Musik
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Inhaltsverzeichnis
Vor 50 Jahren: Die Kenny Clarke Francy Boland Big Band

1

LBT (Leo Betzl Trio) „Way Up In The Blue“

2

Michael Hornstein & Oliver Hahn „Ellington Now“

3

Areni Agbabian „Bloom“

4

Hubro - Vielfältige Klangwelten

5

William Basinski „On Time Out Of Time“

6

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Montag 06.05.2019
Vor 50 Jahren: Die Kenny Clarke Francy Boland Big Band
Sie gehörten zu den ganz wenigen Big Bands, die einen Hit platzierten. Nicht in den Charts. Stattdessen in den Erinnerungen mindestens einer Generation von Autofahrern. Denn „Jay Jay“ läutete von 1966 bis ins Jahr 2005 an jedem Freitagabend die Verkehrserziehungssendung „Der 7. Sinn“ ein. Mit einem Stück, das die ganze Power und Dynamik dieses Klangkörpers in einem kurzen Jingle zum Ausdruck brachte - ihre Vollkommenheit und ihr phänomenales Miteinander. Bop und Swing als musikalisches Kraftfutter für eine Schar von Solisten mit Format. Jazz als ein kleines aber nachhaltig wirkendes Stück Fernsehgeschichte.
Kenny Clarke, der unvergleichliche Schlagzeuger des BeBop, hatte diese Komposition geschrieben. Eingespielt wurde das Stück dann von dem „besten Jazzorchester der sechziger Jahre“ (Benny Goodman), der Kenny Clarke Francy Boland Big Band. Einem Ensemble aus 17 Musikern unterschiedlichster Weltanschauung und Herkunft, unter der musikalischen Leitung eben jenes Kenny Clarke und des belgischen Pianisten und Arrangeurs Francy Boland. Die CBBB wurde 1962 gegründet und einige Jahre später von Pierluigi, genannt „Gigi“ Campi gemanagt – bis sie sich 1972 auflöste.
In der berühmten Campi-Eis-Diele, einem bedeutenden Treffpunkt der Kölner Kulturszene ab 1948 in der Hohe Straße, brachte der studierte Architekt mit italienischen Wurzeln einmal im Monat prominente Jazzmusiker aus ganz Europa zusammen. Der Musikenthusiast besorgte Aufträge von Funkhäusern und Plattenfirmen, die die „Gelegenheitsband“ in gemieteten Studios einspielte. Doch Campi wollte mehr mit diesem „Orchester der Persönlichkeiten und des perfekten Zusammenwirkens“. Am liebsten weltweit auf Tournee gehen und die vielen großartigen Kompositionen und Arrangements einem breiten Publikum auch Live vorstellen. Denn dieses Orchester, das spürte Campi schon beim ersten Zusammentreffen, war etwas ganz besonderes. Es hatte ein unglaubliches Feuer, die Chemie untereinander stimmte. Der Klang: „Kühl, ausgefeilt, klar und selbst in der gepanzerten Verschalung des Blechs angenehm frei von billigen Effekten“ (J.E.Berendt). Die Musiker konnten diszipliniert vom Blatt spielen und gleichzeitig war jeder einzelne ein großartiger Solist. Zu ihnen gehörten unter anderem Benny Bailey, Dusko Gojkovic, Phil Woods, Johnny Griffin, Sahib Shihab, Derek Humble und Ake Persson. Meist arbeitete die Formation mit zwei Bassisten und zwei Schlagzeugern, wodurch sich die rhythmische Durchschlagskraft noch um einiges erhöhte. Ihr erstes größeres Engagement hatte die CBBB 1967 beim Jazzfestival in Prag. Kurz darauf ein dreiwöchiges Gastspiel im angesagten Londoner Szeneclub von Ronnie Scott,  über das der „Daily Mail“ schrieb, dass in der Hauptstadt eine Band musizierte, „die Count Basie, Buddy Rich und Woody Herman in den Schatten stellt.“
