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Inhaltsverzeichnis
SWEET COUNTRY

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Utøya 22 Juli

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GLÜCKLICH WIE LAZZARO

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MR GAY SYRIA

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Draußen

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NACH DEM URTEIL

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Donnerstag 20.09.2018
SWEET COUNTRY
Ab 27. September 2018 im Kino
Bilder
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1929 im Outback des Northern Territory in Australien: Sam Kelly, ein Aborigine mittleren Alters, arbeitet für den freundlichen Prediger Fred Smith. Als der herrische Harry Marsh von der Westfront zurückkehrt, wird dieser zum neuen Bahnhofsbetreiber ernannt und Sam soll mit seiner Frau und seiner Tochter einen Vorposten renovieren. Doch Harry entpuppt sich als ein kranker und verbitterter Mann, seine Beziehung zu Sam eskaliert schnell. Während einer heftigen Schießerei schließlich muss Sam Harry töten, um sein eigenes Leben zu retten. So wird Sam zum Mörder eines weißen Mannes. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als mit seiner schwangeren Frau in das lebensfeindliche Outback zu fliehen. Eine von Sergeant Fletcher geleitete Gruppe versucht die beiden hier aufzuspüren, doch dem klugen und erfahrenen Buschmann Sam gelingt es immer wieder, seine Fährte zu verwischen. Als die Gesundheit seiner schwangeren Frau in Gefahr ist, gibt Sam jedoch auf. In der Stadt wird ihm der Prozess gemacht, doch im Verlauf des Verfahrens kommt die Wahrheit über Harrys Tod ans Licht...


Ein Film von Warwick Thornton



REGIENOTIZ

SWEET COUNTRY spielt in Zentralaustralien, wo sowohl ich, als auch Drehbuchautor David Tranter aufgewachsen sind. Wir kommen beide aus der gleichen Stadt und ich kenne ihn schon fast mein ganzes Leben. Mein Stamm der Kaytej grenzt an das Gebiet von Davids Stamm, den Alyawarra, an. Als David mit seinem wunderbaren Drehbuch zu mir kam, lose basierend auf den Erzählungen seines Großvaters, konnte ich sofort daran anknüpfen und mir wurde klar, dass dieses Drehbuch auch viel von mir enthält.
Unsere Familien durchlebten zahlreiche ähnliche Dinge und als wir heranwuchsen, hörten wir viel von diesen historischen Begebenheiten. In den 1920er Jahren waren wir indigenen Australier nicht im eigentlichen Sinne Sklaven, aber wir arbeiteten ohne Bezahlung oder nur gegen Lebensmittel, gesetzlich legitimiert wurde dies vom Native Affairs Act. Diese Familiengeschichten sind also auch mein Erbe – ein persönlicher Teil dieser großen Geschichte, die zu uns allen gehört.
Eine dieser Erzählungen ist die wahre Geschichte eines Aboriginies namens Wilaberta Jack, der in den 1920er Jahren in Zentralaustralien festgenommen und des Mordes an einem weißen Mann beschuldigt wurde. Das Gerichtsurteil lautete „unschuldig aus Gründen der Selbstverteidigung“. Doch die Mächtigen der damaligen Zeit konnten das Urteil nicht hinnehmen und Wilberta Jack wurde Opfer eines Rachemordes.
Wilaberta Jack ist der Sam aus SWEET COUNTRY, der zu seiner eigenen Figur mit seiner eigenen Geschichte wurde. Während Sam den Plot antreibt und die zentrale Figur ist, wird die Geschichte auch durch die Augen der Figur des Philomac geschildert. Philomac ist ein Aboriginiejunge von 14 Jahren, er lebt auf einer Rinderzuchtfarm und wächst heran zwischen gesellschaftlichen Umwälzungen und den kulturellen Konflikten im Zentralaustralien dieser Zeit.
Der Film enthält alle Elemente des Western-Genres – die Grenze, die Konfiszierung von Land, Unterdrückung und Eroberung eines Volkes sowie die epische, weitläufige Landschaft. Im Vergleich zu vielen klassischen Western, werden die Dinge aber auf den Kopf gestellt. Es gibt keine klar gezeichneten Helden hier und keine einfache Idee von Gut und Böse, die auf ein geradliniges Narrativ projiziert wird.
Als ich aufwuchs eröffneten VHS-Kassetten einen großen Back-Katalog klassischer Filme und ich sah eine Menge klassischer amerikanischer Western, zu denen ich aber nicht wirklich eine Verbindung aufbauen konnte, weil die Indianer immer die Bösen waren. Und ich bin ein Indianer, Angehöriger eines indigenen Stammes auf einem Land, das gestohlen wurde. Aber dann entdeckte ich andere Western, vielen von ihnen aus Italien – Filme wie THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY, A FISTFUL OF DOLLARS oder die TRINTIYReihe, in denen alles ein bisschen anders war. Diese Filme zeigten Antihelden und die Diebe hatten immer noch die Fähigkeit, moralische Gedanken zu äußern. Diese Filme regten mich dazu an, das Potenzial dieses Genres zu erkennen, um meine Geschichte zu erzählen.
Mit SWEET COUNTRY wollte ich mir all die unterschiedlichen Seiten ansehen. Der Film will Rassismus nicht als einfaches, sinnloses Übel zeigen, sondern eher als eine systemzugehörige Realität dieser Zeit.
SWEET COUNTRY wurde in den MacDonnell Ranges gedreht. Eine faszinierende Gebirgsgegend, in der ich aufgewachsen bin. Die Landschaft ist tatsächlich eine weitere Figur im Film, speziell in den Szenen, in denen die Truppe Jagd auf Sam und Lizzie in der Wildnis macht.
Der Film nutzt die riesige Leere der Wüste und ihre Stille um die Geschichte der Figuren und die Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, zu betonen. Die Kommunikation zwischen den Figuren der Aboriginies reflektiert die Authentizität der lokalen Kultur – anhand von Blicken, Gesten und eher im stillen Einverständnis zwischen ihnen als in den Gesprächen.
Ganz am Anfang traf ich bereits die Entscheidung, dass es keine Musik im Film geben wird. Ich wollte nicht die überwältigenden Gefühle einer Filmmusik nutzen. Ich wollte die Realität als in dieser Zeit, an diesem Ort verortet zeigen, in jeder einzelnen Szene. Der Verzicht auf Filmmusik half mir dabei, mich komplett auf die Geschichte und die Figuren zu fokussieren. So konnte kam ich der Zuspitzung der Wahrheit näher, die ich mit diesem Film finden wollte.
Die Welt von SWEET COUNTRY wurde neu erschaffen von der Britischen Krone durch die gewaltsame Entwendung von indigenem Land. Doch dieser Gegend wohnt immer noch ein weitreichendes und komplexes Netz alter indigener Gesetze, Bräuche und Leben inne.
Hier, an diesem Grenzposten im Jahre 1929, kollidieren die unterschiedlichen kulturellen Welten in der epischen und wunderschönen Wüstenlandschaft. Es ist ein Ort, an dem indigene und non-indigene Leute sich aneinander reiben wie die Kontinentalplatten der Erde. Es ist ein Aufeinandertreffen der Kulturen, Ideologien und Temperamente, das seit der ersten Ankunft der Kolonisatoren in Australien bis in die Gegenwart anhält.
Es ist eine Geschichte, die nicht in den Schulen gelehrt wird und über die nur wenige außerhalb von Spezialistenkreisen an den Universitäten sprechen. Die Themen, die in SWEET COUNTRY angerissen werden, finden nur selten ihren Weg in das Bewusstsein der Mehrheit.
In diesem Sinne gibt es eine tiefe Verbindung zwischen SWEET COUNTRY und meinen anderen Filmen. Was wir in SWEET COUNTRY sehen steht in direkter Verbindung zu der Welt in SAMSON AND DELILAH. Dies ist die Geschichte der Anfänge: der Raub des Landes, die Unterdrückung, der Rassismus. Diese Dinge sind prägend für eine Generation.
Mein Ziel war es, die Zugänglichkeit dieses Genres zu nutzen, um das Publikum diese Welt zu betreten und sich hineinziehen zu lassen und dadurch die Probleme eines unterdrückten Volkes zu erleben. Die Absicht des Filmes ist es, die kulturellen Grenzen zwischen uns nieder zu reißen und uns alle zusammen zu bringen.
Warwick Thornton



