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Inhaltsverzeichnis
Milena Michiko Fla¨ar „Herr Katō spielt Familie“

1

Alexander von Humboldt „Das Buch der Begegnungen“

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Franco Ambrosetti „Zwei Karrieren – ein Klang“

3

Francesca Melandri „Alle, außer mir“

4

Denis Johnson „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau und andere Erzählu...

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Stanley Kubrick „Photographs. Through a Different Lens“

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Dienstag 18.09.2018
Milena Michiko Fla¨ar „Herr Katō spielt Familie“
Endlich ist er in Rente, hat Zeit für neue Aufgaben, plant, zumindest in seiner Vorstellung, die lang ersehnte Reise nach Paris – und trotzdem: plötzlich ist da diese große Einsamkeit und Leere. Noch nicht einmal der Gesundheitsbefund gibt Stoff für intensive Beschäftigung und Beachtung durch die Familie. Die Kinder sind aus dem Haus, seine Ehefrau hat sich eigenen Interessen zugewandt, besucht begeistert einen Tanzkurs, schwärmt für den Tanzlehrer.
In diesem traurigen Augenblick seines Lebens ist die Begegnung mit der jungen Frau Mie der Wendepunkt , der alles verändert. Denn sie macht einen seltsam anmutenden und gleichzeitig prickelnden Vorschlag: so wie sie als „stand-in“ in verschiedene Rollen zu schlüpfen, um für einige Stunden eine zentrale Rolle im Leben anderer zu übernehmen, auftragsgemäß sozusagen. Die Agentur, für die sie arbeitet, brauche dringend Menschen wie ihn. Und er ist nach einigem Zögern fasziniert von der Idee und von der jungen Frau.
Von Mie – ob das ihr wahrer Name ist? – lernt er was zu tun ist, sie gibt ihm Anweisungen und Hintergrundinformationen für den jeweiligen Auftrag und seine Umstände. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, dass er lernt zu lächeln, mit seinem Körper, mit seiner ganzen Persönlichkeit.
Mit dieser neuen Erfahrung spielt er seine Rollen und er spielt sie gut: für einen Tag wird er der Großvater, Herr Katō, den der Enkel nie erlebt hat. Oder der Ehemann, der endlich einmal seiner Frau zuhören muss, statt sie rechthaberisch in Grund und Boden zu reden. Für eine Hochzeit erscheint er als jovialer Vorgesetzter des Bräutigams, der gegen den Willen der Familie eine todkranke junge Frau heiratet.
Immer stärker erlebt er durch die Anteilnahme am Leben seiner Auftraggeber auch sich selbst in allen Facetten, wie er sie bisher nicht gekannt hat. In diesem Spiel ist Mie zugleich Antrieb, zart angedeutete Liebesbeziehung, real oder nicht, wer weiß?

Fla¨ar , die japanische und österreichische Wurzeln hat und mit ihrer Familie in Wien lebt, hat sich für ihre wunderbare Geschichte Japan als Schauplatz gewählt. Die  Idee des „Stand-in“, wie es sie dort tatsächlich als Geschäftsmodell gibt, eröffnet, zumindest für einen gewählten kurzen Zeitraum, die Möglichkeit menschliche Beziehungen neu zu gestalten, Kummer zu lindern oder kleine Ausflüchte in unerfüllte Träume zu ermöglichen. Für eine westeuropäische Gesellschaft mag dies ungewöhnlich erscheinen, was dem Roman seinen besonderen Reiz gibt. Wäre es für uns denkbar, auf diese Weise die harte Realität erträglicher zu gestalten, auch mit dem Bewusstsein im Hintergrund, dass dies eine Selbsttäuschung ist?
Wie Fla¨ar ihre Figuren zeichnet, besonders Herrn Katō und Mie, ist feinsinnig, fast poetisch. Eine Stärke, die sie schon in ihrem gefeierten Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ unter Beweis gestellt hat. Sie versteht es ausgezeichnet, mit kleinen, feinen Geschichten wie dieser, die ganz persönlichen Fragen an jeden zu stellen und keine wohlfeilen Antworten zu bieten. Auch nicht für Herrn Katō. Seinen wahren Namen erfährt man nie und auch das ist sicher nicht zufällig so.
Thyra Kraemer

