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Inhaltsverzeichnis
BEAUTIFUL BOY

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CAPERNAUM - Stadt der Hoffnung

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MEINE WELT IST DIE MUSIK - Der Komponist Christian Bruhn

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MANASLU

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SIBEL

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WESTWOOD

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Donnerstag 17.01.2019
BEAUTIFUL BOY
Ab 24. Januar 2019 im Kino
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Basierend auf den Autobiografien von David Sheff und Nic Sheff erzählt BEAUTIFUL BOY die bewegende Geschichte einer Familie, die über Jahre hinweg gegen die Drogenabhängigkeit des ältesten Sohns Nic ankämpft.
 
Timothée Chalamet beweist mit der packenden Performance eines jungen Mannes und seines wütenden, verzweifelten Kampfs gegen die Drogensucht in BEAUTIFUL BOY erneut, dass er zu den besten jungen Schauspielern Hollywoods gehört, seit er mit Call Me By Your Name seinen Durchbruch feierte und eine Oscar©-Nominierung erhielt. In der Rolle des Vaters brilliert Steve Carell, der neben seinen komödiantischen Rollen in jüngerer Vergangenheit auch in Filmen wie Foxcatcher und The Big Short begeisterte. Er spielt David Sheff, einen ebenso liebenswerten wie liebevollen Vater, der mit seiner Frau Vicky (Amy Ryan) alles richtig gemacht zu haben scheint. Als ihr Sohn Nic (Timothée Chalamet) drogenabhängig wird, kann David es nicht glauben, er kann es nicht aufhalten, und er tut alles dafür, seinen Sohn zurück zu bekommen. Während er mit Nics Lügen und Vertrauensbrüchen ringt, blickt der Film immer wieder zurück auf den Nic, wie er früher einmal war – ein rücksichtsvoller, wunderbarer Junge.
Regisseur Felix van Groeningen, dessen The Broken Circle für einen Oscar© für den besten fremdsprachigen Film nominiert war, erzählt mit BEAUTIFUL BOY so realistisch wie bewegend, was es für die Familie Sheff bedeutet, sich der unberechenbaren Sucht ihres Sohns entgegenzustellen. So wenig sich BEAUTIFUL BOY dabei der rauen Wirklichkeit ihres Kampfes verweigert, so sehr überrascht der Film mit seinem Blick auf das Leben, auf die Liebe und die Hoffnung.


Ein Film von Felix van Groeningen
Mit Steve Carell, Timothée Chamalet, Maura Tierney, Amy Ryan u.a.



Anmerkung des Regisseurs

Als ich die Erinnerungen von David Sheff, dem Vater, und seinem Sohn Nic 2014 zum ersten Mal las, war ich zutiefst bewegt. David und Nic schrieben von ihren persönlichen Erfahrungen, vom Durchleben all der Rückfälle und der Genesungen, aber auch von Momenten der Freude, der Unschuld und der Liebe zum Leben. Anfangs denken sie noch, dass sie den richtigen Weg gefunden haben, mit Nics Sucht umzugehen, sie gar ‚lösen‘ zu können. Das haben sie aber nicht und müssen schließlich auf dem Weg dorthin viel lernen. Im Laufe der Zeit gibt es immer wieder Momente des Kontrollverlusts, und sie stellen fest, dass sich die Sucht und ihre Folgeerscheinungen auf alle Lebensbereiche auswirken.

Ich hatte schon in Vergangenheit darüber nachgedacht, einen englischsprachigen Film zu machen, aber nichts hat mich persönlich je so angesprochen wie die Geschichte der Sheffs. Familiendynamiken, die Illusion von Kontrolle, der Lauf der Zeit – das sind die Themen, die mich in meinen bisherigen Filmen angezogen haben. Ich hatte mich auch schon in früheren Filmen mit Drogenmissbrauch beschäftigt, aber eine solch emotionale Offenherzigkeit wie in der Geschichte der Sheffs und die Art und Weise, wie sie ihre Geschichte erzählten, haben mich sofort für sie eingenommen. Ihre Familie glaubte immer an die bedingungslose Liebe, und doch musste sie sich damit abfinden, dass es nicht auf alles im Leben einfache Antworten gibt, und dass der Umgang mit Sucht ziemlich unberechenbar sein kann. Ich war zunächst etwas entmutigt von der Vorstellung, diese vielen Jahre und die gesamte Bandbreite ihrer Geschichte abdecken zu müssen, aber gleichzeitig fühlte sich das auch notwendig an. Und ich spürte geradezu eine Verpflichtung, mit meinen Partnern von Plan B viele Jahre meines Lebens darauf zu verwenden, diese Geschichte zu erzählen. Ich hätte nie gedacht, dass es eine so aufregende Reise werden würde.

Die Sheffs haben mich in ihr Leben eingeladen und waren während dieser ganzen Erfahrung unglaublich offen mit mir. Sie waren trotz allem, was sie durchgemacht hatten, immer absolut ehrlich, teilten ihre tiefsten Ängste und verbargen auch ihre Schamgefühle nie. Zu sehen, wie sie leben und wie nah sie einander sind, ist wirklich erstaunlich. Obwohl das alles weit davon entfernt ist, wie ich selbst aufgewachsen bin, fühlte sich mir vieles von dem, wie David und Nic ihr Leben beschrieben haben, sehr vertraut an. Ich bin zwar in einer ganz anderen Familie groß geworden, aber die Liebe zwischen den beiden ist dennoch etwas, mit dem ich mich gut identifizieren kann. Der feste Kern dieser außerordentlichen Familie, die immer wieder auf die Probe gestellt wird, und die Idee, immer füreinander da zu sein, haben mich unwahrscheinlich beeindruckt.

Ich mache Filme, weil sie mich dazu zwingen, meine eigenen Erfahrungen zu verarbeiten und mich unangenehmen Situationen zu stellen. Indem ich gewissermaßen kopfüber in ein ganz bestimmtes Gefühl wie den Umgang mit meiner Vergangenheit oder den Umgang mit Verlusten eintauche, lerne ich durch meine Filme etwas über diese Gefühle. Ich lerne, mich dem Leben zu stellen, und indem ich mich ihm stelle, schätze ich es umso mehr. Ich habe meinen Vater schon mit 26 Jahren verloren, aber in mancher Hinsicht lebt er durch meine Filme noch immer weiter in mir. Das ist auch der Grund, warum ich mich so zu Vater-Sohn-Geschichten hingezogen fühle. Mit meinen Filmen will ich das Leben feiern. Und ich möchte zu verstehen versuchen, was jede meiner Figuren durchmacht, und hoffe, dass die Empathie, die ich dabei spüre, sich auch auf die Zuschauer überträgt.

Durch die Bücher von David und Nic habe ich gemerkt, dass meine Familie und ich gewisse Vorurteile gegenüber Drogensüchtigen hatten. Wir kannten kaum Möglichkeiten, wie man damit umgehen soll oder wie man helfen kann. Ihre Geschichte aber inspirierte uns zu diesem Film, von dem wir nun hoffen, dass er erstens vielen Menschen, die mit Sucht zu kämpfen haben, eine Stimme geben, und zweitens auf einfache und ehrliche Weise die Komplexität dieser Krankheit zeigen wird.

Als wir mit dem Film fertig waren und ich nach Belgien zurückkehrte, wurde ich durch die Geburt meines Sohnes zum ersten Mal Vater. Es ist unglaublich, diese Freude zu spüren, die man darüber empfindet, jemanden so sehr zu lieben wie das eigene Kind. Ich hoffe, dass dieser Film den Menschen dabei helfen wird, verschiedene Standpunkte sehen und begreifen zu können, und dabei die Herzen der Menschen so zu öffnen, wie es die Geschichte der Sheffs bei mir getan hat.



Über die Produktion

Im Jahr 2005 schrieb der renommierte Journalist David Sheff für das New York Times Magazine den Artikel „My Addicted Son“ [„Mein abhängiger Sohn“]. Das war ein aus erster Hand stammender, schmerzhaft offener und unnachahmlicher Bericht über seinen Sohn Nic und dessen Kampf gegen die Drogensucht. Zudem war es aber auch ein Bericht über Davids Bemühungen, seine Familie – zu der auch seine zweite Frau Karen und ihre beiden gemeinsamen jüngeren Kinder gehören – während einer fast zehn Jahre währenden Tortur vor dem Abgrund zu retten.

Zwei Jahre später erfuhr Produzent Jeremy Kleiner von Plan B Entertainment, dass Sheff „Beautiful Boy“, ein Buch über diesen zehnjährigen Kampf seines Sohnes gegen die Drogensucht geschrieben hatte, und dass Nic selbst diese Jahre in seinen eigenen Erinnerungen unter dem Titel „Tweak“ aufgeschrieben hatte. Gleichzeitig veröffentlicht, boten beide Bücher zusammen ein emotional vielschichtiges Porträt einer Familie in Not. Als Kleiner die Bücher seinen Partnern bei Plan B, den Produzent*innen Dede Gardner und Brad Pitt, zu lesen gab, schlug er zugleich ein ungewöhnliches Szenario vor. Jedes Buch für sich genommen war zwar bewegend und wichtig, aber die Kombination aus beiden würde weit mehr als die Summe ihrer Teile bedeuten. Könnten sie wohl, so fragte sich Kleiner, einen Film drehen, der beide Erinnerungen zu einer einzigen Geschichte verschmelzt? „Wir waren von beiden Texten gleichermaßen begeistert“, sagt Gardner, „und dachten, in einem Film beide Perspektiven ein und derselben Serie von Ereignissen nebeneinander zu stellen, wäre noch überzeugender als jede Perspektive für sich allein.“

Die Produzenten wussten sofort, dass sie für dieses Projekt ein unkonventionelles Duo aus Drehbuchautor und Regisseur benötigen würden, eines, das die Geschichte so zu gestalten wüsste, dass sie sowohl die Perspektive von Nic als auch die von David gleichermaßen widerspiegelt. „Wir haben erkannt“, erklärt Kleiner, „dass der Film genau darin einzigartig sein würde, dass er sich aus zwei verschiedenen Erinnerungen speisen würde, die über Jahrzehnte im Leben einer Familie entstanden sind. Mit Vater und Sohn durch die viele, vielen Jahre zu reisen, in denen sie mit dieser Krankheit zu kämpfen hatten, sollte schmerzhaft sein, aber auch inspirierend und ermutigend.“ Kleiner und Gardner hatten bereits einen flämischen Film des belgischen Filmemachers Felix van Groeningen gesehen und waren von seiner Filmsprache fasziniert. „Als wir THE BROKEN CIRCLE sahen, wurde ich in eine Welt versetzt, die sich genau so anfühlte, wie BEAUTIFUL BOY sich anfühlen sollte“, sagt Kleiner. „Unser Film ist zwar eine groß angelegte Geschichte, zugleich ist er aber auch ganz intim. Er sieht sowohl die Schönheit als auch die Schwierigkeiten im Leben, und dass sie als wesentliche Aspekte unserer Erfahrung des Menschseins gar nicht voneinander zu trennen sind. Auch Felix’ Film hatte eine innovative, fast unbeschreibbare Struktur, die weit über den Film hinausging und sich eher wie das Leben selbst anfühlte“, sagt Gardner. „Denn THE BROKEN CIRCLE zieht den Zuschauer zwar in eine zutiefst tragische Geschichte hinein, sagt ihm aber dabei: ‚Ich weiß, dass das unangenehm ist, aber ich werde dich da durchführen.’ Das war genau das, was wir gesucht haben.“

Van Groeningen hat bisher fünf Spielfilme auf Flämisch gedreht, darunter CAFÉ BELGICA, der beim Sundance Film Festival 2016 den Preis für die beste Regie in der Kategorie World Cinema Dramatic gewann, und DIE BESCHISSENHEIT DER DINGE, der als offizieller belgischer Beitrag für den Oscar® in der Kategorie bester fremdsprachiger Film 2010 eingereicht wurde. Als sein vierter Film, THE BROKEN CIRCLE, dann tatsächlich 2014 für den Oscar® als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, war van Groeningen bereits ein international anerkannter Filmemacher und fester Bestandteil von Filmfestivals auf der ganzen Welt.

