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Inhaltsverzeichnis
B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN

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SYMPHONY OF NOW

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CANDELARIA

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DIE WUNDERÜBUNG

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THE RIDER

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HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS

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Donnerstag 12.07.2018
B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN
Ab 19. Juli 2018 im Kino
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Er möchte so gern sterben, der Lenz,    aber er    kann’s    einfach  nicht. Lorenz „Lenz“ Gantner, Altwirt der Raststätte    B12 an    der gleichnamigen bayerischen Bundesstraße, ist 89 Jahre alt. Ein Schlaganfall hat ihn schwer getroffen. Wie schwer, darüber gehen    die Meinungen auseinander. Die Behörde hat ihm die Pflegestufe wieder aberkannt,    weil er    beim Kontrollbesuch ans Telefon gegangen ist, statt im    Bett liegen zu    bleiben. Auch    das Mitleid seines Sohns Manfred hält sich in Grenzen. Aber    Lenz beharrt darauf: Es gehe    ihm fürchterlich, er sei so gut     wie blind, könne gar nichts mehr unternehmen. Er    ist weinerlich.    Er will    sterben.
Aber weil das    halt nicht klappt, kann er auch mal eine gute Leberknödelsuppe essen oder eine Maß Bier trinken. Und Tag    für Tag    in der Raststätte sitzen, die er     seinem Sohn schon zu Lebzeiten vererbt hat, samt Schulden. Die Freunde vom Stammtisch sind schließlich    auch alle da: Konrad,    der einst König    des Rock’n’Roll-Tanzes war    und bald eine    neue Hüfte kriegt, Parkplatzwächter    Mane,    der mehr trinkt als    spricht, und der stoisch gut gelaunte    Franz,    der Lenz’ ewige Vorwürfe und Beschimpfungen gekonnt ignoriert.

Das B12, in dem sie sich treffen, ist auf den    ersten    Blick ein unauffälliger Ort, eine etwas heruntergekommene Imbissbude inmitten einer wilden Ansammlung von Gebäuden und    Containern. Doch die Stammgäste  und Durchreisenden    verhandeln hier die großen Lebensthemen: Liebe, Tod, Freundschaft und die Qualität eines Saukopfs. Die Männer, die hier täglich sitzen und trinken, reden und schweigen, sind allesamt    Originale. Viel besitzen sie nicht, aber Humor, Gemeinschaftssinn    und Gelassenheit auf alle Fälle.
Wenn Wirt Manfred ein Nebengebäude renovieren will und die befreundeten Handwerker alle drei Fenster    falsch herum einbauen, dann    ist das zwar saudumm, aber irgendwie auch    wurscht. Die Handwerker trinken ihr unverdientes Feierabendbier, und dann wirft ihnen der Spielautomat auch noch ein kleines Vermögen aus.
So ist das Leben halt: Glück und Unglück, Spaß und Verdruss, Freud und    Leid liegen eng beieinander. Und im B12 noch ein bisschen    enger. Ist dieser Ort nun kaputt und deprimierend?    Ein Ort, an    dem ununterbrochen Autos vorbeirauschen und wo    der alte Lenz in einer ehemaligen Großküche haust? Oder doch    ein besonderer  Ort, wo immer was los ist, wo viele     eine Heimat gefunden haben, wo ein 89-jähriger vom Sterben redet und     dabei    höchst    vital ist? Das ist Ansichtssache.


Ein Film von Christian Lerch


Pressenotiz   
B12 – GESTORBEN WIRD    IM NÄCHSTEN LEBEN ist    der ganz andere Heimatfilm: Christian Lerch (Regisseur und    Drehbuchautor von WAS WEG IST,    IST WEG, Drehbuchautor von WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT) porträtiert    eine etwas heruntergekommene Raststätte an der B12 und bietet Einblicke    in ein Bayern,    das man sonst    nicht kennenlernen würde: Die Stammgäste sind rau,    derb, anarchisch und haben einen ureigenen    Blick auf die Welt, allen voran der 88-jährige Altwirt    Lenz. Aus einem Herzensthema des    Drehbuchautors, Schauspielers und Regisseurs Christian Lerch ist eine liebevolle Langzeitstudie für die große Leinwand geworden!
Bei seiner Premiere auf dem DOK.fest München wurde B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN zu einem bejubelten Festival-Liebling. Produziert wurde B12 - GESTORBEN     WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN von der Münchner Südkino Filmproduktion (Johannes Kaltenhauser und Patrick Lange)    und von Lerchfilm in    Koproduktion mit demBayerischen Rundfunk (Redaktion: Petra Felber, Martin Kowalczyk, Fatima Abdollahyan). Johannes Kaltenhauser ist Koautor und Kameramann des Films. Die Filmmusik stammt    von DJ und Musikproduzent Sepalot. Der     Film wurde gefördert    vom FilmFernsehFonds Bayern (FFF).   


Regie-Statement von Christian Lerch

Das Rasthaus B12 kenne ich immer schon. Es liegt auf meinem Weg nach München. So hingeworfen - rechts    drin – direkt an der Straße. Jahrelang bin ich daran vorbei gefahren und immer    ist mir dieser Ort aufgefallen    als ein Besonderer. Also, eines Tages    angehalten, ausgestiegen und eingetreten in einen Kosmos der     Sorgen, Nöte,    Sehnsüchte und wahrlich außergewöhnlichen Bewältigungsstrategien. Ich war an einem Ort, der unser aller Suche nach    Liebe, Geborgenheit und Glücklichsein ungeschminkt,    offen sichtbar und in fast allen Facetten abbildet. Und dies    auf eine Weise tragisch, komisch und    fern jeder gängigen Selbstoptimierungsphantasie, dass ein jeder Coach schon bald daran verzweifeln würde.     Ich bin immer noch jeden Tag froh, dass wir unsere Protagonisten und Protagonistinnen und deren Umgang mit den Herausforderungen der Wirklichkeit beobachten durften.



Zitate   

„,Ja mei, I mechad nur noch sterben', sagt der 89-jährige Lenz zu Beginn des großartigen Heimatfilms von Christian Lerch. Dann erleben wir ihn als    vitalen    Patriarchen in seinem    Biotop, einer Raststätte an der     Bundesstraße    12. Sein Sohn hat das    Erbe übernommen, das Haus    wird gegen den Willen von Lenz umgebaut. Als die Fenster verkehrt herum eingesetzt werden, wird    klar, dass hier einiges aus dem Ruder läuft. Die Schwiegertochter kümmert sich liebevoll um Lenz und sogar alte Freunde lassen sich von dem ewig grantelnden Kerl nicht vergraulen und schauen immer wieder    bei ihm vorbei.
,Ja mei, I mechad nur    noch sterben', sagt der mittlerweile 90-jährige Lenz     zum Ende der     Erzählung. Ein liebevoller, berührender Film über ein Stück bayerischer Lebensart und die ureigene    Kraft des Lebens.“
Daniel    Sponsel, DOK.fest München    2018   
   

Mit Sicherheit    der außergewöhnlichste Heimatfilm der letzten Jahre: Christian Lerch porträtiert    die Betreiber einer Raststätte in der Nähe von München. Mal rabiat, mal zärtlich und     immer    mit einem Funken Humor geht es ums Leben und Überleben miteinander. Das hat so viel Pep und Schwung und ist    so prall gefüllt mit alltäglichem Irrsinn, dass man nur wünschen kann, die Langzeitdokumentarbeobachtungskomödie fände den Weg    in möglichst viele Nordlichter-Kinos jenseits des Weißwurst-Äquators.
Auch und gerade weil    es hier    manchmal sehr typisch bayrisch rustikal hergeht.
Gaby Sikorski, programmkino.de
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Donnerstag 05.07.2018
SYMPHONY OF NOW
Ab 12. Juli 2018 im Kino
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Erinnerst Du Dich an den Augenblick, als Du Dich in Berlin verliebt hast? In diese wilde, raue Stadt, die nur so strotzt vor herzzerreißender Schönheit? Genau dieses Gefühl lotet SYMPHONY OF NOW aus. Der Film ist eine filmische Ode an die Großstadt, bei der Regisseur Johannes Schaff Fragmente seiner persönlichen Geschichten mit Szenen vom nächtlichen Berlin mischt.
 