Milena Michiko Fla¨ar
„Herr Katō spielt Familie“
Wagenbach
 
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Montag 03.09.2018
Alexander von Humboldt „Das Buch der Begegnungen“
Fünf lange Jahre war Alexander von Humboldt in der amerikanischen „Palmenwelt“ unterwegs. Von 1799 bis 1804 auf Forschungsreise zu Land und zu Wasser. Vom nördlichen Südamerika, über Kuba, Trinidad, Kolumbien, Ekuador, Peru, Mexiko bis nach Washington und zurück nach Europa. In dieser Zeit hat er beobachtet, analysiert und reflektiert, er hat Kontakt zu Menschen und Kulturen aufgenommen, die Natur präzise auskundschaftet, sie erstmals vermessen und kartographiert, sie skizziert und dabei manch Abenteuer bestanden. Seine „Amerikanischen Reisetagebücher“ umfassen tausende von Seiten und sind, was ihren wissenschaftlichen Gehalt betrifft, von unschätzbarem Wert – bis heute. Gleichzeitig haben diese Aufzeichnungen eine hohe literarische Qualität. Denn Humboldt war aufgrund seines empathischen Charakters, seiner humanen Gesinnung und „seinem tiefen Respekt vor allem Fremden“ in der Lage, das Neue schriftlich eindringlich zu formulieren und zu vermitteln, Dinge und Menschen mit Leidenschaft zu porträtieren und dabei stets das Wesentliche herauszukehren.
„Das Buch der Begegnungen“, herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Ottmar Ette, enthält Einblicke, manchmal flüchtige Impressionen, manchmal nachhaltige Begegnungen aus eben jenen „Amerikanischen Reisetagebüchern“. Dabei beschränkte sich Humboldt nicht allein auf jenes Neue, auf das sich seine Forschungsreise damals bezog. Er beschreibt auch Matrosen und Kapitäne, erzählt ebenso kurzweilig wie fesselnd von Situationen, die die Überfahrt nach Cumana betreffen, oder gibt zusammenfassende Einblicke in europäische Geschichte. Aufgrund der unglaublich breit angelegten Interessensgebiete Humboldts sind auch die Verweise in die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen entsprechend weit gefächert. Ottmar Ette ist es gelungen, die Themengebiete geschickt zu verknüpfen, so dass der Leser in der Lage ist, diese zusammenhängend zu lesen: Missionen und Mönche, Bergbesteigungen, Sprachen, Justiz und Gerechtigkeit, Tiere oder Städte.
Humboldts Denken ist nie auf nur eine Sektion gerichtet. Er bringt alles beobachtete in Bezug zueinander, zeigt Verbindungen zwischen den verschiedenen naturwissenschaftlichen-, als auch kulturellen Bereichen auf. Es ist für ihn als Humanist eine Selbstverständlichkeit, Abhängigkeiten und Fehlentwicklungen als auch ihre Folgen zu erkennen und zu benennen. Dabei schält sich bei ihm so etwas wie ein Weltbewusstsein heraus, das zudem Haltung zeigt und klare Kritik an Bestehendem artikuliert. So sind seine ablehnenden Anmerkungen zur grausamen und oft unmenschlichen Missionsarbeit der Mönche vor Ort besonders deutlich.
Dieses wunderbar bibliophile Buch ist eine regelrechte Schatzkiste von vorurteilsfreien Aussagen und unvoreingenommenen Erkenntnissen. Literatur, deren Offenheit und Aufgeklärtheit berührt und zugleich durch ihre Aktualität fast beschämt.
Jörg Konrad

