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Inhaltsverzeichnis
Olching: Waleska Sieczkowska & Danzi Duo – Originärer brasilianischer...

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Landsberg: Bugge Wesseltoft - Die Dramatik liegt im Detail

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Landsberg: Tord Gustavsen Trio - Fernab eines übereilten Lebensgefühls

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Gilching: Die drei Damen – Elegant und freundlich provozierend

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Fürstenfeld: Paier Valcic Quartet – Funktionierende Fiktion

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Landsberg: Das Ende des Regens – Ewig traumatisiert

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Sonntag 09.12.2018
Olching: Waleska Sieczkowska & Danzi Duo – Originärer brasilianischer Geist
Olching. Ob sich die Kritikergilde tatsächlich aus gescheiterten Musikerexistenzen zusammensetzt, wie der Volksmund oft behauptet, ist nicht verbürgt. Auf jeden Fall gibt es auch den umgekehrten Karriereweg: Ein musikbegeisterter Zeitgenosse beginnt seine Laufbahn als Kritiker und wird, man glaubt es kaum, später hoch angesehener Komponist. So geschehen bei Ronaldo Miranda. Heute gehört er zu den wichtigsten und populärsten Tonsetzern der zeitgenössischen Klassik in Brasilien.
Von ihm spielten am Sonntag in Olching zur Eleven Eleven-Matinee Waleska Sieczkowska (Violine) und das Danzi Duo, bestehend aus Anderson Fiorelli (Violoncello) und Sofya Gandilyan (Klavier), die „Alternâncias“, übersetzt die Alternativen, ein Stück für Klaviertrio. Und wie es sich für einen in Rio de Janeiro geborenen Komponisten gehört, klangen diese „Alternativen“ unter den Händen von Sofya Gandilyan rhythmisch verspielt und harmonisch vital, mit einem wunderbaren Schuss allgegenwärtiger Melancholie. 
Der kühle, regnerische und vor allem stürmische Sonntagmittag gehörte im KOM allein der brasilianischen Musik. Das heißt: Polyrhythmische Figuren, sonnige Melodien, sinnliche Leidenschaft und folkloristischer Hintergrund. Auf dem Programm standen neben Ronaldo Miranda noch Edmundo Villani-Cortes, Mozart Camargo Guarnieri und (natürlich möchte man ausrufen) Heitor Villa-Lobos.
Von ihm stammte auch gleich das erste Stück an diesem späten Vormittag, Choro Nr. 5-Alma Brasileira für Solo Klavier. Eine wunderbar leichte, unbeschwerte Musik, die kompositorisch schon alle jene Zutaten aufwies, die in den nächsten neunzig Minuten das Publikum so prächtig und abwechslungsreich unterhalten sollten: Folklore und brasilianische Popularmusik, deren Wurzeln in der Musik der brasilianischen Ureinwohner und den klanglichen Überlieferungen von aus Westafrika stammenden Sklaven liegen, plus den klassischen Vorgaben europäischer Komponisten. Diese Musik hat verständlicherweise einen völlig anderen Puls, wirkt offener und vielseitiger, erstrahlt in einer gelebten Toleranz. Eine ergreifende Schwere und radikale Förmlichkeit geht ihr ebenfalls ab. Dafür bestach der breite Farbreichtum und die Klangpracht. Hier floßen Bewegungen und Stile wie von selbst zusammen, ja ineinander. Eine elitäre oder blasiert wirkende Nabelschau suchte man vergebens. Im Gegenteil. Manchmal könnte man meinen, es handelte sich um den „Klang der Hinterhöfe“, wie ihn Sidney Molina einmal nannte, oder den Sound der riesigen Urwälder, die den originären brasilianischen Geist atmen. Wie zum Beispiel in den Miniaturen Edmundo Villani-Cortes, der zwischen feurigen, explosionsartigen Tänzen und wehmütigem Kolorit wie selbstverständlich wechselte.
Alle drei Musiker/-innen fanden immer die richtige „seelische Temperatur“ für die einzelnen Stücke. Bei ihnen faszinierte die Unbefangenheit, mit der sie sich dem gesamten kompositorischen Material stellten, ihre Selbstverständlichkeit, mit der sie solistisch brillierten und dann wieder im Gruppenspiel glänzten. Faszinierend wie präzise sie mit den Tonrepetitionen und flinken Dreiklangsbrechungen umzugehen verstehen. Alle drei beherrschten die Ausdruckspalette ihrer Instrumente atemberaubend souverän.