Ein Film von Johannes Schaff

Mit Musik von Modeselektor, Gudrun Gut & Thomas Fehlmann, Hans-Joachim Roedelius, Samon Kawamura, Alex.Do

SYMPHONY OF NOW ist beeindruckend gedreht und entstand in Kollaboration mit einigen der einflussreichsten Berliner Elektronik-Komponisten – darunter der international bekannte Produzent Frank Wiedemann (Âme, Innervisions, RY X, Berghain), Modeselektor, HansJoachim Roedelius, Gudrun Gut & Thomas Fehlmann, Samon Kawamura und Alex.Do.
Die Entstehung war ein höchst spannender Prozess: Auf der Grundlage von Walter Ruttmanns Filmklassiker BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927) haben die Musiker ihren Score komponiert. Das neu gedrehte Bildmaterial wurde dann wiederum auf diese Musik - mit Elementen aus Techno, House, Hip Hop, Wave und Krautrock - geschnitten. So bleibt auf eine gewisse Weise der Geist und das Echo des legendären Klassikers spürbar, ebenso wie dessen 5-Akt-Struktur und die Spieldauer von 65 Minuten erhalten bleiben. Davon abgesehen ist es eine komplett andere Herangehensweise. Regisseur Johannes Schaff und sein Team hatten die Freiheit, die Bilder und den Schnitt ganz eigen und modern zu gestalten.
Der Klassiker diente ausschließlich als konzeptionelles Vorbild für die ungewöhnliche Komposition. Anders als Ruttmann, der am Tag drehte und die Arbeitswelt mit ihren übermächtig dargestellten Maschinen in den Mittelpunkt stellte, konzentrierte sich Schaff auf besondere Momentaufnahmen vor allem in der Nacht und begegnete Menschen beim Arbeiten, beim kulinarischen Genuss, bei Kunst und Kultur und beim Feiern in den Clubs in völliger Selbstvergessenheit.
Die beeindruckenden Bilder schuf Lil’ Internet, der auch Musikvideos u.a. für Beyoncé und Jay-Z gedreht hat. Für den Schnitt zeichnet Bobby Good verantwortlich (MANIFESTO, BAR 25 – TAGE AUSSERHALB DER ZEIT).
Produziert wurde SYMPHONY OF NOW von Brendan Shelper und Max Hassemer von Pappel Studios, sowie Fabian Massah und Marc Malze von Endorphine Production.


REGIEKOMMENTAR
Uns allen ist bewusst, dass Berlin eine einzigartige Stadt ist. Keine andere Metropole hat das 20. Jahrhundert so geprägt. Die Stadt ist reich an Geschichte und Kultur. Bis auf die Grundmauern bombardiert und als geteilte Stadt mit unterschiedlicher Ästhetik wieder aufgebaut, hat Berlin heute ein einzigartiges Erscheinungsbild. Die Geschichte der deutschen Hauptstadt ist an den Fassaden, in der Architektur und den Stadtlandschaften deutlich sichtbar. In Berlin gibt es mehr Brücken als in Venedig. Es ist Deutschlands grünste Stadt und interessanterweise hat Berlin auch die größte Zootierpopulation in Europa.
Aber natürlich geht es nicht um die Fassaden oder Tiere: Es sind die Menschen in Berlin, die am faszinierendsten sind. Das wiedervereinigte Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner. Das ist immer noch eine Million weniger als 1939. Die Stadt weckt wieder Begehrlichkeiten. Das großzügige Berliner Raumangebot zieht Künstler an, die das Stadtbild und seine Kultur immer wieder verändern. Das pulsierende Nachtleben der Stadt ist weltberühmt. Täglich kommen hundert Menschen mehr in die Stadt, als sie sie wieder verlassen. Die Hälfte der Berliner ist Single, 14 Prozent sind Ausländer und etwa 50.000 der Einwohner tanzen jede Nacht in einem der Berliner Nachtclubs. Berlin ist weltberühmt für die Freiheit, die es seinen Bewohnern bietet. Keine Frage – Berlin verdient einen zeitgenössischen symphonischen Film.
Dieses JETZT ist ein wertvoller Moment in einer Stadt der Grenzenlosigkeit, ohne Beschränkungen oder Ausgangssperren. Die Berliner Geschichte hat uns gelehrt, dass Momente endlich sind. Dass sie irgendwann verschwinden und niemals wiederkehren. Deshalb ist eine Aufgabe von SYMPHONY OF NOW, diese einzigartigen Momente für zukünftige Zuschauer festzuhalten.
Dabei ist Berlin viel mehr als nur die Kulisse für diesen Film. Die Stadt ist ebenfalls der Hauptdarsteller. Die Ästhetik des Films musste dem entsprechen. Ich wollte eine für Berlin spezifische Ästhetik finden. Der klassische Weg, um Architektur oder eine Stadt filmisch darzustellen, ist der aus unserer eigenen Perspektive. Aber wenn die Stadt Teil der Geschichte ist, müssen wir auch ihrer Perspektive Rechnung tragen. Ich dachte, es sei wichtig, Ecken zu finden, die in Berlin einzigartig sind. Diese Stadt  hat ein einzigartiges Erscheinungsbild. Da wäre zum Beispiel die Berliner U-Bahn, die hoch über den Straßen der Stadt rattert. Die meisten Berliner Pendler sind mit dem Blick aus dem Fenster vertraut. Aber wer hat die Stadt schon einmal aus der Perspektive des Lokführers gesehen? Das ist eine dieser besonderen Berliner Perspektiven, die wir erfassen wollten.
Ich wollte eine für Berlin spezifische Bildsprache entwickeln. Als symphonisches Stadtporträt wurde die Dramaturgie unseres Films von Walter Ruttmans BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927) inspiriert. Regisseur Ruttmann konzipierte seinen Film sowohl als Dokumentarfilm als auch als Kunstwerk über Berlin. Der Film hat künstlerische Ambitionen, experimentiert mit schnellen Schnitten und Montagen, dokumentiert aber auch einen Tag in Berlin. Sein Film ist ein kompliziertes Wechselspiel zwischen dokumentarischem und subjektivem Kunstwerk. Ruttman konstruiert die moderne Metropole Berlin als lebendigen Organismus. Seine Vision dieser Stadt unterstreicht die Schwerindustrie Berlins der damaligen Zeit. Ruttman wollte den Film von der Abhängigkeit des Theaters befreien. Das sollte durch die objektiven Qualitäten des Films gelingen. Ruttman wollte echte Menschen zeigen. Versteckt hinter der langen Linse seiner Kamera wollte Ruttmann die unscheinbaren Massen einfangen. Er (in seinen eigenen Worten) „... musste die unscheinbaren Menschen verfolgen, wie ein Jäger seine Beute.“ Diese misanthropische Sicht bestimmt am Ende den Film. Die Leute werden meistens aus einer kühlen Distanz erfasst. Einige der stärksten Bilder des Films zeigen Menschen, die auf eine Masse reduziert, den Fabriken zum Fraß vorgeworfen werden.
Mit dieser distanzierten, übergeordneten Perspektive auf Menschen wollte ich brechen. Ich entschied mich für zwei Leitprinzipien. Erstens vermied ich Stative und filmte aus der menschlichen Perspektive. Ich wollte, dass sich jeder Bildausschnitt so anfühlt, als könnte es jemandes Standpunkt sein. Zweitens wollte ich den Menschen näher kommen. Die Zeit hat sich geändert, Berlin ist kein industrieller Moloch mehr. Berlin ist eine Stadt, die für ihre Partys bekannt ist, die von Kunst und Kultur geprägt ist. Die Hauptstadt einer Nation, deren Kanzlerin beschlossen hatte, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Berlin ist wieder eine Stadt der Ideen.
Das sind alles sehr emotionale Aspekte. Eine Stadt ist wie ihre Menschen und ich wollte deren Emotionen vermitteln. Am besten geeignet dafür ist die Nahaufnahme. Sie bietet keinen Kontext wie eine weite Einstellung. Eine Nahaufnahme lässt ein Gesicht sprechen, ohne Worte.
Walter Ruttman hat die Erzählstruktur seines Films in fünf Akten den musikalischen Prinzipien einer Symphonie nachempfunden. In jedem Akt werden verschiedene Tempi und Stimmungen verwendet, um die Geschichte zu erzählen. Wir wollten diese Idee beibehalten: Musik und Film erzählen eine Geschichte in Symbiose.
Vor mehr als 90 Jahren porträtierte BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT einen Arbeitstag in Berlin und erforschte die Stadt als Organismus. Jetzt, im 21. Jahrhundert, erzählen wir die Geschichte ihrer Bürger. Da Ruttman die Dauer eines Arbeitstages als erzählerische Grundlage verwendete, fand ich es interessanter, die Geschichte einer der berühmten Berliner Nächte zu erzählen. SYMPHONY OF NOW ist ein zeitgenössischer symphonischer Film über Berlin bei Nacht, ein filmischer Liebesbrief an eine Stadt und 65 Minuten Erinnerung an das JETZT.


