Literatur
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Inhaltsverzeichnis
T.C. Boyle „Das Licht“

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Stewart O`Nan „Stadt der Geheimnisse“

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Theodor Fontane "Irrungen, Wirrungen"

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Maryam Madjidi "Du springst, ich falle"

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Ernest Hemingway „In einem anderen LandR...

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Hörspiele: Max Frisch & Theodor Fontane

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Dienstag 19.03.2019
T.C. Boyle „Das Licht“
T.C. Boyle hinterfragt stets. Dafür ist er bekannt und in den Zeiten der Trump-Era immer mehr gefürchtet. Nie nimmt er ein Blatt vor den Mund.
Dabei verkörpert der mittlerweile 70jährige Wahl-Kalifornier wie kaum ein anderer Autor den „American Dream“. Denn dem Sohn einer Sekretärin und eines Busfahrers war die Karriere als Bestseller-Autor mit Doktortitel nicht von vorn herein beschieden. Zunächst schien es ihn, ebenso wie seine Eltern, in den Abgrund der hochprozentigen Versuchungen zu treiben. Doch er fand einen Weg aus diesem Teufelskreis und zog sich durch eiserne Disziplin selbst aus dem Abhängigkeitsumpf. Diese Selbstbeherrschung gibt ihm Inspiration und Schaffenskraft: Jeden Morgen beginnt er mit einem ausgiebigen Spaziergang in die Natur, es folgt ein einfaches Frühstück und sein „Fifteen Minute Nap“, eine kurze Meditationsübung. Nach dieser viertelstündigen Auszeit beginnt Boyle zu schreiben und er hat seine Leser mit dem Ergebnis bisher nicht enttäuscht. Seit dem Erscheinen seines fulminanten Erstlingswerkes „Wassermusik“ im Jahre 1982 veröffentlichte er 16 Romane und 11 Kurzgeschichtensammlungen. 
Seine beständigste ausländische Leserschaft  besitzt T.C. Boyle in Deutschland und erst jetzt war er hier auf Lesereise, um in meist ausverkauften Häusern seinem treuen Publikum sein neuestes Werk „Das Licht“ näher zu bringen.
In diesem bei HANSER erschienen Band (Orig.-Titel „Outside looking in“) widmet sich Boyle erneut einer realen Kult-Gestalt aus dem vergangenen Jahrhundert. Waren dies in „Willkommen in Wellville“ (2003) der Frühstücks-Flocken-Magnat John Harvey Kellogg und in „Die Frauen“ (2009) der charismatische Architekt Frank Lloyd Wright, deren verworrenes Leben der Autor unter die literarische Lupe nahm, so ist es diesmal der von Mythen und Anekdoten umwobene Psychologe Timothy Leary, der Ende der 1960er Jahre als Dozent an der renommierten Havard-University mit der Droge LSD experimentierte.
Im Vorspiel führt der Autor den Leser zunächst in das vom 2.Weltkrieg nur leicht berührte Basel. In der Schweiz geht das Leben seinen zwar eingeschränkten, aber doch recht normalen Gang. So wird in der Pharmafirma Sandoz fleißig experimentiert und der Laborleiter Dr. Albert Hofmann synthetisiert eine Substanz mit dem Namen  LSD-25. Um diese zu testen, macht Hofmann einen Selbstversuch, der ihm sofort zeigt, wie gefährlich die halluzinogene Wirkung ist, vor der er eindringlich bis an sein Lebensende mit 102 Jahren warnen wird.
