Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Ulinka Rublack "Der Astronom und die Hexe"

1

Karen Duve „Fräulein Nettes kurzer Sommer“

2

Madeleine Bourdouxhe „Auf der Suche nach Marie“

3

KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Michail Bulgakow „Die weiße Garde“

4

Delphine de Vigan „Loyalitäten“

5

August Sander „Meisterwerke“

6

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Freitag 18.01.2019
Ulinka Rublack "Der Astronom und die Hexe"
Eines muss man schon vorab konstatieren: Um das Leben des wohl größten deutschen Astronomen des Mittelalters aufzuarbeiten, bedarf es einer ebenso ungemein aufwendigen wie weitreichenden Recherche in den zur Verfügung stehenden Staatsarchiven. Gleichzeitig darf aber der interessierte Leser von der ungeheuren Anzahl der Fakten und Hintergründe nicht erschlagen werden, sondern sollte von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt sein, von der Beschreibung der außerordentlichen Daseinsumstände, die das Wirken eines noch heute so angesehenen Wissenschaftlers in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges entscheidend geprägt haben. In diesem Fall kann man es unumwunden zugeben: Der Autorin Ulinka Rublack ist dies mit dem vorliegenden Buch “Der Astronom und die Hexe“ ausgezeichnet gelungen. Darüber hinaus hat sie aber noch mehr erreicht: Sie zeichnet einerseits das Bild einer Witwe, die, obwohl als Alleinerziehende schon mit genug Problemen des täglichen Überlebens konfrontiert, durch Neid, Missgunst und Eifersucht soweit in eine lebensbedrohliche Enge getrieben wird, dass man noch heute vor ihrer Standhaftigkeit und ihrem ungebrochenen Willen den Hut ziehen muss. Andererseits lernen wir mit Kepler einen Menschen kennen, der seine wissenschaftliche Arbeit und Karriere unterbrechen muss, um seine Mutter vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Aber der Reihe nach. Die Autorin berichtet zunächst von der Normalität des damaligen Lebens. Keplers Mutter Katharina, aus gutem Hause stammend, wird verheiratet, bekommt viele Kinder, verliert davon einige schon im frühsten Kindesalter, was dem eher medizinischen Unwissen jener Epoche geschuldet ist. Auch der Erstgeborene, der auf den Namen Johannes getauft wird, ist eher kränklich und wird durch eine frühkindliche Pockenerkrankung für immer gezeichnet sein. Doch der Sohn hat den Kampfgeist seiner Mutter geerbt. Er genießt eine sehr gute Ausbildung und bekommt schon im frühen Mannesalter eine Anstellung als Mathematiklehrer, wird 1600 Assistent Tycho Brahes  in Prag und dort später als dessen Nachfolger sogar kaiserlicher Hofastronom Rudolf II

So ist er schon bald ein geachteter Mann und trotz eines durch die Pocken bedingten Augenleidens ein hervorragender Beobachter, dem bei der Entdeckung der Supernova von 1604 allerdings das Fernrohr noch nicht zur Verfügung stand. Es wurde erst fünf Jahre später entwickelt und ließ ihn so einen unbewussten Fehler begehen, in dem er den Tod eines Stern als Geburt deutete. Trotzdem hatte ihn seine Schrift „De stella nova“ nun auch weithin bekannt gemacht. Kepler ist gewissermaßen auf dem Höhepunkt seines Ruhms und seiner Karriere, als ihn aus der württembergischen Heimat schlechte Nachrichten erreichen. Die für die damaligen Verhältnisse und Lebenserwartungen schon hochbetagte Mutter Katharina ist verhaftet worden und soll wegen angeblicher Hexerei unter Folter peinlich befragt werden.

