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Inhaltsverzeichnis
JUPITER`s MOON

1

WAS UNS NICHT UMBRINGT

2

LETO

3

TOUCH ME NOT

4

MORITZ DANIEL OPPENHEIM

5

NANOUK

6

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Donnerstag 15.11.2018
JUPITER`s MOON
Ab 22. November 2018 im Kino
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Der junge Syrer Aryan (Zsombor Jéger)  wird beim illegalen Grenzübertritt von Serbien nach Ungarn angeschossen. Noch unter Schock entdeckt der Verwundete, dass er plötzlich durch die Kraft seiner Gedanken schweben kann. Im Flüchtlingslager bekommt der Arzt Dr. Stern (Merab Ninidze) Wind von Aryans übernatürlichen Fähigkeiten. Als er von den Wunderkräften erfährt, wittert er ein lukratives Geschäft. Er will den jungen Mann reichen Patienten als Beispiel einer Wunderheilung verkaufen. Aber ist Aryan in Wirklichkeit nicht vielleicht doch ein Engel oder ein noch höheres Wesen?
Trotz seiner übernatürlichen Elemente spielt der atemberaubende Film vor einem realen politischen Hintergrund – im Ungarn von heute. JUPITER’S MOON ist ein fantastischer Mix aus politischer Parabel und sarkastischem Superhelden-Epos.

Ein Film von KORNÉL MUNDRUCZÓ
Mit MERAB NINIDZE, ZSOMBOR JÉGER, GYÖRGY CSERHALMI u.a.


Kornél Mundruczó verarbeitet in seinem neuesten Kinofilm Erfahrungen, die er anlässlich einer Theaterinstallation in Ungarn machte. Mundruczó, der auch häufiger in Deutschland am Theater inszeniert, wurde vor allem bekannt durch seine 2009 gegründete, eigene unabhängige Theaterkompanie. Die Inszenierungen des international renommierten Proton-Theaters waren bis 2018 auf mehr als 100 Theaterfestivals weltweit zu sehen. Am Hamburger Thalia Theater führte er in der Spielzeit 2017 Regie bei Hauptmanns Stück „Die Weber“. 2017 war Mundruczó mit seiner Inszenierung von „Imitation of Life“ am Theater Oberhausen in der Kategorie Regie Schauspiel für den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ nominiert. Bei der Ruhrtriennale 2018 in Bochum inszenierte Mundruczó „Das Floß der Medusa“ von Hans Werner Henze, und im September setzte er das Projekt „Traumland“ am Luzerner Theater in Szene.
JUPITER’S MOON ist eine Produktion von Proton-Cinema-Produktion in Ko-Produktion mit Match Factory Productions, KNM, ZDF/Arte und Chimney. Produzenten sind Viktória Petrányi, Viola Fügen, Michael Weber, Michel Merkt sowie die Ko-Produzenten Alexander Bohr, Fredrik Zander. Gefördert wurde der Film vom Ungarischen Nationalen Filmfonds  Eurimages, von der Film- und Medienstiftung NRW, der Mitteldeutschen Medienförderung und dem Medienboard Berlin-Brandenburg.



INTERVIEW MIT KORNÉL MUNDRUCZÓ

WAS BEDEUTET DER TITEL?
Einer der Jupiter-Monde, die Galileo entdeckt hat, heißt Europa. Mir lag sehr daran, diesen Film als europäische Geschichte zu erzählen. Sie spielt im krisengebeutelten Europa, und Ungarn ist da nicht ausgenommen. Gleichzeitig möchte ich eine Atmosphäre moderner Science-Fiction vermitteln. Schon als Kind war ich ein Fan dieses Genres, was vielleicht auch schon in meinen früheren Filmen FEHÉR ISTEN (UNDERDOG) oder SZELÍD TEREMTÉS (TENDER SON: DAS FRANKENSTEIN PROJEKT) deutlich wird. Wir spielen dabei auch mit der Vorstellung des Fremdseins. Die Frage ist doch, wer eigentlich der Fremde ist. Es kommt dabei immer auf die Perspektive an. Der Jupiter ist weit genug entfernt, um neue Fragen nach dem Glauben, nach Wundern und dem Anderssein aufzuwerfen.

IST DER FILM FUTURISTISCH, ODER SPIELT ER IN DER GEGENWART?
Die Antwort ist leider, dass dies längst nicht mehr die Zukunft ist. Wir wollten keinen Film über Flüchtende drehen – vielmehr verwenden wir die aktuelle Krise als Kontext dafür, über Wunder nachzudenken. Ursprünglich hatten wir tatsächlich vor, die Handlung in die Zukunft zu verlegen, doch in der Finanzierungsphase holte uns die Realität ein. Lange Zeit diskutierten wir darüber, ob das Thema der Flüchtenden zu aktuell geworden ist, und auch ich tendiere eher dazu, von den ideologischen Geschichten der Gegenwart die Finger zu lassen. Ich glaube eher an das Konzept klassischer Kunst, die sich wie Wasser auf Beton verhält: Steter Tropfen höhlt den Stein und zerbröckelt ihn. Für mich war sachliche und politische Kunst immer eher uninteressant. Als wir also das Drehbuch überarbeiteten, versuchten wir, uns zu distanzieren – in Bezug auf die Story und auch in Bezug auf die Filmsprache.

GINGEN SIE BEI DEM PROJEKT VON DER VORSTELLUNG AUS, DASS MAN FLIEGEN KANN?
In meiner Jugend zählte Alexander Belyaevs Roman Ariel zu meinen Lieblingsbüchern. Darin geht es um einen kleinen Jungen, der fliegen kann. Das muss man sich vorstellen: Ein Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten – und den erstaunlichen Kontrast und die Spannung, die es in seiner Umgebung bewirkt. Als ich älter wurde, beschäftigte ich mich immer intensiver mit dem Problem des Glaubens. Ich habe irgendwie immer angenommen, dass es einen höheren, umfassenden, universellen Glauben gibt, der weiter reicht als der relative Glauben, der von der herrschenden Kultur oder dem historischen Zeitalter vorgegeben ist. Das ist ein Glauben, der wirklich alle Menschen erreichen kann – auch und gerade in einer Zeit, in der wir mit der traditionellen Religion oder mit Gott abzurechnen scheinen. Stattdessen definieren wir uns über Geld und Erfolg, über den omnipräsenten Gott des Populismus und über die sofortige Befriedigung unserer Bedürfnisse. Sicher, wenn man einen fliegenden Menschen in den Mittelpunkt stellt, stellt sich sofort die Frage nach dem Glauben und danach, was ihn möglich macht. Welche Position nehme ich als Zuschauer ein, wenn ich mich in Relation zu den Filmfiguren sehe? Denn jeder reagiert unterschiedlich auf das Problem. Glaube ich als Zuschauer wirklich das, was ich sehe? Die Begegnung mit einem Wunder erfordert einen wachen Geist seitens des Zuschauers und das ist etwas, das ich immer versuche zu erreichen. Klar, es geht im Film um Flüchtende, aber es geht auch um die Suche nach Gott in dem Sinne, dass es Momente gibt, in denen wir mit rätselhaften Dingen konfrontiert werden. Die Figur des Aryan ist im Grunde eine körperliche Manifestation dieses Konzepts – eine Christusfigur im Körper eines Flüchtenden, den man tatsächlich als Engel wahrnehmen könnte. Wunder ereignen sich nie dort, wo wir sie erwarten. Und vielleicht nehmen wir sie nie so wahr, wie man sie wahrnehmen sollte.

ERZÄHLEN SIE UNS ÜBER DR. STERN UND SEINE ENTWICKLUNG.
Schon lange wollte ich die Beziehung eines alten Mannes zu einem kleinen Jungen zeigen. Kata Wéber hat die Geschichte geschrieben, und sie legt Wert auf den Hinweis, dass es unter ihren Vorfahren viele Ärzte gegeben hat. Uns faszinierte der moderne Archetyp des praktischen Arztes, eines Mediziners, der seinen Glauben fast verloren hat und niemanden mehr heilen will. Er lebt einfach vor sich hin, hat jegliche Illusionen verloren. Ich glaube, dass es in jedem Leben viele Situationen geben kann, in denen wir keinen Ausweg mehr erkennen, in denen wir uns von der Hektik mitreißen lassen und nach jedem Strohhalm greifen. Die Figur des Aryan hatte es mir schon lange angetan, aber ich werde selbst älter und nähere mich immer mehr der Situation an, in der sich Dr. Stern befindet. Natürlich habe ich in beiden Figuren viele autobiografische Elemente eingebracht, und auch die Handlung gründet sich auf einer wichtigen persönlichen Freundschaft, die ich so oder ähnlich selbst erlebt habe. Ich wünsche mir, dass Dr. Stern die Botschaft vermittelt: Wir können uns wirklich ändern, wenn sich etwas Bedeutendes ereignet und wir in die Lage versetzt werden, aufgrund unmissverständlicher Vorgänge unsere Blindheit zu überwinden. So wie Dr. Stern gezeigt wird, ist er wirklich blind. Selbst als er den wundersamen Aryan kennenlernt, geht es ihm nur darum, seinen eigenen Vorteil daraus zu ziehen, und er hat große Probleme, sich klarzumachen, dass er nur davon profitieren kann, wenn er selbst zu Opfern bereit ist.