Filigran zeichnet dann Boyle das Bild des „Drogen-Gurus“ Leary und all seiner „Jünger“, die er in den sogenannten „Inner Circle“ beruft. Leary ist eine ebenso suspekte wie vielschichtige Gestalt, die aus der Sicht des Ehepaares Fitz und Joanie Loney geschildert wird.
Der junge Doktorand Fitz und seine höchst attraktive Frau Joanie verfallen recht schnell den Versuchungen der „Sessions“, zu der Leary regelmäßig in sein Haus einlädt. Wer diese Offerte ablehnt, wird ausgegrenzt. Allwöchentlich machen sich die Auserwählten mit einigen Hundert Mikrogramm LSD auf die Reise in die innere Erleuchtung: Sie suchen das Licht. Was vielen der freiwilligen Probanden erst im Nachhinein auffällt, ist die Tatsache, dass sie während dieser Ekstase schnell und hingebungsvoll in den Armen eines Liebhabers oder einer Liebhaberin landen. Leary steht dabei an der Spitze, was die Häufigkeit dieser Erfahrungen angeht. Keine der Frauen, nicht einmal die gerade 18jährige Lori, kann den Verlockungen des Gurus widerstehen. Tim, wie alle Leary liebevoll nennen, bekommt was immer er will.
Selbst nach der Entlassung aus dem Hochschuldienst propagiert er mit Nachdruck das Recht auf freien und selbstbestimmten Drogenkonsum. Letztendlich gelingt es ihm, die ganze Kommune zunächst in Mexico und später dann in einem riesigen Haus in Millbrook nördlich von New York zu versammeln. Unter der Prämisse der Selbstfindung und dem Ablegen aller bürgerlichen Zwänge sollen Neid, Missgunst oder gar Eifersucht den Mitbewohnern fremd sein: So ist die Idylle des Gruppenbewusstseins fast zu schön, um wahr zu sein.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Leary setzt durch, dass auch die anwesenden Kinder seiner Testpersonen die „Erleuchtung“ spüren sollen. Unter Begleitung der Erwachsenen bekommen sie die knappe die halbe Dosis. Später wird deutlich, dass die Jugendlichen unbemerkt mehr als die doppelte Dosis nehmen, um eigene, letztendlich unkontrollierte Erfahrungen zu machen. Das Resultat ist das Gleiche wie bei den Erwachsenen: Abhängigkeit.
Als Leary dann glaubt, ausgeloste Paare in einer einwöchigen LSD-Session im abgeschirmten Terrain des Meditationshauses von allen Zwängen befreien zu können, ist das Ende der Gemeinschaft der Offenbarung vorprogrammiert. Für das Ehepaar Loney wird diese Erfahrung besonders schmerzlich. Joanie zieht die Reißleine und flieht mit ihrem Sohn in die Obhut ihrer Eltern. Der angehende Harvard-Doktorand Fitz verliert mehr und mehr den Halt: Wird auch ihm der Absprung gelingen?
Thomas Coraghessan Boyle gelingt es erneut meisterhaft, die Charaktere seiner Protagonisten mitreißend darzustellen. Von Anfang an wirken sie in ihrer Freude und in ihrem Leid vertraut. Große Literatur, die federleicht zurück in eine ferne Zeit großer Visionen führt.
Klaus Huch