Keplers Aufgabe ist von nun an die Verteidigung seiner Mutter. Der Betrachter kann aus heutiger Sicht über die Umstände, die zur Anklage führten, nur ungläubig den Kopf schütteln: Witwe sein und sich durch Kräuterheilungen ein Zubrot zu verdienen, war höchst gefährlich. Und so sind es die lieben Nachbarn, die sich plötzlich und ständig unwohl fühlen, denen ein Kalb oder Schwein stirbt oder ein anderes Gebrechen widerfährt. Sie schwärzen Katharina Kepler als Hexe an und bringen sie so in den Kerker. Kepler weiß allerdings sehr gut, dass ein unter Folter – einem damals üblichen Mittel der Rechtsfindung -  abnorme Geständnisse erpresst werden und die Opfer den qualvollem Tod auf dem Scheiterhaufen erleiden.
Es kommt also auf schnelles Handeln an. Zunächst aber muss sich der Astronom um die Finanzen kümmern, denn – für uns unvorstellbar – die Kosten der Haft obliegen dem Beschuldigten und seiner Familie. Dann aber zeigt sich, dass Kepler, der während seiner langjährigen Beobachtungstätigkeit gelernt hatte, extreme Genauigkeit an den Tag zu legen, von diesen Eigenschaften auch als Verteidiger seiner Mutter profitiert. Präzise seziert er die Aussagen der angeblichen Zeugen, widerlegt so die Akten der Anklagen und lässt den Ankläger selbst – heute wäre dies der Staatsanwalt – ziemlich alt aussehen. Nach eingehendem Studium der Beweislage haben die Tübinger Rechtsprofessoren allerdings noch eine letzte Probe für die Keplerin parat. Beim Anblick des Scharfrichters und einem angedrohten Verhör durch diesen, soll sie sich zu ihrer angeblichen Schuld äußern. Ungebrochen tritt die mittlerweile 75 jährige Witwe dem schnell herbeigerufenen Henker entgegen und beteuert eindringlich ihre Unschuld. So widersteht sie dem Scheintribunal und ist nun endgültig frei.

Aber es ist kein endgültiger Sieg für Kepler. Schadensersatzklagen und andere finanzielle Unwegbarkeiten gilt es zu überwinden, bevor sich der Wissenschaftler wieder an die Arbeit machen kann, um sein größtes Werk, die sogenannten „Rudolfinischen Tafeln“, endlich abzuschließen und in Druck zu geben.
Keplers Mutter hingegen haben die 14 Monate in Eisenketten zwar nicht die Überzeugung von der Unschuld nehmen können, doch ihre Gesundheit war ruiniert. Sie stirbt nach nur sechs Monaten in Freiheit.
Am Ende steht selbst der erfahrene Astronom nach dieser Mammutaufgabe nicht ungebrochen da. Sein körperlicher Zustand ist durch die Rastlosigkeit und Intensität seins Tuns angegriffen. So übernimmt sich Kepler mit einem winterlichen Ritt zu seinem neuen Arbeitgeber Graf Wallenstein nach Regensburg. Kaum angekommen, bekommt er hohes Fieber und stirbt im November1630 mit gerade einmal 59 Jahren. Damit hat er seine Mutter nur um acht Jahre überlebt.

Der Autorin gelingt es wie einst auch dem Astronomen durch eine minutiöse Aufarbeitung der Fakten die höchstgefährliche Situation hautnah miterlebbar und nachvollziehbar zu machen. So können wir uns noch heute detailgetreu in den Kampf um seine Mutter versetzen lassen. So ist die Verlagsankündigung eines „historischen Familiendramas zwischen Hexenverfolgung und moderner Wissenschaft“ keine hohle Phrase.
Darüber hinaus räumt sie aber mit einem auch bei den Astronomen weithin verbreiteten Irrglauben auf: Keplers Tante, die angeblich auf dem Scheiterhaufen endete und so ihre Schwester entscheidend in Gefahr brachte, hat nie existiert.

