Echo
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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Renaud Garcia-Fons – Der Bass spielende Kosmopolit

1

Puchheim: Karl Seglem und die Quelle seiner Kreativität

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Landsberg: Kinga Glyk - Die Summe des E-Bass

3

Landsberg: Die letzte Karawanserei - Familiäre Katastrophen und individuell...

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Fürstenfeld: Die Blechtrommel - Ein Abend zwischen erschütternder Weltsicht...

5

Landsberg: Matthew McDonald & Yannik Rafalimanana – Perfektes Zusamme...

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Montag 19.11.2018
Landsberg: Renaud Garcia-Fons – Der Bass spielende Kosmopolit
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Foto: S. Baramsky
Landsberg. „Bass-Wochen“ könnte man einige Veranstaltungen aus der letzten Zeit in Landsberg zusammenfassend nennen. Erst gab es im Rathaus die klassische Variante, mit dem gebürtigen Australier Matthew McDonald und seinem Bach-Bottesini-Schumann-Repertoire im Duo. Dann war die aus Polen stammende Kinga Glyk zu Gast am Lech und begeisterte mit ihrer Band und der Fusion aus Jazz, Funk und Pop. Am Sonntag stand nun ein Bass spielender Kosmopolit im Zentrum eines Konzerts im Stadttheater. Renaud Garcia-Fons, geboren 1962 in einem Pariser Vorort, ist als Musiker ein Verbindungsglied zwischen divergierenden stilistischen Welten, ein technisch brillanter Virtuose zwischen Klassik und Folklore, der die zeitgenössische Improvisation als Grundlage für seine weitläufigen Klangreisen nutzt. In Landsberg trat Garcia-Fons mit dem Akkordeonspieler David Venitucci und dem Schlagzeuger/Vibraphonisten Stephan Caracci auf.
In jeder Faser ihres gemeinsamen Auftritts spürte man jenes weltumspannende und weltvereinigende Denken, von der die Politik so phrasenhaft redet, aber selten überzeugend handelt. Dabei meinte Garcia-Fons selbst einmal: „Meine Musik ist nicht politisch. Es gibt keine Botschaften, nein. Sie soll die Menschen erfreuen, für ein paar Stunden aus allem heraus reißen!“ Gesagt getan. Für ihn ist es eben eine Selbstverständlichkeit, in die unterschiedlichsten europäischen, latainamerikanischen, nordafrikanischen und arabischen Lebensformen einzutauchen und hier für seine Kunst fündig zu werden.
Garcia-Fons strich, zupfte, streichelte, trommelte und schüttelte sein Instrument, dass es eine Freunde war. Das Ergebnis? Sein Bass sang und stöhnte, stampfte und growlte, zirpte dunkel und wechselte in die höchsten Obertöne. Er improvisierte eloquent und sein dickbäuchiger Korpus klang wie eine handliche Gitarre, mal wie ein elegantes Cello, hatte Ähnlichkeit mit der Kurzhalslaute des Vorderen Orients, oder einer japanischen Koto. All diese Möglichkeiten nutzte Garcia-Fons, um seine üppige Musik zu spielen. Er bringt während eines Konzertes derart viel Töne zum klingen, von denen manch anderer Bassist die Hälfte seiner Karriere zehrt. Der Bass scheint für Garcia-Fons das Kommunikationsmittel Nummer Eins zu sein. Und er beherrscht dieses Kommunikationsmittel perfekt, spielt es grandios und in traumwandlerischer Sicherheit, sowohl in den sinnlichen, als auch in den impulsiven Lagen. Er ist dabei das Zentrum seiner Musik, gibt Stilistiken, Stimmungen und Tempo vor, reißt seine Partner temperamentvoll mit. Von einem Bass spielenden Rhythmusknecht kann keine Rede sein.   