T.C. Boyle
„Das Licht“
Hanser
Autor: Siehe Artikel
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Sonntag 10.03.2019
Stewart O`Nan „Stadt der Geheimnisse“
Einige Bücher von Stewart O`Nan besitzen einen realen Hintergrund. Der amerikanische Autor baut die Inhalte und die Schicksale seiner Charaktere in die Kulissen historischen Geschehens. Am deutlichsten wird dies in „Der Zirkusbrand“ aus dem Jahr 2003. Hier hat O`Nan den verheerenden Brand eines Zirkus in seiner Heimatstadt Hartford im Jahr 1944 als präzise aufgearbeitete Reportage literarisch verarbeitet.
Stadt der Geheimnisse“, O`Nans neuster, 15. Roman, spielt im Jahr 1946 in Jerusalem, kurz bevor das King David Hotel von der radikal-zionistische Terrororganisation Irgun in die Luft gesprengt wird. Palästina stand damals, die Gründung Israels erfolgte erst im Mai 1948, unter britischem Mandat.
O`Nan erzählt eine Geschichte aus dem Widerstand. Im Zentrum des Geschehens steht Brand, ein aus Lettland stammender Taxifahrer, dessen Familie in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurde. Ihm selbst gelang die abenteuerliche Flucht ins gelobte Land, was in ihm, als einzig Überlebenden der Familie, starke Schuldgefühle auslöst. Aus dieser Gewissensqual heraus schließt er sich der Untergrundorganisation Irgun an und erledigt für sie immer wieder kleinere Auftragsarbeiten. Dabei lernt er die Prostituierte Eva kennen, die ebenfalls wie durch Wunder deutsche Konzentrationslager und den Naziterror überlebt hat.
O`Nan entwirft ein stimmungsvolles Bild Jerusalems. Einer Stadt, in der die Folgen des Krieges, die ungeklärten auch individuellen Existenzfragen, Besatzerwillkür und die Massen an illegalen jüdischen Einwanderern den Alltag bestimmen. Der Kampf um Unabhängigkeit wird von allen Seiten rücksichtslos geführt. Menschenleben zählen nur als Faustpfand.
Brand bewegt sich in diesem Labyrinth des persönlichen Misstrauens und der individuellen Gegensätze schwankend. Er, der in den zurückliegenden Jahren seines Lebens weder Sicherheit noch so etwas wie Fürsorge empfunden hat, wirkt hilflos und überfordert. Ihm wird im Laufe der Ereignisse klar, wie schwierig es ist, Recht auf der Grundlage von Ungesetzlichkeit und Verbrechen neu aufzubauen. Unter diesen Vorzeichen wird er kein Überzeugungstäter, sondern ein zeitlich begrenzter Mitläufer.
O`Nan stellt dem Roman einen Gedanken Menachem Begins, dem späteren Ministerpräsidenten und Außenminister Israels, voran: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen“. Ein Motto, das das bewusste Verdrängen als einen Weg zum Erfolg und zur rechtmäßigen Bestimmung weißt.
Hier werden Menschen beschrieben, die der Hölle noch immer nicht ganz entronnen sind. Entwurzelte auf der gewaltbereiten Suche nach ihrer schon in der Bibel bestimmten Heimat.
O`Nan hat diese Episode aus dem jüdischen Freiheitskampf dramaturgisch klar und übersichtlich aufgebaut. Er erzählt dieses Zwischenspiel aus Brands Leben in einem teilnahmslosen, leidenschaftsarmen, manchmal regelrecht lethargischen Ton, der den Traumata seiner bisherigen Vita geschuldet zu sein scheint. Ihm fehlt, nach all den Schrecknissen der Vergangenheit, die überzeugende Hoffnung, der überzeugte Blick in eine ungetrübte Zukunft. Auch wenn ihm die Liebe zu Eva immer wieder Flügel verleiht, bleibt er ein seelisch gebrochener Mensch.
Jörg Konrad

