Musik
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Inhaltsverzeichnis
Marcin Wasilewski Trio „Live“

1

Botticelli Baby „Junk“

2

Mark Turner & Ethan Iverson „Temporary Kings“

3

Ohrenglück 46: Günter Baby Sommer & Till Brönner: Baby’s Party

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Erland Dahlen „Clocks“

5

Salomea „Salomea“

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Freitag 14.09.2018
Marcin Wasilewski Trio „Live“
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In der an Einzelindividuen reichen, historisch gesehen mutigen und musikalisch seit Jahrzehnten überzeugenden polnischen Jazzszene sind Marcin Wasilewski und sein Trio so etwas wie das Bindeglied zwischen den Generationen. Mit dem erst vor wenigen Wochen verstorbenen Trompeter Tomasz Stanko erhielten sie 2001 ihren auch internationalen Ritterschlag.
Drei Jahre später konnte das Trio sein erstes Album für ECM München einspielen. Besonders hier zeigte sich der weite musikalische Horizont der drei Jugendfreunde. Die Formation vereinigte in ihrem Spiel von Beginn an die befreite wie befreiende Aufbruchstimmung des Jazz der 1960er und 1970er Jahre im Ostblock, verbunden mit der klassischen Tradition eines Frédéric Chopin, slawischer Folklore, sowie der swingenden Geläufigkeit transatlantischer Vorbilder. Das Ergebnis dieser Herangehensweise ist musikalisch ebenso herausfordernd, wie melodisch eingängig, ästhetisch bedeutsam und erfrischend umgesetzt.
Mit „Live“ erscheint nun die mittlerweile fünfte Fortsetzung des ECM-Debüts und vielleicht stärker als auf allen Alben zuvor zeigt sich das Trio melancholisch ausgereift und gruppendynamisch perfekt eingestellt. Ob Stings „Message In A Bottle“, Herbie Hancocks „Actual Proof“ oder die vier eigenen Kompositionen - das Tempo ist schärfer, die Improvisationen geraten risikofreudiger, das musikalische Farbspektrum gestaltet sich demnach abwechslungsreicher. Gelassen hangeln sich die Instrumentalisten von Idee zu Idee, spielen ihre Individualität mit einem gewissen Understatement aber feinsinnig aus, lassen druckvoll an ihren kurzweiligen Improvisationen teilhaben, explodieren auseinander und finden letztendlich zielsicher, fast im Blindflug, wieder zueinander. Das Schwebende, das Nachdenkliche besitzt hier etwas konziliantes, etwas mitreißendes und damit auch etwas befreiend Weltanschauliches. Subtile Musik von den funkensprühenden Randbezirken des Paradieses.
Jörg Konrad

Marcin Wasilewski Trio
„Live“
ECM
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Dienstag 11.09.2018
Botticelli Baby „Junk“
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Etwas musikalisch völlig neues präsentieren BOTICCELLI BABY sicher nicht. Die Frage scheint aber auch im Grunde und überhaupt eher unwichtig. Wichtig hingegen ist, ob das Septett in der Lage ist, mit dieser vogelwilden Mischung aus Swing und Punk, Blues und Balkan, Fusion und Rock`n Roll ein Publikum zu beeindrucken. Und wie es das kann – mustergültig und nachhaltig! Denn wer einmal „Junk“ hört, vergisst diese Band garantiert nicht. Und ihre Live-Auftritte sind zudem legendär!
BOTTICELLI BABY gelingt das seltene Kunststück trotz unglaublicher Präzision und musikalischer Intelligenz wie eine vor Leidenschaft berstende Hinterhofband zu klingen. Jeden ihrer 12 Songs gehen die studierten Musiker mit vollem Risiko an. Hier gibt es kaum einschmeichelnde Balladen, oder gar geschickt kalkulierte Kunstgriffe. Handgemacht von Null auf Hundert – so beginnt fast jede ihrer Nummern. Für nichts sind sich die Glorreichen Sieben dabei zu schade. Die Rhythmusgruppe rollt und groovt und swingt. Der Bläsersatz schmettert die scharfen Tuttis im Staccato in den Äther und Marlon Bösherz knört und schreit und raunzt die Texte, als gelte es, der sowieso schon energiegeladenen Musik noch eine Steigerung zu verpassen. Hier ist eine Band am Werk, keine Solisten - auch wenn sie einzeln das Zeug dazu hätten. Bei aller Virtuosität wirkt alles was BOTTICELLI BABY spielen, trotz traditioneller Verweise, erfrischend originell, transparent, ja fast anarchisch und zu einhundert Prozent tanzbodentauglich. Gefälliger Mainstream geht anders. Musik aus allen Himmelsrichtungen – für alle Himmelsrichtungen. Veranstalter hingehört!
Jörg Konrad