Es überrascht daher auch nicht, dass van Groeningen, nachdem er überall Auszeichnungen und Kritikerlob für seine Arbeit erhielt, sofort mit Nachfragen überhäuft wurde, endlich seinen ersten englischsprachigen Film zu drehen.

Obwohl er sowohl von der Idee begeistert war, mit internationalen Stars zusammen zu arbeiten, die er lange bewundert hatte, als auch von der Aussicht, ein weltweites Publikum erreichen zu können, suchte er sehr lange und gründlich nach dem richtigen Projekt für seinen ersten Ausflug nach Hollywood. „Ich habe einige sehr gute Drehbücher gelesen, mich dabei aber immer gefragt, warum ausgerechnet ich für jedes dieser Projekte der beste Regisseur sein sollte“, erinnert er sich. „Es war schwierig, etwas zu finden, dem ich mich nahe fühlte – bis zu dem Moment, als ich BEAUTIFUL BOY begegnete. Natürlich war es ein Vorteil, dass ich Plan B hinter mir wusste, aber es fühlte sich auch unabhängig davon so an, dass dies der richtige Film für mich sein würde.“

Das komfortable Leben der Sheffs an der Küste in Marin County war geografisch und kulturell zwar weit entfernt von dem, wie van Groeningen aufgewachsen ist, aber die Liebe zwischen Vater und Sohn war etwas, mit dem er sich leicht identifizieren konnte. „Sie sind eine wunderbare Familie“, sagt er. „Jeder von ihnen will wirklich für die anderen da sein. Die Sehnsucht nach dieser Art von Familienleben spielt in meinen bisherigen Filmen eine große Rolle. Das ist etwas, das mich schon sehr bewegt hat.“

Gardner und Kleiner wandten sich 2014 erstmals an van Groeningen. Als sie über BEAUTIFUL BOY sprachen, erkannte van Groeningen sofort viele jener Themen wieder, die er schon in seinen früheren Filmen behandelt hatte: Familienkonflikte und Kontrollverlust, tiefe Emotionen, den Lauf der Zeit und visuelles Geschichtenerzählen. „Felix fühlt sich vor allem anderen dem ehrlichen Ausdruck verpflichtet – er hat überhaupt keine Geduld für Künstlichkeit. Aber gerade das macht ihn zu einem äußerst liebevollen Regisseur, der viel Geduld hat mit seinen Schauspielern, mit dem Text und mit der Art und Weise wie sich Zeit und Erinnerung in seinen Filmen durch die Geschichte schlängeln“, sagt Gardner.

Van Groeningen spürte sofort, dass die Bücher der Sheffs, die reich an eindrucksvollen Details waren, sich für die Leinwand eignen würden. „Sie waren voller kleiner Einzelheiten, die ich liebte“, sagt der Regisseur. „Vielleicht liegt es daran, dass David und Nic Filme wirklich lieben. Wenn sie schreiben, denken sie – wie in der Szene mit dem Surfen – über Bilder oder Situationen bereits filmisch nach. Plötzlich ist es neblig und dunkel und David verliert seinen Sohn. Das war eine unglaubliche Metapher für den gesamten Film. Letztendlich aber lag es daran, dass sich die Geschichte so mythisch und universell angefühlt hat, dass es sich für mich gelohnt hat, drei oder vier Jahre meines Lebens damit zu verbringen.“

Etwas anderes, das die beiden Bücher einzigartig machte, war die Art und Weise, in der sie die unverbrüchliche Bindung zwischen Nic und seinem Vater darstellten, sagt van Groeningen. „Da lag so viel Potential in dieser Beziehung“, sagt er. „Es war aufregend, darüber nachzudenken, diese besondere Verbindung zu zeigen, die die beiden teilten und die sie jederzeit zu verlieren drohten. Das ist herzzerreißend, besonders weil dies eine Familie ist, in der es so viel Liebe gibt, dass keiner von ihnen begreifen kann, was da passiert. Darüber hinaus ist es nicht nur die Geschichte einer einzigen Person“, fährt er fort. „Nic und David sind immer gleich präsent. In Filmen über Sucht geht es oft um Menschen, die aus dem Entzug kommen und ihr Leben neu beginnen. Oder es geht um die Drogenerfahrung selbst, mit all ihren Höhen und Tiefen. Ich bin noch nie auf einen Film gestoßen, der sich speziell mit den Erlebnissen einer Familie beschäftigt, die diese Tortur gemeinsam durchmacht. Es ist ein schwieriges Thema, doch der Dunkelheit und der Schwere wird eine Liebe zum Leben gegenüber gestellt.“

Das verbreitete Missverständnis, dass Sucht nur in verarmten oder benachteiligten Milieus gedeiht, wird laut Gardner durch BEAUTIFUL BOY entlarvt. „Sucht ist sozusagen ein demokratisches Phänomen. Es ist ihm egal, wie viel Geld oder Liebe oder Bildung man besitzt“, sagt die Produzentin. „Ich kenne niemanden, der nicht irgendeinen Bezug zu diesem Thema hat. Einen Jungen zu sehen, der aus einer schönen Umgebung kommt und Menschen hat, die ihr Bestes geben, um ihm zu helfen, ist genau deshalb quälend, weil es unsere Voreingenommenheit gegenüber der Sucht auf den Kopf stellt.“

Anstatt zu versuchen, jemandem die Schuld für Nics Sucht zu geben, wirft BEAUTIFUL BOY einen klaren und genauen Blick auf eine Familie, die mit einem verheerenden und wachsenden Phänomen zu kämpfen hat. „In der Vergangenheit – und teilweise noch immer – wurde Drogensucht als Charakterfehler oder als Folge von Missbrauch und Vernachlässigung wahrgenommen“, sagt van Groeningen. „Süchtige wurden auf Distanz gehalten. Inzwischen haben wir aber gelernt, dass das jedem passieren kann, egal wo.“
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 10.01.2019
CAPERNAUM - Stadt der Hoffnung
Ab 17. Januar 2019 im Kino
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Zain (Zain Al Rafeea) ist gerade einmal zwölf Jahre alt. Zumindest wird er auf dieses Alter geschätzt. Der Junge hat keine Papiere und die Familie weiß auch nicht mehr genau, wann er geboren wurde. Nun steht er vor Gericht und verklagt seine Eltern, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Dem Richter schildert er seine bewegende Geschichte: Was passierte, nachdem er von zu Hause weggelaufen ist und bei einer jungen Mutter aus Äthiopien Unterschlupf fand und wie es dazu kam, dass er sich mit ihrem Baby mittellos und allein durch die Slums von Beirut kämpfen musste.  Ein Kind klagt seine Eltern an und mit ihnen eine ganze Gesellschaft, die solche Geschichten zulässt.
 

Ein Film von Nadine Labaki 
Mit: Zain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw, Boluwatife Treasure Bankole, Kawthar Al Haddad u.a.


"Capernaum", ist eine Beschreibung biblischen Ursprungs, die sich vor allem im Arabischen und Französischen als Bild für einen Ort voller Chaos und Unordnung etabliert hat. Einen solchen Ort zeigt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki (CARAMEL) in ihrer hochemotionalen Fabel. In visuell eindrucksvollen Kinobildern erzählt CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG von den abenteuerlichen Lebensumständen jener, die von einem besseren Leben träumen, aber in unserer Welt keine Chance haben. Mitreißend inszeniert legt Nadine Labaki die Mechanismen unglaublicher, sozialer Ungerechtigkeit offen und gibt denen eine Stimme, die im Schatten leben, oft ohne Ausweispapiere und Arbeitsmöglichkeiten. Ein Film von großer Empathie und Menschlichkeit.   CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG wurde beim Filmfestival in Cannes minutenlang mit stehenden Ovationen gefeiert und gewann den Preis der Jury und den Preis der Ökumenischen Jury. Der Libanon schickt CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG ins Oscar-Rennen als Bester Nicht-englischsprachiger Film.
 
 
„Capernaum“ ein biblisches Fischerdorf am Nordufer des Sees Genezareth, Wohn- und Wirkungsort Jesu. Hergeleitet von der Menschenansammlung vor Jesus‘ Haus,  bedeutet es auch „ungeordnete Ansammlung von Objekten“ oder „Chaos“.  In diesem Sinne diente es Nadine Labaki als Inspiration.


LANGINHALT 
 
Beirut. In einem Gefängnis wird Zain (Zain Al Rafeea) untersucht. Ein Arzt schaut in den Mund des schmächtigen Jungen und stellt fest, dass er keine Milchzähne mehr hat. Das heißt, er wird vermutlich ca. zwölf Jahre alt sein. Zain verbüßt eine fünfjährige Haftstrafe, doch in einem weiteren Prozess tritt er als Kläger auf: Er verklagt seine eigenen Eltern, weil sie ihn in die Welt gesetzt haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Im Angesicht der Eltern, unterstützt von einer Anwältin (Nadine Labaki), legt Zain seinen Fall dar. In Rückblenden erzählt der Film seine Geschichte: 
 
Zain lebt mit seiner Mutter Souad (Kawthar Al Haddad) und seinem Vater Selim (Fadi Kamel Youssef) sowie mehreren Geschwistern in einem Armenviertel von Beirut. Die Eltern sind illegale Immigranten, die versuchen, sich mit dem Schmuggel von Drogen ins örtliche Gefängnis über Wasser zu halten. Damit ihr Jüngstes ihnen beim Drogenkochen nicht in die Quere kommt, wird das Kleine mit einer Kette am Fußgelenk angebunden. 
 
