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Inhaltsverzeichnis
Iffeldorf: Davide Giovanni Tomasi & Pedro Aguiar – Ungehörte Klanglan...

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Landsberg: Rosanne Cash – Beschwörende Lebenslinien

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Germering: Daniel Erdmann`s Velvet Revolution – Farbenreicher Gobelin

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Fürstenfeld: Compagnie Käfig – Entwaffnende Fantasie

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Fürstenfeld: Malandain Ballet Biarritz - Ein Fest des Lebens, ein Fest des ...

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Germering: Andreas Schaerer & Lucas Niggli – Nichts ist vorsehbar

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Sonntag 16.09.2018
Iffeldorf: Davide Giovanni Tomasi & Pedro Aguiar – Ungehörte Klanglandschaften
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Iffeldorf. Es ist kein naturwissenschaftliches Gesetz, dass, wenn zwei (oder auch mehr) außergewöhnliche Solisten miteinander musizieren, sich die Qualität des Gebotenen automatisch potenziert. Die Historie kennt hierfür genügend Beispiele – aus allen Bereichen der Kultur. Die hohe Kunst des musikalischen Miteinanders liegt eher in der individuellen Einschränkung, im Suchen eines gemeinsamen Nenners, in den angewandten gruppendynamischen Fähigkeiten der Instrumentalisten. Denn was hilft es, sich in einzigartigen virtuosen Verrenkungen zu verlieren, wenn man nicht hört, was der Nebenmann spielt? Ein solcher Auftritt verkommt letztendlich zu einer Art Sportveranstaltung: Höher, schneller, weiter.
Die Gitarristen Davide Giovanni Tomasi und Pedro Aguiar hatten diesen speziellen Moment des musikalischen Miteinanders gestern Abend während ihres Auftritts bei den Iffeldorfer Meisterkonzerten während der beiden Zugaben. Wie in Enrique Granados "Spanischen Tanz Nr. 2" fanden beide Instrumentalisten trotz nur kurzer Vorbereitungszeit sehr gelassen und stimmungsvoll zueinander. Sie stellten ihr ganzes Können und Wissen in den Dienst des gemeinsamen Auftritts, spielten voller Empathie und Einfühlungsvermögen und Intimität – nachdem sie zuvor abwechselnd solistisch brillierten und das Publikum durch ein Wechselbad der musikalischen Stimmungen schleusten.
Ihr jeweiliges Programm setzte sich überwiegend aus zum Teil weniger bekannten Komponisten zusammen, sieht man einmal von Johann Sebastian Bach oder Heitor Villa-Lobos ab. Oder waren jemandem zuvor die Namen William Walton bzw. Johann Dubez geläufig? Insofern waren nicht nur die beiden Gitarristen des Abends eine außerordentliche Entdeckung. Auch die Musik selbst kam einer Exkursion in unbekannte, oder sagen wir besser bisher ungehörte Klanglandschaften recht nahe.
Davide Giovanni Tomasi begann den Abend mit der „Introduction et Caprice op. 23“ von Giuli Regondi und er beendete den ersten Teil mit einer eigenen Bearbeitung der „Chaconne“ von Bach. Bei letzterem Stück konnte Tomasi wunderbar seine spieltechnischen Möglichkeiten ausspielen. Er brachte Bachs Präzision direkt auf den Punkt, interpretierte dieses eigentlich für Solo-Violine geschriebene Stück mit unglaublicher Gelassenheit. Tomasis melodramatisches Spiel, seine mehr emotionale Herangehensweise wurde in den drei Ausschnitten der „Cinq Preludes“ von Heitor Villa-Lobis deutlich. Raffiniert und subtil brachte der italienische Gitarrist den feinen Klangzauber des brasilianischen Komponisten zu Gehör. Die getragenen Melodien bekamen bei ihm ein gewisse kontrollierte und transparente Diskretion.
Pedro Aguiar war der etwas temperamentvollere Solist von beiden. Neben der „Sonata op.61“ von Joaquin Turina und den „Five Bagatellen“ des englischen Komponisten und Dirigenten William Walton begeisterte Aguir speziell mit der „Fantaisie Sur Des Motifs Hongrois“ des Österreichers Johann Dubez. Dieses mit Sicherheit abwechslungsreichste Stück des Abends beeindruckte durch seinen Ideenreichtum und seine expressive Leidenschaftlichkeit. Energisch und schwungvoll wecheln hier die Themen, wird der Instrumentenkörper in die Interpretation mit einbezogen, atmet die Musik eine schier überbordene Freiheit. Man glaubt gar nicht, dass diese Komposition schon 1851 geschrieben wurde. Auf jeden Fall ein breit angelegtes Spielfeld für Pedro Aguiar. Er stellt sich dieser geistigen Weite mit Disziplin und Leidenschaft. Fast zackig seine Griffwechsel, traumwandlerisch sicher bewältigt er die abenteuerlichen Unterströmungen der Vorlage und gibt der Fantaisie trotz aller aufbrechenden Virtuosität einen Hauch von melancholischer Bestimmtheit. Für das Publikum eine Offenbarung.
