Musik
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Inhaltsverzeichnis
The Necks „Body“

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Chris Whitley „Rocket House“

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Frank Sinatra „Sings For Only The Lonely“

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Ingo Höricht „Minor“

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Donny McCaslin „Blow“

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Carminho „Maria“

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Mittwoch 02.01.2019
The Necks „Body“
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Die „New York Times“ schrieb einmal, sie seien „eine der besten Bands der Welt“. Warum? Weil Chris Abrahams, Tony Buck und Lloyd Swantonsie den eigenwilligsten, den komplettesten, den herausforderndsten Klavier-Trio-Sound spielen. Seit über drei Jahrzehnten scheren sie sich als The Necks keinen Deut um Moden oder angesagte Trends. Ob diese Einstellung auch eine Kehrseite hat? Ja, hat sie: Kaum jemand kennt die Australier. Sie sind der bestgehütete Geheimtipp. Wahrscheinlich weil sie Jazz spielen und doch keine Jazzcombo sind; weil sie Stilmittel aus Minimal und Ambient nutzen, ohne in diesen Szenen verankert zu sein; weil sie deftigsten Rock`n Roll können, ihn aber nie spielen; weil sie psychedelisch sind, ohne high zu sein. The Necks sind ein Phänomen - und eine musikalische Urgewalt.
Auch mit „Body“ ist ihnen dieses Kunststück gelungen. Ein sensationeller Mikrokosmos der Moderne. Mit nur wenig Klangmaterial entwickeln sie innerhalb nur eines Songs von einer knappen Stunde ein Instrumentalgebräu, das an Entschiedenheit und Konsequenz nichts zu wünschen übrig lässt. Sparsam gesetzte Bassfiguren - wie düsteres Donnergrollen, ein stotterndes Piano – das nicht in Schwung zu kommen scheint, Schlagzeugbecken - die wie ein fernes Glocken läuten klingen und  dann der sphärische Sound jenseitiger Hammondorgeln.
Nach knapp 25 Minuten bricht dann wie aus dem Nichts die Hölle los, mit einem einfachen aber unnachgiebigen Piano-Riff, wie es keine Post-Punk-Band markiger spielen könnte und einem treibendem monotonen Schlagzeugbeat. Beides angereichert mit schleifenden Gitarren und martialischen Clusterwolken. Und auch hier sind es wieder diese rituell anmutenden Wiederholungen, diese ekstatischen, nicht enden wollenden Energieschübe, die letztendlich Raum und Zeit vereinnahmen und eine überwältigende Wirkung entfalten.
Nach 40 Minuten wird die Musik wieder sanft und leitet langsam aber bestimmt das (noch immer ferne) Ende ein. Wer The Necks genießen will, braucht auch im vorliegenden Fall Zeit, manchmal auch ein wenig Geduld. Doch wer diesem hypnotischen Wechsel eklatanter Stimmungslagen folgt, der findet den so oft beschriebenen, aber in dieser Qualität selten gehörten Verbindungsgang zwischen Jazz, Postrock, Ambient, Minimal, Drone und Electronic. Sollten wir ein Album des Jahres 2018 küren - „Body“ wäre mit Sicherheit ganz ganz vorn mit dabei.
Jörg Konrad