Neidvoll beobachtet Zain, wie andere Kinder des Viertels im Kleinbus zur Schule fahren, während er zum Lebensunterhalt der Familie beitragen muss. Er führt Lieferungen aus für den Kleinhändler Assad. Die Familie ist in einem von Assads Häusern provisorisch unter schlechtesten Bedingungen untergebracht. Der Händler hat zudem ein Auge auf Zains kleine Schwester Sahar (Cedra Izam) geworfen. Zain, der die Beschützerrolle für seine Schwester übernommen hat, versucht alles, um Assad von ihr fernzuhalten. Als Zain seine Eltern bittet, zur Schule gehen zu dürfen, würde die Mutter es tatsächlich erlauben – sie sieht, wie viel Unterstützung und Essen andere Schulkinder bekommen. Davon könnte auch ihre Familie profitieren. Doch der Vater, der trinkt, hält nichts davon – sein Sohn soll lieber arbeiten. Außerdem will er Assad nicht verärgern. Um weiterhin in der Wohnung bleiben zu können, übergeben die Eltern die elfjährige Sahar schließlich für ein paar Hühner an Assad. Zain kann es nicht verhindern, für ihn bricht eine Welt zusammen. Nichts hält ihn mehr in seinem Zuhause, wutentbrannt läuft er davon. 
 
Im Bus trifft er einen alten Mann in einem abgewetzten Spider-Man-Kostüm und folgt ihm auf einen Jahrmarkt, wo er sich versteckt, in den Fahrgeschäften schläft und nach einem Job sucht. Dabei lernt er die junge äthiopische Immigrantin Rahil (Yordanos Shifera) kennen. Sie arbeitet als Reinigungskraft, illegal, denn sie hat keine Papiere, und schmuggelt ihr Baby Yonas (Boluwatife Treasure Bankole) in einem Einkaufstrolley mit zur Arbeit. Rahil nimmt Zain bei sich in ihrer engen Unterkunft in den Slums auf, gibt ihm zu essen, und im Gegenzug kümmert sich Zain um das Baby, während Rahil zur Arbeit geht. Sie ist eine liebevolle Mutter, ihr Verhalten macht Zain umso deutlicher, was ihm selbst von seinen Eltern versagt bleibt. 
 
Rahil versucht verzweifelt, Geld zu sparen für neue Papiere, weil sie mit ihrem Kind nach Europa fliehen will. Immer wieder spricht sie deshalb bei Aspro (Alaa Chouchnieh) vor, der einen Stand auf einem der Märkte Beiruts betreibt und ihr die Papiere versprochen hat. Aspro hat es auf den kleinen Yonas abgesehen, den er an eine Familie verkaufen will. Er versucht Rahil davon zu überzeugen, dass ihr Sohn bei anderen Eltern ein besseres Leben hätte. So verzweifelt Rahil auch ist, Yonas würde sie nie hergeben. 
 
Als Rahil eines Tages in einem Cybercafé mit ihrer Mutter telefoniert um ihr zu erklären, dass sie in diesem Monat kein Geld schicken könne, wird sie bei einer Razzia verhaftet. 

Vergebens wartet Zain auf Rahil. Er hat keine Ahnung, was passiert ist. Ganz auf sich allein gestellt macht der Junge sich schließlich mit dem Baby auf den Weg, Rahil zu suchen. Wenn er etwas erbettelt, kauft er dafür Milch für den Kleinen. Auch er landet bei Aspro, der ihm Geld für Yonas anbietet – und ihm verspricht, ihm bei der Ausreise zu helfen. Mit einem anderen kleinen Mädchen aus dem Bazar schmiedet Zain Pläne – Wohin würden sie gehen? In die Türkei oder nach Schweden? Tagelang kämpft sich Zain mit Yonas im Schlepptau durch die Slums. Nachdem sie auch noch aus der „Wohnung“ vertrieben wurden und ihren Schlafplatz verloren haben, ist Zain am Ende seiner Kraft. Er sieht keinen anderen Ausweg, als Yonas bei Aspro zu lassen.
 
Anschließend kehrt er nach Hause zurück, um ein Papier zu suchen, das seine Existenz belegt. Nur damit kann er die von Aspro versprochenen Ausreisepapiere bekommen. Aber es gibt kein Dokument: Aus Geldmangel haben die Eltern ihr Kind nicht offiziell registrieren lassen. Stattdessen zeigen sie ihm ein anderes Schreiben, das Sahars Tod bescheinigt. Außer sich vor Wut und Trauer über den Tod der Schwester stürzt Zain zu Assad, mit einem Messer bewaffnet ... 
 
Im Gerichtssaal wird klar, warum Zain eine fünfjährige Haftstrafe verbüßt. Er hat Assad, für ihn der Mörder seiner Schwester, mit dem Messer so verletzt, dass dieser nun im Rollstuhl sitzt. Vor dem Richter sagt Assad aus, dass er Sahar geliebt habe und nicht wusste, dass sie zu jung für die Ehe war. Seine Schwiegermutter sei schließlich auch in dem Alter verheiratet worden. Doch Sahar habe während der Schwangerschaft Blutungen bekommen und sei vor den Toren des Krankenhauses gestorben. Die Ärzte verweigerten eine Behandlung, weil Sahar keine Papiere hatte. 
 
Die Eltern legen vor dem Richter und Zains Anwältin ein verzweifeltes Zeugnis ihrer Situation ab. Sie schildern ihre Lebensumstände, um ihr Verhalten zu erklären. Die Mutter arbeite wie ein Tier, um ihre Kinder am Leben zu halten. „Stellen Sie sich vor, sie müssten ihren Kindern Eiswürfel mit Zucker zu essen geben, weil sie sonst nichts haben.“ Sie selbst sei schon genug ihr eigener Richter. Was der Anwältin einfiele, sich ein Urteil über sie zu erlauben, sie habe keine Vorstellung von der Härte ihres Lebens. 
 
Als Zains Mutter den Sohn im Gefängnis besucht und ihm erzählt, dass sie wieder schwanger ist, ist Zain entsetzt. Ein Kind wurde ihr genommen, ein neues von Gott gegeben, so ihre Sicht der Dinge. Zain will sie nie wieder sehen und verlangt vor Gericht, dass seinen Eltern verboten wird, weitere Kinder in die Welt zu setzen. „Es kann doch nicht sein, dass sich Eltern nicht um ihre Kinder kümmern. All die Beschimpfungen und Schläge, keine Liebe. Ich lebe in der Hölle. Gott will wohl nicht, dass wir respektiert und geliebt werden. Wir sind nichts als Fußabtreter!“
 
Dass seine schwangere Mutter das neue Kind zur Welt bringt, kann Zain wohl nicht verhindern. Aber Aspro kann von der Polizei verhaftet und Yonas wiedergefunden werden. Kurz vor ihrer Abschiebung kann Rahil ihr Baby wieder in die Arme schließen. Und Zain wird fotografiert: Er bekommt einen Ausweis, den ersten seines Lebens – und zum ersten Mal huscht ein scheues Lächeln über sein Gesicht.
 
 

INTERVIEW MIT DER REGISSEURIN NADINE LABAKI
 
Warum haben Sie Ihrem Film den Titel CAPERNAUM gegeben?
Der Titel hat sich ergeben, ohne dass mir das wirklich bewusst war. Als ich angefangen habe, über den Film nachzudenken, hat mein Ehemann Khaled vorgeschlagen, dass ich all die Themen, die ich ansprechen will, all die Obsessionen, die mich zu der Zeit beschäftigten, auf eine Tafel in der Mitte unseres Wohnzimmers schreibe. So verfahre ich meist mit den Ideen, die ich entwickeln will. Beim Blick auf die Tafel einige Zeit später sagte ich zu Khaled: In Wahrheit ergeben all diese Themen ein „Capernaum“. Das ist der Film: ein echtes Chaos.
 
Was waren die ersten Ideen, die Sie auf die Tafel geschrieben haben?
Ich habe immer den Drang, das bestehende System und seine Widersprüche in meinen Filmen in Frage zu stellen, oder mir alternative Szenarien vorzustellen. Als wir mit CAPERNAUM begannen, waren die Themen: illegale Einwanderer, misshandelte Kinder, die Bedeutung von Grenzen und ihre Absurdität, der Umstand, dass wir ein Stück Papier brauchen, um unsere Existenz zu beweisen, Rassismus, die Furcht vor dem Anderen, Gleichgültigkeit gegenüber den Rechten von Kindern ...
 
Dann haben Sie beschlossen, das Thema Kindheit in den Mittelpunkt zu stellen ...
Die Idee, misshandelte Kindheit in den Mittelpunkt des Films zu stellen, entstand parallel zu diesem  Brainstorming. Sie resultierte aus einem herzzerreißenden Ereignis aus der Zeit, als ich meine Pläne  entwickelte. Auf dem Heimweg von einer Party gegen 1 Uhr morgens hielt ich an einer Ampel und sah genau unter meinem Fenster ein Kind, halb schlafend in den Armen seiner Mutter, die am Straßenrand saß und bettelte. Was mich am härtesten traf, war, dass dieser Zweijährige nicht weinte. Es schien, dass er nichts weiter wollte, als schlafen. Das Bild seiner sich schließenden Augen hat mich nicht losgelassen. Als ich nach Hause kam, musste ich etwas damit anfangen. Ich zeichnete ein Kindergesicht, das in die Gesichter von Erwachsenen schrie, als würde es sie dafür verantwortlich machen, es in eine Welt gesetzt zu haben, die es all seiner Rechte beraubt. Das war die Grundlage, von da aus entwickelte sich die Idee für CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG. Die Kindheit als Ausgangspunkt, weil offensichtlich das die Phase ist, die den Rest unseres Lebens bestimmt. 
 
Wovon handelt Ihr Film?
CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG erzählt von der Reise des zwölfjährigen Zain, der entscheidet, seine Eltern zu verklagen, weil sie ihn in diese Welt gesetzt haben, obwohl sie ihn nicht ordentlich großziehen, bzw. ihm nicht einmal Liebe geben können. Der Kampf dieses misshandelten Jungen, dessen Eltern ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, klingt wie der Schrei all derer, die von unserem System vernachlässigt werden. Eine universelle Anklage durch die Augen eines Kindes…
 
Welchen Hebel wollen Sie mit CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG, mit ihrem Kino generell, in Bewegung setzen?
Kino sehe ich in erster Linie als Mittel, das gegenwärtige System – und meine Rolle darin – in Frage zu stellen, indem ich meinen Standpunkt über die Welt präsentiere.  Auch wenn ich durch meine Filme, und vor allem durch CAPERNAUM, eine verstörende und harsche Realität zeige, bin ich zutiefst idealistisch in meinem Glauben an die Kraft des Kinos. Ich bin überzeugt, dass Filme, wenn nicht Dinge ändern, zumindest helfen können, eine Debatte darüber zu eröffnen, oder Menschen zum Denken anzuregen. Statt das Schicksal dieses Kindes zu beklagen, das ich auf der Straße sah und mich noch hilfloser zu fühlen, als ich es ohnehin schon tue, benutze ich meinen Beruf als Waffe und hoffe, damit Einfluss auf das Leben des Kindes zu nehmen – auch wenn ich nur dabei mithelfe, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Situation zu lenken. Der Auslöser war mein Bedürfnis, den Scheinwerfer auf das versteckte Gesicht von Beirut (und den meisten großen Städten) zu richten, das Alltagsleben derer zu beleuchten, für die Elend ein Schicksal ist, dem sie nicht entkommen können. 
 