BERLIN WIEDERENTDECKEN
 
90 Jahre BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT   SYMPHONY OF NOW ist angelehnt an Walter Ruttmanns Experimentalfilmklassiker BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT, in dem das alltägliche Berliner Leben der 20er Jahre in einem komplett neuen Kontext dargestellt wird.
BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT zeigt einen Tag in Berlin – vor 90 Jahren. SYMPHONY OF NOW versucht, diese Vergangenheit der Gegenwart gegenüberzustellen und so die einmalige Kontinuität Berlins in diesen besonderen Zeiten zu porträtieren.
Regisseur Walter Ruttmann sah seinen Film als ein dokumentarisches Kunstwerk über Berlin – diesen lebenden Organismus, diese moderne Metropole. SYMPHONY OF NOW übernimmt diesen Ansatz von Ruttmann und fügt Schaffs Absicht hinzu, heutige Momentaufnahmen der Stadt bei Nacht einzufangen und festzuhalten.


FILMAUFBAU
 
Von Tag bis Nacht
 
Walter Ruttman baut die Erzählstruktur seines Films entsprechend einer musikalischen  Sinfonie in fünf Akten auf. In jedem dieser Akte verwendet er unterschiedliche Tempi und Gefühlswelten, um seine Geschichte zu erzählen. Der Originalfilm startet am frühen Morgen und dokumentiert einen kompletten Arbeitstag. SYMPHONY OF NOW ist beides – komplett neu und dennoch mit starken Referenzen an Ruttmanns Meisterwerk. Unter Verwendung von Ruttmanns Motiven, Zeitspannen und Struktur setzt SYMPHONY OF NOW dort an, wo Ruttmann aufhörte: Der Film zeigt Berliner Momente vom Nachmittag durch die Nacht bis zum nächsten Morgen, untermalt mit aktueller Berliner Club-Musik.



MUSIK

FRANK WIEDEMANN (Musik, Headliner & Kurator)
Der Producer, Live Electronic Artist und Musiklabel-Inhaber Frank Wiedemann ist mit seinen vielschichtigen, auf straffe 4/4 Strukturen aufgebauten Produktionen ein König des Underground. Anfang 2000 gründeten Frank Wiedemann und Kristian Rädle das DeepHouse Projekt Âme und schufen mit Tracks wie ‚Rej‘ Minimal-Meisterwerke, die ihnen weltweite Aufmerksamkeit einbrachten.
Neben Âme kooperiert Wiedemann zusammen mit dem australischen Singer/Songwriter RY X als HOWLING, fand sich mit der Berliner DJ-Größe Henrik Schwarz als SCHWARZMANN zusammen und veröffentlichte 2016 seine erste Solo-EP. Zusammen mit Steffen Berkhahn alias Dixon und Kristian Rädle rief er 2005 das renommierte Berliner Musiklabel ‚Innervisions‘ mit dem Schwerpunkt House Music ins Leben, auf dem u.a. David August und Marcus Worgull veröffentlichen. 2017 startete er zudem sein zweites Label ‚Bigamo‘.
Musikprojekte (Auswahl) Âme (Live Act) Schwarzmann (zusammen mit Henrik Schwarz) Howling (zusammen mit Ry X)

SAMON KAWAMURA
Samon Kawamura ist Produzent, Multiinstrumentalist und einer der gefragtesten DJs in der japanischen Hip-Hop Szene. Er arbeitete bereits mit Till Brönner und Aloe Blacc und ist zusammen mit Roberto di Gioia und Max Herre Teil des Produzententeams KAHEDI. Das Trio hat bereits Produktionen für Samy Deluxe und Joy Denalane sowie Remixe für die Beatsteaks umgesetzt. Mit Max Herre arbeitet er zudem eng an dessen Albumproduktionen zusammen und ist auf dessen Label ‚Nesola‘ gesigned, auf dem Samon seine Reihe ‚SPUR OF THE MOMENT’ veröffentlicht. Nebenher ist Samon Kawamura auch als Solo-Produzent erfolgreich und hat sich u.a. um die Produktion der HipHop-Crew Genetikk gekümmert.

GUDRUN GUT
Gudrun Gut ist Aktivistin der Berliner Underground Szene seit den frühen 80er Jahren - von Post Punk über Techno bis Indietronics. Sie war Gründungsmitglied legendärer Bands wie Mania D., Einstürzende Neubauten, Malaria! und Matador. Zusammen mit Thomas Fehlmann entwickelte sie die „Ocean Club Radio Show“ auf Radio Eins und produzierte mit dem Ocean Club Team Events und Festivals mit dem Ziel, die Berliner Musikszene zu spiegeln und zu festigen. Sie gründete das Label ‚Monika Enterprise‘, Heimat von u.a. Barbara Morgenstern, mit Fokus auf der Entwicklung weiblicher Künstlerinnen. Gudrun Gut kooperierte mit diversen Künstlern, wie beispielsweise Hans-Joachim Irmler und Antye Greie, veröffentlichte mehrere Soloalben und tourt weltweit.

THOMAS FEHLMANN
Die Wurzeln von Thomas Fehlmanns fast 30-jähriger Karriere liegen in seiner Arbeit mit der Avantgarde-Band Palais Schaumburg, die er zusammen mit Holger Hiller gründete. In den späten 80ern produzierte er unter dem Namen ‚Ready Made‘ und gründete das Label ‚Teutonic Beats‘, auf dem u.a. Wolfgang Voigt und Westbam veröffentlichten. Er arbeitete zusammen mit Moritz von Oswald und Juan Atkins unter dem Projektnamen ‚3MB’, startete eine Partnerschaft mit Alex Paterson und The Orb und war Resident im legendären Berliner Club ‚Tresor‘. Zusammen mit Gudrun Gut entwickelte er die „Ocean Club Radio Show“. Seinen zahlreichen Veröffentlichungen auf Labels wie ‚Plug Research‘ und ‚Kompakt‘, folgten Auftritte auf der ganzen Welt.