WIE HABEN SIE IHRE EIGENEN ANSICHTEN ZUR SITUATION DER FLÜCHTENDEN IN DEN FILM  EINGEBRACHT?
Ich habe mich mit dem Problem der Flüchtenden auseinandergesetzt, als ich an einer großen Theaterinstallation zu Schuberts „Winterreise“ arbeitete. Europa befand sich am Anfang der Krise. Wir quartierten uns ein oder zwei Wochen im Flüchtlingslager Bicske ein, das damals gerade eingerichtet wurde, und ich habe versucht, meine dortigen Erfahrungen zu verarbeiten – und damit bin ich bis zum heutigen Tag noch nicht fertiggeworden. Ich hatte den Eindruck, dass das Fremdsein, das Anderssein dort zur Lebenssituation, zur Existenz, wird. Eine seltsame Unantastbarkeit umgibt die Menschen dort, denn sie sind tatsächlich aus dem Rahmen von Raum und Zeit gefallen. Das Bild oder die Allegorie des Verlusts ähnelt sehr der christlichen Liturgie, die mir ebenfalls sehr vertraut ist, weil ich mit ihr aufgewachsen bin. Man hat weder Vergangenheit noch Zukunft – man hat eine Gegenwart, doch auch die ist ungewiss. Man weiß nicht einmal, ob man noch die vertraute Identität hat, ob man noch die Person ist, als die man damals aufgebrochen ist, oder eine andere, in die man sich auf der Reise verwandelt hat. So etwas kann ich nicht beobachten, ohne mich solidarisch zu fühlen. Alles andere wäre unmenschlich.
INWIEFERN KANN MAN DIESEN FILM ALS GEGENSTÜCK ZU „UNDERDOG“ SEHEN? Bei UNDERDOG habe ich erstmals eine vielschichtige Struktur konzipiert, die in JUPITER’S MOON wohl noch sehr viel deutlicher wird. Ich suchte nach einer Ausdrucksform, die mein Gefühl vermittelt, dass wir „fallen“. Dieser filmische Ausdruck konnte aber keine reine Genre-Lösung sein.
Tatsächlich kollidiert unser Konzept sogar mit den reinen Genre-Formen. Sicher verwenden wir in JUPITER’S MOON auch Klischees und Genre-Elemente, aber das ist nur die eine Ebene – also ähnlich wie in UNDERDOG. Mein Konzept liegt daher in einem Genre-Mix, nicht in einem einzelnen großen Format, sondern in einer allegorischen Analyse verschachtelter Realitäten. Ich finde diesen Weg inzwischen sehr interessant, und ich sehe auch, dass er sich gelohnt hat. Unser Publikum am Budapester Proton-Theater hat sich inzwischen auch vervielfacht – da sind ähnliche Gedanken ausschlaggebend. Das heißt nicht, dass unsere Arbeit nicht mehr infrage gestellt wird, vielmehr gelingt es uns, sehr viel lebendigere Reaktionen zu bekommen, und daran lag mir sehr viel.

IN „JUPITER’S MOON“ VERWENDEN SIE MEHR VISUELLE EFFEKTE ALS IN „UNDERDOG“. WIE HABEN SIE DIESE ERFAHRUNG ERLEBT?
In UNDERDOG gibt es praktisch gar keine visuellen Effekte – nur in ganz kurzen Momenten. Genauso haben wir JUPITER’S MOON auch konzipiert und wir kamen auch so zu einer Lösung. Natürlich ist der Eindruck des Fliegens ohne bestimmte visuelle Effekte schwer zu vermitteln, denn bekanntlich können Menschen nicht fliegen. Das mussten wir also hinbekommen, aber die Hauptfiguren befinden sich in jeder Szene tatsächlich 30 bis 40 Meter über dem Erdboden. Ich finde, dass es sehr darauf ankommt, wie man Computereffekte einsetzt. Wenn man das richtig macht, ergibt sich ein gigantisches kreatives Arbeitsfeld. Wenn nicht, wirken die Effekte kitschig, künstlich und aufgesetzt. Unser Film vereint das Klassische mit dem Neuen – wir haben traditionell auf 35mm-Filmmaterial gedreht. Visuelle Effekte werden nur dort eingesetzt, wo sie nötig sind, und immer so, dass sie realistisch wirken.

AUFGRUND DER THRILLER-ELEMENTE BEKOMMEN SIE BEI DIESEM FILM DIE CHANCE, SPANNENDE VERFOLGUNGSJAGDEN – ZU FUSS UND AUCH MIT FAHRZEUGEN – ZU DREHEN. WIE HABEN SIE DAS ERLEBT UND WIE HABEN SIE DIESE INSZENIERUNGSTECHNIKEN AUCH IN IHREN ÜBRIGEN FILMEN EINGESETZT? Dieser Film stellte aufgrund seiner Größenordnung eine gewaltige Herausforderung für mich dar. Ich habe noch nie derart aufwändige Sequenzen inszeniert. Vor allem fand ich es spannend, bekannte und gut umgesetzte Elemente neu zu konzipieren. Wie kann man eine Autoverfolgungsjagd drehen, ohne dass sie wie eine Autoverfolgungsjagd aussieht? Ich finde es sinnlos, mich der Konkurrenz zu stellen und Verfolgungsjagden zu imitieren, wie man sie in perfekter Umsetzung bereits kennt. Wir mussten also unsere eigene Lösung entwickeln. Die Dreharbeiten erwiesen sich als sehr schwierig, weil der Film aufgrund seiner verschiedenen Ebenen große Anforderungen an die Logistik stellte. Der Hintergrund ist mindestens genauso wichtig wie der Vordergrund. Jede scheinbar reale Perspektive und jedes winzige Detail musste genau abgestimmt und in das Mosaik eingepasst werden. Große Kulissenteile mussten verschoben werden. Wir wollten eine geschäftige, überbevölkerte Stadt zeigen, in der man zu ersticken scheint, in der aber die Fluchtmomente ganz realen Frieden ermöglichen. Und genauso haben wir selbst in dieser heftigen, vollgestopften Stadt gelebt.

ARBEITEN SIE AUCH WEITERHIN FÜR DAS THEATER?
Ja, ich inszeniere weiter Theaterstücke und Opern. Zwischen meinen Filmprojekten arbeitete ich an zwei oder drei Bühnenprojekten. Die Oper ist eine kolossale Erfahrung. Ich merke inzwischen wie sehr ich sie schätze, weil dies ein Genre ist, in dem ich mich durch Dinge verwirklichen kann, die mir im realen Leben nur sehr selten begegnen würden. Außerdem habe ich am Proton-Theater in Ungarn ein eigenes Schauspielerensemble. Zu unseren aktuellen Projekten zählen WINTER’S JOURNEY , die gigantische Installation nach dem Vorbild des Liederzyklus „Winterreise“ von Schubert, und „Imitation of Life“, eine sehr freie Adaption des gleichnamigen Filmmelodrams von Douglas Sirk (dt. Titel: SOLANGE ES MENSCHEN GIBT).Tatsächlich handelt es sich um die forcierte Interpretation einer neuen Theatersprache: Vier Figuren in zwei Szenen, alles in jeder Hinsicht minimalistisch konzipiert. Derzeit kann ich noch nicht abschätzen, wie lange ich die Theater- und die Filmarbeit harmonisch unter einen Hut bringen kann. Aber angesichts der sich bedingenden Fragen und Antworten, der Niederlagen und Erfolge erlebe ich diese Koexistenz als äußerst produktiv und inspirierend. Derzeit inszeniere ich in Hamburg Hauptmanns „Die Weber“.

WAS KOMMT DANN?
Ich möchte unbedingt Wladimir Sorokins Roman „Ljod” (Das Eis) verfilmen. Davon träume ich schon zehn Jahre, und jetzt sieht es so aus, als ob es klappt. Das wäre dann im Grunde der letzte Teil einer Trilogie über den Glauben – die ersten beiden Teile sind UNDERDOG und JUPITER’S MOON. Ich traue mir derart große Schritte inzwischen zu und möchte in dieser Richtung weitermachen. Eines ist gewiss: Ich bin unglaublich versessen darauf, sofort weiter neue Geschichten zu erzählen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 08.11.2018
WAS UNS NICHT UMBRINGT
Ab 15. November 2018 im Kino
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Als Vater zweier jugendlicher Töchter – mit einer eigensinnigen Ex-Frau, die zugleich seine beste Freundin ist, einem schwermütigen Hund, den er sich gerade erst angeschafft hat, und seinen eigentümlichen Patienten – braucht Psychotherapeut Max wahrlich keine neue Herausforderung. Aber wenn Sophie, die bezaubernde Spielsüchtige mit Beziehungsproblemen, stets zu spät in seiner Praxis erscheint, gerät Max’ vertraute Welt ins Wanken. Während er sich noch einzureden versucht, Profi genug zu sein, um Profi zu bleiben, führt eine unverhoffte Begegnung der beiden zu immer mehr Verstrickungen – und es passiert, was nicht passieren sollte: Der Therapeut verliebt sich in seine Patientin. Wie soll er ihr helfen, ohne sich einzumischen? Wie kann er sie lieben, ohne sie zu verlieren? Hin- und hergerissen zwischen Gefühl und Verstand, zwischen seiner Patientin und der Frau, die er liebt, muss Max zunächst dem alten Flugzeugleitsatz folgen: Helfen Sie sich selbst, bevor Sie versuchen, anderen zu helfen.