Stewart O`Nan
„Stadt der Geheimnisse“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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Montag 25.02.2019
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Theodor Fontane "Irrungen, Wirrungen"
Jubiläen wie Geburts- oder Todestage sind ja nur äußere Daten, aber sie können ein guter Anlass sein, sich an wichtige Künstler der Vergangenheit zu erinnern und ihr Werk wieder zu entdecken. Vor 200 Jahren, im Jahr 1819, wurde Theodor Fontane in Neuruppin geboren. In seinem langen Leben (er starb 1898) war er vielfältig und bis ins hohe Alter hinein literarisch tätig; als Lyriker, Journalist, Kritiker, Reiseschriftsteller und Romanautor machte er sich einen bedeutenden Namen. Er gilt als einer der Begründer des realistischen Gesellschaftsromans in deutscher Sprache.
In seinen Romanen erzählt Fontane von einer für uns lange vergangenen Welt: der Welt des preußischen Adels, des Militärs, der starren Ständeschranken. Und doch lesen sich seine Bücher auch heute noch erstaunlich unverbraucht und berührend. Durch ihre unideologische Offenheit, ihre feine psychologische Darstellungskunst, ihren kritischen Blick auf die Zeit und ihre starken Frauengestalten weisen sie weit in die Moderne hinaus.
Fontane will, wie er selbst sagt, „das wirkliche Leben“ einfangen. „Irrungen, Wirrungen“ lässt er im Berlin der späten 1870er Jahre spielen. Schon Zeitgenossen lobten die „täuschende Echtheit“ der Geschichte, die genauen Ortsschilderungen und Menschenbeobachtungen. Dabei ist der Roman äußerst kunstvoll komponiert. Die präzisen Details sind bewusst gesetzt und bewirken nicht nur Zeit- und Lokalkolorit, sondern werden oft zu Symbolen, die sich auf das Ganze des Romans beziehen. So beschreibt Fontane z.B. in den ersten Sätzen des Romans das Wohnhaus von Lene Nimptsch, der weiblichen Hauptfigur, und betont die „Kleinheit und Zurückgezogenheit“ des Hauses. Es liegt verborgen hinter der Kulisse eines großen Gärtnereigebäudes und ist doch „die recht eigentliche Hauptsache“, -  ebenso wie die einfache Büglerin Lene selbst die „Hauptsache“ des Romans ist, deren Wert und Bedeutung der großen Welt verborgen, von Botho (und dem Leser) erst entdeckt werden muss.
„Irrungen, Wirrungen“ erzählt eine Liebesgeschichte über Standesgrenzen hinweg; ein Thema, das Fontane immer wieder beschäftigt hat. Der junge Baron Botho von Rienäcker und die Arbeiterin Marlene Nimptsch lernen sich auf einer Kahnfahrt auf der Spree kennen und erleben einen glücklichen Sommer. Aber vor allem Lene kann und will sich selbst nichts weismachen: „Glaube mir, dass ich dich habe, das ist mein Glück. Was daraus wird, das kümmert mich nicht. Eines Tages bist du weggeflogen.“
Zum Höhe- und zugleich Wendepunkt ihrer Liebe wird ein Ausflug zu „Hankels Ablage“, einem damals beliebten Ausflugslokal. Nach einem sonnigen Tag und einer gemeinsam verbrachten Nacht treffen Regimentskameraden von Botho mit ihren Geliebten ein, Damen der Halbwelt. Diese Begegnung rückt Lenes Stellung gegenüber Botho in ein schiefes Licht. Botho folgt dem Drängen seiner Mutter und heiratet eine reiche Kusine, und Lene gibt einem wesentlich älteren „Fabrikmeister“ und Sektengründer ihr Jawort. Für beide gilt Lenes Prophezeiung: „Dann lebt man ohne Glück.“
Fontane mit seinem nie verurteilenden, oft aber fein ironischen Blick, ist ein Meister der Konversation. In unterschiedlichsten Situationen und Konstellationen lässt er die Figuren des Romans Gespräche führen, lässt sie in Briefen zu Wort kommen oder innere Monologe halten. Dabei trifft er genau den Ton. Das leichte, oft scheinbar harmlose Alltagsgeplauder der Menschen dient ihrer Charakterisierung und sozialen Verortung.
Der Offizier Botho von Rienäcker wird als liebenswerter, eher untypischer Vertreter seiner Klasse geschildert. Er steht dem preußischen Militarismus – ebenso wie Fontane – distanziert gegenüber. Er unterhält sich gern mit dem „einfachen Volk“ und liebt Lenes Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit. Die steht in scharfem Gegensatz zur Hohlheit und Phrasenhaftigkeit seiner Klasse und ihrer Kunst des „gefälligen Nichtssagens“. Doch Botho ist schwach, was er selbst weiß. Als er sich entscheiden muss zwischen einer Mesalliance mit Lene und der gesellschaftlich anerkannten Ehe mit seiner hübschen, aber „dalberigen“ Kusine, wählt er ein Leben in der hergebrachten Ordnung, doch ohne rechte Liebe. Lenes Sprache ist dagegen die Sprache des Herzens. „Die neue, bessere Welt fängt erst beim vierten Stand an“ heißt es einmal bei Fontane. Es ist ein sehr modernes Frauenbild, das Fontane in „Irrungen, Wirrungen“ entwirft. Botho nennt Lene eine „kleine Demokratin“. Sie ist eine junge Frau, die eigene Entscheidungen trifft, ohne kämpferisch zu sein, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient, und die auch ohne Trauschein ihre Liebe lebt – für die Moral der damaligen Zeit natürlich ein Skandal. Beider Liebe scheitert an den starren Konventionen des preußischen Ständestaates.
Die Welt, die Fontane schildert, steht vor einer Wende. Drängende politische und gesellschaftliche Fragen stehen an: die Auflösung der alten Ständeordnung, der Aufstieg des Bürgertums, Demokratisierung und Frauenemanzipation. Den heraufziehenden Konflikt zwischen Alt und Neu hat Fontane erspürt. Er war kein Revolutionär, aber er wusste, dass sich seine Welt verändern würde und verändern musste. „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben“, heißt es im „Stechlin“.
Lilly Munzinger, Gauting