BIOGRAFIE WARWICK THORNTON

Warwick Thornton (* 23. Juli 1970 in Alice Springs, Australien) arbeitet als Filmregisseur, Kameramann, Drehbuchautor und bildender Künstler. 1994 schloss Thornton seine Ausbildung als Kameramann bei der Central Australian Aboriginal Media Association in Alice Springs ab, deren Aufgabe es ist, die Kultur der Aborigine bekannt zu machen. 1997 schloss er mit dem Bachelor of Arts ein Kamerastudium an der Australian Film Television and Radio School in Sydney ab. Während und nach seines Studiums widmete sich Thornton bei seiner Arbeit der Kultur der Aborigines. Nach eigenen Aussagen sieht er sich als Filmemacher in der Tradition der indigenen Erzählkultur, und in dieser werde die Gegenwart über die Vergangenheit und die Zukunft erzählt. Mit seinem Spielfilmdebüt "Samson & Delilah", dem ersten Spielfilm über Australiens Ureinwohner von und mit Aborigines überhaupt, wurde er 2010 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet, der Film wurde von Australien als Kandidat für die Oscarverleihung 2010 in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film ausgewählt. Für "Sweet Country" erhielt Warwick 2017 den Großen Preis der Jury der Internationalen Filmfestspiele von Venedig und den Plattform Prize beim Toronto International Film Festival.

Filmografie
2017: Sweet Country
2017: We Don't Need a Map (Dokumentarfilm)
2014: Words With Gods
2013: The Darkside
2009: Samson & Delilah
2007: Nana (Kurzfilm)
2005: Green Bush (Kurzfilm)


PRESSESTIMMEN

"Australien hat jetzt seinen HIGH NOON." Time Out
"Storytelling von schlichter Direktheit." **** The Guardian
"Ein Film mit feinen Schattierungen, der seine Themen ohne Moralkeule verhandelt." ORF "Obwohl SWEET COUNTRY mehr Western als Thriller ist, kommt die Spannung dank einiger unerwarteter Plot- Twists – auf subtile Art und Weise – dennoch nie zu kurz." Cineman

AUSZEICHNUNGEN:
Filmfestspiele Venedig 2017 - Großer Preis der Jury
Toronto International Film Festival 2017 - Platform Prize
Asia Pacific Screen Awards 2017 - Bester Spielfilm
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 13.09.2018
Utøya 22 Juli
Ab 20. September 2018 im Kino
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Die 18-jährige Kaja verbringt mit ihrer jüngeren Schwester Emilie ein paar ausgelassene Ferientage in einem Sommercamp auf der norwegischen Insel Utøya. Es gibt Streit zwischen den Schwestern und Kaja geht alleine zu dem geplanten Barbecue. Angeregt diskutieren die Jugendlichen über aktuelle politische Entwicklungen, als plötzlich Schüsse fallen. Erschrocken suchen Kaja und die anderen Schutz im Wald. Rasend kreisen ihre Gedanken. Was passiert um sie herum? Wer sollte auf sie schießen? Kein Versteck scheint sicher. Doch die Hoffnung auf Rettung bleibt. Und Kaja setzt alles daran, Emilie zu finden. Während die Schüsse nicht verstummen wollen.


Am 22. Juli 2011 werden 500 Jugendliche in einem Ferienlager auf der Insel Utøyavon einem schwer bewaffneten Attentäter überfallen –ein Trauma, das Norwegen bis heute tief erschüttert. Um dem Täter die Bühne zu nehmen, stellt Regisseur Erik Poppe die Opfer in den Mittelpunkt seines Spielfilms. Konsequent aus ihrer Sicht inszeniert und in einer einzigen Einstellung gedreht, gelingt ihm eine atemlose Rekonstruktion des Geschehens von ergreifender Wucht. UTØYA 22. JULI bleibt ganz nah bei seiner Hauptfigur Kaja –grandios verkörpert von Nachwuchstalent Andrea Berntzen, deren intensives Spiel uns in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Ein Film gegen das Vergessen und die Sprachlosigkeit.


Hintergrund

Der Film UTØYA22. JULI befasst sich mit einem Tag, der die Welt fassungslos gemacht und sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat, jedoch bis heute unbegreiflich bleibt. Über die Medien wurden viele Fakten über den Terroranschlag am 22. Juli 2011 publik, doch kaum
jemand weiß etwas über die unvorstellbare Panik und Verwirrung, die im Sommerlager herrschten, die unmöglichen Entscheidungen, die getroffen werden mussten, und die Angst und Trauer, die das Leben der Betroffenen für immer prägen werden.
UTØYA22. JULI wurde anhand von Zeugenberichten und bekannten Fakten geschrieben sowie in intensiven Gesprächen mit Überlebenden entwickelt. Aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen sind die Figuren im Film und deren individuelle Erfahrungen jedoch vollständig
fiktiv.
Ein Großteil der medialen Berichterstattung beschäftigte sich mit dem Manifest des Terroristen und dem Gerichtsprozess. Mit UTØYA22. JUL I will Regisseur Erik Poppe einen anderen Zugang öffnen, den Kampf der Jugendlichen zeigen und die Aufmerksamkeit zu den Opfern zurücklenken sowie zu ihren Angehörigen und Familien.


HAUPTDARSTELLERIN

ANDREA BERNTZEN
Andrea Berntzen, geboren 1998 in Oslo, gab mit ihrer Verkörperung der 18-jährigen Kaja in UTØYA 22. JULI ihr Schauspieldebüt in einem Kinofilm. Während ihrer Schulzeit in Oslo begeisterte sie bereits durch ihre herausragenden Leistungen in den Theateraufführungen ihrer Schule. Derzeit studiert sie Theater an der RomerikeFolkehøgskole. Von der norwegischen Zeitung Aftenpostenwurde Andrea Berntzenzwei Jahre in Folge zur besten Schauspielerin nominiert und gewann den begehrten Titel 2017.

REGISSEUR
ERIK POPPE
»Wie die Betroffenen diesen Terroranschlag erlebt haben, ist mit Worten
schwer zu beschreiben. Meine Hoffnung ist es, dass der Film uns helfen
kann, das besser zu verstehen und noch mehr Mitgefühl für diejenigen zu
zeigen, die dabei waren.«  –Erik Poppe
Erik Poppe ist einer der renommiertesten Regisseure Norwegens, der von Publikum und Kritikern gefeiert wird. Geboren 1960 in Oslo, begann Poppe seine Karriere als Pressefotograf und wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet. Nach dem Studium am Stockholmer Dramatiska Institutetwar er als Kameramann an verschiedenen Spielfilmen beteiligt, bevor er 1998 mit SCHPAAA sein Regiedebüt vorlegte, das 1999 im Panorama der Berlinale gezeigt wurde. Der Film markiert den ersten Teil seiner vielfach preisgekrönten Oslo-Trilogie. Für den zweiten Teil HAWAII, OSLO wurde er 2005 mit dem norwegischen Filmpreis Amanda ausgezeichnet. Mit TROUBLED WATER, der als erster Film in der Geschichte des Hamptons International Film Festivals sowohl Publikumspreis als auch Preis für den Besten Film abräumte, schloss er 2008 die Reihe ab. Sein Film THE KING'S CHOICE –ANGRIFF AUF NORWEGEN war 2017 auf der Shortlist für den Oscar® in der Kategorie Bester Fremdsprachiger Film. Mit UTØYA 22. JULI wurde Erik Poppe 2018 in den Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele eingeladen. Erik Poppe ist der einzige Regisseur, der viermal mit dem norwegischen Film CriticsAward ausgezeichnet wurde. 

