Kosmos
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Wer ist in einer wolkenlosen Neumondnacht vom nächtlichen Sternenhimmel nicht fasziniert, fühlt sich vom millionenfachen Leuchten und Funkeln, als einem visuellen Ausdruck für die unermessliche Weite des Kosmos, nicht innerlich erregt? Vorausgesetzt natürlich die Lichter der Großstadt überstrahlen nicht die Zartheit des Firmaments (trotzdem man sich nicht wundern sollte, wie viele Sterne und eindrucksvolle Konstellationen auch in einer etwas abgedunkelten Seitenstraße noch zu erkennen sind). Schon in den Anfänger der Zivilisation haben die Menschen versucht, in dieses scheinbare (himmlische) Chaos Ordnung zu bringen, sich an Sternen und Sternbildern zu orientieren. Sie dienten den Reisenden als Wegweiser, wurden als Hilfsmittel für die Prognose von jahreszeitlichen Vorgängen genutzt und sind natürlich die ideale Projektionsfläche für Träume und Fantasien. Von den Altägyptern bis heute sind die Menschen von der majestätischen Schönheit dieses Spektakels regelrecht berauscht. Und so wundert es nicht, das Mythen, Sagen und Geschichten die (zugegeben manchmal ein wenig abstrakten) Figuren am Himmelsgewölbe begleiten.Seit Oktober 2013 bieten wir allen Besuchern des Portals www.kultkomplott.de einen allgemeinen und, wie wir hoffen, auch verständlichen Überblick über das nächtliche Treiben am Sternenhimmel.  Vielleicht, um nach einem Konzertbesuch diese strahlende Pracht bewusster wahrzunehmen, oder um einfach eine der in den folgenden Texten beschriebene Formation selbst zu suchen.
Inhaltsverzeichnis
60. Tief unter dem ewigen Eis

1

59. Sir Martin Rees – eine lebende Legende

2

58. Tod durch Hofetikette

3

57. Und sie bewegen sich doch....

4

56. Mars-Marathon mit einem Oldtimer

5

55. „Was ist nördlich vom Nordpol?“

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Samstag 01.09.2018
60. Tief unter dem ewigen Eis
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Im Monat September erwarten uns am 23. der Herbstanfang und die zweite Tagundnachtgleiche in diesem Jahr. Nun kann man bereits deutlich früher den Blick zum Himmel wagen. Allerdings wird die Beobachtung der Planeten immer schwieriger. Venus und Jupiter gehen kurz nach der Sonne unter, sodass nur noch Saturn und der auffällig rote Mars zu beobachten sind. Da sie sehr flach auf der Ekliptik stehen, muss der Blick Richtung Süden möglichst frei sehen. Weniger Schwierigkeiten sollte es beim Auffinden der schon in der Dämmerung hoch im Zenit stehenden Wega (Sternbild Leier) und dem in westlicher Richtung ebenfalls recht hoch stehenden Arktur (Sternbild Bootes) geben.
Im Jahr 1930 war es der österreichische Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli, der die Existenz von elektrisch neutralen Elementarteilchen mit sehr geringer Masse für möglich hielt. Es war die geistige Geburtsstunde der Neutrinos.
Pauli konnte jedoch kaum ahnen, dass bereits 50 Jahre später die extrem schwierige Jagd nach diesen Geisterteilchen durch aufwendige Versuchsanlagen wie dem japanischen Kamiokande-Detektor oder dem im Massiv des Grand Sasso versteckten Experiment CNGS aufgenommen wurde. Heute haben sich die Wissenschaftler in der Antarktis an einen der lebensfeindlichsten Orte der Welt zurückgezogen, um ungestört nach hochenergetischen Neutrinos zu fahnden.