Das letzte Konzert der diesjährigen Matinee war somit der Vorurteilslosigkeit, der Toleranz und der Natürlichkeit gewidmet. Ein Fest des Lebens - besser kann eine Saison zum Jahresende kaum ausklingen.
Jörg Konrad
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Donnerstag 06.12.2018
Landsberg: Bugge Wesseltoft - Die Dramatik liegt im Detail
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Foto: TJ Krebs jazzphotoagency@web.de
Landsberg. Am Mittwoch gastierte nach Tord Gustavsen am Wochenende der nächste Skandinavier in Landsberg: Bugge Wesseltoft, Jahrgang 64, von Beruf Pianist. Er spielt aber, wenn`s drauf ankommt, auch perfekt das Rhodes, den Prophet 5, Synthesizer, Live Electronics, Percussion. Seltener hingegen singt er. Selbst im gut sortierten Plattenladen ist er nicht immer leicht zu finden. Denn mal spielt er Jazz, mal spielt er Klassik, mal findet man ihn unter EDM (Electronic Dance Music), mal unter Worldmusic. Und einmal im Jahr liegt ein Album von ihm in jeder gut sortierten Weihnachtsdeko. Letzteres nun schon seit über zwei Jahrzehnten. Denn 1997 erschien sein Dauerbrenner „It`s Snowing On My Piano“ (Act) der jährlich neue Käufer und Fans des Pianisten findet.
Wenn er dieses jahreszeitlich klar umrissene Programm im Konzert präsentiert, dann reicht dem Norweger ein Flügel und ein aufmerksames Publikum. Das Repertoire hierfür hat Wesseltoft seit seiner Kindheit im Kopf: „In Dulce Jubilo“, „Es ist ein Ros entsprungen“, „Deilig Er Jordan“ und als Zugabe „Stille Nacht“. Nur klingen diese weihnachtlichen Evergreens bei ihm wie in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit gespielt. Er löst sozusagen fest eingebrannte Koordinaten auf, steckt mit Traditionen neue Areale ab.
Wie hingetupft kommen die Noten, weit verzögert die Melodie. Manchmal dauert es auch eine Weile, bis man den Song überhaupt erkennt. So sparsam sind die Harmonien gesetzt, so zaghaft kommen die Themen zum Vorschein. Wesseltoft zerlegt das weihnachtliche Miteinander, blickt unter die festlich glänzende Oberfläche dieser Songs und schneidert ihnen musikalisch ein neues, ein sehr persönlichen Gewand. Es ist eine Art klangliche Befreiungsaktion und macht deutlich, das Revolutionen nicht unbedingt mit Lautstärke und überbordendem Temperament einhergehen müssen. Die Dramatik liegt im Detail. Das Publikum jedenfalls ist wie narkotisiert von dieser Stille, von dieser spürbaren Intimität. Und selbst größte Weihnachtsmuffel bekommen in solchen Augenblicken feuchte Augen.
Um die Stimmung ein wenig aufzulockern spielte Wesseltoft noch drei Coversongs aus seinem Album „Ecerybody Loves Angels“. Und egal, ob er „Bridge Over Troubeld Water“, „Blowing In The Wind“ oder „Let It Be“ interpretiert: Er bleibt sich an diesem Abend treu, sucht die stille Variante der Kommunikation, macht das Klavier zu einem weihevollen Instrument, das an diesem Abend mehr für die klanglichen Mikrostrukturen zuständig ist. Zwischen höchster Konzentration und lyrischem Sichgehenlassen.
Vielleicht hilft an dieser Stelle der Geist von Karlheinz Stockhausen weiter, der einmal sagte: „Je mehr Menschen sich nach vorgegebenen Formen, Leitbildern, Klischees sehnen, um so einmaliger, unwiederbringlicher, esoterischer muss die Form werden.“ Und wenn eben das ganze Forum auf ganz eigenwillige Weise am Ende eines solchen Musikabends mitsingt, scheint das Ziel erreicht. Dann an dieser Stelle schon mal: Frohes Fest!