The Necks
„Body“
Recommended Records

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Montag 31.12.2018
Chris Whitley „Rocket House“
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Manchmal möchte man das Besondere einer Musik mit anderen teilen. Egal wann sie erschienen ist. „Rocket House“ von Chris Whitley ist so ein besonderes Album. Erschienen 2001, vier Jahre bevor Chris Whitley starb. John Lee Hooker sagte einmal über den Blues „Tja, Blues ist der Heiler. Wenn man down und fix und fertig ist, wenn dich die Freunde, die Geliebte, die Frau nicht mehr so recht mögen, dann leg einen guten Blues auf und vergiss das alles. Hör zu. Er heilt. Blues heilt die ganze Welt. Musik heilt die Welt und sorgt dafür, dass es weitergeht.“
Chris Whitley war Songwriter, aber immer auch Bluesmusiker. Sicher nicht in der Art, wie John Lee Hooker Bluesmusiker war. Whitley war weiß, 1960 in Texas in einer gut situierten Familie geboren. Als er Mitte der 1980er Jahre nach New York kam, wurde er Teil der Downtown-Szene, bevor er Daniel Lanois und Dave Matthews kennenlernte, die seinen Vorstellungen von Musik am nächsten kamen. Er hatte neben dem Blues einen starken Bezug zum Jazz, er liebte Bob Dylan, Duke Ellington und Sonic Youth, spielte mit Chris Wood und Billy Martin, zwei Drittel des legendären und bis heute bestehenden Kult-Trios Medeski Martin  Wood. Whitley war offen, die unterschiedlichsten musikalischen Ansätze eben auch für eigene Produktionen zu nutzen.
Einige Jahre vor seinem Tod zog ihn die Liebe dann nach Deutschland. Er lebte in dieser Zeit in New York und Dresden und spielte (auch auf Tourneen) mit Musikern aus der sächsischen Metropole.
„Rocket House“ entstand als eine Art Gemeinschaftsarbeit der beteiligten Musiker, wobei die Idee zu einigen Songs erst im Studio entstanden. „Der Titel kommt von einer Zeichnung, die meine Tochter Trixie machte“, erzählte er später in einem Interview. Trixie Whitley, die durch ihre Arbeit mit Daniel Lanois bekannte Sängerinnen, war ebenfalls an den Aufnahmen beteiligt, wie auch Bruce Hornsby und DJ Logic. Die einzelnen Songs sind, trotz ihrer Intensität und Energie, zart und zerbrechlich. Man spürt Whitleys Poesie und seine Musikalität. Immer auch seinen Ideenreichtum. Er arbeitete mit Maultrommel und Drumcomputer, mit Banjo und Tablas und Turntable-Scratching. Zudem sind viele der auf „Rocket House“ genutzten Instrumente technisch verfremdet, schaffen eine psychedelische Aura, die ganz entfernt an das Ende der 1960er Jahre erinnern. Whitleys harte, knarzige, blues- und soulgetränkte Stimme kippt immer wieder in Falsetttonlagen, was die Songs zusätzlich verletzlich und brüchig erscheinen lässt. Seine oft verzerrt klingende Dobro nutzt er in ihrer Sperrigkeit wie eine zweite Stimme, gegen die er ansingt und dadurch die Spannung in den Songs steigert. DJ Logic unterlegt die Rhythmen mit zusätzlichen Schleifen eines Drum-Computer und lässt knochige Sounds durch die Stücke geistern, die eine abseitige Stimmung provozieren.
„Rocket House“ ist bis heute eines der besten Alben seiner Karriere. Musik, die nur wenig Optimismus ausstrahlt, dafür seiner inneren Zerrissenheit und Ambivalenz am nächsten kommt.
Viktor Brauer