Den künstlerischen Zenit erreichte die CBBB im Jahr 1969. Sie war auf dem Höhepunkt ihres Könnens angelangt. Es erschienen allein in diesem Jahr, in dem der Jazz seinen Einfluss zugunsten des Rock`n Roll zu verlieren begann, zehn Alben: „Sax No End“, „Latin Kaleidoscope“, „Faces“, „Volcano“, „Rue Chaptal“, „All Smiles“, „All Blues“, „At Her Majesty`s Pleasure ….“. Hinzu kommt ein Live-Mitschnitt von eben jenem furiosen Auftritt in Prag (auf dem tschechischen Label Supraphon) und eine Aufnahme mit der damals noch recht unbekannten (Jazz!-)Sängerin Gitte.
Auf allen Veröffentlichungen zeigt sich die Band in großartiger Verfassung. Bei den Studioaufnahme saßen meist schon die ersten Einspielungen, der erste Take. Man arbeitete konzentriert und effizient. Auf diese Weise konnten einige der Alben an nur einem einzigen Tag aufgenommen werden..
Als die Band sich nach einem Konzert 1972 in Nürnberg auflöste, hatte sie insgesamt 24 Alben in den zwölf Jahren ihres Bestehens veröffentlicht. Einige weitere sollten aus dem reichen Fundus des Orchesters später noch veröffentlicht werden. Doch auf keinem der Alben ist eben jenes „Jay Jay“ im Original enthalten, mit dem die CBBB ihren vielleicht größten Hit landete. Das Stück schlummert vermutlich irgendwo tief in den Archiven des WDR.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Freitag 03.05.2019
LBT (Leo Betzl Trio) „Way Up In The Blue“
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Es bedarf schon einigen Mutes, in heutigen Zeiten ein Klavier-Trio zu gründen. Schließlich scheint in dieser Besetzung musikalisch fast alles gesagt. Aber eben nur fast. Bestes Beispiel: Das Leo Betzl Trio. Dieser in München ansässigen Formation gelingt es, aktuelle musikalische Phänomene in das akustische Konzept des Klavier-Trios zu übertragen. Und das sind bei Leo Betzl (Piano), Maximilian Hirning (Bass) und Sebastian Wolfgruber (Schlagzeug) Techno, Ambient, Minimal und ähnliche, im elektronischen Bereich angesiedelte Spielweisen. „Unsere Charaktere sind unterschiedlich, was ungeheuer interessant ist. So kommen die verschiedensten Einflüsse zusammen und es entsteht eine faszinierende Vielfalt“, sagte Leo vor einiger Zeit in einem Interview.
Es ist, als würde der in die Jahre gekommene Jazz damit um einige Dekaden verjüngt. Und diese Form der Frischzellenkur bekommt der Musikform ausgezeichnet. Schließlich hatte er in der Vergangenheit immer dann den größten Zuspruch bzw. Erfolg, wenn junge Musiker entsprechend neuen Schwung in ihn brachten, wenn das Traditionelle sich auf kreative Art mit dem Zeitgeist mischte.
Und eine weitere Besonderheit des LBT ist die Geschlossenheit, die das Trio musikalisch verkörpert. Hier spielt nicht ein Solist mit zwei Begleitern. Betzl, Hirning und Wolfgruber agieren gemeinschaftlich. Klarheit und Struktur scheint dabei, trotz einer gewissen Gelassenheit, ihr oberstes Prinzip. Zugleich nutzen die Instrumentalisten jede Möglichkeit für improvisatorische Freiheiten. Jeder Einzelne ist ein Meister der Spontanität. Das mag sich hier paradox lesen – ist musikalisch jedoch die reinste Freude. Musik, die intelligent ist und mitreißend, solide und großzügig, die unangestrengt klingt und in ihrer ungeschliffenen Art beeindruckt.
Jörg Konrad