Jörg Konrad
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Montag 03.12.2018
Landsberg: Tord Gustavsen Trio - Fernab eines übereilten Lebensgefühls
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Landsberg. Der Fundus skandinavischer Musiker, die sich im speziellen Fahrwasser des Jazz bewegen, scheint schier unerschöpflich. Mittlerweile ist die dritte Generation am Start, was deutlich macht, dass es sich schon lange nicht mehr um ein Zeitgeistphänomen handelt. Es gibt Menschen, die sprechen gar von „Nordischer Musik“, als handele es sich um eine eigene musikalische Gattung. Tord Gustvasen, Pianist mit Wohnsitz Oslo, gehört schon eine Weile ins Epizentrum skandinavischer Instrumentalisten. Mit seinem neuen Album „The Other Side“ (ECM) ist er derzeit auf Tour und war am Sonntag zu Gast im Landsberger Stadttheater.
Gemeinsam mit seinen beiden Triopartnern Sigurd Hole am Bass und Jarle Vespestad bewegte sich Gustavsen in einem musikalischen Bereich melodischer Abstraktion und klanglicher Reduktion. So komplex die gesamte Musik auch klang, sie wirkte letztendlich doch immer romantisch, verströmte etwas grüblerisches und intimes. Das mag an den ständig wechselnden und stets neu aufbereiteten Melodien liegen, die sich wie ein roter Faden durch das Konzert zogen und eine Stimmung verwehender Nostalgie schufen.
Für Tord Gustavsen, der stark von Bill Evans und Keith Jarrett beeinflußt ist, war es nicht einfach, jetzt erneut ein Trio zusammenzustellen. Nachdem vor einigen Jahren sein Bassist Harald Johnsen plötzlich und unerwartet starb, scheute sich der Pianist vor dieser Besetzung. Es brauchte Zeit, in der er in anderen Konstellationen auftrat und Alben einspielte. Nun aber war er soweit. „Ich glaube mit „The Other Side“ und unserem neuen Bassisten Sigurd Hole jetzt eine Besetzung und einen Weg gefunden zu haben, der das Andenken an das alte Trio bewahrt und der Musik gleichzeitig erlaubt, sich in eine neue Richtung zu bewegen“, sagte Gustavsen in einem Interview dem Jazzpodium.
Andenken, das klingt auch nach Aufarbeitung, nach Trauerarbeit. Insofern sind die Choräle von Johann Sebastian Bach, die Gustavsen im Repertoire hatte, nur folgerichtig. Das Trio nutzte diese sakralen Vorgaben für ganz eigenwillige Interpretationen, die in dieser Form immerhin eine Zeitspanne vom Barock bis in die Moderne umfassten. Hinzu kamen Einflüsse aus der nordischen Folklore, Minimal- und Ambient-Notizen und vor allem eine die Zeit sprengende Herangehensweise. Die einzelnen Stücke entwickelten sich fernab eines übereilten Lebensgefühls. Wiederholungen wurden geschichtet, verdichtet, verschleiert. So offenbarte das Trio die Übergänge mit innerer Hingabe, dehnte die fast meditativen Zwischentöne dramaturgisch geschickt und ließ die Musik ganz plötzlich in einem zerklüfteten Groove regelrecht explodieren. In diesen Momenten schienen Gustavsen, Hole und Vespestad voller Adrenalin, fast im freien Fall – um im nächsten Moment wieder in poetische Sensibilität einzutauchen.
Von diesen Kontrasten lebte die Musik, atmete sie und pulsierte sie. Und hinterließ den Eindruck einer perfekt aufeinander eingespielten Formation, die sich und seinem Publikum hoffentlich noch viel zu sagen hat.
Jörg Konrad
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Sonntag 02.12.2018
Gilching: Die drei Damen – Elegant und freundlich provozierend
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Gilching. Was das wichtigste an einer Jazzsängerin sei? Die Noten zu biegen, als lausche man einem Saxophon - sagte zumindest einmal Cassandra Wilson in Bezug auf Billy Holiday. Und weiter spricht sie davon, den emotionalen Kern eines Songs freizulegen, wäre die eigentliche Aufgabe von Jazzeusen, wollen sie von der Öffentlichkeit ernst genommen werden. Fragt man Sängerinnen des Jazz ganz allgemein nach ihren vocalen Favoritinnen, so fallen spontan (und meist in dieser Reihenfolge) folgende Namen: Ella Fitzgerald, Billy Holiday, Sarah Vaughan, in den letzten Jahren auch häufiger wieder Nina Simone. Von all diesen Sängerinnen besitzt Lisa Wahlandt ein wenig. Nein, sie eifert keiner dieser unsterblichen Legenden nach. Aber man spürt deutlich deren Einfluss und Charisma und sie legt, wie am Freitagabend im Gilchinger Rathaus, den emotionalen Kern eines Songs frei.