Ein Film von SANDRA NETTELBECK
Mit AUGUST ZIRNER, JOHANNA TER STEEGE, BARBARA AUER, OLIVER BROUMIS, JENNY SCHILY, BJARNE MÄDEL u.a.


Genau dieser graue, zottelige Streuner soll es sein. Also nimmt Max (AUGUST ZIRNER) ihn mit aus dem Tierheim: Keiner soll allein sein. Bei prasselndem Regen sitzt er in seinem Auto, den Hund auf der Rückbank. Glücklich wirkt der Psychotherapeut nicht, der stets anderen Menschen hilft, aber ratlos ist, was er mit seinem Leben anfangen soll: Seit längerem ist er bereits von seiner Ehefrau Loretta (BARBARA AUER) getrennt, der er weiterhin freundschaftlich verbunden ist. Immerhin geht es darum, die gemeinsamen Töchter, die 16-jährige Eleonor (LEONIE HÄMER) und ihre jüngere Schwester Esther (MARIE JECKE), so gut zu erziehen, wie das bei aufmüpfigen Teenagern eben möglich ist. Die beiden Mädchen haben sich gerade gegen Mama verbündet, die sich wünschen würde, dass der phlegmatische Max sich etwas mehr engagiert. Überhaupt hadert Loretta mit ihrem Leben. Dass der Wasserhahn sich einfach nicht reparieren lassen will und sich ständig nach links dreht, ist noch das kleinste Hindernis. Sie hat noch einmal ein Medizinstudium begonnen und gleich eine Beziehung mit ihrem Dozenten Fabian (DAVID ROTT) angefangen, der auf mehr drängt. Nur kann sie sich nicht darauf einlassen und sucht Rat bei Max, der es jedoch für keine gute Idee hält, seine Ex-Frau zu therapieren.
 
Max hat nicht nur sein eigenes Päckchen zu tragen. Als Psychotherapeut ist er zudem unentwegt konfrontiert mit den Problemen und Krisen anderer Menschen. Zu seinen Patienten gehört der einsilbige Ben (MARK WASCHKE), der einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hat, sich aber nicht in die Karten schauen lässt. Nur mit Panama, so hat Max den Streuner aus dem Tierheim genannt, baut er eine so besondere Beziehung auf, dass die Therapiestunden bald schon nicht mehr auf der Couch stattfinden, sondern beim gemeinsamen Gassigehen. 
 
Auch Sophie (JOHANNA TER STEEGE) besucht die Praxis von Max regelmäßig – ebenso regelmäßig kommt die immer gehetzt und leicht unter Strom stehende Soundkünstlerin zu spät. Sie leidet unter ihrer Beziehung mit David (PETER LOHMEYER), der aus einer früheren Ehe einen jugendlichen Sohn hat, Lars (KRISTO FERKIC), und nicht bereit ist, sich wirklich auf ein Leben mit Sophie einzulassen. Immer wieder kommt es zum Streit zwischen den beiden, immer wieder kommt Sophie doch wieder zu David zurück. Insgeheim weiß sie, dass er nicht gut für sie ist. Aber weil sie Angst hat vor dem Vergessenwerden, verdrängt sie diese Erkenntnis.
 
Als Max seine Tochter zur Probe des Schulorchesters bringt, trifft er auf Sophie, die ihrerseits Lars abgeliefert hat, zu dem sie ein inniges Verhältnis aufbaut. Max und Sophie gehen einen Kaffee trinken. Auf Anhieb haben sie einen gemeinsamen Draht. Max fühlt sich zu Sophie hingezogen, zögert aber, weil er es mit seinem beruflichen Ethos nicht in Einklang bringen kann, Gefühle für eine Patientin zu hegen. 
 
Zu Max’ Patienten gehört außerdem das Geschwisterpaar Mark (CHRISTIAN BERKEL) und Henriette (VICTORIA MAYER), die in einem fast symbiotischen Verhältnis miteinander koexistieren. Mark leitet ein Bestattungsunternehmen, hat aber im Lauf seines Lebens so viel Trauer gesehen und Trost gespendet, dass er sich künftig endlich einmal selbst in den Mittelpunkt seines Lebens stellen will. Was bisher fast ausschließlich die Aufgabe der neugierigen und zur Hypochondrie neigenden Henriette ist, die immer befürchtet, Mark könne an einer folgenschweren Krankheit darben.

In seinem Bestattungsunternehmen lernt Mark die Schriftstellerin Isabelle (DEBORAH KAUFMANN) kennen, die ihre eigene Beerdigung plant. Seit dem Tod ihres Freundes, ein Kriegsfotograf, der in Syrien bei einem Bombenangriff ums Leben kam, hat sie keine Zeile mehr geschrieben und jegliche Lebenslust verloren. Besonders setzt ihr zu, dass seine Leiche nie gefunden wurde. Sie hat sich in seinem Fotoatelier verschanzt, hört immer wieder einen alten Anruf an und kann einfach nicht mit der Vergangenheit abschließen. 
 
Ein nächster Schritt im Leben erscheint auch Fritz (OLIVER BROUMIS) unmöglich. Der Pilot, ebenfalls ein Patient von Max, ist am Boden zerstört, dass sein Lebensgefährte, der Amerikaner Robert, der seit 13 Jahren die Liebe seines Lebens ist, im Krankenhaus im Sterben liegt – er hat eine aggressive Form von Blutkrebs, seine Überlebenschancen sind gleich null. Fritz weiß das. Und es lähmt ihn auf eine Art, die ihn in eine schwere Depression treibt. Er kann seinen Beruf nicht mehr ausüben, weil er plötzlich an Flugangst leidet, und muss sich mit Roberts ignoranter Familie auseinandersetzen, die nicht akzeptieren kann, dass Robert ein glückliches Leben als schwuler Mann geführt hat. 
 
Auf eine Krise steuern auch Hannes (BJARNE MÄDEL) und die autistisch veranlagte Sunny (JENNY SCHILY) zu. Seit Jahren arbeiten die beiden gemeinsam im Pinguin-Gehege des Zoos, und es herrscht eine unausgesprochene Liebe und Vertrautheit zwischen den beiden, die auf eine Belastungsprobe gestellt wird, als Hannes erfährt, dass Sunnys Stelle wegrationalisiert werden soll. Aus Angst um ihre Zukunft lässt Hannes sich an ihrer statt entlassen, erzählt ihr aber nichts davon. Maßlos enttäuscht, Hannes habe sie im Stich gelassen, bricht Sunny jeglichen Kontakt zu ihm ab und reagiert auf keinen seiner Versuche, sich ihr wieder zu nähern. Doch als sie feststellt, dass sie von der einzigen Liebesnacht mit Hannes nach einer Betriebsfeier schwanger ist, muss sie entscheiden, wie es weitergehen soll. 
 
Eine Entscheidung, vor der alle Beteiligten stehen. Fragt sich nur, wer den Mut dazu hat, das Rad in Bewegung zu setzen... 




INTERVIEW SANDRA NETTELBECK
 
Ein Film, der nahe am Leben ist, ein Film, der Mut macht – was war die Grundidee zu WAS UNS NICHT UMBRINGT?
Die erste Idee war tatsächlich der Titel. Er hat mir so gut gefallen, dass ich mir dazu einen Film ausdenken wollte. Und er legt das Kollektive ja schon vor: Es geht um eine Gruppe von Menschen, die trotz ihrer elementaren Unterschiede auch viele Gemeinsamkeiten haben, sei es altersbedingt oder sozial bedingt, weil sie Kinder, Neurosen, Haustiere haben, Krankheiten oder Verwandte. Es verbindet sie mehr als es zunächst den Anschein hat – und beim Therapeuten laufen alle Fäden zusammen. Denn welch besserer Ort, um Menschen in der Krise zu begegnen, als das Behandlungszimmer eines Therapeuten?
 