So ist das abschließende Zitat der Autorin,  „ ich habe dieses Buch nicht nur geschrieben, um ein besseres Verständnis von Individuen, sondern von Familien, einer Gemeinde und einem ganzen Zeitalter zu gewinnen.“, Leitmotiv und Programm des Buches zugleich.
Klaus Huch

Ulinka Rublack
"Der Astronom und die Hexe - Johannes Kepler und seine Zeit"
Klett-Cotta
Autor: Siehe Artikel
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Sonntag 06.01.2019
Karen Duve „Fräulein Nettes kurzer Sommer“
Wer kennt heute noch Annette von Droste-Hülshoff? Man erinnert sich wohl noch an eine mehr oder weniger langweilige Deutschstunde über „Die Judenbuche“,  oder hat noch die Verszeile „O schaurig ist`s, übers Moor zu gehen“ im Ohr. Doch obwohl Annette von Droste-Hülshoff als eine der bedeutendsten Dichterinnen deutscher Sprache gilt, dürfte der Name dieses adeligen Fräuleins den meisten Deutschen nicht mehr allzu viel sagen.
In dem Buch „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ erzählt Karen Duve von einigen entscheidenden Jahren im Leben der jungen Nette, wie sie im Kreis ihrer großen adligen Familie genannt wurde. Annette von Droste-Hülshoff lebte von 1797 bis 1848 im katholischen Münsterland, in der Zeit der späten Romantik und des Biedermeier.
Duves Buch – zugleich biographischer Roman und Gesellschaftsroman – hat nichts biedermeierlich-Betuliches an sich. Er liest sich äußerst unterhaltsam und amüsant. Lebendig und mit trockenem Humor schildert sie z.B. die beschwerlichen Kutschfahrten Annettes über aufgeweichte Landstraßen zu den zahllosen Familienmitgliedern. Oder sie beschreibt Zusammenkünfte der „Poetischen Schusterinnung“, einer Göttinger Studentenverbindung. Man trägt altdeutsche Tracht, empfindet deutschnational und macht gegen Frankreich und die Aufklärung Front. Ihr Gründer ist Annettes nur unwesentlich älterer Onkel August von Haxtleben. Er hat dichterische Ambitionen und ist mit zahlreichen romantischen Schriftstellern befreundet, mit den Brüdern Grimm, Achim von Arnim, Hoffmann von Fallersleben und vielen anderen. Karen Duves große Stärke sind die treffenden, pointierten Dialoge. Ohne Ehrfurcht vor großen Namen behandelt sie das reichhaltige Personal ihres Romans kenntnisreich und mit großem Witz. Ihre ganze Sympathie und ihr Engagement gehören der jungen Annette.