LBT (Leo Betzl Trio)
„Way Up In The Blue“
Enja
Autor: Siehe Artikel
Montag 29.04.2019
Michael Hornstein & Oliver Hahn „Ellington Now“
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Als Edward Kennedy „Duke“ Ellington am 24. Mai 1974 in New York starb, trauerte die globale Jazzgemeinde. Mit dem Pianisten, Komponisten und Bandleader verlor die Musikwelt nicht nur jemanden, der zwischen fünfzehn(!) Ehrendoktorhüten wählen konnte und dem fünf Ehrenbürgerschaften angetragen wurden. Ellington hinterließ als vielleicht einflussreichste Persönlichkeit des Jazz ein unvergessliches Stück Musik-Geschichte. Joachim Ernst Berendt schrieb damals über ihn: „Ellington war – und ist – genauso wichtig für die Kunst des 20. Jahrhunderts wie Strawinsky oder Schönberg, wie Picasso oder Kandinsky, wie James Joyce oder Proust oder Kafka, wie Louis Armstrong oder Charlie Parker: wie alle großen Persönlichkeiten, die dieses Jahrhundert geprägt haben und die uns jetzt verlassen haben um Platz – geistigen Platz – für eine neue, zukünftige Ära zu machen“.
In diesem Jahr jährt sich nun zum 45. Mal der Todestag Ellingtons. Zugleich wurde er am 29. April vor 120 Jahren geboren. Grund genug, sich in einer ganzen Reihe von Neuveröffentlichungen von namhaften Musikern unterschiedlichster Jazz-Coleur vor dem großen Meister zu verbeugen.
Saxophonist Michael Hornstein hat entsprechend dieser Tage eine Duo-CD herausgebracht, mit dem passenden Titel „Ellington Now“. Die zwölf Kompositionen, natürlich alle aus der Feder des Duke, sind ein Bekenntnis des Münchners zur Tradition des Jazz. Aber auch wenn Stücke wie „I Got It Bad“, „Day Dream“ oder „Chelsea Bridge“ mittlerweile etliche Jahrzehnte alt sind, klingen die Titel frisch und modern, glänzen durch ihre harmonische Struktur, die zeitlosen Melodien und die scheinbare Leichtigkeit, die die Originale auszeichnen.
Michael Hornstein hat sich als Partner für diese Einspielung den Pianisten Oliver Hahn ins Studio geholt. In dieser Duo-Besetzung bekommen die Kompositionen eine Spur Intimität, einen Hauch Vertrautheit. Beide loten die Vorgaben aus, bringen zusätzlich ihre eigenen Persönlichkeiten und Ideen mit ins Spiel. So verwandeln sie Standards beinahe in originale Kompositionen, lassen neben lyrischer Verbundenheit auch Momente der Hochspannung aufblitzen.
Michael Hornstein balanciert wunderbar elegant auf dem Hochseil des Jazz, welches straff zwischen Tradition und Moderne gespannt ist. Selbst Ohrwürmer wie „Caravan“ oder „In A Sentimental Mood“ gestaltet er erfrischend, gibt den fast totgespielten Melodien eine vitale Introvertiertheit. „Ellington Now“ macht mit Michael Hornstein und Oliver Hahn überdeutlich, warum diese Schlachtrösser des Jazz einfach nicht umzubringen sind. Neben der Schönheit dieser Songs zeigt sich an ihnen auch, wer über die Grundlagen der Standards hinaus eben noch etwas eigenes mitzuteilen hat.
Jörg Konrad

