Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Steffen Mensching „Schermanns Augen“

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The NASA Archives

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T.C. Boyle „Das Licht“

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Stewart O`Nan „Stadt der Geheimnisse“

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Theodor Fontane "Irrungen, Wirrungen"

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Maryam Madjidi "Du springst, ich falle"

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Sonntag 14.04.2019
Steffen Mensching „Schermanns Augen“
Im Ausnahmefall ist es erlaubt, auch einmal mit der Tür ins Haus zu fallen. Und ein solcher Ausnahmefall ist Steffen Menschings Roman „Schermanns Augen“. Ein außergewöhnlich beeindruckendes Buch, ein Buch, das Spuren hinterlässt, ein virtuoses Buch, das konfrontiert und einem den Atem raubt. Konsequent (bis an die Schmerzgrenze), aufwühlend (aufgrund der Extreme), historisch korrekt (und auf verschiedenen Zeitebenen spielend), dramaturgisch brillant aufgebaut (außergewöhnliches Ineinandergreifen unterschiedlicher Charaktere), politisch provokant (kein wirkliches Kriterium), sehr gut lesbar (!). Mensching, Jahrgang 1958, fordert mit diesem 800 Seiten starken Text heraus, in dem er kompromisslos gegen das Vergessen anschreibt - auch gegen die Gefahr, den Menschen als die Krone der Schöpfung zu enttarnen.
Handlungsort des Romans: Artek II, ein Gulag im Norden der damaligen Sowjetunion. Handlungszeit: 1940, mit einigen Rückblenden in die 1920er und 1930er Jahre. Die äußeren Umstände: Kälte, Hunger, Tod und Gewalt. Handelnde Personen: Ein jüdischer Graphologe und Hellseher aus Polen, ein deutscher Kommunist, Lagerkommandanten, politische und kriminelle Inhaftierte, Karl Kraus, Herwart Walden, Sergej Eisenstein, Alfred Döblin, Else Lasker Schüler, Stalin, Hitler, Trotzki.
Ein gewaltiges Tableau an handelnden Personen, die Mensching mit- und zueinander in Beziehung setzt, Geschichte und Geschichten aufrollt, sie interpretiert, Anekdoten einfach nur erzählt und letztendlich damit die größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts in Form individueller Schicksale aufarbeitet (wunderbar dabei die Idee, ein Großteil der Personen auf dem schmalen Lesezeichen abzudrucken).
Man könnte meinen, Mensching würde mit diesem Buch versuchen, das Trauma seines Lebens zu bewältigen. Aber „Schermanns Augen“ enthält nicht die Erlebnisse des Autors. Dafür ist der in Ostberlin geborene und aufgewachsene Autor zu jung. Aber er hat sie mit Sicherheit gelesen, die Bücher Solschenizyns und Schalamows, Alfred Koestlers „Sonnerfinsternis oder Mannes Sperbers „Wie eine Träne im Ozean“. Es sind jene Bücher, die die Realität hinter dem Versuch, eine klassenlose Gesellschaft allein zum Wohle der Menschheit aufzubauen, grell beleuchten.
Mensching hat an diesem seinem Meisterwerk über zwölf Jahre lang gearbeitet – um letztendlich das im Dunklen liegende Ende der historisch verbürgten Person des Rafael Schermann zu erzählen. Das gesamte Spannungsverhältnis des Romans leitet sich jedoch ab aus der Beziehung eben jenes Schermann zu dem deutschen Jungkommunisten Otto Haferkorn. Beide stoßen im mitleidlosen Millieu des Gulag aufeinander. Der Pole kann kein Russisch. Doch die sowjetische Staatsmacht (oder der Kommandant des Lagers?) ist an ihm und seinen hellseherischen Fähigkeiten interessiert. Haferkorn hingegen hat im Moskauer Exil beim Aufbau der Kommunistischen Internationale gearbeitet und ist der sowjetischen Säuberungspolitik zum Opfer gefallen. Er überlebt, weil der gerade geschlossene Hitler-Stalin-Pakt für Unsicherheit sorgt. Wie ist mit deutschen Häftlingen umzugehen?
In spontanen Perspektivwechseln, dramatischen Rückblenden und bewegenden Darstellungen rollt Mensching diese Zeit neu auf, macht deutlich, wie nah Himmel und Hölle beieinander sind. Mensching, Kulturwissenschaftler, Schauspieler, Regisseur und eben Autor, beherrscht die Umgangssprache der feinen Wiener Gesellschaft ebenso, wie den rüden Lagerjargon der Unterwelt.
Es bleibt die Frage, ob über dieses kolossale Buch noch viel mehr zu schreiben ist. Nein, muss man nicht. Man sollte die Zeit nutzen, „Schermanns Augen“ zu lesen.
Jörg Konrad