Theodor Fontane
"Irrungen, Wirrungen"
Aufbau Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Montag 11.02.2019
Maryam Madjidi "Du springst, ich falle"
Zahlreiche Bücher haben in den vergangenen Jahren versucht, die bewegenden Fragen über die Themen Flucht, Exil, Identität und Sprache in Worte und Bilder zu fassen. Das mit dem Prix Concourt du Premier Roman 2017 ausgezeichnete Debüt "Du springst, ich falle" von Maryam Madjidi ist ein ganz besonderes Buch.
1980 geboren, floh sie als 6-jährige mit ihren  Eltern aus dem Iran nach Paris, wo sie nach einigen Umwegen heute wieder lebt.
In drei großen Abschnitten erzählt sie – immer wieder mit Zeitsprüngen und Einschüben von Ereignissen – von ihrer Suche nach Identität.
Da ist zunächst das kleine Mädchen, das mitten in die Studentenrevolte 1980 in Teheran hineingeboren wird. Ihre Eltern erleben brutale Gewalt, der Bruder der Mutter kommt ins Gefängnis, ein anderer, geliebter Onkel wird im Gefängnis erschossen. Einzig die Geborgenheit bei der Großmutter, die für sie zeitlebens eine liebevolle und prägende Person bleiben wird, gibt dem kleinen Mädchen das Erleben von glücklicher Kindheit. Die Gerüche der Speisen, welche die Großmutter liebevoll zubereitet, ihre Stimme, die Geräusche des vertrauten Hauses, der Schutz dort vor dem Lärm der Welt ist die prägende Erinnerung, die sich in ihrem Buch wie ein roter Faden durchzieht.
Als die Eltern sich schließlich zur Flucht entscheiden, muss das Mädchen alle Spielsachen an die Nachbarskinder verschenken – ein traumatisches Erlebnis, dessen Hintergrund es nicht verstehen kann. Alles Erlebte versucht sie deshalb in kleine Geschichten zu packen, die sich zu ihrer ganz eigenen Fantasiewelt zusammenfügen, in die sie sich zurückziehen kann. All dies ist es, was Madjidi aus der Sicht des Kindes erzählt, daneben stehen kurze Berichte über die schockierenden politischen Geschehnisse, die zur Flucht der Familie führen.
In Paris angekommen, ekelt sich das kleine Mädchen vor der Fremdheit der primitiven Unterkunft und dem Geruch des ungewohnten Essens, die Niedergeschlagenheit der Eltern macht ihm Angst. Nur eine kleine Iranerin, die auch im Haus eingezogen ist, holt sie aus ihrer Verzweiflung, wird ihre fröhliche Freundin.
Als sie in der Schule Französisch lernt, gewinnt sie etwas Zugang zu ihrer neuen Umgebung, aber die Eltern, besonders der Vater, dringen darauf, dass sie auch weiter Persisch lernen soll. Nach und nach aber wird diese Muttersprache für sie der Inbegriff aller schlechten Ereignisse und Erinnerungen, Französisch jedoch öffnet ihr das Tor zum Leben in der neuen fremden Heimat und steht für eine Zukunft in Sicherheit. Aber damit beginnt auch die Entfremdung zum Vater, dessen Identität besonders durch seine Sprache Ausdruck findet. Mit Französisch kommt er schlecht zurecht, die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat macht es ihm schwer, sich darauf einzulassen. Mit scheuer Distanz beschreibt die Tochter seine Hände, die sich im Exil immer mehr den Tätigkeiten anpassen, die er übernimmt, um überleben zu können.
Maryam wird eine gute Schülerin und schöne junge Frau, die mit einer gewissen Lust ihre exotische Ausstrahlung auf junge Männer ausspielt, die sie mit persischen Gedichten um den Finger wickelt. Gleichzeitig macht sie aber auch die bittere Erfahrung, dass sie für die einen Kommilitonen keine „echte“ Französin, für die anderen aber auch keine Iranerin mehr ist. Was zunächst ein reizvolles Spiel ist, wird zunehmend zur Identitätsfrage für sie selbst. Die Erinnerung an die geliebte Großmutter, die sie in stillen Momenten wie eine Erscheinung neben sich zu sehen glaubt,  ermahnt sie, die Suche nach sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.
Mit 23 reist sie nach Teheran. Überschwänglich empfangen von der Familie genießt sie ihre Zeit dort, beflügelt von den fernen Kindheitserinnerungen – und verliebt sich in einen Teheraner Abenteurer und Lebemann. Sie wünscht sich in Teheran zu bleiben, aber im Streit mit ihrer klugen Großmutter erkennt sie, dass das Leben im Iran weit von dem entfernt ist, was sie in Frankreich, besonders als Frau,  als Freiheit selbstverständlich erlebt und was die Eltern für sie errungen haben, als sie ihr eigenes Leben aufgaben und flohen.
Nach einigen Jahren in China und in der Türkei lebt sie nun wieder in Paris. In ihrer Studienarbeit in Vergleichender Sprachwissenschaft  in Paris über die persischen Dichter Khayyam und Hedayat versöhnen sich auch die beiden Sprachen, die sie geprägt haben.
Das besondere und berührende an Madjidis Geschichte ist, dass sie statt Zahlen und Debatten die Sinne erzählen lässt. Gerüche, Klänge, kindliche Fantasien werden zum Pfad durch das Exil des Mädchens. Das könnte natürlich auch ein schmaler Grad zum Gefühligen sein, aber genau das ist der Autorin wunderbar gelungen: zu berühren ohne rührselig zu werden.
Sehr fein und lesenswert!
Thyra Kraemer