Michael Hornstein & Oliver Hahn
„Ellington Now“
Zu beziehn über: https://www.michaelhornstein.de/cds
Autor: Siehe Artikel
Freitag 26.04.2019
Areni Agbabian „Bloom“
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„Bloom“ enthält 17 Miniaturen. 17 kurze Songs, die der Stille abgetrotzt sind - zart, verletzlich, voller Selbstachtung. Eingespielt von der armenischen Sängerin und Pianistin Areni Agbabian. Sie hat die Gabe und das Können mit ihrer überwältigenden Stimme tief zu berühren und mit ihren Improvisationen am Klavier neue Horizonte zu erschließen. Der physische Aufwand scheint dabei minimal. Lyrische Bilder und sehnsuchtsvolle Gedanken werden bei ihr spontan und wie mühelos zu lichtdurchfluteter, manchmal fast tonloser Musik. Selbst Schmerz verwandelt Areni Agbabian in sanfte aber mahnende Klänge, deren Intimität bewegt. Den Geschichten, denen sie ihre sirenengleiche Stimme gibt, fehlt es weder an Schönheit noch an Intensität. Sie provoziert nicht, sondern verzaubert mit ihrer Musik.
Begleitet wird sie auf „Bloom“ von dem sehr zurückhaltend agierenden Schweizer Perkussionisten Nicolas Stocker. Die wenigen rhythmischen Verstrebungen, die er beisteuert, wirken nachhaltig, verändern oft entscheidend die Farben der Songs, oder verdeutlichen deren Schattierungen.
Beide haben dieses außergewöhnliche Album im Herbst 2016 in Lugano eingespielt. Es enthält Kompositionen von Areni Agbabian, armenische Folklore, zwei kurze Impressionen aus der Feder Manfred Eichers, dem Produzenten und Labeleigner.
Alles, was die in Los Angeles geborene Tochter einer armenischen Geschichtenerzählerin musikalisch verarbeitet, bekommt eine sehr persönliche Note. Areni Agbabian hat sich von Kindesbeinen an intensiv mit Musik beschäftigt. Schon mit 15 gab sie klassische Klavierabende. Auch sang sie schon früh in Chören armenische Kirchenmusik und bulgarische Folklore. Sie lebte einige Jahre in New York, spielte dort experimentelle Musik und arbeitete eng mit Jazzinstrumentalisten wie Butch Morris oder Tony Malaby zusammen. Dann traf sie den Pianisten Tigran Hamasyan, mit dem sie auf Tour ging und mit dem sie zwei bemerkenswerte Alben einspielte. Durch ihn beschäftigte sie sich wieder stärker mit den familiären Wurzeln. Aber „Bloom“ ist keine Rückorientierung, sondern eine ganz persönliche Momentaufnahme. Schlicht, spannend, sentimental.
Jörg Konrad 