Als Teil der unmittelbar am Südpol liegenden internationalen Amundsen-Scott-Station ist dort in den vergangenen Jahren unter deutscher Beteiligung der Neutrino-Detektor „Ice Cube“ entstanden. Tief unter dem ewigen Eis sind mehr als 5000 optische Sonden durch Tiefenbohrungen auf bis zu 2500m verbracht wurden. Die futuristisch anmutende oberirdische Zentrale ist dabei eigentlich nur so etwas wie die Spitze eines Eisberges. Hier aber harren die Forscher in unglaublicher Abgeschiedenheit und Temperaturen von bis zu -82°C auf das sogenannte Ereignis. Und genau dort hat man nun im vergangenen September ein emittiertes Neutrino der exotische Strahlungsquelle TXS 0506+056 entdeckt.
Unfassbare 4 Milliarden Lichtjahre ist sie entfernt. Kein Lichtstrahl oder Gammaquant konnte von dort bisher nachgewiesen werden, außer einem Neutrino, das mit extremer Energie „Ice Cube“ erreichte und das anhand der dabei entstehenden Tscherenkov- Strahlung (ein Kegel blauen Lichts) nachgewiesen wurde. Um sich den gemessenen Energiewert von 290 Teraelektronenvolt vorzustellen, muss man wissen, dass dieser 40mal stärker ist, als die im LHC-Beschleuniger des CERN erzeugten Teilchen.
Für die Wissenschaftler ist dies ein unfassbarer Erfolg und der Lohn für teilweise jahrzehntelange Bemühungen, denn man muss bedenken, dass zum Beispiel in jeder Sekunde der Daumennagel eines Menschen von ca. 60 Milliarden Neutrinos durchdrungen wird. Dabei hinterlassen die masselosen Elementarteilchen keinerlei Spuren. Dies verdeutlicht die Schwierigkeiten, die beim Einfangen dieser Partikel entstehen.
Doch diesmal war alles anders: Der „Einschlag“ war eindeutig und so konnten schon 30 Sekunden nach dem Ereignis insgesamt 18 Observatorien in einer Multi-Messenger-Kampagne mit der Suche nach der Quelle beginnen. Nach gut einem Jahr steht nun fest, dass der Ursprung im Sternbild Orion zu finden ist und dass es sich dabei um einen der merkwürdigsten Objekte des Universums, einen sogenannten „Blazar“ handelt. Dies ist ein aktiver Galaxienkern, der hochenergetische Gammastrahlung in Form eines Jets absendet, der - wie es der  Zufall will -  genau auf die Erde ausgerichtet ist. Die Wissenschaftler bekommen damit Einblick in die Vorgänge einer aktiven Galaxie, die in ihrem Zentrum von einem supermassereichen Schwarzen Loch angetrieben wird.
Damit sind Neutrinos nun erstmals zum Botschafter einer fernen Galaxis geworden – ein Botschafter, der seine Reise begann, als unsere Erde gerade entstanden war und an die Menschheit nicht im entferntesten zu denken war. Um sich die schier endlose Strecke durch Raum und Zeit etwas bildlicher vorstellen zu können, sollte man sich vor Augen halten, dass das Geisterteilchen bereits 98% des Weges hinter sich hatte, als auf der Erde vor 65 Millionen Jahren durch den Einschlag eines riesigen Meteoriten die Dinosaurier ausstarben.
Klaus Huch, Planetarium Halberstadt
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Mittwoch 01.08.2018
59. Sir Martin Rees – eine lebende Legende
Im Monat August werden die Nächte wieder deutlich länger und der Sternhimmel wird schon ab 21 Uhr MESZ seine Pracht entfalten. Hoch über uns und somit fast im Zenit steht jetzt das Sommerdreieck, bestehend aus dem Stern Atair im Sternbild Adler, dem Deneb im Schwan und der Wega in der Leier. Letzterer ist deutlich der hellste Stern des Trios. Ganz in der Nähe kann man, bei sehr guten Beobachtungsbedingungen, das schimmernde Band der Milchstraße erkennen.     