HANS-JOACHIM ROEDELIUS
Elektro-, Kraut- und Avantgarde-Pionier Hans-Joachim Roedelius ist Gründungsmitglied der legendären Krautrock-Bands Cluster und Harmonia. Er rief in Berlin das ‚Zodiac Free Arts Lab‘ – eines der ersten Zentren für Undergroundkultur – mit ins Leben, arbeitete mit Größen wie Brian Eno sowie Michael Rother (Neu!, Kraftwerk) zusammen und zählt Musiker wie Peter Kruder und Richard Fearless zu seinen Verehrern. Roedelius machte Ambient-Musik bevor der Bergriff geprägt wurde und hatte in den 70er Jahren maßgebIichen Einfluss auf die britische Popszene um David Bowie und Brian Eno. In seiner über 50-jährigen Karriere entstanden Werke, die an Umfang und Vielfältigkeit überwältigend sind, von Solo Piano Alben über Elektro und Krautrock bis hin zu Klangcollagen. Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin richtete 2015 ihm zu Ehren ein ganzes Festival aus.

ALEX.DO
Der Producer und DJ Alex.Do zählt zu den angesagtesten Acts der Berliner Underground Szene und hat mit seinen Tracks bereits einiges an Aufsehen erregt. Aus der gesamten Geschichte von Techno, Dub und House filtert er das, was man das Wesen elektronischer Tanzmusik nennen könnte und mischt es zu einem außergewöhnlichen Sound zusammen. In dem Berliner Label ‚Dystopian‘, weltbekannt für seinen Techno- und House-Output und u.a. Heimat von Rødhåd und Recondite, hat er seit seiner vielgespielten ‚Stalker EP‘ ein Zuhause gefunden. Er eröffnete die Konzertabende von RY X im Berliner Konzerthaus, tourt mittlerweile durch ganz Europa und ist mit einem Track auf der Innervisions ‚Secret Weapons Part 8.‘ Compilation vertreten.

MODESELEKTOR
Die Anfänge vom Berliner Musiker-, Produzenten-, DJ- und Liveact-Duo Modeselektor, aka Gernot Bronsert and Sebastian Szary, liegen in der Berliner Musikszene kurz nach der Wende, damals noch unter dem Pseudonym ‚Fundamental Knowlegde‘. 2001 wurden sie von Ellen Alien auf dem Label ‚BPitch Control‘ – gesigned und gründeten 2009 neben den Labels ‚Monkeytown Records‘ und ‚50WEAPONS‘ auch eine eigene Booking Agentur. Modeselektor haben bisher drei, von den Kritikern hochgelobte, Studioalben sowie zahlreiche EPs veröffentlicht und sich parallel mit dem Berliner Musiker APPARAT als Moderat zusammengefunden. Sie touren rund um den Globus, kuratieren Festivalbühnen, u.a. seit mehreren Jahren auf dem MELT! Festival und etablierten mit „Modeselektion“ eine eigene Veranstaltungsreihe.
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Mittwoch 27.06.2018
CANDELARIA
Ab 05. Juli 2018 im Kino
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Kuba in den 90ern: Das Land ist geprägt von Armut, Zigarren und Rum. Die 75jährige Candelaria (Verónica Lynn) und ihr ein Jahr älterer Mann Victor Hugo (Alden Knigth) sind nur noch aus Bequemlichkeit zusammen, doch als sie eine Videokamera finden, verändert sich ihr Leben für immer und ihre Liebe entflammt ein zweites Mal.

Ein Film von Jhonny Hendrix Hinestroza

Mit VERONICA LYNN, ALDEN KNIGHt, PHILIPP HOCHMAIR, MANUEL VIVEROS u.a.

Havanna im Jahre 1994. Der Inselstaat leidet unter einer Verschärfung des Wirtschaftsembargos durch die USA, und unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Kuba wirtschaftlich unterstützt haben. Die Politische Situation spitzt sich zu und Kuba hungert. Das Leben von Candelaria (75) und Víctor Hugo (76) jedoch bleibt davon scheinbar unberührt. Ein Tag ist wie der andere, die Monotonie des entbehrungsreichen Alltags hat beide fest im Griff. Mit dem Alltagstrott ist jedoch Schluss, als Candelaria im Hotel, in dem sie arbeitet, eine in der Schmutzwäsche versteckte Videokamera findet. Noch unsicher, was sie damit anstellen soll, nimmt sie diese mit nach Hause. Diese Kamera, die für beide ein Fremdkörper ist, entwickelt sich allmählich zum Mittelpunkt ihres Lebens, während das Paar lernt, damit umzugehen und sich beim Tanzen, Küssen und Liebe machen filmt. Der Funke wiedergewonnener Liebe hilft ihnen dabei zu vergessen, dass einer von ihnen krank ist. Sie haben sich wiedergefunden und das gemeinsame Leben neue entdeckt. Bis die Kamera eines Tages verschwindet. Verzweifelt angesichts der Vorstellung, das zu verlieren, was den Sinn in ihr Leben zurückgebracht hat, sucht Victor Hugo „El Hormigueo“ auf, einen gefährlichen Ort im Zentrum Havannas, an dem alles Gestohlene wiedergefunden werden kann…


BIOGRAPHIE UND FILMOGRAPHIE DES REGISSEURS UND PRODUZENTEN JHONNY HENDRIX HINESTROZA
JHONNY HENDRIX HINESTROZA wurde in Quibdó, Kolumbien geboren und ist ein erfahrener Regisseur und Produzent. Am bekanntesten ist er für die Gründung des Filmfestivals „Cien Milimetros“ in Cali und der Produktionsfirma Antorcha Films, die sich auf Geschichten mit lokalem Bezug spezialisiert hat. Als Produzent hat er an diversen Filmen mitgewirkt wie PERRO COME PERRO (inszeniert von Carlos Moreno) oder die deutsche Produktion DR. ALEMÁN von Regisseur Tom Schreibe. Hendrix war außerdem an mehreren hochwertigen lateinamerikanischen Produktionen beteiligt.
Zu seinen Werken zählen das von der Kritik gefeierte Meisterwerk CHOCÓ, der 2012 im Rahmen der Berlinale präsentiert wurde.


STATEMENT DES REGISSEURS & PRODUZENTEN
Zu fast jeder meiner Geschichten habe ich einen persönlichen Bezug. Irgendjemand hat mal gesagt: „Um einen großartigen Film machen zu können muss man die Geschichte zuerst selbst erlebt haben.“ Die 1990er Jahre waren für Kolumbien eine turbulente Zeit, die bestimmt war von politischer Instabilität und Drogenhandel. Das hat mich aber herzlich wenig interessiert, weil ich eine wunderbare Frau namens Maria geliebt habe. Als Maria schwanger wurde und vorschlug, nach Kuba zu ziehen und unser neugeborenes Kind „Candelaria“ zu nennen, hat mich das emotional sehr aufgewühlt. Leider ist es nie dazu gekommen.
Als ich vor einigen Jahren eingeladen wurde, einen meiner Filme im Rahmen des Havanna Film Festivals zu zeigen, begegnete ich in einer kleinen Nebengasse der Stadt einer alten Dame mit dem Namen Candelaria. Diese alte Dame, die zufälligerweise denselben Namen trug wie meine ungeborene Tochter, erzählte mir ihre erstaunliche Geschichte. Eine sehr persönliche Geschichte, die zudem die schwierigen Zeiten Kubas nach dem Fall der Sowjetunion erzählt. Diese Geschichte wurde geprägt von einer Reihe unvorhersehbarer Zufälle und hat persönliche Bezüge zu meiner eigenen Jugend.
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Donnerstag 21.06.2018
DIE WUNDERÜBUNG
Ab 28. Juni 2018 im Kino
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Es war Liebe auf den ersten Blick, damals, als sie gemeinsam abgetaucht sind, im warmen, klaren Wasser des Roten Meeres. Perfekte Harmonie und vollstes Vertrauen in den anderen, allerdings nur unter Wasser. Vielleicht hätten sie nie auftauchen dürfen?
Jetzt, viele Ehejahre später, giften sich Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) nur noch an. Eine Sitzung bei einem Paartherapeuten (Erwin Steinhauer) scheint die letzte Rettung für die Beziehung. Seine Versuche die Probleme der beiden in den Griff zu bekommen scheitern, schließlich weiß Joana immer schon vorher was ihr Mann sagen will, warum ihn überhaupt zu Wort kommen lassen. Doch nicht nur das Paar hat Probleme – auch der Therapeut scheint in Schwierigkeiten zu stecken.
Die hinreißende Paartherapie-Komödie DIE WUNDERÜBUNG von Regisseur Michael Kreihsl ist die Adaption des erfolgreichen Theaterstücks und Buchbestsellers von Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“). Gespickt mit bissigem Dialogwitz und verblüffenden Wendungen, an denen der Therapeut nicht unbeteiligt ist, bietet der Film über die desolate, aber nicht hoffnungslose Liebesbeziehung, viel Raum zur Identifikation.
Großes Schauspielkino mit den großartigen Darstellern Aglaia Szyszkowitz, Devid Striesow und Erwin Steinhauer.