Areni Agbabian
„Bloom“
ECM
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 16.04.2019
Hubro - Vielfältige Klangwelten
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Oyvind Torvund bringt auf seinem „The Exotica Album“ musikalische Töne zusammen, die man in dieser Zusammenstellung nur sehr selten hört. Easy Listening Streicher, elektronische Experimente, die an Neue Musik erinnern, Südseemelodien, Vogelgezwitscher, einen Kunstpfeiffer, Big Band Arrangements und vieles mehr. Das klingt einmal wunderbar nach Kitsch, mal groovet die Großbesetzung in begeisternder Manier, dann widmen sich die achtzehn Instrumentalisten für Augenblicke der freien Improvisation. Trotzdem kommt keine Unruhe oder Hast auf. Alles wirkt musikalisch so selbstverständlich und homogen zueinander passend. Mutig, verrückt, spannend, verzaubernd. Eine Abenteuerreise in ferne, exotisch anmutende Klanglandschaften.
Auffällig auch die Verpackung. Auf „The Exotica Album“ befindet sich ein Foto der Südsee-Insel Rapa Iti, einem bewohnten Nachbareiland der Osterinsel. Aufgenommen von Erling Schjerven, einem Fotografen, den der Forscher Thor Heyerdahl 1955/56 auf seiner Expedition auf die Osterinseln mit bei sich hatte. Oben rechts ist ein kleines gelbes Logo mit der Graphik eines fliegenden Uhu aufgedruckt.
Jedes Cover des Label Hubro ziert, als Erkennungsmerkmal, dieser fliegende Uhu. Und das seit mittlerweile mehr als zehn Jahren. Uhu heißt auf norwegisch Hubro - so auch der Name des in Oslo ansässigen Labels. Andreas Meland hat Hubro gegründet, nachdem er zuvor Festivalleiter war, den ECM-Vertrieb für Norwegen leitete und die Gründung und Entwicklung des Label Rune Grammofon noch einmal zehn Jahre zuvor voranbrachte.
„Ich wurde bereits als junger Teenager ein Musikfreak. Spielte Gitarre und Orgel. Weil ich offene Ohren hatte und gleichzeitig faul war, fand ich ziemlich früh zu freier Improvisation“, erzählte er vor einer Zeit in einem Interview. Auf Hubro lebt Meland nun all seine Fähigkeiten und Neigungen kreativ aus. Bei den Produktionen setzt der Manager ganz auf eine außergewöhnliche wie vielfältige Klangwelt. Diese bewegt sich in einem eigenen Koordinatensystem, das von keinem anderen Label weltweit so konsequent geknüpft wird. Ambient, experimentelle Elektronik, Neue Improvisationsmusik, Progressive Rock, Jazz und vor allem norwegische Folklore spielen bei der Musikauswahl eine entscheidende Rolle. „Ich denke oft, ich bin sehr privilegiert, dass ich meine eigene Plattenfirma habe. Manchmal schicken mir Leute Musik, und ich komme nicht umhin, sie immer und immer wieder zu hören, obwohl es noch vieles andere gibt, was ich mir anhören sollte“. So kommen auch Klänge von Musikern in Umlauf, von denen zuvor, zumindest in hiesigen Regionen, noch nie jemand etwas gehört hat.
Zugleich war aber auch Hubro in der Vergangenheit musikalische Startrampe für Künstler, die hier ihre ersten musikalischen Schritte gegangen sind und mittlerweile eine beachtliche Karriere vorgelegt haben: Mats Eilertsen, Erland Dahlen oder Sigbjorn Apeland.
Ein anderes außergewöhnliches Album stammt von Stale Storlokken, einem Keyboard Spezialisten, der bisher unter anderem für Terje Rypdal und Terje Isungset arbeitete. „The Haze Of Sleeplessness“, was soviel wie der Geruch der Schlaflosigkeit heißt, beinhaltet wunderbar vielschichtige elektro-akustische Sounds, die Storlokken mit einem ganzen Arsenal von Tasteninstrumenten in Beziehung setzt. Hier verschmelzen Intelligenz und Emotionalität, Entspanntheit und Anspruch. Das hat alles wenig mit Jazz oder Blues oder Pop zu tun. Man spürt auch auf dieser Produktion sofort, dass sich in dem kleinen Norwegen, mit gut 5 Millionen Einwohnern, in den letzten Jahrzehnten eine völlig eigenständige Musikszene entwickelt hat, die sich um internationale Trends nicht im geringsten schert.
Oder das neue Album des Erland Apneseth Trio mit dem Akkordeonspieler Frode Haltli. Apneseth spielt die traditionelle Hardanger Fiddle, eine in der Volksmusik Norwegens beheimatete Kastenhalslaute. „Salika, Molika“, so wie die meisten Hubro-Alben nicht länger als 40 Minuten, könnte auf einem Volksfest in Mittelnorwegen aufgenommen sein und erweitert dann wieder den Klanghorizont mit seinen Tempobrüchen, harmonischen Störmanövern und elektronischen Verfremdungen hin zu einer Art Traummusik, die zeitweise auch beunruhigend und bedrohlich klingt. Schräg und schön.
Übrigens fliegt der Uhu im vorliegenden Fall nicht nur auf gelbem Grund durchs Bild. Er sitzt, verschlafend wirkend, auf einem Holzgestell und harrt der Dinge. Wem das Motiv gefällt: Sämtliche Produktionen aus dem Hause Hubro gibt es auch als Vinyl.
Jörg Konrad