Maryam Madjidi 
"Du springst, ich falle"
Blumenbar
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Sonntag 03.02.2019
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Ernest Hemingway „In einem anderen Land“
In einem anderen Land“ ist der dritte Roman, den Ernest Hemingway schrieb. Er wurde 1929 in New York veröffentlicht und erschien nur ein Jahr später bei Rowohlt in Berlin. Nun ist beim gleichen Verlag eine Neuübersetzung von Werner Schmitz erschienen, die dem Originaltext, bzw. der 2012 edierten amerikanischen Überarbeitung, gerecht wird und diesen Klassiker der Moderne abermals in den Fokus rückt.
Zusammen mit „Wem die Stunde schlägt“ (1940) gehört dieser Roman zu Hemingways beeindruckendsten Antikriegsbüchern und ist aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg entstanden. Der Autor war als Fahrer des Roten Kreuz in einer Sanitätsabteilung rekrutiert und beteiligte sich auf Seiten der Italiener am Kampf gegen Österreich-Ungarn in den sogenannten Pavis-Schlachten am Isonzo.
Hemingway erzählt die Geschichte des Sanitätsoffiziers Frederic Henry in der ersten Person. Die Sinnlosigkeit des Krieges spürend, betäubt er sich mit Alkohol und wird zum Dauerbesucher eines ortsansässigen Bordells. Er blüht aber regelrecht auf, als er die englische Krankenschwester Catherine Barkley kennenlernt, in die er sich sofort und unsterblich verliebt. Bei Kriegseinsätzen wird Frederic schwer verletzt und nach Mailand in ein dortiges Krankenhaus verlegt. Catherine lässt sich ebenfalls nach Mailand versetzen und bleibt so an seiner Seite. Als sie schwanger wird schmieden beide Zukunftspläne.
Frederic muss wieder an die Front, desertiert nach traumatischen Erlebnissen, wird als Fahnenflüchtiger gesucht und flieht mit Catherine in einem Ruderboot über den Lago Maggiore in die Schweiz, wo das geschehen tragisch endet.
Hemingway erzählt die Geschichte, die stark autobiographisch gefärbt ist, sehr detailreich.
In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises sagte er über zweieinhalb Jahrzehnte später: „Ich versuche immer nach dem Prinzip des Eisbergs zu schreiben. Sieben Achtel davon liegen unter Wasser, nur ein Achtel ist sichtbar. Alles, was man eliminiert, macht den Eisberg nur noch stärker.“ Im vorliegenden Fall trifft diese Aussage über seine Arbeitsweise sicher nur bedingt zu. Denn der Text ist in seinen Einzelheiten sehr ausführlich geraten. Besonders die Dialoge besitzen eine erschöpfende Exaktheit, eine fast pedantische Ausführlichkeit.
Andererseits gelingt es Hemingway mit einfachen Stilmitteln eine unglaublich Spannung zu erzeugen, die im Laufe der Handlung kontinuierlich zunimmt und am Ende regelrecht quälend ist.
Daran zeigt sich, wie perfekt Hemingway die Dramaturgie des Erzählens beherrscht und gleichzeitig mit welch vehementer Disziplin er den Ablauf der Geschehnisse und die Entwicklung der Geschichte vorantreibt. Man glaubt kaum, das Hemingway den Text während des Entstehungsprozesses über vierzig Mal umgeschrieben hat. Er war sich unsicher, ob das Buch nun Hoffnung oder Pessimismus vermitteln sollte. Letztlich entschied er sich für den Mittelweg: Trotz aller Tragik für die Melancholie.
Hemingways Anliegen, den Krieg in seiner ganzen Entmenschlichung darzustellen, bzw. den Ausweg dieses sinnlosen Tuns durch die Liebe zu neutralisieren, gelingt ihm ohne Larmoyanz und Pathos. Dieser Roman hat auch nach neunzig Jahren nichts von seiner Wirkung, aber auch nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Das spricht für die Größe und das Können des Autors – aber leider auch gegen die Vernunft der Menschheit.
Jörg Konrad