Chris Whitley
„Rocket House“
UlfTone Records
Autor: Siehe Artikel
Montag 31.12.2018
Frank Sinatra „Sings For Only The Lonely“
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Ein Frank-Sinatra-Album zum Jahreswechsel? Natürlich, gern. Jedoch keinen dieser lieblos und einfallsarm zusammengestellten Sampler. Die gibt es nämlich wie Sand am Meer.
Sollten Sie den swingenden Frankie-Boy bevorzugen, dann wäre „Sinatra at the Sands“ der Tipp des Tages. Dieser vor Lebensfreude und musikalischer Rafinesse explodierende Live-Mitschnitt von 1966 ist sozusagen in Sinatras „Wohnzimmer“ entstanden, im Copa Room im Sands Hotel in Las Vegas. Mit dabei: Count Basie am Klavier und das Orchester Quincy Jones.
Möchten Sie sich vom alten Jahr jedoch mit melancholischen Balladen verabschieden (und 2019 entsprechend begrüßen), dann empfehlen wir „Sings For Only The Lonely“. Erschienen erstmals vor sechzig Jahren, gibt es dieses grandiose Konzeptalbum nun als klangtechnisch überarbeitete Wiederveröffentlichung.
„Sings For Only The Lonely“ hielt sich nach Erscheinen 1958 ganze 120 Wochen in den Charts, infizierte und beeinflusste mit seiner vollendeten Balladenkunst Generationen von Musikern. Sinatra widmet sich auf den Songs inhaltlich dem „emotional fragilen Zustand zwischen Einsamkeit und Alleinsein“. Die Arrangements, von keinem geringeren als Nelson Riddle geschrieben und mit dessen Orchester eingespielt, schaffen eine einmalige Verbindung zwischen profanem Schlager und anspruchsvollem Kunstlied. Sinatras bekannter und gefürchteter Perfektionismus geht hier wie selbstverständlich in intimste Melancholie über.
Die elegische Intensität, die im Miteinander zwischen Orchester und Sänger frei wird, ist in diesem Ausmaß vielleicht auch äußeren Umständen geschuldet. Sinatra hatte sich im Jahr zuvor in zweiter Ehe von Ava Gardner scheiden lassen. Grund für die Trennung dürfte der Schwangerschaftsabbruch eines gemeinsamen Kindes gewesen sein, den Ava Gardner ohne die Zustimmung Sinatras hat vornehmen lassen.
Orchesterchef Nelson Riddle hat nur wenige Monate vor dem Aufnahmeterminen im Mai und Juni 1958 seine Tochter verloren und während der Studioarbeit verstarb auch seine Mutter. So hatten beide, Sinatra und Riddle, Schicksalsschläge zu verarbeiten. Persönlicher Schmerz, der in der eingespielten Musik seinen Ausdruck fand. Insofern könnte man „Sings For Only The Lonely“ als eine Art therapeutische Sitzung bezeichnen, dessen Ergebnis weder rührselig noch emotional aufgeblasen ist. Selbst die pastoralen Streichersätze verströmen etwas majestätisches, etwas authentisch Hingebungsvolles. Und immer ist in der musikalischen Umsetzung der Kompositionen ein Hauch Swing enthalten, dem bekanntlich der Stallgeruch des Blues anhaftet. Auf diese Weise bekommt die Musik auch Originalität und Bodenhaftung.
Dieses Album ist, wie die „Märkische Allgemeine“ schrieb, ein „raffiniert orchestriertes Hochamt der Traurigkeit“, das dem Cover, einem als Clown geschminkten Frank Sinatra, auch visuell entspricht.
Alfred Esser

Frank Sinatra
„Sings For Only The Lonely“
Capitol Records
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 30.12.2018
Ingo Höricht „Minor“
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Ingo Höricht – der Name dürfte nur wenigen vertraut sein. Das ist schade, denn der in Bremen lebende Geiger, Komponist, Produzent und Bandleader bringt musikalisch einiges zum Ausdruck, das sich lohnt einem breiteren Publikum vorgestellt zu werden. Seine Arbeiten veröffentlicht der 63jährige seit Jahren akribisch in Eigenregie. Nun ist mit „Minor“ wieder so eine kleine aber feine  Sammlung seiner Kompositionen erschienen, eingespielt in unterschiedlichsten Besetzungen. Mit dabei sind natürlich Hörichts eigene Formationen Mellow Melange und das Schné Ensemble. Zudem kommen so großartige Solisten wie die kubanische Pianistin Marialy Pacheco, der Saxophonist und Klarinettist Bernd Schlott oder der australische Komponist, Dirigent und Pianist Gordon Hamilton musikalisch zum zug. Das stilistische Spektrum der insgesamt achtzehn Stücke reicht von chansonartigen Liedern, über stille Balladen, bis hin zu klassischen Versatzstücken und wunderbar stimmigen Instrumentals. All diesen Titeln ist eines gemeinsam: Sie bestechen durch ihre harmonische Balance und ihren impressionistischen Charakter. Die Musik ist transparent, leicht, manchmal sogar schlicht, zeichnet sich aber durch die Abwesenheit jeglicher Banalität aus. Die Melodielinien sind klug organisiert, die harmonischen Konzepte unterstützen den Eindruck eines in sich geschlossenen musikalischen Systems. Wer also temperamentvolle Aufreger sucht, der wird hier nicht unbedingt fündig. Wer jedoch nach dem Trubel der Festtage nach etwas Ausgleichendem, die Seele streichelndem sucht, sollte hier zugreifen.
Jörg Konrad