Sein Auftritt war wie eine Seightseeing-Tour durch Paris. Denn das Programm nannte der Bassist entsprechend seinem letzten Album „La vie devant soi- Revoir Paris“. Und Paris ist aufgrund seiner Geschichte und natürlich seiner heutigen Anziehungskraft randvoll mit fernen Kulturen – die meist friedlich nebeneinander und miteinander leben. Und in einem Umfeld der „Les Rue Vagabondes“, dem „Montmatre En Courant“, der „Le Long De La Seine“ darf ein Song des großen George Brassens nicht fehlen – als eine von etlichen Zugaben.
Jörg Konrad
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Freitag 16.11.2018
Puchheim: Karl Seglem und die Quelle seiner Kreativität
Puchheim.Die Natur ist mir wichtig. Wenn ich in der Natur bin, fühle ich mich erneuert, ich finde die Inspiration, kreativ zu sein, und ich entdecke wahre und oft sehr einfache Freuden. In vielerlei Hinsicht wird Musik für mich lebendig: Indem ich Zeit in der Natur verbringe, sie nutze und erlebe“ - Karl Seglem anlässlich der Veröffentlichung seines letzten Album „Nunatak / Eine Erzählung“. Am gestrigen Abend merkte man im Puchheimer Kulturcentrum PUC dem norwegischen Saxophonisten und Ziegenhornspieler an, was genau er damit meinte: Getragene Melancholien, kleine, sich wiederholende subtile Figuren, perkussive Kontraste, mitreißende Melodielinien.
Karl Seglem schafft auf verführerische Art musikalische Innenräume, die er anschließend mit ausgewogenen Improvisationen füllt. Er trotzt der Musik eine gewisse Schönheit ab. Nein, ein musikalisches Widerstandsnest klingt eigentlich anders.
Inspiration ist natürlich die Voraussetzung für ein solch bewegendes Konzert. Zugleich zielte der Inhalt des Auftritts von Seglems Septett genau auf den Erhalt dieser Quelle der Kreativität, dem Verhältnis von Mensch und Natur. Insofern ein musikalischer Aufschrei, ein kämpferischer Auftritt, ein entschiedenes Nein zu Zerstörung und Demontage des Elementaren, oder zur fahrlässigen Urbanisierung der Umwelt.
Es greift zu kurz, seine Idee und sein Spiel allein als Ausdruck seiner musikalischen Fantasie zu bezeichnen. Bei Karl Seglem geht es inhaltlich um bewusstes Handeln, es geht auch um politische Überzeugungen, ja in gewisser Weise auch um Kampf – für eine intakte Zukunft. So klingt vieles von dem, was der Norweger instrumental und inhaltlich umsetzt, eben doch wütend, bissig, ohne sich ins instrumental Aggressive zu stürzen. Er will mit seiner Musik erhalten, bewahren und erneuern. Er ist, was die Umwelt und deren Erhaltung betrifft, letztendlich aber konventionell, er ist Traditionalist im positiven, im kreativen Sinn.
Seglem besitzt dieses große Herz des Nordens. Manchmal leicht unterkühlt wirkend, dabei jedoch immer empathisch, der Musik und seinen Instrumentalisten freundlich zugewandt. Die Wirkung die sein Spiel entfaltet, immer zwischen Jazz und Folklore changierend, ist und das lässt sich kaum anders beschreiben, dabei berauschend, beharrlich und letztendlich brennend. So wird Musik zu einem Therapeutikum oder anders ausgedrückt: Das war ungesattelter Jazz, der Synkopen überspringt, der folkloristisch galoppiert, bei dem der Pflug ächzt und letztendlich ein fruchtbares Feld zurückbleibt. Selten war der Titel der seit fast sechs Jahren erfolgreichen laufenden Reihe JAZZ AROUND THE WORLD passender. Da wirkte auch der zwar kurze, aber insgesamt ausgewogene Auftritt des Duos Beba Ebner & Thomas Frey im Vorprogramm stimmig.
Jörg Konrad
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Sonntag 11.11.2018