Alexander von Humboldt
„Das Buch der Begegnungen“
Manesse Verlag

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Dienstag 21.08.2018
Franco Ambrosetti „Zwei Karrieren – ein Klang“
Franco Ambrosetti gehört zu jener seltenen Spezies, die in völlig verschiedenen Bereichen erfolgreich eine Karrieren hingelegt haben: Jazz und wirtschaftliches Unternehmertum. Hier also der Trompeter Franco Ambrosetti, dessen künstlerische Arbeit inhaltlich gekennzeichnet ist durch den Drang nach individueller Freiheit und dem Mut, Risiken einzugehen, die den Vorstellungen kommerzieller Herausforderungen so gar nicht entsprechen wollen. Auf der anderen Seite eben der Unternehmensmanager eines international agierenden Familienbetriebes, der sich auf dem hart umkämpften Weltmarkt nur durch Disziplin, Fleiß und Autorität behaupten kann. Hinzu kommt die Verantwortung für hunderte Angestellte und weltweite Geschäftsreisen. So hat Franco Ambrosetti, der vor zwei Jahren fünfundsiebzig geworden ist und im Schweizer Lugano lebt, seine Autobiographie „Zwei Karrieren – Ein Klang“ genannt.
Vielleicht funktioniert dieser seltene Spagat in diesem Fall so ausgezeichnet, weil schon sein Vater Flavio Ambrosetti ihm für ein eben solches Leben Vorbild war? Und der Vollständigkeit halber sei es hier nur erwähnt, auch Francos Sohn Gianlucca ist als Saxophonist ein gefragter Sideman und als Physiker in der Forschung erfolgreich tätig.
Schon als Kind bekam Franco durch seinen Vater engen Kontakt zur Schweizer Musikszene, lernte im häuslichen Umfeld Größen des Jazz kennen und entschied sich mit zwölf, nach einem Konzert des Stan Kenton Orchesters in Mailand mit dem Solisten Conte Candoli, selbst Trompete zu spielen. Doch anfangs gab es Klavierunterricht und als Franco auf dem Speicher des Wohnhauses das alte Schlagzeug seiner Mutter(!) fand, trommelte er für zwei Jahre intensiv und swingend.
Ambrosetti beschreibt in seinem Buch kurzweilig diese Zeit, wer ihm musikalisch später besonders nahe stand (George Gruntz, Daniel Humair), welche Vorbilder ihn international stark beeinflussten und wie er es schaffte, sich nicht nur in Europa, sondern auch in den USA großen Respekt zu erspielen. Er schwärmt von seinen Auftritten in den legendären New Yorker Clubs, über seine Tourneen quer durch Europa mit amerikanischen Stars (Charles Mingus, Elvin Jones) und beschreibt unter welchen Vorzeichen solch zeitlose Bop-Alben wie „Wings“, „Tentets“ oder „Movies“ für sein Münchner Hauslabel Enja Records entstanden.
Über fünf Jahrzehnte führte er ein „Doppelleben“ von dem er erzählt und dokumentiert so zugleich ein Stück europäische Kulturgeschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Es kommen Musiker wie Enrico Rava, Randy Brecker, Paolo Fresu oder Uri Caine zu Wort, die den Schweizer in höchsten Tönen loben, und natürlich erfährt der Leser etliche Anekdoten aus dem engsten Kreis des Jazzbuiseness.
Dem Buch ist ein bekennendes Vorwort von Roland Spiegel, Musikredakteur beim Bayerischen Rundfunk und Jazzjournalist, und dem italienischen Jazzexperten Maurizio Franco vorangestellt. Eine Diskographie und ein Personenregister runden dieses lesenwerte Buch über einen der wichtigsten europäischen Jazzmusiker wunderbar ab.
Jörg Konrad

Bitte vormerken: Franco Ambrosetti wird mit seinem Quartett am 11. Januar 2019 in der Germeringer Stadthalle die neue Saison der Reihe JAZZ IT! eröffnen!!

