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Ohrenglück 45: Fernando Perdomo "Out To Sea"

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Wynton Marsalis „United We Swing: Best Of The Jazz At Lincoln Center...

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Hilde Marie Holsen „Lazuli“

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Etta Scollo „Il Passo Interiore“

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Ketil Bjornstad & Anneli Drecker „A Suite Of Poems“

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OHRENGLÜCK 44: Bram Stadhouders "Big Barrel Organ"

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Montag 30.07.2018
Ohrenglück 45: Fernando Perdomo "Out To Sea"
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Schon mit acht Jahren verliebte sich der kleine Fernando in die abwechslungsreichen Klänge der progressiven Rockmusik aus Europa. Bald begann er, auf den Flohmärkten seiner Heimatstadt in Florida nach den einschlägigen Platten zu suchen. Außerdem erlernte er als Jugendlicher möglichst viele Musikinstrumente und bewarb sich um Gelegenheiten zum Mitspielen. Heute ist Fernando Perdomo 38 Jahre alt und leitet sein eigenes Tonstudio in Los Angeles. Als Sessionmusiker hat er bei unzähligen Aufnahmen mitgewirkt, als Produzent hat er noch mehr Aufnahmen verantwortet. Aber seine erste Liebe vergaß er dabei nie: den progressiven Rock der Siebzigerjahre. „Heute teile ich mit den gleichen Musikern die Bühne, deren Alben ich in meiner Jugend verschlungen habe“, sagt er glücklich.

Das Album „Out To Sea“ ist seine etwa 20. Veröffentlichung unter eigenem Namen und natürlich eine Hommage an die Prog-Rocker von einst. Perdomo spielt praktisch alle Instrumente selbst, darunter zehn verschiedene Gitarrenmodelle. Seine Stücke, alle instrumental, knüpfen bei bekannten Sounds der frühen 70er Jahre an, bei Bands wie Yes, Focus oder Genesis. Typische Motivbildungen des klassischen Progrock werden hier aneinandergehängt, typische Klangmischungen und Rhythmen von anno dazumal imitiert, vieles ist da einfach nur Nostalgie, manches grenzt schon an Plagiat. Besonders gerne zitiert Perdomo die Spielweisen einzelner Gitarristen wie Peter Banks, Jan Akkerman, Roye Albrighton oder Carlos Santana. Es ist eine liebevolle Verbeugung vor der Rock-Vergangenheit.

Wer die Musik von damals im Ohr hat, erlebt mit Fernando Perdomo so manches Déja-vu und fühlt sich dabei bestens unterhalten. Selbst der Stil des Albumcovers kommt einem bekannt vor – und tatsächlich: Der Künstler, Paul Whitehead, gestaltete einst auch Plattenhüllen für die Band Genesis („Trespass“, „Nursery Cryme“, „Foxtrot“). Perdomo hat sein Album übrigens einigen der jüngst verstorbenen Progrock-Helden gewidmet, darunter Peter Banks, Chris Squire, Roye Albrighton, Greg Lake und John Wetton. Ihr musikalisches Vermächtnis – da darf man sicher sein – liegt bei ihm in besten Händen.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Fernando Perdomo
"Out To Sea"
Forward Motion Records
Autor: Siehe Artikel
Montag 23.07.2018
Wynton Marsalis „United We Swing: Best Of The Jazz At Lincoln Center Galas“
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Wynton Marsalis verkörpert nach eigenen Aussagen die amerikanische Kultur schlechthin. Kein Wunder also, dass er sich einige Gleichgesinnte auf die Bühne holt, um mit ihnen Musik zu predigen. In großem Rahmen versteht sich und mit seinem hochkarätig besetzten Septett. „United We Swing“ enthält Mitschnitte der Reihe JAZZ AT THE LINCOLN CENTER und einer illustren Gästeschar, die von Bob Dylan über Eric Clapton und Lenny Kravitz bis zu den Blind Boys Of Alabama, Willie Nelson oder James Taylor reicht. Die Musik ist mal traditioneller, mal moderner, sie swingt und groovt tüchtig, ist mal reiner Blues und mal sentimentaler Pop. Die (überwiegend Jazz-) Arrangements sind ohne Fehl und Tadel ausgearbeitet, der Band und den Solisten perfekt auf den Leib geschrieben. Das musikalische Risiko ist gering, oder sagen wir besser: überschaubar. Wer die Avantgarde sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch ein Herz für New Orleans, für Nashville oder Louisianna besitzt, kommt voll auf seine Kosten. Vielleicht wird diese Art der Zusammenstellung von Themen und Solisten einem Archäologie-Prinzip innerhalb der Musik gerecht, wobei deutlich zu spüren ist, das Begrifflichkeiten wie Jazz spielen und konservativ denken nicht unbedingt Gegensätze sein müssen. Wer wäre hier als Brückenbauer wohl besser geeignet als Wynton Marsalis?
Jörg Konrad