Es geht um verschiedene Facetten des Unglücklichseins – irgendwo zwischen Liebe und Tod. Wie findest du deine Geschichten?
Wir denken uns die Gefühle, von denen wir erzählen, ja nicht aus, die kennt jeder. Liebe, Angst, Schmerz, Wut, Enttäuschung, Glück. Meine Geschichten drehen sich immer um die Gefühle, die mich zu der Zeit am meisten beschäftigen, sie müssen emotional von dem erzählen, was mich bewegt und womit ich mich auskenne (Hawks hat immer gesagt, „write about what you know“, und daran halte ich mich), sei es nun in Gestalt eines Piloten mit Flugangst, einer trauernden Schriftstellerin oder einer zwanghaften Zoowärterin. Ich finde aber, es geht in WAS UNS NICHT UMBRINGT viel mehr um Sehnsucht als um Unglücklichsein (auch wenn uns unerfüllte Sehnsüchte sehr unglücklich machen können). Es geht um das Wagnis, die Hoffnung nicht aufzugeben, egal wie alt wir sind oder wie viel wir schon erlebt haben oder wie oft wir schon enttäuscht wurden. Und das ist ein Grundgedanke, der natürlich aus meinem eigenen Leben kommt. Auf der Suche nach Liebe und in der Begegnung mit dem Tod. Da bin ich und das kenne ich.
 
Etwas, das die Figuren verbindet, ist, dass sie nicht aus ihrer Haut können. Ist das womöglich ein typisches Problem der „50something“?
Nein, es ist eher so, dass viele von uns in diesem Alter typischerweise nochmal aus ihrer Haut müssen, ob es uns nun passt oder nicht. Damit das Leben eine Chance hat, nicht alles um einen herum einschläft, trostlos oder eintönig wird, oder ungeliebt. Dass das mit 50 nicht mehr so einfach ist wie mit 20, ist klar. Aber gerade deshalb ist es natürlich auch interessanter. Weil es eine viel größere Herausforderung ist. Und in der Regel viel Mut verlangt.
 
Gab es eine Figur oder eine Geschichte, die am Anfang stand und um die herum du die anderen Geschichten entwickelt hast?
Der Therapeut stand von Anfang im Zentrum dieses Reigens. Alle Fäden sollten auf die eine oder andere Weise bei ihm zusammenlaufen. Trotzdem habe ich die einzelnen Geschichten zunächst getrennt geschrieben, alles andere wäre schlicht unmöglich gewesen.
 
Was ist die besondere Herausforderung eines Episodenfilms?
Ganz klar die Struktur. Was im Buch funktioniert, funktioniert im Schnitt oft überhaupt nicht. Ein Film hat seine eigenen Gesetze, eine eigene Dynamik, und nur der Film selbst kann sie verraten: Was funktioniert und was nicht. Das Nervenaufreibende während des Schnitts ist, dass man an einer Stelle eine Sache umstellen kann, und das dann auf eine ganz andere Stelle eine ungeplante Wirkung hat. Der Schmetterlingsflügel-Effekt. Nichts ist vorhersehbar, man muss alles ausprobieren. Ob es funktioniert, weiß man erst, wenn man den Film im Ganzen schaut.
 
Hast du hier eine Lieblingsfigur?
Nein, das kann ich nicht sagen. Aber ich glaube, Hannes, gespielt von Bjarne Mädel, ist von allen der Beneidenswerteste. Vielleicht auch der Liebenswerteste. Er weiß so genau, was er will und wen er liebt und hat keine Angst zu sagen, was er denkt, nichts steht ihm im Weg. Ich bewundere ihn, und deshalb kriegt er auch das Mädchen, das sich partout nicht kriegen lassen wollte. 
 
In gewisser Weise ist auch WAS UNS NICHT UMBRINGT ein „Hundefilm“. Nach dem Familienfilm SERGEANT PEPPER schon der zweite. Ist das Zufall?
Nein, ein Hundefilm ist es nicht, aber ein Hund kommt wieder vor. In HELEN kam auch ein Hund vor. Hunde, als Begleiter, als Teil der Familie, haben in meinem Leben schon immer eine Rolle gespielt, und kurz vor den Dreharbeiten habe ich mir meinen ersten eigenen geholt. Sie ist eine wunderbare Hündin aus Rumänien. Aber es ist auch eine große Verantwortung. Ich kann mir nicht vorstellen, sie jemals wegzugeben. Max tut das. Weil er weiß, dass Panama es bei Ben besser haben wird als bei ihm. Und manchmal suchen sich die Hunde eben ihre Menschen aus und nicht umgekehrt. Es ist ein großes Glück, wenn dem nichts im Weg steht. 
 
Verändert ein Hund die Stimmung am Set?
Auf jeden Fall. Ich hatte bisher ganz großes Glück mit den Hunden in meinen Filmen, Buddy in WAS UNS NICHT UMBRINGT kam aus dem Büro nebenan und freute sich eigentlich nur, mit uns zusammen zu sein, und Cleo aus SERGEANT PEPPER kam damals von und mit einer ganz tollen Trainerin aus Amsterdam. Leider neige ich dazu, mehr auf den Hund zu achten als auf die Schauspieler... das ist auch nicht immer so günstig. Die Herausforderung hier war, dass August Zirner keine Bindung zu dem Hund aufbauen durfte – was weder für August noch für den Hund eine leichte Aufgabe war. Aber er hat seine Sache ganz toll gemacht. Der Hund. August natürlich auch. 
 
Du schreibst deine Drehbücher selbst. Was ist der Unterschied bei der Inszenierung eines Drehbuchs, das nicht von Sandra Nettelbeck stammt?
Das kann ich nicht beurteilen, da ich das noch nie gemacht habe. Aber umgekehrt, ein Drehbuch schreiben und nicht selbst inszenieren – das war bisher immer eine sehr angenehme und erfreuliche Arbeit. Es macht mir großen Spaß, nicht nur, weil ich so gern schreibe, sondern weil es viel für sich hat, nicht jahrelang an einem Projekt zu hängen: Man schreibt ein paar Wochen am Drehbuch, reicht es weiter und kann selbst gleich was Neues anfangen. Den Kampf der Umsetzung tragen die anderen aus. Das ist eine willkommene Abwechslung.
 
WAS UNS NICHT UMBRINGT versammelt die crème de la crème deutscher Schauspieler. Hattest du die Besetzung beim Schreiben schon vor Augen?
Ein Teil der Rollen war den Schauspielern auf den Leib geschrieben, August, Oliver, Barbara, Christian, Jenny. Das war ein schönes Privileg und hat beim Schreiben sehr geholfen. Johannas Rolle war ursprünglich für Sophie Rois geschrieben, sie musste leider ganz kurz vorm Dreh absagen. Aber dann kam Johanna, buchstäblich über Nacht, und sie hat nochmal eine ganz andere Farbe in den Film gebracht, sie hat die Rolle schlicht neu erfunden. Und uns gerettet! Für August die Rolle zu schreiben, war einfach, ich kannte den Therapeuten ja schon aus Martha und Sergeant Pepper, und es war eine wunderbare Aufgabe, hier zum ersten Mal aus seinem Privatleben und von seinen Gefühlen zu erzählen, statt nur von seinen Patienten. Und dabei gefällt mir besonders, dass er heute 20 Jahre älter ist als damals, als Martha noch für ihn gekocht hat.
 
Mit vielen der Schauspieler verbindet dich eine jahrelange Zusammenarbeit.
Hier u.a. Johanna Ter Steege, Barbara Auer, August Zirner, Oliver Broumis – macht das das Arbeiten leichter?  Ja klar. Es ist sehr schön, wenn man sich kennt, vertraut ist, sich mag. Wir sprechen die gleiche Sprache und ich glaube, uns verbindet vor allem unser Humor und zugleich der Ernst, mit dem wir bei der Sache sind. Ich glaube zu wissen, was die Schauspieler brauchen, und ich weiß, dass sie mir (Gott sei Dank) vertrauen, sie wissen, dass ich auf sie aufpasse. 
 
Langjähriger Wegbegleiter ist auch dein Kameramann Michael Bertl. Was schätzt du an ihm?
Oh, wo soll ich da anfangen? Ich liebe seine Arbeit, sein Talent, seine Kunst, seine Farben, seine Bilder. Ich weiß, dass wir zusammen passen, dass wir uns ergänzen, dass er mit seinen Bildern genau das erzählt, worauf es mir ankommt, was im Buch steht. Ganz wichtig für mich persönlich ist seine sagenhafte Ausdauer, sein klarer Blick, sein herrlicher Humor, und dass er so oft genau das richtige Wort im richtigen Moment für mich hat. Er ist außerdem mein bester Freund und das seit vielen Jahren. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne ihn einen Film zu machen. Und das Schönste daran ist, es wird immer besser. Und immer vergnüglicher. 
 
Beim letzten Film hat Hans Zimmer die Musik gemacht. Diesmal ist es Volker Bertelmann, bekannt als Hauschka. Wie habt ihr zusammengefunden und zusammengearbeitet?
Es war nicht geplant, ich hatte eigentlich einen anderen Komponisten. Aber als sich die Dinge in der Postproduktion verzögerten, sprang der Komponist ab und wir mussten einen neuen finden. Ich kannte Hauschka nicht. Er war einer von mehreren Vorschlägen. Und es reichten ein paar Takte seiner Musik und ich wusste sofort, dass er der Richtige ist. Dann hatte ich das große Glück, dass ihm der Film gefiel und er Lust hatte, ihn zu machen. Wir mussten ein paar Monate auf ihn warten, aber das Warten hat sich gelohnt. Die Arbeit mit ihm war absolut großartig, so wie man es sich eigentlich immer wünscht! Ich hoffe sehr, dass wir noch viel zusammen machen werden. 
 