 
Franco Ambrosetti
„Zwei Karrieren – ein Klang“
Verlag Dohr Köln
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Sonntag 05.08.2018
Francesca Melandri „Alle, außer mir“
Als Ilaria Profeti, eine römische Lehrerin Mitte 40, nach einer Fahrt durch die verstopften Straßen Roms endlich ihre Wohnung erreicht, wird sie von ihrer Nachbarin mit den Worten empfangen: „Da oben wartet ein schwarzer Mann auf dich.“ Vor ihrer Tür sitzt ein junger Afrikaner, und er behauptet, ihr Neffe zu sein. In seinem Ausweis steht der Name ihres Vaters: Attilio Profeti.
Mit diesem dramatischen Auftakt beginnt der Roman „Alle, außer mir“ der Italienerin Francesca Melandri. Das Buch ist 2018 erschienen, und es leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des heutigen Italien.
Schon einmal, in ihrer Jugend, wurde Ilaria mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr Vater eine Zweitfamilie und sie einen Halbbruder hat. Nun taucht ein neuer unbekannter Spross ihres Vaters auf: ein schwarzer junger Mann aus Äthiopien. Ilaria Profeti beginnt, das Schicksal ihres geliebten Vaters zu erforschen, und sie stellt fest, dass sie bisher nichts über ihn wusste. Sie ist Lehrerin geworden, um Kindern Ehrlichkeit und Anstand beizubringen, und stößt nun auf ein Netz aus Geheimnissen, Vertuschungen und Lügen. Sie muss erkennen, dass der Wohlstand ihrer Familie sich vor allem auf Schmiergelder gründet, die ihr Vater angenommen hat. „Aber du darfst ihn nicht verurteilen. Damals machten das alle. Und wir haben davon profitiert“, sagt ihre Mutter.
In ihrem Roman erzählt Francesca Melandri die Geschichte der Familie Profeti, die das ganze 20. Jahrhundert abdeckt. Dabei steht vor allem ein düsteres und weitgehend verdrängtes Kapitel der Vergangenheit im Mittelpunkt, der italienische Kolonialismus unter Mussolini, von dem aus Melandri einen weiten Bogen zur aktuellen Flüchtlingsproblematik schlägt. Für ihren Roman hat sie genau recherchiert. Auch auf mehreren Äthiopienreisen hat sie Fakten und Eindrücke zusammengetragen, die in das breit gefächerte Panorama des Buches einfließen. Mit zahlreichen Perspektivwechseln und Zeitsprüngen wird sie der Komplexität der Thematik gerecht.
Am Beispiel von Ilarias Vater Attilio, der in seiner Familie als Partisan gilt, sich in Wahrheit aber freiwillig zu den Schwarzhemden Mussolinis gemeldet hat, schildert Melandri den italienischen Abessinienkrieg in den Dreißigerjahren. Sie beschreibt Attilio Profeti als gewinnenden, gutaussehenden Opportunisten, als „Prachtexemplar des Faschismus“. Er vertraut auf sein Glück und hält sich für unverwundbar: „Alle, außer mir“. Als 20-Jähriger kommt er mit den faschistischen Truppen Mussolinis in das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien, das damals neben Liberia der letzte nichtkolonialisierte Staat Afrikas ist. Er beteiligt sich am Eroberungskrieg 1935/36. Abessinien wird italienische Kolonie. Wir erfahren viel über die Hintergründe des Krieges. Er wird mit unvorstellbarer Grausamkeit geführt, Massenerschießungen und der Einsatz von Senfgas sind an der Tagesordnung. Als ein Mittel der strategischen Kriegsführung gilt der Besitz von afrikanischen Frauen. Das hält die Truppen bei Laune, und es erzieht den einfachen Soldaten zu seiner neuen Rolle als Beherrscher der unterlegenen Rasse.
Auch Attilo Profeti genießt wahllos die Schönheit der abessinischen Frauen, bis er sich in die 17-jährige Abeba verliebt. Mit ihr geht er den „damoz“ ein, eine Ehe auf Zeit. Sie wird die Mutter seines Sohnes und die Großmutter des jungen Äthiopiers, den Ilaria vor ihrer Tür findet.
Bei ihren Recherchen stößt Ilaria auch auf einen Aufsatz ihres Vaters. Gemäß der faschistischen Rassenlehre propagiert er die Überlegenheit des weißen Mannes. Melandris Roman trägt in der italienischen Originalfassung den Titel „Sangue giusto“. Es geht um das „richtige Blut“, und die Autorin folgt der Spur des faschistischen Gedankenguts von der Zeit des Duce über Berlusconi bis in die Gegenwart, in der markige xenophobe Parolen wieder die politischen Debatten in Italien – und nicht nur in Italien – bestimmen. Dagegen setzt Melandri ihre Empathie. Sie begleitet den jahrelangen Fluchtweg des Jungen von Äthiopien nach Italien. Sie schildert seine traumatischen Erlebnisse in Addis Abeba unter der Schreckensherrschaft des kommunistischen Regimes, die Flucht durch die Wüste, die verzweifelte Lage in einem libyschen Gefängnis und die hoffnungslose Zeit in italienischen Auffanglagern.
Der engagierte Roman liest sich fesselnd wie ein Politthriller. Francesca Melandri lenkt den Blick auf die Rolle, die Italien im letzten Jahrhundert in Afrika gespielt hat und auf das Unrecht, das dem abessinischen Volk angetan wurde. Am Beispiel Italiens zeigt sich die Mitschuld, die Europa am Elend des afrikanischen Kontinents trägt.