Filmografie

UTØYA 22. JULI20  18
THE KING'S CHOICE –ANGRIFF AUF NORWEGEN  2016
TAUSENDMAL GUTE NACHT  2013
TROUBLED WATER (DEUSYNLIGE)  2008
HAWAII, OSLO  2004
SCHPAAA  1998


INTERVIEW MIT ERIK POPPE

Worin bestand Ihre Motivation, diesen Film zu machen?
Es gab verschiedene Gründe. Einer davon hing mit meinem Gefühl zusammen, dass das, was vor sieben Jahren am 22. Juli auf Utøya passiert ist, immer mehr in den Hintergrund rückt. Natürlich haben wir es nicht vergessen, aber wir haben nicht mehr die Bilder dazu im Kopf. Es wird viel über den Täter, seine Tat und den Gerichtsprozess, aber nicht über die Opfer gesprochen. Man kennt ihre Geschichten nicht. Es ist als wären sie namenlos, nur Zahlen. Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, bei einem Terrorakt dabei gewesen zu sein. Ohne dieses Wissen hören wir nur von den Nachrichten und machen weiter. Wir müssen ein kollektives Bewusstsein schaffen, um die Leute daran zu erinnern, sie wütend zu machen und zur Diskussion und zum Handeln anzuregen –auf der Suche nach einer Antwort darauf, was wir tun können, um so etwas in Zukunft zu verhindern.
Rechtsextreme Terrorakte beschränken sich nicht auf diesen einen Tag vor sieben Jahren in Norwegen. Es gab sie auch in Deutschland und überall in Europa. Es geht also auch darum, über den Grund für diese Tat nachzudenken. Denn das war kein Akt eines Verrückten, sondern von jemandem, der alles bis ins kleinste Detail und über Jahre hinweg geplant hat. Es ist an der Zeit, eine Diskussion über das Wachsen des Rechtsextremismus in Skandinavien anzustoßen. Es ist wichtig darauf zu achten, dass niemand ausgeschlossen wird. Es ist unser aller Verantwortung, uns um diese Menschen zu kümmern und ihnen zu erlauben, ihre Ideen zu äußern, auch wenn es nicht unsere eigenen sind.
Niemand sollte überhaupt erst die Gelegenheit erhalten, eine Persönlichkeit zu entwickeln, die in der Lage ist, so etwas Schlimmes zu tun. Darüber wurde besonders unter jungen Menschen im Anschluss an den Film sehr intensiv diskutiert.

Warum sollte sich ein Film mit diesem Thema beschäftigen?
Wenn sich die Kunst nicht mit solchen Themen beschäftigen darf, wer dann? Genau das ist es doch, wofür es Filme gibt: um sie anzusehen und sich damit auseinanderzusetzen. Es wäre eine Schande, wenn Filme sich nur noch auf klassische Heldengeschichten beschränken würden. UTØYA 22. JULI ist in erster Linie kein Film für die Betroffenen, sondern für alle anderen –für uns, die wir nicht viel darüber wissen, was auf der Insel geschehen ist. Aber da es natürlich auch ein Film über die Opfer ist, war es mir sehr wichtig, dass sie hinter dem Projekt stehen und der Film so nah wie möglich an dem dran ist, was sie erlebt haben. Ohne Kompromisse, ohne klassische Struktur, ohne zusätzliche Ausschmückungen. Minute für Minute. Keine Schnitte, keine Musik, keine »Spezialeffekte«. Nur die Handlung.

Deswegen haben Sie den Film als One-Take gedreht?
Ja, denn ich habe mich gefragt: Wäre es möglich, eine strikte, hundertprozentig loyale Perspektive in einer Geschichte einzunehmen? Ich wollte das Geschehene so exakt wie möglich in Filmsprache übersetzen. Die Überlebenden erzählten oft von der Zeit des Angriffs, diesen 72 Minuten. Dieses Element »Zeit«wollte ich im Film darstellen. Um einen One-Take umzusetzen, braucht es talentierte Schauspieler, die sich komplett darauf einlassen. Wir mussten uns genau an das Drehbuch halten, damit alles nach Plan laufen konnte, sonst wäre Chaos ausgebrochen. Wir haben drei Monate lang fünf Tage die Woche geprobt. Alles für diesen einen Moment. Wir nahmen eine Woche lang jeden Tag einen Take auf. Insgesamt hatte ich also fünf Versuche.

Am Ende des Films weisen Sie in einer Texttafel darauf hin, dass dies eine Wahrheit ist und dass noch andere existieren könnten.
Was ich damit meine, ist, dass es sich um persönliche Erfahrungen handelt und viele davon noch dramatischer und entsetzlicher waren, als es der Film zeigt. Mein Ziel war es, eine ausgewogene Story zu finden und zu vermeiden, dass es zu spekulativ wird. Ich glaube, dass die Geschichte sehr nah an das herankommt, was wirklich geschah. Die Handlung und die Figuren vor der Kamera sind fiktiv, aber es basiert alles bis ins Detail auf dem, was auf der Insel passiert ist. Wie die Kinder und Jugendlichen versucht haben, aufeinander aufzupassen und die Nerven zu bewahren sowie Strategien zu finden, um zu überleben. In einer Szene singt jemand ganz leise. Das ist keine Erfindung von mir, um es dramatischer zu machen. »True Colors« –das Lied, das Kaja im Film singt –wurde tatsächlich gesungen. Was können wir daraus mitnehmen? Nun, wir bekommen einen starken Sinn dafür, was das Leben ausmacht, wie stark wir sind und wie stark unsere Sehnsucht nach dem Leben ist.

Inwieweit haben Sie die Überlebenden bei der Entwicklung des Filmes miteinbezogen?
Es war mir sehr wichtig, dass die Betroffenen die Idee des Films unterstützten. Deshalb habe ich beschlossen, den Film im engen Dialog mit ihnen zu machen. Sie standen nicht vor der Kamera, sondern dahinter. Ich hatte sogar drei Überlebende an meiner Seite, die mich unterstützt und mir und den Schauspielern geholfen haben, den Film so wahrheitsgemäß und ehrlich wie möglich zu machen, um das auszudrücken, was das geschriebene Wort nicht kann. Wir haben in zwei Monaten insgesamt mit mehr als 40 Betroffenen gesprochen. Das Allerwichtigste war für mich, diesen Film mit Würde umzusetzen –mit so viel Respekt vor den Opfern, Überlebenden, ihren Familien und Angehörigen wie nur möglich.

Obwohl im Film keine explizite Gewalt gezeigt wird, bekommt man als Zuschauer ein intensives Gefühl davon. Woran liegt das?
Es ging mir nicht darum, klassische Filmgewalt zur Schau zu stellen. Die Gewalt, der sich die Jugendlichen tatsächlich ausgesetzt sahen, lag auch in der Ungewissheit und Panik, insbesondere hervorgerufen durch Geräusche –die Pistolenschüsse und die fliehenden Menschen um sie herum. Man muss kein Blut sehen, um diese Gewalt mitzuerleben. Auch das war mir wichtig und gehört zu den Gründen, warum ich mich entschieden habe, den Film so zu machen, wie ich ihn gemacht habe. Ich glaube, dass es Zeit wird, darüber zu diskutieren, wie wir im Allgemeinen auf Gewalt blicken. Manchmal scheint es, als würden wir auf die gezeigte Gewalt in den Medien, im Film und in den Nachrichten kaum noch reagieren. Als wäre sie Teil der Unterhaltungsindustrie und wir würden sie einfach akzeptieren. Vielleicht kann dieser Film es schaffen, die Menschen wieder dafür zu sensibilisieren.