Wynton Marsalis
„United We Swing: Best Of The Jazz At Lincoln Center Galas“
Blue Engine
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 17.07.2018
Hilde Marie Holsen „Lazuli“
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Die Musik der Hilde Marie Holsen ist an beschwörender Schönheit und reduzierter Virtuosität kaum zu toppen. Die Norwegerin spielt Trompete, programmiert eigene Sounds und schreibt (natürlich) sämtliche Stücke selbst. Ein nicht ganz ungefährliches Feld, das die heute 28jährige solistisch zwischen Jazz, Ambient, Folklore und Noise bestellt. Doch den behutsam schwingenden Atmosphären ihres zweiten Albums „Lazuli“ stehen intensive wie originelle Soloparts gegenüber, die von Holsen mit einem überwältigenden Gespür für dramaturgisch geschickt durchdachte Formen in den Äther geschickt werden. Auf der Grundlage von dissonanten Einzeltönen und orchestralen Klangflächen entsteht kommunikative Spannung. Mal pulsierend, mal versponnen, stets inspirierend. In ihrer Heimat Norwegen ist sie mit ihren klanglichen Elementarteilchen weit mehr als ein Geheimtipp!
Hilde Marie Holsen ist eine Lyrikerin auf ihrem Instrument, die mit den Weihen der musikalischen Vollendung ebenso geschickt umzugehen versteht, wie mit dem Sound der Finsternis. Man spürt ihre große Nähe zur Natur, die mit Sicherheit mit dem winzigen, weit abseits gelegenen Dorf zu tun hat, aus dem sie stammt. Vassenden, am Westende des Sees Jølstravatnet. Manche Sounds dieser Aufnahme sind instrumental kaum zuzuordnen, sondern scheinen direkt aus unberührten Urwelten nordischer Landschaften zu uns herüber zu wehen. Ähnlich wie einst Jan Garbarek, mit seiner archaischen Aufnahme DIS, oder die rudimentären Chiffren eines Arve Henriksen. Doch ist der musikalische Vorgang im vorliegenden Fall transparenter wie auch zerbrechlicher, berührender und in jedem Fall weniger pathetisch. Alles klingt wie in einem tönenden Laboratorium, in dem Bestehendes, Ursprüngliches klanglich nachgeahmt und zugleich neue Tonbilder ausprobiert und entwickelt werden.
Jörg Konrad