Du sagst, dieser Film mache dich besonders stolz. Warum? Was ist anders als bei deinen anderen Filmen?
Ich glaube, es ist ein sehr erwachsener Film, der sehr ernst und zugleich sehr leicht ist. Es war höllisch schwierig, die vielen Geschichten so ineinander zu verschränken und nebeneinander zu erzählen, dass es funktioniert, und dabei eine Art Lebensgefühl zu vermitteln, ohne moralisch zu werden, von Befindlichkeiten zu erzählen ohne sich zu wiederholen oder zu langweilen. Ich hoffe zumindest, dass mir das gelungen ist. Ich wünsche mir, dass die Leute erfüllt und gut unterhalten aus dem Kino gehen ohne für dumm verkauft worden zu sein. Es ist ein sehr persönlicher Film, der eine Leichtigkeit hat, die ich in meinen letzten beiden Filmen nicht gefunden habe. Ich habe in den letzten Jahren so einiges überlebt. Dieser Film ist das Ergebnis davon. Und wenn es der letzte wäre, wäre das auch ok.
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Donnerstag 01.11.2018
LETO
Ab 08. November 2018 im Kino
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Leningrad, ein Sommer zu Beginn der 1980er. Während Alben von Lou Reed und David Bowie heimlich die Besitzer wechseln, brodelt die Underground-Rockszene. Mike und seine Frau Natascha lernen den charismatischen Musiker Viktor Zoi kennen. Ihre unbändige Leidenschaft für die Musik verbindet sie schnell zu einer eigenwilligen Dreieckskonstellation. Als Teil einer neuen Musikbewegung werden sie trotz staatlich kontrollierter Konzerte das Schicksal des Rock 'n' Rolls in der Sowjetunion verändern.
Nach der wahren Geschichte um die legendäre russische Rockband Kino fängt LETO das Lebensgefühl einer sich nach Freiheit sehnenden Generation kurz vor der Perestroika ein. Mit verspielter Bilderwelt und pulsierendem Soundtrack von Talking Heads, Iggy Pop bis zu Blondie gelingt Kirill Serebrennikowein mitreißendes und leichtfüßiges Zeitbild einer Jugend zwischen Rebellion und dem Leben unter Zensur. Eine kluge Hymne auf die ungestüme Kraft von Musik, Liebe und Freundschaft.


REGIEKOMMENTAR
Kirill Serebrennikowschrieb dieses Statement 2017, bevor er seinen Film LETO drehte. Die Bestimmungen seines Hausarrests, den die russische Behörde am 23. August 2017 gegen ihn verhängte, erlauben ihm keine weiteren Stellungnahmen.

LETO (russisch für »Sommer«) ist eine Rock-'n'-RollGeschichte aus dem sowjetischen Leningrad der 1980er Jahre. Sie handelt von einem Liebesdreieck zwischen drei sehr unterschiedlichen Individuen vor dem Hintergrund einer sonderbaren, manchmal exotischen Sowjetunion. All dies in einer Umgebung, die sowohl dem Rock 'n' Roll als auch der westlichen Kultur sehr feindselig gegenüberstand und doch gleichzeitig zur Brutstätte einer neuen Welle russischen Rocks wurde.
Unsere Geschichte thematisiert den Glauben, der nötig ist, um diesen sozialen Kontext zu überwinden, und die sorglose Haltung unserer Helden angesichts der Restriktionen. Es ist die Geschichte einer einfachen und unverfälschten Liebe –wie eine Ode an diese zukünftigen Rockikonen, an ihre Lebensweisen, die Luft, die sie atmeten. Und es ist die Geschichte des letzten Sommers vor der Perestroika, vor der völligen Umwandlung ihrer Lebenswelt in das heutige Russland.
Das war es, was mich zuerst an dieser Geschichte fasziniert hat: ihre Unschuld und Reinheit. Meine Generation hat eine starke Erinnerung an die Energie der Perestroika, diese Zeit unmittelbar nach den Ereignissen in unserem Film. Aber in Wirklichkeit wissen wir nichts von der Generation vor unserer eigenen –von ihrer natürlichen Gabe zur Rebellion und ihrem inneren Feuer. Die Perestroika hat die Generation vollständig ausgelöscht und sie zu Straßenkehrern und Hausmeistern gemacht, und bald wird nichts mehr von ihnen übrig sein.
Doch in dieser Geschichte befinden wir uns Anfang der 1980er. In Schwarz-Weiß –denn das ist der einzige Weg, die Geschichte dieser Generation zu erzählen. Die Vorstellung von Farbe tauchte erst später im kollektiven Bewusstsein Russlands auf. Es ist eine brutale und alternative Epoche, in der jeder trotzdem sehr lebendig ist: Mike Naumenkound vor allem Viktor Zoi, den die sowjetische Presse nach seinem tragischen Tod 1990 als »letzten Helden des Rocks« bezeichnete. Alles, was wir über sie wissen, geschah nach den Ereignissen in unserem Film, es ist die Zukunft unserer Charaktere. Im Film sind sie noch jungfräulich und unschuldig. Wir haben uns eine Zeitmaschine ausgeliehen und machen nur einen kurzen Stopp. Und in dieser kurzen Zeit tun unsere Helden das, was sie am liebsten tun. Sie machen Musik - schwebend in Raum und Zeit, ein Augenblick voller Anmut.
Ich muss den dritten Akt im Leben unserer Charaktere - die Art, wie alles endete - außer Acht lassen. Mein Ziel ist es, einen Film über Menschen zu machen, die glücklich sind und absolute künstlerische Freiheit genießen, trotz der Unterdrückung durch die Regierung. Sie machten Musik und konnten sich gar nichts anderes vorstellen. Alles andere hätte ihrer Natur widersprochen.
Ich kann mich leicht mit ihnen identifizieren sowie ihre Motivationen und Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellten, nachvollziehen. Hier im Gogol Center, dessen Leiter ich bin, sind uns ihre Methoden nicht fremd. Trotz dieser stark politisierten Zeiten schaffen wir Theater, das modern und gegen das Establishment gerichtet ist. Ein Theater, das als Bewegung gesehen werden kann. Und am allerwichtigsten: wir sind eine lebendige Bewegung. Wir beleben eine Kultur, die für die Mächtigen und staatlichen Kulturrichtlinien inakzeptabel ist, in genau derselben Weise wie Leningrad 1983 weder die Zeit noch der Ort für Rockkultur in der UdSSR war.
Ich werde diesen Film für und über eine Generation machen, die die Freiheit als eine persönliche Entscheidung betrachtet und zwar als die einzig mögliche. Mein Ziel ist es, diesen wahren Wert der Freiheit einzufangen und zu verdeutlichen.
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Donnerstag 25.10.2018
TOUCH ME NOT
Ab 01. November 2018 im Kino
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An der Grenze zwischen Realität und Fiktion folgt TOUCH ME NOT der emotionalen Reise von Laura, Tómas und Christian, die ihre Intimität und Sexualität erforschen wollen. Wie kann die Balance zwischen Begehren und der Angst vor Kontrollverlust gelingen? Mit abwechselnd klinisch kühlen, erotischen und zärtlichen Bildern nimmt uns Regisseurin Adina Pintilie mit auf eine intime Expedition, in der sich die Barrieren zwischen Mann und Frau, „normal“ und „anders“ auflösen: eine fundamentale filmische Erfahrung, die niemand unberührt lässt.

Ein Film von ADINA PINTILIE
Mit LAURA BENSON, TÓMAS LEMARQUIS, CHRISTIAN BAYERLEIN, GRIT UHLEMANN, ADINA PINTILIE u.a.


Laura, eine Frau in den Fünfzigern, hat Angst vor körperlicher Berührung. Ihrer Sehnsucht nach Intimität versucht sie sich als Voyeurin zu nähern, engagiert einen Callboy, dem sie beim Duschen und Onanieren zusieht. Sie konsultiert die Transfrau Hanna, die mit fünfzig Jahren ihr Coming-Out zuließ, die Brahms liebt und ihre Brüste Gusti und Lilo nennt. Mit einem Rollenspiel-Therapeuten lotet sie zwischen Plaudern und Anfassen die Grenze ihrer Abwehr aus und kommt dem Ort ihrer verborgenen Wut näher. 
 
Und sie stalkt den jungen Tómas, der als Teilnehmer eines Touch-Workshops, in dem Nicht-Behinderte und Behinderte lernen, einander zu berühren, dem an spinaler Muskelatrophie erkrankten Christian begegnet. Während es Tómas schwer fällt, seine zwischen Ekel und Sympathie changierenden Gefühle zuzulassen, ist Christian mit sich im Reinen und lebt mit seiner nichtbehinderten Freundin Grit lustvoll seine Sexualität aus. 
 
Und da ist Regisseurin Adina Pintilie selbst, die immer wieder ihre Beobachterposition hinter der Kamera verlässt und sich mit ihren eigenen Emotionen und Fragen über Intimität einbringt.  Alle begegnen sich in einem surrealen Garten der Lüste, dessen Teilnehmer sich in Fesselspielen fallen lassen, wo Körper nur noch Körper sind und nur das Begehren zählt. 
 