Steffen Mensching
„Schermanns Augen“
Wallstein Verlag
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 31.03.2019
The NASA Archives
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Eigentlich ist die Gründung der NASA (die nationale Luft- und Raumfahrtbehörde der USA) dem einstigen Klassenfeind, der Sowjetunion geschuldet. Denn als am 4. Oktober 1957 in den frühen Abendstunden der erste künstliche Erdsatellit vom kasachischen Baikanur aus ins All geschossen wurde, waren die Amerikaner vollkommen überrascht, ja regelrecht hysterisiert. Sie hatten weltraumtechnisch nichts entgegenzusetzen und mussten zusätzlich noch russische Flugkörper über ihrem Territorium hilflos tolerieren. Und da die beiden politischen Blöcke schon damals in einem stark rivalisierendem Verhältnis zueinander standen, reagierten die USA zwangsläufig schnell darauf. Schon ein Jahr später wurde als Antwort und unter Zeitdruck die NASA ins Leben gerufen. Aus einer Anfangs recht kleinen, überschaubaren Firma mit nur wenigen Mitarbeitern wurde innerhalb weniger Jahre ein riesiges Technologieunternehmen. Über eine halbe Millionen Mitarbeiter realisierten zehn Jahre später den ersten bemannten Flug zum Mond. Noch einmal zehn Jahre später landeten Robotersonden sogar auf dem Mars.
2018 feierte die NASA nun ihr 60. Jubiläum. Grund genug, den Entwicklungsweg von damals bis in unsere heutige Gegenwart nachzuzeichnen und zu dokumentieren. Mit THE NASA ARCHIVES – 60 JAHRE IM ALL liegt nun im TASCHEN Verlag ein opulenter Prachtband vor, der diesem Anliegen vollauf gerecht wird. Entstanden ist das Buch in enger Zusammenarbeit mit der NASA selbst und einigen außenstehenden hochrangigen Wissenschaftlern.
Herausgeber und Autor ist der Wissenschaftshistoriker Piers Bizony, der schon in den zurückliegenden Jahren außergewöhnliche Werke über anspruchsvolle Forschungsthemen geschrieben hat.
Auf über vierhundert Seiten wird die Geschichte der NASA beeindruckend (und zweisprachig in englisch und deutsch) dargestellt. Hinzu kommen über fünfhundert zum Großteil erstmals veröffentlichte Fotos aus den Archiven des Weltraumunternehmens. In die einzelnen Abhandlungen finden die frühen Mercury-Projekte ebenso Eingang, wie die folgenden Gemini- und Apollo-Unternehmungen. Es wird die Entwicklung hin zum Hubble-Weltraumteleskop beschrieben, das der Menschheit einen völlig neuen Blick in den Kosmos ermöglicht. Hinzu kommt die Fertigung des ferngesteuerten Marsrover Spirit und die Planungen hin zu den wiederverwendbaren Raumfähren Columbia, Challanger und Atlantis
Dieses Buch zeigt aber auch, dass die US-amerikanische Raumfahrt nicht allein eine Erfolgsgeschichte war, sondern dass sie auch immer wieder von herben Rückschlägen eingeholt wurde, wie sie aber auch jede Entwicklung, die im wahrsten Sinne des Wortes Neuland betritt, bereithält.
Natürlich werden auch die vielen Mitarbeiter hinter den Projekten gewürdigt, die Wissenschaftler und Techniker, die Designer und die Helden des Universums, Astronauten selbst.
THE NASA ARCHIVES – 60 JAHRE IM ALL, das sind fünfeinhalb Kilo realisierte Menschheitsträume und Visionen für die nahe und für die ferne Zukunft in nur einem Band.
Jörg Konrad