Hilde Marie Holsen
„Lazuli“
Hubro
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 10.07.2018
Etta Scollo „Il Passo Interiore“
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Foto Gianluigi Primaverile
Sie bewahrt auch öffentlich etwas zutiefst menschliches und hat persönlich kein Problem, wenn manches von dem, was sie ausspricht oder singt, moralisierend klingt. Etta Scollo ist eine Poetin pur, deren Lieder schon über Jahre hinweg aufwühlen und berühren, Haltung zeigen und Hoffnung machen. Immer wieder aufs Neue. Und das nicht allein durch eine furiose, temperamentvolle Art in Form maßregelnder Anklagen. Sie überzeugt durch eine klar artikulierte Aussage und zugleich durch eine melancholische Innigkeit.
Auch ihr neues Album, „Il Passo Interiore“ beinhaltet, neben persönlicher Betroffenheit, eine gewisse Trotzigkeit und vor allem mutigen Stolz, mit dem sie Themen aufgreift, die die Verletzlichkeit der Welt beinhalten, sie beleuchten und musikalisch ergründen. Stammesgeschichtlich, gesellschaftlich und ganz persönlich.
Als Trägersubstanz dieser Inhalte dienen ihr die eigenen Kompositionen, die weitab des kommerziellen Tagesgeschäfts angelegt sind. Die Einflüsse reichen vom Barock über die  Renaissance bis hin zur Moderne. Zugleich greift sie Volkslieder auf und lässt Ihre Mitmusiker hin und wieder improvisieren. Sicher, derartige Songs fallen in den Auswahllisten der angesagten Format-Radios gnadenlos durch. Aber es ist genau diese herausfordernde Unangepasstheit, die letztendlich überzeugt, der Musik Spannung gibt, ihren individuellen Charakter unterstreicht. Die Einfachheit der Instrumentierung (Gitarre, Cello, Akkordeon) und die schmalen Arrangements geben dem Ganzen eine zusätzliche Natürlichkeit.
Etta Scollo nennt das Album den „inneren Schritt“ („Il Passo Interiore“), dem in Zeiten der globalen Wanderungsbewegungen über Kontinente hinweg, eine ganz besondere Aufgabe zufällt. Es geht nicht nur um das Aufzählen von Unzulänglichkeiten und Herausforderungen, sondern auf der Grundlage eines inneren Monologs um die individuelle Auseinandersetzung mit all diesen Phänomenen. Wer Etta Scollo kennt, weiß, wie eindringlich und nachhaltig sie aufzurütteln versteht. Und das wunderbare ist, sie tritt als Chanseuse auf, im Rahmen von Veranstaltungen mit Weltmusik oder auch in Jazzreihen. Das Publikum reagiert, egal wo, mit Sicherheit beglückt.
Jörg Konrad


Etta Scollo
„Il Passo Interiore“
Jazzhaus Records

Autor: Siehe Artikel
Dienstag 03.07.2018
Ketil Bjornstad & Anneli Drecker „A Suite Of Poems“
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Wer das Glück hatte, den norwegischen Pianisten Ketil Bjornstad Live zu erleben, weiß welchen Zauber seine Musik verströmt. Egal ob er Kompositionen aus dem opulenten Katalog der Klassik interpretiert, oder ob er sein musikalisches Idealbild in individuelle Improvisationen gießt. Immer ist es die Tiefe seines Ausdrucks, die berührt, die Natürlichkeit seiner Nuancen, das Fesselnde seiner pianistischen Diskretion. Er findet in seiner Beschäftigung mit der Musik eine berührende Balance zwischen Altem und Neuem, zwischen traditionellem Ansatz und zeitgenössischer Anteilnahme.
Auch auf seinem vor wenigen Wochen erschienen Album „A Suite Of Poems“ ist dieser ausgewogene Ansatz wieder deutlich zu spüren. Als Grundlage für die dreizehn Kompositionen dienten ihm kleine Gedichte, die ihm sein schon seit Jugendjahren vertrauter Freund und Schriftsteller Lars Saabye Christensen schrieb. Es sind lyrische Gedanken, die in Hotelzimmern dieser Welt entstanden. Im Mayflower in New York, im Savoy in Lissabon, im Mayday Inn in Hong Kong oder vom gewaltigen Karwendel eingebetten Schloss Elmau. Bjornstad vertonte diese poetischen Momentaufnahmen nachträglich: „Ich habe vor mehr als zwanzig Jahren angefangen, Musik zu seinen Gedichten zu schreiben", schreibt der Pianist im Booklet des Albums. „Seine Fähigkeit, die inneren Konflikte aufzudecken, die wir alle in unseren Koffern mit uns herumschleppen, ist beeindruckend.“
Die knappen Songs klingen wie eine Schatzkiste, gefüllt mit Perlen aus Pop, Jazz, Klassik, Folklore und dank dem Astor Crowne in New Orleans auch mit ein wenig Blues. Annelie Drecker, einst Sängerin des Trios Bel Canto, besticht durch ihre unprätentiöse, natürliche Stimme. Keine virtuosen Hundertmeterläufe, keine vokale Koketterie, kein Scat. Unschuldig, staunend, neugierig singt sie die Songs, manchmal mit einem Schuss Glückseligkeit angereichert, manchmal von einem Hauch Melancholie durchweht.
Jörg Konrad