Jörg Konrad
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Donnerstag 02.08.2018
Landsberg: Rosanne Cash – Beschwörende Lebenslinien
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Landsberg. Konservativ, republikanisch, patriotisch - das sind jene Eigenschaften, die vor gut zwei Jahrzehnten als alleiniges Merkmal traditioneller Country Musik galten. Hinzu kam, als äußeres Attribut, der Ten Gallon Hat der klassischen Marke Stetson, wobei ein Album das Erfolg haben sollte, unbedingt in Nashville aufgenommen werden musste, dieser 600.000 Einwohner Stadt im US-Bundesstaat Tennessee. Doch die Zeiten haben sich geändert. Selbst die Tochter des Country-Hohepriesters Johnny Cash, Rosanne Cash, spielt nach eigener Aussage weniger Country, als vielmehr Americana. Das ist eine Mischung aus Folk, Blues, Rhythm and Blues, Pop, Rock, Gospel und eben Country. Verschiedene uramerikanische Stile also, die in ihrer Vielseitigkeit, Musikalität und (inhaltlichen) Offenheit heutige Generationen begeistert. Für ihr Album „The River & The Thread“ aus dem Jahr 2014 erhielt Rosanne Cash allein drei Grammys. Und am Mittwochabend war die erstgeborene Tochter des „Man in Black“ nun in Landsberg, sozusagen auf Spurensuche, auf „Time Travel“, wie sie selbst sagte. Ihr Konzert im Stadttheater: Die hohe Schule der scheinbaren Einfachheit, perfektes Singer-Songwriting, beseelte Musik. 
Es war eine Homage an die Südstaaten der USA. Sie spiegelte die raue Landschaft, starke Charaktere, aber auch kindhafte Momente des Glücks und jede Menge melancholischer Privatisiertheit wieder. Und natürlich an ihren Vater, mit Sicherheit das Gravitationszentrum nicht nur ihrer Kunst. Rosannes kehlige, manchmal schneidende Stimme, besitzt dieses eindringliche Brennen, diesen fordernden Biss. Man spürt trotz aller Emotionalität eine Haltung und eine Bestimmtheit in ihren Songs. Kaum zu glauben, dass sie abseits der Bühnen und den Aufnahmestudios besonders die Musik eines Arvo Pärts schätzt.
Aber vielleicht geht es Rosanne da genau wie ihrem Vater – nur eben schon in jüngeren Jahren. Zwar galt er als die Country-Ikone schlechthin. Doch als er musikalisch ausgebrannt schien, in tiefen Depressionen festsaß, erlöste ihn Produzent Rick Rubin, in dem er ihm einen Weg aus der musikalischen Sackgasse Country wies. American Recordings wurde eine Sammlung von Alben bekannter Coverversionen. Düster, spröde, fast streng interpretiert und doch beglückend in der Wirkung.
Bob Dylan gefiel diese Zusammenstellung bzw. Art der Umsetzung gar nicht. Rosanne hingegen sagte, sie hätten ihrem Vater damals das Leben gerettet, zumindest ihm einige Jahre zusätzlich geschenkt. Vielleicht klingen ihre eigenen Songs nicht ganz so einsam, weniger schwermütig. Dafür aber mindestens so anziehend.
In Landsberg stand sie mit ihrem musikalischen Partner und Ehemann John Leventhal an der Gitarre (und Klavier) auf der Bühne. Er ist nicht nur ein ausgebuffter Profi im Musikbusiness. Bemerkenswert seine Sensibilität, sein Einfühlungsvermögen in Rosannes Songs. Er ist bestes Beispiel dafür, wie man mit wenigen musikalischen Mitteln eine große Wirkung entfaltet. Fantasievoll, inspiriert, virtuos.