The NASA Archives
"60 Jahre im All"
TASCHEN Verlag

 
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Dienstag 19.03.2019
T.C. Boyle „Das Licht“
T.C. Boyle hinterfragt stets. Dafür ist er bekannt und in den Zeiten der Trump-Era immer mehr gefürchtet. Nie nimmt er ein Blatt vor den Mund.
Dabei verkörpert der mittlerweile 70jährige Wahl-Kalifornier wie kaum ein anderer Autor den „American Dream“. Denn dem Sohn einer Sekretärin und eines Busfahrers war die Karriere als Bestseller-Autor mit Doktortitel nicht von vorn herein beschieden. Zunächst schien es ihn, ebenso wie seine Eltern, in den Abgrund der hochprozentigen Versuchungen zu treiben. Doch er fand einen Weg aus diesem Teufelskreis und zog sich durch eiserne Disziplin selbst aus dem Abhängigkeitsumpf. Diese Selbstbeherrschung gibt ihm Inspiration und Schaffenskraft: Jeden Morgen beginnt er mit einem ausgiebigen Spaziergang in die Natur, es folgt ein einfaches Frühstück und sein „Fifteen Minute Nap“, eine kurze Meditationsübung. Nach dieser viertelstündigen Auszeit beginnt Boyle zu schreiben und er hat seine Leser mit dem Ergebnis bisher nicht enttäuscht. Seit dem Erscheinen seines fulminanten Erstlingswerkes „Wassermusik“ im Jahre 1982 veröffentlichte er 16 Romane und 11 Kurzgeschichtensammlungen. 
Seine beständigste ausländische Leserschaft  besitzt T.C. Boyle in Deutschland und erst jetzt war er hier auf Lesereise, um in meist ausverkauften Häusern seinem treuen Publikum sein neuestes Werk „Das Licht“ näher zu bringen.
In diesem bei HANSER erschienen Band (Orig.-Titel „Outside looking in“) widmet sich Boyle erneut einer realen Kult-Gestalt aus dem vergangenen Jahrhundert. Waren dies in „Willkommen in Wellville“ (2003) der Frühstücks-Flocken-Magnat John Harvey Kellogg und in „Die Frauen“ (2009) der charismatische Architekt Frank Lloyd Wright, deren verworrenes Leben der Autor unter die literarische Lupe nahm, so ist es diesmal der von Mythen und Anekdoten umwobene Psychologe Timothy Leary, der Ende der 1960er Jahre als Dozent an der renommierten Havard-University mit der Droge LSD experimentierte.
Im Vorspiel führt der Autor den Leser zunächst in das vom 2.Weltkrieg nur leicht berührte Basel. In der Schweiz geht das Leben seinen zwar eingeschränkten, aber doch recht normalen Gang. So wird in der Pharmafirma Sandoz fleißig experimentiert und der Laborleiter Dr. Albert Hofmann synthetisiert eine Substanz mit dem Namen  LSD-25. Um diese zu testen, macht Hofmann einen Selbstversuch, der ihm sofort zeigt, wie gefährlich die halluzinogene Wirkung ist, vor der er eindringlich bis an sein Lebensende mit 102 Jahren warnen wird.
