Musik
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Inhaltsverzeichnis
Karl Seglem „Nunatak – Eine Erzählung“ & „Hopp (And...

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OHRENGLÜCK 48: Violaine Cochard & Édouard Ferlet "Plucked ’n Dance"

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Molass „Green Sky“

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Dhafer Youssef „Sounds Of Mirror“

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OHRENGLÜCK 47: Tom Bourgeois "Murmures"

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Ayça Miraç „Lazjazz“

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Dienstag 06.11.2018
Karl Seglem „Nunatak – Eine Erzählung“ & „Hopp (And Smile) / Monster Jazz“
In den letzten Jahren wird wieder einmal lautstark diskutiert, ob denn politische Statements, oder ganz persönliche Haltungen und Überzeugungen in der Musik im allgemeinen und speziell im Jazz etwas zu suchen haben. Das erinnert stark an die Auseinandersetzungen in den 1960er Jahre, als, bis auf wenige Ausnahmen, diese Dinge einfach zusammengehörten. Nun also auch heute: Darf oder muss Musik Stellung beziehen? Sollten sich ihre Akteure vom politischen Tagesgeschehen inspirieren lassen, oder sollte es gar ihr Anliegen sein, gesellschaftliche Prozesse mit ihrer Kunst zu beeinflussen?
Karl Seglem gibt auf diese Frage seine ganz persönliche Antwort. Der norwegische Saxophonist und Ziegenhornbläser hat dieser Tage zwei Alben vorgelegt, die einerseits seine Liebe zur Musik verdeutlichen und gleichzeitig seine Sorge um den Zustand dieser Welt zum Ausdruck bringen - ohne dabei in Betroffenheitsritualen zu erstarren.
An „Nunatak – Eine Erzählung“ hat Seglem drei Jahre gearbeitet. Grundlage für dieses intensive Album ist die für alle Menschen spürbare Klimaveränderung, als Ergebnis einer nie dagewesenen Umweltverschmutzung. „Die Meere auf der ganzen Welt ersticken an Plastik. Die Polkappen schmelzen. Der Planet wird wärmer. Das alles hat Auswirkungen auf meinen Lebensstil und meine Lebensphilosophie. Auf meine kreativen Kräfte und meinen Glauben. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Was kann ich anders als recyceln, weniger kaufen, aufhören, Essen wegzuwerfen, aufhören zu fliegen?“, fragt er in einem Interview. Nun, er spielt mit seiner Musik gegen diesen Zustand an, macht aufmerksam, sensibilisiert für diese Themen. Das klingt provozierend und poetisch, energiegeladen und berührend still, virtuos und auch wieder ganz bescheiden. Es sind Gegensätze, die der 57jährige mit seiner großartig aufspielenden Band vereint, instrumental als auch mental. Akustische und elektronische Instrumentierung, traditionelle nordische Folklore und urbaner zeitgenössischer Jazz – alles gehört eben in den musikalischen Kosmos des Norwegers.
So auch Musik für Kinder. Für die hat sich Seglem mit dem Schweizer Pianisten Christoph Stiefel und einer kleinen Band zusammengetan. Der Saxophonist gibt schon seit über 20 Jahren Konzerte in norwegischen Schulen. Was er hier im reinen Jazzkontext versucht, ist der spielerische Umgang mit Musik in seinen unterschiedlichsten Formen. Es wird lustvoll improvisiert, Melodien bekommen immer wieder neue Wendungen, Rhythmen wechseln, das Ernsthafte besitzt in dieser Musik einen humorvollen und manchmal schon kindhaften Unterton. Die Texte, sehr erfrischend von Jullie Hjetland Jensen vorgetragen, entstammen einer Erzählung von Karl Seglem selbst.
Wer wissen möchte, wie Karl Seglem & Band Live klingt: Am 15. November ist das Sextett Gast der Reihe JAZZ AROUND THE WORLD im Puchheimer Kulturcentrum PUC. Beginn: 20.00 Uhr. Sehr empfehlenswert!
Jörg Konrad