Ernest Hemingway
„In einem anderen Land“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
Montag 28.01.2019
Hörspiele: Max Frisch & Theodor Fontane
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Theodor Fontane und Max Frisch – sehr viel gemeinsames haben beide Autoren nicht, sieht man einmal von ihrer jeweils ausgeübten journalistischen Tätigkeit ab. Deshalb soll an dieser Stelle die fiktionale Suche nach individuellen Verbindungen zwischen ihnen nicht zu sehr strapaziert werden.
2018 sind von ihnen jedoch alte als auch neue Hörspiele wiederveröffentlicht bzw. frisch produziert wurden, die wir an dieser Stelle empfehlen möchten.

Von Theodor Fontane (1819 – 1898) ist im Audio-Verlag anlässlich seines 200. Geburtstages im Dezember 2019 eine Box mit insgesamt acht Hörspielen erschienen. Natürlich hat man sich bei deren Auswahl für die bekanntesten Romane und Erzählungen des Mecklenburgers entschieden: Schach von Wuthenow - Unterm Birnbaum – Cécile - Irrungen, Wirrungen – Unwiederbringlich - Frau Jenny Treibel - Effi Briest - Mathilde Möhring.
Der gelernte Apotheker Fontane gehört zu den wichtigsten deutschen Romanciers und Vertretern des literarischen Realismus. Bevor er sich als freier Autor ganz der Schriftstellerei widmete, war er als Politiker, Theaterkritiker und Kriegsberichterstatter erfolgreich. Spät erst begann er seine berühmten Romane zu schreiben, in deren Zentrum, für damalige Verhältnisse selten, oft außergewöhnliche Frauen standen.
Fontane war in Lage, in seiner schriftstellerischen Tätigkeit die Realität auf ebenso intelligente wie kenntnisreiche Weise abzubilden (ein Großteil seiner Romane beruht auf tatsächlichen Geschehnissen), sie mit leichter Ironie anzureichern und auf diese Art unvergessliche literarische Figuren zu schaffen. Auch wenn die Lebensgeschichten der handelnden Personen nicht immer positiv ausgehen, so ist doch eindeutig zu spüren, wem Fontanes Sympathien gehören. Denn die in seiner Zeit so hoch stehenden Begriffe wie Ehre und Moral brechen in Belastungssituationen und in Momenten, in denen es darum geht Haltung zu zeigen, wie morsches Holz auseinander. Das lag auch daran, dass Fontane keine Berührungsängste gegenüber den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten hatte. Er hatte Kontakt zu Menschen auf dem Lande (Mark Brandenburg), als auch zu jenen in der Großstadt (Berlin). Und er verstand ihre Sorgen und Nöte, nicht zuletzt aufgrund seiner Arbeit bei der  Neuen Preußischen Zeitung und der Vossischen Zeitung und dem dort zu verrichtenden journalistischen Tagesgeschäft.
Die Dramaturgie in der Umsetzung der einzelnen Vorgaben ist zwar unterschiedlich – jedoch ziehen sich die sparsamen Inszenierungen wie ein roter Faden durch sämtliche Produktionen. Denn egal ob von Radio Stuttgart (dem heutigen SWR) in Auftrag gegeben, vom SFB (heute rbb), dem BR oder der Deutschen Welle – Fontanes Text ist, trotz mancher Kürzung, das Maß der Dinge. Wenig überflüssige Geräusche oder in Szene gesetzte Tonfarben unterstützen die Handlung.
Es ist zugleich ein Wiederhören mit bekannten Stimmen wie Gert Westphal („Unwiederbringlich“), Ruth Leuwerik und Klaus Maria Brandauer („Cécile“) oder Carl Raddatz („Schach von Wuthenow“). Diese akustische Reise in die Vergangenheit hat bis heute nichts von ihrem Reiz eingebüßt.