Zu beziehen über www.ingo-hoericht.de
Autor: Siehe Artikel
Samstag 29.12.2018
Donny McCaslin „Blow“
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David Bowies „Blackstar“ von 2016 war ein ebensolches musikalisch hybrides Gewächs, wie auch die Veröffentlichung „Blow“ von Donny McCaslin. Der 52jährige Saxophonist aus Santa Cruz gehörte zum Rumpf-Quintett von Bowies letztem Album. Dieses fiel durch einen starken Jazz-Flow auf, der, so erzählen Insider, vor allem dem Einfluss McCaslins geschuldet ist. McCaslin geht nun seinerseits auf „Blow“ ein gewagtes Stück in Richtung Rock/Pop. Es ist, als habe er durch die Zusammenarbeit mit der Popikone ein neues stilistisches Betätigungsfeld entdeckt. So wirklich gelungen ist ihm dieser Sprung über den Tellerrand hingegen nicht. Denn so sehr diese Herangehensweise von kreativer Neugier zeugt - das Ergebnis erreicht dieses Ziel mit Sicherheit nicht. Denn „Blow“ steht weder in der Tradition der rückblickend zum Teil außergewöhnlichen Jazz-Produktionen McCaslins, noch schafft er mit dieser überproduzierten Veröffentlichung einen Prog-Rock-Husarenstreich. Und schon gar nicht in der Qualität von King Crimson, Softmachine oder gar Radiohaed. Besonders letztere befinden sich gestalterisch aber auch schon wieder drei Querstraßen weiter. 
Donny McCaslin bewegt sich auf „Blow“ in einem unausgegorenen Zwischenreich, das nichts und niemandem gerecht wird. Viel Pathos, wenig überraschendes und schon gar keine überzeugende Konsequenz. Wäre da nicht, ja, wäre da nicht diese eine wunderbare Aufnahme: „The Opener“. Hier übernimmt Mark Kozelek, der Sänger der Red House Painters und Sun Kil Moon, den Vocal-Part. Er hat diese wunderbar nörgelnde, leicht resignierende, aber immer berührend aufwühlende Stimme, die jeder Aufnahme eine völlig eigene Atmosphäre gibt.
Gerhard von Keußler

Donny McCaslin
„Blow“
Motema
Autor: Siehe Artikel
Freitag 28.12.2018
Carminho „Maria“
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Warum Carminho als eine der überzeugensten Fado-Sängerinnen gilt, wird spätestens jetzt auf ihrem Album „Maria“ deutlich. Mit 34 ist die Portugiesin eigentlich in einem noch recht jungen Alter, um all den Schmerz, die Verzweiflung, aber auch die Hoffnung dieses melancholischen Lebensgefühls stimmlich zum Ausdruck zu bringen. Trotzdem beherrscht sie die große Kunst des gesungenen Seelenleids wie kaum eine andere und gibt gleichzeitig dem Fado ein neues, ein etwas modereneres Gesicht.
Schon ihre Mutter war eine gefeierte Sängerin und auch ihr Vater bereicherte als Musiker die portugisische Szene, so dass Carminho mit dem Fado in engster Gemeinschaft aufwuchs. „Meine Eltern veranstalteten regelrechte Fado-Sessions bei uns zuhause. Mit sechs, sieben Jahren, habe ich dann die CDs von meiner Mutter, von Amalia Rodrigues und von anderen Fadista gehört“, erzählte sie in einem Interview. Zu ihren Favoriten gehörten außerdem Maria Callas, Queen und R.E.M., was es Carminho ermöglichte, erfrischende Nuancen in ihre Musik einzubauen. So gilt sie heute als eine Erneuerin dieser aufrichtigen und leidenschaftlichen Liedform.
Auf „Maria“ kommt ihre breit angelegte Stimmgewalt zum Ausdruck. Sie erschüttert förmlich die Seele, gibt dem Schmerz einen verbindlichen Klang, lässt Sehnsucht und Wehmut erblühen, rührt mit ihrer Stimme zu Tränen. Doch trotz all der Hingabe vermitteln die schwermütigen Lieder immer ein unausgesprochenes Geheimnis, das der Musik eine gewisse Magie verleiht – die heilend wirkt. „Maria“ ist eines der schönsten Fado-Alben der letzten Jahre.
Jörg Konrad

Carminho
„Maria“
Warner Records
Autor: Siehe Artikel
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