Filigran zeichnet dann Boyle das Bild des „Drogen-Gurus“ Leary und all seiner „Jünger“, die er in den sogenannten „Inner Circle“ beruft. Leary ist eine ebenso suspekte wie vielschichtige Gestalt, die aus der Sicht des Ehepaares Fitz und Joanie Loney geschildert wird.
Der junge Doktorand Fitz und seine höchst attraktive Frau Joanie verfallen recht schnell den Versuchungen der „Sessions“, zu der Leary regelmäßig in sein Haus einlädt. Wer diese Offerte ablehnt, wird ausgegrenzt. Allwöchentlich machen sich die Auserwählten mit einigen Hundert Mikrogramm LSD auf die Reise in die innere Erleuchtung: Sie suchen das Licht. Was vielen der freiwilligen Probanden erst im Nachhinein auffällt, ist die Tatsache, dass sie während dieser Ekstase schnell und hingebungsvoll in den Armen eines Liebhabers oder einer Liebhaberin landen. Leary steht dabei an der Spitze, was die Häufigkeit dieser Erfahrungen angeht. Keine der Frauen, nicht einmal die gerade 18jährige Lori, kann den Verlockungen des Gurus widerstehen. Tim, wie alle Leary liebevoll nennen, bekommt was immer er will.
Selbst nach der Entlassung aus dem Hochschuldienst propagiert er mit Nachdruck das Recht auf freien und selbstbestimmten Drogenkonsum. Letztendlich gelingt es ihm, die ganze Kommune zunächst in Mexico und später dann in einem riesigen Haus in Millbrook nördlich von New York zu versammeln. Unter der Prämisse der Selbstfindung und dem Ablegen aller bürgerlichen Zwänge sollen Neid, Missgunst oder gar Eifersucht den Mitbewohnern fremd sein: So ist die Idylle des Gruppenbewusstseins fast zu schön, um wahr zu sein.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Leary setzt durch, dass auch die anwesenden Kinder seiner Testpersonen die „Erleuchtung“ spüren sollen. Unter Begleitung der Erwachsenen bekommen sie die knappe die halbe Dosis. Später wird deutlich, dass die Jugendlichen unbemerkt mehr als die doppelte Dosis nehmen, um eigene, letztendlich unkontrollierte Erfahrungen zu machen. Das Resultat ist das Gleiche wie bei den Erwachsenen: Abhängigkeit.
Als Leary dann glaubt, ausgeloste Paare in einer einwöchigen LSD-Session im abgeschirmten Terrain des Meditationshauses von allen Zwängen befreien zu können, ist das Ende der Gemeinschaft der Offenbarung vorprogrammiert. Für das Ehepaar Loney wird diese Erfahrung besonders schmerzlich. Joanie zieht die Reißleine und flieht mit ihrem Sohn in die Obhut ihrer Eltern. Der angehende Harvard-Doktorand Fitz verliert mehr und mehr den Halt: Wird auch ihm der Absprung gelingen?
Thomas Coraghessan Boyle gelingt es erneut meisterhaft, die Charaktere seiner Protagonisten mitreißend darzustellen. Von Anfang an wirken sie in ihrer Freude und in ihrem Leid vertraut. Große Literatur, die federleicht zurück in eine ferne Zeit großer Visionen führt.
Klaus Huch