Lilly Munzinger, Gauting


Francesca Melandri
„Alle, außer mir“
Verlag Klaus Wagenbach, 2018
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Mittwoch 25.07.2018
Denis Johnson „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau und andere Erzählungen“
„Ihnen dürfte klar sein, dass ich in dem Moment, da ich das schreibe, nicht tot bin. Aber wenn Sie es lesen, vielleicht schon.“ Das sind die letzten beide Sätze der ebenso spannenden wie aberwitzigen Erzählung „Triumph über das Grab“ von Denis Johnson. Auf fünfzig Seiten entwirft der amerikanische Autor eine Art Tableau über das Sterben. Und wenn im Mittelpunkt dieser Erzählung auch Freunde und Bekannte stehen, die die Welt als materielle Kreaturen verlassen, spürt man doch durchgehend, dass dieser Text sehr wohl etwas mit Denis Johnson selbst zu tun hat. Er hat ihn gespürt, seinen Tod, hat sich mit ihm (zumindest literarisch) auseinandergesetzt, hat sich ihm in seiner ganzen Dimension gestellt. Ein Thema übrigens, das ihn schon sein Leben lang beschäftigte, wie zum Beispiel in seinem vielleicht beeindruckendsten Text „Train Dreams“ von 2003. Vor einem Jahr starb der in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geborene Dennis Johnson mit 66 Jahren. Die Literaturwelt verlor damit einen bedeutenden Autor, einer dieser immer ein wenig unterschätzten Schriftsteller, dessen Werk aber zu den Herausragenden der Moderne gezählt werden muss. Stewart O’Nan war derart fasziniert von Johnson, dass er dessen Bücher nach eigenen Angaben dutzende Male verschenkte.
Johnson gehörte einer Generation von Schreibern an, die sich nicht nur mit Literatur beschäftigten, sondern ihre Haltung, ihr ganz persönliches Engagement wirkungsvoll über die Literatur vermittelten. Das wird daran deutlich, mit welchen Themen er sich beschäftigte und mehr noch, wer die tragenden Rollen in seinen Geschichten ausfüllte. Es sind bizarre bis bedrückende Stories, die von Menschen handeln, die arg mit dem Schicksal konfrontiert sind, raubeinige aber auch argwöhnige Charaktere, still erduldende Helden, die alle die volle Sympathie der Leser haben. Doch Johnson schreibt über sie, trotz aller Tragik und verwinkelter Beziehungen, weder lamouryant oder mitleidsvoll, sondern differenziert, zeitweise sprachgewaltig, häufig mit einer gewissen Lakonie, die er, bei aller Verbundenheit, beeindruckend beherrscht.
Die Sammlung von insgesamt fünf Erzählungen, die den Band „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“ beinhalten, sind neben der Beschäftigung mit der eigenen Vergänglichkeit, stark autobiographisch eingefärbt. Sie geben Menschen mit bizarren Lebensläufen eine Stimme, Suchende, manchmal schon Verlorene erzählen aus ihrem Leben, schildern auch groteske Situationen.
So von einem zum Tode Verurteilten, der noch in Haft die Cousine eines Mitgefangenen heiratet, die aber nicht, wie sie vorgibt, als Kellnerin in einem Restaurant ihr Geld verdient, oder Cass, der als Patient einer Sucht- und Entzugsklinik Briefe an verschiedene Menschen schreibt (an die Großeltern, den Papst, den Satan), in denen er Momente seines Lebens beschreibt, und sich als größter Kokser, größter Dealer, größter Krimineller brüstet: „Ich habe drei Typen umgebracht, von denen ich immer noch sagen würde, dass die Welt ohne sie besser fährt, aber das habe ich nicht zu entscheiden, stimmt`s?“. Marcus Ahearn in „Doppelgänger, Poltergeist“ hingegen will beweisen, dass Elvis Presley gar nicht Elvis Presley war. Krude Helden, oft hart an der Grenzen zum psychopathischen und doch voller Menschlichkeit geschildert. Als Opfer einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft. Johnson hängt an seinen Figuren, man spürt sein Mitgefühl und sein Verständnis für ihre oft ausweglosen Situationen, in denen sie sich befinden. Sie sind Teil der amerikanischen Gesellschaft und verkörpern mit Sicherheit nicht den viel gepriesenen amerikanischen Traum.
Seine Erzählungen sind in Bewegung, wobei sich Atmosphären und Blickwinkel innerhalb der Handlungen ständig ändern. Oft auch mehrmals. Ein Erzählungsband für die Ewigkeit.
Jörg Konrad