Das Repertoire setzte sich überwiegend aus den beiden letzten Alben Rosannes zusammen. Eben jenem „The River & The Thread“ und „The List“, einer Auswahl von Songs, die Johnny Cash als die bedeutendsten Country-Songs aller Zeiten bezeichnete. Mit einer gewissen Leichtigkeit und technischen Gewandtheit begleitete sich Rosanne auf der Gitarre (nein, es war wohl nicht jene, die ihr Vater einst als erstes Instrument in der Stadt kaufte) und glänzte ansonsten durch eine angenehme Art des Understatements, ja fast Bescheidenheit. Dazu gab es noch Kostproben aus ihrem neuen, in Deutschland noch nicht erschienen Album und einem Song von Lera Lynn und T-Bone Burnett aus der HBO Serie „True Detective“. Knapp zwei Stunden beschwörende Lebenslinien, die wie im Fluge vergingen. 
Jörg Konrad
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Samstag 21.07.2018
Germering: Daniel Erdmann`s Velvet Revolution – Farbenreicher Gobelin
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photo: nicolas dhondt
Germering. Das war Jazz in seiner ursprünglichen Form. Nicht unbedingt was die Instrumentierung des Trios betrifft. Jedoch die musikalische Herangehensweise von Daniel Erdmann (Saxofon ), Vincent Courtois (Cello) und Jim Hart (Vibrafon) erinnerte gestern Abend im Amadeussaal der Germeringer Stadthalle an die zeitlose Erzählkunst und den intellektuellen Anspruch, die den Jazz seit über einhundert Jahren prägen. Aufgebaut auf der heiligen Dreifaltigkeit von Rhythmik, Melodik und Harmonik spürte man den Gemeinschaftssinn des Trios, den steten Willen zur kollektiven Kommunikation. Ebenfalls die musikalische Leidenschaft, mit der sich das Trio diesem Projekt widmete.
Auf der anderen Seite war aber auch die erfrischende Individualität zu spüren, die sich in dramaturgisch geschickt aufgebauten Improvisationen äußerte. Besonders im zweiten Teil des Konzertes bekam die Abstimmung untereinander noch einen zusätzlichen Schub. Es war, als knüpften alle drei an einem farbenreichen Gobelin, wobei sie die Fäden aus Kammermusik und Avantgarde, aus Blues und Reggae, aus Swing und afrikanischer Klangtradition geschickt zusammenbrachten. Mehr noch: Sie formten ein sensibles Motiv aus ungewöhnlichen Feinheiten, das sicher nicht leicht zu greifen war, aber seine Wirkung insgesamt nicht verfehlte. Man musste sich schon auf die samtene Revolution einlassen. Denn das war keine Musik, die man nebenher aufnimmt (um so größer der anschließende akustische Schock, ausgelöst vom Stadtfest vor den Toren der Stadthalle). Das Gegeneinandersetzen und Verweben von Texturen, von Gruppendynamik und Solopassagen, vom tief-nasalen Tenorklang, den flirrenden, durch den Äther mäandernden Schattierungen des Vibrafons und den manchmal sägenden Tonfall des Cellos forderte in dieser Originalität auch vom Publikum etwas Konzentration. Jedoch waren die letztendlich ausgelösten Sinnesfreuden die Belohnung für ein stimmiges und phrasenfreies Konzert.
Jörg Konrad
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Donnerstag 28.06.2018
Fürstenfeld: Compagnie Käfig – Entwaffnende Fantasie
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dance first - Teil 2

Hip-Hop und Breakdance - zwei künstlerische Ausdrucksformen, die Anfang der 1980er Jahre fest zusammengehörten. Ein träge pumpender Rhythmus aus dem Ghettoblaster vom Bordstein und die Straßengangs der Bronx im B-Boying und Electric Boogie-Stil. Lang lang ist`s her. Mittlerweile geht es um Gangstarap, um brutale Gesetzesverstöße, um destruktive (zugegeben manchmal recht lächerlich wirkende) Attitüden und kolossale Nachrufe. Was geblieben ist, sind die pumpenden, tonnenschwer wirkenden Beats, die in ihren Taktverschiebungen beeindrucken und von denen das Zwerchfell erschüttert wird. Und ein Hauch gesellschaftspolitischer Texte. Kreativität findet meist woanders statt.
Es war nötig, den Hip-Hop aufzubrechen, ihn in seine Einzelteile zu zerlegen und dann wieder neu zusammen zu setzen. Ihn erweitern und aufweichen, seine Grenzen übersteigen, ihn sozusagen von außen betrachten. So wie die Compagnie Käfig/CCN Créteil & Val-De-Marne es getan hat, gestern Abend in Fürstenfeld. Auf zu neuen Ufern möchte man rufen, endlich, mit Mourad Merzouki und seinem Ensemble aus Frankreich. dance first macht`s möglich.