Ketil Bjornstad & Anneli Drecker
„A Suite Of Poems“
ECM
Autor: Siehe Artikel
Samstag 23.06.2018
OHRENGLÜCK 44: Bram Stadhouders "Big Barrel Organ"
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Jahrmarktsorgeln – sie wurden einst erfunden, um auf Volksfesten und in Tanzsälen die teuren Musikkapellen einzusparen. Mit dem Aufkommen der Schallplatte und der elektrischen Lautsprecher allerdings wurde die mechanische Spielorgel selbst arbeitslos – ihr Kitschdesign lebte immerhin fort in der Jukebox. Später hat man die meisten der alten Kirmesorgeln demontiert, zerschlagen, verheizt. Manche überlebten in Lagerhäusern und sind heute als „Nostalgie-Orgeln“ wieder gefragt.

Die wahrscheinlich größte erhaltene Jahrmarktsorgel der Welt steht im niederländischen Tilburg. „The Rhapsody“ ist sieben Meter lang, fünf Meter hoch und wiegt mehr als fünf Tonnen. In ihr sind über 800 Orgelpfeifen und andere Instrumente verbaut. Das Beste aber ist: „The Rhapsody“ wurde in neuerer Zeit mit einer MIDI-Schnittstelle ausgestattet. Diese Technik, die in den 1980er Jahren erfunden wurde, erlaubt es, mit digitalen Signalen aus Keyboard, Gitarre oder Blaswandler jedes MIDI-fähige Instrument zu steuern. Bram Stadhouders spielt die Tilburger Spielorgel auf seiner E-Gitarre.

Stadhouders ist 31 Jahre alt. Er studierte elektronische Musik und klassische Komposition und hat mit zahlreichen Jazz- und World-Musikern zusammen improvisiert. Gerne nennt er sich den „ersten Jahrmarktsorgel-Gitarristen der Welt“. Mithilfe seiner Umschaltpedale kann er auf der Gitarre verschiedene Klangfarben der Spielorgel auswählen und im Loop die Einzelstimmen live übereinanderlegen. Oder er spielt mit „The Rhapsody“ eigene Kompositionen ein und improvisiert darüber im gewohnten Gitarrensound.

„Wenn man moderne Musik für diese Orgeln komponiert, hört man völlig einzigartige Klänge, scheinbar einen Mix aus elektronischen und akustischen Tönen“, sagt Stadhouders. Seine Stücke sind weder Popmusik noch Jahrmarkt. Sie sind minimalistisch, verbohrt, manchmal sperrig. Man könnte sie sich auch als Jazznummern, Kammerkompositionen oder elektronische Partituren vorstellen. Diese Verbindung aus moderner Freiheit und historischer Mechanik klingt so faszinierend wie ungewohnt. Stadhouders meint, „The Rhapsody“ habe nur auf ihn gewartet.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Bram Stadhouders
"Big Barrel Organ"
Challenge Records
Autor: Siehe Artikel
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