Landsberg: Kinga Glyk - Die Summe des E-Bass
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Landsberg. Mit Youtube-Erfolgen ist das so eine Sache. Innerhalb von wenigen Tagen (manche sprechen gar von Stunden) kann die Popularität eines Musikers derart Fahrt aufnehmen, wie sie zuvor nur über Jahre schweißtreibender Arbeit zu erreichen war. Das hat, wie manch anderer Hype, natürlich Vor- und Nachteile. Kinga Glyk, die polnische Bassistin, ist über Nacht zum Star geworden. Ihr Video „Tears in Heaven“, ein Song von Eric Clapton, ist in ihrer Bassversion 20 Millionen(!) mal geteilt worden. Und seitdem tourt die erst 21jährige, die zuvor niemand kannte, quer durch die Welt, tritt in Groß- und Kleinstädten auf, ist Gast auf namhaften Festivals und hat mittlerweile schon drei Alben unter eigenem Namen aufgenommen. Am Samstag stattete Glyk und ihr Trio dem Landsberger Stadttheater einen Besuch ab.
Das besondere an Kinga Glyk? Sie ist jung, weiblich und hat sich, als Bassistin, nicht erst durch unzählige Bands dienen müssen, bis sie ihre erste eigene Formation erfolgreich gründete. Nicht nur im Jazz ein Novum. Aber es wäre ungerecht, die Instrumentalistin allein auf diese Details zu reduzieren. Denn Kinga Glyks ist mit Leib und Seele Musikerin, einfühlsam, mit einem todsicherem Timing und ausgezeichneter Technik. Das alles war während ihres gesamten Auftritts in Landsberg auch zu spüren. Was sie spielte und wie sie spielte, erschließt nicht unbedingt musikalisches Neuland. In ihren Arrangements und deren Umsetzung bewegte sie sich auf einem Areal, das zuvor andere große E-Bassisten vor ihr beackert hatten. Ein Abend mit Kinga Glyk ist so etwas wie die Summe all dessen, was sich hier in den letzten über fünf Jahrzehnten entwickelt hat. Das Fusionkonzept, in dem sich Funk und Rock`n Roll, Jazz und Pop auf Augenhöhe begegnen, erinnert in seiner Summe am ehesten an Marcus Miller, diesen Bass spielenden Heißsporn aus Brooklyn, der als musikalischer Direktor die Verantwortung für die letzte Etappe in der Karriere Miles Davis´ inne hatte.
Kinga Glyk zog das Publikum mit ihrem wohltemperierten, aber intensiven Konzept natürlich gleich auf ihre Seite. Mit ihren beiden musikalischen Partnern, dem Keyboarder Paweł Tomaszewski und dem Schlagzeuger David Haynes, gelang es ihr tatsächlich, den Bass als Leadstimme unaufdringlich zu platzieren. Nicht knarzig oder schwerfällig, sondern groovend und mit Esprit. Manchmal klang die Musik wie ein virtuoses Relikt aus den frühen 1980er Jahren, was mit Sicherheit am Sound von Paweł Tomaszewski und den „Geheimnissen“ seines Tastenturms lag. Er ist einer dieser idealen Studio-, bzw. Tourmusiker, die fast jede Musik veredeln, ihr Biss und Spannung geben. Ähnlich David Haynes, diesem trommelnden Unruheherd, der alles, was er hört, in treibende Rhythmen übersetzt.
Vor der Pause gab es ein Stück von Kinga Glyks absolutem Favoriten, von Jaco Pastorious. Sein „Teen Town“, bekannt geworden durch Joe Zawinuls Band Weather Report, ist das non plus ultra eines jeden versierten E-Bassisten. Und Kinga Glyk beherrscht dieses Stück perfekt, spielte es mit vollem Risiko, ohne zu stolpern und mit aller ihr und ihrer Band zu Gebote stehenden Intensität.
Jörg Konrad
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Freitag 09.11.2018
Landsberg: Die letzte Karawanserei - Familiäre Katastrophen und individuelle Repressionen