Botticelli Baby
„Junk“
Unique
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Donnerstag 06.09.2018
Mark Turner & Ethan Iverson „Temporary Kings“
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Das Duo ist, zumindest was die Besetzung betrifft, das kleinste anzutreffende Orchester schlechthin. Und wie kaum eine andere Formation lebt dieses klangliche Gebilde sowohl von der Individualität der Beteiligten, als auch von deren Möglichkeit und Bereitschaft zum musikalischen Austausch. Man könnte fragen, je größer die Amplitude, desto spannender das Ergebnis? Jein, möchte man antworten. Denn neben Gegensätzlichem und Andersartigkeit sollte es schon einiges an Verbindendem geben. Mark Turner und Ethan Iverson, die mit „Temporary Kings“ ihr Debüt als Duo abgeben, kennen sich schon einige Jahre. Und der Grund, ein Album miteinander aufzunehmen, entspringt häufigem gemeinsamen Spiel.
Im Schweizerischen Lugano haben sich im Sommer des letzten Jahres der Saxophonist Turner und der Pianist Iverson nun getroffen, um das vorliegende kammermusikalische Kleinod einzuspielen. Beide zelebrieren auf allen neun Kompositionen einen wunderbar eleganten Dialog. Mit souveräner Gelassenheit bewegen sie sich zwischen den notierten Texturen, finden Übergänge und Abgrenzungen, spielen süffisant und unendlich cool. Ihre Musik hat Tiefe, leuchtet in suggestiver Schönheit und geistiger Innigkeit. Auch in den stillen, den lyrischen Momenten spürt man eine große Intensität und eine Vollkommenheit, die aber auch gar nichts mit Perfektion zu tun hat. Das Album lebt von der hohen Kunst der Konversation und einem Gespür für berührende Intelligenz.
Jörg Konrad

Mark Turner & Ethan Iverson
„Temporary Kings“
ECM
Autor: Siehe Artikel
Samstag 25.08.2018
Ohrenglück 46: Günter Baby Sommer & Till Brönner: Baby’s Party
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Der eine: ein großer Individualist unter den Schlagzeugern, Überlebender der DDR-Szene, Freejazzer der ersten Generation, trommelte auf mehr als 100 Alben, spielte mit Ost-Formationen wie Synopsis und Zentralquartett, trat mit Peter Brötzmann und Evan Parker auf, machte das Schlagzeug zum freien Solo-Instrument auch bei Hörspielen und Literatur-Lesungen. 

Der andere: ein eleganter Mainstream-Trompeter, fast 30 Jahre jünger als sein Partner, im Rheinland aufgewachsen, ein Popstar unter den Jazzern, kam mit zehn seiner Alben in die deutschen Charts, ist daneben Pop-Produzent und TV-Juror, einer der wenigen international bekannten Jazzmusiker aus Deutschland, häufig als „Jazz-Yuppie“ verdächtigt.

Zwei verschiedene Generationen, zwei verschiedene Sozialisationen, zwei verschiedene Jazzwelten – wie sollen diese beiden Musiker denn zusammenpassen? – Interessanterweise spielen Günter Baby Sommer und Till Brönner seit fast einem Jahrzehnt schon im Duo. Längst haben sie eine Ebene der musikalischen Verständigung gefunden, auf der biografische Unterschiede gegenstandslos werden. Die beiden spielen frei, sie spielen rhythmisch, sie spielen Themen, sie spielen hymnisch oder groovig, balladenhaft oder tänzerisch, sie provozieren einander, sie gehen spontan aufeinander ein.

Sommer mobilisiert dabei nicht nur seine Trommeln und Becken, er kapriziert sich mal auf die Jazzbesen, dann wieder auf Gongs oder Schlitztrommeln, zaubert sogar Küchengerät oder eine Maultrommel aus der Tasche. Ungebunden fantasiert er auf dem Schlagzeug – oder er legt großartige Rhythmen vor, die aus allen Gegenden der Welt zu kommen scheinen. Und Brönner spielt, wie man ihn selten gehört hat: ohne harmonische Zwänge, rhythmusbetont und aus dem Augenblick heraus, setzt auch Dämpfer und Flügelhorn ein, ein deutscher Lester Bowie oder Tomasz Stanko, dabei aber mit einer technischen Sicherheit, die freien Trompetern sonst selten zur Verfügung steht.