Ein Film von Michael Kreihsl
Mit Aglaia Szyszkowitz, Devid Striesow, Erwin Steinhauer u.a.


REGIESTATEMENT VON MICHAEL KREIHSL
Bereits während der szenischen Arbeit am Theaterstück „Die Wunderübung“ war ich von dem Zusammenspiel von existentiellem Ernst und der absolut ironischen und komischen Ebene dieses Werkes fasziniert. Auch wenn Daniel Glattauer seinen dialogischen (Un)Wetterbericht als Theaterstück geschrieben hat, war es für mich offensichtlich, dass es sich hier nicht nur um ein reines Sprechstück handelt, sondern um einen raffinierten Aufbau, einer vorantreibenden (inneren) Handlung und eine Entwicklung der Personen. Glattauer gelingt es, das Publikum in einen „Sehnsuchtsraum“ hineinzuziehen. Die vielen kleinen Pausen, die unbemerkten Momente, die Zwischentöne machen hier die Musik.
Schon während meiner Arbeit an dem ersten Glattauer Stück „Gut gegen Nordwind“, das wir für die Bühne adaptiert haben, war mir klar, dass es einen österreichischen Autor gibt, der in der Lage ist, Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter anzusprechen. Bemerkenswert dabei ist, dass ein Großteil der Theater, die dieses Stück nachgespielt haben, Bühnen waren, die ein breites Publikum ansprechen. Dieser Stoff ist also in der Mitte des Publikums angekommen. Bei 77 ausverkauften Vorstellungen der Wunderübung in Wien, mit über 30.000 Zuschauern, konnte ich die Reaktionen des Publikums studieren. Es wird viel gelacht, aus Wiedererkennen der Situationen, vor allem aber auch darüber, dass keiner in einem Beziehungskampf viel zu lachen hat. Das war für mich auch das Signal, diesen Stoff für ein Kinopublikum in Angriff zu nehmen.
Viele meiner filmischen Arbeiten waren Komödien. Meine Uraufführung von Glattauers „Gut gegen Nordwind“ wurde drei Jahre ausverkauft in Wien gespielt und hatte über 100 Folgeaufführungen in Deutschland. Durch die Einrichtung und Inszenierung seines zweiten Email-Erfolgsromans „Alle sieben Wellen“ fürs Theater konnte ich mich erneut in diese Beziehungswelt einarbeiten. Dieser Erfahrungsprozess half mir, „Die Wunderübung“ auch am Theater zu einem Erfolg zu bringen.
Für den Film habe ich die Dialoge adaptiert und das situative Moment zugespitzt und herausgearbeitet. Denn jedes Wort, jeder Text, kommt immer aus einer Situation, nie umgekehrt, alles was wir sagen, hat zuerst einen Grund, eine Ursache im persönlichen Befinden und daran habe ich gearbeitet.
Letztlich hat mich die Glattauer-Vorlage auch durch ihre hohe Identifikation des Publikums mit der Protagonistin und dem Protagonisten überzeugt. Die Entwicklung der Personen, ihre Glaubwürdigkeit, ihre Ambivalenz, ihre Sehnsucht, ist gekonnt gesetzt und hat mich bei den Theaterproben immer wieder aufs Neue überrascht. Für mich ist es wichtig, die Wirkung des Gesprochenen zwischen den Zeilen, in den Pausen nachklingen zu lassen, um die Zuschauer an den Punkten zu treffen, wo sie mitfühlen, betroffen sind und lachen. Die Wunderübung lotet das komödiantische Potential einer Paartherapie aus, ohne die Menschen „vorzuführen“.
Wir haben vor dem Dreh zwei Wochen geprobt, um die Situationen, den Dialog und den Rhythmus zu erarbeiten. Die Situationen wurden in großen Bögen gedreht, mit zwei Kameras simultan.


PRODUZENTENSTATEMENT  VON HELMUT GRASSER
Gute Komödien sind Mangelware, es gibt eine tiefe Sehnsucht des Publikums danach, oftmals kommen die Vorlagen dafür aus einem anderen Bereich, ob als Theaterstück, Kabarettprogramm oder einer Romanvorlage.
Gleich als ich das Theaterstück „Die Wunderübung“, von Daniel Glattauer in den Kammerspielen sah, war mir klar, dass dies auch ein großartiger Stoff für die Kinoleinwand ist. Man erkennt sich in vielen Szenen selbst, und lacht auch ob des darin wiedererkannten, eigenen Unvermögens. Grandiose, scharfzüngige Dialoge zwischen den Ehepartnern und ein wunderbar hinterfotziger Therapeut, mit dem notwendigen Schmäh. Eine wirklich gelungene Mischung.
Michael Kreihsl, der „Die Wunderübung“ auch am Theater inszenierte, ist es sowohl im Theater, als auch jetzt in der Filmadaption gelungen, die Figuren mit Tiefgang, aber auch mit großer Präzision und dem notwendigen Tempo, die dieser Stoff braucht, zu inszenieren.
Gerade in einem Kammerspiel tragen die Schauspieler die größte Verantwortung für das Gelingen. Wir haben mit Aglaia Szyszkowitz (Joana Dorek), Devid Striesow (Valentin Dorek) und Erwin Steinhauer (als Therapeut) die perfekte Besetzung gefunden. Mir wird nie langweilig, ihnen dabei zuzusehen, wie sie am Schlachtfeld der Paartherapie ihre Waffen kreuzen. Berührend und sehr komisch zugleich. Wie die meisten wirklich guten Komödien übrigens.
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Donnerstag 14.06.2018
THE RIDER
Ab 21. Juni 2018 im Kino
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Nach einem beinahe tödlichen Rodeo-Unfall muss sich der junge Cowboy Brady Blackburn mit der Tatsache abfinden, dass er nie wieder reiten kann, und stürzt in eine existentielle Identitätskrise: Immerhin definiert ihn nicht nur seine Umwelt, sondern vor allem auch er selbst als Sioux-Nachkomme sich vornehmlich über seine Arbeit mit Pferden. Schwer wiegen der abschätzige Blick seines Vaters, der Abschied von seinen enttäuschten Fans und das Fehlen des einzigartigen Gefühls der Freiheit, das ihn auf dem Rücken eines Pferdes durchströmt.