Alle Schauspieler sind Menschen, deren Leben dem ihrer Filmfiguren ähnlich ist. Warum haben Sie diese Wahl getroffen?
Ja, Zains wirkliches Leben ist, in mehreren Aspekten, dem seiner Figur ähnlich. Das gilt auch für Rahil, eine Person ohne Papiere. Zur Figur von Zains Mutter inspirierte mich eine Frau, die ich getroffen habe, die 16 Kinder hat und unter denselben Bedingungen wie im Film lebt. Sechs ihrer Kinder starben, andere waren in Waisenhäusern, weil sie sich nicht um sie kümmern konnte.  Die Frau, die Kawthar spielt, gab in der Realität ihren Kindern Zucker und Eiswürfel zu essen. In dieser Besetzung, in der selbst der Richter im wirklichen Leben Richter ist, war ich die einzige „falsche Note“. Deshalb wollte ich meinen Auftritt sehr klein halten. Das Wort „play“, Spielen vor der Kamera, war immer ein Problem für mich – ganz besonders bei CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG, wo absolute Aufrichtigkeit der Schlüssel ist. Das schulde ich all denen, für die der Film als Sprachrohr ihrer Belange dient. Es war entscheidend, dass die Darsteller die Bedingungen, die wir zeigen, kannten. Das gibt ihnen die Legitimation, über ihre Anliegen zu sprechen. Ohnehin denke ich, es wäre für Schauspieler unmöglich gewesen, Menschen mit einem so schweren Gepäck zu spielen, die in einer Hölle leben. Mein Film soll unter die Haut meiner Figuren gehen, anstatt anders herum. Deshalb war Street-Casting eine naheliegende Wahl. Und wie durch ein Wunder – und ich bin überzeugt, dass irgendeine Kraft unseren Film beschützt hat – ergab sich alles. Als ich meine Figuren schrieb, tauchten sie auf der Straße auf, und meine Casting-Direktorin fand sie. Ich musste sie nur bitten, sie selbst zu sein – ihre eigene Wahrheit reichte aus. Ich war fasziniert, fast verliebt darin, wer sie sind, wie sie sprechen, agieren und sich bewegen. Ich bin glücklich, denn es war auch und vor allem ein Weg, ihnen den Film als Ort anzubieten, sich selbst auszudrücken, ein Raum, wo sie ihr Leiden darlegen konnten. 
 
Über Zains Anklage hinaus ist der Motor der Geschichte die Reise eines Jungen ohne Papiere ...
Zain hat keine Ausweispapiere und existiert im rechtlichen Sinne folglich eigentlich nicht. Sein Fall ist symptomatisch für ein Problem, das der Film aufwirft – die Legitimität eines menschlichen Wesens. Während meiner Recherchen bin ich auf so viele ähnliche Fälle von Kindern gestoßen, deren Dasein nicht dokumentiert ist, weil ihre Eltern es sich nicht leisten konnten, die Geburt zu registrieren. Sie sind und bleiben unsichtbar für die Augen des Gesetzes und der Gesellschaft. Viele kommen ums Leben, unbemerkt, oft aus Vernachlässigung, Unterernährung oder schlicht, weil sie keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung haben. Sie sterben, ohne dass jemand davon Notiz nimmt, weil sie nicht existieren. Sie alle sagen, und meine Recherche kann dies belegen, dass sie nicht glücklich sind, auf die Welt gekommen zu sein.
 
Die Dreharbeiten begannen kurz nach der Geburt Ihrer zweiten Tochter ...
Meine Tochter Mayroon ist ungefähr im gleichen Alter wie Yonas. Diese doppelte Erfahrung am Set und in meinem Privatleben, mein Versuch, beides in Einklang zu bringen, hat sicher meine Beziehung zu dem Film und diesem überwältigenden Abenteuer vertieft. Auch wenn ich zwischen den Szenen nach Hause gehen und stillen musste, auch wenn ich kaum geschlafen habe, hat mich eine unerklärliche Kraft während der Dreharbeiten angetrieben. Es war unglaublich. 
 
Rahil ist Äthiopierin. War das eine bewusste Wahl?
Unbewusst wollte ich, dass die Heldin dieses Films eine farbige Frau ist. Im Libanon sind viele Frauen wie Rahil gezwungen, ihre Familien zu verlassen, ihre eigenen Kinder, um für andere Familien zu arbeiten. Dort werden sie zu unsichtbaren Frauen, denen alle Emotionen, das Recht zu lieben, untersagt sind. Oft sind sie Opfer von Rassismus oder schlechter Behandlung durch die Arbeitgeber, die sie nicht so sehen wie ihre anderen Angestellten – einzig und allein, weil sie farbige Frauen sind. Sie dürfen nicht lieben, keine Kinder haben ... Auch hier wieder, die Szene beim Anwalt (wo Harout so tun muss, als würde sie sich von Rahil trennen und stattdessen eine Philippinin einstellen, die der Familie mehr Prestige bringen würde), zeigt die Inkongruenz eines Systems, das diese Frauen nicht nur als Eigentum betrachtet, sondern sie auch kategorisiert. Mein Wunsch war, diese Frauen zu feiern, so wie sie es verdienen.
 
Was waren die Gemeinsamkeiten zwischen der Fiktion des Films und der Realität? 
Es gibt viele Resonanzen, die dieses Abenteuer so magisch machten. An dem Tag, an dem wir die Szene drehten, in der Rahil im Cybercafe verhaftet wird, wurde sie tatsächlich verhaftet, weil sie keine Papiere hatte. Das war kaum zu glauben. Wenn sie im Film anfängt zu weinen, als sie ins Gefängnis gesteckt wird, sind ihre Tränen echt, weil sie diese Situation real durchlebt hat. Ebenso Yonas, dessen wirkliche Eltern während des Drehs verhaftet wurden. Das junge Mädchen, das ihn spielt (ihr Name ist Treasure) musste drei Wochen lang bei der Casting-Direktorin leben. All diese Momente, wo Fiktion und Realität aufeinandertreffen, tragen zweifellos zur Wahrheit des Films bei.
 
Der Film befasst sich auch mit Fragen der Migration. War das wichtig?
Im Film wird das Thema durch die Figur Mayssouns aufgeworfen. Mir war es wichtig, davon durch die Kinder zu erzählen, die über diese Reisen fantasieren, über die sie nichts wissen. Diese Kinder, die ins Erwachsensein geworfen werden, in eine harte und brutale Existenz, gegen ihren Willen.
 
Sehen Sie Ihren Film als Dokumentarfilm an?
CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG ist Fiktion, mit all den Elementen, die ich während meiner Recherchen erlebt habe und deren Zeugin ich wurde.  Nichts entstammt der Fantasie oder ist erfunden. Im Gegenteil. Was Sie sehen ist das Ergebnis meiner Besuche in armen Gegenden, Besserungsanstalten und Jugendgefängnissen, die ich allein aufgesucht habe, versteckt hinter Sonnenbrille und Hut. Ich habe drei Jahre lang für den Film recherchiert, denn ich musste genau Bescheid wissen. Alles klar sehen, was ich selbst nicht erlebt habe. Während dieser Zeit merkte ich, dass ich ein komplexes und sensibles Feld anpacke, eines, das mich umso mehr berührte, weil es mir fremd war. Ich habe gespürt, dass ich in die Realität dieser Menschen und ihrer Geschichten eintauchen musste, mich auf ihren Zorn, ihre Frustration einlassen, so dass ich es am besten im Film vermitteln konnte. Ich musste an die Geschichte glauben, ehe ich sie erzählen konnte.  Die Dreharbeiten fanden in den Armenvierteln der Stadt statt, zwischen Mauern, die identische Tragödien gesehen haben, mit einem Minimum an Sets, und Schauspielern, die angehalten waren, einfach sie selbst zu  sein. Ihre Erfahrung ging in die Arbeit ein. Auch deshalb dauerten die Dreharbeiten ganze sechs Monate und wir hatten am Ende 520 Stunden Material.

Dennoch scheint die Vorstellung eines Kindes, das seine Eltern verklagt, unrealistisch ...
Die Tatsache, dass Zain seine Eltern anklagt, ist eine symbolische Geste im Namen all der Kinder, die sich nicht ausgesucht haben, geboren zu werden, und denen es möglich sein sollte, von ihren Eltern ein Minimum an Rechten zu verlangen. Zumindest das Recht, geliebt zu werden. Ich wollte, dass der Prozess realistisch aussieht, mit Fernsehkameras und verschiedenen Medien, die Zain vor Gericht unterstützen. 

Im Gerichtssaal treffen alle Beteiligten schließlich aufeinander.
Die Idee des Gerichts war notwendig, um der Verteidigung einer ganzen Gruppe von Menschen Authentizität zu verleihen. Diese Anhörung erlaubt ihnen, ihre unterdrückten und ignorierten Stimmen zu erheben und endlich gehört zu werden. Daher habe ich Zains Mutter gebeten, sich bei ihrer Verteidigung vor dem Richter genauso zu verhalten, als würde sie ihren Fall im wirklichen Leben einem Anwalt schildern. Sie hat sich als Kawthar, als sie selbst ausgedrückt, was ihr erlaubte, das auszusprechen, was ihr ein Leben lang verboten war. Das Tribunal hat auch den Zweck, uns mit unserem Versagen zu konfrontieren, unserer Unfähigkeit im Angesicht von der Armut und dem Elend zu handeln, die in der Welt herrschen.
 