Musikalisch bewegt sich die in Postmünster, im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn geborene Sängerin dabei in eine völlig andere Richtung. Zumindest im Umfeld des Trios Die drei Damen. Eine Klein-Formation, die sich elegant und freundlich provozierend zwischen den stilistischen Stühlen platziert, die da heißen Jazz und Folk, Chanson und Bossa, ein wenig Ethno und jede Menge Impro. Für letzteres steht vor allem Andrea Hermenauer, die am Flügel und elektrischen Klavier immer wieder für solistische Glanzpunkte sorgt. Sie spielt virtuos, erfrischend,zupackend und mit großem Atem und gibt dem Auftritt des Trios eine wunderbar intensive Note. Christiane Öttl am Bass singt und moderiert in Teilzeit. Mit ihrem Spiel steht sie selbst mit akutem Albschoss für das Bodenständige in diesem verschworenen weiblichen Bühnen-Kommando. So gradlinig und treibend sie ihr Instrument spielt, so gallig erheiternd geraten ihre Kommentare. Lisa Wahland gibt unglaublich lässig die Grande Damen – mit allen ihren Ecken und Kanten und einem noncharlanten Understatement. Sie ist sich für keine Pointe zu schade, rutscht manchmal leicht ins schauspielerisch-kabarettistische und singt, egal in welcher Sprache oder Mundart, einfach brillant. Die drei Damen – hier paaren sich erfrischendes Entertainment und musikalische Meisterschaft.
Jörg Konrad
 
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Mittwoch 28.11.2018
Fürstenfeld: Paier Valcic Quartet – Funktionierende Fiktion
Fürstenfeld. Filmmelodien hatten schon immer, auch abseits der Lichtspielhäuser, Konjunktur. Sie füllen als Standards das Great American Songbook auf etlichen Seiten, bringen als Chartserfolg ihren Komponisten Millionen ein und haben sich als Erkennungsmerkmal großer Gefühle in das kollektive Gedächtnis der Kinogänger eingebrannt. Klaus Paier, der österreichische Akkordeonspieler und die kroatische Cellistin Asja Valcic veröffentlichten im Januar dieses Jahres ein Album unter dem Titel „Cinema Scenes“ (Act). Knapp sechzig Minuten Musik aus Filmen - die es nicht gibt. Bis auf zwei Ausnahmen. Mit diesem Programm imaginärer Klangbilder waren die beiden am gestrigen Abend mit Stefan Gfrerrer (Bass) und Roman Werni (Schlagzeug) Gast der Reihe JazzFirst in Fürstenfeld. Und diese Fiktion funktionierte einfach prächtig.
Paier und Valcic, von denen die meisten Kompositionen auch an diesem Abend stammten, haben ein wunderbares Gleichgewicht zwischen feinfühliger Tonmalerei und Instrumentationsvirtuosität geliefert. Überhaupt sind sie in der Lage, gegensätzliche musikalische Spannungsfelder und unterschiedliche Stimmungslagen miteinander in Beziehung zu bringen. In ihrer Musik gibt es Tango, Klassik, Blues, Musette und Jazz. Mal glaubt man sich auf dem Markusplatz neben einem Cafehausensemble zu befinden, mal scheint man Gast einer südosteuropäischen Hochzeit zu sein. Plötzlich swingt das Quartett dann in bester Ellington Manier, um anschließend in eine bittersüße Melancholie zu verfallen.
Die Verbindung Akkordeon - Cello ist sicher, bis auf wenige Ausnahme, eine eher selten anzutreffende Besetzung. Denn beide Instrumente stehen für sehr unterschiedlich ausgerichtete Kulturen, die so eigentlich nur unter dem Dach des Jazz zusammenfinden - ohne dabei ausschließlich Jazz spielen zu müssen. Aber die Art, wie diese instrumentalen Stimmen zueinander finden, ihre von Entdeckerlust geprägte Großzügigkeit im Umgang miteinander, ihre produktive Freiheit, ihre strukturierte Konzentriertheit lassen die Musik als ein Manifest der Natürlichkeit erstrahlen. Man kann zu ihr tanzen, mit ihr träumen, sie duftet frisch und unverbraucht, verzaubert mit ihren Balladen und begeistert in ihrer Lebensfreude. Für ihre Kunst nutzen sie Freiheit und Neugier wie das täglich Brot. Und das Ergebnis ist musikalisch grandios.