Wie diese beiden, Sommer und Brönner, aufeinander reagieren, wie sie sich zusammenfinden, sich auch wieder trennen – wie sie sich hinreißen lassen zu neuen Tönen, sich aneinander steigern und reiben, wie sie einander anspornen oder einzeln vorpreschen – das ist es, worum es im Jazz geht.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Günter Baby Sommer
"Baby’s Party"
Guest: Till Brönner
Intakt Records

Foto Sommer/Brönner von Tobias Sommer
Autor: Siehe Artikel
Freitag 17.08.2018
Erland Dahlen „Clocks“
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Erland Dahlen ist kein Schlagzeuger, der in kurzen Taktpausen mit virtuosen Breaks zu glänzen versucht, oder der ein Solo wie ein gewaltiges Donnerwetter klingen läßt. Dem Norweger ist es immer ein hörbares Anliegen, die Musik, die er spielt, in einem ständig pulsierenden Fluss zu halten, rhythmisch bereichernd die Grundidee eines Stückes zu tragen oder zu ergänzen, auf jeden Fall mitzugestalten. Egal ob als Sideman (Eivind Aarset, Mathias Eick, Arve Henriksen, Jon Balke uva.), oder als Solist. Im Oktober des letzten Jahres ist sein bisher drittes eigenes Album bei dem kleinen aber feinen norwegischen Label Hubro erschienen. „Clocks“ ist dabei weitaus mehr, als ein reines Schlagzeugalbum. Dahlen ist zugleich Gitarrist, Keyboarder, Elektroniker und natürlich auch Komponist aller sechs Songs.
Es sind dichte, dunkel eingefärbte Soundsymphonien, die hier akustisch in Szene gesetzt sind. Weit ausholende Geschichten, eingebettet in beschwörende Landschafts- und Stimmungsbilder, die erzählt werden. Dahlen gelingt es, akustische und elektronische Instrumente in ein berauschendes Verhältnis zu setzen. Die rhythmischen Verstrebungen halten den Spirit auf „Clocks“ zusammen, packende (oft sparsame) Trommelrituale bilden das Grundmuster, Schiffsglocken und Gongs zeichnen einen hellen Rahmen des Lichts und die „singende Säge“ ist wie eine tiefe Verbeugung vor der großen kulturellen Tradition Skandinaviens. Eine rhythmische Karawane, die auf „Clocks“ geschlossen durch tönendes Terrain zieht, wobei die sechs Songs nicht durch eine filigrane Umsetzung, sondern durch eine Art subversiven Schub und inspirierter Komplexität berühren. Überwältigend kraftvoll und wunderbar lyrisch.
Jörg Konrad


Erland Dahlen
„Clocks“
Hubro

Autor: Siehe Artikel
Dienstag 07.08.2018
Salomea „Salomea“
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Musik als Kompensation und Fluchtproviant – so ähnlich begann vor einigen Jahren die Rezension von Peter Rüedi über das gerade erschienene Album eines Schweizer Trios in der „Zürcher Weltwoche“. Der Text gipfelt in der Behauptung „Diese CD ist eine Zumutung. Sie erspart uns nichts, und eben das macht sie glaubwürdig.“
So könnte man auch das Debüt des Kölner Quartetts Salomea einleiten. Ansteckende Frische und begeisterndes Risiko legt diese Band um die deutsche-amerikanische Sängerin, Komponistin und Texterin Rebekka Salomea an den Tag. Musik, die einfach nur schwindelnd machen. Ideen und deren Umsetzung wie aus einem anderen Universum. Im Grunde handelt es sich … ja, um was genau: Es ist Pop und doch kein Pop, es ist Jazz und doch kein Jazz, es ist Electro und doch kein Electro. Die Wirkung ist hypnotisch und strahlt trotzdem eine erschlagende Bodenständigkeit aus. Hochintelligent und emotional berührend. Die Formation bewegt sich zwischen Extremen und schafft eine bemerkenswerte Balance. Treibende Grooves und gebrochene Rhythmen, Popharmonien und expressive Saxophon-Soli (Niels Klein), sorglos wirkende Melodien und hochkomplexe Kompositionsstrukturen. Dem stilistischen Reinheitsgebot wird man so (zum Glück) nicht gerecht. Es ist einerseits Tanzmusik und gleichzeitig war die Formation beim legendären Avantgarde-Festival zu Pfingsten in Moers erfolgreich. Traditionalismus in einem völlig neuen, exotischen Kontext. Konfrontation als Klanginhalt, Ruhelosigkeit als Grundprinzip. Und berührende Poesie hat Salomea auch noch zu bieten.
Jörg Konrad


Salomea
„Salomea“
KLAENGrecords
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.