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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Grandmothers Of Invention – Lebendiger Geist

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Olching: Opas Diandl – Ein Rohdiamant

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Landsberg: Avishai Cohen Quartet – Musik im Hier und Jetzt

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Landsberg: Omer Klein Trio – Sprühende Dynamik

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Fürstenfeld: Julia Hülsmann & Mia Knop Jacobsen – Stille Lieder mit g...

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Iffeldorf: Valeriy Sokolov & The Menuhin Academy Soloists – Differenz...

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Montag 30.04.2018
Landsberg: Grandmothers Of Invention – Lebendiger Geist
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Foto: Timo Radecke
Landsberg. Zum 14. Geburtstag hat er sich ein Telefonat mit dem Komponisten Edgar Varese gewünscht, 50jährig spielte er mit dem Gedanken, sich für das Amt des amerikanischen Präsidenten zu bewerben. Dazwischen war er Bürgerschreck und Rockrebell. Und natürlich Musiker, genialer Musiker und Komponist, dessen Markenzeichen „krachende Kollisionen von Rock, Jazz, Folk und Klassik“ waren, wie die FAZ 1993 in einem Nachruf schrieb. Frank Zappas erste Band, die öffentlich für Aufsehen sorgte, waren die „Mothers Of Invention“, mit denen er Mitte der 1960er Jahre die noch junge Popkultur tatsächlich revolutionierte. Leider nicht so nachhaltig wirksam, wie er sich das zu Lebzeiten gewünscht hat.
Über ein halbes Jahrhundert später steht ein Teil dieser damals legendärsten Formation der amerikanischen Gegenkultur auf der Bühne des Landsberger Stadttheaters. Zwar gehörte keiner der  auftretenden Instrumentalisten zu den Gründungsmitgliedern der Mothers, die sich mit einem Schuss Selbstironie seit 1980(!) „The Grandmothers Of Invention“ nennen. Aber Bunk Gardner (Saxophon und Flöte), Don Preston (Keyboards) und Ed Mann (Schlagzeug) gehörten jahrelang zu Zappas weltreisendem Tour- und Studiotross. Christopher Garcia (Perkussion) ist Spätgeborener – und glühender Verehrer des großen Zappano.
Gespielt wurde am Sonntagabend ganz im Sinne des Meisters – natürlich seine Kompositionen. Und die sind gekennzeichnet von Harmonie- und Tempiwechsel am laufenden Band. Collagen eines karikiert vertonten American Way Of Life, zusammengesetzt aus klassischem Musikerbe, Blues, Pop, Improvisationen, Falsettgesang und avantgardistischen Werbejingles. Zappa selbst duldete bei seinen Tourneen keine Notenblätter auf der Bühne. Die Musiker mussten dieses unsäglich komplexe Material zuvor intensiv üben, was manchen seiner Bandmitglieder schon im Vorfeld fast verzweifeln ließ. Diese Herausforderung tat sich das Quartett auf der Landsberger Bühne nicht an. Zwar suchten die mittlerweile hochbetagten älteren Herren immer wieder einmal die richtige Partitur, aber letztendlich spielten sie die Musik souverän. Vielleicht dabei nicht ganz in der Perfektion, die vor den Ohren ihres einstigen Meisters Gnade gefunden hätte – aber immerhin.
„Ohne Abweichung von der Norm, ist Fortschritt nicht möglich. Um erfolgreich abzuweichen, muss man zumindest oberflächliche Kenntnis der Norm haben, von der man abzuweichen gedenkt.“ So Zappas Credo, das auch für die Grandmothers als Richtschnur gilt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Anfang des Konzertes einzuordnen, bei dem das Quartett A Capella als Ruben & The Jets auftritt und einen brüchigen Doo Wop präsentiert, wie ihn Zappa immer schon liebte.