Wie haben sie diesen überzeugenden Cast und ganz besonders die Hauptdarstellerin Andrea Berntzengefunden?
Ich hatte einfach riesiges Glück, dass wir sie gefunden haben. Wir haben in ganz Norwegen nach diesen jungen Talenten gesucht, nach unbekannten Gesichtern. Die Schauspieler hatten zuvor noch nie vor der Kamera gestanden. Auch unsere Hauptdarstellerin Andrea Berntzenhatte bisher lediglich im Schultheater mitgemacht, doch verfügt über ein außergewöhnliches schauspielerisches Talent. Neben dem Talent war es mir bei der Auswahl der Schauspieler wichtig, dass sie die Fähigkeit mitbrachten, sich auf das Thema einzulassen, wahrheitsgemäß damit zu arbeiten und den Mut aufzubringen, das alles ausdrücken zu können. Und das funktionierte sehr gut. Der Erfolg hing natürlich noch davon ab, dass wir genügend Zeit für die Proben hatten.

Noch gibt es kein Monument, keinen Platz des Gedenkens für den 22. Juli 2011. Welchen Beitrag könnte der Film dazu leisten?
Dazu wurde in Norwegen sehr viel diskutiert. Es gab Wettbewerbe mit internationalen Künstlern. Man diskutierte darüber, wer, wie und wo man es errichten sollte. Doch auch heute, sieben Jahre später, sind die Diskussionen noch lange nicht abgeschlossen. Als UTØYA 22. JULI in Norwegen in den Kinos startete, passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte: Menschen kamen aus den Kinosälen und meinten, jetzt existiere ein Platz, wo sie hingehen könnten. Man sitzt dort im Kino und weint und fühlt das, was man gern fühlen würde, wenn man eine Gedenkstätte besucht. Der Film ist damit also tatsächlich zu einer Art Gedenkstätte für einige Menschen geworden. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es nicht mein Film ist. Wenn es jemanden gibt, der dafür verantwortlich ist, dass der Film so echt und für viele Menschen so bedeutsam geworden ist, dann ist das der Verdienst der Überlebenden – derer, die vor sieben Jahren auf Utøyadabei waren und seither jeden Tag versuchen, ihr Leben wieder aufzubauen. Diejenigen, die sich trotz ihres Traumas wieder damit beschäftigt haben, um uns zu helfen, es zu verstehen und sich gemeinsam zu erinnern. Wenn es also irgendjemanden gibt, dem man danken sollte, den man feiern sollte und der die Preise für diesen Film verdient, dann sind es die Überlebenden, die uns begleitet und unterstützt haben.
Das Interview führte Martin Kiebeler.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 06.09.2018
GLÜCKLICH WIE LAZZARO
Ab 13. September 2018 im Kino
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„Musik dringt durch die Nacht. Wir sehen junge Frauen, die aus längst vergessenem Scham-
gefühl kichern. Die älteren Landarbeiter fragen sich, warum, und wollen nachsehen. In welcher
Zeit befinden wir uns? Anscheinend in der Vergangenheit, aber einige Gegenstände weisen in die
Gegenwart. Jetzt sitzen alle dicht gedrängt unter der niedrigen Küchendecke. Es wird gelacht,
gemeckert, geredet und angebandelt. Wir versuchen, uns zu orientieren und zu verstehen, wer
die Hauptfigur des Films sein wird. Vielleicht das frisch vermählte Paar, Mariagrazia und Giuseppe,
oder Antonia, die Mutter, die selber noch ein Kind ist, der verrückte Catirre in seinem Regenmantel oder das entlaufene Huhn, das auf dem Tisch umherirrt? Unser Blick wandert von einem
zum anderen und bleibt schließlich bei einem jungen Mann stehen. Er sitzt etwas abseits und
stürzt sich nicht auf das Brot wie die meisten. Ihm scheint es zu genügen, das Glück der
anderen zu beobachten. Lazzaro.“


„Ein Meisterwerk ...  Der Coup des Films liegt darin, dass er durch Lazzaros Blick unsere Welt aus den Angeln hebt. Mehr kann Kino eigentlich nicht leisten.“
DER STANDARD

„Ein magisch-realistisches Märchen, ein betörender Traum von Film“
THE GUARDIAN

„Alice Rohrwacher erweist sich erneut als absolut herausragende Stimme des italienischen Gegenwartkinos.“
Programmkino.de

„Ein berauschender, ein atemberaubender Film“
VARIETY


Inviolata, ein abgeschiedenes Landgut  im italienischen Nirgendwo. Hier  herrscht die  Marquesa Alfonsina de Luna mit harter Hand über ihre Landarbeiter. Lazzaro ist einer von ihnen, ein junger Mann, so gutmütig, duldsam und unschuldig, dass man ihn für einfältig halten könnte. Eines Tages kommt Tancredi nach Inviolata, Sohn der Marquesa, der an seiner Mutter so sehr leidet wie am Landleben. Mit ihm entwickelt sich eine seltsame, ungleiche Freundschaft, die erste in Lazzaros Leben. Anfangs noch zart und unbeholfen, wird sie die Zeit überdauern, auch die alles auseinander sprengenden Folgen des „Großen Betrugs“, die Lazzaro auf der Suche nach Tancredi in die große
Stadt führen werden.
»Glücklich wie Lazzaro« ist die Geschichte eines unscheinbaren Heiligen, der keine Wunder
vollbringt, der über keine besonderen Fähigkeiten verfügt, keine magischen Kräfte besitzt, eine Geschichte ohne Special Effects. Ein Heiliger, der in dieser Welt lebt und von niemandem etwas Böses denkt, der immer an die Menschen glaubt.
Eine Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt, die die Menschen immer ignoriert
haben und die dennoch immer wieder auftaucht, um uns in Frage zu stellen; wie etwas, was hätte
sein können, aber was wir niemals ernsthaft gewollt haben.

„Glücklich wie Lazzaro“ ist ein politisches Manifest, ein Märchen über die Geschichte Italiens der
letzten fünfzig Jahren, ein Lied.
(Alice Rohrwacher)



LAZZAROS

Ich bin oft solchen Menschen begegnet, in meinem  Land, guten Menschen, die sich aber selten selbst so sehen, da sie mit diesem Begriff gar  nichts anfangen können. Ich habe solche „glücklichen  Lazzaros“ getroffen, Menschen, die einfach gut sind. Sie bleiben im Hintergrund, wann immer es möglich ist, sie nehmen sich zurück, um nicht zu stören, um den anderen Raum zu geben. Sie drängen sich nicht vor, sie wissen gar nicht, wie das geht. Es sind diejenigen, die am Ende oft die undankbarste Arbeit übernehmen, über die andere die Nase rümpfen, und sie werden nicht wahrgenommen.
Ohne dass es ihre Absicht wäre, passiert es dann manchmal doch, dass ein Lazzaro Teil einer Geschichte wird. Irgendeiner, ein Passant, ein Ladenbesitzer, ein junger Aufsteiger, ein Rentner oder wer auch immer bemerkt ihn, betrachtet ihn mit Skepsis, versteht sein Verhalten vielleicht falsch und brüllt los: „Der war es! Der ist gefährlich!“ Denn irgendwie ist dieser Gang ja tatsächlich etwas  seltsam, dieses Schweigsame, diese ganze Art ... Und plötzlich übernimmt das Misstrauen die Überhand, die Angst. Ein Lazzaro kann sich nicht gegen falsche Anschuldigungen verteidigen. Er schaut nur ungläubig, während man ihn packt, verletzt und verjagt.