Ein Film von Chloé Zhao
Mit Brady Jandreau, Tim Jandreau, Lilly Jandreau u.a.


In atemberaubenden Bildern der Wildnis South Dakotas erzählt THE RIDER von zerbrochenen Träumen und verlorenen Identitäten. Authentisch und einfühlsam hält der Film die Balance zwischen zärtlicher Poesie, archaischen Mythen und der rauen Lebenswirklichkeit im amerikanischen Heartland. Der tief berührende Film basiert auf den wahren Leben seiner Darsteller. THE RIDER wurde in Cannes mit dem Art Cinema Award sowie mit dem Werner Herzog Filmpreis ausgezeichnet, der Mut, Entschlossenheit und Visionen honoriert.

Nach einem beinahe tödlichen Rodeo-Unfall, bei dem er den Tritt eines Pferdes gegen seinen Kopf erlitt, muss sich der junge Cowboy Brady Blackburn (Brady Jandreau) nicht nur mit einer Metallplatte in seinem Kopf abfinden, sondern auch mit der Tatsache, dass er nie wieder reiten kann. Dies stürzt Brady in eine existentielle Identitätskrise: Immerhin definiert ihn nicht nur seine Umwelt, sondern vor allem auch er selbst sich vornehmlich über seine Arbeit mit Pferden. Nicht nur, dass seine vielversprechende Karriere als Rodeo-Reiter und „Pferdeflüsterer“ ein schlagartiges Ende nimmt. Als Nachkomme der Lakota-Sioux steckt ihm die besondere Verbindung zu Pferden quasi im Blut. Das Leben im Pine Ridge Revervat in South Dakota bietet ihm kaum Alternativen für eine andere Zukunft. Wie kann man in einem Wal-Mart arbeiten in einer Kultur, in der das Mann-Sein seit Generationen über die Leistung auf dem Pferderücken definiert wird? „Die Bestimmung eines Pferdes ist es, durch die Prärie zu galoppieren. Die Bestimmung eines Cowboys ist es, es zu reiten. Einem Pferd in meiner Lage hätte man schon längst den Gnadenschuss gegeben.“ sagt Brady. Trotz der eindeutigen Zeichen seines Körpers, der sich gegen das Reiten zu sträuben scheint, trotz der liebevollen Ermutigungen seiner kleinen Schwester und trotz des warnenden Schicksals seines besten Freundes Lane, der seit einem RodeoUnfall schwerstbehindert im Rollstuhl sitzt, kann Brady einfach nicht akzeptieren, nicht mehr reiten zu dürfen. Zu schwer wiegt der abschätzige Blick seines Vaters, der Abschied von seinen enttäuschten Fans und Rodeo-Freunden, das Fehlen des einzigartigen Gefühls der Freiheit, das ihn auf dem Rücken eines Pferdes durchströmt. Hin- und hergerissen zwischen altem und neuen Leben, eigenen Erwartungen und Erwartungen anderer, muss Brady seine Identität neu ausloten und herausfinden, was es bedeutet, heute im amerikanischen Heartland ein Mann zu sein.
 
 

ÜBER DEN DREH
 
Beim Dreh zu ihrem Debütfilm SONGS MY BROTHER TAUGHT ME im Pine Ridge Reservat in South Dakota lernte Chloé Zhao 2014 Brady Jandreau kennen, einen Nachkommen von LakotaSioux. Sie war beeindruckt von dem jungen Cowboy mit dem empfindsamen Gesicht, der sich als wahrer Pferdeflüsterer herausstellte. Zhao nahm sich vor, Jandreau in ihrem nächsten Film zu besetzen, hatte allerdings noch keine Vorstellung, worum es in diesem gehen sollte. 
 
Im April 2016 erlitt Jandreau lebensgefährliche Verletzungen, als ein Pferd beim Rodeo auf seinen Kopf trat. Eine Metallplatte musste ihm in den Kopf gesetzt werden und er lag mehrere Tage im Koma, doch schon ein paar Wochen später begann er gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte wieder zu reiten. Zhao traf sich mit ihm und fragte: „Warum tust du das?“ und er antwortete: „Weil ich an meiner Identität festhalten muss.“ Zhao erkannte, dass Jandreau jeden Tag sein Leben riskierte, um der zu bleiben, der er ist, und sie hatte den Stoff für ihren Film.   Im August 2016 schrieb sie ein 60-seitiges Drehbuch, das bis auf wenige Änderungen Jandreaus Erlebnissen entsprach. Der 20-jährige spielt eine leicht fiktionalisierte Version von sich selbst, an seiner Seite agieren seine tatsächliche Familie, seine Freunde und andere Mitglieder der Lakota-Community. So sieht man im Film u.a. auch Jandreaus besten Freund Lane Scott, einen ehemals sehr erfolgreichen RodeoChampion, der seit einem Autounfall (im Film ist es ein Rodeo-Unfall) körperlich schwer behindert in einem Pflegeheim wohnt – fast vollständig stumm, lediglich in der Lage, über Zeichensprache zu kommunizieren.

Der Dreh fand im September 2015 in Jandreaus Heimat, dem Pine Ridge Reservat, statt. Das Drehbuch diente lediglich als Gerüst, das Zhao ihre Darsteller bat, mit eigenen Worten und Improvisationen aufzufüllen. Da Jandreau vormittags seiner regulären Arbeit als Trainer für Wildpferde nachging, fand der Dreh fast ausschließlich nachmittags und abends statt. Viele Bilder entstanden zur Magic Hour während der Abenddämmerung, ähnlich wie bei IN DER GLUT DES SÜDENS von Terrence Malick. Genau wie dieser verzichtete Zhao beim Dreh weitgehend auf künstliches Licht. Das Drehteam bestand lediglich aus 5, zeitweise sogar nur 4 Personen.



ÜBER DIE REGISSEURIN
 
Chloé Zhao wurde in Peking geboren. Sie besuchte ein Internat in England und studierte anschließend Politikwissenschaft am Mount Holyoke College in Massachusetts. Danach absolvierte sie ein Filmprogramm der New York University. Ihren Debütfilm SONGS MY BROTHER TAUGHT ME  entwickelte sie innerhalb des Sundance Screenwriter’s and Directors Lab und konnte als Produzenten u.a. Forest Whitaker gewinnen. Der Film um ein Lakota-Geschwisterpaar in Pine Ridge feierte im Januar 2015 Premiere auf dem Sundance Film Festival und lief im selben Jahr in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes. SONGS MY BROTHER TAUGHT ME war für drei Independent Spirit Awards nominiert.
 
FILMOGRAFIE
 
2017 THE RIDER
2015 SONGS MY BROTHERS TAUGHT ME
2011 BENACHIN (Kurzfilm)
2010 DAUGHTERS (Kurzfilm)
2009  THE ATLAS MOUNTAINS (Kurzfilm)
2008 POST (Kurzfilm)



PREISE
 
 
ART CINEMA AWARD
Jurybegründung:  „Für die kreative Verbindung von Dokumentarischem und Fiktionalem, die einfühlsame Einbeziehung des Zuschauers durch starkes Mitgefühl mit den Charakteren und die Darstellung amerikanischer Mythologie in einer unerwarteten Weise.“
Der Art Cinema Award wird vergeben vom CICAE, dem internationalen Verband der Filmkunsttheater, für innovative Filme und Filme von neuen jungen Autoren oder Filmemachern aus aufstrebenden Ländern und hat zum Ziel, dem Publikum qualitativ hochwertige Filme nahe zu bringen. 
 