Mit etwas Glück sind um den 12.August herum deutlich mehr Sternschnuppen sichtbar. Die Erde passiert auf ihrer elliptischen Bahn einen durch den Kometen Swift-Tuttle verschmutzten Bereich des Sonnensystems. Kreuzen sich die Wege, leuchten die „Shooting Star“ beim Eintritt in die Erdatmosphäre auf. Da die meisten von ihnen aus dem Sternbild Perseus zu kommen scheinen, wird der Überschuss an Sternschnuppen als Perseidenstrom bezeichnet. Jupiter und Venus verabschieden sich im laufe des Monats vom Abendhimmel, sodass nur noch die Planeten Mars und Saturn die ganze Nacht über in südlicher Richtung sichtbar sind.
Der 1942 geborene Brite Martin Rees ist in seiner Heimat ein vielfach geehrter Astronomer Royal. Einige Gemeinsamkeiten gibt es zwischen ihm und dem kürzlich verstorbenen Stephen Hawking. Beide wurden im gleichen Jahr geboren, waren Professoren in Cambridge und wurden von der Queen geadelt. Während Hawking den Lucasian Professorship für Mathematik inne hatte (siehe Kosmos 55), bekleidete Rees den Plumian Professorship für Astronomie und Philosophie. Er stand damit in der Nachfolge so berühmter und anerkannter Größen wie Sir Arthur Eddington und Sir Fred Hoyle.
Rees, der sich in der Tradition des Amerikaners Carl Sagan dem Projekt einer Enzyklopädie des Universums verschrieben hatte und dieses umfassende Werk 2006 veröffentlichte, reflektiert viele der neueren astronomischen Erkenntnisse auch unter philosophischem Aspekt. So zeigt er sich begeistert von der Tatsache, dass „Astronomen in der Lage sind, winzige Schwingungen in einem Gravitationswellendetektor überzeugend einem Zusammenstoß von zwei Schwarzen Löchern zuzuordnen, der mehr als eine Milliarde Lichtjahre entfernt von der Erde stattgefunden hat.“ Gleichzeitig konstatiert er ernüchtert, dass „im Gegensatz dazu unser Verständnis bezüglich vertrauter Angelegenheiten, die uns alle interessieren – wie etwa Ernährung und Kinderbetreuung –, immer noch so mager sind, dass die Empfehlungen von „Experten“ sich von Jahr zu Jahr ändern. Als ich jung war, dachte man, Milch und Eier sind gesund. Ein Jahrzehnt später galten sie als gefährlich, weil sie viel Cholesterin enthalten. Und jetzt scheinen sie wieder als harmlos eingestuft zu werden. Und es gibt immer noch keine Heilung für viele der häufigsten Krankheiten und Gebrechen.“
Der gebürtige Baron, der aus der Grafschaft York stammt, ist zwar die graue Eminenz der Astronomie, doch ist ihm auch gewiss, dass die Wissenschaft im Allgemeinen wie einst zu Oppenheimers Zeiten oftmals von den Herrschenden missbraucht wird. So ist es für ihn „deprimierend zu beobachten, dass ein großer Teil der Wissenschaft Aktivitäten gewidmet ist, die völlig überflüssig wären, wenn wir einander uneingeschränkt vertrauen könnten“.
Besonders heftig kritisiert er das Kurzzeitdenken gewählter Volksvertreter, welches sich ja nicht nur in der chaotischen Umweltpolitik der Trump-Administration widerspiegelt, sondern auch hierzulande in Zeiten solcher Geistesgrößen wie „Glyphosat-Schmidt“ auffällig wird.
„Wir berücksichtigen zu wenig die Probleme, die wir künftigen Generationen hinterlassen. Regierungen müssen sich mehr um Projekte kümmern, die zwar aus politischer Sicht langfristig erscheinen, deren Zeitrahmen für die Geschichte unseres Planeten gleichwohl nur ein Augenblick ist.“
Suchen Politiker nach Auswegen? Da ist die Raumfahrt immer ein gängiges Thema. Auch hierzu äußert sich Martin Rees im Zusammenhang zu den Ideen einer zukünftigen Besiedlung unseres Sonnensystems: „Es ist eine gefährliche Täuschung zu denken, dass uns das Weltall eine Flucht vor den Problemen auf der Erde ermöglicht“.