Max Frisch (1911 – 1991) gehört in den Kreis deutschsprachiger Intellektueller, dessen Romane, Dramen und Erzählungen ebenso zum Literatur-Kanon gehören, wie seine Tagebücher und Briefe. Nach dem Studium gründete er, wie schon sein Vater, ein Architekturbüro, das er 1955 zugunsten der Arbeit als freier Autor wieder aufgab.
In seinen Texten beschäftigte sich Frisch überwiegend mit der Identität, mit Selbstfindung und Sinnsuche. Auch sein 1957 erschienener Roman „Homo Faber. Ein Bericht“ hat dieses (autobiographische) Kernthema zum Inhalt. Walter Faber, Hauptfigur und Architekt, muss sich als rational denkender, vorausplanender und einem eigenen, strikten Ordnungsprinzip folgender Mensch mit Zufällen, Risiken und Schicksalen auseinandersetzen, die plötzlich in sein Leben einbrechen und dieses massiv beeinflussen. Eine spannende und fesselnde Auseinandersetzung, zwischen griechischer Mythologie und Realität.
Heinz Sommer hat Frischs Vorlage bearbeitet und Leonhard Koppelmann diese Produktion für den Hessischen Rundfunk mit Sprechern wie Matthias Brandt, Eva Mattes, Ueli Jäggi oder Paula Beerin in (akustische) Szene gesetzt. Die Lebendigkeit und atmosphärische Emotionalität des Stückes wird durch das Einbeziehen der Big Band des Hessischen Rundfunks hergestellt.
In dieser Form ist „Homo Faber“ eine erfrischende Alternative zur Schullektüre. Wer den Roman, der zu Frischs bedeutendsten gehört, in dieser Zeit gelesen hat, wird das Buch hier mit Sicherheit neu entdecken.
Jörg Konrad

Theodor Fontane
„Die große Hörspieledition“
Der Audio Verlag, Berlin 2018
12 CDs, Laufzeit ca, 13 Std. 53 Min.

Max Frisch
„Homo Faber“
der Hörverlag, 2018
6 CDs, Laufzeit: 7h 11 min
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.