WERNER HERZOG FILMPREIS 2017
„Chloe Zhao ist eine neue, bedeutende Stimme im amerikanischen Kino, auch wenn sie in Bejing aufwuchs mit Mandarin als ihrer ersten Sprache. Umso erstaunlicher, dass sie mit THE RIDER einen so tief authentischen, tief bewegenden Film über Rodeo-Reiter, über das American Heartland gedreht hat. Wir kennen diese Welt ja weitgehend nur aus der Sicht der Verzerrung und der Dämonisierung als Trumps Wählerbasis. Es ist ein lakonischer Film über Sehnsucht, über Verwundungen, über den Kampf des jungen Protagonisten (Brady Jandreau), nach einer lebensbedrohenden Verletzung eine neue Identität zu finden. Am Ende – und das ist völlig neu in der amerikanischen Filmkultur – gibt er seinen Lebenstraum auf. Der Film ist mutig, wahrhaftig und weitgehend aus eigner Kraft realisiert – eine Ermutigung für jeden jungen Filmemacher und insbesondere auch für Frauen, das Kino mit neuen Visionen zu beleben.“  (Werner Herzog)
Der Werner Herzog Filmpreis wird seit 2016 einmal jährlich von der Werner Herzog Stiftung verliehen und honoriert Mut, Entschlossenheit und Visionen.
 
GRAND PRIX (Deauville Filmfestival)

GOLDEN ATHENA (Athens International Film Festival)

GOLDEN PUFFIN (Reykjavik International Film Festival)
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Donnerstag 07.06.2018
HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS
Ab 14. Juni 2018 im Kino
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Familie Graham führt ein beschauliches Leben: Annie (Toni Collette) ist eine liebevolle Mutter und lebt zusammen mit ihrem Mann Steve (Gabriel Byrne) und den beiden Kindern Peter (Alex Wolff) und Charlie (Milly Shapiro) etwas abgelegen am Waldrand. Als Annies Mutter Ellen, das Oberhaupt der Familie, stirbt, muss sich die Familie mit mysteriösen und grauenhaften Ereignissen auseinandersetzen. Nach und nach kommen die furchterregenden Geheimnisse ihrer Vorfahren ans Licht. Für Annie, Steve, Peter und Charlie beginnt plötzlich ein Wettlauf gegen ihr dunkles und unheilvolles Schicksal, welches ihre Ahnen ihnen hinterlassen haben…  



Ein Film von Ari Aster

Mit Toni Collette (Annie Graham), Gabriel Byrne (Steve Graham), Alex Wolff (Peter Graham) u.a.


HEREDITARY -  zieht bereits Horror-Fans auf der ganzen Welt in seinen Bann. Newcomer-Regisseur und Drehbuchautor Ari Aster ist ein spannender, atmosphärisch dichter und intelligenter Psycho-Horror-Thriller gelungen. Seine zutiefst beunruhigende Familientragödie über ein höllisches Erbe sorgte bereits auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival für Furore. Toni Collette („Unlocked“, „Madame“) beeindruckt mit ihrer Darstellung der verzweifelten und besessenen Mutter. An ihrer Seite spielen u.a. Gabriel Byrne („Lies We Tell“, „Mad to Be Normal“) als hilfloser Vater und Jungstar Alex Wolff („Jumanji: Willkommen im Dschungel“, „Boston“), der durch sein intensives Schauspiel überzeugt.



ÜBER DIE PRODUKTION
 
Mit seinem Spielfilmdebüt knüpft Drehbuchautor und Regisseur Ari Aster nahtlos an seine gefeierten Kurzfilme an, die sich ebenfalls um heimische Rituale und Traumata drehten.  erzählt die furchterregende Geschichte einer US-Familie, die gegen böse Kräfte in ihrem Stammbaum kämpft. Der Film ist vage von Ari Asters eigener, von Unglücksfällen und Tragödien durchzogenen Familiengeschichte inspiriert, die man fast schon verflucht nennen möchte. Aster präsentiert sich hier als geborener Auteur und meisterhafter Filmemacher, formal präzise, der exakt weiß, was er tut. Seine niederschmetternde Vision, sorgfältig und kunstvoll ausgearbeitet, erinnert an Horrorklassiker der 1960er und 1970er Jahre.
 
Mit Director of Photography Pawel Pogorzelski, Asters Studienkollege am American Film Institute Conservatory, und einem Team hochbegabter Künstler gestaltete Aster den Film, wobei sich sein unglaubliches Talent bereits in den ersten Sekunden offenbart: Mit elegant fließender Kamera lässt er zwei unterschiedliche Welten nahtlos miteinander verschmelzen: eine Modellwelt mit Miniaturfiguren, aufwendig gestaltet von Steve Newburn („Inception“, „The Dark Knight Rises“); die andere, reale Welt, die komplett in einem Studio in Utah gebaut wurde. Gemeinsam werden sie zu einer düsteren Vision einer Familie, die unter einem schrecklichen Fluch leidet. „Ereignissen, denen sie machtlos gegenübersteht“, sagt Aster. „Die Grahams sind wie Figuren in einem verfluchten Puppenhaus, die von äußeren Kräften manipuliert werden.“
 
Grandios besetzt mit Toni Collette („Little Miss Sunshine“, „Taras Welten“), Gabriel Byrne („In Treatment – Der Therapeut“, „Die üblichen Verdächtigen“), Alex Wolff („Jumanji: Willkommen im Dschungel“), Milly Shapiro und Emmy®-Preisträgerin Ann Dowd („The Handmaid’s Tale“); und einem nachhaltig beeindruckenden Score von Avantgarde-Saxophonist Colin Stetson, markiert  das sagenhafte Debüt eines Drehbuchautors und Regisseurs, von dem die Welt noch viel hören wird.
 
 

EINE GANZ NORMALE FAMILIE?
 
Die Idee zu  hatte Aster, nachdem seine eigene Familie innerhalb von drei Jahren schweren Prüfungen ausgesetzt war. „Es kam so geballt und war so unerbittlich schrecklich, dass wir das Gefühl hatten, verflucht zu sein. Ich orientiere mich beim Schreiben immer an persönlichen Erfahrungen, wollte das Leid meiner Familie und mir aber auf keinen Fall ausschlachten. Als Genrekino-Fan nahm ich also die Idee einer verfluchten Familie und ließ sie quasi durch einen Horrorfilmfilter ablaufen, inklusive einer großen Katharsis, sodass ich emotional geschützt war. Wenn man einen Film darüber drehen möchte, wie ungerecht das Leben ist, bietet sich das Horror-Genre geradezu an. Es ist ein perverser Bereich, in dem die Ungerechtigkeiten des Lebens mehr oder weniger gefeiert und sogar verherrlicht werden.“
 
Inspirieren ließ sich Aster von eher unerwarteten Filmen wie „Eine ganz normale Familie“, „Der Eissturm“ und „In the Bedroom“. Filme, in denen sich Familien mit Tod, psychischen Erkrankungen und emotionaler Gewalt auseinandersetzen müssen. Die Familientragödie in  verschob er dann ins Reich des übernatürlichen Horrors. Auf brillante Weise kombinierte er so den emotionalen Gehalt der Filme mit ikonischen Schockern der 1960er und 1970er Jahre, die sich ganz langsam, aber dafür umso perfider entfalten, darunter „Rosemaries Baby“, „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ und „Schloss des Schreckens“. „Das waren ganz auf die Figuren zugeschnittene, ausgefeilte Filme, die sich so viel Zeit genommen haben, wie sie brauchten“, meint Aster. Er entwickelte die Geschichte einer Familie, die buchstäblich verflucht ist und unter grausamen Ereignissen leidet, die sich als Teil eines größeren, machiavellistischen Plans herausstellen.
 