Letztendlich fällt seine Bewertung der Zukunft der Menschheit eher düster aus: Martin Rees zufolge sind nicht mehr natürliche Gefahren wie Epidemien, Erdbeben oder gar Asteroiden für das Bestehen der Menschheit in diesem Jahrhundert entscheidend. Die zerstörerische Kraft des Menschen selbst ist die größte Gefahr. 
Klaus Huch, Planetarium Halberstadt
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Sonntag 01.07.2018
58. Tod durch Hofetikette
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Im Monat Juli sind es nicht die Sterne, die im Vordergrund der Betrachtung stehen. Denn sie gehen erst mit Einsetzen der Dunkelheit gegen 23 Uhr auf. Schon gut eine Stunde zuvor sind die Planeten Venus, Mars und Jupiter zu beobachten. Sie stehlen vor allem am 23.7. den Sternen die Show. Während Venus leuchtend hell, aber einsam hoch im Westen strahlt, ist die enge Begegnung von Mars und Jupiter im Sternbild Schütze in südlicher Richtung schon zu Beginn der Dämmerung zu betrachten. Das absolute Highlight des Monats beginnt mit dem Sonnenuntergang am 27. Juli. Zum gleichen Zeitpunkt geht der schon verdunkelte Vollmond in östlicher Richtung auf. Da sich der Mond im Kernschatten der Erde befindet, kommt es zu einer der längsten totalen Mondfinsternissen dieses Jahrhunderts, denn wenn das Ereignis um 23.13 Uhr endet, war der Vollmond ganze 103 Minuten stark verfinstert. Durch die rötliche Aufhellung des Schattenkegels wird ein sogenannter „Blutmond“ über Deutschland stehen.
Die heute in der Astronomie am häufigsten gestellte Frage ist die nach der Lebensdauer unseres eigenen Sterns, der Sonne. Was wird in ferner Zukunft einmal aus ihr werden?
Den ersten Hinweis auf die Beantwortung dieser Frage gab es bereits im Jahre 1572.
Aber der Reihe nach: Um keinen anderen Astronomen ranken sich so viele Geschichten, wie um den 1546 geborenen Tycho Brahe. Der als äußerst trinkfest geltende Däne verlor schon mit 20 Jahren bei einem Duell einen großen Teil seines äußeren Atemorganes, was ihm den Beinamen „Mann mit der Silbernase“ einbrachte.   Er ist eine der schillernden Figuren in die Geschichte der Astronomie. Jahrelang hatte er auf der zwischen Dänemark und Schweden liegenden Insel Hven auf seinen Beobachtungstationen „Stjerneborg“ und „Uraniborg“ arbeiten können, denn sein Lehnsherr Friedrich II. von Dänemark war ein glühender Astrofan, der Brahes Tätigkeit großzügig sponserte. Mit dessen Tode änderte sich dies jedoch schlagartig. Sein Sohn Christian IV. hatte eher etwas mit Kriegsführung am Hut und benötigte die besagte Insel aus strategischen Gründen anderweitig. Enttäuscht verließ Brahe den Ort seiner Forschungen und ging für seine letzten Lebensjahre an den Hof Kaiser Rudolf II. in Prag, wo er die Stelle des Hofastronomen annahm.
Doch zurück zum Jahr 1572. Tycho war es gelungen, das letzte bizarre Aufleuchten eines sterbenden Sternes im Sternbild Cassiopeia zu beobachten. Zu diesem Zeitpunkt war das Fernrohr noch längst nicht erfunden und so ist es nicht unverständlich, dass er das Phänomen falsch deutete und es „Nova“ nannte, was soviel wie „neuer Stern“ bedeutet. Der Begriff blieb über die Zeit hinweg bis heute erhalten und wird noch immer für den finalen Prozess gebraucht, den unsere Sonne erst in ungefähr 5 Milliarden Jahren durchlaufen wird. Zu diesem Zeitpunkt hat unser Stern dann seine Wasserstoffvorräte im Zentrum komplett verbraucht und der so entstandene Heliumkern verträgt sich nicht mit der ihn umgebenden Wasserstoffhülle. Er stößt diese unter extrem hoher Energieabgabe explosionsartig ab. Eine Nova leuchtet auf.