Landsberg. Man kennt sie mittlerweile zur Genüge, die Retter des Abendlandes, die in laufende Kameras ihren Hass brüllen und damit allein ein Zeugnis ihrer Erbarmungslosigkeit abgeben. Sie scheinen völlig vergessen zu haben, dass das Neue Testament eben auch eine Geschichte ist, die auf Flucht und Vertreibung fußt. Und in der langen, wechselhaften und häufig gewaltbereiten Historie der Alten Welt scheint dieses unselige Verhalten der Ausgrenzung rückblickend auch Programm zu sein. So werden Menschen, die auf der Flucht sind, immer neu vertrieben. Egal wohin!
Ariane Mnouchkine hat kurz nach der Jahrtausendwende 400 Interviews mit Geflüchteten und Asylsuchenden geführt. Entstanden ist daraus ihr Theaterstück „Die letzte Karawanserei“, das in einer Inszenierung des Tübinger Landestheater am Donnerstag im Landsberger Stadttheater aufgeführt wurde. Hierbei handelt es sich um eine Sammlung von Momenten und Gefühlen, von erlebten Entwürdigungen, von familiären Katastrophen sowie individuellen Repressionen, die szenisch eine Einheit bilden. Tagtäglich werden wir mit genau diesen Nachrichten konfrontiert, doch eigentlich nur, weil die Welt kleiner geworden zu sein scheint. Denn die massenhafte Verzweiflung aufgrund politischer Indoktrinationen und religiöser Besessenheit Einzelner ist ein gefühlter Dauerzustand geworden.
Christoph Roos hat für seine Theatertruppe diese bedrückenden Vorlagen aufgearbeitet und collagenartig zusammengesetzt. Es sind Szenen der Gewalt und der Entmenschlichung, die bei den Betroffenen nur den einen Gedanken zulassen: Flucht – koste es, was es wolle. Und damit sind ein Großteil dieser Geschöpfe schon in den Fängen von skrupellosen Schleppern und Menschenhändlern und geben häufig aus Verzweiflung notgedrungen den eigenen Stolz und die persönliche Würde auf.
Ross und sein Ensemble versuchen diese Realität nachzugestalten, mit all den wenigen dramaturgischen Mitteln, die dem Theater und einer solchen Aufgabe zur Verfügung stehen. Das „da draußen“ ist letztendlich erfindungsreicher und unvorstellbar grausamer, ist realer und lebendiger als jeder Versuch, Situationen künstlerisch aufzubereiten und nachzuzeichnen.
„Die letzte Karawanserei“ spielt nicht nur an den Orten, an denen die Demütigung beginnt, in Moskau und Kabul, im Kosovo und in Afghanistan. Das quälende Schicksal dieser Menschen setzt sich auch am scheinbaren Ziel ihrer Reise fort, in den Booten vor Australien, am Eurotunnel in Calais, in den Verhören der Einwanderungsbehörden.
Es ist ein schwieriges Unterfangen, diese Verzweiflung theatral auszudrücken und nicht in jedem Moment gelingt dieser heikle Spagat zwischen Realität und Kunst. Die Schauspieler wechseln ständig die Rollen, sind mal Betroffene, mal Täter, letztendlich aber immer Opfer eines Systems. Die dröhnende Lautstärke einiger Sequenzen, die das ohnmächtige Ausgeliefertsein der Flüchtlinge körperlich spürbar zu machen, übermannt zeitweise das Publikum. Zäune werden aufgebaut, die das Gefühl vom Leben im Käfig vermitteln, gefangen in der eigenen Hoffnung. Und zwischendurch immer wieder die Anrufe in der Heimat, um den Eltern das nicht vorhandene Glück im fremden Paradies zu verzutäuschen.
„Die letzte Karawanserei“ ist der Versuch, Menschen in dramatischen, zweifellos apokalyptischen Situationen zu verstehen. Es geht eigentlich nicht um Aufklärung, sondern um das Verdeutlichen von absurdem menschlichem Verhalten – und der persönlichen Sensibilisierung an deren Schicksal.
Jörg Konrad