Jörg Konrad
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Fotos: Jean-Marc Turmes
Freitag 23.11.2018
Landsberg: Das Ende des Regens – Ewig traumatisiert
Landsberg: Wieviel Wahrheit verträgt der Mensch? Wieviel Scham? Wieviel Schande? Berührende und wahrhaftige Geschichten setzen sich meist aus verschiedenen Perspektiven zusammen. Zumindest dann, wenn sie Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben und überzeugen wollen. Nun mag es Unterschiede geben, wie die diversen Ebenen einen tragenden erzählerischen Strang bilden. In Andrew Bovells Stück „Das Ende des Regens“, welches am Donnerstag in einer Inszenierung des Münchner Metropoltheaters in Landsberg aufgeführt wurde, geschieht dies durch Intervallsprünge. So umfasst die Handlung acht Jahrzehnte, spielt auf zwei Kontinenten und betrifft vier Generationen. Die erzählerische Ebene wechselt ständig, die der chronologischen Ereignisse, die Personen an sich und das geographische Umfeld. Das mag verwirrend klingen, ist aber am Ende, wenn sich das familiäre Mosaik endgültig zusammensetzt, erschreckend klar – und bedrückend.
Jochen Schölch hat dieses 2008 veröffentlichte Stück vor zwei Jahren für das Münchner Ensemble inszeniert. Es thematisiert Liebe und Verrat, Eifersucht und Tod, Schuld und Moral, Verbitterung und Vergessen. Hinzu kommt der Regen als das Sinnbild von Not und Untergang, als roter Faden, der die Episoden zusammenhält und der dem Drama als Namensgeber dient. Aber der Regen ist auch Inspirationsquelle, märchenhafter Nahrungsspender und sein Ausbleiben, nach dem Abwaschen all der Schuld und Schuldgefühle, ein Symbol der Hoffnung.
Was passiert mit den Leidtragenden einer Katastrophe, mit den Angehörigen der Opfer, der Familie der Täter? Wie hängen Schicksalsschläge zusammen, was lösen sie bei den Beteiligten aus, wie Leben sie weiter? Können sie überhaupt weiterleben? Versuchen sie das Geschehen zu verstecken, die Tat zu negieren, alle Indizien und Erinnerungen zu vergraben? Den Vorfall und seine Folgen mit den Tüchern einer monotonen Alltagsbewältigung abzudecken? Oder flüchten sie in Alkohol und in Demenz - um letztendlich doch auf ewig traumatisiert zu bleiben? Kinder und Eltern drehen sich im Kreis, bis allen schwindlig wird, kommen, solange sie innerlich schweigen, nicht vom Fleck. Nicht allein das Emotionale bleibt auf der Strecke, wird grausam erstickt.
Fragen über Fragen, die diese erschütternde Familiengeschichte aufwirft und die sie individuell beantwortet. Erst wenn die Betroffenen beginnen das Geschehen zu realisieren, es zu reflektieren, wenn ihr Leid den Kontakt nach außen sucht, gibt es nach genügend zeitlicher Distanz die Möglichkeit, dass die Wunden dick vernarben.
„Das Ende des Regens“ ist in seiner Thematik und seiner Intensität eine Herausforderung. Eine Herausforderung, ja eine Katharsis, der es lohnt sich zu stellen. Verantwortlich hierfür ist eine großartige Ensembleleistung. Über fast zwei Stunden greift dramaturgisch und schauspielerisch ein Rad schicksalhaft ins andere, vervollständigt sich das Anfangs erwähnte Mosaik langsam aber zielstrebig zu einer erschütternden Gewissheit, gelingen die Wechsel der Generationen glaubwürdig und nachvollziehbar. Die Figuren leben, trauern, verzweifeln und hoffen überzeugend. Überlebensangelegenheiten werden rechtschaffend verdrängt. Die Distanz zwischen Bühne und Publikum nimmt mit Fortschreiten der Handlung stetig ab. Eine Inszenierung wie ein Alptraum. Was kann einem Stück besseres passieren?
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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