Ist es nicht auch ein Weg, uns zum Richten zu zwingen?
Im Gegenteil. Das Gericht dient dazu, die verschiedenen Standpunkte, die verschiedenen Meinungen zu sehen und zu hören. Wir verurteilen die Eltern, dann verzeihen wir ihnen.  Das spiegelt meine eigene Erfahrung wider. Konfrontiert mit Müttern, die die Rechte ihrer Kinder vernachlässigen, habe ich mich dabei ertappt, dass ich sie verurteilte. Aber je mehr ich über sie erfuhr, über die Hölle, die sie durchmachen, die Unbeholfenheit und das Nichtwissen, das oft dazu führt, dass sie ihrem eigenen Fleisch und Blut Unrecht tun, war für mich ein Schlag ins Gesicht. Die Idee ist, dass man sich fragt: „Wie komme ich dazu, diese Leute zu hassen oder zu verurteilen, über deren Erfahrungen und Alltagsrealität ich nichts weiß?“
 
Sehen Sie CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG als libanesischen Film?
In Bezug auf die Produktion und die Locations auf jeden Fall. Die Geschichte geht aber darüber hinaus. Es ist die Geschichte all derer, die keinen Zugang zu elementaren Rechten haben, Bildung, Gesundheit und auch Liebe. Diese dunkle Welt, in der sich die Figuren bewegen, ist symptomatisch für eine Zeit. Was sich dort abspielt, spielt sich in jeder großen Stadt der Welt ab. 
 
Es scheint, als würde dieser Film einen Einschnitt in Ihrer Karriere markieren, ein Schritt weg von Ihrer bisherigen Arbeit, die immer von einem gewissen Optimismus bestimmt war ...
Zain hat am Ende insofern Erfolg, als er seine Papiere bekommt, Rahil nimmt wieder den Kontakt zu ihrem Sohn auf. Für beide konnten wir auch im realen Leben ihre Situation im Libanon legalisieren. Dieses Mal wollte ich, dass sich das Happy End nicht auf die Leinwand beschränkt, und ich hoffe, das überträgt sich auch in die Realität durch die Diskussionen, die der Film eröffnen kann. CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG hat den Schauspielern einen Raum gegeben, in dem sie ihr Leid und das Unrecht hinausschreien dürfen und Gehör finden. Allein das ist schon ein Sieg.
 
Was wünschen Sie sich, was wollen Sie im Idealfall mit dem Film erreichen?
Der ultimative Traum wäre, dass die, die in der Verantwortung stehen, ein Gesetz schaffen, eine wirkliche Struktur, um schlecht behandelte und vernachlässigte Kinder zu schützen. Um diesen Kindern, die nichts anderes sind als Gottes Wille oder die Frucht eines sexuellen Drangs, eine Art von Unantastbarkeit zu geben. 
 
 
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Montag 31.12.2018
MEINE WELT IST DIE MUSIK - Der Komponist Christian Bruhn
Ab 10. Januar 2019 im Kino
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Jeder kennt Christian Bruhns Musik - kaum ist ein Songtitel genannt, klingt er automatisch im Ohr oder man begegnet den Sounds live in DJ Sets oder auf dem Oktoberfest. Doch ihn, den Urheber und Komponisten, kennen die wenigsten. Christian Bruhn, der Mozart verehrt und im Herzen ein Jazzer ist, ist einer der erfolgreichsten, deutschen Unterhaltungsmusikkomponisten. Er hat Hits geschaffen, wie Marmor Stein und Eisen bricht, Wunder gibt es immer wieder, Zwei kleine Italiener, Liebeskummer lohnt sich nicht, Ein bisschen Spaß muss sein u.v.a. Aber auch die Titelmusik zu TV Serien wie Captain Future und Timm Thaler oder einen Liederzyklus aus Heinrich Heine Gedichten für seine frühere Ehefrau Katja Ebstein. Sein Werkverzeichnis umfasst mehr als 2.500 Titel. Wer ist dieser Mann? „Es war mir nie wichtig auf der Straße erkannt zu werden, die Leute sollen meine Melodien pfeifen“, sagt Bruhn, der Musik als sein absolutes Lebenselixier bezeichnet.

Dokumentarfilm über den Mann, der Marmor, Stein und … Wunder schuf

mit Christian Bruhn, Katja Ebstein, Harold Faltermeyer, Ralph Siegel, Klaus Doldinger, Erika Bruhn, Curt Cress, Toni Netzle, Johannes Bruhn, DJ Hell, DJ Sepalot

MEINE WELT IST DIE MUSIK ist der erste Dokumentarfilm über Christian Bruhn und das einfühlsame, ansteckend beschwingte Portrait eines Mannes, der von Anfang der sechziger Jahre bis heute generationsübergreifend die Menschen mit seiner Musik begleitet und berührt hat. Marie Reich (Regie und Drehbuch) und Constantin Ried (Produktion, Idee, Drehbuch) und ihr Team geben Einblick in Christian Bruhns Leben und sein vielschichtiges Werk, das einen immer wieder überrascht. Christian Bruhn öffnete sein Herz und seine Türen für das Filmteam und erzählt auf unterhaltsame Weise aus seinem Leben oder lässt die Musik es tun.

Über drei Jahre haben die Filmemacher den sehr eloquenten und mit viel Humor ausgestatteten Komponisten, der im Oktober 2018 seinen 84. Geburtstag feierte, begleitet. Sie haben ihm bei seiner Arbeit über die Schulter geschaut, sind mit ihm gereist und haben einen Remix seiner Filmmusik zu “Timm Thaler” begleitet, den kein Geringerer als DJ HELL – elektronische Musiklegende – zusammen mit DJ SEPALOT (von der ehem. bayer. RAP Erfolgsband „Blumentopf“) aufgenommen hat. Langjährige Begleiter wie Katja Ebstein, Erika Bruhn, Ralph Siegel, Harold Faltermeyer, Klaus Doldinger kommen zu Wort.


MEINE WELT IST DIE MUSIK. Der Komponist Christian Bruhn.

Jeder kennt seine Hits. Aber ihr Macher, Christian Bruhn, hat sich im Hintergrund gehalten. Seine populärsten Kompositionen wie „Liebeskummer lohnt sich nicht“, „Wunder gibt es immer wieder“, „Ein bisschen Spaß muß sein“ oder „Marmor, Stein und Eisen bricht“ haben Generationen übergreifend die Menschen begleitet. Nach wie vor werden diese Lieder gehört und geliebt. Zudem hat Bruhn Generationen von film- und fernsehbegeisterten Kindern und Familien unvergessliche Ohrwürmer geschenkt mit seinen Titelmelodien und Filmmusiken zu den TV-Serien „Timm Thaler“, „Silas“, „Captain Future“, „Jack Holborn“, „Wicki und die starken Männer“, „Heidi“, „Sindbad“ , „Manni der Libero" (mit Tommy Ohrner als Kinderstar der 80er) und „Die rote Zora“  , um nur einige zu nennen. Er hat es geschafft, den Geist seiner Zeit zu erspüren, aufzugreifen und in Musik zu verwandeln. Der mittlerweile 84-jährige Christian Bruhn hat Deutschlands populäre Musik geprägt wie wenig andere vor ihm.

1934 in Wentdorf bei Hamburg geboren, wuchs Bruhn in einem bürgerlichen, intellektuellen Hause auf. Seine Eltern waren sehr Kunst und Musik interessiert, Thomas Mann, Erich Kästner, Emil Nolde oder August Macke gehörten zum Freundeskreis. So studierte der junge Bruhn auch erst einmal Klavier und Klarinette und lernte dabei ganz solide sein Handwerk als klassischer Musiker. Doch von Anfang an war er der leichten Unterhaltungsmusik verfallen, wie er selbst sagt. Sehr zum Leidwesen seines Vaters. Seine Mutter unterstützte ihn dagegen immer. Nach seiner Ausbildung, begann er sofort als Musiker zu arbeiten und tourte mit verschiedenen Jazz-Combos durch Deutschland bis er schließlich 1956 in München landete.
Von nun an ging es langsam, aber stetig bergauf. In der lebendigen, wilden Münchner Live-Musik-Szene fasste er schnell Fuß, wurde Arrangeur bei der Plattenfirma Tempo und begann eigene Songs zu produzieren. Sein erster großer Hit „Zwei kleine Italiener“ gewann 1962 die Deutschen Schlagerfestspiele in Baden-Baden.
Danach lief alles fast wie von selbst. Ein Song folgte auf den anderen, Christian Bruhn arbeitete mit allen Größen aus dem Showgeschäft. Conny Froboess, Katja Ebstein, Jack White, Roy Black, Udo Jürgens, Ralph Siegel, Mireille Mathieu, Drafi Deutscher, Manuela, Fred Jay, Rudolf Kunze, Rudolf Loose, Georg Buschor und viele, viele andere gehörten und gehören zu seinem Freundeskreis, seiner Familie oder zu seinen Kollegen. Es war eine wilde Zeit, in der sich ausprobiert, experimentiert, gefeiert und gelebt wurde. Trotzdem schrieb Christian Bruhn ohne Pausen Hits. 1970 belegte Katja Ebstein den 3. Platz beim Eurovision Songcontest mit „Wunder gibt es immer wieder“, für Mireille Mathieu schriebt er ab Ende der sechziger Jahre an die hundert Lieder, darunter einige Top Ten Songs.

Ende der Siebziger Jahre begann dann vermehrt die Arbeit an Filmmusiken und Werbejingels (z.B. „Milka-Schokolade – die zarteste Versuchung.) Neben den Titelsongs für „Heidi“, „Wicki und die starken Männer“ und „Captain Future“, entstanden Filmmusiken für „Timm Thaler“ „Jack Holborn“, „Silas“, „Nesthäkchen“ und viele andere. Gleichzeitig vertonte er aber auch Gedichte von Heinrich Heine – Katja Ebstein ist bis heute damit erfolgreich auf Bühnen unterwegs -, komponierte Liederzyklen zu vielen Werken von Wilhelm Busch und James Krüss, schrieb Musicals, Lieder für Kinder, spielte sein Leben lang immer wieder in verschiedenen Jazz-Bands, liebt die Klassik, die Literatur und die Malerei.

1991 wurde Christian Bruhn Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA, der er für 18 Jahre blieb und später auch Professor an der Hochschule für Musik Nürnberg/Augsburg.
Er bekam unzählige Preise und Auszeichnungen, darunter den Paul-Lincke-Ring, die Goldene Stimmgabel für sein Lebenswerk, die Richard-Strauss-Medaille und viele mehr.

Christian Bruhn hat 5 Ehen geschlossen und ist Vater zweier Kinder. 1972 heiratete er Katja Ebstein, 1976 Erika Götz (Gitti&Erika), die erfolgreichsten Sängerinnen unter seinen Frauen. Auch wenn es heute, mit über 80, leiser um ihn geworden ist, strotzt er dennoch weiterhin vor Tatendrang. Er schreibt immer noch Musik, arbeitet an verschiedenen Musical-Ideen und verbringt am liebsten nach wie vor seine Tage im hauseigenen Musikstudio. Mit seinem Sohn Johannes am Schlagzeug spielt Christian Bruhn regelmäßig in einer Band zusammen. Er selber sitzt dabei am Keyboard



Kommentar der Filmemacher

Wir, die spätere Generation, kennen die Musik von Christian Bruhn. Sie hat uns beim Heranwachsen begleitet, ohne dass wir wussten, wer eigentlich dahintersteckt. Sei es, dass ein Schlager von ihm bei Oma und Opa im Radio lief, - oder die Fernsehserien, die sich die ganze Familie zu Weihnachten angesehen hat, vielleicht mit einem bekannten Werbejingle davor. Später begleiteten uns die Programme der „ZDF-HITPARADE“ in der Disco.