Bunk Gardner, mittlerweile 85jährig, zeichnete sich anschließend noch durch diesen sperrigen, provozierenden Saxophonsound aus, mit dem er durch die Arrangements pflügt und dem man manchen Schnitzer gern verzeiht. Bei ihm wird am deutlichsten, mit welcher Trotzgeste das gesamte Zappa-Oeuvre ausgestattet ist. Don Preston am E-Piano (und Gong!), ein Jahr älter als Gardner, hat hörbar Jazz und Rock jung gehalten. Und zwischen diesen beiden Polen bewegt er sich mit Spaß noch heute – unangepasst, zitierfreudig, technischen Neuerungen gegenüber immer offen. Wie auch immer umgesetzt.
Ed Mann ist einer der großen Vibraphonisten in Zappas Band gewesen. Er liebte diesen metallischen Klang, der die Polyrhythmik zusammenhielt, Übergange schuf und in Kombination mit dem Schlagzeug flirrend hellere Klangfarben erzeugte. In Landsberg fand er in den besten Momenten eine fast spektakuläre Einheit mit Schlagwerker Christopher Garcia, in den Zappa-typischen Triolen und Quintolen und in den versetzten Taktschwerpunkten. Auch das ist im Rock`n Roll-Zirkus bis heute wohl einmalig und dafür lohnt es sich, den Geist am Leben zu erhalten.
Jörg Konrad
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Samstag 28.04.2018
Olching: Opas Diandl – Ein Rohdiamant
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Olching. Es gibt Volksmusik und es gibt Volksmusik. Opas Diandl, das Quartett aus Südtirol, hat sich jener Form der Volksmusik verschrieben, die ihre Wurzeln tatsächlich in der Tradition hat, die vital ist, ihre Energie sowohl aus dem Vergangenen, aber auch aus der Gegenwart zieht und in der sich das Leben in den verschiedensten Facetten und Befindlichkeiten spiegelt. Gespielt von Instrumentalisten, die offen sind für Neues, für Ungewohntes, für Dazugekommenes. Musik, die eben weit über das allein „Glückseeligmachende“ volkstümlicher Musiksendungen hinausgeht. Kurz: Die klingt, wie Opas Diandl – gestern Abend im Olchinger KOM.
Dieses Quintett hat Jodler und Post Punk im Programm, da wird wie im Mittelalter musiziert und auf Jazzharmonien improvisiert, da erklingt ein Walzer im Dreivierteltakt und eine Polka im Klassikformat. Vor drei Jahrzehnten wäre dies vielleicht nur schwer vorstellbar. Berührungsängste? Denkste! Wo vor denn auch? Die Welt hat sich verändert, sie scheint kleiner geworden und die Kulturen sind näher zusammengerückt. Und manch versteckter Edelstein kommt so ans Licht der Öffentlichkeit. Opas Diandl ist so ein ungeschliffener, so ein glitzernder Rohdiamant, der in seiner Einfachheit strahlt und der Licht in jede Stube bringt. Mit ihrer anarchischen Folklore, ihrem authentischen Musikantentum rücken sie den vertracktesten harmonischen und rhythmischen Strukturen zu Leibe und spielen letztendlich Popmusik in traditionellem Gewand. Ihr Satzgesang, mit all seinen Dissonanzen und Reibungen, hat diesen einmaligen Charme, wie das Echo in den Bergen. Manchmal glaubt man, die fünf kämen geradewegs von der Alm, von der Heumahd und hätten noch ein zünftiges Lied auf den Lippen. Aber dann diese Kompliziertheit ihrer Songs, was kaum einer merkt; diese Virtuosität, ganz simpel verpackt; diese Provokation, musikalisch entkernt. Der vielleicht bestgehütete Geheimtipp seit es Volksmusik gibt. Deshalb: Sollten Opas Diandl in ihrer Nähe spielen – nichts wie hin!
Jörg Konrad
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Sonntag 22.04.2018
Landsberg: Avishai Cohen Quartet – Musik im Hier und Jetzt
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Landsberg. Im letzten Jahr, Avishai Cohen war schon damals auf großer Europatour, gab der Trompeter in Hamburg anlässlich eines Konzerts in der Elbphilharmonie ein Interview, in dem er davon sprach, dass Musik immer einen Bezug zur Gegenwart haben müsse. Es gäbe keine Verbindung, würde man heute Dinge aus den 1940er Jahren spielen. Musik müsse prinzipiell im JETZT angelegt sein.