 
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Donnerstag 08.11.2018
Fürstenfeld: Die Blechtrommel - Ein Abend zwischen erschütternder Weltsicht und schauspielerischer Genialität
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Fotos: Birgit Hupfeld
Fürstenfeld. Als der Roman „Die Blechtrommel“ 1959 erschien, spaltete er die Gesellschaft aufgrund seiner rebellierenden Provokation. Einig war man sich hingegen, dass dieser Stoff nicht verfilmbar sei. Als ihn dann Volker Schlöndorff zwei Jahrzehnte später mit David Bennent in der Hauptrolle für die Leinwand inszenierte, war es das Filmereignis schlechthin und wurde oscarprämiert, doch gleichzeitig auch wieder klar: Fürs Theater taugt dieses Stück nicht. Fast sechzig Jahre nach Grass` Buch kommt nun Oliver Reese des Weges und macht aus dem Jahrhundertthema ein Ein-Personen-Stück. Der giftige Oskar Mazarath, gespielt von Nico Holonics, trommelt und redet, redet und schreit, trotzt und trommelt - fast zwei Stunden am Stück. Eine verbale Tour de Force über ein Weltverbrechen des letzten Jahrhunderts und einem ach so ahnungslosen Volk. Gestern nun gastierte das Berliner Ensemble mit „Die Blechtrommel“ in Fürstenfeld. Ein Abend zwischen erschütternder Weltsicht und schauspielerischer Genialität.
In einem quadratischen Areal, aufgefüllt mit brauner kaschubischer Erde, tobt sich Oskar aus und erzählt mal greinend, mal leidenschaftlich, dann wieder spottend seine Lebensgeschichte. Angefangen bei der Zeugung der Mutter auf einem pommerschen Feld, seiner widerborstigen Entscheidung nicht weiter wachsen zu wollen, über den ewigen Zweifel referierend, wer denn nun sein wirklicher Vater sei, über seine Gabe, Glas zum Zerspringen zu bringen, bis hin zu dem Moment, als Alfred Mazerath aus Verzweiflung vor den einmarschierenden Russen sein Parteiabzeichen schluckt, an dem er jämmerlich erstickt.
Natürlich gehört auch der Moment auf die Bühne, in dem Oskar sich mit 21 Jahren entschließt, seine geliebte Trommel zu begraben, um dann endlich wachsen zu können. Licht aus – ein neues Zeitalter beginnt.
Oliver Reese musste für seine Inszenierung ein Großteil des vorhandenen Textes streichen. Trotzdem ist auch der Teil, der übrig bleibt, beeindruckend genug, um als Ein-Personen-Stück tief zu berühren. Vielleicht liegt es ja daran, dass sowohl manche Absätze des Buches, als auch einzelne Sequenzen des Filmes tief im kollektiven Gedächtnis eingebrannt sind, so dass sie keiner weiteren Darstellung bedürfen. Auf jeden Fall gelingt es Nico Holonics seiner Figur kindliche Naivität und vorsätzliche Bösartigkeit, Neugier und Verzweiflung, Wut, Herrschsucht und Liebebedürftigkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt zu vermitteln. Er gibt Oscar viele Gesichter und trotzt ihm ein riesiges Bündel an Emotionen ab, die er in der Zeit des braunen Terrors verzweifelt versucht zu ordnen. Es gibt nichts und niemanden, auf den oder das Verlass ist – außer auf den Klang seiner Trommel. Was bleibt, ist einzig Hoffnung auf die Zukunft.
Gerhard von Keußler
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Sonntag 04.11.2018
Landsberg: Matthew McDonald & Yannik Rafalimanana – Perfektes Zusammenspiel und erfrischende Kommunikation