Im Laufe der dann folgenden Jahrhunderte formt sich um den Sternenrest, dem sogenannten Weißen Zwerg, ein leuchtend heller Ring mit der Bezeichnung „Planetarischer Nebel“. Der nächste historische Fehler, denn einst glaubten die Forscher in den farbigen Gasstrukturen keimende Planeten um junge Sterne entdeckt zu haben. Doch genau der gegenteilige Effekt ist zu konstatieren. Übrigens: Was von unserem glühend heißen Planeten Erde zu diesem Zeitpunkt noch übrig ist, wird von der rasend schnellen Explosionswolke erfasst und zerstört. Somit leitet das Ende der Sonne auch das Ende Erde ein.
Tycho Brahe hingegen glaubte bis an sein Lebensende daran, einen neuen Stern entdeckt zu haben. Nebenbei gesagt war auch sein Tod höchst mysteriös. Entsprechend der Hofetikette verließ er das Festbankett seines Kaisers auch nicht, um notgedrungen die Toilette aufzusuchen. So starb er an einem Blasenriss durch Harnverhaltung. Noch auf dem Sterbebett verfügte er, dass seine kompletten Aufzeichnungen an seinen Nachfolger Johannes Kepler gehen sollten. Kepler wiederum nutzte diese Datenflut, um später einen weiteren großen Fehler der Astronomie zu beheben: Es ist kein Kreis, den die Erde um die Sonne beschreibt, es ist die Kepler-Ellipse.
Klaus Huch, Planetarium Halberstadt
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Freitag 01.06.2018
57. Und sie bewegen sich doch....
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Die längsten Tage des Jahres stehen nun im Monat Juni an. Durch die Sommerzeit verschiebt sich die Untergangszeit der Sonne auf nach 22 Uhr MESZ. Trotzdem können bei guter Sicht in der Dämmerung schnell zwei Objekte wahrgenommen werden. Zum einen steht der Planet Venus als „Abendstern“ hoch im Westen am Firmament und zum anderen beherrscht der Riesenplanet Jupiter den Südosten eindrucksvoll. Erst gegen 23 Uhr MESZ können dann die Sterne des Sommerdreiecks, gebildet aus den Sternbildern Leier, Schwan und Adler, bewundert werden. Der Große Wagen – Teil der noch größeren Konstellation Großer Bär – erreicht zenitnah seine bestmögliche Abendsichtbarkeit.
Für jeden Menschen wahrnehmbar, scheinen sich die Sterne nicht zu bewegen und fixiert zu sein. Ihnen daher den Namen Fixsterne zu geben, klingt plausibel und ist nachvollziehbar.
Nach der Veröffentlichung des „Data Release 2“ , des zweiten Sternkataloges der Raumsonde GAIA, ging jedoch ein kollektiver Aufschrei durch die gesamte Gilde der Astronomen: Insgesamt 1,7 Milliarden Sterne hat das rund 650 Mill. Euro teure Observatorium in den letzten zwei Jahren vermessen und dabei kleine Ortsveränderungen detektiert. Somit wird dieser Datensatz eine völlig neue Ära in der Erforschung der Milchstraße einleiten. Die Datenmengen dieser Sterneninventur sind schier unerschöpflich: Als Bücher gebunden würden sie 1,7 Regalkilometer füllen.