Gestern Abend trat der aus Israel stammende und derzeit in Indien lebende Trompeter mit seinem Quartett im Landsberger Stadttheater auf. So, oder zumindest ähnlich, war der Sound Miles Davis, vor ca. fünfeinhalb Jahrzehnten. Vor allem in den Momenten, in denen er den Dämpfer nutzte, der seinem Spiel diese besondere melancholische Aura gab. Das war zeitweise herzergreifend und traumhaft schön. Aber wie passt dieser Eindruck zu der Aussage im Interview?
Verfolgt man das Spiel Cohens genauer, wird deutlich, dass er eine definitiv andersartige Persönlichkeit ist und sich seiner Musik von einer sehr individuellen Seite nähert. Mag sein, dass der „Prince Of Darkness“ im Sound seine Spuren hinterlassen hat (welcher Trompeter im Jazz kann schon ganz aus dem Schatten eines Miles Davis heraustreten), aber je weiter der Abend fortschritt, um so deutlicher wurden diese Ansätze, die speziell Cohens Musik bestimmen.
Die Zeit spielt bei ihm eine substanziell andere Rolle. Er nimmt in seine Kompositionen (und Improvisationen) eine gewisse Ruhe und Gelassenheit völlig selbstverständlich auf. Sie sind in ihrer manchmal zeitlupenhaften Zügelung wichtiger Teil seines Musizierens. Nur so können die Stücke eine Ausgeglichenheit und Verinnerlichung ausstrahlen, die eine entsprechende Intimität vermitteln. Und nur so kann jemand einen Großteil seiner berückenden Gefühlswelt preisgeben.
Selbst freie Passagen unterliegen keiner Ästhetik des Widerstands, sondern sind der Ausdruck einer sehr feinfühlenden Seelenlage. Avishai Cohen liebt die Offenheit. Die Ränder seiner Musik grenzen nicht ein, sondern sind Übergänge hin zu neuen Gedanken und Interpretationsweisen. Ein poetischer Freigeist, der oft mit nur winzigen Gewichtsverlagerungen innerhalb der Musik zu neuen Aussagen kommt. Dabei bestimmen kleine melodische Figuren die knappen Themen und schaffen eine schwebende, manchmal beschwörende Qualität. Aber klar im Ansatz und zwanglos in der Form. Natürlich ganz ohne Vibrato gespielt. Denn diese Form des Pathos passt nicht zu Cohen und zittrig wird man schließlich (laut Miles Davis) im Alter ganz von selbst.
Dieses Musizieren ist natürlich nur mit einer Schar von Gleichgesinnten möglich. Und auf diese kann Avishai Cohen schon seit einigen Jahren zurückgreifen. Es ist zu spüren wie glücklich er mit Ziv Ravitz (Schlagzeug), Barak Mori (Bass) und Yonathan Avishai (Klavier) ist. Wie vier Seelenverwandte, die eine gewisse Polarität zur Erzeugung von Spannungsmomenten zwar nutzen, aber letztendlich doch auf gemeinschaftlichem Level an ihrer Kunst arbeiten. Bei ihnen greift das Denken, Finden und Umsetzen von Musik zielgerichtet ineinander. Und Räume, für solistische Statements, manchmal auch für attackierende Provokationen, lassen sie sich gegenseitig reichlich – ohne bei deren Umsetzung auch nur in die Nähe von selbstverliebten Monologen zu geraten. Auch dann nicht, wenn Avishai Cohen als Zugabe allein auf der Bühne steht und eine sinnlich verschlungene Melodie seiner Ehefrau widmet. Musik eben im Hier und Jetzt.