Der Choreograph Mourad Merzouki gehörte früher selbst zur Szene. Bis er auf den genialen Einfall kam, die Straße auf die Bühne zu holen, oder auch die Bühne zur Straße zu machen. Er brach den fest verzahnten Hip-Hop auf, mixte ihn mit Tanzszenen und weniger brachialen Rhythmen und durchlüftete so die im eigenen Saft vor sich hin schmorende Gemeinde.
Welche Kraft und Poesie in dieser Erneuerung steckt, macht sein Stück „Pixel“ deutlich. Zwar standen auch hier die Bewegungsabläufe des Hip-Hop im Zentrum. Aber diese waren nicht mehr allein einer rhythmischen Artistik geschuldet, sondern kamen einem kraftvollen Ausdruckstanz recht nahe. Die Bühne in ein digitales Netz getaucht, in dem die Tänzer couragiert agierten, durch das sie sich regelrecht kämpften, dass sie mit ihren Bewegungen aufrollten, zusammenschnürten, in Käfige unterteilten. Es entstanden ständig neue Räume, die fiktiv erobert wurden, oder Ausbruchsszenarien, die den Widerstand andeuteten. 3 D-Stürme fegten über die Bühne, ließen illusorische Traumwelten entstehen, verpixelte Wellen schlugen über den Akteuren zusammen und einsame Lichter deuteten irgendwo das Festland an. So wurde aus dem Martialischem etwas Spielerisches, aus Posen und Attitüden wurden surreale Szenen, aus bedrückendem Ballast wurden federleichte Szenen die tief berührten. Entwaffnenden Fantasie und das Publikum war einfach begeistert.
Alfred Esser
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Mittwoch 20.06.2018
Fürstenfeld: Malandain Ballet Biarritz - Ein Fest des Lebens, ein Fest des Tanzes.
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dance first - Teil 1

Fürstenfeld. Über Tanz zu reden oder zu schreiben bedeutet auch immer sich über Musik zu äußern. Sie schafft erst die Grundlage, das rhythmische Gerüst, auf das sich die menschlichen Bewegungen aufbauen, an dem sie sich regelrecht emporranken, um letztendlich eine Vollkommenheit anzustreben. Das Malandain Ballett Biarritz, angesiedelt in der Region Aquitaine im Süden Frankreichs, hat sich für seine drei Tanz-Stücke „Estro“, „Nocturnes“ und „Une Derniére Chanson“ Musik von Vivaldi, Chopin und altfranzösische Folklore ausgewählt. Und so unterschiedlich auch die einzelnen Musikstücke ausfallen, so unterschiedlich sind auch die Stimmungen, die die Tänzerinnen und Tänzer gestern Abend bei der ersten Vorstellung des dance-first-Festivals in Fürstenfeld zum Ausdruck brachten.
Die Musik allgemein ist zugleich der gemeinsame Nenner, das emotionale Merkmal, das alle Stücke miteinander in Verbindung bringt und zusammenhält: Das Leben in seiner ganzen Bandbreite von trauernder Melancholie, über grüblerische Verzweiflung bis hin zu erfüllter Sehnsucht und unfassbaren Glücksgefühlen. Nichts ist dem Ensemble in seinem tänzerischen Ausdruck fremd. Thierry Malandin hat drei Stücke choreographiert, in denen die Stellung und das Miteinander von einzelnen Menschen und Menschengruppen deutlich werden.
So wie in „Nocturnes“, wo auf der Grundlage von Chopins dunklen Klavier-Liedern die fließenden Bewegungen eine eigenwillige, individuelle Empfindsamkeit spüren lassen. Aus einer ästhetischer Melancholie wird eine gewisse Schwermut, als spielten sich alle Begegnungen in einem Zwischenreich von Leben und Tod ab. Das Alter und das Geschlecht der einzelnen Figuren ist von untergeordnetem Interesse. Hier rücken alle Charaktere und Individuen eng zusammen.
Hingegen finden sich in „Une Dernière Chanson“ die glücklichen (und verzagten) Momente erster Liebe wieder. Vincent Dumestre hat einige alte französische Volkslieder bearbeitet, die wie eine Art akustisches Bühnenbild  den äußeren Rahmen für diesen  manchmal fast kindhaft anmutenden Tanzreigen abgeben. Es ist dieses Verströmen des Augenblicks, der den Zauber jeder Liebe ausmacht und einfängt und festzuhalten scheint.