Da wir alle sehr mit Musik verbunden sind, hat uns Bruhns große Bandbreite fasziniert, die heute, da ein Schablonendenken in der Musikindustrie vorherrscht, nicht mehr zu finden ist. Seine erstklassigen Filmmusiken sind im Grunde nur mit den orchestralen Scores der großen europäischen und amerikanischen Filmkomponisten vergleichbar. Seine eingängigen Schlager haben die Zeiten überlebt und sind heute Folie für Neubearbeitungen von Bands oder DJ’s.  Bruhn, einer der erfolgreichsten deutschen Komponisten und Musikproduzenten der Schlagerbranche in der Nachkriegszeit, war aber auch ein großer Entdecker junger Talente. So verdanken ihm Manuela, Drafi Deutscher und viele mehr ihre Bekanntheit.

Christian Bruhn ist ein sehr unterhaltsamer Erzähler. In einer Zeit, in der dem deutschen Schlager einen großen medialen Präsenz zuteil wird, wollten wir noch einmal auf die Anfänge dieser Musik zurücksehen und das musikalische Schaffen von Christian Bruhn in seiner Vielfältigkeit aufzeigen. So entstand das Porträt eines großen deutschen zeitgenössischen Komponisten der Unterhaltungsbranche.  Seine Filmmusiken sind heute Kult. Am bekanntesten ist sein Filmmusikalbum „Captain Future“, das heute in Elektro - Clubs oft aufgelegt wird. Die LP erzielt in Sammlerkreisen hohe Preise. Viele namhafte DJs haben davon Remixes gemach.  Da die Filmmacher von den Musikverlagen, Labels und Künstlern unterstützt wurden konnten Sie mehr als 50 Titel im Film verwenden und so einen gr0ßen Umfang des Werks zeigen.
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Donnerstag 27.12.2018
MANASLU
Ab 3. Januar 2019 im Kino
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Der Everest Rekord Bezwinger Hans Kammerlander stellt sich nach 26 Jahren seinem Schicksal am MANASLU in Nepal (8163 Meter). Ein Freund stürzte ab, der andere wurde nur wenige Meter neben ihm vom Blitz erschlagen. Hans, dem Wahnsinn nahe, überlebte!

Nach seinen Erfolgsfilmen MOUNT ST. ELIAS und STREIF kehrt Regisseur Gerald Salmina mit einem spektakulären, wie bewegendem Portrait von einem der größten Bergsteiger unserer Zeit zurück auf die Kinoleinwand.

Ein Film von Gerald Salmina   
Mit Hans Kammerlander, Werner Herzog, Stephan Keck u.v.a.


INHALT

Die Idee zum Film basiert auf der Lebensgeschichte von Hans Kammerlander, seine größten Erfolge und Tragödien.

HANS KAMMERLANDER und der MANASLU 
Hans Kammerlander wurde 1996 mit der bis heute schnellsten Besteigung über die Nordroute zum Gipfel des Mount Everest in der Rekordzeit von 16h 40min weltberühmt. Noch unglaublicher war es im Anschluss als erster Mensch vom Gipfel des höchsten Berges der Welt mit Skiern abzufahren. Seine schmerzvollste Tragödie erlitt Hans Kammerlander 1991 am Manaslu in Nepal, wo er zwei seiner besten Freunde verlor. Einer stürzte aus unerfindlichen Gründen ab, der andere wurde neben ihm vom Blitz erschlagen. Hans, selbst in akuter Lebensgefahr, überlebte das Gewitter am Rande des Wahnsinns. Es war ein Berggewitter, das es gar nicht geben durfte. Durch die brennenden Ölfelder im Golfkrieg erreichten 1991 Partikel in der Atmosphäre sogar den Himalaya, wodurch es auch in großen Höhen zu elektrisch aufgeladenen Hochspannungsfeldern kam.
Das Ziel der Seilschaft Stephan Keck und Hans Kammerlander war es, im Herbst 2017 an den Manaslu zurückzukehren, um ihn endlich zu besteigen und anschließend von dem 8163 Meter hohen Gipfel mit Skiern auf einer neuen Route abzufahren. Mit der Besteigung stellt sich Hans Kammerlander nach 26 Jahren nicht nur erneut dem Berg, sondern auch der Tragödie von 1991, die er bis heute nicht verarbeiten konnte. Nicht zuletzt hat er deshalb darauf stets verzichtet einer der ersten zu sein, der alle Achttausender ohne Sauerstoff bestiegen hat. 

HANS KAMMERLANDER – REKORDE am MT. EVEREST
Hans Kammerlander ist wahrhaftig einer der ganz großen Bergsteiger. Es ist ihm gelungen Gipfelerfolge zu feiern, die nicht wiederholbar sind. Am Beginn seiner Karriere begleitete er Reinhold Messner auf die letzten 7 von 14 Achttausendern von Messner, womit Hans maßgeblich am Erfolg Messners beteiligt war.
Hans hat danach nach eigenen Zielen gesucht und „Speed-Bergsteigen“ zu einer Zeit geprägt, als sich niemand vorstellen konnte, dass dies jemals realisierbar sein wird. Er wollte nichts riskieren, sondern nur so sicher wie möglich zum Gipfel gelangen. Schnelligkeit war für ihn die größte Sicherheit. Seine Zauberformel war, dass er mit minimalistischer Ausrüstung, Proviant und Gepäck, ohne Hochlagerkette und Fixseile zum Gipfel marschiert und dabei nur auf seine geistige und körperliche Leistungsfähigkeit vertraut.
Hans Kammerlander hat auf die trügerische Sicherheit zu großer Rucksäcke voll mit Notfallplänen und „Versicherungen“ verzichtet. Eine Metapher für das Leben generell. Alles mit der anspruchsvollen Ethik, es ohne künstlichen Sauerstoff zu schaffen. Seine unbegreifliche Zeit von 16h 40min über die Nordroute am Mt. Everest wurde bis heute nicht unterboten. Eine nicht nachvollziehbare Leistung, die er sogar noch verdoppelte, indem er nach der Rekordbesteigung, als erster Mensch mit Skiern vom höchsten Punkt der Erde, die Nordseite hinunterfuhr. Die Tatsache, dass es nach 21 Jahren keine gleichwertige Wiederholung für diese Speed-Skibergsteiger-Kombination am Mount Everest gibt, ist bezeichnend für die Ausnahmestellung von Hans Kammerlander als Alpinist.

DIE PRODUKTION:
Der Film versucht ein Bild über einen Menschen zu zeichnen, der sein Leben den Bergen gewidmet hat, schmerzvolle Tragödien, viele Verluste und große Triumphe erlebte. Ein Mann, der sich selbst immer wieder fragt: „Warum lebe ich noch und warum sind die meisten meiner Freunde tot?“
Die Geschichte versucht, wertungsfrei zu hinterfragen, was ihn immer noch in die Berge treibt und wie es trotz der Tragödien für ihn möglich ist „weiterzugehen“. Ein Biopic eines der größten Bergsteiger unserer Zeit. 
Um die dramatischen Erlebnisse von Hans Kammerlander so emotional, wie er es in seinen Büchern beschreibt, zu erleben, mussten die Geschichten wie in einem Spielfilm produziert werden, da damals naturgemäß keine Kamera mitfilmen konnte. Die Meilensteine seiner Karriere und Wendepunkte seines Lebens wurden daher von Schauspielern in nachgespielten Szenen dargestellt. Die Dreharbeiten verlangten ihnen alles ab. Stürme bis zu 80km/h Windgeschwindigkeit, -35 Grad Kälte, Eisbrüche und Gletscherspalten schufen originaltreue Szenen. Der Regisseur Gerald Salmina brachte die Schauspieler an Orte, welche es den Schauspielern leicht machte all das zu fühlen, was Bergsteiger in Extremsituationen empfinden. Gleichzeitig wurde damit die Authentizität der Anstrengungen sicherstellt, wenn man sich im ausgesetzten Gelände bewegt. Nicht viel weniger spannend sind die Szenen am heimatlichen Bergbauernhof, welche einen tiefen Einblick in die Welt von damals zeigen und Verständnis dafür schaffen, warum Hans Kammerlander fähig war, solche Leistungen an den hohen Bergen der Welt zu erreichen. Der Höhepunkt des Filmes findet jedoch dokumentarisch im Hier und Jetzt statt, wenn das letzte große Abenteuer des Hans Kammerlander, nochmals auf den 8163 Meter hohen Manaslu in Nepal zurückzukehren, hautnah, an den Schauplätzen der Tragödie von damals, dokumentiert wird.


WERNER HERZOG UND HANS KAMMERLANDER
Sein filmisches Meisterwerk „Fitzcarraldo“ und der exzentrische Klaus Kinski in der Hauptrolle machten Regisseur, Schauspieler, Produzent und Schriftsteller Werner Herzog weltbekannt. Für seine Filme, in denen er gerne Menschen, Situationen und Landschaften der Extreme portraitiert, standen Hollywood-Stars wie Nicolas Cage, Eva Mendes, Nicole Kidman, James Franco, Cristian Bale oder Donald Sutherland vor der Kamera. Die langjährige Freundschaft mit Hans Kammerlander brachte den Oscar-nominierten Regisseur („Encounters at the End of the World“) nun bei MANASLU wieder selbst vor die Kamera.

DOPPELÜBERSCHREITUNG von GASHERBRUM I und II:
Das erste Mal trafen die beiden 1984 bei den Dreharbeiten zu „Gasherbrum - Der leuchtende Berg“ aufeinander. Die Doppelüberschreitung zweier 8000er (Gasherbrum II und I) von Reinhold Messner und Hans Kammerlander sollte zu einer Pionierleistung dieser Zeit werden: 8 Tage in der Todeszone, wenig Schlaf, ohne Fixseile, kein Flaschensauerstoff und wenig Geländekenntnis. Der Regisseur Werner Herzog begleitete die 2er-Seilschaft mit einem Kamerateam ins Basislager und dokumentierte diese psychische und physische „Grenz- Überschreitung“ als „innere Landkarte“ eindrucksvoll.