T.C. Boyle
„Das Licht“
Hanser
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Sonntag 10.03.2019
Stewart O`Nan „Stadt der Geheimnisse“
Einige Bücher von Stewart O`Nan besitzen einen realen Hintergrund. Der amerikanische Autor baut die Inhalte und die Schicksale seiner Charaktere in die Kulissen historischen Geschehens. Am deutlichsten wird dies in „Der Zirkusbrand“ aus dem Jahr 2003. Hier hat O`Nan den verheerenden Brand eines Zirkus in seiner Heimatstadt Hartford im Jahr 1944 als präzise aufgearbeitete Reportage literarisch verarbeitet.
Stadt der Geheimnisse“, O`Nans neuster, 15. Roman, spielt im Jahr 1946 in Jerusalem, kurz bevor das King David Hotel von der radikal-zionistische Terrororganisation Irgun in die Luft gesprengt wird. Palästina stand damals, die Gründung Israels erfolgte erst im Mai 1948, unter britischem Mandat.
O`Nan erzählt eine Geschichte aus dem Widerstand. Im Zentrum des Geschehens steht Brand, ein aus Lettland stammender Taxifahrer, dessen Familie in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurde. Ihm selbst gelang die abenteuerliche Flucht ins gelobte Land, was in ihm, als einzig Überlebenden der Familie, starke Schuldgefühle auslöst. Aus dieser Gewissensqual heraus schließt er sich der Untergrundorganisation Irgun an und erledigt für sie immer wieder kleinere Auftragsarbeiten. Dabei lernt er die Prostituierte Eva kennen, die ebenfalls wie durch Wunder deutsche Konzentrationslager und den Naziterror überlebt hat.
O`Nan entwirft ein stimmungsvolles Bild Jerusalems. Einer Stadt, in der die Folgen des Krieges, die ungeklärten auch individuellen Existenzfragen, Besatzerwillkür und die Massen an illegalen jüdischen Einwanderern den Alltag bestimmen. Der Kampf um Unabhängigkeit wird von allen Seiten rücksichtslos geführt. Menschenleben zählen nur als Faustpfand.
Brand bewegt sich in diesem Labyrinth des persönlichen Misstrauens und der individuellen Gegensätze schwankend. Er, der in den zurückliegenden Jahren seines Lebens weder Sicherheit noch so etwas wie Fürsorge empfunden hat, wirkt hilflos und überfordert. Ihm wird im Laufe der Ereignisse klar, wie schwierig es ist, Recht auf der Grundlage von Ungesetzlichkeit und Verbrechen neu aufzubauen. Unter diesen Vorzeichen wird er kein Überzeugungstäter, sondern ein zeitlich begrenzter Mitläufer.
O`Nan stellt dem Roman einen Gedanken Menachem Begins, dem späteren Ministerpräsidenten und Außenminister Israels, voran: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen“. Ein Motto, das das bewusste Verdrängen als einen Weg zum Erfolg und zur rechtmäßigen Bestimmung weißt.
Hier werden Menschen beschrieben, die der Hölle noch immer nicht ganz entronnen sind. Entwurzelte auf der gewaltbereiten Suche nach ihrer schon in der Bibel bestimmten Heimat.
O`Nan hat diese Episode aus dem jüdischen Freiheitskampf dramaturgisch klar und übersichtlich aufgebaut. Er erzählt dieses Zwischenspiel aus Brands Leben in einem teilnahmslosen, leidenschaftsarmen, manchmal regelrecht lethargischen Ton, der den Traumata seiner bisherigen Vita geschuldet zu sein scheint. Ihm fehlt, nach all den Schrecknissen der Vergangenheit, die überzeugende Hoffnung, der überzeugte Blick in eine ungetrübte Zukunft. Auch wenn ihm die Liebe zu Eva immer wieder Flügel verleiht, bleibt er ein seelisch gebrochener Mensch.
Jörg Konrad