TOUCH ME NOT ist eine hautnahe filmische Versuchsanordnung mit Laien und professionellen Schauspielern, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Mann und Frau, „normal“ und „anders“, durchlässig werden.  Eine zärtliche, schamlose Expedition in verdrängte Bereiche des Begehrens und der Sexualität, dorthin wo Ängste und Erinnerungen uns die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Nähe verwehren. 
 
TOUCH ME NOT ist ein philosophischer Film-Essay, der mit seiner behutsamen und doch radikalen Entblößung seelischer und körperlicher Hemmungen ein Plädoyer für eine befreite Intimität darstellt, für die Überwindung jener gesellschaftlich vorgegebenen Konventionen und Vorurteile, die uns in der Bewusstwerdung unserer Körperlichkeit zurückhalten. 
 
TOUCH ME NOT ist eine Schule des Sehens und des Fühlens, in der auch der Zuschauer dazu gebracht wird, „von der Klippe zu springen“ und der tief berührt.


PRESSESTIMMEN
 
DIE ZEIT
TOUCH ME NOT passt in die aufgeladenen Diskussionen unserer Zeit und setzt #MeToo aus anderer Perspektive fort: als zwingende, von innen kommende Suche nach einer Körperlichkeit jenseits der festgelegten und festlegenden Blicke.
 
SPIEGEL ONLINE 
Inhaltlich mutiges Kino, das einen im besten Sinne berührt.
 
KINO ZEIT 
Adina Pintilies Film TOUCH ME NOT ist nicht einfach ein Film. Es ist eine Erfahrung. Und eine so intime und so tiefgründige, dass man das Kino entweder frühzeitig verlässt, weil man die Macht dieser Intimität nicht ertragen kann, oder man bleibt bis zum Ende auf die Gefahr hin, dass man das Werk und die Fragen, die es sich stellt, noch lange mit sich herumtragen wird. TOUCH ME NOT ist ein Selbstfindungstrip. Als Film ist er aber auch ein mutiges, experimentelles Werk, das Themen, Menschen, Körper und Emotionen ins Kino bringt, die man sonst niemals sieht. 
 
THE HOLLYWOOD REPORTER 
Eine eindringliche, unter die Haut gehende Meisterleistung. Ein ungetrübter Blick auf die menschliche Sexualität, in dem die Grenze zwischen Fiktion und Realität durchlässig wird. Für Prüderie ist in dem aufklärerischen Film TOUCH ME NOT, in dem die Charaktere mit der Lust und der Qual und ihrem Verhältnis zu ihren nackten Körpern ringen, kein Platz. Dieses Debüt der jungen rumänischen Autorenfilmerin Adina Pintilie, die im Film auch als sie selbst auftritt, verblüfft durch Intelligenz, Selbstbewusstsein und Originalität.
 
INDIEWIRE 
Trotz seiner Nacktheit und „kinky“ Sexualität ist dieser unklassifizierbare Film von einer geradezu kindlichen Unschuld beseelt. Nüchtern und radikal menschlich, rätselhaft und wunderbar direkt inszeniert und unbestreitbar real, ist TOUCH ME NOT eine kühne Abhandlung über die seltsame (und oft entfremdete) Beziehung von Menschen zu ihrem eigenem Körper. Pintilie geht ihr Thema mit der klinischen Distanz eines Wissenschaftlers und der Warmherzigkeit eines Heilers an – oft beides gleichzeitig, und konstatiert, dass viele von uns in unserer fleischlichen Rüstung gefangen sind, isoliert von unserem Selbst und von anderen, durch Scham, Traumata oder einer tragischen Kombination von beidem. 
 
SIGHT & SOUND 
Ein mutiges Experiment… TOUCH ME NOT dürfte bei all jenen einen Nerv treffen, die darum kämpfen, ihre eigene Identität zu verstehen und zu leben… doch experimentierfreudige Zuschauer aller Überzeugungen sollten dieser wohlmeinenden, rastlos neugierigen Feier weiblicher und diverser Sexualität unvoreingenommen begegnen.
 
GIONA A NAZZARO 
Mit formal wie politisch außergewöhnlichem Mut handelt der Film von Körper und Begehren. Sowohl inszenatorisch wie in ihrem performativen Zugang und ihrer dokumentarischen Methode geht Adina Pintilie Risiken ein und erschafft ein in keine Schublade passendes Filmkunstwerk, das eine radikale Herausforderung des binären Systems und des herrschenden Diskurses über Sexualität darstellt. TOUCH ME NOT nimmt uns mit zu einer tiefgreifenden Erfahrung.



ANMERKUNGEN DER REGISSEURIN ADINA PINTILIE

Als ich zwanzig Jahre alt war, glaubte ich alles über die Liebe zu wissen, darüber, wie eine gesunde intime Beziehung sein sollte, wie das Begehren funktioniert. Als ich im Laufe der Jahre immer mehr mit dem wahren Leben konfrontiert wurde, wurde ich auch in immer stärkerem Maße von einer Frage beunruhigt: warum bringt Intimität zugleich so viel Angst, Schuldgefühl, Misstrauen und Einsamkeit mit sich? Warum ist jeder Glücksmoment von der Angst überschattet, dass er bald endet? Angesichts meiner eigenen Erfahrungen und der von nahestehenden Menschen begann ich meine einst so klaren Ansichten über das Leben, Normalität, Liebe und so weiter anzuzweifeln. Und damit begann eine lange Phase der Selbstfindung. 
 
Im Laufe dieser Reise entdeckte ich die verschlungenen Pfade, durch die unsere erwachsene Fähigkeit, intime Beziehungen aufzunehmen, von unserer Kindheit, und vor allem durch unsere primäre Bindung mit unserer Mutter beeinflusst wird. Intimität spielt in der menschlichen Erfahrung eine zentrale Rolle und hat seine Wurzeln in der ersten physischen, emotionalen und psychologischen Bindung zwischen der Mutter und dem Neugeborenen. Dank dieser grundlegenden Verbundenheit erfährt der Säugling den ersten Kontakt zu Welt und kann so mit dem Aufbau seines Selbstgefühls beginnen. Dieser grundlegende Kontakt formt das Hirn, hat einen tiefen Einfluss auf sein Selbstwertgefühl, seine Erwartungen an andere, und auf die Art und Weise, wie er später als Erwachsener Bindungen eingeht und Intimität erlebt.  Ein guter Freund und Psychotherapeut drückte es folgendermaßen aus: „Erzähl mir, wie du geliebt wurdest, und ich erzähle dir, wie du liebst“. Und je früher diese Erfahrung gemacht wurde, umso unbewusster ist sie, umso stärker prägt sie jene Verhaltensmuster, die einen tiefen Einfluss auf unser Leben als Erwachsene haben, auf die Wahrnehmung von uns selbst und von anderen in Bezug auf Intimität, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
 
Neben dieser Schlüsselrolle für die Ausbildung der Identität hat die Entwicklung einer gesunden Intimität auf individueller Ebene entscheidende Auswirkungen auf der Ebene der Gemeinschaft, bei der Bildung eines psychosozialen Netzwerks menschlicher Wesen mittels tragfähiger emotionaler Bindungen. Eine dysfunktionale Intimität innerhalb der Kernfamilie ist ein fruchtbarer Boden für spätere Konflikte, für Missbrauch, Diskriminierung und Vorurteile in einem größeren sozialen und politischen Maßstab. 
 
Das Ziel meines Films TOUCH ME NOT ist, einen Raum zu schaffen für (Selbst)Reflektion und Veränderung, in dem die Zuschauer dazu aufgefordert werden, ihr Wissen über die menschliche Natur zu vertiefen und ihre Erfahrungen und Vorstellungen über intime menschliche Beziehungen neu zu bewerten – besonders im Hinblick auf die De-Objektifizierung und Individualisierung menschlichen Austauschs, im Wecken der Neugier auf den „Anderen“ und im Hinblick auf unsere emotionale Fähigkeit, sich in die Haut dieses „Anderen“ zu versetzen. Ich persönlich glaube, dass das Verständnis der menschlichen Natur und die Ausübung unserer Fähigkeit, den anderen als unser anderes Ich zu empfinden, als eine andere Möglichkeit unseres eigenen Selbst, eine wesentliche Kraft der Veränderung darstellt, sowohl bezüglich unseres inneren Selbst, wie auch hinsichtlich unseres Umgangs mit der Außenwelt. So wie es der Anarchist Gustav Landauer beschrieb: „Die Gesellschaft ist nicht etwas, das durch Revolution verändert werden kann, sie stellt einen Zustand dar, geformt von den Beziehungen der Menschen untereinander, dem Modus menschlichen Verhaltens; wir ändern sie, indem wir unsere Beziehungen ändern, indem wir uns anders zueinander verhalten.“
 
Und hier bin ich nun, mitten im Prozess des Arbeitens an mir selbst, um endlich die Nabelschnur zu kappen, all das loszuwerden, das mich in meinen intimen Beziehungen, meiner Kreativität davon zurückhält, frei zu sein, zu erblühen. Und TOUCH ME NOT ist Teil genau dieser persönlichen Forschungsreise, indem darin alle meine eigenen Ansichten über Intimität hinterfragt werden. 
 