Jörg Konrad
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Freitag 20.04.2018
Landsberg: Omer Klein Trio – Sprühende Dynamik
Landsberg. Dass sich Musiker immer wieder mit dem Schlaf beschäftigen, hat meist einen ganz persönlichen Bezug. Robert Wyatt, einstiger Schlagzeuger der Canterbury-Band Softmachine, nannte eines seiner grandiosen Alben in den 1990er Jahren „Shleep“. Es bezog sich auf die eigene alptraumhafte Schlaflosigkeit, die Wyatt fast den Verstand raubte. John Cale, ein Viertel der legendären Velvet Underground, sang schon 1985 den Song „The Sleeper“ und Nick Cave lockte in seinem „Come into my Sleep“ seine Geliebte ins geheimnisvolle Reich des Unbewussten. Max Richter, der aus Hameln stammende Elektroniker und Filmkomponist, hatte erst im letzten Jahr die achtstündige(!) Einschlafhilfe „Sleep“ veröffentlicht – und großen Erfolg damit. Und Omer Klein, der israelische Jazz-Pianist mit Wohnsitz Düsseldorf? Was hat es mit seinem im letzten Jahr erschienenen Album „Sleepwalkers“ auf sich? Nun, eines kann man an dieser Stelle schon behaupten: Es ist ein ausgeschlafenes, ein ambitioniertes Werk. Und auch dessen Live-Fassung klingt, wie am Donnerstagabend im Landsberger Stadttheater zu hören, kraftvoll, ruhelos, aufgeweckt. Wobei der Pianist den Titel „Sleepwalkers“ als einen Weck- und Warnruf verstanden wissen möchte, sich eben nicht schlafwandelnd durch die Welt zu bewegen, sondern die Realität, speziell ihre technologischen Gefahren, mit wachem Geiste wahrzunehmen.
Das Trio, Klein teilte sich in Landsberg die Bühne mit Haggai Cohen-Milo am Bass und Amir Bresler am Schlagzeug, legte von Beginn an ein enormes Tempo vor. Jazz von seiner temperamentvollen, von seiner eruptiven Seite. Gespielt in technischer Brillanz, in der die Spannung brodelte und die Ideen Purzelbäume schossen.
Aber so, wie einige der jungen Klavier-Virtuosen, setzt auch Klein nicht unbedingt auf die Altvorderen des Jazz. Nicht jede musikalische Faser seines Körpers atmet die großen Solisten der Jazz-Geschichte. In Kleins Spiel sind deutlicher die ethnischen Einflüsse seiner Heimat zu spüren, orientalische Folklore, zeitweise als Pop getarnt, eine Prise Rock`n Roll und natürlich viele Elemente der klassischen Klavier-Literatur. Der rudimentäre Swing des Jazz ist in seinem Trio einem treibenden, einem unwiderstehlichen Groove gewichen. Der hält die ganze Musik zusammen, gibt ihr diese tänzerische Verspieltheit und sprühende Dynamik.
Klein dreht währenddessen am Instrument glanzvolle Pirouetten, wagt pianistisch die höchsten Schwierigkeitsgrade, wirft Motive in den Ring, explodiert förmlich vor Musikalität. Alles andere als ein Virtuose der Bescheidenheit. Er verbindet in seinem Spiel Heiterkeit und Spiritualität, wobei es ihm um Eindringlichkeit, um Intensität geht, vorgetragen in einer beeindruckenden Gelassenheit. Auch dann, wenn er auf dem kleinen Plastikkeyboard Retrosounds aus den 1960er Jahren einwirft (ja, so manieriert klangen damals tatsächlich die Orgeln der Unterhaltungsmusik) bleibt seine Musik frisch und hochsubtil. Immer im Fluss könnte seine (musikalische) Lebensmaxime lauten.
Haggai Cohen-Milo hält es am Bass nicht auf der Stelle. Er tanzt am Fleck, soliert in paganinihafter Virtuosität, grandios und raffiniert. Und immer in Kontakt zu Amir Bresler, der am Schlagzeug unablässig die Rhythmen splittet, der Wellen getrommelter Ungeheuerlichkeiten erzeugt, der geschickt die Metren verstolpert und dessen Beckenrauschen eine enorme Sogkraft entfaltet.