Stewart O`Nan
„Stadt der Geheimnisse“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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Montag 25.02.2019
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Theodor Fontane "Irrungen, Wirrungen"
Jubiläen wie Geburts- oder Todestage sind ja nur äußere Daten, aber sie können ein guter Anlass sein, sich an wichtige Künstler der Vergangenheit zu erinnern und ihr Werk wieder zu entdecken. Vor 200 Jahren, im Jahr 1819, wurde Theodor Fontane in Neuruppin geboren. In seinem langen Leben (er starb 1898) war er vielfältig und bis ins hohe Alter hinein literarisch tätig; als Lyriker, Journalist, Kritiker, Reiseschriftsteller und Romanautor machte er sich einen bedeutenden Namen. Er gilt als einer der Begründer des realistischen Gesellschaftsromans in deutscher Sprache.
In seinen Romanen erzählt Fontane von einer für uns lange vergangenen Welt: der Welt des preußischen Adels, des Militärs, der starren Ständeschranken. Und doch lesen sich seine Bücher auch heute noch erstaunlich unverbraucht und berührend. Durch ihre unideologische Offenheit, ihre feine psychologische Darstellungskunst, ihren kritischen Blick auf die Zeit und ihre starken Frauengestalten weisen sie weit in die Moderne hinaus.
Fontane will, wie er selbst sagt, „das wirkliche Leben“ einfangen. „Irrungen, Wirrungen“ lässt er im Berlin der späten 1870er Jahre spielen. Schon Zeitgenossen lobten die „täuschende Echtheit“ der Geschichte, die genauen Ortsschilderungen und Menschenbeobachtungen. Dabei ist der Roman äußerst kunstvoll komponiert. Die präzisen Details sind bewusst gesetzt und bewirken nicht nur Zeit- und Lokalkolorit, sondern werden oft zu Symbolen, die sich auf das Ganze des Romans beziehen. So beschreibt Fontane z.B. in den ersten Sätzen des Romans das Wohnhaus von Lene Nimptsch, der weiblichen Hauptfigur, und betont die „Kleinheit und Zurückgezogenheit“ des Hauses. Es liegt verborgen hinter der Kulisse eines großen Gärtnereigebäudes und ist doch „die recht eigentliche Hauptsache“, -  ebenso wie die einfache Büglerin Lene selbst die „Hauptsache“ des Romans ist, deren Wert und Bedeutung der großen Welt verborgen, von Botho (und dem Leser) erst entdeckt werden muss.
„Irrungen, Wirrungen“ erzählt eine Liebesgeschichte über Standesgrenzen hinweg; ein Thema, das Fontane immer wieder beschäftigt hat. Der junge Baron Botho von Rienäcker und die Arbeiterin Marlene Nimptsch lernen sich auf einer Kahnfahrt auf der Spree kennen und erleben einen glücklichen Sommer. Aber vor allem Lene kann und will sich selbst nichts weismachen: „Glaube mir, dass ich dich habe, das ist mein Glück. Was daraus wird, das kümmert mich nicht. Eines Tages bist du weggeflogen.“
Zum Höhe- und zugleich Wendepunkt ihrer Liebe wird ein Ausflug zu „Hankels Ablage“, einem damals beliebten Ausflugslokal. Nach einem sonnigen Tag und einer gemeinsam verbrachten Nacht treffen Regimentskameraden von Botho mit ihren Geliebten ein, Damen der Halbwelt. Diese Begegnung rückt Lenes Stellung gegenüber Botho in ein schiefes Licht. Botho folgt dem Drängen seiner Mutter und heiratet eine reiche Kusine, und Lene gibt einem wesentlich älteren „Fabrikmeister“ und Sektengründer ihr Jawort. Für beide gilt Lenes Prophezeiung: „Dann lebt man ohne Glück.“
Fontane mit seinem nie verurteilenden, oft aber fein ironischen Blick, ist ein Meister der Konversation. In unterschiedlichsten Situationen und Konstellationen lässt er die Figuren des Romans Gespräche führen, lässt sie in Briefen zu Wort kommen oder innere Monologe halten. Dabei trifft er genau den Ton. Das leichte, oft scheinbar harmlose Alltagsgeplauder der Menschen dient ihrer Charakterisierung und sozialen Verortung.
Der Offizier Botho von Rienäcker wird als liebenswerter, eher untypischer Vertreter seiner Klasse geschildert. Er steht dem preußischen Militarismus – ebenso wie Fontane – distanziert gegenüber. Er unterhält sich gern mit dem „einfachen Volk“ und liebt Lenes Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit. Die steht in scharfem Gegensatz zur Hohlheit und Phrasenhaftigkeit seiner Klasse und ihrer Kunst des „gefälligen Nichtssagens“. Doch Botho ist schwach, was er selbst weiß. Als er sich entscheiden muss zwischen einer Mesalliance mit Lene und der gesellschaftlich anerkannten Ehe mit seiner hübschen, aber „dalberigen“ Kusine, wählt er ein Leben in der hergebrachten Ordnung, doch ohne rechte Liebe. Lenes Sprache ist dagegen die Sprache des Herzens. „Die neue, bessere Welt fängt erst beim vierten Stand an“ heißt es einmal bei Fontane. Es ist ein sehr modernes Frauenbild, das Fontane in „Irrungen, Wirrungen“ entwirft. Botho nennt Lene eine „kleine Demokratin“. Sie ist eine junge Frau, die eigene Entscheidungen trifft, ohne kämpferisch zu sein, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient, und die auch ohne Trauschein ihre Liebe lebt – für die Moral der damaligen Zeit natürlich ein Skandal. Beider Liebe scheitert an den starren Konventionen des preußischen Ständestaates.
Die Welt, die Fontane schildert, steht vor einer Wende. Drängende politische und gesellschaftliche Fragen stehen an: die Auflösung der alten Ständeordnung, der Aufstieg des Bürgertums, Demokratisierung und Frauenemanzipation. Den heraufziehenden Konflikt zwischen Alt und Neu hat Fontane erspürt. Er war kein Revolutionär, aber er wusste, dass sich seine Welt verändern würde und verändern musste. „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben“, heißt es im „Stechlin“.
Lilly Munzinger, Gauting