Øyvind Torvund „The Exotica Album“
Ståle Storløkken „The Haze Of Sleeplessness“
Erlend Apneseth Trio with Frode Haltli „Salika, Molika“
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 03.04.2019
William Basinski „On Time Out Of Time“
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Tape Loops sind zugeschnittene Tonbandschleifen, die ein bestimmtes, zuvor auserwähltes Klangereignis wiedergeben. Auf Wunsch endlos. So entsteht ein akustisches Phänomen, welches als musikalische Grundlage genutzt und weiterverarbeitet werden kann. Schon in den 1950er Jahren wurden in der experimentellen Musik derartige Mittel zur kreativen Klangerzeugung eingesetzt.
William Basinski gehört zu den wichtigsten Avantgarde-Komponisten heute, die mit Tape Loops arbeiten und dabei Stimmungen und Atmosphären von exzentrischen Würde,Wucht und auch Anziehungskraft erschaffen. Es sind Sounds, die aus einer anderen Dimension zu kommen scheinen, überlagerte Tonfolgen, oft hart an der Grenze zur Stille, manchmal sich bedrohlich aufbäumend, zumindest Emotionen auslösend. Nicklas Baschek hat einmal über den US-Amerikaner Basinsky geschrieben, dass er mit seinem Werk eine klangliche Metapher für Tod, Zerfall und Trauer schafft.
Auch auf Basinskis neuem Album „On Time Out Of Time“ sind diese Assoziationen spürbar. Flächige, langsam durch den Raum mäandernde Tontrauben, die von tieftönenden, hybriden Bässen unterlegt sind. So entsteht eine sinistre Atmosphäre, unaufhaltsam, bedrohlich und geheimnisvoll. Wie nicht von dieser, unserer Welt.
Die Grundlage für die vorliegenden packenden, dunklen Sounds sind Quellenaufnahmen, die exklusiv aus dem Gravitationswellen-Observatorium LIGO stammen und auf denen die vor 1,3 Milliarden Jahren entstandenen Geräusche der Verschmelzung zweier weitläufiger massiver Schwarzer Löcher eingefangen sind. Basinski hat dieses kosmische Ereignis zu klaustrophobischen Klangwolken aufbereitet (siehe Kosmos-Artikel: 67. Vom Verschmelzen Schwarzer Löcher).
Schon seit vielen Jahren arbeitet der Ton(ver-)dichter mit Filtern, Echogeräten und Hall an einer Synthese, die angelegt ist zwischen Ambient und Noise. Ohne Brian Enos bahnbrechenden Versuche Mitte der 1970er Jahre und später (die auf Alben wie „Discreet Music“, „Ambient 1: Music for Airports“ oder „Apollo: Atmospheres and Soundtracks“ kongenial dokumentiert sind), wäre Basinski diese überzeugende Arbeit wohl nie gelungen. Er hat das, was als eine anspruchsvolle Form der Hintergrundmusik gedacht war, weitergeführt zu einer eigenständigen Kunstform – die zudem mit anderen Kunstformen auf wunderbare Weise kommuniziert.
Man könnte diese tönenden Collagen auch als eine aus Klängen bestehende Graphik begreifen, in der die Sounds mit Farben korrespondieren, in der Musik als innere Landschaft ihren Ausdruck findet. Basinski vermittelt zwischen seelischen Zeiträumen und dem akustisch Rätselhaften des Universums. Grenzen werden bei ihm durchlässig, Gegensätzliches löst sich bei ihm auf. Was bleibt ist Faszination.
alfred e.


William Basinski
„On Time Out Of Time“
Temporary Residence Limited

Autor: Siehe Artikel
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