Die für die Forscher auf der Erde kaum wahrnehmbaren Bewegungen der von GAIA detektierten Sterne, werden bei der neuesten Abbildung nur einiger Millionen Sternobjekte einer kleinen Begleitgalaxie, der einst vom gleichnamigen Seefahrer entdeckten Großen Magellanschen Wolke, besonders deutlich. Auf der jetzt veröffentlichten Aufnahme werden die Eigenbewegungen der Sterne dieses speziellen Bereiches knapp außerhalb unserer eigenen Milchstraße besonders deutlich und sind als feine, blaue Strichspuren zu erkennen. Wie ein kosmischer Fingerabdruck wirkt dieses Bild auf den Betrachter.
Wie aber kommt GAIA auf die Genauigkeit der Messungen ? Der italienische Mathematiker und Astronom Giuseppe Lodovico Lagrangia erlangte vor 250 Jahren in Frankreich als Joseph-Louis Lagrange große Berühmtheit, hatte er doch bewiesen, dass sich in genau 5 Raumpunkten die Schwerkraft von Sonne und Erde ausgleichen. Ein leichter Körper wie ein Satellit kann antriebslos den massereichen Körper (Sonne) umkreisen und dabei die gleiche Geschwindigkeit wie der massearme Körper (Erde) haben. Auf ihrer Außenstation im Lagrange Punkt 2 stationiert, kann die Sonde sozusagen ungestört und in aller Ruhe mit unglaublicher Präzision diese kleinen Hintergrundbewegungen der Sterne erkennen, da sie wie eine Rundumleuchte den gesamten Himmel im Laufe von 63 Tagen einmal komplett abscannt. Mit jedem neuen Scan werden dann die verschwindend geringen Eigenbewegungen  der Hintergrundsterne nach und nach sichtbar.
Trotzdem ergibt sich ein aberwitziger Aspekt: Die mit 1.700.000.000 Objekten schon enorme Anzahl der erfassten Sterne stellt nur knapp ein Prozent aller Sterne unserer Galaxis Milchstraße dar, die sich gemeinsam mit unserer Sonne in 220 Millionen Jahren einmal um das galaktischen Zentrum bewegen.
Die europäische Raumsonde GAIA wird noch einige Jahre weiterforschen. Irgendwann könnte es soweit sein, dass sie genauso viele Sterne vermessen hat, wie es dann zu diesem Zeitpunkt auf der Erde Menschen gibt: Über 7,4 Milliarden! 
Klaus Huch, Planetarium Halberstadt
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Dienstag 01.05.2018
56. Mars-Marathon mit einem Oldtimer
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Unser Schwesterplanet Venus zeigt sich nun weithin strahlend als Abendstern und ist deutlich als erstes Himmelsobjekt in westlicher Richtung auszumachen. Erst mit fortschreitender Dämmerung zeigen sich in ihrer Nähe mit den Zwillingen und dem Fuhrmann die spärlichen Reste des Wintersechsecks. Der Planetenriese Jupiter ist im Süden weiterhin bestimmend. Da er zum Zeitpunkt des Untergangs der Sonne aufgeht, ist er die ganze Nacht hindurch als dritthellstes Objekt nach Mond und Venus zu beobachten. In östlicher Richtung steigen die Planeten Mars und Saturn nach Mitternacht auf und werden so in der zweiten Nachthälfte die Sternbilder überstrahlen.