Annette von Droste-Hülshoff ist ein schmales, zartes Wesen von schwacher Gesundheit, kurzsichtig wie ein Maulwurf, mit hervorquellenden Augen und einer nicht ganz geraden Nase. Aber sie hat einen scharfen Verstand und ist vielseitig interessiert und talentiert. Sie singt und spielt ausgezeichnet Klavier und fällt früh durch ihre literarischen Fähigkeiten auf. Auch der reizende Scherenschnitt auf dem Buchcover stammt von ihrer Hand. Doch sie teilt das Schicksal der meisten begabten Frauen der vergangenen Jahrhunderte: ihre künstlerischen Ambitionen, die bloße Liebhaberei weit überschreiten, sind der Familie peinlich. Peinlich wie ihr ganzes unbotmäßiges Verhalten. Annette gilt als vorlaut und exaltiert, sie mischt sich in die Gespräche der Männer ein und respektiert nicht die „Grenzen weiblicher Sittsamkeit“. Sie selbst fühlt schmerzlich ihr Außenseitertum und wird immer wieder von Selbstzweifeln und Selbsthass gequält.
Und dann kommt dieser eine kurze Sommer, der Sommer 1820, in dem aus dem „hässlichen, vorlauten Gänschen Annette“ eine blühende junge Frau wird. Der Student Heinrich Straube, den sein Freund August von Haxtleben für ein literarisches Genie hält, ist in die Familie eingeführt worden. Er ist ein kleiner, unschöner Mann, aber von großer Herzensgüte, und er ist der erste, der Annettes Begabung erkennt und würdigt. „`Hier siehst du das größte literarische Talent, dem ich je begegnet bin`, sagte Straube…und ließ Annettes Hand wieder los. `Deine Nichte ist talentierter als die ganze Poetische Schusterinnung zusammen.` August schnappte nach Luft.“ Annette ist es, als würde das Leben jetzt erst beginnen.
Die Liebesgeschichte zwischen Annette und Straube ist anrührend und herzzerreißend zu lesen, und es ist Karen Duves große Kunst, wie sie die Waage hält zwischen Empathie und Ironie, dem mitfühlenden und dem lustvoll satirischen Blick auf ihre Figuren. Der bürgerliche, mittellose und noch dazu protestantische Straube will Annette, das katholische Freifräulein heiraten, denn die Zeiten haben sich geändert, heute zählt doch „nicht mehr allein die Herkunft, sondern auch die Leistung.“ Aber für August von Haxthausen ist Straube als Ehemann seiner Nichte indiskutabel. Er schmiedet ein Komplott, das die Missheirat verhindern soll.
So endet Annettes kurzer Sommer in einer grausamen Demütigung, in einer Lebenskatastrophe, von der sie sich nie wirklich erholen sollte. Annette von Hülshoff hat nie geheiratet, sie ist zeitlebens ein Freifräulein geblieben. Aber trotz aller Widerstände wurde sie eine große Dichterin.
Es ist zu wünschen, dass es dem hinreißenden Roman von Karen Duve gelingt, das Interesse an dieser eigenwilligen, hochbegabten Frau zu wecken und ihre Dichtung wieder einem breiteren Publikum nahe zu bringen.
Lilly Munzinger, Gauting