HELDEN UND HEILIG

Die Literatur und die Filmgeschichte sind voll von Figuren, die sich auflehnen, die gegen das Unrecht kämpfen, die die Welt verändern wollen und zu Helden werden. Ein Lazzaro aber kann die  Welt nicht verändern. Seine innere Größe ist unscheinbar. Wir stellen uns Heilige oft stark, durchsetzungsfähig und mit einer gewissen Aura vor. Ich denke aber, dass es nicht die Aura ist, die einen Heiligen ausmacht. Tauchte ein Heiliger heute in unserem Leben auf, würden wir ihn wahrscheinlich in seinem für unsere Erfahrung viel zu selbstlosen Wesen gar nicht erkennen. Wir  würden ihn vermutlich, ohne groß darüber nachzudenken, loswerden wollen. Er ist so ungewöhnlich, so naiv, dass man ihn für verrückt halten könnte, für einen Dummkopf.



DAS „ITALIENISCHE“ DER GESCHICHTE

Mit den Erlebnissen von Lazzaro wollte ich so unaufdringlich wie möglich, mit Liebe und Humor von den verheerenden Veränderungen erzählen, die Italien erfahren hat, vor allem der Übergang von einem materiellen Mittelalter zu einem menschlichen Mittelalter: Das Ende der Agrargesellschaft, die Migration der Menschen vom Land an die Ränder der Städte, deren Modernität ihnen fremd
war: Menschen, die das Wenige, das sie hatten, zurückließen und dann noch weniger hatten. Eine staubige, verdreckte Welt der Ausbeutung kommt an ihr Ende und legt sich in der Stadt ein viel saubereres, attraktiveres Gesicht zu.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 30.08.2018
MR GAY SYRIA
Ab 06. September 2918 im Kino
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MR GAY SYRIA erzählt von zwei schwulen syrischen Männern, die versuchen, ihr Leben in der Fremde wieder aufzubauen, nachdem sie gezwungen waren, ihr Heimatland zu verlassen. Husein arbeitet als Friseur in Istanbul und lebt ein Doppelleben zwischen seiner konservativen Familie, die er am Wochenende sieht und seiner schwulen Identität in der Metropole. Mahmoud ist der Gründer der syrischen LGBTI-Bewegung und hat seit einigen Jahren Asyl in Berlin erhalten. Was sie zusammenbringt, ist ein Traum: Sie wollen am internationalen Schönheits-wettbewerb „Mr. Gay World“ teilnehmen. Wird der Traum wahr oder zerschellt er an dem Konflikt des Schwulseins in der muslimischen Welt?

Ein Film von Ayse Toprak

MR GAY SYRIA erzählt von den beiden schwulen Syrern Husein und Mahmoud. Husein (24) ist Friseur aus Aleppo und konnte mit seinen Eltern, seiner Frau und der zweijährigen Tochter in die Türkei entkommen. In Istanbul hat er sich als Schwuler geoutet und lebt ein Doppelleben, von dem seine Familie nichts weiß. Mahmoud (40) ist Journalist aus Damaskus und Gründer des ersten Schwulen-Blogs in Syrien. Nachdem er seine Heimat verlassen musste, erhielt er politisches Asyl in Berlin und arbeitet dort bei einer Schwulenberatung.  Was Mahmoud und Husein zusammenbringt, ist ein verrückter Traum: die Teilnahme am internationalen Schönheitswettbewerb „Mr. Gay World“ auf Malta. Wenn sie es dorthin schaffen, wird es zum ersten Mal sein, dass ein Araber aus dem Nahen Osten an einer solchen öffent-lichen Veranstaltung teilnimmt. Für Mahmoud, als Verteidiger der Rechte von Homosexuellen, ist dies der Ort, um mit einer internationalen Kampagne schwulen Moslems weltweit Sichtbarkeit zu verschaffen. Für Husein ist es der mögliche Schritt nach Europa. Er sehnt sich danach, in einer Gesellschaft zu leben, die ihn akzeptiert, so wie er ist. Über ein Jahr hat die türkische Filmemacherin Ayse Toprak ihre Protagonisten Husein und Mahmoud in Istanbul und Berlin begleitet und einen eindrücklichen Film über Homophobie und Flucht zwischen der westlichen und der muslimischen Welt geschaffen, der authentisch und zugleich humorvoll erzählt ist. Der Schönheitswettbewerb zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben in homophoben Gesellschaften mit der Herausforderung des Coming-Out, der Freude am Verlieben und den verheerenden Folgen der Flüchtlingskrise. Entstanden ist eine Geschichte über den Mut, die Kraft, das Durchhaltevermögen und auch über den Humor der Protagonisten.


BIOGRAFIE AYSE TOPRAK
Ayse Toprak ist Filmemacherin aus Istanbul, die mittlerweile in Brüssel lebt. Sie hat einen Bachelor of Fine Arts Abschluss von der „Tisch School of the Arts“ in New York, wo sie Film & TV studierte, und einen Masterabschluss von der New School. Nach dem Studium arbeitete Ayse Toprak bei Channel Thirteen/ PBS in New York und produzierte unter anderem für den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera in London, Doha und Istanbul. Ayse Toprak interessiert, wie Dokumentarfilme, ihre Themen und vielschichtigen Charaktere weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben können. Filme, die einen nationalen Dialog zu vernachlässigten Themen anstoßen, Vorurteile abbauen oder Tabus brechen, wurden damit zu ihrem bevorzugten Medium und zu ihrer persönlichen und beruflichen Ambition.  Sie ist fasziniert von Menschen, die an die Peripherie der Gesellschaft gedrängt werden und persönliche, lebendige und fesselnde Geschichten erzählen. Ihre Überzeugung im Filmemachen ist von dem Wunsch getragen, die Geschichten solcher Menschen zu erzählen, von denen sie glaubt, dass sie unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt haben, von denen jede auf ihre Art einzigartig ist.
 

DIRECTOR’S NOTE
Ich traf Mahmoud zum ersten Mal, als ich nach einem Dolmetscher für einen Dokumentarfilm über syrische Flüchtlingskinder suchte. Zuerst dachte ich, er sei schüchtern, doch als wir uns unterhielten, begann ich hinter seiner anfänglichen Reserviertheit seine lebhafte Persönlichkeit zu sehen. Schließlich wurde er mein engster Verbündeter für dieses Projekt. Im Jahr 2014 erhielt ich eine E-Mail von Mahmoud, in der er schrieb: „Ich bin in Berlin, ich habe Asyl beantragt. Hoffentlich wird es bald genehmigt.“ Ein paar Monate später erhielt ich eine weitere Nachricht mit dem Inhalt: „Ich habe meine Staatsbürgerschaft verloren, ich werde nicht in der Lage sein, nach Syrien zurückzukehren, ich bleibe hier für immer stecken. Ich fühle mich verloren zwischen zwei Welten.“ Mahmouds Nachricht verfolgte mich eine ganze Weile. Er teilte ein gemeinsames Schicksal mit Millionen von syrischen Flüchtlingen, die von einem Konflikt entwurzelt wurden, der sich ihrer Kontrolle entzieht, mit dem Traum, in ungewohnten Ländern eine neue Heimat zu finden, irgendwohin zu gehören und das Recht zu haben, so zu leben, wie sie wollen. Durch Mahmoud lernte ich meine Hauptfigur Husein und seinen Freund Omar kennen. Ich bewunderte ihre Willenskraft, die widrigen Umstände, mit denen sie konfrontiert sind, zu überwinden und ihre Lebensqualität zu verbessern. Dass sie dies auf unbeschwerte Art und Weise und mit einem Lächeln taten, lehrte mich, was es bedeutet am Leben festzuhalten, unabhängig von den Umständen. Dieser Film ist Teil meines Kampfes für eine bessere Welt. Ich glaube, dass es beim Aufbau wirklich demokratischer Gesellschaften nicht nur darauf ankommt, unsere eigenen Rechte zu verteidigen, sondern auch für die Rechte anderer zu kämpfen.  Ich bin mir bewusst, dass dieser Film ein sehr spezifisches Problem im Kontext einer viel größeren menschlichen Tragödie behandelt. Aber Menschenrechte gelten für alle Menschen, ob schwul, lesbisch, transgender oder was auch immer. Für mich ist es genau das, was diese Geschichte interessant und kraftvoll macht.
Ayse Toprak
 