Etwas Ruhe zog erst mit einer Komposition von Antonio Carlos Jobim in den Saal. Immerhin die zweite Zugabe, die sich ein begeistertes Publikum erklatschte.
Jörg Konrad
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Donnerstag 19.04.2018
Fürstenfeld: Julia Hülsmann & Mia Knop Jacobsen – Stille Lieder mit großer Wirkung
Fürstenfeld. Sie ist eine Art Kraftwerk innerhalb der deutschen Jazzszene. So fein, inspirierend und ausgewogen sie als Pianistin agiert, so fulminant und nachhaltig ist Julia Hülsmanns Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit für das Musik-Phänomen Jazz. Sie war Vorsitzende der Union Deutscher Jazzmusiker, erhielt vor zwei Jahren den Ehrenpreis für kulturpolitische Arbeit des WDR und den SWR Jazzpreis und ist bis heute Gastprofessorin für Arrangement und Komposition an der Berliner Universität der Künste. „Nebenher“ findet sie Zeit, einige (wie kann es anders sein) von der Kritik hochgelobte Alben einzuspielen, mit deren Inhalt sie immer wieder auf Tour geht. Mal im Trio, mal im Quartett, häufig im Duo mit Sängerinnen und Sängern, wobei Literaturvertonungen ihre Spezialität zu sein scheinen.
Gestern war Pianistin Julia Hülsmann in Fürstenfeld zu Gast, gemeinsam mit der Sängerin Mia Knop Jacobsen. Und obwohl beide zwei Tage zuvor erstmals gemeinsam musizierten, die angekündigte und langjährig vertraute Vokalistin Torun Eriksen konnte das Konzert nicht wahrnehmen, wurde der Abend zu einem vollen Erfolg.
Ein Großteil der Kompositionen stammten von Julia Hülsmann, die schon seit geraumer Zeit Texte von Shakespeare, Rilke, E.E. Cummings und Margaret Atwood für ein derartiges Programm vertonte. Es sind auf diese Weise kleine Kunstlieder mit starkem Jazz-Einschlag entstanden, die in ihrer Umsetzung etwas zauberhaft Kammermusikalisches vermittelten. Die Interpretation der Songs wirkte wie eine Art Verführung, weg vom laut tosenden Alltag, hin zur Intimität großer Gefühle. Jedoch ohne jedes Pathos oder manirierte Allüren. Mia Knop Jacobsens klare und ausdrucksstarke Stimme gaben den Songs eine selbstbewußte und doch dabei sehr sensible Aura. Sie machte sich die Texte inhaltlich zu eigen, ohne den Vortrag an sich zu dominieren. Es waren sehr differenzierte Zwiegespräche, wobei Jacobsens Vokalkunst in ihrer leichten Verspieltheit häufig wie die Instrumentierung ihre Stimme wirkte. Auch Julia Hülsmanns Klavierspiel besaß etwas behutsam schwingendes. Selbst in ihren knappen Solopassagen spürte man noch ihre Duopartnerin. Vertrautheit, Respekt und eine gewisse fragile Bescheidenheit bestimmten diese Kompositionen.
Behutsame Erinnerungsarbeit leisteten beide in den wenigen Coverversionen des Abends. Ob nun „Come Together“ und „Yesterday“ von den Beatles, Joni Mitchell-Hymnen oder auch der Brecht/Weill-Dauerbrenner „Mack The Knife“, die Interpretationen wirkten eigenwillig pointiert, verinnerlicht, wie aus einer anderen Welt betrachtend und vermittelnd. Poesie auf eine individuelle, stark berührende Weise. Stille Lieder mit großer Wirkung.