Mit zwei Delta-II-Raketen wurden vor fast genau 15 Jahren die wohl bisher erfolgreichsten Marsmissionen gestartet. Nach einer sechsmonatigen Reisezeit erreichten die Zwillingssonden im Januar 2005 fast gleichzeitig den Wüstenplaneten. Nach den erfolgreichen Landungen spulten die beiden Roboter zunächst das Standardprogramm ab: Ausfahren der Solarpaneele, Test und Kalibrierung der Kameras, Sondierung des Terrains und Festlegung der Reiseroute auf dem roten Planeten. Die Techniker auf der Erde hatten gerade einmal 90 Tage Forschungszeit konzipiert, doch die beiden robusten Fahrzeuge zuckelten weiter munter über den sandigen und felsigen Boden. Dies hört sich einfacher an, als es ist, gilt es doch, das Steuern von der Erde aus zu beherrschen. Schaut man Kindern bei der für sie begeisternden Tätigkeit des Manövrierens eines ferngesteuerten Spielzeugautos zu, sieht man deutlich, dass das schnell nervende Gefährt in Sekundenbruchteilen auf Befehle reagiert. Anders ist es bei den beiden Marsrovern: Sie müssen die Befehle umsetzen, die viele Minuten zuvor auf der Erde erstellt wurden. Nach knapp 100 Minuten hat der Operator in Mission Control erst die Gewissheit, ob die Automaten seine Anweisungen verstanden und diese auch umgesetzt haben. Dieses Unterfangen gelang über Jahre recht gut, bis es zu einem fatalen Fehler kam. Ohne die genaue Ausrichtung zur Sonne können die Solarzellen nicht den nötigen Antriebsstrom liefern. So gab dann Spirit nach rund 7 Jahren und 7 km Fahrleistung im wahrsten Sinne des Wortes seinen Geist auf und die Kommunikation wurde eingestellt. Er hatte sich schlicht und einfach im knochentrockenen Sand des Mars festgefahren und die Batterien konnten nicht mehr den nötigen Betriebsstrom für das Rettungsmanöver liefern.
Dies war aber gleichzeitig die Chance für die Techniker, sich nun voll und ganz auf die Fahrt des zweiten eineinhalb Meter großen Rovers namens Opportunity zu konzentrieren.
Das für eine Betriebszeit von drei Monaten ausgelegte Gefährt knackte nun mit 5000 Sol (ca. 5135 Erdtage) eine nie zu erwartende Grenze. Der Sol ist der Marstag, der mit 39 Minuten und 35 Sekunden nur unwesentlich länger ist als der Erdentag. Das Unglaubliche an dieser Leistung ist der Umstand, dass das eine Tonne schwere Rover dabei Temperaturunterschiede von +20° C am Tag und bis zu -75°C in der kalten Wüstennacht zu kompensieren hatte, sich aus fast ausweglosen Situationen im lockeren Wüstensand selbst befreite und seine eigentliche Einsatzzeit um den Faktor 57 erweitert hat. Damit ist es ein Musterbeispiel für die Konstruktionskünste der Weltraum-Ingenieure des Jet Propulsion Laboratory (JPL) in Pasadena geworden.
Nun peilt man bei der NASA für dieses außergewöhnliche Fahrzeug eine weitere Rekordmarke an: Der erste Mars-Marathon war schon vor Monaten beendet und für die Strecke von 50 Kilometern fehlen dem marsianischen Ausdauerläufer noch knapp 4000 Meter.
Doch damit sollte das endgültige Ziel der Mission noch nicht erreicht sein. Der Oldtimer, dessen wissenschaftlichen Resultate alles Erwartete bei weitem in den Schatten gestellt haben, soll seine Erkundungsfahrt auf dem roten Planeten fortsetzen. Das einzige Stopp-Schild, was ihn bei seiner weiteren Erkundung der Marsoberfläche hindern könnte, wären nur irdische Finanzierungsprobleme.
Klaus Huch, Planetarium Halberstadt
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Sonntag 01.04.2018
55. „Was ist nördlich vom Nordpol?“
In den kommenden Wochen wird sich durch die Umstellung auf die Sommerzeit der Eintritt in die Beobachtung des nächtlichen Himmels sprunghaft auf die späteren Abendstunden verlagern. Es gilt nun endgültig von den Wintersternen Abschied zu nehmen. Schon weit vor Mitternacht tauchen der Stier, der Himmelsjäger Orion und die Hundssterne unter den Horizont. Nur der Fuhrmann mit seinem Hauptstern Kapella und die Zwillinge bleiben wegen ihrer Lage weit oberhalb der Ekliptik noch länger sichtbar. Die Frühlingssternbilder dominieren nun, wobei Regulus, der Hauptstern des Löwen, am auffälligsten ist. Interessante Konstellationen zwischen dem Erdmond und dem Planeten Jupiter wird es gleich zweimal geben, denn sowohl am 3. April als auch am 30. April stehen diese sehr nah beieinander. Schon mit einem kleinen Fernglas ist dies ein lohnenswerter Anblick. Sehr auffällig wird nun Venus. Als Abendstern zeigt sie sich am Westhorizont im Laufe des Monats immer deutlicher. Am Morgenhorizont zeigen sich Saturn und Mars in trauter Zweisamkeit. Frühaufsteher könnten auch hier mit einem Fernglas die enge Begegnung der Planeten bestaunen.