Theodor Fontane
"Irrungen, Wirrungen"
Aufbau Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Montag 11.02.2019
Maryam Madjidi "Du springst, ich falle"
Zahlreiche Bücher haben in den vergangenen Jahren versucht, die bewegenden Fragen über die Themen Flucht, Exil, Identität und Sprache in Worte und Bilder zu fassen. Das mit dem Prix Concourt du Premier Roman 2017 ausgezeichnete Debüt "Du springst, ich falle" von Maryam Madjidi ist ein ganz besonderes Buch.
1980 geboren, floh sie als 6-jährige mit ihren  Eltern aus dem Iran nach Paris, wo sie nach einigen Umwegen heute wieder lebt.
In drei großen Abschnitten erzählt sie – immer wieder mit Zeitsprüngen und Einschüben von Ereignissen – von ihrer Suche nach Identität.
Da ist zunächst das kleine Mädchen, das mitten in die Studentenrevolte 1980 in Teheran hineingeboren wird. Ihre Eltern erleben brutale Gewalt, der Bruder der Mutter kommt ins Gefängnis, ein anderer, geliebter Onkel wird im Gefängnis erschossen. Einzig die Geborgenheit bei der Großmutter, die für sie zeitlebens eine liebevolle und prägende Person bleiben wird, gibt dem kleinen Mädchen das Erleben von glücklicher Kindheit. Die Gerüche der Speisen, welche die Großmutter liebevoll zubereitet, ihre Stimme, die Geräusche des vertrauten Hauses, der Schutz dort vor dem Lärm der Welt ist die prägende Erinnerung, die sich in ihrem Buch wie ein roter Faden durchzieht.
Als die Eltern sich schließlich zur Flucht entscheiden, muss das Mädchen alle Spielsachen an die Nachbarskinder verschenken – ein traumatisches Erlebnis, dessen Hintergrund es nicht verstehen kann. Alles Erlebte versucht sie deshalb in kleine Geschichten zu packen, die sich zu ihrer ganz eigenen Fantasiewelt zusammenfügen, in die sie sich zurückziehen kann. All dies ist es, was Madjidi aus der Sicht des Kindes erzählt, daneben stehen kurze Berichte über die schockierenden politischen Geschehnisse, die zur Flucht der Familie führen.
In Paris angekommen, ekelt sich das kleine Mädchen vor der Fremdheit der primitiven Unterkunft und dem Geruch des ungewohnten Essens, die Niedergeschlagenheit der Eltern macht ihm Angst. Nur eine kleine Iranerin, die auch im Haus eingezogen ist, holt sie aus ihrer Verzweiflung, wird ihre fröhliche Freundin.
Als sie in der Schule Französisch lernt, gewinnt sie etwas Zugang zu ihrer neuen Umgebung, aber die Eltern, besonders der Vater, dringen darauf, dass sie auch weiter Persisch lernen soll. Nach und nach aber wird diese Muttersprache für sie der Inbegriff aller schlechten Ereignisse und Erinnerungen, Französisch jedoch öffnet ihr das Tor zum Leben in der neuen fremden Heimat und steht für eine Zukunft in Sicherheit. Aber damit beginnt auch die Entfremdung zum Vater, dessen Identität besonders durch seine Sprache Ausdruck findet. Mit Französisch kommt er schlecht zurecht, die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat macht es ihm schwer, sich darauf einzulassen. Mit scheuer Distanz beschreibt die Tochter seine Hände, die sich im Exil immer mehr den Tätigkeiten anpassen, die er übernimmt, um überleben zu können.
Maryam wird eine gute Schülerin und schöne junge Frau, die mit einer gewissen Lust ihre exotische Ausstrahlung auf junge Männer ausspielt, die sie mit persischen Gedichten um den Finger wickelt. Gleichzeitig macht sie aber auch die bittere Erfahrung, dass sie für die einen Kommilitonen keine „echte“ Französin, für die anderen aber auch keine Iranerin mehr ist. Was zunächst ein reizvolles Spiel ist, wird zunehmend zur Identitätsfrage für sie selbst. Die Erinnerung an die geliebte Großmutter, die sie in stillen Momenten wie eine Erscheinung neben sich zu sehen glaubt,  ermahnt sie, die Suche nach sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.
Mit 23 reist sie nach Teheran. Überschwänglich empfangen von der Familie genießt sie ihre Zeit dort, beflügelt von den fernen Kindheitserinnerungen – und verliebt sich in einen Teheraner Abenteurer und Lebemann. Sie wünscht sich in Teheran zu bleiben, aber im Streit mit ihrer klugen Großmutter erkennt sie, dass das Leben im Iran weit von dem entfernt ist, was sie in Frankreich, besonders als Frau,  als Freiheit selbstverständlich erlebt und was die Eltern für sie errungen haben, als sie ihr eigenes Leben aufgaben und flohen.
Nach einigen Jahren in China und in der Türkei lebt sie nun wieder in Paris. In ihrer Studienarbeit in Vergleichender Sprachwissenschaft  in Paris über die persischen Dichter Khayyam und Hedayat versöhnen sich auch die beiden Sprachen, die sie geprägt haben.
Das besondere und berührende an Madjidis Geschichte ist, dass sie statt Zahlen und Debatten die Sinne erzählen lässt. Gerüche, Klänge, kindliche Fantasien werden zum Pfad durch das Exil des Mädchens. Das könnte natürlich auch ein schmaler Grad zum Gefühligen sein, aber genau das ist der Autorin wunderbar gelungen: zu berühren ohne rührselig zu werden.
Sehr fein und lesenswert!
Thyra Kraemer


Maryam Madjidi 
"Du springst, ich falle"
Blumenbar
Autor: Siehe Artikel
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