Karen Duve
„Fräulein Nettes kurzer Sommer“
Galiani Berlin
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 18.12.2018
Madeleine Bourdouxhe „Auf der Suche nach Marie“
„Das Leben ist doch keine Geschichte die man erzählen könnte…Etwas vom Leben zu fordern ,heißt, es von sich selbst zu fordern.“
Diesen Satz sagt Marie zu ihrer Schwester Claire, nachdem diese gerade einen Selbstmordversuch überlebt hat und danach weiterhin in Passivität und Selbstmitleid verharrt.
Marie und ihre Schwester sind in gutbürgerlichen und behüteten Verhältnissen am Stadtrand von Paris aufgewachsen. Marie studiert Philosophie und Literatur an der Sarbonne, wogegen Claire, die sich immer an ihrer Schwester orientierte und keine eigene Idee für ihr Leben hat, eine unglückliche Ehe mit einem viel älteren Mann eingeht.  Marie selbst lernt während des Studiums Jean kennen.Nachdem die beiden geheiratet haben, ist ihr Focus auf Ehemann und Haushalt gerichtet,  gelegentlich gibt sie Schülern Nachhilfestunden. Und obwohl ein Dienstmädchen da ist, findet sie eine gewisse Art von Erfüllung darin, Töpfe zu scheuern und die Wohnung  zum Glänzen zu bringen.
Doch neben dieser genügsamen Zufriedenheit ist sie auf der Suche nach etwas Anderem. Der Lebensentwurf ihrer Hauptfigur hat vieles mit dem von Madeleine Bourdouxhe gemeinsam. 1906 in Lüttich geboren wuchs auch sie in  gutbürgerlichen Verhältnissen auf und verbrachte die prägenden Jahre ihrer Kindheit in Paris. Auch Bourdouxhe studierte Philosophie und Literatur und zog sich nach ihrer Heirat vorwiegend ins Private zurück. Doch wie bei ihrer Protagonistin Marie verbirgt sich in ihr eine große Kraft, ein innerer Drang nach Selbstreflexion und Autarkie.
Schon als ganz junge Frau hat sie mit dem Schreiben begonnen, das ihr ein inneres Bedürfnis ist. Nach ihrem Studium in Brüssel kehrt sie regelmäßig  nach Paris zurück, ist eng befreundet mit Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre und besucht die Cafes und Restaurants der Pariser Literaturszene.
1937 erscheint bei Gallimard ihr erster Roman „La Femme de Gilles“, durch den sie über Nacht Beachtung und Erfolg findet.  „Auf der Suche nach Marie“ folgt 1943, allerdings in einem kleinen Brüsseler Verlag, da „Gallimard“ nach dem Kriegsausbruch von den Nazis übernommen wurde. Madeleine Bourdouxhe ging es nie um schriftstellerischen Ruhm. Dennoch freute sie sich als Mitte der 80er Jahre ihre Bücher neu aufgelegt und nun auch in englischer und deutscher Übersetzung vorlagen. Bourdouxhes Bücher haben eine  Zeitlosigkeit, sowohl was ihre eindringliche und gleichzeitig schlichte Sprache, als auch die Präsenz ihrer ihre Hauptfiguren angeht. Die Figur von Marie könnte genauso heute existieren.
Nur das Paris der damaligen Zeit , das die Autorin zutiefst atmosphärisch beschreibt, gehört wohl leider der Vergangenheit an. Es ist ein großer Lesegenuss, Marie durch die Straßen der Stadt zu begleiten und in die Lebendigkeit der Orte und Räume einzutauchen. Was Marie dabei erlebt, ist die Geschichte einer Suche nach sich selbst, erzählt ohne jegliche Klisches und  in einer ganz schlichten klaren Sprache.
Zu Beginn der Geschichte befinden sich Marie und ihr Mann Jean so wie viele ihrer Pariser Freunde im Sommerurlaub an der Cote d’Azur. Marie wirkt auf den Leser ängstlich , sie weigert sich ins Wasser zu gehen , macht sich dann fast Sorgen um ihren Ehemann als dieser alleine ins Meer hinausschwimmt. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist auf ihren Mann gerichtet. Zu diesem Zeitpunkt sind  die beiden seit sechs Jahren verheiratet und die junge Frau sieht ihre Aufgabe darin, ihren Ehemann zu lieben und zu umsorgen. Erst im Fortgang der Erzählung erkennt der Leser eine andere Marie.
Als Jean und sie am Abend wie üblich mit ihren Tennisbekanntschaften im Cafe sitzen, steht sie auf und begibt sich alleine auf einen Spaziergang , weil sie von dem oberflächlichen Geplauder gelangweilt ist. An diesem Abend steht sie plötzlich im Hotel einem sehr jungen Mannes gegenüber , der ihren Blick erwidert . Bourdouxhe beschreibt ohne Pathos, wie sich die beiden fast wie aus einer inneren Zwangsläufigkeit heraus einander annähern. Die nachfolgende Affäre wird als großes Glück beschrieben, wobei jeder sein Leben wie selbstverständlich ganz normal weiterlebt.  Bourdouxhe gelingt das Portrait einer Frau die, eingebunden in die Gesamtsituation ihres Lebens, mit all ihrer Widersprüchlichkeit an Gefühlen aus einer inneren Kraft heraus handelt.
Nicht ohne Grund wird dieser Roman immer wieder neu aufgelegt. Wie bei allen wirklich guten Büchern bringt die erneute Lektüre nicht nur neue Aspekte , sondern darüber hinaus nochmal großen Lesegenuss.
Martina Hirsch, Andechs