PROTAGONISTEN

Mahmoud Hassino ist Syrer und steht offen zu seiner Homosexualität. Er war der erste Blogger der LGBTI-Szene in Syrien und half Ayse Toprak bei einem anderen Filmprojekt als Dolmetscher vor Ort an der türkisch-syrischen Grenze.
Die eigene Sexualität offen auszuleben, ist in der Region ein großes Risiko. Mahmoud kennt die Gefahren und hat in Berlin Asyl erhalten. Er engagiert sich in der Schwulenberatung Berlin. Mit dem Schönheitswettbewerb „Mr. Gay Syria“ will er der Community in der muslimischen Gesellschaft eine Stimme und einen Repräsentanten geben.

Husein stammt aus Afrin in Syrien, ist 24 Jahre alt, verheiratet, hat eine zweijährige Tochter und ist schwul. Husein lebt in Istanbul, wo er als Friseur arbeitet und seine Homosexualität offen lebt. Er träumt davon, dies auch in Gegenwart seiner Familie tun zu können, die er nur an den Wochenenden sieht. 
Durch die Teilnahme am Wettbewerb „Mr. Gay Syria“ hofft er, den Mut zu finden, aus diesem Doppelleben auszubrechen und mit seiner Familie ein neues Leben in Europa zu beginnen
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Donnerstag 23.08.2018
Draußen
Ab 30. August 2018 in ausgewählten Kinos
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Draußen portraitiert vier Obdachlose, die in Köln auf der Straße leben. Ausgehend von persönlichen Gegenständen, die aufgeladen sind mit Erinnerungen und Emotionen, öffnet der Film das Tor zu einer Welt, die sonst verschlossen bleibt. Der Film regt nicht nur zu einem Perspektivwechsel an, sondern zeigt vier Obdachlose, die sich ihren Stolz und ihre Würde erhalten haben.


SYNOPSIS (lang)

Der Film porträtiert Matze, Elvis, Peter und Sergio als Persönlichkeiten und Überlebenskünstler, von denen man lernen kann. Was sie erlebt und überlebt haben, was sie vom Leben wissen und wie erfindungsreich sie sich organisieren, macht ihnen so leicht niemand nach.
Um ihre Geschichten zu erfahren, verfolgten die Filmemacherinnen eine besondere Strategie: Sie konzentrierten sich auf die Gegenstände, die die Protagonisten bei sich tragen. Sie baten sie, ihre Welt für sie zu öffnen und ihnen einen Blick in ihre Plastiktüten, Taschen, Einkaufswagen zu gewähren, so, als würden sie ein fremdes Haus betreten. Sie führten sie mit ihren Erzählungen in ihre innere Welt und in eine Welt, die sie zurückgelassen haben.
Die Objekte, die sie dabei entdeckten, enthielten — eben, weil es nur wenige sind — eine Fülle von Informationen und Bedeutungen. Sie waren mit Emotionen und Erinnerungen aufgeladen. Es sind Fragmente und Bruchstücke ihrer Lebensgeschichten. Im Gespräch nimmt diese Fülle Gestalt an, sie berühren und werden berührt.
Der Film aber will mehr, als nur beobachten und zuhören. Es ging den Filmemacherinnen nicht allein um das Sichtbarmachen von Lebensgeschichten. Sie wollten, dass die Protagonisten für eine Nacht in einem anderen Licht dastehen. Deshalb haben sich für die Dauer einer Nacht, ihre Schlafplätze verwandelt. Die Filmemacherinnen gingen von den vorhandenen Gegenständen und ihren Geschichten aus und schufen einen neuen Raum. Dort, wo ihre Helden Schutz suchen, an ihrem Lagerplatz, entstanden individuelle Kompositionen, wie Bühnenkulissen oder Vitrinen eines Museums. Das bisher Gehörte und Gesehene wird überhöht und dadurch anschaulich. Ein Bild der Innenwelt entsteht. Dies eröffnet einen poetischen, Erlebnisraum für die Zuschauer, der Platz freimacht zur individuellen Auseinandersetzung mit ihren Protagonisten. Am Ende des Films bleiben die nächtlich erleuchteten Schlafplätze wie Gedankenbilder stehen, die bald wieder verschwunden sein werden.

Regiestatement

Für draußen sind wir in eine Parallelwelt eingetaucht, der wir täglich begegnen und die wir zu kennen meinten: die Welt der Obdachlosen. Je mehr wir uns mit ihr beschäftigt haben, desto erstaunlicher wurde uns diese Welt.
Über ein Jahr lang haben wir in Köln Menschen getroffen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind. Wir haben uns viele Stunden in den Anlaufstellen für Obdachlose aufgehalten. Die Stimmung dort war für uns überraschend warmherzig und loyal. Überhaupt ist uns dort, wo große Not herrscht, überall Offenheit und Interesse entgegen geschlagen. Ablehnung oder gar Gewalt haben wir nie erfahren.
Die Gespräche, die wir geführt haben, haben uns sehr bewegt. Wir fragten uns, wie in der Mitte unserer reichen Gesellschaft so viel schiefgehen kann. Was wir gehört und erlebt haben, hat uns beeindruckt und und bekräftigt, diesen Film zu machen. Wir glauben, dass man von diese Menschen viel lernen kann. Für die Dreharbeiten haben wir eine bestimmte Strategie entwickelt: Bei den Interviews fragten wir nach den persönlichen Gegenstände der Protagonisten. Entgegen unseren Erwartungen besaßen alle Gesprächspartner interessante Objekte, sorgfältig ausgewählt und bewahrt. Es waren Erinnerungsstücke, Fragmente und Bruchstücke aus einem früheren Leben, aber auch Dinge, die vom Leben auf der Straße erzählten. Sie waren, so wie bei allen anderen auch, Teil ihrer Persönlichkeit und Ausgangspunkt für ganz besondere, überraschende Geschichten, die den Leitfaden des Films bilden.
Diese Gegenstände sind normalerweise versteckt in Plastiktüten und Einkaufswagen. In unserem Film werden Sie gezeigt, arrangiert und inszeniert. Sie ergänzen die Erzählungen unserer Protagonisten und verleihen damit den Erlebnissen und Berichten unserer Protagonisten auf besondere Weise besondere Aufmerksamkeit.
Wir hoffen, dass unser Film den Blick schärft für die Lebensweisheit, Begabung und Kreativität, die wir in unserer Gesellschaft missachten und ungenutzt lassen. Wir wollen mit draußen einen Perspektivwechsel ermöglichen: aus Scham soll Stolz werden.
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Donnerstag 16.08.2018
NACH DEM URTEIL
Ab 23. August 2018 im Kino
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Miriam ist fassungslos, als das Gericht ihrem unberechenbaren Ex-Mann Antoine das Besuchsrecht für den gemeinsamen Sohn Julien zuspricht. Von nun an soll der 11-Jährige jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen. Die Besuche bei Antoine werden für Julien zur Tortur. Während Miriam daheim krank vor Sorge wartet, setzt Julien alles daran, seinen um Annäherung bemühten Vater nicht zu provozieren. Aber ist Antoine wirklich ein Pulverfass? 
 
