie der Gegenentwurf zu Thomas Edward Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien, gewesen ist. Hein erinnert auch an den Bau der legendären 1.600 Kilometer langen Bagdadbahn, die unter maßgeblicher Beteiligung einiger deutscher Firmen gebaut wurde. Auch wird das Leid und die staatliche Verfolgung der Armenier deutlich an Einzelschicksalen benannt.
Am Ende des Buches findet sich in dem Kapitel Paralipomena ein Nachtrag zu einigen historischen Fakten, wie zum Beispiel die erste Moschee auf deutschem Boden, die in eben jenem Gefangenenlager in Wünsdorf entstand, vor allem aber die Fortsetzung der Lebensläufe einiger handelnder Personen. Geschichte ist nun einmal fortlaufend – im Gesellschaftlichen wie im Privaten.
Jörg Konrad


Jakob Hein
„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“
Galiani Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 20.02.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Iwan Turgenjew
Die Auseinandersetzung zwischen den Generationen ist so alt wie die Menschheit. Schon im Jahr 3000 v.Chr. ritzte ein unbekannter Sumerer auf eine Tontafel: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“
Ein großer Roman der Weltliteratur trägt den Gegensatz zwischen Alt und Jung schon im Titel: „Väter und Söhne“ von Iwan Turgenjew. Das Buch wurde nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1862 schnell berühmt und sorgte in der intellektuellen Szene Russlands für heftige Diskussionen. Im Dezember 2017 ist es bei dtv in der frischen, unverstaubten Neuübersetzung von Ganna-Maria Braungardt erschienen und liest sich auch heute noch überraschend aktuell.
Iwan Turgenjew, ein Hauptvertreter des literarischen Realismus, spiegelt in seinen Romanen das geistige und soziale Klima Russlands in der Mitte des 19.Jahrhunderts. Es war eine Zeit des Umbruchs, der Neuorientierung. Russland öffnete sich zögernd liberalen, aufklärerischen Ideen aus dem Westen. Unter Zar Alexander II. gab es zahlreiche Reformen, die wichtigste war die Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1862. Die patriarchalische Ständegesellschaft galt vor allem der Jugend als überholt.
In seinem Roman „Väter und Söhne“ lässt Turgenjew die alte und die neue Welt aufeinander prallen. Der Medizinstudent Basarow, die Hauptfigur des Romans, wird von seinem Freund Arkadi auf das kleine Landgut seiner Familie eingeladen. Dort treffen die beiden jungen Männer auf die „Väter“, Arkadis Vater und seinen Onkel. Basarow und Onkel Pawel Kirsanow sind die eigentlichen Antipoden des Romans. Der Onkel. ein feinsinniger, eleganter Aristokrat, ist der Typus des „überflüssigen Menschen“, der in der russischen Literatur des 19.Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielt und auch einer Erzählung Turgenjews den Namen gegeben hat. In melancholischem Nichtstun trauert er einer unglücklichen Liebe nach und wird von Basarow als dekadenter Taugenichts verachtet. Der nichtadelige Student provoziert ihn durch seine ungehobelten Manieren und seine umstürzlerischen Ansichten.
Basarow verkörpert in überspitzter Weise die revolutionär eingestellte Jugend seiner Zeit. Seine Ideen weisen bereits auf den dialektischen Materialismus, den sozialistischen Menschen späterer Jahrzehnte und auch auf die 68er Generation hin. Basarow bezeichnet sich selbst als „Nihilist“, ein Begriff, der durch Turgenjew Verbreitung fand. „Ein Nihilist ist jemand, der sich keinen Autoritäten beugt, der kein einziges Prinzip bedingungslos akzeptiert, egal wie sehr es geschätzt wird“ heißt es im Roman. Kunst, Musik, Naturempfinden gelten ihm als überflüssige Romantik. Statt die Natur zu bewundern seziert er Frösche. „An Principes glaubt er nicht, aber an Frösche glaubt er“ beklagt sich Pawel Kirsanow.
Die Liebe hält Basarow konsequenter Weise für einen rein physiologischen Vorgang. Als er sich jedoch in die schöne Anna Odinzowa verliebt und von ihr abgewiesen wird, zerbricht er an seinem Unglück. Turgenjew zeigt, wie Basarows Theoriegebäude, seine ideologischen Positionen dem realen Leben mit seinen existentiellen Erschütterungen nicht standhalten können. Die ergreifende Abschiedsszene zwischen dem todkranken Basarow und Anna stellt in ihrer Behutsamkeit und ernsthaften Schlichtheit einen Höhepunkt des Romans dar.
„Väter und Söhne“ ist alles andere als ein Thesenroman. Turgenjew, der selbst ein aufgeklärter Geist war, behandelt Basarows materialistische Weltanschauung zwar kritisch, aber er zeigt auch Sympathie für seine leidenschaftliche Unbedingtheit. Nie wird Turgenjew moralisierend, und es gibt kein Schwarz-Weiß. Alle Personen des Romans, die Jungen wie die Alten, die Adeligen, Dienstboten und Bauern, schildert er mit feiner Ironie und großem psychologischem Einfühlungsvermögen. Da ist zum Beispiel der liebenswerte, aber schwache Vater Arkadis, der zwar fortschrittlich sein möchte und seine Bauern aus der Leibeigenschaft entlassen hat, aber sein Gut herunterwirtschaftet. Da sind starke Frauengestalten wie die vorurteilsfreie, unabhängige Anna Odinzowa und die junge Fenetschka, die Geliebte des Vaters. Und da sind die rührenden alten Eltern Basarows, die seine Schroffheit geduldig ertragen.
So zeichnet Turgenjew elegant, poetisch und mit leichter Hand, aber tiefem Verständnis, ein eindrucksvolles Porträt der Menschen seiner Zeit, ihrer Sehnsüchte, ihrer Konflikte und ihrer Suche nach neuen Lebensentwürfen.
Lilly Munzinger, Gauting


Iwan Turgenjew
"Väter und Söhne"
dtv
Autor: Siehe Artikel
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