Madeleine Bourdouxhe
„Auf der Suche nach Marie“
Wagenbach
Autor: Siehe Artikel
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Montag 10.12.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Michail Bulgakow „Die weiße Garde“
Die Geburt der Sowjetunion im Jahr 1922, so, wie sie über Jahrzehnte von den Propagandaabteilungen der heute untergegangenen UdSSR verbreitet worden war, ist ein einziger Mythos. Die Gründung des ersten kommunistischen Staates ist das Resultat aus Chaos, Unzulänglichkeiten, Korruption und brutaler Gewalt. Neben den Historikern hat hier besonders die Literatur und speziell Autoren wie Isaak Babel, Iwan Bunin, Boris Sawinkow oder Michail Ossorgin Aufklärung betrieben. Und natürlich Michail Bulgakow. Von ihm liegt nun, in einer neuen Übersetzung von Alexander Nitzberg, sein Debüt-Roman „Die weiße Garde“ vor. Ein explosiver Text, der die Schrecknisse und Absurditäten des Bürgerkriegswinters 1918/19, die Zeit der Oktoberrevolution in Kiew, ins Zentrum des Geschehens rückt.
Bulgakow dokumentiert und kommentiert die damaligen Ereignisse, in dem er ein Tableau an handelnden Personen entwirft, die leidenschaftlich und schicksalhaft miteinander in Beziehung treten und Ausdruck der zerrissenen, in dramatischer Umgestaltung befindlichen Gesellschaft sind.
Zu den Hauptfiguren zählen Mitglieder der Familie Turbin, von denen besonders der Militärarzt Alexej Turbin deutliche autobiographische Züge des Autors besitzt.
Es ist die Zeit, in der die Stadt von deutschen Besatzern regiert wird, die wiederum einen zaristischen General zum Statthalter eingesetzt haben. Das Deutsche Reich erklärte aber, als Resultat des 1. Weltkrieges, Ende des Jahres 1918 die Kapitulation und zog sich ungeordnet aus der Ukraine zurück. Zum Führer einer Gegenbewegung schwang sich Semjon Petljura auf, der eine Armee aus bolschewikischen Truppen, resignierten deutschen Soldaten und tausenden Bauern zusammenstellte, um gegen Kiew, das von wenigen Weißgardisten verteidigt wurde, anzurennen. Als die Übermacht die Stadt eroberte, rächten sich die Angreifer grausam an allen Soldaten und Offizieren, denen sie habhaft werden konnten. Zugleich fanden furchtbare Progrome gegen jüdische Zivilisten statt.
Bulgakows Figuren sind alle tief in die Geschehnisse dieser Zeit involviert. Alles was sie zusammenhält, selbst die unterschiedlichsten Charaktere und auch wenn sie nie in direkten Kontakt treten, sind die „chaotischen Verhältnisse“ dieser revolutionären Situation.
Bulgakow stattete die Turbins und ihre engsten Freunde, die alle Mitglieder der weißgardistischen Freiwilligenarmee sind, mit heroischem Idealismus aus. Doch im Laufe der Erzählung bröckeln aufgrund stark eigennütziger Interessen der Führer dieses Heeres sämtliche Überzeugungen. So stehen die Turbins schnell zwischen den Fronten der Anhänger des untergegangenen Zarentums und der roten Armee. Weltanschauungen und Glaubenssysteme gehen verloren, das eigene Leben ist bedroht, eine Zukunft scheint es nicht zu geben. Die weiße Garde flieht letztendlich vor den Bolschewiken und hinterlässt statt hehren Glaubensbekenntnissen nur eine wüstengleiche, reflektierte Leere.
Bulgakow lässt in diesem Roman immer wieder neue, zum Teil historisch verbriefte Personen auftauchen, um diese kurz darauf, sich ihrem Schicksal teilweise resigniert hinzugeben, wieder im Schlund der Revolution verschwinden zu lassen. Er schildert sarkastisch, mit den Stilmitteln des Expressionismus und einer aufwühlenden Sprache die Geschehnisse innerhalb einer im Belagerungszustand befindlichen Stadt. „Die weiße Garde“ ist aber auch eine Art Vorläufer, des erst Jahrzehnte später zur vollen Entfaltung gebrachten New Journalism, wie ihn Truman Capote, Norman Mailer oder Tom Wolfe als ihr Stilmittel nutzten.
Alexander Nitzberg beschreibt in einem ausführlichem Nachwort den lebenslangen Zweifel Bulgakows an diesem Buch. Mal wollte er die Handlung als Theaterstück herausgeben, dann wieder entschied er sich für die Romanform. Es sind dem Text ebenfalls die Unruhe und die fiebrige Aktualität jener Zeit deutlich anzumerken. Und vielleicht ist es auch diese inhaltlich gelebte Authentizität, die das Buch so besonders macht.
1925 wurden die ersten dreizehn Kapitel in einer sowjetischen Zeitung abgedruckt. Dann ging das Blatt in Konkurs. Zwei Jahre später erschienen zwanzig Kapitel des Romans in einem Pariser Verlag. Erst 1991 wurde durch Zufall die Urfassung des Romans in Moskau gefunden und „Die weiße Garde“ erstmals komplett veröffentlicht.
Jörg Konrad