Alle Charaktere verzehren sich nach Intimität und haben zugleich tiefe Angst davor, stecken fest in alten Mustern und Abwehrmechanismen, im Zusammenprall zwischen dem Bedürfnis nach Bindung und Autonomie, zwischen Geben und Nehmen, zwischen ihrer Auffassung von Intimität und der Realität. Das zentrale Dilemma von Intimität – den anderen zu lieben ohne sich zu verlieren – bildet den Kern meiner Suche - sowohl hier im Film wie in meinem Leben. 
 
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Donnerstag 18.10.2018
MORITZ DANIEL OPPENHEIM
Ab 25. Oktober 2018 im Kino
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Der weltweit erste abendfüllende Kinodokumentarfilm über den als "Maler der Rothschilds und Rothschild der Maler" in die Geschichte eingegangenen Moritz Daniel Oppenheim (*1800 in Hanau, gest. 1882 in Frankfurt/M.) schlägt auf zwei abwechselnden Erzählebenen Brücken vom Damals ins Heute.
Die junge Filmemacherin Isabel Gathof geht auf internationale Spurensuche nach Oppenheims Erbe und dokumentiert in eindrucksvollen Bildern das symbolische „Werden“ des Künstlers – verkörpert durch die Statue des Bildhauers Pascal Coupot, deren kreativer Entstehungsprozess vom ersten Golem-artigen Miniaturmodell bis hin zur überlebensgroßen Stahlskulptur von der Kamera begleitet wird. Eine ambitionierte Fusion aus elektronischer und klassischer Musik – die in Zusammenarbeit mit der Neuen Philharmonie Frankfurt entstand – setzt hier die passenden Akzente und bildet mit Reminiszenzen an das Werk Felix Mendelssohn-Bartholdys, einem Zeitgenossen Oppenheims, den Soundtrack zum Film.


Ein Film von Isabel Gathof

Seine Karriere begann im Ghetto von Hanau, von dem er schließlich als erster jüdischer Künstler mit akademischer Ausbildung zum „Maler der Rothschilds und Rothschild der Maler“ aufstieg:

Zum ersten Mal widmet sich ein Dokumentarfilm Moritz Daniel Oppenheim, der mit seinen jüdischen Genredarstellungen nicht nur erstmalig ein jüdisches Selbstbewusstsein in der Kunst etablierte, sondern einen aktiven Beitrag zum interkonfessionellen Dialog leistete – ein Thema, das gerade heute kaum aktueller sein könnte.

Als die Stadt Hanau bei Frankfurt/M. im Sommer 2015 ihrem wohl berühmtesten jüdischen Sohn mitten im Zentrum ein Denkmal setzt, nimmt die junge Filmemacherin Isabel Gathof dies zum Anlass, die Lebenslinie Oppenheims nachzuzeichnen und den Menschen hinter der Statue emotional erlebbar zu machen.

Wer war dieser außergewöhnliche Künstler, der Zeitgenossen wie Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe, Felix Mendelssohn-Batholdy und nicht zuletzt seine Mäzene aus der renommierten Bankiersfamilie Rothschild auf Leinwand bannte? Welche Rolle spielte sein Werk beim Kampf der Juden um rechtliche und soziale Gleichberechtigung in dem von Revolutionen geprägten Deutschland des 19. Jahrhunderts?

Moritz Daniel Oppenheim hat sich mit seinem Hauptwerk, den Darstellungen zum jüdischen Familienleben als einer der wichtigsten visuellen Chronisten eines bedeutenden Kapitels deutsch-jüdischer Geschichte – dem Zeitalter der Jüdischen Emanzipation – profiliert. Die liebevolle, detailgetreue Wiedergabe gelebter, jüdischer Rituale macht ihn bis heute nicht nur unter Kunsthistorikern und Judaisten zu einer wertvollen Quelle deutsch-jüdischer Kultur.

Heute in Vergessenheit geraten, erreichte Oppenheim zeitlebens bis in die 1930er Jahre ein weltweites Massenpublikum. Die Alben mit seinen Bildern erlangten bis in die USA Bestseller-Status und hielten Einzug in die Populärkultur.

Der Film geht auf internationale Spurensuche nach Menschen, Motiven und Museen, in denen das Erbe des Künstlers bis heute lebendig fortbesteht.

Auf zwei abwechselnden Erzählebenen wird der Zuschauer mit auf eine Reise genommen, die das sinnbildliche „Werden“ Moritz Daniel Oppenheims auf bislang noch nie da gewesene Art & Weise zeigt: zum einen zeichnen Interviews mit international renommierten Kunsthistorikern aus dem In- und Ausland sein Leben & Werk nach – Begegnungen mit direkten Nachfahren des Künstlers sowie von ihm Portraitierter schaffen zusätzlich einen sehr persönlichen Zugang zum Thema. Zum anderen dokumentieren imposante Bilder den kreativen Entstehungsprozess des von den Bildhauern Robert Schad und Pascal Coupot geschaffenen Oppenheim-Monuments – vom Golem-artigen Miniatur-Modell im Atelier in Frankreich, bis hin zum funkensprühenden, heißen Eisen in der Gießerei, in der das stählerne „Alter Ego“-Oppenheims wie Phönix aus der Asche steigt. Ein eigens auf die Filmbilder komponierter Soundtrack, der in Zusammenarbeit mit der Neuen Philharmonie Frankfurt entstand und in einer Fusion aus klassischer und elektronischer Musik in Reminiszenzen an das Werk Felix Mendelssohn-Bartholdys Brücken vom Damals ins Heute schlägt, runden das bildgewaltige Erlebnis ab.

So entsteht ein einzigartiges und sehr plastisches Portrait eines Künstlers, der seiner Identität in bewegten Zeiten stets treu geblieben ist. Ziel des Dokumentarfilmes ist es, Oppenheim dem Vergessen zu entreißen und ihm seinen angestammten Platz in der deutschen Künstlerlandschaft des 19. Jahrhunderts zurück zu geben.
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Donnerstag 11.10.2018
NANOUK
Ab 18. Oktober 2018 im Kino
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Jakutien beherbergt die Eiswüsten des sibirischen Nordens: ein unwirklicher, lebensfeindlicher Ort und gleichzeitig atemberaubend schön. Hier leben wie ihre indigenen Vorfahren Sedna und Nanouk, ein in die Jahre gekommenes Ehepaar. Ihre Jurte besteht aus Rentierfellen und sie versorgen sich mit Jagen und Fischen, in der Wildnis nur begleitet von ihrem Hund. Es ist ein schweigsamer und rauer Alltag, den beide ohne viele Worte verbringen. Und das Überleben wird schwieriger, denn die wenigen Tiere um sie herum verenden an einer mysteriösen Krankheit. Die immer früher einsetzende Schneeschmelze und Stürme bedrohen die schützende Behausung.
Ein Besuch unterbricht ihre Routine. Chena, ein junger Mann, ist die einzige Verbindung zur Zivilisation und zu Tochter Ága. Vor langer Zeit hat sie das traditionelle Le
ben und die Familie verlassen. Nanouk möchte seine Tochter noch einmal wiedersehen. Im Angesicht so vieler Entbehrungen macht er sich schließlich auf den Weg – von der Wildnis in die Stadt und zu Ága.
NANOUK ist ein zutiefst poetischer, intimer Film. Er erzählt in großen Bildern von einer unbeherrschten Welt, in der der Mensch oft klein erscheint, und doch geborgen ist in der Natur, die ihn umgibt. Regisseur Lazarov, der für sein Debüt in Venedig ausgezeichnet wurde, gelingt es, an einem entrückten und wunderschönen Ort eine Geschichte zu erzählen, die aktueller und globaler nicht sein könnte.

Ein Film von Milko Lazarov

Nanouk - Mikhail Aprosimov
Sedna - Feodosia Ivanova
Ága - Galina Tikhonova


DER REGISSEUR MILKO LAZAROV

Milko Lazarov wurde 1967 in Bulgarien geboren. Er studierte an der National Academy for Theatre and Film Arts (NAFTA) in Sofi a in der Klasse von Prof. Vladislav Ikonomov. Später war er selbst auch als Dozent am Film Department der NAFTA tätig. Sein Debütfi lm ALIENATION feierte Weltpremiere in der Offi  cial Selection der Venice Days.

Ausgewählte Filmographie
2018 NANOUK
2013 ALIENATION
2009 ONE HUNDRED YEARS OF SOLITUDE  (DOKUMENTARFILM)
2007 STEFAN STAMBOLOV (DOKUMENTARFILM)
2007 HRISTO BOTEV (DOKUMENTARFILM)


INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR

Wie und wann entstand die Idee für den Film?
Schon als kleiner Junge war ich fasziniert vom Nordpol und den Menschen im Norden. Wahrscheinlich ist das der Hauptgrund, warum ich mich so viele Jahre später für dieses Thema entschieden habe.