Nur wenige Tage erinnerte man sich in unserer schnelllebigen Welt fast marktschreierisch an den Tod des bedeutendsten Astrophysikers unsere Zeit: Stephen Hawking. War es vielleicht der Verlust einer so außerordentlichen Geistesgröße wie Albert Einstein, Galilei oder gar Copernicus? Zumindest tauchen in den Nachrufen die ersten Vergleiche dieser Art auf.
Und tatsächlich bekleidete Hawking an der renommierten Cambridge University mit dem „Lucasian Professorship“ den gleichen Lehrstuhl, welchen einst Sir Isaac Newton und später Paul Dirac innehatten. Doch vielleicht sollte man diesen unglaublichen Lebenslauf auch in seiner menschlichen Größe reflektieren und dem Kampf gegen das unausweichliche Schicksal größten Respekt zollen. Vor mehr als 50 Jahren wurde Hawking die unheilbare Krankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) attestiert. In ihrer Hoffnungslosigkeit rieten die Ärzte dem jungen Doktoranden zu einem schnellen Abschluss seiner Forschungen. Doch war genau dieser Rat vielleicht der erste Schritt in die neue Welt des Stephen Hawking, in der er, seiner körperlichen Mobilität weitestgehend beraubt, sich ausschließlich auf die Fähigkeiten seines Geistes konzentrieren musste.
Wie einst Goethes Faust in der Einsamkeit seiner Studierstube nach dem suchte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, setze sich der junge Engländer das Ziel, noch eine Stufe weiterzugehen, indem er in seinen folgenden Lebensjahrzehnten hinterfragte, was der eigentliche Ursprung des Universums ist. Vielen Geheimnissen kam er auf die Spur und gab mit der kosmischen Singularität dem Universum seinen Anfang. Kritikern, die diesen absoluten Zeitpunkt Null hinterfragten, entgegnete er : „Zu fragen, was war vor dem Beginn des Universums, ist so sinnlos wie die Frage: Was ist nördlich vom Nordpol?
Doch möglicherweise hätte man von ihm wenig Notiz genommen, wenn er sich nicht in der Tradition eines Carl Sagan auch die Aufgabe gestellt hätte, diese Geheimnisse des Weltalls in populärwissenschaftlicher Art und Weise auch den Menschen näherzubringen, die nicht in der Welt der Wissenschaft zuhause sind . So kommentierte er auch seinen Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ mit den Worten „Jede mathematische Formel in einem Buch halbiert die Verkaufszahl dieses Buches.“
Stephan Hawking war Zeit seines Lebens davon überzeugt, dass es im All weitaus intelligentere Lebewesen als auf der Erde geben müsse.
Für seinen eigenen Heimatplaneten fällt dann auch seine Zukunftsvision eher düster aus: „Wie kann sich die menschliche Rasse in einer Welt, die sich politisch, sozial und in Umweltfragen im Chaos befindet, weitere hundert Jahre halten?“  
Seine noch aus dem vergangenen Jahrtausend stammenden Computerstimme wird uns ebenso fehlen wie sein wacher Blick bei den nicht wenigen Fototerminen und die Rubrik KOSMOS wird sich einen Hawking´schen Gedanken zum Motto nehmen: „Denkt daran, in die Sterne zu sehen – und nicht auf eure Füße.”  

Klaus Huch, Planetarium Halberstadt
Autor: Siehe Artikel
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