Karl Seglem
„Nunatak – Eine Erzählung“
Galileo

Karl Seglem & Christoph Stiefel Group
„Hopp (And Smile) / Monster Jazz“
Challenge
Autor: Siehe Artikel
Freitag 02.11.2018
OHRENGLÜCK 48: Violaine Cochard & Édouard Ferlet "Plucked ’n Dance"
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Der melodische Kern dieser Stücke kommt aus der Klassik – Purcell, Rameau, Satie, Bartók, Mussorgsky –, doch improvisiert wird mit allen Finessen des Jazz. Tänzerische Inspirationen – Höfisches neben Türkischem, Balkan neben Flamenco – verleihen der Musik ihren rhythmischen Nachdruck. Die perkussive Kraft der Tasten – Cembalo und Klavier – erzeugt sogar eine fast rockige Power, und die Verwicklungen dieser Duette führen auch in prickelnde, modernistische Dissonanzen hinein.

Kurzum: Wer dieses Album hört, kann alles auf einmal genießen. Klassische Anmut und rockende Motorik, jazzige Einfälle, wütende Tanzmusizierlust und atonale Kanten.

„Wir durchqueren die Zeit vom 13. bis zum 21. Jahrhundert, ohne jedoch festzulegen, in welcher Zeit wir genau sind“, sagt Édouard Ferlet. Die Zeit, das Genre, der Ort – in dieser überschäumenden Virtuosität verschwimmen die Grenzen. Violaine Cochard, die Cembalistin, ist Barock-Expertin, Kammermusikerin, Dirigentin. Édouard Ferlet, der Pianist, ist Jazzmusiker, Improvisator, Komponist. Die seltene Kombination ihrer beider Instrumente schlägt Brücken zwischen Barock, Romantik, Jazz und pulsierender Gegenwart. Alle 13 Stücke sind Kompositionen von Ferlet, den klassischen Vorlagen nachempfunden, aber in ganz neue Klang-Wirklichkeiten vordringend. Rameau im Fünfvierteltakt, Bartók mit zusätzlichen Klanghärten, ekstatische Tasten-Abenteuer.

Nach „Bach Plucked / Unplucked“ (2015) ist „Plucked ’n Dance“ das zweite Album des unerschrockenen Duos aus Frankreich. In vielen gemeinsamen Konzerten haben sie gelernt, maximal mutig und grenzenlos zu agieren. Die Bach-Cembalistin improvisiert mit Verve, der Jazzpianist findet zu neuer Subtilität. Bizarre Muster, treibende Rhythmen, spontane Interaktion. Ein Jungbrunnen für die Ohren.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Violaine Cochard & Édouard Ferlet
Plucked ’n Dance
Alpha-Classics
Autor: Siehe Artikel
Samstag 20.10.2018
Molass „Green Sky“
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Bisher sind Molass ein lokales Ereignis. Aber das dürfte sich ändern – spätestens mit diesem, ihrem ersten regulärem Album „Green Sky“. Denn das ist eine Offenbarung an treibenden Grooves und melodischem Raffinement, an souligen Koordinaten und sprudelnden Improvisationen. In den vorliegenden elf Songs wechseln die Befindlichkeiten, findet hymnische Heiterkeit ebenso Raum, wie melancholische Tagträumereien. Musik voller Ideen und ansteckender Spontanität. Hochkomplex was die Kompositionstechniken und die Arrangements angehen, klingt das Album auf angenehme Art eingängig und vollkommen logisch. Statt nach intellektuellen Muskelspielen klingt „Green Sky“ wie eine ideale musikalische Zustandsbeschreibung unserer Welt – aus dem Fundus einer gut informierten, mutigen und doch wiederum sehr sinnlichen Band. 
Hinter dem dynamischen Orkan, den Molass mit scheinbarer Leichtigkeit entfacht, steht ein Quartett von Besessenen. 2017 in Köln gegründet verbinden Marissa Möller (Gesang und Komponistin),  Jan Lammert (Keyboards, Komposition, Arrangement), Felix Hecker (Bass) und Lambert Windges (Schlagzeug) neben ihrer instrumentalen Leidenschaft eine spürbare Lust, neue musikalische Wege auszuprobieren. Und auch wenn Marissa Möller mit ihrer ambitionierten, packend temperamentvollen und glühend kantigen Stimme häufig die Szenerie der einzelnen Songs bestimmt, ist „Green Sky“ ein Gemeinschaftswerk der Band. Hier greifen die einzelnen instrumentalen Räder differenziert ineinander und schaffen letztendlich gemeinsam diese mitreißende, mit etlichen Spannungsfeldern angereicherte Atmosphäre. Wie gesagt: Mit Molass gibt es Neues zu entdecken – weil die Band eben ein überregionales Ereignis ist. Versprochen.
Jörg Konrad