DER AUTOUNFALL:
Im freundschaftlichen Gespräch lassen Werner Herzog und Hans Kammerlander die Zeit von damals vor der Kamera wiederauferstehen. Ein Erfolg und eine Leistung von Hans Kammerlander und Reinhold Messner, die heute noch schwer nachahmbar oder zu verstehen ist. Die größte Tragödie des Hans Kammerlander, passierte aber im Tal. Zum ersten Mal spricht Hans ausführlich und ehrlich über den größten Fehler seines Lebens. Werner Herzog agiert hier als ein sehr tief gehender, schmerzvoll hinterfragender, aber auch sehr gefühlvoller Gesprächspartner. Ein spannender Dialog von zwei Freunden, die sich nach 26 Jahren das erste Mal wiedersehen.
 
 
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Donnerstag 20.12.2018
SIBEL
Ab 27. Dezember 2018 im Kino
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Poetisch und bildgewaltig: In der Weltabgeschiedenheit eines kleinen türkischen Dorfes kämpft eine außergewöhnliche junge Frau um ihre weibliche Identität.

Sibel lebt mit ihrem Vater und ihrer Schwester in einem türkischen Bergdorf am Schwarzen Meer. Sie ist seit ihrer Kindheit stumm, kann sich aber dank einer in der Region verbreiteten Pfeifsprache verständigen. Von den Dorfbewohnern gemieden und ausgeschlossen, folgt die junge Frau heimlich einem Wolf, der sich im nahen Wald herumtreiben soll. Bei einem dieser Streifzüge trifft Sibel auf einen Deserteur der türkischen Armee, der sie mit ganz anderen Augen ansieht, als sie es bisher von den Menschen um sie herum kannte. Doch im Dorf stößt die Verbindung der beiden Außenseiter auf Ablehnung.

Ein Film von Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti
Mit Damla Sönmez, Erkan Kolçak Köstendil, Emin Gürsoy


Interview mit Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti

SIBEL ist Ihr dritter gemeinsamer Spielfilm nach NOOR (2014) und NINGEN (2015). Was ist das Geheimnis Ihrer Zusammenarbeit?
Die Tatsache, dass wir auch im wahren Leben ein Paar sind! In den vergangenen 15 Jahren haben wir wirklich gelernt, miteinander zu arbeiten. Wir sagen immer, dass eine*r von uns den Film nicht ohne den/ die andere*n machen kann. Unsere Arbeit basiert auf dem gemeinsamen Prozess, egal welche Projekte oder Länder wir angehen. Nach all diesen Jahren der Zusammenarbeit kennen wir unsere Stärken und Schwächen sehr genau. Und da wir zusammen sind, endet unsere Arbeit nie. Manchmal wecken wir uns um 4 Uhr morgens, um über eine neue Idee zu reden. Wir gleichen unsere Einsichten und Auffassungen regelmäßig miteinander ab.

Ihre Spielfilmideen resultieren also aus diesen nächtlichen Diskussionen?
Sie entwickeln sich eher aus zufälligen Entdeckungen von Orten, entweder sehr städtischen wie bei NINGEN oder in der Wildnis des Himalayas wie bei NOOR oder der Berge am Schwarzen Meer wie bei SIBEL. Außerdem glauben wir sehr an GO-en, ein japanisches Konzept über zufällige Begegnungen. Es stellt die Basis unserer Arbeiten dar, in denen Protagonisten aufeinandertreffen, die das niemals sollten. Wir versuchen, offen gegenüber anderen, dem Anderssein zu bleiben.
Manche unsere Begegnungen sind wie Liebe auf den ersten Blick. Bis vor kurzem haben wir immer mit Menschen gearbeitet, die uns durch ihre Vergangenheit, ihre Sprache, ihren Werdegang inspirierten und wir baten sie, sich selbst in unseren Filmen darzustellen. Die Idee war, ihre persönliche Entwicklung mit unseren filmischen Mitteln umzusetzen, und dafür eine Geschichte zu schreiben. Bei SIBEL haben wir zum ersten Mal mit professionellen Schauspieler*innen gearbeitet, die wir aber in eine sehr realistischen Umgebung verfrachtet haben und mit vielen Laiendarsteller*innen zusammen spielen ließen.

Woher kam die Idee zu SIBEL?
2003 kauften wir „Die Sprachen der Menschheit“, einen Wälzer von 2000 Seiten mit einem Wissen, das einen umhaut. In einer kleinen Nebenbemerkung wurde ein kleines Dorf im Nordwesten der Türkei erwähnt, in dem die Einwohner*innen mit einer Pfeifsprache kommunizieren. Das beeindruckte uns, da wir in unserer Arbeit oft Sprachen und ihre Kommunikationsmöglichkeiten erkunden. Al wir 2004 in die Region am Schwarzen Meer in der Türkei reisten, suchten wir dieses spezielle Dorf. Wir wollten diese Sprache entdecken, herausfinden, ob sie wirklich existiert, aus einer fast ethnolographischen Neugier heraus. Wir entdeckten Kuşköy, was die Stadt der Vögel bedeutet.
Wir befürchteten, dass das nur Folklore wäre, dass nur wenig Ältere die Sprache noch wirklich benutzten. Aber so war es nicht. Im Gegenteil – das ist keine ausgestorbene Sprache. Die Erwachsenen beherrschen sie meisterlich. Aber natürlich, die jüngere Generation, die mit dem Mobiltelefon aufgewachsen ist, hat Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Also haben die Dorfbewohner*innen angefangen, die Pfeifsprache in der Schule zu unterrichten. Und sobald die Smartphones in den Bergen einen schlechten Empfang haben, fangen sie an, zu pfeifen. Der Pfeifton wird viel besser übertragen. Die Pfeifsprache ist kein Code wird das Morsen, sodern eine echte Umsetzung der türkischen Sprache in Silben und Laute. Deshalb kann wirklich alles gesagt werden. Wirklich alles.
Während dieser ersten Reise, trafen wir auf eine junge Frau aus dem Dorf. Zuerst hatten wir den Eindruck, sie sei stumm und würde sich nur in der Pfeifsprache unterhalten. Dann verschwand sie plötzlich in der Wildnis. Das inspirierte uns zu der Figur der SIBEL.

Wer ist Sibel? Wie würden Sie sie beschreiben?
Sie existiert nicht nur in der Türkei. Es gibt Sibels auf der ganzen Welt, Frauen, die auf eine bestimmte Vorstellung beschränkt werden, mit denen die Gesellschaft ihnen Schranken setzt. Aber Wer ist Sibel? Wie würden Sie sie beschreiben? Da Sibel stumm ist, muss sie in der Pfeifsprache kommunizieren. Sibels Werdegang ist auch eine Form der Emanzipation. Wegen ihrer Behinderung unterliegt sie nicht den sonst alltäglichen Belastungen. Sie wurde von ihrem Vater freier und unabhängiger erzogen. Im Dorf wird sie in Ruhe gelassen, da die sozialen Regeln für sie nicht gelten. Sie entwickelt sich anders, mit einer scharfsinnigen Sicht auf die Welt, auf der Suche nach einer originären, primitiven inneren Stärke. Ihre Identitätssuche wird durch ihre Suche nach dem wilden Tier, dem berühmten Wolf verkörpert.

Da Sibel stumm ist, muss sie in der Pfeifsprache kommunizieren. Wie gingen sie mit dieser Herausforderung um?
Es durfte nicht irgendwas gepfiffen werden. Alle gepfiffenen Dialoge im Film sind real. Lange vor den Dreharbeiten betreute ein Pfeifsprachen-Coach die Hauptdarstellerin, um ihr die Sprache beizubringen. Und beim Drehen arbeitete er als Berater und überwachte die sprachliche Stimmigkeit. Für ihn war der Film ein Segen, dass der Film eine Sprache hervorhebt, die er jeden Tag benutzt und deren Untergang er nicht akzeptieren kann. Deshalb engagierte er sich jeden Tag für das Projekt, ebenso wie viele Dorfbewohner*innen,  die uns willkommen hießen und uns beträchtlich halfen. Aber andere arbeiteten einfach weiter auf dem Feld, und einige ignorierten die Dreharbeiten. Es kam vor, dass Sibel das Wort „Papa“ während einer Aufnahme pfiff, und kurz danach hörten wir als Antwort aus der Ferne „Was ist? Was willst Du?“.

Sibel wird wegen ihres Handicaps eindeutig als Außenseiterin behandelt...
Ja.. Sie will dieser Einsamkeit entkommen, indem sie versucht, akzepiert zu werden, sich der Gemeinschaft einzufügen, und den Anderen zu zeigen, dass sie es wert ist, geliebt zu werden. Sie weiß, dass es etwas in ihr gibt, das noch verschüttet ist und sich entfalten will, aber sie weiß noch nicht, wo sie danach suchen soll.

Die soziale Ausgrenzung ist eines der zentralen Themen des Filmes.
Wir haben einige Filme über Menschen am Rand der Gesellschaft, die nicht dazugehören, gedreht. Man erfasst besser, wie eine Gesellschaft tickt, wenn man versteht, wer von ihr ausgeschlossen wird. Wir glauben, dass das Handicap von Sibel ein Vorteil für sie ist. Sie entwickelt sich anders. Sie gehört zu keiner Kaste. Mütter wollen nicht, dass sie einen ihrer Söhne heiratet. Während die anderen jungen Frauen ihres Alters schon zwei Kinder haben, ist Sibel noch total frei.

Sibel hat ihre Mutter verloren und lebt mit ihrem Vater, der der Bürgermeister des Dorfes ist. Was veranschaulicht Ihrer Meinung nach diese Figur?
Unserer Meinung nach ist Sibels Vater intuitiv modern. Er hat klare Vorstellungen. Jemand anderes hätte sich eine neue Frau gesucht, hätte mehr Kinder bekommen, etc...  Seine ältere Tochter Sibel ist sein ganzer Stolz, obwohl er auch seine jüngere Tochter liebt. Mit Sibel hat er ein ausgewogenes Verhältnis; sie vetrauen einander, egal, was das Dorf denkt. Es war äußerst wichtig, den Film mit dieser stabilen, dauerhaften Beziehung zu beginnen. Die Väter dieser Region werden in einer düsteren oder extremen Weise dargestellt. Aber die Väter sind nicht immer gewalttätig, autoritär oder gefühllos ihren Kindern gegenüber. Und diese Figur des Vaters wird sehr wichtig für uns, in dem Moment, wo seine Sicherheit ins Wanken gerät und er sich sehr viel komplexer entwickelt.