Nach der Pause gab es dann mit „Estro“ das wohl mitreißendste Stück des Abends. Malandain hat für diese vom Tod ausgehende sinnlich vergnügliche Rückschau auf das Sein die Werke „Stabat Mater“ und „Estro Armonico op. 3“ von Antonio Vivaldi ausgewählt. Temperament- und fantasievoll wurde das Leben in all seinen Facetten deutlich. Die Abhängigkeiten als auch Unabhängigkeiten, das Konventionelle und das Unkonventionelle zeigten sich als eine Einheit. Es wurde visuell deutlich, dass bei entsprechender Einstellung und der individuellen Durchlässigkeit von Vorurteilen Neues entstehen kann, angedeutet durch klassischen und modernen Tanz, durch das Aufheben von Grenzen und dem Ausleben von Befindlichkeiten. Es waren die pulsierenden und erfrischenden Wellen zu spüren, die der Atlantik direkt vor der Tür der Malandain Ballet Biarritz Kompagnie losbricht und von denen Heiner Brummel in seiner Begrüßung so euphorisch gesprochen hat. Neben aller Verzweiflung, die der Tod auslöst, war auch ein entfesselter Humor, ja eine gewisse Lebensekstase sichtbar, die in der Barockmusik aufging. Ein Fest des Lebens – ein Fest des Tanzes.
Alfred Esser
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Photos: Reto Andreoli
Freitag 15.06.2018
Germering: Andreas Schaerer & Lucas Niggli – Nichts ist vorsehbar
Germering. Es sind die beiden ältesten Kommunikationsmittel der Menschheit, die gestern Abend auf der Bühne des Amadeussaales der Germeringer Stadthalle zusammenfanden: Die Stimme und die Trommel. Weitere Instrumente? Keine! Funktioniert eine solche Zusammenstellung musikalisch inhaltlich? Ja, ausgezeichnet! Und das Publikum? War begeistert! Zugegeben, viele Fragezeichen. Beim Auftritt von Andreas Schaerer und Lucas Niggli war von diesen jedoch nichts zu spüren. Was die beiden boten, war ebenso riskant wie faszinierend, war ebenso komplex wie differenziert, enthielt ebenso viele Grenzüberschreitungen, wie auch Gradlinigkeiten. Jazz auf dem Hochseil der Improvisation.
Die Schweizer sind mutig genug, sich mit ihrem Handwerk und ihrer Intuition einer solchen Herausforderung zu stellen. Andreas Schaerer, ein Stimmwunder, ein Kehlkopfakrobat, ein Virtuose oraler Kunst und das rhythmische Kraftwerk, der trommelnde Teufelskerl Lucas Niggli. Gemeinsames Improvisieren ist ihre Leidenschaft. Bei ihnen finden musikalische Formen und mentale Befindlichkeiten spontan zu einer Einheit. Ihr Auftritt gleicht einem Prozess der vorsichtigen Annäherung. Sie suchen, trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte, Gemeinsamkeiten im Ausdruck. Sie tasten sich vorwärts, probieren sich aus, suchen nach Kooperationen. Das klingt oft spannend, ist nicht selten ein Wagnis, stets ohne Netz und doppelten Boden.
Das faszinierende: Das Publikum ist durchweg Zeuge dieses Vorgangs, der sich zwischen Stille und mitreißender Raserei abspielt. Schaerer schreit und gluckst, schnalzt und klackt, er singt, inhaliert und verschluckt, schafft (auch dank der Technik) flächige Atmosphären. Alles zwischen Dada und Bebop vokalisiert er.
Und auf der anderen Seite Lucas Niggli. Er streicht über die Becken, beschwört ein Donnergrollen, lässt das High Hat zischen und die Glöckchen klingeln, er kommentiert und soliert. Er arbeitet mit Besen und Klöppeln, mit Sticks und mit Schlegeln. Mal klingt sein Spiel nach Ritualen vom afrikanischen Kontinent, mal nach westlichem Heavy Metal, dann wieder wie eine groovende Dampflok in Partylaune. Nichts ist bei beiden vorhersehbar. Alles ein Ergebnis des Augenblicks und des Miteinanders. Beide kennen sich gut, wissen umeinander, nehmen sich ernst und den anderen auf der Bühne wahr. So entsteht Reibung und Harmonie, so entstehen Geschichten, weitab übermächtiger Konventionen, offene Dialoge, manchmal simpel, manchmal hochkomplex. Ein musikalisches Abenteuer par excellence. Ganz im Geiste des zeitgenössischen Jazz.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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