Michail Bulgakow
„Die weiße Garde“
Galiani-Berlin
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Dienstag 20.11.2018
Delphine de Vigan „Loyalitäten“
Der 12jährige Theo wird zwischen den geschiedenen Eltern aufgerieben: der Mutter, die voller Hass auf den Vater ist, und dem Vater, der langsam vor die Hunde geht. Er pendelt zwischen diesen Eltern hin und her, versucht sich anzupassen und es allen recht zu machen, gleichzeitig nichts davon nach außen dringen zu lassen. Völlig überfordert beginnt er, sich zwischen den Schulstunden zu betrinken, gemeinsam mit  seinem Freund Mathis. Der schließt sich dem Freund an, will ihm nicht in den Rücken fallen. Einen Freund verrät man nicht. Theo hat niemanden, dem er sich wirklich anvertrauen kann, ohne die Probleme der Eltern zu offenbaren. Seine Lehrerin Helène ahnt zwar, dass er in Not ist, weiß aber auch nicht so recht, wie sie ihm helfen kann. Sie ist diejenige die durch eigene Gewalt-Erfahrungen in der Jugend ein Gespür dafür hat, dass Theo, der freundliche, stille Schüler, Probleme hat, die ihn völlig überfordern. Mathis Mutter Cecile beobachtet voller Misstrauen, dass der Freund ihres Sohnes wohl einen „schlechten Einfluß“ auf ihr Kind hat, ist aber auch zu sehr mit sich beschäftigt um sich weiter zu kümmern. So spinnt sich ein verhängnisvolles Geflecht der Loyalitäten, dem niemand mehr entrinnen kann.
Aus der wechselnden Perspektive von Theo, Mathis, Mathis’ Mutter Cecile und der Lehrerin Helène zeigt Delphine de Vigan in "Loyalitäten", wie diese Loyalitäten das Gerüst unserer Beziehungen zu anderen bilden und damit unser ganzes Leben bestimmen – im Guten wie im Schlechten.
Sie schreibt zu Beginn: „Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten und den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir zuallererst mit uns selbst geschlossen haben, Befehle, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden. Das sind die Gesetze der Kindheit, die in unseren Körpern schlummern, die Werte in deren Namen wir uns aufrecht halten, die Fundamente, die es uns ermöglichen Widerstand zu leisten, unlesbare Grundsätze, die an uns nagen und uns einschließen. Unsere Flügel und unsere Fesseln.“
De Vigan, deren autobiografisch geprägte Bücher in Frankreich schon seit langem auf den Bestseller-Listen stehen und  mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet sind, hat seit „Das Lächeln meiner Mutter“ und „Nach einer wahren Geschichte“ auch bei uns ein Publikum erobert mit ihren Romanen, in denen sie sich intensiv mit der psychischen Gewalt in der Gesellschaft auseinandersetzt, besonders häufig aus der jugendlichen Perspektive. Geprägt durch die eigene, schwierige Jugend und als Mutter zweier Kinder ist sie eine unbestechliche Beobachterin  menschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Veränderungen. Es besteht in ihren Augen der zunehmende Zwang, sich anzupassen, keine Fehler zu machen, nichts Falsches zu äußern, keine Schwäche zu zeigen. Das lässt den Einzelnen  hilflos zurück, eine Entwicklung, die besonders für Kinder und Jugendliche in schwierigen persönlichen Verhältnissen in die Katastrophe führen kann.
In fesselnden, schnörkellosen Geschichten zeichnet sie in jedem Satz mit unglaublicher Intensität die Personen und das Geschehen, „Loyalitäten“ ist ihr neuester Roman um einen Jugendlichen – spannend und sehr berührend.
Thyra Kraemer