Was ist Ihre persönliche Verbindung zu dem Thema?
Ich bin neugierig, wie sich die moderne Welt auf kleine Gemeinschaften auswirkt. In verschiedenen Phasen unseres Lebens fühlen wir uns manchmal als Teil einer kleinen und verschwindenden Gemeinschaft.

Warum eine Geschichte, die am Polarkreis spielt?
Die Kombination aus dem Thema und dem Umfeld gibt einem den richtigen Blickwinkel, wenn man versucht, das substantielle Innenleben unserer Charaktere zu beobachten. Deshalb haben wir uns entschieden, eine Geschichte über isolierte Menschen zu erzählen.

Wie haben Sie zu diesem Thema recherchiert?
Durch Zufall traf ich einen der größten Denker, den ich je in meinem Leben kennengelernt habe – Professor Asen Balikci. Er ist einer der Väter der Visuellen Anthropologie. Die Gespräche mit ihm gaben mir ein neues Verständnis davon, wie verletzlich und ehrlich die Menschen im Norden sind.

Welche Filme oder andere Kunstwerke, Musik etc. haben Sie inspiriert?
Ich kann nur einige große Namen nennen, die mich im Laufe der Jahre inspiriert haben – Fjodor M. Dostojewski, Luchino Visconti, Gustav Mahler, Edward Hopper.

Wie würden Sie Ihre Hauptfi guren beschreiben? Was ist der globale Aspekt ihres Kampfes?
Ich sehe meine Figuren als die letzte Familie auf der Erde. Sie versuchen, diese Familie zusammenzuhalten.

Wie haben Sie Ihre Schauspieler gefunden?
Feodosia Ivanova ist eine Laiendarstellerin. Ich sah sie in einem Film, den ihr Nachbar gedreht hat, und war begeistert von ihrem Gesicht. Für die Figur von Nanouk haben wir ein Casting in Jakutsk durchgeführt und wir haben uns sehr leicht gefunden. Es war Liebe auf den ersten Blick mit beiden Darstellern.

Ökologische Fragen sind im zeitgenössischen Kino sehr präsent. Inwieweit passt Ihr Film in diese Welle des Geschichtenerzählens und wo wäre der Unterschied?
Die ökologische Frage ist in unserem Film präsent, aber auf eine sehr behutsame Art und Weise. Sie ist ein Teil des Lebens der Figuren, aber unser Hauptziel war es, die Beziehungen untereinander zu beobachten.

Die Figuren werden meist aus der Ferne dargestellt. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Wie ich bereits erwähnt habe, sind sie die verletzlichsten Menschen, die ich je getroffen habe. Deshalb erschien die Entfernung sehr natürlich. Ich versuchte, Teil ihres Lebens zu sein, aber gleichzeitig fühlte ich mich als Teil von etwas sehr Schönem und Zerbrechlichem.



LEBEN AM POLARKREIS

Arktis
Als Arktis wird allgemein die nördliche Polarregion bezeichnet. Sie wird oft über beispielsweise die Baumgrenze oder die Temperatur abgegrenzt. Früher wurde sie schlicht als „Region nördlich des Nordpolarkreises“ (66° 33‘ nördliche Breite) festgelegt. Schnee und Eis bedecken im Zentrum der Arktis ganzjährig einen großen Teil der Land- und Meeresoberfl äche, während in den südlicheren Arktisgebieten größere Oberfl ächenbereiche im Sommer abtauen und deshalb lebensfreundlicher sind.

Diamantmine
1955 wurden in Jakutien das größte Diamantvorkommen Russlands entdeckt, das seit 1982 im Tagebau ausgebeutet wird. Mit einer Tiefe von 530 m gehört diese Mine namens Udatschnaja zu den tiefsten Tagebauen der Welt.

Ewenken
Nanouk und seine Familie gehören dem Volk der Ewenken an, einer kleinen indigenen Minderheit in der Republik Sacha (Jakutien). Wie es auch bei den Inuit Nordamerikas der Fall ist, leben einige von ihnen noch als Nomaden von der Jagd, auch wenn immer mehr sesshaft werden und die alte Lebensweise aufgeben. Damit gehen auch die Traditionen und das Wissen verloren, das dieses Leben erst ermöglichte.

Jakutien
Jakutien (offi  ziell: Republik Sacha) ist eine Republik im Nordosten der Russischen Föderation, sie nimmt einen Großteil dessen ein, was in Europa als Ostsibirien bezeichnet wird. Die Fläche der Republik Sacha ist etwa so groß wie das Festland der Europäischen Union, sie hat aber weniger als eine Million Einwohner. Der größte Teil der Republik gehört zum Einzugsbereich des Flusses Lena, einem der längsten Flüsse der Erde. Das gesamte Territorium hat Permafrostboden. Sacha ist reich an Bodenschätzen wie Edelmetallen, Erdgas, Kohle und Diamanten.

Maultrommel
Die Maultrommel ist ein kleines Musikinstrument, dessen Tonerzeugungsprinzip bereits sehr lange auf der ganzen Welt verbreitet ist. Eine mit den Fingern bewegte elastische Zunge schwingt in die Mundhöhle des Spielers. Der dabei erzeugte Ton wird durch Änderung der Größe der Mundhöhle und durch die Atmung klanglich verändert, vor allem die Obertöne können als Melodie wahrgenommen werden. Ihren Ursprung hat sie wahrscheinlich in Asien.

Nomaden
Als Nomaden werden im engeren Sinn Menschen bezeichnet, die aus ökonomischen Gründen eine nicht-sesshafte Lebensweise führen. Meistens leben Nomaden in extremen Klimaverhältnissen und folgen Tierherden oder hüten ihre eigenen Tiere.

Permafrostboden
Permafrostböden sind durchgehend gefrorene Böden. Daher wird er auch Dauerfrostboden genannt. Er setzt sich aus Gestein, Eis, Luft und Pflanzenresten zusammen und findet sich sowohl in den Gletschergebieten der Alpen als auch in den Regionen rund um den Nord- und Südpol in Zonen mit arktischen und antarktischen Tundren wie Kanada, Alaska und Russland. Aktuell ist ein Rückgang des Permafrostbodens zu beobachten. Der Klimawandel und die globale Erwärmung führen dazu, dass er immer weiter auftaut. Dies ist eine doppelt bedrohliche Entwicklung, denn im Permafrostboden sind auch große Mengen der Treibhausgase Methan und Kohlendioxid gespeichert. Ein Auftauen der Böden führt demnach zu einem weiteren Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre, wodurch wiederum die globale Erwärmung beschleunigt wird.

Rentiere
Rentiere gehören zur Familie der Hirsche. Sie leben im Sommer in den Tundren und im Winter in der Taiga Nordeurasiens und Nordamerikas sowie auf Grönland und anderen arktischen Inseln. Es ist die einzige Hirschart, die domestiziert wurde. Schon auf Höhlenzeichnungen der Steinzeit findet man sie häufig dargestellt. Bis heute werden Rentiere in vielen Teilen der Welt wegen ihres Fleisches und Fells gehalten und gejagt. Der Beginn der Nutzbarmachung der Rentierherden durch Hirten liegt etwa 5000 Jahre zurück und fand zuerst in Sibirien statt.

Schlittenhunde
Als Schlittenhund bezeichnet man jeden Hund, der vor einen Hundeschlitten gespannt wird, um diesen zu ziehen. Schlittenhunde müssen ausdauernd und gegen Kälte resistent sein. Wo und wann Hunde erstmals als Zugtiere für Schlitten eingesetzt wurden, ist unbekannt. Vermutet wird jedoch, dass dies im nördlichen Sibirien, dessen indigene Völker auf eine lange Tradition winterlichen Nomadentums zurückblicken, erfolgte.

Taiga
Taiga, auch Borealer Nadelwald genannt, ist ein aus dem Russischen stammender Begriff und bezeichnet eine Vegetationszone mit einem charakteristischen Landschaftstyp. Sie ist die nördlichste Waldformation der Erde und kommt ausnahmslos auf der Nordhalbkugel vor. Charakteristisch für die verschiedenen Formen der borealen Wälder sind relativ gleichförmige Nadelwaldgebiete, nur Nadelbäume halten der extremen Kälte (bis zu -50° C) stand. Die Taiga reicht in ihrer maximalen Ausdehnung etwa von 71° nördlicher Breite bis 42°. Im Norden geht sie in Waldtundra und dann Tundra über.

Tundra
Tundra, auch Kältesteppe genannt, ist ebenfalls ein aus dem Russischen stammender Begriff. Charakteristisch für die verschiedenen Formen der Tundra ist eine offene, baumfreie Landschaft, meistens über Permafrostböden, die je nach Untertyp von Flechten, Moosen, Gräsern und sommergrünen Zwergsträuchern dominiert wird. Die nördliche (arktische) Vegetationszone der Tundra reicht jenseits der polaren Waldgrenze in ihrer maximalen Ausdehnung etwa von 80° nördlicher Breite bis 55°.
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