Ein Film von Xavier Legrand
Mit Léa Drucker (Miriam Besson) Denis Ménochet (Antoine Besson) Thomas Gioria (Julien Besson) Mathilde Auneveux (Joséphine Besson) Mathieu Saïkaly (Samuel)   Saadia Bentaïeb (Richterin) Émilie Incerti-Formentini (Antoines Anwältin) Sophie Pincemaille (Miriams Anwältin)

Mit seiner bedrohlichen Intensität zieht Xavier Legrands ergreifender Beziehungsthriller den Zuschauer völlig in seinen Bann. Das Spielfilmdebüt des oscarnominierten® Regisseurs besticht durch die grandiosen Leistungen seiner Hauptdarsteller Léa Drucker, Denis Ménochet und allen voran Nachwuchstalent Thomas Gioria, der seiner Figur eine berührende Verletzlichkeit verleiht. Der weltweite Festivalerfolg gewann zahlreiche Filmpreise, darunter den Silbernen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig.



INTERVIEW MIT REGISSEUR XAVIER LEGRAND
 
Wie bereits in Ihrem Kurzfilm AVANT QUE DE TOUT PERDRE, behandeln Sie in Ihrem Langfilmdebüt ein soziales Drama – häusliche Gewalt – auf eine Weise, die für das Publikum große Spannung erzeugt.
NACH DEM URTEIL stellt Angst in den Mittelpunkt. Die Angst, die von einem Mann ausgeht, der bereit ist, alles zu tun, um wieder mit seiner Frau zusammenzukommen, die seinem gewalttätigen Verhalten entkommen und ihn verlassen will. Antoine, gespielt von Denis Ménochet, ist eine konstante Bedrohung für sein Umfeld. In seiner Gegenwart sind alle angespannt; dabei sieht er nur seinen eigenen Schmerz und würde alle manipulieren, einschließlich seiner Kinder. Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, wie jene, die Léa Drucker darstellt, sind immer in erhöhter Alarmbereitschaft. Sie wissen, dass Gefahr überall und jederzeit lauert, dass niemand sicher ist. In Frankreich stirbt alle zweieinhalb Tage eine Frau in Folge häuslicher Gewalt, und auch wenn die Medien darüber berichten, bleibt das Thema weitgehend tabu. Betroffene haben Angst davor, sich zu äußern, Nachbarn und Familienmitglieder sagen nichts, weil sie sich nicht in die Beziehung eines Paares einmischen wollen. Es herrscht große Geheimhaltung. Ich wollte es nicht angehen wie irgendein tagesaktuelles Thema. Wie bereits in AVANT QUE DE TOUT PERDRE wollte ich das öffentliche Bewusstsein für diese Krise durch die Macht des Kinos stärken. Jener Macht, die mich schon immer fasziniert hat, der von Hitchcock, Haneke oder Chabrol. Die Art von Kino, das den Zuschauer einbezieht, in dem mit seiner Intelligenz und seinen Nerven gespielt wird.
 
Es können auch DIE NACHT DES JÄGERS von Charles Laughton und SHINING von Stanley Kubrick als Ihre Hauptinspirationsquellen für die Annäherung an das Thema genannt werden.
Drei Filme begleiteten mich während des Schreibens: KRAMER GEGEN KRAMER, DIE NACHT DES JÄGERS und SHINING. Ich vergaß sie dann während des Drehens, aber sie halfen mir die Themen, die ich angehen wollte, zu reflektieren und die Stimmung und Atmosphäre zu finden, durch die sich meine Charaktere bewegen. KRAMER GEGEN KRAMER ist ein Film über Elternrechte, der eine große Wirkung auf mich hatte. Zum ersten Mal sieht man eine Frau, die das alleinige Sorgerecht für ihr Kind aufgibt. Er zeigt den Schmerz der Trennung mit furchtbarer Schärfe. DIE NACHT DES JÄGERS illustriert wie kompromisslos eine Person mit Kindern umgehen kann. SHINING inspirierte mich zum letzten Teil meines Films in Bezug auf den Wahnsinn, die Isolation und den Terror. Häusliche Gewalt kann zu purem Horror führen, und das wollte ich zeigen.
 
Wie verwendeten Sie in Ihrem Film verschiedene Genres oder kinematografische Codes – Realismus, Sozialdrama, Spannung, Thriller – und arbeiteten mit ihnen?
Zunächst habe ich sehr viel recherchiert. Ich begleitete die Arbeit eines Richters am Familiengericht, befragte Anwälte, Polizisten, Sozialarbeiter und nahm sogar an Gruppentherapie-Sitzungen für gewalttätige Männer teil. Solch ein sensibles Thema verlangt, dass man der Realität so nah wie möglich kommt, ohne dass man dabei einen Dokumentarfilm macht oder ein Sozialdrama, das letztendlich nur die Geschichte eines tragischen Vorfalls erzählen würde. Indem sich der Standpunkt der Geschichte wendet, war ich in der Lage, die Spannung im Alltäglichen herauszustellen. Ich habe eine dramatischen Zugang gewählt, der uns einem 'Helden', Antoine, folgen lässt, aber aus Sicht der verschiedenen Hürden, die er nehmen muss, um seine Ziele zu erreichen: die Richterin, sein Sohn und seine Ex-Frau. So erlebt der Zuschauer in Echtzeit die Zweifel der Richterin, den Druck auf das Kind und den Terror der gejagten Frau. Ich wollte eine politische und universelle Lesart des Themas liefern. Das Publikum dagegen sollte in die Geschichte des Genre-Kinos (das eines Monsters, das seine Beute sucht) eintauchen, in dem die Ungewissheit und Spannung die Erzählung anreichern.
 
Für Ihren ersten Langfilm haben Sie einige recht mutige Entscheidungen bei der Regiearbeit getroffen, insbesondere beim Ton.
Ja, es gibt praktisch keine Musik im Film. Die Spannung entsteht durch die Verwendung alltäglicher Geräusche – das Echo in einer Wohnung, der Blinker eines Autos, der Zeiger einer Uhr, ein Alarm. Ich habe darüber schon früh nachgedacht, die dramatischen Einsätze des Tons waren schon im Drehbuch. Ich versuche nicht, die Erzählung mit Fantasieelementen anzureichern, sondern die Geräusche einer angsteinflößenden Realität einzufangen. Dasselbe gilt für die Regie. Ich suche nicht nach spektakulären Effekten, sondern verwende lieber die Wiederholung von Einstellungen, an Orten, die mehrfach besucht werden, um ein Gefühl von Vertrautheit zu erzeugen und auch des Eingesperrtseins, um das Gefühl zu vermitteln, dass wir uns in eine furchtbare Spirale begeben.
 
Was hat Sie dazu gebracht, das gleiche Thema in Ihren ersten beiden Filmen zu behandeln?
Ich hatte NACH DEM URTEIL bereits im Kopf, als ich an AVANT QUE DE TOUT PERDRE arbeitete. Es ist ein Thema, das mich als Mitbürger tangiert und mit dem sich ohne Zweifel unzureichend befasst wird. Mit meinem Kurzfilm bin ich durch ganz Frankreich und auch ins Ausland gereist, wo er in Schulen als Ausgangspunkt für Gespräche und zur Bildung junger Menschen zu diesem Thema gezeigt wurde. Ich wollte weiterhin das Wesen dieser Gewalt erforschen, die männliche Dominanz in Beziehungen, den Irrsinn von Besitzgier und die Verbrechen, die in Familien stattfinden. Ich wollte außerdem mehr über die Unterscheidung von Ehepaar und Elternpaar erfahren. Ist ein gewalttätiger, unpassender Partner zwangsläufig auch ein schlechtes Elternteil? Wie kann das entschieden werden? Wie kann das beurteilt werden? Ich habe mich ausführlich dem Thema gewidmet. Ich habe auch eine Familienrichterin getroffen und ihre Arbeit begleitet. 
 