SIBEL evoziert vor allem das Verbotene. Aus dem Dorf traut sich niemand in den Wald – wegen des Wolfes, den Sibel verbissen jagt. Was symbolisiert er?
Der Wolf ist eine Bedrohung, besonders für die Frauen. Diese Bedrohung wird von den Männern benutzt, um eine Schranke zwischen dem Dorf und allem, was jenseits davon ist, zu errichten. Niemand soll das Dorf verlassen. Sibel spürt den Wolf auf. Sie versucht etwas zu tun, um soziale Anerkennung zu bekommen. Sie versucht auch, ihre Angst zu verorten, um sich davon zu befreien und auch die anderen davon zu befreien. Natürlich steht hinter der Idee des Wolfes auch die Bildwelt und die Metaphern der Märchen. Wir erzählen gerne populäre Geschichten, die mit lokalen Mythologien verbunden sind. Sibel geht jagen, sie ist eine Wilde. Was sie sucht, kann überall sein, auch in ihr selbst. Der Wolf kann auch ein beschützendes Wesen sein, der Romulus und Remus aufzieht, aber auch Asena, die ursprüngliche Wölfin, die Ahnin aller türkischer Stämme, im schamanischen Denken vor dem Islam. Der Wolf ist definitiv eine vielgestaltige Metapher, in der wir viel sehen oder auf die wir viel projizieren können.

Im Wald trifft Sibel einen Mann namens Ali, der angeblich ein Terrorist sein soll. Was impliziert diese zufällige Begegnung?
Er löst im Dorf eine klassische Angst aus: die Furcht vor Fremden, vor dem Unbekannten. Und wir glauben, dass dieses Gefühl heute auch weit außerhalb der türkischen Grenzen, in Europa und anderswo, bekannt ist. In der heutigen Türkei wird Ali, so wie er durch die Wälder wandert, sofort als Terrorist erkannt. Sibel ist wie er eine Außenseiterin. Diese Begegnung interessiert uns, weil beide sozial ausgeschlossen werden. Zwischen beiden gibt es ein grundsätzliches, instinktives und primitives Verständnis. Wie Sibels Vater mischt sich Ali nicht in ihre Freiheiten ein, er versucht nicht, sie zu unterdrücken, und er misst sie auch nicht mit den Klischees, die Frauen üblicherweise zugesprochen werden. Wir wollen Charaktere in Szene setzen, die nicht eindimensional und schlicht sind. Im Fernsehen und im Kino gibt es zuwenige dieser Charaktere in dieser Region der Welt.

Zwischen Sibel und Ali steigt die sexuelle Spannung...  Es ist wie ein Erwachen, eine Wiedergeburt, als ob Sibel ihre Kraft, ihr Schicksal und ihr Körperbewusstsein wieder zurückerlangt...
Sibel wurde in einem Dorf groß, in dem niemand sie wollte. Sie wusste, dass ihr Leben anders verlaufen wird, dass sie niemals Kinder haben würde, etc. Alle Dorfbewohner*innen haben sie immer mit einem leeren Blick bedacht. Sie selbst sieht sich als Neutrum, hat das verinnerlicht. Und da, ganz plötzlich, taucht Ali auf und betrachtet sie anders, was sie überrascht. Niemand hat sie zuvor so angesehen, wie jemand Normales und noch dazu als Frau. Alis Gegenwart vermittelt ihr das Gefühl der Normalität. Sie wird so akzeptiert, wie sie ist. Als Konsequenz entdeckt sie sich nach und nach als sexuelles Wesen und nimmt ihre Weiblichkeit in jedem Sinne des Wortes an.

In einem Dorf, in dem es wichtig ist, eine Mutter zu sein, fällt Sibel aus dem Rahmen, im Gegensatz zu ihrer blutjungen Schwester, die jede*r schnell verheiraten möchte. Sibel ist eine ungewöhnliche Heldin, die Grenzen verschiebt. Ist das Ihre Vorstellung von Feminismus?
Sibel verkörpert eine Art von Revolution, sie passt nicht dahin, wo alle persönlichen Schicksale schon vorbestimmte Ausgänge haben. Das Wort „Feminismus“ ist kompliziert, wegen all der mit ihm verbundenen Konnotationen. Wir spüren, dass das Wort etwas von seinem ursprünglichen Sinne befreit wurde, was durch eine neue Bedeutung ersetzt wurde. Wir brauchen einen neuen Ausdruck. Wir könnten sagen, dass Sibel spontan und intuitiv weiblich wird. Sie ist eine Person, die ausgeschlossen, behindert, am Rand lebend ist, die ihr eigenes Leben zurück bekommt und über sich hinauswächst, dank eines Außenstehendens. Die Kraft, die sie durch die Beziehung bekommt, benutzt sie, um den Gang der Dinge im Dorf zu ändern.


Locarno Festival:
FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik
Preis der Jugend-Jury
Preis der Ökumenischen Jury

Internationales Filmfestival Adana:
Preis für den besten Film im Nationalen Wettbewerb
Preis für die beste Darstellerin – Damla Sönmez
Preis für den besten Nebendarsteller – Emin Görsoy

Filmfest Hamburg:
Hamburger Produzent*innenpreis „Beste Europäische Kino-Koproduktion“
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 13.12.2018
WESTWOOD
Ab 20. Dezember 2018 im Kino
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WESTWOOD: Punk. ikone. Aktivistin. erzählt die geschichte einer kämpferin, die aller niederlagen zum Trotz ihren Vorstellungen und idealen treu bleibt und als grande Dame des Punks bis heute geschichte schreibt. Westwoods Werdegang ist geprägt von Erfolgen, konflikten, unsicherheiten. Die Dokumentation beleuchtet schlüsselmomente ihrer Vergangenheit, die sie zu dem machten, was sie heute ist. Ein intimes und inspirierendes Porträt einer wahrhaft britischen ikone.

Ein Dokumentarfilm von Lorna Tucker

Durch den exklusiven blick hinter die kulissen des einzigartigen Modehauses und der dort wirkenden charaktere ist WESTWOOD: Punk. IKONE. AKTIVISTIN. die noch nie erzählte Geschichte einer Weltikone. Vivienne Westwood - Grande Dame des Punks und Enfant Terrible der britischen Modewelt.
Die selbst erklärte Tagträumerin Vivienne Westwood kam aus einfachen Familienverhältnissen im alter von 17 Jahren nach London, mitten hinein in die Swinging Sixties der 60er Jahre. Ihr Leben änderte sich abrupt, als sie den Sex Pistols Manager und Impresario Malcolm McLaren traf und ihr gemeinsamer Shop an der Kings Road die Popkultur revolutionierte.
In den folgenden 40 Jahren war Vivienne Westwoods Leben von gescheiterten Beziehungen, Rechtstreits, Spott der Presse und finanziellen Problemen geprägt. Doch sie blieb standhaft und wurde die Kulturikone Großbritanniens und ein weltweites Mode-Phänomen.
Heute wird Westwood im gleichen Atemzuge wie Gucci, Dior und McQueen genannt – mit dem Unterschied, dass sie nicht nur Namensgeberin ist, sondern ihr Modeimperium sowohl geschäftlich, als auch kreativ selbst führt.
Die Dokumentation begleitet Vivienne Westwood, als ihr Label Shops in den Modehauptstädten Paris und New York eröffnet. Das wohl arbeitsreichste Jahr für Westwood beginnt als überwältigender Erfolg. Doch schnell zeigt sich: Weltweiter Erfolg hat seinen Preis.
Neben allen Erfolgen, Konflikten und Unsicherheiten, auf die Westwood trifft, wird von Schlüsselmomenten ihrer Vergangenheit erzählt. Ihr politischer Aktivismus von heute hat seinen Ursprung im antisystemischen Punk-Rock-Ethos ihrer Jugend.
Die mit einzigartigen informationen angereicherte Dokumentation geht weit über das hinaus, was man sonst von Modefilmen kennt. Es ist ein intimes und inspirierendes Porträt einer wahrhaft britischen Ikone - einer alleinerziehenden Mutter, Punk und Agent Provocateur.


Statement der Regisseurin Lorna Tucker
Vivienne Westwood wurde auf mich aufmerksam, als ich Tour- und Promovideos für Rockbands produzierte. Sie arbeitete für die Menschenrechtsorganisation Liberty, als sie mich einlud, den Prozess filmisch zu begleiten.
Wir blieben in Kontakt, als ich meine Dokumentation über Zwangssterilisation der indigenen Frauen in Amerika fertigstellte. Vivienne bat mich immer öfter, Proteste, öffentliche Reden und politische Kundgebungen aufzunehmen.
Nachdem ich 2013 den politischen Modefilm RED SHOES und eine Filmreihe über Vivienne Westwood für DAZED abgedreht hatte, habe ich Vivienne meine Idee eines Dokumentarfilmes vorgestellt – und so war WESTWOOD: Punk. IkONE. AKTIVISTIN. geboren.
Drei Jahre lang haben wir Viviennes Leben filmisch begleitet. Wir waren mit Greenpeace auf einer Mission in der Antarktis, während die neue Kollektion von der ersten Idee bis hin zur finalen Show Form annahm. Vivienne ist durch das Land getourt, um auf die Kampagne gegen Fracking aufmerksam zu machen und eröffnete gleichzeitig zwei Läden in Paris und New York.
Vivienne ist immer bereit aufzustehen, für ihre Sache einzustehen und dabei aufzufallen. Das repräsentieren ihre Mode und ihr Aktivismus. Egal, ob sie bis nachts in ihrem Atelier arbeitet oder in Westminster an einem Aufmarsch gegen die Klimaerderwärmung teilnimmt - alles was sie tut, tut sie mit einer kompromisslosen Leidenschaft und Hingabe.
Da Viviennes Interessen, Ideen und Prinzipien nie der öffentlichen Wahrnehmung einer Modeikone entsprachen, wusste ich, diese Dokumentation kann kein typischer Modefilm werden. Also habe ich nach ihren Wurzeln geforscht, ihren Aktivismus und ihren revolutionären kulturellen Einfluss beleuchtet.
Vivienne ist nicht nur eine kKünstlerin, eine Modedesignerin und eine Aktivistin. Sie ist das Gesicht einer weltweiten Marke, eine machtvolle Businessfrau.
Auch ist sie eine Repräsentantin des 21. Jahrhunderts, die ein besonderes Leben führt, begleitet von den größten kulturellen Umbrüchen der Zeitgeschichte.
Es ist meine Hoffnung, dass die kulturelle Relevanz und die aktuelle Thematik ein großes Publikum begeistern – ehemalige Punks, heutige Aktivisten, Fans, Modeliebhaber und die, die Interesse an Geschichten von Menschen haben.
Während der Produktion dieser Dokumentation war es Viviennes Geschichte selbst, die uns nie hat aufgeben lassen. Die Art und Weise, wie sie ihr Leben gemeistert hat, die vielen Zurückweisungen, die finanziellen Probleme, bis sie zur größten Modedesignerin in Großbritannien aufgestiegen ist, beweisen ihre Stärke und Leidenschaft. Es ist einfach inspirierend. Es ist wohl die wichtigste Botschaft des Films: Wenn du etwas tun willst, dann tu es und gib niemals auf!
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