Der Titel des Films bekommt im Verlauf der Geschichte einen immer kühleren Klang, weil er die Themen Abstammung und Blutlinien in das Reich des übernatürlichen Horrors und noch weiterträgt. „Der Film handelt von Vererbung – dass man sich seine Familie, oder was man im Blut hat, nicht aussuchen kann“, sagt Aster. „Es geht um den Horror, in eine Situation hineingeboren zu sein, die man nicht kontrollieren kann. Für mich ist nichts beunruhigender als die Vorstellung, absolut machtlos zu sein.“
„Die Tatsache, dass die Grahams machtlos sind, ist ein entscheidender Punkt im Film, und am Ende verbreiten sich Hoffnungslosigkeit und Vergeblichkeit“, sagt Aster. „Dabei schwebte mir ein Horrorfilm vor, der sehr intim und überwältigendes Kino gleichzeitig ist und die Zuschauer nicht so leicht vom Haken lässt. Ich hoffe, dass der Film beim Publikum lange nachhallt und sie dazu bringt, sich ihren eigenen, unausweichlichen Ursprüngen zu stellen.“



FAMILIENRITUALE
 
Ari Aster hat mit seinen stilsicheren und wuchtigen Mini-Psychodramen auf Filmfestivals für Furore gesorgt und das Internet erobert: In seinem stummen Kurzfilm „Munchhausen“ (2013) versinkt eine Mutter, gespielt von Bonnie Bedelia, in Trauer und Schuldgefühlen, als bei ihrem Versuch, den Auszug ihres geliebten Sohnes zum College zu verhindern, etwas fürchterlich schiefgeht. In dem sensationellen Kurzfilm „The Strange Thing About the Johnsons“ (2011), der auf dem New York Film Festival gezeigt wurde, bevor er online ging, erzählt er im Stil eines 1950er-Melodramas von einem inzestuösen sexuellen Missbrauch eines Sohn an seinem alternden Vater. 
 
Beide Filme sind schwarze Komödien, die sich mit vergifteten Familienritualen und Traditionen beschäftigen und dabei unangenehme Themen aufwerfen. Beides sind meisterhaft geplottet und durchgeführt – Werke eines geborenen Filmemachers, der sein Handwerk beherrscht, was Rhythmus, Storytelling und Bildgestaltung angeht. Wie auch in  untersuchen seine Filme auf originelle und unvorhersehbare Weise Machtstrukturen innerhalb von Familien. „Machtverhältnisse haben mich schon immer interessiert“, sagt Aster, „und sie sind immer am heimtückischsten, wenn sie in einer Familie ins Wanken geraten.“ Eine ungewöhnliche Inspirationsquelle findet Aster in den Filmen von Mike Leigh, dessen einzigartige Arbeitsweise mit Schauspielern „die lebhaftesten Charaktere und Beziehungen hervorbringt. Ich habe allen im Team seinen Film ’All or Nothing‘ gezeigt, nur um sie in Stimmung dafür zu bringen, was ich zu erreichen hoffte.“



WENN GUTEN MENSCHEN SCHLECHTES WIDERFÄHRT
 
Die Grahams sind eine scheinbar ganz normale amerikanische Familie, die gleich in der Eröffnungssequenz von  in großes Leid gestürzt wird, als Ellen Leigh stirbt, Annies Mutter und eigenwilliges Oberhaupt der Familie. Eine Figur, deren Vermächtnis im Laufe der Geschichte immer düsterer wird. Jeder der Grahams verarbeitet den Tod auf eigene Weise. Als Annie eine Selbsthilfegruppe besucht, erfahren wir mehr über das Leben und die Hinterlassenschaft ihrer verstorbenen Mutter und Annies Gefühl der Entfremdung ihrer eigenen Familie gegenüber.
 
„Annie hatte viele Probleme mit ihrer Mutter, kann ihnen aber nicht völlig auf den Grund gehen“, sagt Aster. „Es gibt Hinweise darauf, was Ellen tat, als sie noch lebte, aber Annie kann die Puzzleteile nicht ganz zusammensetzen. Und ein großer Teil von Annie will wahrscheinlich auch gar nicht wissen, was ihre Mutter getan hat. Ihr Bauchgefühl weiß es genau, aber sie muss es leugnen. Wenn sie sich direkt damit auseinandersetzt, wird es sie zerstören.“
 
Ihre Ängste verarbeitet die Künstlerin, die sich gerade auf eine Galerieausstellung vorbereitet, indem sie das Leben der Grahams mit kleinen Figuren in Puppenhäusern nachstellt, darunter auch Ellens Hospiz-Aufenthalt vor ihrem Tod. „Sie schafft diese Miniaturen realer Orte und Situationen, perfekte kleine Nachbildungen, die ihr das Gefühl geben, die Kontrolle über ihr Leben, ihre Erfahrungen und Erinnerungen übernommen zu haben“, sagt Aster. „Aber das ist ein Trugschluss.“
 
Annies Ehemann Steve (Gabriel Byrne) ist ein gutmütiger Mensch, aber nie besonders präsent. Die meiste Zeit verbringt er in seiner psychotherapeutischen Vorstadtpraxis. Peter (Alex Wolff), ihr Sohn im Teenageralter, dämmert in der High School durch Diskussionen über griechische Klassiker und zieht mit seinen Kiffer-Freunden in den Pausen Joints durch. Die jüngere Tochter Charlie (Milly Shapiro) kriegt Förderunterricht und grübelt ansonsten in ihrem Baumhaus vor sich hin, wo sie in aller Stille aus Tierteilen und Nippes verstörende Totems bastelt.
 
„Peter ist orientierungslos, ihn interessiert nichts wirklich und er hat noch keine feste Persönlichkeit herausgebildet. Deshalb ist es einer der bösesten Witze des Films, dass ausgerechnet ihm am Ende eine wirkliche Bestimmung zukommt“, sagt Aster. Charlie hat allerdings weniger Glück. Sie ist tief verletzt, sehr schüchtern und wird von sozialen Phobien geplagt. Aber das ist nicht das einzig Verstörende an ihr. Im Verlauf des Films fühlen sich die Grahams immer mehr wie Schachfiguren, die von Kräften außerhalb ihres Einflusses und ihrer Kontrolle bewegt werden.


EIN DREHBUCH VOLLER ÜBERRASCHUNGEN
 
Nachdem die Grahams vorgestellt sind, entwickelt sich  ganz schnell zu einer Geistergeschichte, als Annie sich mit Joan (Ann Dowd) anfreundet, einer Hausfrau aus der Nachbarschaft, die ebenfalls um einen kürzlich verstorbenen Verwandten trauert. Sie überredet Annie, mit ihr an einer Séance teilzunehmen und leitet damit die paranormale, zweite Hälfte von  ein. Wer jedoch weiß, wie gern Aster mit den Erwartungen der Zuschauer spielt und ins genaue Gegenteil verkehrt, ahnt bereits, dass auch  absolut unberechenbar bleibt; immer wieder versteht es der Film zu überraschen, während sich die Geschichte langsam und unerbittlich entfaltet, dazu bestimmt, dem Publikum mit jeder weiteren Wendung der ausgeklügelten Story den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
 
„Mir schwebte als Überraschungsmoment so etwas wie meine ganz persönliche ’Janet Leigh steigt unter die Dusche’-Vision vor“, beschreibt Aster in Anspielung an Alfred Hitchcocks berühmten Horrorthriller „Psycho“ die Haken, die  schlägt. In der packenden und furchterregenden zweiten Hälfte nimmt der Film eine Richtung, die kaum ein Zuschauer erwarten dürfte. Nur so viel: Die familiären Probleme der Grahams schließen inhaltlich nahtlos an seine beiden Kurzfilme „Munchhausen“ und „The Strange Thing About the Johnsons“ an – sorgfältig ausgearbeitete Alpträume über die Schrecken des Familienlebens. 

Quelle:Splendid Film GmbH
Autor: Siehe Artikel
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