Molass
„Green Sky“
www.molass.de

Zu beziehen über:
info@molass.de 
sowie über sämtliche Download Portale
Autor: Siehe Artikel
Samstag 13.10.2018
Dhafer Youssef „Sounds Of Mirror“
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Auf „Sounds Of Mirror“ entsteht eine tatsächliche Symbiose. Vier Musiker steigen über ihre jeweiligen ethnischen Grenzen und finden, trotz völlig unterschiedlicher Herkunft, einen gemeinsamen musikalischen Ausdruck. Ihrer individuellen Offenheit verdanken sie es, dass die Musik zum Licht strebt, aufblüht und sich zu etwas starkem Neuem entwickelt. So verschmelzen unterschiedliche Kulturen und es entstehen auf dem Boden selbstbewusster und vorurteilsfreier Herangehensweisen sinnliche Klangabenteuer mit eigenen Erfahrungswerten, ja fast in einer eigenen Sprache.
Ideengeber dieser Aufnahme, Komponist und Oud-Virtuose ist der 51jährige Dhafer Youssef, geboren in Téboulba, einer kleinen Stadt in der Sahel-Region im nordafrikanischen Tunesiens. 1989 wanderte er nach Österreich aus und lebt seit 2002 in Paris. Zakir Hussain stammt aus Indien und gehört zu den großen Perkussionisten sowohl seiner Heimat, als auch auf dem internationalen Parkett des Jazz. Eivin Aarset spielt Gitarre und kommt aus dem kühlen Norden Europas, aus Norwegen. Musikalisch hat er sich in der Vergangenheit zwischen hartem Rock und elektronischen Klangflächen bewegt. Und dann wäre da noch Hüsnü Şenlendirici, ein türkischer Klarinettist, der aus eine traditionsreichen Musikerfamilie stammt und problemlos zwischen orientalischem Pop und westlichem Jazz pendelt.
Zusammen spielen die Vier transzendiente Musik, deren melancholische Abgründe gefangen nehmen. Melodien, die so schön und so zart sind, als kämen sie direkt aus dem Herzen der Welt. Keine unverbindliche Weltverbesserungsmusik, oder diffuser Crossover, wie er heute immer wieder in den glänzenden und stark subventionierten Musentempeln der Hochkultur vermarktet wird. Diese Musik hat Substanz, könnte auch von der Straße kommen, oder zumindest dort entstanden sein. Die virtuosen Improvisationen überwältigen nicht durch atemberaubende Geschwindigkeit, sondern aufgrund ihrer stimmigen Atmosphäre. Hier greift ein (Instrumental-) Rad ins andere, bringt eine aufrichtige Idee ins Laufen, in deren Fluss man allzugerne eintauchen möchte. Ein überzeugendes Resultat seelenverwandter Weltbürger in Zeiten grässlicher Nationalismen.
Jörg Konrad


Dhafer Youssef
„Sounds Of Mirror“
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Freitag 05.10.2018
OHRENGLÜCK 47: Tom Bourgeois "Murmures"
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Diese Musik kommt einem ganz nahe. Vier Stimmen sind es nur: Saxofon (oder Bassklarinette), Akkordeon, elektrische Gitarre – und als vierte eine menschliche Stimme, die des Sängers Loïs Le Van. Kein Schlagzeug, kein Bass, kein Klavier legen sich dazwischen. Für diese ungewöhnliche Besetzung hat Tom Bourgeois, der Holzbläser im Quartett, auch eine ganz ungewöhnliche Musik geschrieben. Es sind dunkle, langsame, melancholische Stücke zwischen Jazzballade und Kammermusik. Sehr eigen, sehr anrührend, sehr wesentlich.