 
Denis Johnson
„Die Großzügigkeit der Meerjungfrau und andere Erzählungen“
Rowohlt
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Sonntag 15.07.2018
Stanley Kubrick „Photographs. Through a Different Lens“
Stanley Kubrick hat in fünfeinhalb Jahrzehnten nur dreizehn Filme gedreht. Die jedoch haben es in sich. Ein Perfektionist, der die Kinokunst wie kaum ein anderer beeinflusste. Ob es die Erzählweise seiner Filme ist, die faszinierenden Bilderwelten, die Vermittlung psychologischer Konflikte und deren Folgen oder die Umsetzung großer Visionen – immer hat Kubrick Außergewöhnliches geliefert – ohne jemals auch nur einen Oscar als bester Regisseur zu erhalten. Dabei handelt es sich um Meisterwerke wie WEGE ZUM RUHM, SPARTACUS, 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM oder SHINNING. Wie entwickelt sich ein solches Genie, welches sind seine ersten künstlerischen Gehversuche, die ein solches Talent vielleicht erahnen lassen?
Im Taschen Verlag ist jetzt ein umfangreiches Werk erscheinen, das Kubrick von einer etwas anderen Seite zeigt. Denn bevor der 1928 in New York als Sohn einer jüdischen, aus dem österreichisch-ungarischen Galizien stammende Familie sich mit der Filmkunst beschäftigte, war er als Fotograf bei dem Magazin Look angestellt. Mit einer alten Kamera der Marke Graflex, die ihm einst sein Vater schenkte, begann er seine Arbeit auf den Straßen der Bronx. Vorbild war für ihn der ebenfalls aus Galizien stammende Arthur „Weegee“ Fellig, der sich in den beginnenden 1930er Jahren vor allem auf Verkehrsunfälle, Brandkatastrophen und Gewaltreportagen spezialisiert hatte. Kubrick war Autodidakt, hatte zugleich das perfekte Gespür für Bildkompositionen, für Schattierungen und die Wirkung von Fotos. Er fotografierte für „Look“ das Leben und seine Menschen. Und wenn ein Motiv, oder ein Gesichtsausdruck nicht ganz seinen Vorstellungen entsprach, dann hatte er Selbstbewusstsein genug, hier mit ein wenig „Regiearbeit“ nachzuhelfen. So entstanden in über fünf Jahren Tausende Bilder, von denen die besten in „Through a Different Lens“ wiederveröffentlicht sind.
Surreal wirkende Szenen aus der New Yorker U-Bahn, kapriziöses aus dem Freizeitpark, ausgelassene Kinder und runtergekommene Wohnviertel, Berühmtheiten mit den protzigen Insignien des Wohlstands und Bettler in dreckigen Straßenecken, gnadenlose Boxszenen und Broadway-Schnappschüsse Backstage. Nichts blieb vor Kubricks fotografischem Auge im New York jener Jahre sicher. Insofern lässt sich dieses künstlerische Werk schon als eine Art gesellschaftliches Porträt der Weltmetropole schlechthin verstehen, dem zugleich etwas schonungslos entlarvendem anhaftet. Die ausschließlich schwarz-weiß-Reportagen kommen in ihrer Abfolge Geschichten nahe, die von Erfolgen und Niederlagen, von Freuden des Lebens und Leid der Vergänglichkeit erzählen. Ähnlich dem, was Kubrick einige Jahre später als Regisseur abendfüllender Filme ablieferte. „Through a Different Lens“ - ein ebenso opulentes wie hinreißendes und anregendes Werk.
Jörg Konrad

Stanley Kubrick
„Photographs. Through a Different Lens“
Taschen Verlag

Abbildungen:

Stanley Kubrick, Montgomery Clift with fellow actor Kevin McCarthy from
“Montgomery Clift: Glamour Boy in Baggy Pants,” 1949
Copyright: ©SK Film Archives/Museum of the City of New York

Stanley Kubrick, from “Rosemary Williams - Showgirl,” 1948.
Copyright: ©SK Film Archives/Museum of the City of New York
Autor: Siehe Artikel
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