Delphine de Vigan
„Loyalitäten“
Dumont
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 13.11.2018
August Sander „Meisterwerke“
August Sander hat mit seinen Porträtaufnahmen, zusammengefasst in dem Mappenwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, Kulturgeschichte geschrieben. Seine Arbeiten, die überwiegend in den Jahren zwischen 1900 und 1950 entstanden, spiegeln auf einzigartige Weise genau jene Zeit wieder. In den Photographien des aus Herdorf in Rheinland-Pfalz stammenden Sohn eines Grubenzimmerhauers finden Persönlichkeit, soziale Stellung und „Zeitgeist“ eine beeindruckende Einheit. Seine Arbeiten sind ästhetische Dokumente und Alltags-Kunst zugleich. Alfred Andersch, der Schweizer Schriftsteller, hat anlässlich einer Ausstellung von Sanders Porträts 1977 im Kunstgewerbemuseum Zürich in der Eröffnungsrede gesagt: „Seine Bilder liefern das Bild eines Volkes, des deutschen, wie es von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zu der Zeit vor dem zweiten gewesen ist. Eine geschichtliche Momentaufnahme also, die beweist, daß es dieses Volk wirklich gegeben hat.“
Der in München ansässige Verlag Schirmer/Mosel hat sich seit seiner Gründung 1974 intensiv mit dem Werk August Sanders beschäftigt und sein Oevre in vielen Publikationen editiert. Der vorliegende Band „Meisterwerke“ enthält 153 Photographien aus der Reihe „Menschen des 20. Jahrhunderts“. In gestochener Qualität kommen diese Arbeiten einer Reise in „graue Vorzeit“ nahe, obwohl einige der Aufnahmen keine 100 Jahre alt sind.
Sander gelingt es, einem Psychologen gleich, unterschiedlichste Physiognomien und damit Charaktere, teilweise unbekannter Menschen, teilweise Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, gegenüberzustellen. So finden sich photographische Porträts zum Beispiel eines Berliner Kohlenträgers (1929), oder einer Proletariermutter (1926), neben einem Abbild der Malerin Marta Hegemann (Die Malerin, 1925) oder dem Komponisten Paul Hindemith (Der Komponist, 1925). Sander wollte Menschenbilder schaffen, die, besonders in nationalsozialistischer Zeit, „ .. all jene berücksichtigen, die im völkischen Denken der Nationalsozialisten keinen Platz mehr haben sollten“ (Gabriele Conrath-Scholl). So ist nicht nur ein Angehöriger der Hitler-Jugend in Szene gesetzt. Zugleich hat Sander auch verfolgte jüdische Bürger photographiert und damit ein detailliertes Abbild der Gesellschaft geliefert.
Sanders Arbeiten gehören zur künstlerischen Avantgarde jener Zeit und haben ihre ausstrahlende Besonderheit bis in die Gegenwart behalten. Man kann in „Meisterwerke“ stundenlang Blättern, dabei in jeder Photographie immer wieder neue Nuancen entdecken. Jede Seite vermittelt einen neuen Charakter, in Ausdruck und Form manchmal ähnlich einem Gemälde. August Sander – großer Künstler und Menschenfreund.
Jörg Konrad

August Sander
„Meisterwerke“
Schirmer Mosel

Abbildungen:

- August Sander, Selbstportrait, 1925 (Tafel 1)

- Schankkellner, 1928 (Tafel 135)

- Kretin, 1924 (Tafel 151)
Autor: Siehe Artikel
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