Diese Musik tönt zerbrechlich und stark, schlicht und sinnlich zugleich. Sie ist harmonisch clever, kennt freie Ausreißer, schwärmerische Improvisationen und kontrapunktische Verflechtungen. Der Gesang, auf Englisch oder Französisch, dominiert nicht, sondern ist Teil des musikalischen Gewebes. In einigen Stücken setzt der Sänger auch aus, in manchen sind Saxofon und Akkordeon sogar allein zu zweit. Die Stücke der ersten CD (55 Min.) klingen durchweg nackt, ohne naiv zu sein. Sie prickeln kräftig auf der Haut. Sie ziehen Furchen durch die Seele. Manchmal erinnern sie an psychedelische Rockballaden, manchmal an ein Streichquartett.

Und das ist das Stichwort für die zweite CD (34 Min.) des Doppelpacks. Als wäre Bourgeois’ Musik nicht ungewöhnlich und verblüffend genug, schlägt sie hier noch einmal einen ganz unerwarteten Haken. Denn der Belgier bearbeitete für seine sonore, essenzielle Band nichts Geringeres als das einzige Streichquartett von Maurice Ravel aus dem Jahr 1903. Ein Werk, von dem der Komponist einmal sagte, es solle klingen „wie ein Saxofon“. Nun klingt es wie Saxofon, Akkordeon, E-Gitarre und Gesang – ungeschützt, berauschend, sehr physisch. Das wird streckenweise beinahe zu progressiver Rockmusik, nur ohne Schlagzeug, dafür mit fantasievoller Improvisation. Ein kleines Wunder.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Tom Bourgeois
"Murmures"
Neuklang
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Dienstag 25.09.2018
Ayça Miraç „Lazjazz“
Die Musik der Sängerin Ayça Miraç ist reich an fernen kulturellen Einflüssen. Von manchen Ethnien, bzw. zivilisatorischen Quellen wissen wir nicht einmal dass es diese überhaupt gibt, geschweige, wo diese exotischen Lebensräume geographisch liegen. Da wären zum Beispiel die Megrelier, ein kaukasisches Volk, das am südwestlichen Ufer des Schwarzmeeres lebt und heute zu Georgien gehört. Oder die Kultur der Lasen, eine zwischen Georgien und der Türkei eingebettete Region, deren Bewohner auch die Schwarzmeer-Ureinwohner genannt werden. Ayça Miraç hat die Kultur und hier speziell die Volkslieder und die als bedroht eingestufte Sprache dieser Landstriche aufgrund familiärer Bezüge verinnerlicht. Hinzu kommen bei ihr noch Einflüsse aus der klassischen türkischen Musik, eigene Jazzstudien am niederländischen ArtEZ Conservatorium und nicht zuletzt durch ihren brasilianischen Pianisten Henrique Gomide ein winziger Hauch südamerikanische Schwärmerei. Alles zusammen also ein vielfältiges, glanzvolles Mosaik, zusammengehalten auf der Grundlage von Toleranz, Freiheit und Leidenschaft.
Dabei klingt die aus den verschiedenen Provenienzien gespeiste Musik auf „Lazjazz“ völlig vertraut, zusammenhängend und souverän. Das Unerforschte, in der Neuzeit Vernachlässigte genießt hier eine völlig berührende und verzaubernde Ausstrahlung. Vielleicht auch, weil diese Musik nicht als Reminiszenz an untergegangene Kulturen gedacht ist. Sie lebt von der unpathetischen Umsetzung, der Poesie und der eigenständigen Interpretation Ayça Miraç. Diese zeigt den Reichtum gelebter Kulturen, das feine wie vorurteilsfreie Verweben unterschiedlicher Lebensführungen mit einer Stimme, die nicht nur in den Höhen unter die Haut geht. Unvergleichlich nuanciert sprengt sie jeden Rahmen, verbindet höchste Gipfel und dunkelste Meerestiefen – in unangestrengter Intensität. Vokale Hingabe als reinster Naturklang.
Jörg Konrad


Ayça Miraç
„Lazjazz“
Jazzhaus Records
Autor: Siehe Artikel
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