Jörg Konrad
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Samstag 14.04.2018
Iffeldorf: Valeriy Sokolov & The Menuhin Academy Soloists – Differenziert und kontrastreich
Iffeldorf. Antonio Lucio Vivaldi hat im Laufe seines Lebens über 1000 Kompositionen geschrieben. Nach Aussage von Zeitzeugen war er in der Lage, „ … ein Concerto mit sämtlichen Stimmen schneller zu komponieren, als ein Kopist es abschreiben könne“. Sein Hauptberuf: Priester. Ihm soll übrigens während eines Gottesdienstes ein Fugen-Thema in den Sinn gekommen sein, worauf er augenblicklich den Altar verließ, in die Sakristei ging, um das Thema aufzuschreiben. Aufgrund dieses Vorfalls brachte man ihn vor die Inquisition, die ihn glücklicherweise als einen Musiker, also als einen „Narren“ behandelte und frei sprach.
Eines dieser über 1000 Werke gehört zu den bekanntesten im gesamten Klassikkanon: „Die vier Jahreszeiten“, ein aus zwölf harmonischen Tongemälden bestehender Zyklus, der am gestrigen Abend von Valeriy Sokolov und den Menuhin Academy Soloists im Rahmen der Iffeldorfer Meisterkonzerte aufgeführt wurde. Doch entgegen dem angekündigten Programm wurden diese jahreszeitlichen Tonfolgen kurzfristig vom Anfang an das Ende des Abends versetzt. Eine kluge Entscheidung.
Begonnen hat das Konzert mit Peter Tschaikowskis „Souvenir de Florence op. 70“. Es ist Tschaikowskis einziges Streichsextett, inspiriert von einem Florenzaufenthalt um das Jahr 1890. Es ist eine energiereiche und temperamentvolle Komposition, die in ihrer Virtuosität von den Menuhin Academy Soloists mit Frische und Hingabe interpretiert wurde. Dieses Stück besitzt etwas rauschhaft Aufwühlendes, zeichnet sich aus durch einen Drang zur Klarheit und zum Licht und vermittelt einen von positiver Lebensfreude gezeichneten Komponisten – was für andere Werke Tschaikowski nicht unbedingt zutrifft.
Der Vorteil des in Iffeldorf auftretenden Ensembles war, dass sich der angesagte Solist des Abends zugunsten seiner Musikerkollegen zurückhalten und ihnen, in wechselnder Reihenfolge, die Führungsstimme überlassen konnte. Dazu gehört mit Sicherheit eine ordentliche Portion uneigennütziges Selbstbewusstsein, das Valeriy Sokolov an diesem Abend immer wieder unter Beweis stellte. So passte er sich in „Souvenir de Florence op. 70“ in das Gruppengefüge mit ein, war eben gleichberechtigter Teil des in diesem Fall sechsstimmigen Orchesters.
In dem anschließenden „Pieta“, einem Kammerkonzert für Violine und Streicher von Vladimir Genin aus dem letzten Jahr, verhielt es sich schon anders. In dieser von Valeriy Sokolov angeregten Komposition hatte er selbst die Führungsstimme inne. In Anwesenheit des Komponisten, der die „Pieta“ auch dirigierte, setzte Sokolov wunderbare solistische Ausrufezeichen. Dieses, von flächigen Gegensätzen und Dissonanzen in dunkler, andächtiger Grundatmosphäre vorgetragene Stück, beeindruckte in der Differenziertheit und den kontrastreichen Instrumentalstimmen. Nicht die spieltechnische Virtuosität stand hier im Vordergrund, sondern eine auf beschwörenden Ton-Gebilden aufgebaute, mahnende Dringlichkeit.
Nach der Pause dann die Zugnummer „Le Quattro Stagioni“ - in deutscher Sprache unverfänglicher „Die vier Jahreszeiten“. Hier agierte das Ensemble vollmundig und schwungvoll. Die Farbigkeit der einzelnen Jahreszeiten ist dem Pulsieren der Melodik zu verdanken, wobei das Ensemble mit einer vitalen Dynamik und großen Gefühlen aufwartete. Auch hier wechselten sich in den einzelnen Sätzen die Solostimmen ab, ohne dass dieses Tonpoem auch nur leicht an Geschlossenheit einbüßte. Überzeugende Tempovariationen, brillante Technik und ein perfektes Zusammenspiel machten den Abend zu einem Musikgenuss, dem das Publikum begeisterten Applaus zollte.
KultKomplott
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