Der Film beginnt beinahe im Stile eines Dokumentarfilms, mit einer fesselnden realistischen Szene, in der das Paar vor Gericht steht.
Man muss verstehen, dass diese Anhörungen nur sehr kurz sind – etwa 20 Minuten, in denen über die Zukunft der Kinder entschieden wird. Das Justizsystem betrachtet es so, dass die Verbindung zum Kind nicht abgebrochen werden muss, wenn die Gewalt auf ein Elternteil und nicht auf das Kind zielt. Dennoch ist das eine extrem komplexe Frage. Auch wenn das Kind ein legitimes Bedürfnis hat, mit beiden Eltern aufzuwachsen, kann es zum Mittel der Druckausübung werden, ein Instrument für den Partner, der zurückgewiesen wurde und der den anderen nicht mehr erreichen kann. Ein Richter kümmert sich am Tag um etwa 20 Fälle.
Er oder sie hat nur wenige Minuten, um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen und um Sorge zu tragen, dass das Gesetz respektiert wird. Dabei sehen sie sich mit sehr fragilen Menschen konfrontiert, die oft eine Rolle spielen, und mit Anwälten, die mehr oder weniger kompetent sind. Ich habe versucht, die Anspannung und emotionale Last dieses Moments einzufangen, indem ich in der Intensität von Echtzeit gedreht habe und indem ich den Zuschauer auf den Platz des Richters setze. Die Parteien sind gleichgestellt und werden von ihrem jeweiligen Anwalt vertreten. Wem glaubt das Publikum? Was entfaltet sich da vor ihren Augen? Für welche Argumente sind sie anfällig? Der Zuschauer wird in Ungewissheit gelassen und muss sich entscheiden. Der Film zeigt, was danach passiert, was der Richter niemals sehen wird.
 
Die Darsteller fangen diese Zerbrechlichkeit und emotionale Last auf brillante Art und Weise ein. Wie haben Sie sie ausgewählt und angeleitet?
Schon beim Schreiben hatte ich Léa Drucker im Kopf. Für mich ist sie dem Charakter der Miriam sehr ähnlich, mit ihrer Mischung aus Stärke und Zerbrechlichkeit. Miriam ist eine Frau, die durch den Sturm gegangen ist und ihr Leben wieder neu aufbauen muss. Léa hat bereits vor Drehbeginn viel an der Rolle gearbeitet. Ich gab gar nicht viel psychologische Anleitung. Ich bestand lediglich darauf, dass sie an keiner Stelle das Opfer spielen sollte. Ich hatte sie in einem Kurzfilm gesehen, in dem sie in einer sehr liebevollen Beziehung mit Denis Ménochet stand. Wie ich finde, ist auch er ein exzellenter Schauspieler. Ich wollte die beiden in einer anderen Situation sehen, in einer anderen Phase der Liebe. Mit Denis habe ich am Set viel gearbeitet. Wir sprachen über jedes noch so kleine Detail. Es ist eine schwere Rolle, in der er mit Gewalt, Manipulation und der düsteren Seite fertigwerden muss, ohne dass das Publikum die Verbindung zu ihm verliert, ihn abweist und sich weigert, ihn zu verstehen. Er musste sich in einen unglücklichen Mann hineinversetzen, verstrickt in einem inneren Konflikt, der versucht geliebt zu werden, aber die Augen vor der Wahrheit verschließt. Denis Ménochet ist herausragend in dieser Rolle. Er vereint diese Kombination von robuster Männlichkeit und Kindheitsschmerz.

Sowohl Julien als auch seine Schwester spielen wichtige Rollen in Ihrem Film, die verlangen, viele Emotionen mit nur wenigen Worten auszudrücken. In welcher Weise ist für Sie die Kinderperspektive, vor allem Juliens, essentiell für den Film?
Die Kinder haben nur wenig Dialog, weil genau das die Essenz des Themas ist: In Fällen häuslicher Gewalt werden die Stimmen der Kinder kaum gehört. Und wenn sie sprechen dürfen, wird ihnen oft nicht zugehört. Die Geschichte beginnt mit der Richterin, die Juliens Aussage vorliest. Diese Eröffnungsszene bündelt das zentrale Thema des Films: Die eheliche Beziehung und das Handeln als Eltern. Julien steht als Jüngster im Zentrum des Konflikts. Üblicherweise gibt es zwei unterschiedliche Entwicklungen bei Jungen, die in einem Klima häuslicher Gewalt aufwachsen: Entweder reproduzieren sie diese Gewalt oder sie entwickeln ein Syndrom erhöhter Wachsamkeit, um jederzeit entgegenzuwirken. Julien fällt in die zweite Kategorie. Er ist permanent alarmiert und benutzt seine bescheidenen Mittel, um seine Mutter zu schützen. Seine Schwester Joséphine hingegen wartet, bis sie erwachsen ist. Sie wurde ebenfalls in diesem Klima von Gewalt großgezogen und entwickelt ein für Teenagerinnen charakteristisches Verhalten: Sie flieht vor der Familie, um voreilig eine eigene zu gründen. Durch die Kinder zeige ich die unterschiedlichen Auswirkungen, die häusliche Gewalt innerhalb einer Familie auf 'transgenerationale' Weise haben kann. Joséphine reproduziert ein Familienmuster und wird selbst eine junge Mutter genau wie ihre eigene seinerzeit. Man kann sich sogar vorstellen, dass ihre Großmutter dieses Phänomen bereits begonnen hat. Mehrere Generationen, die anscheinend der elterlichen Autorität entfliehen, indem sie selbst so früh wie möglich Mütter werden.
 
Wie haben Sie mit diesen jungen Darstellern in der Vorbereitung und während des Drehs gearbeitet?
Bei der Arbeit mit Thomas Gioria und Mathilde Auneveux musste ich unterschiedliche Wege gehen. Bei Thomas, für den es seine erste Schauspielerfahrung war, war es mir sehr wichtig, dass er die Realität von Schauspielarbeit begriff und dass er zwischen Realität und Fiktion unterschied – vor allem da seine Rolle sehr schwierig ist und sein Charakter durch einige Extremsituationen geht. Vom Casting bis hin zum Dreh unterstützte ihn Amour Rawyler, ein Experte im Kindercoaching, um die Aufgaben, mit denen er während des Drehs konfrontiert war, zu bewältigen. Thomas hat für sein Alter eine sehr seltene Qualität, die darin besteht, wie er zuhört. Mit 'zuhören' meine ich seine Präsenz, die Art seinem Gegenüber genau zuzuhören. Dabei spricht Thomas mit seinen Augen.  Unsere Aufgabe gemeinsam mit dem Coach bestand darin, diese Qualitäten herauszukitzeln, ohne die Spontanität, die bei jungen Darstellern so kostbar ist, zu verlieren. Bei Mathilde, die Joséphine spielt, war es hauptsächlich eine Frage der Proben. Denn die Szenen, in denen sie zu sehen ist, waren technisch schwierige One-Takes, die entsprechend hohe Präzision verlangten, wie die Szene an ihrem Geburtstag. Sie musste ihre Abläufe so genau wie möglich kennen, um frei zu spielen trotz der vielen Beschränkungen.
 
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