Landsberg. „Der Kontrabass ist das scheußlichste, plumpeste, uneleganteste Instrument, das je erfunden wurde. Ein Waldschrat von Instrument“, lässt Patrick Süskind in dem gleichnamigen Einakter seinen Protagonisten deklamieren. Es ist auch, was seine Form betrifft, von rachitischen Schultern die Rede und insgesamt von einem Gegenstand, der seinen Spieler „gesellschaftlich, verkehrstechnisch, sexuell und musikalisch nur behindert“.
Dass der Kontrabass als Soloinstrument jedoch nicht nur im Jazz etwas taugt, wie in oben genanntem Drama behauptet, sondern auch in der Klassik seine diesbezüglichen Möglichkeiten ausspielen kann, das wurde am Samstagabend im Landsberger Rathauskonzert akustisch deutlich. Voraussetzung: Man beherrscht das Instrument wie Matthew McDonald und hat dazu einen empathischen und mit breitem Interaktionsradius agierenden Partner wie den französischen Pianisten YannikRafalimanana. Beide gastierten gestern im Festsaal des Landsberger Rathauses mit einem Programm, dessen Auswahl überzeugte und dessen Umsetzung einfach begeisterte.
Dass es auch sehr lyrische Kompositionen für Kontrabass und Klavier gibt, verdankt die Klassik zum Beispiel Autoren wie Giovanni Bottesini (1821 – 1889), der, selbst führender Kontrabassist seiner Zeit und berühmter Dirigent, einige Stücke für diese Besetzung geschrieben hat. Seine „Elegia I“ eröffnete den Abend stimmungsvoll und machte zugleich deutlich, dass dieses Instrument auch eine leichte, eine poetische und eine vom Ton her sehr warme Seite besitzt, die man ihm, bei entsprechender Hingabe und spieltechnischer Substanz, erfolgreich abgewinnen kann.
Überhaupt beeindruckten, was die Duo-Stücke an diesem Abend betrafen, vor allem die ruhigen, unaufgeregten, ja diese wunderbar gefühlsbetonten Kompositionen. Speziell die Lieder von Robert Schumann und Johannes Brahms fanden in McDonald und Rafalimanana ihre interpretatorischen Meister. McDonald übernahm auf dem Kontrabass den Gesangspart, gab den Kunstliedern eine tief berührende Wärme, mit abgedunkeltem Timbre und melancholischer Tiefe. Yannik Rafalimanana begleitete mit einem seelenvollen Understatement, dem Innigkeit und musikalische Vervollkommnung weitaus wichtiger zu sein scheinen, als eine eigennützige Selbstdarstellung.
Man glaubte zu spüren, dass die beiden Musiker diese Stücke aus ihrer Zeit respektvoll in die Gegenwart übersetzten, ihnen einen moderneren Bezug gaben und dabei die geschlossene Form der Vorgaben in den Vordergrund stellten. Das perfekte Zusammenspiel ließ in diesem integrierten Kleinverband immer noch Möglichkeiten einer erfrischenden Kommunikation zu, einer beweglichen Verinnerlichung.
Solistisch glänzte der Solobassist der Berliner Philharmoniker mit Johann Sebastian Bachs „Suite für Violoncello in G-Dur“. Von wegen, der Kontrabass, ein sperriges, schwerfälliges, allein auf tieftönende Effekte ausgerichtetes Instrument. Hier spürte man auch eine federnde Leichtigkeit, die mit den weichen, dunklen Tönen aufs beste harmonierte. Diese uneitel wirkenden Klänge gaben Bachs Musik eine gewisse Getragenheit, in ihrer Intensität eine melodische Größe, ohne je angeberisch zu erschlagen.
Es ist natürlich noch so, dass, wer mit dem Bass konzertiert, mit Strapazen reist. Aber wenn ein Musikabend beim Publikum derart stürmische Begeisterung auslöst - es ist wohl jede Mühe wert.
Jörg Konrad
 
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